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Leseprobe aus Arthur Janovs neuem Buch "Beyond Belief"

(von mir übersetzt)

 

Dr. Arthur Janov:   Beyond Belief: Cults, Healers, Mystics and Gurus - Why We Believe

LLC Reputation Books, ISBN-10: 0986203173, 03. Mai 2016

                                                                                                          

    Kapitel 2

EBENEN DER PSYCHE UND DES BEWUSSTSEINS

Das Gehirn funktioniert wie alle anderen Körperorgane. So wie sich die Pupillen des Auges automatisch zusammenziehen, wenn sie mit sehr unerfreulichen Szenen konfrontiert werden, wird sich das Gehirn als Reaktion auf schmerzvollen Input verschließen. Schmerz bewirkt, dass sich so ungefähr alles verschließt oder zusammenzieht, einschließlich unseres Wahrnehmungsapparats. Das ist zuallererst ein Überlebensmechanismus. Er erlaubt uns, gerade so viel zu fühlen, dass wir nicht überwältigt werden und schubst uns dann von allem weg, das Erinnerungen auslösen könnte, die den alten Schmerz hervorbringen und uns daran hindern würden, in der Welt zu manövrieren.

  Wenn wir etwas nicht sehen wollen, bedecken wir unsere Augen. Eltern können ein schweigsames, mürrisches Kind anschauen und nie sehen, dass es leidet; es ist von der Realität abgeschirmt, zuerst durch seine innere Realität und dann durch die äußere Realität. Schmerz lenkt uns von der Realität weg, so dass wir funktionieren können. Die Eltern sehen, was sie sehen wollen – gutes Benehmen und ein nettes, ruhiges Kind, das auf seine Manieren achtet. Eine Mutter kann den tyrannischen Raufbold betrachten, den sie da großgezogen hat und immer noch „Mamas guten Jungen“ sehen. Eltern, die an „Christian Science“ glauben, können ihr krankes Kind sterben sehen und sich dennoch weigern, einen Arzt aufzusuchen. Das Glaubenssystem hat von der ganzen Wirklichkeit Besitz ergriffen bis zu dem Punkt, an dem der Tod des Kindes in Kauf genommen wird. Wenn wir als Eltern Kinder benutzen, um alte schmerzvolle Bedürfnisse zu befriedigen, sehen wir wahrscheinlich über diese Bedürfnisse nicht hinaus und nehmen die Gräuel nicht wahr, die wir vielleicht begehen.

  Aber neugeborene Babys fühlen, lange bevor sie denken können. Frühe Traumen – kämpfen, um durch den Geburtskanal zu kommen, ständig von Lärm attackiert zu werden, fallen gelassen werden und sich dadurch unsicher zu fühlen, als Baby nicht genug Zuneigung zu  bekommen – sind für das Neugeborene unbegreiflich. Es hat keine Logik zur Verfügung, die sich auf seine Qualen anwenden lässt. Der linke präfrontale Zerebralkortex – oder die denkende Psyche – scheint erst ab einem Zeitpunkt mindestens drei Jahre nach der Geburt reif  (symbol- und denkfähig) zu funktionieren. Jüngste Studien zeigen, dass ein Kind erst nach dem Alter von drei Jahren symbolisch sein kann. Das heißt, es kann etwas als Symbol von etwas anderem sehen. Eine Landkarte kann ein Territorium darstellen; Gott ist Hoffnung oder Liebe. Von da an ist das Kind fähig, etwas so zu sehen, wie es nicht ist – seine Augen und Gedanken vor der Wirklichkeit zu verschließen – irreal zu sein. Das ist der Anfang der zwei Selbsts; eines real, das andere irreal.

  Am Lebensanfang ist das Kind in derselben Lage wie unsere frühen Vorfahren, die nur einen primitiven Neokortex hatten, um mit Widrigkeiten fertig zu werden. Wie wir uns als Individuen entwickelten, rekapituliert auf umfassende Weise die Entwicklung der Menschheit. Der logische, rationale Kortex entstand erst ziemlich spät in der Phylogenese. Als vor langer Zeit das Leben für den Frühmenschen zu hart wurde, waren die Lebensbedingungen so beschaffen, dass wir Hilfe benötigten, um einen Ausweg zu ersinnen. Das Überleben erforderte, dass Menschen neue Abwehrmechanismen entwickelten. Widrige Umstände trieben und zwangen unsere fernen Vorfahren dazu, problemlösende Fähigkeiten zu erschaffen – kurz gesagt einen Kortex. Als Überlebensmechanismus wanderten Zellen nach oben und außen, um den neuen Kortex oder den Neokortex zu formen. Dieses neue Gehirn war fähig, seinen Besitzer auf eine neue Weise zu verteidigen. Es konnte verstehen, rechnen, denken und rationalisieren. Es konnte Ideen entwickeln.

  Ich habe in anderen Büchern darüber geschrieben, wie sich unsere Psyche in verschiedenen Evolutionsstufen entwickelte und wie die Psyche selbst in drei unterschiedliche Sub-Psychen unterteilt ist. Das Folgende fasst kurz Material zusammen, das in Primal Healing (5) enthalten ist.

  Die Menschen als Spezies entwickelten zuerst die Überlebens-Psyche. Die Überlebens-Psyche reguliert unsere Atmung, unseren Herzschlag und hält unseren Blutdruck auf konstantem Niveau. Ein Stück weiter im Evolutionsprozess entstand die Gefühlspsyche und dann die Gedankenpsyche. In der Gefühlspsyche werden Gefühle oder Emotionen verarbeitet. Die Gedankenpsyche ist mit Worten und Gedanken, mit Sprache und Logik assoziiert.

  Die Tatsache, dass wir „gehirntot“ sein können, verbildlicht die Existenz dieser unterschiedlichen Psychen. Die Überlebens-Psyche gibt weiterhin Atmungsbefehle, auch wenn die Gefühls- und Gedanken-Psyche bereits unwiderruflich beschädigt sind. Kürzlich gebar eine „tote Frau,“ die keine neurologische Reaktion zeigte, ein Baby. Jede dieser Psychen entspricht einer Bewusstseinsebene:

 

 

Befasst sich mit Empfindungen

Vermittelt körperliche Impulse und Zustände

Mit der Überlebenspsyche assoziiert

 

  Zweite Ebene /zweit e Linie): affektiv-expressiv

Involviert in die Erzeugung und den Ausdruck von Emotion

Mit der Gefühlspsyche assoziiert

Produziert Bilder und Traumsymbole

 

 

Versteht, unterscheidet und sorgt für Bedeutung im Zusammenhang mit Gefühlszuständen

Mit der Gedanken-Psyche assoziiert

 

 

SCHLEUSUNG

  Diese drei Bewusstseinsebenen arbeiten die ganze Zeit, jede mit ihrer individuellen Funktion. Um die Verdrängung von Schmerz aufrecht zu halten, benutzt das Gehirn einen Prozess, der als Schleusung bekannt ist.

  Schleusung ist die Kommunikationsblockade von einer Bewusstseinsebene zu einer anderen. Insbesondere gewährleistet das Schleusensystem, dass Information aus dem Kraftwerk einer tieferen Ebene nicht auf die Ebene vollen Bewusstseins aufsteigt. Eine Person, die von eingeprägtem Schmerz dazu getrieben worden ist, ein Glaubenssystem anzunehmen, hat keinen Zugang zu der Bewusstseinsebene, auf der das Trauma ursprünglich eingeprägt wurde. Deshalb befindet sie sich in einer Art Koma, in dem sie von dunklen Mächten gesteuert wird. So weiß sie nicht, dass ihr Glaubensbedürfnis von machtvollen frühen Traumen stammt, von vereiteltem und unerfülltem Bedürfnis. Die Ideen, die sie aufgreift, sind ein Symbol der eingeprägten Erinnerung. Aber aufgrund der Schleusung gibt es keine Verknüpfung zwischen beiden. Der Grund: Verknüpfung/Realität bedeutet Schmerz. Anstatt sich also in Qualen zu winden und „Mutter, halte mich!“ zu schreien/weinen, glaubt diese Person an die Wärme eines Gurus. Diese Wärme ist immer lindernd, symbolisch, weil sie den Ursprung nicht kennt. Während einer Sitzung wendet sie sich automatisch dem Glauben an einen liebevollen Gott oder liebevollen Guru zu, der Liebe und Schutz verspricht. Aber der Guru verlangt Gehorsam, und sie ist willig, entweder einem Priester oder dem Guru zu gehorchen. In unserer Therapie greifen wir den Glauben auf und lassen zu, dass das System selbst ihn in das Gefühl und Bedürfnis umwandelt, das er in Wirklichkeit ist. Sobald wir die Ursachen entfernen, bleiben die Symbole auf der Strecke. Es gibt nichts mehr, das ihnen als Standbein dienen könnte.

  Schleusung trennt Gedanken von Gefühlen und Gefühle von Empfindungen. Während die Schleusen zu tieferen Bewusstseinsebenen geschlossen sind, können die sogenannten „Wahrnehmungstüren“ im Kortex durch eine Glaubensvorstellung beeinflusst und eingeschränkt werden, deren Form und Inhalt die Barrikaden verstärken. Aber da die Schleusung eine Barriere errichtet hat zwischen Kognition und eingeprägter emotionaler Realität, etabliert sich das Glaubenssystem in der Psyche tatsächlich dadurch, dass es durch die „Fehlwahrnehmungstüren“ Eingang findet. Wie funktioniert Schleusung biochemisch?

 

ENDORPHINE

  Schmerz und Neurose verändern buchstäblich das Gehirn. Eine Reihe von Studien deuten darauf hin, dass mit zunehmendem Schmerz immer mehr Neuronen eingesetzt werden, die sich mit ihm befassen. Wenn wir leiden, tritt das Verdrängungs-Schleusungs-System des Gehirns in Aktion und schirmt das Ereignis oder die Einprägung, die das Leiden verursacht, vom vollen Bewusstsein (conscious/awareness) ab. Schließlich wird ein Gutteil des Gehirns zu einer schmerzverarbeitenden Maschine anstatt zu einem realitätsverarbeitenden Organ. Neurale und kortikale Gewebe werden zum Dienst einberufen, und die biochemischen Fabriken in uns sorgen dafür, dass die Realität abgesondert bleibt und dass wir irreal bleiben.

  Wir wissen jetzt, dass das Gehirn morphin-ähnliche Substanzen absondert, die man Endorphine und Serotonin nennt. Endorphine sind natürliche Schmerztöter (Morphinanaloge); unser Körper stellt sie her, um Schmerz zu bekämpfen. Die Endorphine/das Serotonin werden überall im Gehirn hergestellt, besonders aber in diesen Arealen, die Schmerz verarbeiten und speichern. Wir haben einen ziemlich raffinierten Herstellungsprozess für die Biochemikalien, die wir brauchen, um Schmerz zu unterdrücken – eine hochentwickelte Apotheke, die ihre Aufträge direkt vom Gehirn entgegennimmt; es bestimmt, welche Art von Schmerztötern zu produzieren sind und in welcher Stärke. Und der frontale Kortex entscheidet, welche Glaubensvorstellungen er benötigt. Wenn das Grundbedürfnis und Grundgefühl Unsicherheit ist, weil niemand da war, um auf das Baby aufzupassen, wird es der Glaube an jemanden sein, der/die „über uns wacht.“ Glaubensinhalte sind kein Zufall. Das Gehirn würfelt nicht mit seiner Biologie. Es überlässt den Glauben nicht dem Zufall.

  Das limbische System ist das Verarbeitungs- und Speicherzentrum für Gefühle und emotionale Erinnerung. Es befindet sich in einem Ring von Strukturen – einschließlich der Amygdala und des Hippocampus – unmittelbar unter dem Neokortex der obersten Ebene. Limbische Strukturen speichern den emotionalen Inhalt schmerzvoller Vergangenheits-Ereignisse. Seine Strukturkomponenten sind mit Seroronin/Endorphin geladen; somit finden wir an dem Ort, wo wir schmerzvolle Gefühle finden, auch ihre Gegenspieler. Das limbische System bewerkstelligt nicht nur die Organisation von Emotionen sondern auch deren Verdrängung. Schmerzvolle Gefühle scheinen ihre eigene Verdrängung hervorzurufen; Schmerz mobilisiert das Gehirn dazu, sich selbst vor einem Trauma zu schützen.

  Eine Reihe von an Mäusen und Ratten durchgeführten Experimenten zeigt, dass früher Lebensstress und frühes Trauma das Opiatrezeptor-System verändern, so dass es später einer größeren Menge  dieser Neurotransmitter bedarf, um Schmerz zu betäuben. Das Gehirn ist durch diese früheren Ereignisse tatsächlich verändert worden. Anders gesagt verändert uns ein psychisches Ereignis physiologisch. Die Gehirnstruktur wird verändert durch dieses flüchtigste und nebulöseste aller Ereignisse, durch einen psychischen Stressor. Lange bevor wir Alkohol entdecken, um  den Lebensschmerz zu betäuben, produzieren unsere Körper ihre eigenen Schmerztöter, die Endorphine, das Serotonin und andere Opiate.

  Die Psyche jedes Kindes entwickelt sich nach ähnlichem Muster. Ungefähr vom dritten Monat nach der Zeugung bis etwa zum sechsten Lebensmonat des Kindes werden Ereignisse auf der ersten Bewusstseinsebene registriert; das heißt, dass widrige, schädliche Ereignisse die zu dieser Zeit höchste Ebene neuraler Funktionen einbeziehen. Somit werden Ereignisse während der Schwangerschaft nur auf der ersten Linie verarbeitet.

  Nach dem sechsten Lebensmonat prägen sich Ereignisse auf der emotionalen Ebene ein. Zum ersten Mal werden emotionale Bindungen und Gefühlszustände organisiert. Aktivität der dritten Linie beginnt ein paar Jahre später. Sie entwickelt sich weiter im Verlauf unserer Reifezeit bis in unsere zwanziger Lebensjahre hinein und deckt sich mit der Entwicklung des zerebralen Kortex.

  Anders gesagt haben wir eine Reihe von Erfahrungen, lange bevor wir versuchen können, aus dem schlau zu werden, was mit uns geschieht – Erfahrungen, die Gedanken und Logik vorausgehen. Später graviert die Welt um uns herum emotionalen Inhalt auf der Schieferplatte unseres sensorischen Bewusstseins ein.

  Ich erinnere mich, dass einer unserer Patienten ein Primal hatte ( ein totales Wiedererleben eines frühen Traumas), in dem er Blut schmeckte. Seine Mutter hatte eine eingerissene Plazenta, was sie ihm später bestätigte. Verifizierung kam auch aus der Klinik. Seine Mutter hatte während des Geburtsvorgangs einen Herzstillstand erlitten und war nahezu tot. Eine enorme Dosis eines Betäubungsmittels hatte die Herzattacke katalysiert; das Mittel hatte auch das Baby erreicht und legte sein Atmungssystem lahm, so dass auch er beinahe tot geboren wurde. Dies Art traumatischer Geburt – eine Situation, in der das Neugeborene erstickt, während es um sein Leben kämpft - hinterlässt eine Einprägung von höchster Valenz auf der ersten Bewusstseinsebene des Individuums. Sie ist ein gutes Beispiel für Primärschmerz.

  Dieser Patient war wochenlang nach seiner Geburt allein gelassen worden, während seine Mutter sich erholte. Dieses Verlassensein wickelte noch mehr Trauma in sein neurologisches System. Er hatte keine Worte oder Verstandeskräfte zur Verfügung, keine Möglichkeit sich zu verteidigen. Als er vier Jahre alt war, verließ sein Vater, ein Tyrann, seine Mutter (und ihn ebenso). Seine Mutter wurde daraufhin völlig depressiv. Sie weinte die ganze Zeit, funktionierte generell nicht mehr und kümmerte sich nie um das Kind – eine erschütternde Verlassenheit. Als er acht Jahre alt war, begann seine Mutter, die sich einsam und frustriert fühlte, den kleinen Jungen zu verführen und ihn sexuell zu liebkosen; es war eine unlösbare Zweideutigkeit; das Letzte, was er brauchte. Das war das Ende seines realen Selbsts und der Anfang seines irrealen Selbsts.

  Im Alter von fünfzehn Jahren – jetzt ausgerüstet mit einem der Aufgabe angemessenen Kortex – fand er „Gott“ und wurde zu einem inbrünstigen Gläubigen. Sein Kernglaube war: „Vertraue Gott. Er wird dich nie im Stich lassen. Er wir dich nie verlassen. Er wird immer gut zu dir sein.“ Bevor er einen funktionierenden Kortex hatte, mit dem er „Gott“ herstellen konnte, war sehr viel Schaden über ihn gekommen. Tatsächlich hatten seine Eltern ihn immer fallen lassen und waren nie gut zu ihm gewesen. Gott trat für ihn als Lösung seiner Probleme in Erscheinung, ein symbolischer Elternteil, der ihn vor dem Elend seines Lebens beschützen konnte. Wieviel Schmerz überhaupt kann ein Mensch ertragen?

  Die folgende Geschichte erzählte ein mit der Therapie beginnender Patient, als er am Rande eines größeren Feelings stand. Vergessen Sie nicht, dass aufsteigende Gefühle die Gedanken bildenden Neuronen dazu antreiben, Glaubensvorstellungen anzufertigen. Solange Gefühle nach oben und nach vorne drängen, muss der Kortex etwas tun, um seine Unversehrtheit zu bewahren: Glaubensvorstellungen. Mit Gehirnbegriffen ausgedrückt muss sich das rechte präfrontale Areal (wo Gefühle auf höheren Ebenen organisiert werden) zurückhalten, zuviel Information an die linke Hemisphäre zu senden. Wenn angehäufte Gefühle auf tieferen Ebenen ins volle Bewusstsein durchzubrechen drohen, wird die linke Seite wirklich aktiv (Schleusung findet auch zwischen rechter und linker Hemisphäre statt). Es folgt der Bericht des Patienten. Er kannte die Herkunft seiner Vorstellungen nicht; er war zu sehr damit beschägtigt, an sie zu glauben. Eines der Schlüsseltraumen bei Frauen, die diese Art von Ideenbildung hervorbringen, ist früher Inzest. Sehen Sie, was durch katastrophale Gefühle ausgelöst wird: Man könnte sagen, dass er von Gott gerettet wurde. Ich würde mir zu sagen erlauben, dass von der Gottesidee gerettet wurde. (6)

 

¨¨¨

Gegen Mitternacht hörte ich mit dem Beten auf, und ich wartete, und ich wartete, und ich wartete und wartete und wartete. Mitten in der Nacht - in einer wundervollen Nacht - saß ich in meinem Arbeitszimmer in Laguna Beach im Schneidersitz vor meiner Bibel, ruhig, einfach wartend, hellwach, nicht schlafend. Ungefähr gegen 1:30 morgens ereignete sich die folgende Sequenz:

  Ich sah eine Explosion blau-weißen Lichts hinter meinen Augen, es ging plötzlich von meinen Augen auf meinen gamzem Körper über, und mein ganzer Körper füllte sich mit blau-weißem Licht, heller als eine Blitzlampe, und wiederum „löste ich mich auf,“ wie ich es Ihnen vorher auf diesem Band beschrieben hatte, ich wurde ein Nebel, ein Dunst, ich verlor meine Gestalt, meine Form, mein Gewicht, meine Schwere. Ich wusste nicht, wo meine Hände und Füße waren. Ich hatte eine leichte Migräne auf meiner linken Kopfseite. Sie war verschwunden. Ich hatte ein wenig Rückenschmerzen, weil ich eineinhalb Stunden mit überkreuzten Beinen dagesessen war. Sie waren verschwunden.

  Und plötzlich hatte ich dieses starke Gefühl, dass ich plötzlich irgendwohin bewegt wurde. Dann erblickte ich tatsächlich zwei oder drei Sekunden später vor meinen geschlossenen Augen ein riesiges schneeweißes Rechteck, dreidimensional, zehn Fuss breit, zehn Fuss tief und vielleicht zwanzig Fuss hoch. Und als es für mich deutlicher wurde, erkannte ich, dass ich auf einen Thron blickte. Und ich konnte durch ihn hindurchsehen. Der Thron war aus Licht gemacht, und meine Augen wanderten nach oben und gelobt sei Gott! Ich sah IHN, der auf dem Thron saß, und über eine Minute lang blickte ich direkt ins Angesicht von Jesus Christus, des Königs, des Heilands. Ich war dort. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen. Es ist wahr. Er lebt.

  Jesus Christus ist der Weg. Er sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Licht, und niemand kommt zum Vater als durch mich.“ Amen. Es ist wahr. Kein Mensch auf Erden sagte je diese Worte außer Jesus Christus. „Ich bin die Wiederauferstehung und das Leben. Wer auch immer an mich glaubt, wird leben, obgleich er tot war. Und wenn ein Mensch lebt und an mich glaubt, wird er nie sterben.“ Unglaubliche, unglaubliche Worte, und wissen Sie was? Sie sind wahr. Als ich dort war, als ich im Thronsaal war und auf das Angesicht meines Erlösers starrte, auf dieses Antlitz der Perfektion, der perfekten Ehrlichkeit, ein Antlitz ohne Arglist, ein Angesicht voller Liebe, fühlte ich mich absolut verehrt, geliebt und geachtet. Ich fühlte, dass mir alles verziehen war. Und ich war mir sehr bewusst, dass ich in dieser und jener Hinsicht den Erwartungen nicht entsprochen habe. Und plötzlich sah ich mit meinen Augen, und plötzlich verstand ich, wie dreckig und verseucht und verschmutzt wir sind. Der Psalmist König David hatte philosophisch und fragend in einem seiner Psalme sinniert: „Oh Herr, was ist der Mensch, dass Du ihn beachtest?“ Und wissen Sie was? Dasselbe frage ich mich auch. Gott, warum hast du dich gekümmert? Ich meine, du bist so vollkommen, und wir sind so erbärmlich. Warum hast du dich gekümmert?

  Nun, die Antwort findet sich in Johannes 3:16. Eine Schrift, von der viele Leute gehört haben, aber sie ist absolut wahr. „Gott liebte die Welt so sehr, dass er seinen einziggeborenen Sohn sandte und dass wer auch immer an Ihn glaubt nicht sterben sollte sondern ewiges Leben haben sollte.“ Und ich habe es Ihnen vorher gesagt, und ich sage es Ihnen noch einmal, Er befahl uns seine Liebe an, und obgleich wir doch Sünder waren, starb Jesus Christus für uns. Es ist ein außergewöhnliches Ereignis in der menschlichen Geschichte. Gott in Gestalt des Menschen, das WORT wurde Fleisch, und er weilte unter uns, kam auf Erden und zahlte den Preis, so dass wir frei waren.

  Was bedeutet der Ausdruck „wiedergeboren“? Wiedergeboren bedeutet, dass der Geist des lebendigen Gottes in dich kommt und dass du aus dem Geist geboren wirst. In Johannes 3:2 ist ein Gespräch verzeichnet zwischen Jesus und einem Mann der Pharisäer namens Nicodemus. Nicodemus kam in der Nacht zu ihm und sagte: „Meister, du musst von Gott kommen, den niemand könnte die Dinge tun, die du tust, es sei denn, er kommt von Gott.“ Jesus nutzte die Gelegenheit, um das Thema zu wechseln, und ER sagte: „Ich sage dir wahrlich, solange ein Mensch nicht wiedergeboren wird, kann er das Königreich Gottes nicht sehen.“ Nicodemus, ein vernünftiger und wohlerzogener Mann, sagte: „Wie kann ein ausgewachsener Mensch ein zweites Mal in den Leib seiner Mutter gehen und ein zweites Mal geboren werden?“ Jesus sagte: „Solange ein Mensch nicht von der Frau und vom Geist geboren wird, kann er das Königreich Gottes nicht sehen, denn was vom Fleisch geboren wird, ist Fleisch, und was vom Geist geboren wird, ist Geist. Wahrlich, ich sage dir, du musst wiedergeboren werden. Wundere dich nicht über das, was ich gesagt habe, du musst wiedergeboren werden.“

  Ein Mensch, der das vielleicht liest, lönnte sagen: „Okay, Doc, das ist schön, wie werde ich denn wieder geboren?“ Nun, der Römerbrief 10:9 sagt: „ Wenn du mit deinem Munde bekennen wirst, dass Jesus Christus der Herr ist und in deinem Herzen glaubst, dass er durch Gott von den Toten auferstanden ist, wirst du gerettet werden.“ Und ich habe diesem Brief eine Abhandlung beigefügt, die das Gebet des Sünders beinhaltet.

 

  Und meine Frage an alle lautet: „Wer ist dafür bereit?“ Nun, ich glaube, die einzige Antwort darauf ist: Die Leute, die wissen, dass sie wissen, dass sie wissen, dass sie wissen, dass sie zu Gott gehören. Jetzt hat Gott überall im Alten und Neuen Testament versprochen, sich um Sein Volk zu kümmern in der Zeit der Wirren.

  Der Gott, der Shadrach, Meshach und Abednego vor dem Feuer gerettet hat, ist voll bereit, voll fähig und äußerst engagiert, seine Leute vor dem Feuer dieser Zeit zu retten. Wisse jetzt mit Sicherheit, dass die Botschaft des Evangeliums keine Botschaft der Furcht ist.

  Gott will nicht, dass Leute durch Furcht zu Ihm kommen (aber ich vermute, eine Menge Leute werden zu ihm durch Furcht kommen), aber das war nicht beabsichtigt. Gott liebt dich. Er verehrt dich. Er liebt dich mit einer immerwährenden Liebe, die niemals versagt. Er liebt dich so sehr, dass er Seinen eigenen Sohn sandte, dass er für uns starb. Aber, Gott ist heilig, Gott ist rechtschaffen.

  Was ich von Jesus Christus auf seinem Thron sah, einen Gott des Lichts, mit überhaupt keiner Dunkelheit, fand ich wieder in den Worten von Job. Job hatte gesagt, als er Gott im Wirbelwind sah: „Ich hatte von dir gehört duch das Gehör meiner Ohren, aber jetzt sehen dich meine Augen mit der Erschauung meiner Augen, und dafür (interessantes Wort), dafür verabscheue ich mich selbst, und ich tue Buße in Staub und Asche.“ Sie sehen, die meisten Menschen haben keine Vorstellung, was das Wort „heilig“ bedeutet.

  Lange ehe Sie und ich  als alte Männer und alte Frauen eines natürlichen Todes im Fleische sterben werden, kommt Jesus Christus wieder zurück, und bevor er kommt, werden wir den Tag des Herrn sehen. Sie müssen Ihre ganze Konzentration und Aufmerksamkeit auf Ihn richten, der die Wahrheit ist, weil Jesus Christus die Wahrheit ist.

  Wenn Sie an Gott glauben, wird er Sie erlösen. Aber Sie können Gott nicht Ehre geben, Sie können für ihn nicht arbeiten, Sie können nicht Zeugnis ablegen für ihn, solange Sie nicht wiedergeboren werden. Jesus Christus ist der Weg.

  Wenn Sie grundsätzlich Gottes Weg wählen anstatt Satans Weg, wird Sie Gott ins Königreich bringen, Sein Königreich, aber es muss nicht so grob werden. Es könnte viel besser als das sein. Psalm 91 verzeichnet das. Er beginnt mit diesen schönen poetischen Worten: „Er, der am geheimen Ort des Höchsten wohnt, wird im Schatten des Allmächtigen verweilen.“ Und dann steht weiter unten geschrieben: „Eintausend werden zu deiner Linken fallen, dann Zehntausend auf deiner rechten Seite, aber es wird keine Nacht über dich kommen.“

  Ich denke, es gibt für Christen einen Weg, durch die große Trübsal zu kommen, den Schutz des Höchsten. Wenn Sie Gott vertrauen, wird er Sie befreien. Aber Sie können Gott nicht Ehre geben, Sie können für ihn nicht arbeiten, Sie können nicht Zeugnis ablegen für ihn, solange Sie nicht wiedergeboren werden. Jesus Christus ist der Weg.“

 

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Erst viel später im Verlauf der Primärtherapie begann er, das Trauma wiederzuentdecken, das seit dem Grauen seiner Geburt in seinem Unterbewusstsein eingeprägt worden war.

  Ich habe ausführlich über das Geburtstrauma geschrieben. Ich zitiere hier aus dem Journal of the Medical Association: „Die Gefahren, denen der Fetus ausgesetzt ist, erreichen während der Wehen einen Höhepunkt. Die Geburt ist das gefährlichste Erlebnis, dem die meisten Individuen je ausgesetzt sind. Der Geburtsprozess ist selbst unter optimalen, kontrollierten Bedingungen ein traumatisches und potentiell verkrüppelndes Ereignis für den Fetus.“ (7)

  Das Neugeborene, das die Qualen der Geburt überlebt hat, das keine Worte hat und keine Abwehr, das sich keine Packung Marlboros herausziehen oder zum Kühlschrank gehen kann, um sich ein Bier zu holen, lässt die Dinge einfach über sich ergehen. Die Erinnerung an das Ereignis kann man in nahezu jeder Körperzelle finden. Sie hat die Kraft eines inneren elektrischen Sturms, und sie erzeugt Verdrängungskräfte im Körper, um sie zu deckeln. Die Deckel können Gedanken sein; bestätigt wird das durch Gehirn-Scans, die zeigen, dass die Gefühlszentren weniger aktiv sein, wenn die gedankenbildenden Sektoren aktiv werden. In der Art einer Schaukel gleicht jedes Areal das andere aus und deutet schlüssig darauf hin, dass Gedanken als Abwehrmechanismen gegen Gefühle benutzt werden.

  Wir können diesen Sturm messen, wenn Patienten ein Geburtsprimal durchmachen. Wir sehen massive Mengen an Gehirnneuronen im Einsatz, wobei die Amplitude – das heißt die Gesamtmenge der mitwirkenden Neuronen – sich verdoppelt und verdreifacht, bevor die Sitzung beginnt. Der Patient liegt untätig da, so dass diese massive Ladung eindeutig kein Ergebnis physischer Aktivität ist. Unterdessen geht seine Temperatur um zwei oder drei Grad hoch, und sein Puls und Blutdruck können sich verdoppeln. Der elektrische Sturm filtert in den Körper heraus und erzeugt erhöhte elektrische Energie in den Muskeln, die sehr angespannt und stramm werden. Ich habe das so oft gesehen, dass es keinen Zweifel daran aufkommen lässt.

  Das Trauma ist immer da, und die elektrische Kraft richtet immer Schaden der einen oder anderen Art an. Wir haben einen Weg gefunden, den Deckel der Verdrängung anzuheben und zu etwas zu sehen, das sich Jahrzehnte früher ereignet hat. Das geschieht mit Leuten in nahezu jedem Land auf der Welt, und viele von ihnen haben nie von einem Geburtstrauma auch nur gehört und würden nicht wissen, was es ist, wenn sie es sähen.

  Derselbe elektrische Sturm bricht während des Schlafs aus, wenn die Verdrängung an ihrem Tiefpunkt ist (lange, langsame Gehirnwellen) und die Erinnerung ins Bewusstsein klettern kann. Der Schrecken, den man in einem Albtraum fühlt, kann der des allerersten Lebenskampfes sein. Sie bilden sich ein, dass es wirklich der Alligator ist, der aus dem Fluss kommt, um Sie zu holen, oder dass die Häuser auf Sie herabstürzen oder dass ein Räuber versucht, Sie zu erwürgen, aber tatsächlich sind das die symbolischen Bemühungen des Gehirns, das wirkliche Trauma zu verdecken und es vom vollen Bewusstsein fern zu halten (z.B. Strangulierung an der Nabelschnur). Das ist die Raison D’Être, der Daseinszweck für Unbewusstheit: Sie bewahrt uns davor, dass wir uns die meiste Zeit unseres Lebens in Qualen auf dem Boden winden. Das Schleusensystem lässt uns unbewusst bleiben und beschützt uns dauerhaft vor der elektrischen Überlastung, die in uns verdrahtet ist.

  Es gibt einige Gefühle, die, so glaube ich, nahezu unfühlbar sind. Wenn bestimmte Gefühle durch weitere verstärkt werden, dann haben sie eine so überwältigende emotionale Ladung, dass sie den Kortex zwingen, Glaubenssysteme zu erfinden, die gleichsam in Zement gegossen worden sind – nämlich psychotische Ideenbildung. Wir können  dadurch erkennen, dass die Basis vieler Psychosen ein Trauma der ersten Linie ist, dass die Gedankenbildung in Anpassung an den Schmerz völlig überzogen ist – dass sie keine zerebrale Vernunft hat und sich wahrscheinlich vor unserer Fähigkeit zur Vernunft ereignete. Glücklicherweise lässt sich oben Gesagtes ändern, denn wir haben alle möglichen Tranquilizer, die wir Patienten anbieten können, um die Kraft des Feelings zu mindern und es fühlbar zu machen.

  Meine klinische Beobachtung sagt, dass es unwahrscheinlich ist, dass jemand sich entscheiden würde, ohne Hilfe auch nur Bruchstücke dieser überwältigenden Gefühle zu erleben. Wenn Sie kein Primal gesehen haben, nicht gesehen haben, wie Patienten Stunde um Stunde weinen, schreien, sich in Schmerz winden, oder es nicht selbst erlebt haben, dann können Sie wahrscheinlich die Menge verdichteter Gefühle, die im Nervensystem liegen, nicht einschätzen. Es ist viel leichter, Glaubenssysteme als Ausweg aus dem Schmerz zu formen, als Weg, um den Horror, der unseren tieferen Bewusstseinsebenen innewohnt, zu transzendieren. Doch paradoxerweise nenne ich ihn einen Schmerz, der nicht weh tut; Patienten haben es eilig, zum Fühlen ins Primal Center zu kommen, weil sie wissen, dass Gefühle den Albtraum schließlich beenden werden. Wenn der Schmerz gefühlt worden ist, wird er zu einem integrierten Feeling und ist seiner Kraft beraubt – der Kraft, die uns in bizarre Glaubensvorstellungen treibt.

  Das Glaubenssystem war für diesen Patienten eine letzte Zuflucht. Solange er und andere es als religiösen Glauben anerkennen, bleiben sie anscheinend davon verschont, mit Schande bestraft zu werden. Aber ist der Glaube maßgeschneidert, wird die Sache klebrig. Sein Kortex, der voll auf der Flucht war, konstruierte mit starrsinniger Beharrlichkeit Gedanken, die dem Schmerz angemessen waren. Er suchte sich nur Leute aus, die seinen Glauben teilten, und mied alle, die es nicht taten. Es ist kein Wunder, dass ein auf Schmerz beruhendes Glaubensbedürfnis uns dazu treibt, außerirdische Kräfte und Wesen zu studieren, oder uns in die Hände eines Menschen treibt, der verspricht, dass er uns liebt und beschützt und uns den Sinn des Lebens erklärt. Das Fremde, Bizarre, Esoterische, sogar Pathologische wird fazinierend, weil uns nichts in diesem Leben an das erinnern darf, was hier auf der Erde mit uns geschah.

  Ein anderer Patient von mir diskutierte mit mir über die Kraft, die einige Gefühle haben. Um seine Meinung zu illustrieren, brachte er folgendes Beispiel: Er hatte eine Operation wegen Lungenkrebs gehabt – ein lebenslanger Raucher. Während er unter Narkose war, wurde ihm von seiner rechten Schulter ein kleiner Hautkrebs entfernt. Eine Woche nach dieser Prozedur begann er, die Operation wiederzuerleben. Aber diesmal fühlte er sie ohne die Narkose, weil er auf einer anderen Bewusstseinsebene war, auf der das Anästhetikum offensichtlich nicht wirkte. Er spürte, wie das rohe Messer tief in seine Haut hineinschnitt. Vor Schreck und Angst fing er zu schreien an. Gleichzeitig fühlte er, dass er in einen dunklen Kegel fiel, der immer enger wurde, und er fiel, fiel, fiel und er wusste, dass das Ende des Kegels der Tod war. Während er hinabfiel, glaubte er, sterben zu müssen. Er schrie. Seine schrecklichen Schreie ließen die Wände und Fenster erzittern. Plötzlich kam ihm die Idee: „Gott wird dich retten“ Gott wird dich retten. Er machte Schluss damit und wurde total nüchtern. Es gab keinen Schmerz mehr, kein nichts mehr, und er fühlte, dass Jesus ihn gerettet hatte. Er hat sich einen Erretter angefertigt; andernfalls müssen wir glauben, dass Gott über sechs Milliarden Leute wacht und weiß, wann er eingreifen muss. Er muss schwer beschäftigt sein. Glücklicherweise scheint das Gehirn schlauer als Gott zu sein, denn es weiß wirklich, wann es eingreifen und Ideen entwickeln muss. Das wurde in den langen Milliarden Lebensjahren auf diesem Planeten erlernt: wie wir uns verteidigen können, dank Darwin kurz gesagt, wie wir überleben können. In einem meiner früheren Bücher erörterte ich, dass selbst Pflanzen Abwehrsysteme haben: Alles Leben ist für das Überleben gerüstet.

  Wir sehen also wieder, dass er nicht „von Jesus gerettet“ wurde, sondern von der Jesus-Idee, weil er in Gefühle gegangen war, die so tief waren und solche Kraft hatten, dass das Gehirn das Gegenteil produzierte – bizarre und irre Ideen. Nackt vor diesem qualvollen Schmerz stehend musste der Patient ein wiedergeborener Christ werden und dann leidenschaftlich auf dieser Konvertierungs-Erfahrung beharren, um nicht in diese Gefühle zurückzufallen. Einige Gefühle sind so tief, dass es, wenn sie durch frühen Lebensstress und Deprivation verstärkt werden, schwer wird, sie zu erleben.

  Elisabeth, die nachfolgend ihre Geschichte erzählt, verbrachte zwölf Jahre als Anhängerin des Guru Maharaji. Er wurde in Indien geboren; ihr Gott war dreizehn Jahre alt, als sie ihn zum ersten Mal reden sah. Wie Koresh und Jim Jones und Rajneesh hatte dieser Guru eine utopische Vision. Er sprach darüber, der Erde den Frieden zu bringen und uns angesichts unserer jetzigen Lebensweise „die letzte Entwicklungschance“ zu geben. Er sammelte eine weltweite Gefolgschaft, ganz zu schweigen von einem beträchtlichen Vermögen. Elisabeth hielt ihn jahrelang für ein göttliches Wesen. Er war ihr neuer Vater und seine Mutter war ihre neue Mutter. Wie so viele Gefangene des Glaubens resultierten Elisabeths unerfüllte Kindheitsbedürfnisse in ihrem „verzweifelten Bedürfnis, geführt zu werden.“ Ihr Vater, ein Alkoholiker, war emotional nicht verfügbar, ihre Mutter war hysterisch und missbrauchend. Ungeliebt und terrorisiert fand sie früh im Leben einen Weg, um mit der Hysterie ihrer Mutter zurecht zu kommen. Sie lernte, nicht zu widersprechen, nicht zu streiten, nicht selbstständig zu denken oder Gefühle auszudrücken, die ihre Mutter vielleicht vor Zorn explodieren ließen und sie veranlassen könnten, ihr ins Gesicht zu schlagen. Ihr reales Selbst, das sie ihren „Geist“ nennt, starb und wurde durch ein „gutes kleines Mädchen“ ersetzt, das „in einem Koma“ war. Ihr irreales Selbst wurde später zu einem Schüler von Guru Maharaji, der ihr Lebenssinn anbot anstatt Verzweiflung und ihre Hoffnungslosigkeit durch Hoffnung ersetzen wollte. Sie glaubte, dass ihr Gehorsam, ihr Dienst und ihre Meditation den Kampf für den Weltfrieden unterstützen würden. Elisabeth überlebte ihre Kult-Efahrung – anders als die achtundsechzig Leute, die mit David Koresh starben, und die neunhundert oder so, die mit Jim Jones starben. Aber in allen diesen Jahren war sie gewissermaßen tot, befand sie sich immer noch in dem Koma, zu dem sie ihre frühen Erfahrungen verbannt hatten. Wenn man sie gebeten hätte zu beschreiben, wer Elisabeth war, hätte sie nicht gewusst, was sie sagen sollte; höchstwahrscheinlich hätte sie ein Dogma von den Lippen ihres Gurus benutzt, um sich und ihren Lebenszweck zu definieren. Ihre Eigenwahrnehmung war nicht existent; sie hatte keine authentischen Gedanken oder eigene Meinung. Sie hatte wenig Verknüpfung mit dem, was sie fühlte.

 

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ELISABETH

  Ich verbrachte zwölf Jahre mit dieser Gruppe, in diesem Glaubenssystem. Der Guru Maharaji, ein Junge, war wie eine Vaterfigur für mich. Mehr als eine Vaterfigur in unserer Organisation; wir glaubten, dass er göttlich sei. Wir glaubten, er sei Gott. Nun, das vermasselt dir wirklich dein Glaubenssystem über das Leben und dich selbst, wenn du glaubst, ein anderes Individuum sei göttlich. Wenn du wirklich denkst, jemand sei Gott, ist ihr Wille plötzlich dein Wille und du hast keine Identität. Mein ganzes Leben war ich in einem Koma. Die eine oder andere Art von Trance. Als ich mit meiner Familie aufwuchs, war ich in einer Trance. Ich war nicht ich selbst, lebte nicht mein Leben. Ich war nicht das Zentrum meiner Existenz. Stellte mich nicht der Realität, welcher Art auch immer. Einfach ein gutes kleines katholisches Mädchen. Ich stand immer an der Kante, versuchte es hinzukriegen. Ich ging aufs College, nahm eine Menge Drogen und war in einer anderen Realität. Und dann war ich bei dem Guru. Das war eine andere Trance. Der Guru verkündete, dass er der Welt den Frieden bringen werde und dass er das durch etwas machen werde, das er WISSEN nannte. Das war seine persönliche Mission, und deshalb war es unsere Mission. Ich habe nie gewusst, wer ich wirklich bin. Wer ist diese Person überhaupt?  Ich denke, ich bin etwa zu fünfzig Prozent die Person, die ich sein will.

  Meine Kindheit war sehr unerfreulich. Ich hatte einen trunksüchtigen Vater und eine misshandelnde Mutter. Während ich aufwuchs, hatte ich keinen Kontakt mit ihm. Wir hatten nie eine Unterhaltung. Ich frage mich oft, wie er ohne Alkohol gewesen wäre. Er lebte mit uns in dem Haus, aber er war selten zuhause, und wenn er nach Hause kam, stritten meine Eltern jeden Tag. Gewöhnlich kam er nach Hause und versuchte sein Abendessen zu sich zu nehmen und ins Bett zu gehen und uns gewissermaßen aus dem Weg zu gehen. Aber meine Mutter ließ ihn nicht. Sie war eher das Problem als mein Vater. Diese zwei passen sehr gut zusammen, der abwesende Vater und die betrogene Ehefrau, die so viel Wut hat. Sie war eine tobende Geisteskranke. Sie fing immer einfach mit den Abend-Ereignissen an, ständig keifend und schreiend. Dann misshandelte sie uns körperlich. Sie nahm sich gerne heraus, uns eine reinzusemmeln, eine sehr beschämende Art von Verhalten. Sie hat diese Art von Misshandlung in ihrer Vergangenheit.

  Meine Familie ist wie eine gestörte Familie aus dem Lehrbuch. Das war die Atmosphäre ringsum das Haus. In meiner Familie sagtest du nie, dass du etwas nicht tun wolltest. Du sagtest nie, dass du etwas nicht essen willst. Meine Mutter war so volatil, dass du einfach nie etwas angezweifelt hast. Und ich glaube, das hielt uns gewissermaßen genau so bei der Stange wie jede Drohung, für alle Ewigkeit in der Hölle zu schmoren. Ich wusste, mit ihr zu leben bedeutete, eine falsche Bewegung zu machen und sie würde explodieren. Also haben wir nichts gemacht. Ich weiß nicht, wie alt ich war, als ich das gelernt habe. Ich stelle mir einfach vor, das von ganz klein auf gewusst zu haben.

  Vor einigen Jahren war ich eine Zeit lang in Hypnotherapie. Wir machten eine Menge regressiven Stoff. Ich wusste nie, ob es aus der Realität kam oder nicht, die Dinge, die ich wahrnahm und interpretierte, oder ob sie Fantasien waren oder was auch immer. Aber in einer meiner Sitzungen erinnerte ich mich deutlich, wie ich als Baby in der Wiege lag und bewusst sagte: „Weine nicht, weil wenn du weinst, dann kommt sie. Du willst nicht, dass sie kommt.“ Sie war so eine furchterregende Macht. „Nein, du willst diese Frau nicht hier haben, also weine einfach nicht.“ Und das war sozusagen die Devise. Sie war so eine Narzisstin. Ihr Drama war der Brennpunkt unserer Familie. Niemand von uns widersetzte sich, grundsätzlich nicht. Wir hatten keine Gefühle. Wir hatten keine Meinungen. Wir redeten nie. Wir existierten einfach nicht. Ihre Wut, ihr Zorn, ihre Verbitterung war das Drama, das aufgeführt werden durfte. Und alles andere existierte nicht. So bist du immer im Abseits gestanden. Das ist ein ziemliches Ding.

  Bis heute tue ich mich unheimlich schwer, mich auszudrücken, besonders wenn ich wütend bin oder verletzt. Ich gewöhnte mich so daran, mit Schmähungen überhäuft zu werden und es nicht zu bestreiten. Die Leute konnten mich einfach verbal misshandeln oder emotional misshandeln, und ich akzeptierte es immer. „Okay, okay,“ sagte ich, egal, um Frieden zu halten. Als Mensch lerne ich gerade, wie ich mich um mich selbst kümmern kann. Ich wurde katholisch erzogen. Spirituell war das mein Glaubenssystem. Ich ging auf katholische Schulen und stellte es nie in Frage. Ich war ein gutes kleines katholisches Mädchen. Ich glaubte an Gott.

  Jesus, Familie, Amerika, Regierung, Rente, wenn man in den Ruhestand geht. Die Regierung ist gut, Ich bin gut, alles ist gut – auch wenn ich in meinem Zuhause die Hölle ausbrechen sah. Das einzige Mal, dass ich meinen Glauben angezweifelt habe, war in der High School. Sonntagvormittag spielte ich für die Messe die Orgel in der Kirche. Das war das einzige Mal, dass ich mehr oder weniger entfernt war. Wenn du direkt in der Mitte von etwas bist, kannst du es nicht sehen. Aber damals war ich ein bisschen oberhalb, beobachtete, was da alles geschah. Es war ganz anders, ganz fremd, wie: „Was machen diese Leute dort unten? Worum geht es da?“ Als ich auf’s College fortging, ging ich am ersten Sonntag, der daherkam, nicht in die Kirche – und es war meine Entscheidung, in die Kirche zu gehen oder nicht, während ich vorher keine Wahl hatte, nicht mal den Gedanken daran. Und von da an hörte ich einfach auf, ohne Schluckauf, ohne Seelensuche oder Schuld oder irgendwas. Es war vorbei. Es war erstaunlich für mich, wie schnell es einfach verschwand. Die katholische Religion ist dogmatisch. Du glaubst an das Dogma mehr als an deine eigenen Gefühle. Vielleicht war das der Nährboden für den Guru, weil ich dieses Dogma annehmen konnte und meine Gefühle nichts bedeuteten. Ich war es gewohnt, mich nicht darauf zu verlassen, dass meine Sinne und  mein Verstand mich führen würden. Ich war sehr daran gewöhnt, einfach zu folgen. Egal, was ein anderer mir sagte, fein, genau das hab’ ich getan.

  Ich war auf dem College, als sie Robert Kennedy und Martin Luther King Jr. erschossen. Das tötete meinen Glauben an die Regierung. Nach zweieinhalb Jahren auf dem College wurde ich allmählich politischer, fing an, ein paar Drogen zu nehmen. Und ich hatte so das Gefühl, dass ich nicht Teil des militärischen imperialistischen Establishments sein wollte, das Vietnam schuf und das Klassensystem in Amerika schuf. Ich wollte nicht in der Schule sein, sie fing an, mich zu indoktrinieren.

  Damals war es uncool, auf die Schule zu gehen. Die meisten von uns stiegen aus. Ich erinnere mich, wie ich zum Dekan ging und sagte: „Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Ich habe hier keine Perspektive.“  Was ich wirklich wollte, war, eine Künstlerin zu sein. Als ich ein kleines Mädchen war, hat meine Mutter das nie gefördert. Als ich aufs College ging, war das alles, was ich tun wollte, und sie ließ mich nicht. Sie sagte: „Als Künstlerin wirst du nie Geld machen, also kannst du das nicht machen.“ Als Erwachsene, vor drei oder vier Jahren – ich habe immer allen die Grußkarten gemacht – bekam sie eine meiner Karten und sie sagte: „Gott, du warst immer so eine große Künstlerin. Als du aufs College gingst, warum hast du nicht Kunst genommen?“ Und ich sagte – es war, als würde mein Magen gleich explodieren, und mein Herz fing zu pochen an – ich sagte: „Weil du es nicht zugelassen hättest.“  Und weißt du, was ihre Antwort war? „Warum hast du auf mich gehört?“

  Nachdem ich das College verlassen hatte, war ich ein „Hippie,“ ein Blumenkind. Ich war an einem Punkt in meinem Leben, wo ich nichts wollte. Ich wohnte mit ein paar anderen Leuten in einem kleinen Haus. Wir hatten keine Elektrizität, kein Wasser. Unsere ganze Kleidung war bei der Heilsarmee gekauft. Wir hatten keine Jobs. Wir lebten ein wirklich einfaches Leben. Ich habe nichts als liebevolle Erinnerungen an jene Zeit.  Es war so eine Art John Lennon Sache, wo wir eine Revolution wollen, aber stattdessen musst du deine Seele befreien. Wir erkannten gewissermaßen, dass die Veränderung von innen heraus geschehen würde. Wir wurden zu Spiritualisten.

  Als der Guru Maharaji aufkreuzte, war das sehr fruchtbarer Boden für seine Botschaft. Guru Maharaji war zu der Zeit wohlbekannt als ziemlich junger Bursche, der von Indien kam. Als ich ihn zum ersten Mal sprechen sah, war er dreizehn. Es war draußen in den Bergen von Colorado. An jenem Tag saßen wir einfach da und hörten zu, wie er sprach. Er sprach davon, den Frieden auf die Erde zu bringen. Darüber, Frieden und Verständnis in unser individuelles Leben zu bringen. Und darüber, ihm zu folgen. Es war ein sehr berauschendes Erlebnis. Tatsächlich halluzinierte ich. Es lag buchstäblich etwas sehr Magisches in der Luft, und ich nahm keine Drogen. Wirklich, sobald ich ihm begegnete, war es das. Ich nahm keine Drogen mehr. In seiner Gegenwart zu sein und die Dinge zu besprechen, über die wir redeten, versetzte mich einfach in einen gehobenen Geisteszustand. Ich war sehr angezogen von ihm. Ich wurde seine Anhängerin. Eingeführt wurde ich Colorado. Er hatte Initiatoren. Sie zeigten uns einfach, wie man meditiert. Es gab Techniken, die sie uns geheim zu halten baten. Es war eine lange Prozedur, viele Stunden. Der ultimative Zweck von all dem war die Hingebung an den Guru. Alles war darauf ausgerichtet, die Hingebung an den Guru zu entwickeln und zu vergrößern. Meditiere, um deine Hingebung zu verstärken. Weil wenn du meditierst, wirst du ein offenes reines Gefäß, und diese Liebe kann durchkommen.

  Zwei Monate lang ging ich mit einer Gruppe von fünfhundert Leuten nach Indien. Wir charterten zwei Jumbo Jets – einen von Europa und einen von Amerika. Wir waren alle da im größten Aschram, den der Guru in Indien hatte. Er war in Haridwar. Er war wunderschön. Er hatte wunderschöne Rosengärten. Das Grundstück lag direkt am Ganges. Der Himalaya war da. Als Hippie, der in den Bergen gelebt hatte, war ich sehr ans primitive Leben gewöhnt. Es gab dort sehr wenig Elektrizität. Es gab kein fließendes Wasser. Wir kochten unser ganzes Essen draußen auf offenem Feuer, in diesen großen Gußeisentöpfen. Wir wuschen unsere Kleider im Ganges. Einfach zwei Monate sehr einfachen Lebens. Meditation. Dienst tun den ganzen Tag. Dienst ist selbstloses Handeln in Hingabe an den Guru.

  Jede Nacht redete er. Es war faszinierend, ihn zu beobachten, und er war ein hübscher Anblick. Er hatte eine Form wie der Buddha. Sehr rund und korpulent. Goldene Haut. Wunderschöne Augen. Unglaubliche Hände. Sie waren sehr ausdrucksvoll;  er nutzte sie, um zu kommunizieren. Ich liebte es, einfach seine Hände zu beobachten, wie sie aussahen und wie er sie benutzte, wenn er sprach. Und er trug nette Kleidung. Er war wunderschön. Jede Nacht war wie eine Party. Es wurde immer gesungen. Hingebungsvolle Lieder. Indische Musik, Sitars, Tablas. Wir waren im Himmel – es war eine sehr berauschende Zeit. Ich hatte viele hocheuphorische Erlebnisse damals. Spirituelles Erwachen. Erlebnisse mit ihm, die dazu führten, dass ich übertrieben fanatisch wurde. Ich glaubte an ihn. Und ich glaubte, es sei meine Mission, seine Botschaft zu verbreiten. Das würde der Weg sein, auf dem der Friede auf die Erde gebracht werden würde. Wir würden diejenigen sein, die Aschrams gründen. Das hoffte er. Er würde uns nach da nach Indien bringen, und wir würden dieses kleine Saatgut sein, das er um die Welt herum zurückschicken würde, und genau das geschah. Wir kamen zurück und gründeten alle diese kleinen Zentren überall im Land. Wir fingen mit der Missionierung an.

  Das Hauptquartier entwickelte einige generelle Richtlinien, und wir setzten sie einfach um. Jedes Haus hatte eine Person, die für alles verantwortlich war, eine Person, die Kassenführer war. Eine andere Person war die Hausmutter, die sich ums Kochen  und Saubermachen kümmerte. Diese Leute arbeiteten nicht draußen. Sie waren in Vollzeit damit beschäftigt, den Aschram in Stand zu halten. Alle Haushalte wurden immer sehr sauber gehalten.  Die anderen Leute arbeiteten draußen. Ihre Einkommen gingen direkt in die Vereinskasse und ernährten uns alle. Ein großer Anteil von jedem Haus ging an den Guru.

  Der Aschram, den wir begonnen hatten, lag in der Randzone der Stadt, mit ein paar Morgen Farmland. Ein ganz normales Haus: moderne Küche, ein großes Wohnzimmer, das so eingerichtet war, dass Außenstehende nachts kommen und die Botschaft hören konnten. Die einzige Dekoration an den Wänden war ein Bild des Gurus und seiner Familie. Der wertvollste Besitz, den du haben konntest, waren Bilder des Guru. Ich hatte wahrscheinlich eine der besten Kollektionen ringsum – eine riesige Schachtel voller Bilder von ihm aus der Zeit, als er ein sehr kleines Baby war. Alles war ziemlich schlicht, spartanisch. Die Schlafzimmer hatten Etagenbetten. In einem Schlafzimmer waren in der Regel vier Mädchen in zwei Etagenbetten. Es war ziemlich voll. Als das Ganze zu wachsen anfing, bekamen wir große alte Häuser, die eine Menge Schlafzimmer hatten, und immer mehr Leute lebten in einem Haus, in einer Art Kommune. Es gab keine Privatsphäre.  Ich habe immer noch Albträume darüber, in dem Aschram zu sein, darüber, dass er so überbevölkert war. Du warst selten allein im Bad. Um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich es hasste: Ich lebe seit dieser Zeit allein. Aber damals war mir nichts bewusst, das ich mochte oder nicht mochte. Das war irrelevant. Der entscheidende Punkt war, dass wir ein Leben in Hingebung an den Guru lebten. Nicht anders als eine katholische Nonne. Wir glaubten an die Grundregeln der Armut, Keuschheit und Gehorsamkeit. Du hattest mit niemanden ein körperliches oder emotionales Verhältnis. Wir standen frühmorgens auf. Sangen diese Lieder und meditierten. Dann gingen wir los, um zu arbeiten. Wir gingen nicht ins Kino. Hielten uns nicht auf dem Laufenden mit den Nachrichten. Wir hatten keinen TV. Wir waren strikte Vegetarier im Sinne von kein Fleisch, Fisch oder Eier. Aber wir aßen sehr gut. Deprivation war kein Teil davon. Es war sehr offen – nicht dass wir eine weltabgeschiedene Gruppe von Leuten waren. Jede Nacht hatten wir hingebungsvolle Treffen. Es gab Musik, Musik, die unserem Lebensstil dienlich war. Wir hatten ein bisschen was von Al Jarreau.

  Ich hätte es nicht als Kult bezeichnet. Und ich hasste es immer, wenn die Leute es einen Kult nannten. Kult bedeutete für mich immer, du warst in dieser wirklich abgeschlossenen Umgebung und da waren Leute mit Gewehren, und Deprivation. Regeln. Wirkliche Indoktrination. Aber im Sinne von wir-gegen-sie, ja, war es ein Kult. Wir bezeichneten alle anderen als „die Außenwelt,“ wie z.B. „in der Außenwelt denken die Leute so.“ Das ist nicht anders als wenn du heranwächst; meine Mutter verwies immer auf die Familie auf der anderen Straßenseite. „Die Jones machen es so,“ etcetera. Wir/sie ist eine Methode, um Angst zu erzeugen, die die Herde eng zusammenhält. In der katholischen Kirche ist es die Angst vor der Hölle. Wenn du nicht katholisch warst, würdest du zur Hölle fahren, das war’s. Bei dem Guru dachten wir: „Die Außenwelt versteht es nicht.“  Zum Beispiel wurde es nicht unterstützt, dass wir in der Nähe der Familie waren. Das war etwas, das wir wirklich hinter uns lassen sollten. Für mich war es großartig, jemand, der mir sagte, es sei gut, meine Familie hinter mir zu lassen. Der Guru war unser neuer Vater, und seine Mutter war unsere neue Mutter. Die Familie konnte als Feind betrachtet werden, indem sie versuchen würde, uns wegzunehmen. „Die Außenwelt“ war der Feind in dem Sinne, dass ihre Ignoranz verhindern würde, dass der Frieden auf die Erde gebracht wird. Und das war unsere Mission – eine ziemlich edle Mission zu glauben, was du tust, trägt dazu bei. Ich erinnere mich, dass der Guru selbst mehrmals sagte: „Gerade jetzt leben wir in einer einmaligen Chance der ganzen Evolution.“ Genau das geschah. Ich hatte das Gefühl, dass ich als Anhängerin nicht gut genug war. Ich vergab die Chance der ganzen Evolution. Seine Initiatoren sagten: „Du warst millionenfach verheiratet, du warst millionenfach reich. Du warst millionenfach berühmt. Das ist jetzt die Lebenszeit, um hingebungsvoll zu sein. Reinkarnation war die akzeptierte Sache. Du warst hier auf diesem Lebensrad des Karma, und das war die Lebenszeit der Erleuchtung, so dass du vom Lebensrad absteigen konntest.

  So war unser Glaube. Ich hatte nie ein Gespräch mit ihm. Das war wie das Höchste:  In seine Gegenwart zu kommen und mit ihm zu reden. Wir taten alles dafür. Ich sagte zu ihm vielleicht ein oder zwei Worte. Natürlich war ich extrem nervös und verschüchtert. Ich sah ihn auf diesem Festival. Ich hatte schwer für ihn gearbeitet, ohne Vergütung. Ich lebte nicht in der Stadt, in der er lebte, aber mein ganzes Leben war auf ihn zentriert. Ich rief an und fragte, ob ich kommen und ihn aufsuchen könne. Und sie ließen mich zu ihm hinunterkommen. Ich war vielleicht fünf Minuten bei ihm. Er war wirklich freundlich zu mir, sehr nett, sehr liebevoll. Im Kern sagte er: Warum kommst du nicht und wohnst hier?“ Also habe ich das gemacht. Es war wie – so viel auszugeben, um einen kleinen Krümel zurückzubekommen, einen Krümel Aufmerksamkeit. Es ist ziemlich krank. Er war nie grob oder grausam oder so in der Art, aber es war einfach nicht richtig. Er ist nicht göttlich. Aber auf eigenartige Weise fühlte ich mich von ihm geliebt. Er war Gott, verstehen Sie. Ich musste die ganze Zeit in meinem Herzen mit ihm reden. Da war dieses ständige Beten und diese fortwährende Kommunikation. Ich glaubte, er könnte mich hören. Er könnte hören, was meine Sorgen waren und meine Gebete beantworten. Und ich glaube, in dieser Zeit habe ich einige gute Werte erworben. Selbstlosigkeit, Leidenschaft für etwas. Disziplin. Lernen, wie man das Beste aus sich herausholt, das sich manifestiert in dem, was du tust. Wenn ich etwas für ihn  getan habe, habe ich es bestmöglich getan. Zuwendung. Ich empfand sehr viel Liebe, wirklich sehr viel Liebe für die Leute. Es gab ein Familiengefühl, das ich natürlich nie gehabt hatte.

  Während meiner Zeit im Aschram war ich beinahe sieben Jahre lang in jemanden verliebt. Schließlich zogen wir zusammen aus und waren zwei Jahre zusammen. Aber ich lebte ein klösterliches Leben, und das war ein großes Nein-Nein für Beziehungen. Die meiste Zeit, die ich mit diesem Mann zusammen war, waren wir nicht sexuell, weil ich dafür einfach zu ausgeflippt war. Ich bekam schreckliche Schuldgefühle und mir war, als hätte ich die falsche Wahl getroffen. Ich hatte das Gefühl, mit meinem Weggehen einen Fehler gemacht zu haben und dass ich mit meinem Wunsch, mit diesem Mann zusammen zu sein, der materiellen Welt erlegen war. Ich fühlte, dass ich „die Chance der ganzen Evolution“ verpasste. Ich beendete die Beziehung und kehrte wieder zurück. Es war wirklich eine unglückliche Sache. Wir liebten uns sehr.

  Zuerst blieb ich jahrelang in der Umgebung des Aschram, denn ich glaubte wirklich, was ich tat, war gut. Aber nachdem ich aus Schuldgefühl wieder eingezogen war, wurde es hässlich. Ich arbeitete hart, wirklich lange Tage. Es gab eine Menge Zeug zu tun, und ich arbeitete doppelt hart, um zu beweisen, dass ich eine gute Anhängerin war. Wir planten Welttouren für den Guru und alle seine Initiatoren. Spenden sammeln, das jährliche Festival plannen, sein Haus in Schuss halten. Und ich begann, Fehler und Risse in der Organisation zu sehen – das Verhalten unter den Leuten im Umfeld. Der Machtrausch und so. Wir wurden die ganze Zeit angeschrieen, weil wir nicht genug machten. Die Leute, die näher am Guru waren, hatten eine bessere Lebensqualität. Die Häuser, in denen sie wohnten, die Autos, die sie fuhren. Sie schienen ein paar „süße Mäuse“ um sich zu haben. Während wir die Arbeitssklaven waren, und uns waren solche Vergnügen nicht erlaubt. Der Guru hatte eine reizende Familie, eine Menge Kinder, schicke Häuser, tolle Autos, während wir uns nicht einmal verlieben durften. Ein Jahr oder zwei, bevor ich fortging, hatte ich einen Zusammenbruch. Ich hatte Herzpochen, Ohnmachtsanfälle. Ich konnte die meisten Lebensmittel nicht essen. Sie ließen mich eine Pause nehmen. Ich nahm mir sechs Wochen frei und bekam meine Gesundheit zurück. Emotional fiel ich auseinander. Ich war nur noch ein emotionales Wrack. Ich hatte nicht viel Selbstwert. Ich hatte keine Identität mehr. Sie war mir nach und nach ausgesaugt worden. Ich war die ganze Zeit so aufgewühlt. Ich war einfach so unglücklich. Am Anfang war es euphorisch. Nach zwölf Jahren war es schlicht Elend. Ich wachte ständig mit dieser Angst auf: „Oh mein Gott, was ist, wenn die Außenwelt Recht hat?“

  Die Entscheidung wegzugehen war vielleicht ein Prozess von sechs Monaten. Ich fing an, darüber nachzudenken, hatte deswegen ziemliche Schuldgefühle, redete mit den Leuten darüber. Sie kamen und redeten mit mir und sagten mir, sie glaubten nicht, dass das ein weiser Zug sei, und dass ich mir wirklich viel verscherzen würde. Sie waren besorgt, und sie wollten sicher gehen, dass ich das Richtige tat. Niemand hat je versucht, mich hinaus zu bekommen. Gleichzeitig versuchte ich, wieder mit meinem Freund zusammenzukommen. Ich ließ ihn wissen, dass ich den Aschram verließ und dass ich mein Leben mit ihm verbringen möchte. Aber es war zu spät. Ich werde nie seinen letzten Satz vergessen. „Offen gesagt, mein Liebling, pfeife ich drauf.“

  Eine Frau, die eine Menge Arbeit direkt mit dem Guru gemacht hat, verließ ihn ein Jahr oder zwei, nachdem ich weg war. Ich hatte ein Gespräch mit ihr. Als auch für sie alles zu zerbröckeln begann, setzte sie sich eines Nachts zu ihm an den Esstisch und fragte ihn, was wichtiger sei, ihre persönliche Entwicklung oder ihre Hingabe an ihn? Er sagte: „Hingabe an mich.“ Da sagte sie einfach „Tschüss.“ Für mich brachte es das auf den Punkt. Es war alles für ihn. Ich hörte auf zu, ihn für etwas Göttliches zu halten und begann, ihn als sehr fehlerhaften Menschen zu sehen, genau so wie ich. Wissen Sie, im Alter von sieben Jahren sagte man ihm, er sei Gott und dass seine Mission sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Für ihn als Kind war sein Glaubenssystem auch ein ziemliches Durcheinander. Als Gott und der Guru, der den Planeten von allen seinen Krankheiten erlösen sollte, führte er nur aus, was ihm auferlegt worden war.

  Ich war zwölf Jahre lang in einer spirituellen Organisation, und das Endergebnis war, dass ich keinen Gott hatte. Ich war entblößt von jeder spirituellen Verbindung. Das ist die schlimmste Sache, die du einem Menschen antun kannst. Als Kind war mir das angetan worden; meine Seele wurde mir einfach ausgeschlagen. Dann wieder diese Situation. Zu der Zeit, als ich den Guru verließ, war ich an dem Punkt von „auch wenn er Gott ist, scheiße ich darauf, weil ich das nicht brauche. Wenn das Gott ist, wenn das das ist, was Gott mit meinem Leben macht, will ich Gott nicht.“ Ich war so leer, so bitter, ich glaubte an niemanden und nichts. Ich glaubte nicht ans Leben. Im Grunde hatte ich nichts mehr. Ein paar Kleider und Bücher. Eine Schachtel voller Bilder des Gurus. Ich stieg in das Auto und fuhr quer durchs Land – ganz allein dreitausend Meilen. Es war eine Kombination aus sich frei fühlen, entsetzt sein, allein sein, verängstigt, verwirrt. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Ich fuhr 600 Meilen am Tag, fünf Tage hintereinander. Ich war wirklich aufgewühlt. Als ich nach Needles kam, war ich völlig auseinandergefallen. Ich war körperlich krank. Ich rief meine Schwester an und sagte ihr, dass ich nicht wisse, ob ich noch weiterfahren könne. Ich weinte mir die Augen aus. Sie sagte nur: „Du schaffst es, du schaffst es.“ Ich stieg ins Auto und fuhr weiter. Ich kam um acht Uhr morgens in San Bernardino an. Verkehr Stoßstange an Stoßstange, und ich musste nach L.A. .  Und ich schrie aus voller Lunge: „Was mache ich hier?Was habe ich getan?“ Die Leute in den Autos neben mir müssen gedacht haben, dass ich eine entflohene Irre sei. An dem Punkt wusste ich einfach nicht, wie das enden sollte. Schließlich erreichte ich das Haus meiner Schwester. Ich hupte. Sie kam heraus. Ich konnte nicht einmal aus dem Auto aussteigen. Sie trug mich ins Haus. Ich schlief einige Tage lang. Weinte viel. Jedes Mal, wenn ich an den Guru dachte, wurde ich wütend. Wenn sie meinen Freund erwähnten, brach ich immer in Tränen aus.

  Danach war wirklich finstere Nacht für meine Seele. Ich hielt durch und hatte genug Kraft, einen wirklich genauen und strengen Blick auf mein Leben zu werfen und rauszufinden, wie ich die zweite Hälfte verbringen wollte. Mit den Jahren habe ich die Bruchstücke nach und nach wieder zusammengesetzt. Mein Ziel im Leben? Ich würde nur gerne wissen, wer ich bin. Es ist wirklich einfach. „Wer ist die Person, die ich sein will?“  Das ist die Person, die ich fühlen will.

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ENDE DES KAPITELS

 

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