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Leseprobe aus Arthur Janovs neuem Buch "Beyond Belief"

(von mir übersetzt)

 

Dr. Arthur Janov:   Beyond Belief: Cults, Healers, Mystics and Gurus - Why We Believe

LLC Reputation Books, ISBN-10: 0986203173, 03. Mai 2016

                                                                                                          

 

Kapitel 11

WIEDERGEBOREN WERDEN

 

Wie kommt es, dass Menschen wieder geboren werden, wenn das Leben sich von seiner schlimmsten Seite zeigt? „Ich hatte meine Frau verloren. Mein Job ging den Bach hinunter und mein bester Freund sagte, dass er mich wirklich nicht mochte. Ich war gerade dabei, die Kneipe zu verlassen, als es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel. Ich war von Gott ergriffen, der mir sagte, ich könne wiedergeboren werden.“ Gott erscheint, oder zumindest der Gedanke an Gott, wenn der Schmerz einfach zu viel wird. Wir können uns jetzt imaginativ ausmalen, dass wir das bekommen haben, was wir niemals gehabt hatten, einen Beschützer, ein fürsorgliches Geschöpf, das über uns wachen wird....., wenn wir glauben. Wir machen es umgekehrt: Wir glauben, dass er das alles tun wird, weil wir glauben. Wenn wir nicht glauben, verlieren wir die Hoffnung und geraten in Schmerz. „Gott“ sagt, dass wir glauben müssen, und wir glauben. Das heißt, unsere Gehirne stellen den Gedanken an Glauben und seine Beständigkeit her, um die Qual frühen Kindheitsschmerzes fern zu halten. Wir erfinden die Idee einer gottgegebenen Glaubensnotwendigkeit, und dann glauben wir; weil wir denken, dass Gott uns dazu angewiesen hat. Und wir glauben, dass Gott uns das gesagt hat, weil wir ihn geschaffen haben, damit er uns das sagt. Wie in einem Traum, wenn wir den Dialog kreieren und dann staunen, dass der oder die So-und-So so und so gesagt hat. Involviert ist ein und dieselbe Gehirnstruktur. „Gott sagt, wir müssen glauben, um unser Seelenheil zu finden.“ Nein. Wir fabrizieren Gott und geben Ihm das Manuskript, und dann glauben wir, das Manuskript käme von ihm. Dann gehorchen wir „Ihm“, wenngleich wir in Wirklichkeit unseren Gefühlen gehorchen. Deshalb können wir für die Gottheit töten. Wir sind nur gehorsame Diener. Wir glauben, um uns besser zu fühlen. So sagt er: „Wenn du wirklich glaubst, dann rette ich dich.“ „Ich glaube, und ich bin gerettet worden.“ Wovor? Vor einem harten Leben und vor schlechten Gefühlen. Wir klammern uns leidenschaftlich an die Gottesidee, um uns nicht mit schrecklichen Gefühlen von Verlust, Verlassenheit oder fehlender Liebe in unserer frühen Kindheit befassen zu müssen. Wir gehorchen der Idee  eines „Gottes,“ der die Erfüllung unserer unbewussten Bedürfnisse und Gefühle repräsentiert, vor allem, wenn es sonst niemand gibt. Wir brauchen es, auch wenn wir jemand erfinden müssen.

  In unserer Klinik haben wir die wirkliche Wiedergeburt gesehen und gemessen. Sie hat mit dem Wiedererleben des Geburtstraumas zu tun: mit dem Sauerstoffmangel bei der Geburt, mit der Unfähigkeit herauszukommen oder mit der massiven Anästhesie, die der Mutter verabreicht wird und die das System des Neugeborenen effektiv verschließt/lahmlegt. Der Schmerz all dessen ist fürchterlich. Jahrzehnte später kann er zu der Idee der Wiedergeburt beitragen; diesmal ohne den Schmerz. Somit ist „wiedergeboren“ ein weiteres Symbol der wirklichen Sache. Es hat einen dualen  Zweck: zum einen ein „schuldenfreier“ Neustart in ein Leben ohne die schlimmen Dinge, die wir getan haben und die uns angetan worden sind; zum anderen geht es darum, das Geburtstrauma aus unserem System zu entlassen, dasselbe Geburtstrauma, das hinter einem Großteil des Alkoholismus und der Drogenabhängigkeit steckt. Es steckt auch hinter der gewaltigen Kraft einer Glaubensüberzeugung, es fixiert sie und macht sie zählebig. Wir haben die Stresshormonspiegel vor dem Wiedererleben und danach gemessen. Wenn es zu einem wirklichen Wiedererleben des Geburtstraumas kommt, sinken die Werte des Stresshormons Kortisol signifikant. Es ändern sich auch die Vitalfunktionen und die Signaturen der Gehirnwellen. Es ist ein reales Ereignis.

  Es gibt eine neue Therapieform, die auf der ganzen Welt an Boden gewinnt und beinhaltet, dass jemand einen Zauberstab vor den Augen des Patienten hin und her bewegt. Ob Sie es glauben oder nicht, EMDR (Eye Movement Desensitization Response) behauptet, emotionalen Schmerz und Angst reduzieren zu können – vor allem wenn vorher dem Patienten der Gedanke fest eingepflanzt wird, dass es funktionieren wird -, indem ein Stab von links nach rechts über das Gesicht der armen Seele bewegt wird, während sie ein bestimmtes emotionales Ereignis vorträgt. EMDR hat eine ausgeklügelte Begründung für diese Behandlung, lässt aber die eine Sache aus, die heilt – die Beschäftigung mit der persönlichen Geschichte, indem man zu seinem Lebensanfang zurückkehrt. Wir sind, ich wiederhole das, historische Geschöpfe mit einer in unsere Neurophysiologie eingeprägte Vergangenheit. Wir kommen nicht voran, wenn wir das ignorieren. Diese Therapie ist das Äquivalent einiger Psychotherapie-Methoden, bei denen wir jemand haben, der zuhört (wenn unsere Eltern das nie getan haben), der sich sorgt, der beschützt und berät; das alles involviert Hoffnung und gibt uns deshalb ein besseres Gefühl. EMDR lässt sich auch mit Voodoo vergleichen – magische Gesänge und Gesten, die eine gewisse magisch-symbolische Qualität haben. Und wir wissen, dass ein „symbolischer Wert“ die Freisetzung schmerztötender Neurotransmitter in Gehirn und Körper veranlasst, die uns denken lässt, dass wir uns besser fühlen. Und wegen der Chemikalien scheint es uns tatsächlich besser zu gehen. Wir werden abhängig. Wir stellen uns vor, es sei alles wegen dieser Einsichten, die wir bekommen haben, oder wegen des Zauberstabs, wenngleich es nur in Zusammenhang steht mit der Hoffnung und Hilfe, die wir von einem freundlichen, besonnenen, warmherzigen Therapeuten bekommen. Und je mehr wir denken, unser Therapeut sei ein „Gott“, umso mehr Hoffnung gibt es in der Therapie und umso besser fühlen wir uns. Und je besser wir uns fühlen, umso mehr glauben wir an die Therapie. Deshalb können wir jahrelang zu einem Therapeuten gehen und noch immer an der Hoffnung festhalten, dass es funktioniert. Also verwechseln wir nicht Hoffnung und wirkliche Hilfe. Das ist ein schwieriger Auftrag, weil unser Gehirn den Unterschied nicht feststellen kann – wie sollen „wir“ das können? Wir stellen uns Hilfe vor, und es werden dieselben beruhigenden Chemikalien abgesondert, als würden wir die wirkliche Sache bekommen.

  Wir  behandeln Depression seit vielen Jahrzehnten. Der Tiefpunkt dieser Krankheit ist tiefe Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Natürlich wird jeder hoffnungsvolle Gedanke die Depression ein wenig anheben – zumindest zeitweise. Wenn wir in bestimmten Therapien wegen einer Dosis Hoffnung immer wieder kommen, werden wir schließlich süchtig. Aber es gibt keine Heilung.  Die Saat der Heilung liegt im Problem – eine umgekehrte Umsetzung: vom Symptom oder vom Glauben zurück zum Gefühl. Indem wir die tiefe Hoffnungslosigkeit in ihrem ganz frühem Zusammenhang fühlen, können wir auf die darauf beruhenden Glaubenssysteme verzichten. Wir messen systematisch die Vitalfunktionen jedes Patienten vor und nach einer Sitzung. Die Depressiven kommen in der Regel mit sehr niedrigem Blutdruck, niedriger Herzfrequenz und Körpertemperatur herein; das geht einher mit entsprechenden Gedanken – „Was hat das für einen Sinn? Das ist der Mühe nicht wert. Ich will’s nicht mehr versuchen.“ Alle niedrigen Messwerte normalisieren sich nach der Sitzung. Und die Gedanken ändern sich und klingen weniger depressiv. Das geschieht nicht, wenn man ohne Zusammenhang einfach weint oder schreit. Je tiefer ein Mensch die frühe Hoffnungslosigkeit fühlt, umso wahrscheinlicher kommt es zur Normalisierung. Und damit verbunden kommen auch neue Gedanken auf. „Ich bin voller Hoffnung. Vielleicht kann ich es versuchen. Ich mach’ noch einen Versuch.“ Somit ist alles aus einem Guss: die Gefühle, die physischen Messwerte und die Gedanken. Es ist also nicht einfach ein „Glaube“ an Gott, der Veränderungen bewirkt. Es ist so, dass dieser Glaube die Sekretion schmerztötender Substanzen verursacht, die uns das Gefühl geben, dass es uns besser geht, dass wir sicher und versorgt sind. Das wird alles nicht artikuliert. Wir fühlen uns einfach besser.

 

DER SPALT IM BEWUSSTSEIN

Bewusstsein spaltet sich als Reaktion auf erschütternden elektrischen Input, der von der Einprägung kommt. Ein Teil – die rechte Hemisphäre – befasst sich mit unserem Innenleben, während der andere Teil – die linke Seite – intellektuell bewusst, klug, analytisch und logisch ist. Die beiden werden nie zusammenfinden. Der analytische Aspekt kann sich allem widmen außer sich selbst.

 

PSYCHOSE:            DER ZUSAMMENBRUCH DER SCHLEUSEN

Einige Leute haben psychotischen Zugang zu ihren Einprägungen. In der Tat kann man Psychose definieren als zu viel Zugang zu eingeprägtem Schmerz. Das Schleusensystem bricht zusammen, sodass die Gedankenebene der Person von der Vergangenheit überflutet wird. Psychose ist die Art, wie wir damit umgehen. Sie tritt ein, wenn ein völlig verwirrender Schmerzmix aus der persönlichen Geschichte heranbrandet. Aus dieser Geschichte filtert der Mensch deren Essenz heraus in Form von Gefühlen, und dann entstehen aus diesen Gefühlen bestimmte Glaubensvorstellungen – was die Nachbarn machen: „Sie werden mich töten.“ Das Ursprungsgefühl ist vielleicht: „ Sie hassen mich, und ich wünschte ich wäre tot.“ Das ist derselbe Prozess wie in einem Traum, wo ein Leben voller Gefühle seine evolutionäre Reise zur obersten vorderen Ebene beginnt, nur in verdichteter Form. Wenn man Zugang zu diesen Gefühlen hat, dann öffnen sie ein großes Fenster der Vergangenheitserlebnisse. Einsichten informieren uns, inwieweit alle diese verschiedenen Verhaltensmuster und Gedanken von ein paar wenigen Gefühlen gesteuert wurden. Wir können entweder Jahre damit verbringen, den verschiedenen Umwegen und Formen des Ausagierens nachzuspüren oder direkt zum Wesentlichen gehen – Gefühle und Bedürfnisse.

  Deprivation, fehlende Wärme, Grausamkeit, Verlassenheit, Verlust, Misshandlung, Missbrauch, Verletzung und so fort können die Schleusen im Gehirn überwältigen und den Neokortex überfluten; korrekter ausgedrückt den sich entwickelnden Neokortex überfluten und schädigen, sodass das ganze Schleusensystem für immer beeinträchtigt wird. Sehr oft wird das Leben des Psychotikers mit massiven eingeprägten Geburts- und Vorgeburtstraumen angefangen haben. Meine Überzeugung ist, dass diese Art von Anfang auch auf die Mehrheit derer zutrifft, die „wahre Gläubige“ sind, ungeachtet dessen, woran sie glauben. Psychotiker oder wahrer Gläubiger – das Individuum ist immer in der Position, dass er/sie von der Vergangenheit gesteuert wird. Die irrealen Vorstellungen des Psychotikers versorgen ihn mit Erklärungen und sorgen auch dafür, dass er sich trotz eines Übermaßes an frühem Schmerz relativ wohl fühlt. Ich möchte hier klarstellen, dass ich meine Bemerkungen auf die psychologische Sphäre begrenze. Es gibt viele Elemente, soziologische, kulturelle, ethnische, etc., die eine Rolle bei Glaubensvorstellungen spielen. Ich erörtere nur die psychischen Prozesse, durch die sich Glaubensvorstellungen entwickeln.

  Der Schmerz des Psychotikers ist nicht so sicher verstaut wie die geringeren Schmerzen des Neurotikers. Ein Kind, das jeden Tag mit einem versoffenen grausamen Vater verbringt (oder jeden Tag mit einem abwesenden Vater verbringt), jede Minute mit einer depressiven Mutter, erlebt wiederholte Attacken auf das Abwehrsystem. Später im Erwachsenenleben wird jeder Tag entweder eine dringliche, verzweifelte Suche nach einer anderen Glaubensüberzeugung beinhalten oder das ebenso dringliche Verlangen, den aktuellen Glauben zu stärken. Psychose tritt auf, wenn Kindheits-Einprägungen zur Gegenwartsrealität werden; wenn die Geschichte zur Gegenwart wird.

  Wenn ich nur moderaten, neurotischen Zugang zu meinem archaischen Schmerz habe und LSD, ein Halluzinogen, nehme, dann bin ich wahrscheinlich auf dem Weg zu vollem psychotischen Zugang zu frühem Schmerz. Richtiger gesagt hat der Schmerz dann leichten Zugang zu höheren Gehirnebenen, und das Ergebnis ist Psychose. Wir nennen es Psychose, wenn der Schmerz das Gedankengehirn erreicht, das dann sonderbare Ideen produziert. LSD mindert die kortikalen Hemmungsfunktionen (die Schleusenfunktion), während es auf tieferen Ebenen gespeicherten Schmerz freisetzt, oft den Schmerz, der bis zur Geburt zurückreicht. Unter dem Einfluss von LSD wandelt sich mein normal neurotisches Zugangsniveau zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Wüssten wir nicht, dass ich eine Droge genommen hatte, könnten wir nicht sagen, was der Unterschied ist zwischen mir und einem vollentwickelten Psychotiker. Ich wäre ein Kandidat für eine Zwangseinweisung.

  Stellen Sie sich Bewusstsein vor als kleine Öffnung, die jeweils nur Stückchen unserer Geschichte zulässt. Wir können sehen, wie eine Droge, die diese Öffnung erweitert, eine Überlastung erzeugen und den Kortex veranlassen kann, sich zu verzerren, um sich auf die Flut einzustellen. Die verborgene und angehäufte Geschichte bricht durch in Form undeutlicher Gefühle und verschwommener Bilder. Da der logische Verstand versucht, ihnen einen Sinn zu geben, greift er nach den Vorstellungen, die er gerade zur Hand hat, egal, wie sonderbar sie sein mögen. Es sind die präverbalen, nonverbalen Einprägungen, die den meisten Kummer machen; denn sie haben keine Begriffe, keine Bilder an sich, an denen man sich orientieren könnte. So fabrizieren wir für sie einen „Sinn“, der oft keinen Sinn macht: „Sie senden Botschaften über den Fernseher, um meine Ermordung zu befehlen.“ In einem anderen Buch habe ich ein Mädchen erwähnt, das sich sicher war, in diesen TV-Botschaften gehe es darum, ihre Brüste abzuschneiden und sie zu entstellen, damit sie so hässlich wäre, dass niemand sie mehr wollte. Das reale Gefühl: „Ich muss hässlich sein, weil ich so ungewollt bin.“

  Wir müssen Gedanken aufbieten im Dienste der Verdrängung, weil wir unsere Geschichte nicht auslöschen können. Wir können vorgeben, dass sie nie existierte, aber das bedeutet nicht, dass sie verschwindet. Unsere Vergangenheits-Wirklichkeit wird im System festgehalten, auch wenn wir es vorziehen, andere Wirklichkeiten zu adoptieren.

  Eine Versuchsperson unter LSD erklärt: „Ich bin jetzt in Kontakt mit kosmischen Kräften.......ich habe Gott gesehen........ich operiere jetzt auf einer höheren Bewusstseinsebene.“ Stimmt das? Vielleicht stimmt es für ihn, aber es stimmt nicht wirklich. Um zu sehen, wie seicht diese Glaubenssysteme sind, können wir der Person Tranquilizer geben; oft schwinden dann die sogenannten Realitäten dahin, wie z.B.  kosmisches Bewusstsein und Gottesvisionen.

Die drogeninduzierten, selbstbetrügerischen Zustände der heutigen Zeit rennen inkongruent an gegen die Flut der Primärrealität, die unter derOberfläche residiert. Mit anderen Worten können wir alle eine falsche Realität konstruieren. Die notwendigen Bedingungen dafür sind gegeben, wenn wahre innere Realitäten nicht mehr akzeptabel, konfrontierbar oder integrierbar sind. Man könnte dann sagen, dass man gezwungen ist, eine falsche Realität zu konstruieren. Ein von uns behandelter Mann, der sich für die Therapie beworben hatte, hatte undichte Schleusen – litt ständig unter Schmerz und Angst. Er fühlte sich verloren. Er nahm LSD und erfand sich neu als verlorener Stammeshäuptling in den 1800er Jahren, der sein Volk wiederfinden musste. LSD verursachte, dass zu viele schmerzvolle Gefühle auf einmal sein Bewusstsein erreichten, und trieb ihn über die angemessene Verknüpfung hinaus in eine symbolische Verknüpfung. Die neu entstandenen Gefühle hatten damit zu tun, dass ihn seine Mutter früh in der Kindheit an eine Pflegefamilie abgegeben hatte. In seiner ganzen Jugend hatte er sich verloren und ungewollt gefühlt. Er musste seine Familie finden. Das LSD wandelte eine solide Neurose in eine Psychose um. Es brachte das Abwehrsystem zum Einsturz; neue Ideen wurden herangekarrt, um die Lücke auszufüllen.

  Wenn ich unverminderten Zugang zu meinem frühen eingeprägten Schmerz habe, werde ich meine Geschichte leben und kaum fähig sein, meine Gegenwart von meiner Vergangenheit zu unterscheiden. Die Wahnvorstellungen, die ich mir einfallen lasse, sind mein Versuch, eine gewisse Harmonie wiederzuerlangen angesichts des Schmerzes, der durch die Schleusentore des Bewusstseins flutet. Meine Schleusen sind so undicht, dass ich eine bizarre Vorstellung nach der anderen zwangsrekrutiere. „Ich spiele mit dem Gedanken, einen Ort aufzusuchen, wo ich im antiken Griechenland gelebt habe.“ „Weil mein Nachbar durch den Fernseher Befehle bekommt, mich zu erschießen, muss ich von hier weggehen.“ „Diese Burschen drüben vor dem Lebensmittelladen lachen hinter meinem Rücken über mich.“ (Die Psychotikerin symbolisiert vielleicht, wie ihre Eltern vor langer Zeit versuchten, sie zu verletzen, und dies tatsächlich taten.) „Seit ich diese Feier auf der anderen Seite der Schnellstraße vor ungefähr zehn Jahren verlassen habe, folgen mir diese Hermaphroditen-Aliens überall hin. Deshalb dreh’ ich mich ständig um, wenn ich die Straße entlang gehe. Du musst deinen Rücken bedeckt halten, weil sie überall sind.“  Ein Mensch, bei dem der Schmerz langsam aussickert, hat wahrscheinlich mehr Zeit, sich bereits vorgefertigte Glaubensvorstellungen auszusuchen, in die er das Schmerz-Rinnsal einleiten kann. Bei Psychose ist die Sache dringlicher.

  An früherer Stelle habe ich das Nervenfaser-Netzwerk kurz angesprochen, welches das limbische System und den zerebralen Kortex miteinander verbindet und somit emotionale Erinnerung mit den höheren Ebenen verknüpft, wo Gedanken hergestellt werden. Nervenfasern projizieren auch vom retikulären Aktivierungssystem – der Alarmzentrale des Gehirns -  aufwärts und verbinden somit die Strukturen, die das Denken für die Ideenbildung aktivieren. Wenn tiefer Schmerz in den Hirnstamm eingeprägt ist, greift das retikuläre Aktivierungssystem ein und regt den Kortex zu einer Abwehrhaltung an. Leider verursacht es in uns auch zwanghaftes Grübeln, wenn wir einschlafen wollen. Die tiefe nonverbale Einprägung produziert Gedanken, die Art Gedanken, die uns nicht loslassen: „Was ist, wenn dies oder das passiert? Habe ich das richtig gemacht oder nicht? Habe ich das Richtige gesagt?“ – „Bin ich schlecht?“ ist die wirkliche Frage.

  Agitation tief unten im Gehirn, die aus eingeprägten präverbalen Traumen entsteht (z.B. wenn man gleich nach der Geburt tagelang von der Mutter entfernt wird), alarmiert das retikuläre System, das dann Informationen an den Thalamus übermittelt, der sie dann an den Neokortex weiterschaltet. Was geschieht, ist ein Ausfluss oder eine Kanalisierung der von unten kommenden Energie. Der Thalamus ist eine Art Schalttafel, die entscheidet, welche Information an den Kortex weitergegeben wird und welche nach unten in den Speicher zurückgeschickt wird. Wenn der Thalamus überlastet ist, kann er den Fluss nicht aufhalten; dann kommt es zur Überflutung, und zur Blüte zwanghafter Gedanken.

  Ein überstimulierter frontaler Neokortex kann zu allen möglichen bizarren Ideen führen. Ich denke, dass „Channeling“ ein netter Ausdruck ist für metaphysische Ideen, weil das wirklich im Gehirn geschieht: die Energie der Einprägung wird in symbolische Ideenbildung kanalisiert. Der Gedanke, dass man in früheren Leben gelebt hat, scheint noch so ein atavistischer Sprung zu sein von vergangenen Augenblicken zur gegenwärtigen Inkarnation. Weil man nicht fähig ist, sein Leben in der Vergangenheit – besonders die eigene Geburt – wiederzuerleben,  springt man darüber hinweg und landet ein paar Jahrhunderte früher. Bei den Tausenden Patienten, die sich bei mir einer richtigen Primärtherapie unterzogen haben, habe ich kein einziges Mal ein „Vorleben“ gesehen.

  Bei Leuten, die Pseudo-Primärtherpie bei Scharlatanen gemacht haben, habe ich eine Menge davon gesehen. Diese Individuen (oftmals Opfer vorzeitiger Geburtsprimals in als „Regressionstherapie“ bekannten Therapien) schwappen vom wirklichen Erlebnis über in etwas Irreales; in eine Gedankenformation, die sie gegen das wirkliche „Vorleben“ im Geburtskanal oder unmittelbar nach der Geburt verteidigt. Das ist dann wie ein Querschläger, der vom Geburtstrauma abprallt und in etwas Erfreulicheres und Irreales einschlägt. Ist das von Bedeutung? Ja, weil Realität, die es nie ins volle Bewusstsein schafft, uns schließlich vorzeitig umbringen wird. Oder zumindest zu früher Krankheit führt. Es ist ein ständiger Druck, vergessen Sie das nicht. Unter anderem regt es das Herz auf. Und unsere Patienten, die mit Primärtherapie angefangen haben, hatten sehr hohe Spiegel des Stresshormons Kortisol. Die Wirklichkeit lässt sich nie auslöschen und vergessen.

  Um es zu wiederholen: Körperliche Morphinproduktion findet man prinzipiell in Arealen, die sich mit Emotion befassen. Der Mittellinien-Thalamus – die Schaltstation – ist mit Opiatrezeptoren geladen, die das Serotonin/die Endorphine binden, die wir herstellen. Wir sekretieren sie in Übereinstimmung mit der Schmerzmenge, in der wir stecken. Schmerz kann in dieser Schaltstation blockiert werden, sodass die wirkliche Botschaft im vollen Bewusstsein nicht ankommt. Wir haben ein biologisches System, um Bewusstsein zu verringern. Volles Bewusstsein zu verringern kann das Leben retten oder wenigstens den Verstand; es kann die Desintegration des denkenden nach außen orientierten Frontalhirns verhindern. Man würde glauben, dass verstärktes Bewusstsein lebensrettend wäre, aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall; wir müssen unseren Verstand intakt halten, sodass wir in der Welt navigieren können. Zuviel eingeprägter Schmerz verhindert das.

 

Douglas

 

Religion hat uns über die Jahrhunderte gelehrt, dass Schmerz und Leid geheimnisvolle Gaben sind, die uns ein liebevoller Schöpfer geschenkt hat, um uns zu stärken, zu reinigen und uns der ewigen Glückseligkeit im Himmel würdig zu machen.

  Ich wurde römisch-katholisch erzogen und lebte nach der Bibel, bis ich achtundzwanzig Jahre alt war. Ich machte all die verlangten Sachen, die ein guter Katholik machen soll, ging aber außerdem einen Schritt weiter und versuchte, mein Leben „in Nachahmung Christi“ zu führen. Ich erkannte, dass der einzige Grund, dass ich gemäß einer solchen Lehre lebte, die Angst war. Sie haben einen sehr guten Job gemacht, als sie mich dazu brachten, dass ich an die Existenz der Hölle glaubte. Mein Austritt aus der Kirche wurde durch eine intellektuelle Krise ausgelöst. Sehr tiefgreifende und (zumindest für meine katholische Mentalität) verstörende Fragen waren nie zu meiner Zufriedenheit beantwortet worden. Sie lauteten:

 

  1. Wie konnten Maria und Josef als Idealfamilie betrachtet werden, wenn sie ihre Ehe nie vollzogen haben und deshalb gemäß der eigentlichen Lehre des katholischen Glaubens nicht verheiratet waren?

  2. Wie konnte ein unendlich liebender Gott seinen einzigen Sohn bitten so viel Leid zu ertragen für etwas, das er nicht getan hat?

  3. Wie kann eine Jungfrau ein Kind bekommen?

  4. Wenn Christus sagte „Die Wahrheit wird dich frei machen,“ warum habe ich mich nicht frei gefühlt?

Als ich aus der Kirche austrat, bekam ich sehr viel Angst. Mein Gefühl der „Zugehörigkeit“ war nicht mehr da, und somit fing ich an, andere religiöse Konzepte zu erkunden. Während die Widersprüche anderer Natur waren, tauchte ständig dieselbe nagende Frage auf. „Warum fühle ich mich nicht frei?“

  Meine Suche nach dieser Antwort brachte mich zum Primal Center, und genau hier sollte ich lernen, warum ich mich nicht frei fühlte. Hier wissen wir vielleicht nicht, wie der Himmel aussieht, aber wir wissen definitiv, dass unsere eigene persönliche Hölle, unser Schmerz, uns nicht von einem liebevollen Gott gegeben wurde sondern vielmehr von grausamen, gefühllosen Eltern.

  Eines Nachts in der Guppe fing ich an, ernsten Schmerz auf der linken Seite meines Gesichts und Körpers zu fühlen. Ich fing an zur Wand zu krabblen, wie ein Kleinkind es tun würde. Während ich mir meinen Weg zur Abpolsterung erarbeitete, schaffte ich es, mich auf die Füße zu stellen. Gleich nachdem ich aufgestanden war, hatte ich das Gefühl, nach links hinübergezogen zu werden. Der Schmerz steigerte sich zu einem unglaublichen Maß, und genau zu diesem Zeitpunkt wusste ich,was mit mir geschehen war. Sie hatten mich festgebunden.

  Ich hatte nie gewusst, warum mir mein ganzes Leben lang alles so viel Angst machte, aber als ich dieses Primal fühlte, wusste ich es jetzt. Das war mein erster Versuch gewesen zu bekommen, was ich wollte, zu meiner Mutter zu gelangen, und deswegen hatten sie mich festgebunden. Es war für mich leicht gewesen, an die Hölle zu glauben, weil alle Beschreibungen der Hölle, die ich in der Kirche hörte, perfekt den Schrecken beschrieben, den ich in jenem Krankenhaus spürte, in dem sie mich festgebunden hatten. Es gab für mich keine Befreiung, weil meine Angst in mein gesamtes Wesen eingewoben war.

  Ich konnte nicht ich selbst sein, weil ich gelernt hatte, dass ich selbst zu sein und bekommen zu versuchen, was ich wollte, fürchterlichen Schmerz brachte. Die katholische Religion, die man mich lehrte, verstärkte dieses Gefühl in mir, indem sie mich lehrte, dass jeder in die Hölle komme, der/die es wagte, dieses Höchste Wesen, das uns geschaffen hatte, gegen sich aufzubringen. Und sie hatten die ganzen Regeln, die jeder befolgen musste, um seiner „gerechten“ Strafe zu entkommen.

  Das Versprechen der Schmerzfreiheit lag immer in der Zukunft. Das war der Kern ihres Glaubens: „Mach’ heute, was man dir sagt, und du wirst morgen frei sein (wenn du stirbst).“

Es ist das „ Jetzt“, das wichtig ist, wenn man Freiheit thematisiert, denn wenn der Mensch heute nicht frei ist, dann ist er nicht frei. Punkt. Religion ist neurotisch, weil sie versuchen, reale Bedürfnisse mit irrealen Lösungen zu beantworten: Dogma, Mythos, Ritual. Meine Religion war auch militaristisch, weil ich keine Gedanken tolerierte, die ihrer Doktrin widersprachen. Deshalb bekam ich immer mehr Angst, für mich selbst zu denken, und übergab meine Gefühle und Vorstellungen vom Leben an die kollektive Gesinnung des Glaubens, dem ich angehörte.

Als Primärpatient glaube ich, das Verdrängung genau so lange existieren wird, bis man sich auf einer realen Ebene mit dem Schmerz befasst. Solange der Mensch sich weigert, das zu fühlen, was sich wirklich in ihm abspielt, und weiterhin seinen Kopf in Fantasie vergräbt, wird er seine wirklichen Bedürfnisse niemals fühlen; er wird ein Sklave seine ungefühlten Schmerzes bleiben. Im Bemühen, dem Schmerz zu entfliehen, wird er anderen Schmerz zufügen, indem er sie zu Sklaven seines Willens macht.

  Menschen, die wirklich frei sind, wollen keine Sklaven haben, weil sie fühlen können, was sie sind, und deshalb vollständig sind.

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Obige Erörterung vergegenwärtigt eine Frage, die ich oft meinen Studenten stelle. Wie kommt es, dass die tiefgläubig Religiösen politisch öfters dem rechten Flügel angehören als nicht? Was hat religiöser Glaube an sich, das jemanden eine anti-humane Grundhaltung einnehmen lässt? Zuerst mein eigenes (Vor)urteil: Ich denke, dass die Tiefgläubigen reale Bedürfnisse und Gefühle in ein Glaubenssystem umgesetzt und projiziert haben, sei es ein politisches oder ein religiöses. Es besteht das Bedürfnis, die von einer Autorität  aufgestellten Regeln zu befolgen, seien es die eines Führers oder die eines Buches wie der Bibel. Es gibt dann keine Notwendigkeit mehr, für sich selbst zu denken. Wenn man nicht von Gefühlen geleitet wird, dann ist man anfällig für alle möglichen ideellen Systeme, die es gibt. Und wenn man in einer Religion ersucht wird, persönlichen Bedürfnissen abzuschwören und sein Leben einer Abstraktion zu übergeben, so wird das gemacht. Von da ist es kein großer Sprung zu einem politischen System, das auch persönlichen Bedürfnissen abschwört. Sobald man exklusiv in der Welt von Glaubensüberzeugungen lebt, gibt es keinen anderen Bezugsrahmen mehr als den der Autorität. Das Leben besteht nur noch aus Ritual, Katechismus und Gehorsamkeit. Genau so funktioniert das Militär – blinder Gehorsam zielt darauf ab, Soldaten ans Marschieren zu gewöhnen und an das Befolgen von Befehlen, sodass der Gehorsam eingestanzt wird. Es gibt keine Fragen, keine unabhängigen Gedanken, nur den Wunsch, „gut“ zu sein. Wenn das einmal in sie eingestanzt worden ist, ist es ziemlich leicht, jemanden dazu zu bringen, dass er Tausende von Meilen fliegt/fährt/geht, um einen Bauern zu töten, der etwas anderes glaubt. Das haben wahre Gläubige, das Militär und Religiöse gemeinsam: Regeln und Gesetze und bedingungslose Loyalität.

  Der Prozess, in dem Neuronen für die Verdrängung rekrutiert werden, ist mühelos, lautlos und unbewusst. Die Psyche der Gedanken und Glaubenvorstellungen weiß nicht, dass sie benutzt wird. Sie kennt auch nicht den Grund, warum sie benutzt wird. Sie tut einfach das, was sie tun muss. Sie symbolisiert äußere Irrealität für innere Realität, stellt genaue Kopien der frühen traumatischen Umgebung her und filtert dann mit ihnen jedes neue Ereignis. Sie formt ihre eigene Realität aus einer Mischung früher traumatischer Einprägungen und reagiert dann auf Gegenwartsereignisse im Lichte dieser frühen (und veralteten) Realität. Sie konstruiert Geschichten, auch wenn wir schlafen, Geschichten, die wir als Träume und Albträume kennen. In diesen Träumen gibt es Bilder und Ideen –wenngleich primitiver Art-, die auch Einprägungen widerspiegeln. Die Umsetzung von Gefühlen zu Gedanken findet in völliger Stille statt. Es gibt keine Warnzeichen, keinen Beweis für die Metamorphose. Nur lautlose Umwandlung einer Bewusstseinsebene in eine andere. So ist es verständlich, dass wir dazu neigen, die Neugestalt zu behandeln anstatt ihre frühere Inkarnation.

  Beim unbewussten Individuum  wickeln Träume vergrabene Erinnerungen, Bedürfnisse und Gefühle mit Symbolen, Bildern und verzwirbelten Handlungen ein. Wir wälzen uns hin und her in der Nacht unter dem Angriff von Geschichten, die uns erschrecken und uns mit Angst erfüllen; Geschichten, die automatisch vom Gehirn konstuiert werden. Der Magen dreht sich, das Herz pocht. Da der logisch denkende Kortex schläft, gibt es außer Traumgeschichten nichts, das den Aufstieg der präverbalen Erinnerungen bewältigen könnte. Diese Geschichten sind voller Bilder, welche die kortikale Ebene eine Etage tiefer hergestellt hat. Je bizarrer und angsteinflößender der Traum ist, umso symptomatischer ist er für ungefühlte Gefühle und für Empfindungen, die in eine Zeit vor der vollen Entwicklung der Gefühls-/Bilder-Ebene zurückdatieren. Angst hat mit den Eingeweiden zu tun, ein aufgewühlter Magen, Schmetterlinge, Atemprobleme, Würgen, Strangulieren – das alles ist mit Lebensanfangs-Traumen vor, während  und  nach der Geburt assoziiert. Wir können einen ängstlichen Patienten mit Traumanalyse behandeln, weil wir den Wandlungsprozess nicht erkennen, in dem tiefe Einprägungen – Strangulierung durch die Nabelschnur, totale Asphyxie -  einen neuen Charakter annehmen. Der Traum mag damit zu tun haben, dass man vergast, aufgehängt oder in einem luftleeren Raum eingeschlossen wird, - alles verbunden mit den frühen Empfindungen, die mit der Geburt einhergehen können. Wir sehen den Traum als Wesen an sich anstatt als symbolische Umhüllung sehr primitiver Traumen. Wenn wir Zugang zu diesen sehr frühen Empfindungen haben, verstehen wir sehr bald, was die Traumsymbole bedeuten. Unterdessen ist eine der einfachen Gedankenbildungen im Traum das direkte Resultat dessen, dass man zum Beispiel bei der Geburt schwer betäubt wird; Empfindungen werden in Gefühle und später in Gedanken umgewandelt.

  Es ist als konventionelle Methode üblich, dass man bei einigen Patienten ihre Träume analysiert, um ihre Probleme besser zu verstehen. Aber diese Art intellektueller Übung ist ein weiteres Mittel, um Gefühle zu vermeiden; eine Erinnerung tieferer Ebene auf eine höhere zerebrale Sphäre anzuheben. Wir müssen die ursprünglichen Gefühle/Empfindungen erleben anstatt über sie nachzudenken. Ein Mensch, der fließenden Zugang zu tieferen Bewusstseinsebenen erlangt, zu den Traumen der ersten Linie, die früh im Leben in ihm verdrahtet worden waren, wird  herausfinden, dass seine Albträume voller symbolischer Ängste und Folterknechte aufhören. Es wird keine Notwendigkeit mehr geben, Gefühle zu verkleiden – und dementsprechend wird sich das integrierte Individuum nicht mehr in ein Glaubensgefängnis einsperren. Das rechte Gehirn befasst sich also mit Gefühlen und Abbildungen des Schmerzes. Die höhere Ebene des Linkshirns übersetzt den Schmerz in Gedanken. Wäre die Übersetzung direkt und korrekt, würde die Person leiden; also muss die Übersetzung Irrtümer enthalten. Sie muss uns in die Irre führen, uns von der wirklichen Bedeutung („Sie lieben mich nicht.“ „Alles ist hoffnungslos.“) wegschieben.

  Ich gebe Ihnen ein aktuelles Beispiel. Wir ziehen Patienten regelmäßig zu Personalsitzungen hinzu, um sicher zu stellen, dass ihre Therapie gut verläuft und dass niemand durch das Raster fällt. Ein Patient, Hans, fuhr auf der Autobahn zu unserer Klinik (Primal Center),  als er im Verkehr gefangen war zwischen einem Wagen links und einem anderen rechts neben ihm. Ein anderer Wagen klebte an seiner Stoßstange, weil er auf der Schnellspur zu langsam fuhr. Eine Panikattacke kam auf, und er fühlte sich plötzlich tot, und ihm war auch, als säße ein Teil von ihm – seine Seele -  auf dem Beifahrersitz. Was er wiedererlebte, war das Geburtstrauma -  festgeklemmt, eingequetscht, zerdrückt werden, kein Ausweg, keine Handlungsoption, keine Hilfe. Der Schrecken kam hoch, ein Teil von ihm starb gleichsam, und dann glaubte er, seine Seele säße neben ihm. Wenn keiner an ein Geburtstrauma glaubt oder wenn keiner es versteht, kann man das Problem oder die Lösung unmöglich begreifen. Diese „Seele“ war die Bewahrung seines Selbsts, eines eingekapselten und beschützten Selbsts, sodass er nicht alles von ihm verlieren würde. Der Schrecken kam hoch, und sein Schleusensystem konnte einen Teil davon unten halten. Der Rest wurde nach außen projiziert – die Spaltung. Viele von uns stehen auf „Seele“ und andere Projektionen, sodass wir, wenn wir es hier verstehen, es vielleicht woanders verstehen können. Es ist wie ein wertvolles kleines Stück unsererselbst, an dem wir uns festhalten. Es ist unmöglich, das zu verstehen, solange wir das Geburtstrauma nicht anerkennen. Das heißt, es gibt keine Heilungsmöglichkeit für zerstörerische Glaubenssysteme oder für andere Symptome, ohne dass man sich zur Basis all dessen begibt. Heilung bedeutet, sich mit den endgültigen Ursachen zu befassen.

 

Ende des Kapitels

 

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