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 Leseprobe aus Arthur Janovs neuem Buch "Beyond Belief"

(von mir übersetzt)

 

Dr. Arthur Janov:   Beyond Belief: Cults, Healers, Mystics and Gurus - Why We Believe

LLC Reputation Books, ISBN-10: 0986203173, 03. Mai 2016

                                                                                                        

Kapitel 21

Islam, Allah und die Kurzbahn in den Himmel

Warum bringen sich Selbstmordattentäter um und lassen andere allein zurück? Ich habe die Angelegenheit mit zwei islamischen Patienten von mir besprochen. Sie sagten, beide Eltern hätten ihnen, seit sie sprechen konnten, beigebracht, dass vor Allah nichts kommt. Weder Familie noch Freunde oder Land. Ist das also der Grund – der Glaube an Allah? Nein, aber es ist ein Anfang, weil man kleine Moslem-Kinder auch über den Himmel unterrichtet. Wenn sie aufwachsen, lernen sie, dass Selbstaufopferung die Abkürzung zum Himmel ist. Reicht das als Erklärung? Keinesfalls! Was erklärt die Sache? Mehrere tausend Jahre einer Kultur, die Individualismus und das Zeigen vieler Emotionen verhindert. Eine Kultur, wie meine Patienten erklären, in der Körperkontakt eingeschränkt wird und in der wie bei vielen anderen traditionellen Religionen strenge Regeln herrschen. Aufopferung ist der ultimative Weg, um Liebe und Belohnung zu finden – nicht in diesem Leben sondern in einem anderen. Ich glaube, wenn Menschen mehr Liebe in diesem Leben hätten, dann wären sie nicht so scharf darauf, es zugunsten einer imaginären Existenz zu beenden. Unterscheiden sie sich so sehr von jenen religiösen Fanatikern, die sich in Jonestown umbrachten? Ganz und gar nicht.

Wenn die Kinder alt genug sind, für sich selbst zu denken und ihre eigenen Gefühle zu verstehen, gewöhnlich im späteren Jugendalter, ist es oft schon zu spät. Glaubensvorstellungen ersetzen ihre wirklichen Gefühle. Schlimmer noch ist, dass diese Überzeugungen frühe Deprivationen beinhalten und die Kraft dieses frühen Schmerzes absorbieren, der ständig in Richtung linke Frontalzone des Gehirns unterwegs ist und den Glauben an Ort und Stelle hält. Fast alle Selbstmordattentäter waren unter 30 Jahre alt, die meisten Teenager oder Anfang zwanzig, in einem Alter, in dem die Kontroll-Sektionen der obersten Gehirnebene noch nicht ausgereift sind. Oft durften sie nie widersprechen oder Autoritäten in Frage stellen oder Älteren gegenüber ihre Gefühle ausdrücken. (Meine zwei Patienten bestätigen das für sich selbst, für ihre Schulkameraden und Arbeitskollegen). Jetzt können sie die ganze unterdrückte Wut und Frustration auf den „Feind“ loslassen. Ungeheuerlicher  Schmerz und eine Gewalt billigende Doktrin greifen ineinander und die linke Frontalzone wird überflutet und gezwungen, die absonderlichsten Vorstellungen zu entwickeln und hartnäckig daran festzuhalten. Das versetzt die Person in eine Art Koma, was bedeutet, dass das analytische Gehirn die Realität nicht mehr wahrnimmt sondern voll automatisch funktioniert – gesteuert von Kräften aus der Tiefe. Deshalb können sie ohne Reue töten. Es gibt da keine echten Gefühle sondern nur Glaubensvorstellungen; eine davon ist, dass sie nicht wirklich sterben; sie fahren in den Himmel, wo Dutzende Jungfrauen auf die Märtyrer warten. Ihr Opfer wird die größte Belohnung einbringen. Wenn Eltern das bekräftigen, wie es oft geschieht, hat die Person keinen Bezugsrahmen, um die Verrücktheit ihrer Handlungsweise zu verstehen. Die Zahl der Freiwilligen für Selbstmordattentate ist endlos. Sie mussten nur darauf warten, an die Reihe zu kommen. Sie brauchen keine Gehirnwäsche, um den Tod zu akzeptieren. Die ist mit der Zeit in kleinen Zuwächsen seit frühester Kindheit schon gemacht worden, um sich auf  „den Tag“ vorzubereiten. Und wenn sie es tun, dann gibt es immer die Belohnung – den Himmel – wo alles Liebe, Friede, Ruhe und Toleranz ist. Wenn ein Kind hier nicht geliebt wird, dann bedeutet das Leben nicht viel, denn es sind die Ungeliebten, die dem Leben nicht viel abgewinnen können. Ihr Schmerz und ihre Verdrängung verhindern, dass sie irgendetwas fühlen. Somit scheint die Aufopferung des eigenen Lebens keine so große Sache zu sein.

Schauen wir noch einmal nach Jonestown. Das Geheimnis jeden Kults, wenn er bestehen bleiben soll, liegt darin, die Sektenmitglieder von jedem äußeren Einfluss fernzuhalten. Gewöhnlich erlaubt man ihnen nicht, Familie oder Freunde für sehr lange Zeit zu sehen. Im Irak ist das kein Problem, weil das Land in vielerlei Hinsicht isoliert ist, die Frauen von den Männern, die Kinder von den Erwachsenen. Die Gewalt des Krieges ist ein weiterer Faktor. Viele „Bomber“ sind schwer verletzt worden, ihre Chancen auf Rehabilitation sind limitiert und sie haben scheinbar keine Zukunft. Sie entscheiden sich, auf eine Weise zu sterben, die ihnen auch das Gefühl geben würde, ihr Leiden habe einen Sinn gehabt. Es ist eine Jonestown-Sekte, wie sie im Buche steht. Die Fundamentalisten sind ähnlich. Im Mittleren Osten sind Familie und Freunde vielleicht die „Kult“-Mitglieder, die den Tod als Schnellspur zur Glückseligkeit bekräftigen. Es gibt wenige Enklaven der Vernunft, die eine andere Botschaft anpreisen. Man braucht nicht viele, aber es bedarf  wenigstens einer Insel gesunden Menschenverstands, um die Person von ihren Glaubensvorstellungen abzubringen. Oder um zumindest in eine andere Richtung zu zeigen. Aber diese Leute sind natürlich als Ketzer bekannt, und die Geschichte von Glaubenssystemen ist oft eine Geschichte der Gewalt gegen die Ungläubigen, in den Vereinigten Staten nicht weniger als im Mittleren Osten. Zu sagen „ich will nicht töten oder getötet werden“ wird von beiden Seiten als Feigheit betrachtet. Wir sagen: „Du kannst dich nicht aus dem Staub machen. Du musst bleiben und folglich töten.“ Sie sagen: „Tu es (töte) für Allahs Ruhm. Wenn du auch stirbst, wartet der Himmel auf dich.“ Töten wird zur Apotheose, zum Nonplusultra, zum edlen Opfer der Tapferen und Selbstlosen; auf beiden Seiten.

Wir müssen uns fragen: Warum sind diese Kulte und Glaubenssysteme das Vorzimmer zur Todes-Verherrlichung? Weil unter all dem Schmerz die äußerste Hoffnungslosigkeit liegt, jemals wirkliche Liebe zu bekommen. Das wird nie ausgesprochen sondern auf tieferen Bewusstseinsebenen einfach verstanden. Und für ein Baby/Kind bedeutet dieser Schmerz den Tod. Wir sind Geschöpfe, die geliebt werden müssen. Wir können den Schmerz bewusst verleugnen, aber unser Körper tut das nie. Er reagiert aus dem Schmerz heraus ohne sich je dessen bewusst zu sein. Der Schmerz wird selten erkannt, aber er verursacht Gewalttätigkeit, weshalb die religiösesten Gruppen in der Geschichte auch immer die gewalttätigsten waren. Wir müssen uns nur die Kreuzzüge anschauen oder die Inquisition - oder die Hexenverbrennungen in New England. Hier in den Vereinigten Staaten gewinnen die Theoconen an Macht und bestimmen die Politik mit - eine Politik des Krieges und des Tötens.

  Wieso sind wir uns so sicher über die Rolle verdrängter Gefühle? "Sich sicher sein" geht gar nicht in der Wissenschaft. Fakten „suggerieren" dieses oder jenes. Man „fragt sich“ über dieses oder jenes. Ich glaube, dass wir uns im Bereich der Gefühle und der Verdrängung ein wenig sicherer sein können. Wieso? Es gibt Gehirnforschung an Epileptikern, die unbehandelbar blieben, bis die Chirurgen das rechte und linke Gehirn voneinander trennten. Dies geschah, um die ziellose massive Entladung von Nervenzellen daran zu hindern, von einer Hemisphäre zur anderen überzuwechseln und Verwüstung anzurichten. Dann testeten sie die zwei Gehirnseiten. Sie machten etwas Lustiges mit der rechten Seite und die Person lachte; aber als man die Person auf der linken Seite fragte, warum sie lachte, musste sie sich zur Erklärung eine Vorstellung ausdenken, weil sie keine Ahnung hatte, was der rechten Seite zugetragen worden war. Ein Kommentar wie: „Ich lache, weil sie ein lustiges Hemd tragen“ wurde dann angeboten. Nun, im Fall großen Schmerzes kann die Information nicht rüberkommen; wir sind effektiv hirngespalten. Und wir hecken Ideen und Glaubensüberzeugungen aus, um einen Schmerz zu erklären, den wir nicht sehen oder verstehen können. Erleichtert wird uns das dadurch, dass die Glaubensüberzeugungen bereits fertig abgepackt und tragebereit im Zeitgeist liegen. Wir haben jetzt eine gute Vorstellung über die Verlaufsbahn dieses Schmerzes/dieser Deprivation/dieses Gefühls/dieser Hoffnungslosigkeit und wir können ihnen folgen, wenn sie nach oben steigen. Das ist ein Forschungsprojekt, das wir mit dem Radiologie-Labor einer größeren Klinik planen. Bald müssen wir nicht mehr raten, ob der Schmerz zu einem Gedanken wird und wie das geschieht, weil wir es auf unseren Magnet-Scans bildlich darstellen können.

Ich sehe es jeden Tag in meiner Therapie. Wenn Patienten in ihr Gehirn und in ihre eigene persönliche Geschichte hinabsteigen, verteidigen sie sich zuerst mit einem Gedanken wie zum Beispiel: „Meine Frau lässt mir keinen Atemraum und ich muss sie verlassen.“ Wenn er auf die Gefühlsebene hinabsteigt, erlebt er: „Meine Eltern ließen mich nie rasten oder schnaufen, ohne mir eine lästige Pflichtaufgabe reinzuwürgen.“ Und dann endlich: Vorgegebenen Nervenbahnen folgend geht er tiefer ins Gehirn und erlebt einen Atemstillstand oder eine Atemblockade während der Geburt wieder, als seiner Mutter eine massive Dosis eines Schmerzmittels verabreicht worden war. Oder die Patientin, die lautstark mehr Freiheit fordert, weil ihr Ehemann ihr keine Freiheit lässt, sich mit Freunden zu treffen, vor allem nicht mit Männern. Sie erlebt eine Zeit wieder, als ihre Eltern dasselbe taten, und dann erlebt sie wieder, wie sie im Geburtskanal gefangen war, blockiert, ohne Bewegungsfreiheit. Niemand suggeriert ihr das. Die Nervenschaltkreise machen das alles. Und wenn die Person voll fühlt, dass es keine symbolische Ideenbildung mehr gibt, dann ist sie verschwunden.  

Wir wissen aus Erfahrung, dass Patienten, die unter Schmerz stehen, zuerst auf der sich zuletzt entwickelnden Gehirnebene – auf der Ebene des Gedanken bildenden Neokortex – nach Gott oder Allah rufen. Sobald sie vom Glauben loslassen, können sie auf die Gefühlsebene hinabsteigen und Emotionen erleben, welche die sie überlagernden Gedanken/Glaubensvorstellungen aufzulösen scheinen. Wir sehen hier, wie Gefühle bestimmten Kern-Glaubensvorstellungen zugrunde liegen. Wir müssen sie nicht interpretieren; das geschieht von selbst –automatisch. Der Patient kommt aus dem Feeling raus und fängt an: „ Deshalb habe ich dieses oder jenes gedacht oder diese oder jenes getan.“ Aber rigide und dogmatische Leute können nie vom Glauben loslassen; es ist einfach zuviel Druck dahinter, der ihn aufrecht erhält. So fühlen sie nie, was darunter ist, oder können nicht einmal erkennen, dass tief drinnen ein Gefühl zugrunde liegt.

  Wenn jemand versuchte, diese fixierten und fanatischen Vorstellungen wegzureißen, stünde die Person nackt vor ihrem Schmerz. Normalerweise ist uns keiner willkommen, der oder die uns in Schmerz versetzt. Wenn es geschieht, folgt manchmal Gewalt. Es ist nicht so, dass jemand den Glaubenden in Schmerz versetzt; da ist er bereits drin. Es ist einfach so, dass der Glaubende, anstatt seine innere Agonie zu fühlen, die Quelle nach außen verlagern kann. Welche Agonie meine ich? Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit werden selten artikuliert, sind aber im Glaubenden immer gegenwärtig. Es besteht ein Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz in einer gewalttätigen, lieblosen und chaotischen Umwelt. Der Grund ist, dass am Lebensanfang fehlende Zärtlichkeit und Liekosung ein Leben lang diesen Rückstand hinterlässt. Es ist ein unvermeidliches Resultat fehlender Liebe. Und wenn Nähe zwischen Jungen und Mädchen missbilligt wird, verschlimmert sich das Verbrechen. Mädchen müssen von Kopf bis Fuss bedeckt sein. Keine Chance zu flirten. Es gibt immer mehr Frustration; sexuelle Frustration kann zu Gewalt führen und tut dies tatsächlich.

  Man könnte sagen, dass religiöse Glaubenssysteme abseits der Wissenschaft stehen und nicht analysiert oder hinterfragt werden sollten. Aber zieht man das Gütesiegel der Religion ab, sind sie noch immer Glaubenssysteme. Der einzige Unterschied ist, dass sie ein sozial institutionalisiertes und gebilligtes Gehäuse formen, eine gutartige und organisierte Psychose, wo man an etwas glaubt, dass nie jemand gesehen hat. Normalerweise kennt man das als Psychose. Wenn man sie mit Tausenden oder Millionen anderer Leute teilt, wird sie zur Norm – eine einvernehmliche Validierung; ich glaube, weil er glaubt – und er glaubt, weil ich glaube. Es gibt keinen anderen äußeren Bezugsrahmen, um die Realität von all dem zu analysieren. Wir „glauben“ es einfach. Aber oft ist der Glaubende bereit, für seine Überzeugungen zu sterben. Sehen Sie sich die japanischen Kamikaze des II. Weltkriegs an, die sich mit ihren Flugzeugen im Namen des Kaisers auf U.S. Schiffe stürzten – oder die Mönche in Vietnam, die sich selbst verbrannten. Das heiligste aller Güter – Leben – verliert seinen Wert. Die Kreuzritter sind ein weiteres Beispiel: Krieger, die durch die ganze Welt zogen, andere besiegten und den Eroberten ihren Glauben aufzwangen. Sie hatten das „Recht,“ im Namen Gottes zu töten. Wenn wir nicht glauben, dass Gott oder Allah oder Odin oder Zeus oder Huitzilopochtli tatsächlich zu diesen Leuten spricht, dann töten sie im Namen eines Wortes, einer Idee, eines Glaubens und nicht mehr. Sie erzeugen diese Idee im linken präfrontalen Areal und erheben dann Anspruch, dafür zu töten. Wenn man in einer Kultur lebt, in der die große Mehrheit an diesen Gott glaubt, wird seine Existenz durch den Konsens „bestätigt.“ Er wird unangreifbar. Gott helfe denen, die seine Existenz anfechten. Für Leute, die Zweifel haben, gibt es leider keinen Gott. Ebenso kann man sich im Fall der Ärzte fragen, die versucht haben sollen, den schottischen Flughafen und sich selbst in die Luft zu sprengen: Wie kann es sein, dass gebildete Ärzte, die den Hippokrates-Eid darauf geschworen haben, niemandem Schaden zuzufügen, genau das tun? Und sich selbst in diesem Prozess verbrennen? Offensichtlich übergibt das gebildete linke Gehirn die Macht an die stärkeren Gefühle, die Glaubensüberzeugungen weit über die gebildete Seite hinaustragen. Diese Gefühle existieren auf einem anderen Planeten – im rechten Gehirn. Der frühe Mangel an Liebe hinterlässt eine Leere, die mit Glaubensvorstellungen aufgefüllt wird, die jedes Verhalten steuern bis hin zur Ablehnung des Lebens. Es sind wirklich nicht allein Gedanken, die uns gegen den vergrabenen Schmerz verteidigen; es sind Gefühle, die die Gedanken steuern. Ihr Kraft ist die der Gefühle und nicht die der Gedanken, die an und für sich wenig Kraft haben. Also verteidigt man keine Glaubensvorstellungen; man beschützt Gefühle mit Glaubensvorstellungen – eine sehr wichtige Unterscheidung. Deshalb sind Deprogrammierung und Logik weitgehend nutzlos in dem Bemühen. Man benutzt nur einen anderen Gedanken, nicht um einen Gedanken sondern um ein Gefühl zu bekämpfen. Kein Gedanke ist so stark wie ein Gefühl; Gefühle sind Überlebensmechanismen. Sie erspüren Gefahr und Bedrohung und auch Liebe. Sie leiten uns durch das, was sich richtig anfühlt und nicht durch das, was wir uns als richtig denken.

  Es ist ein zweischneidiges Schwert – das Bedürfnis nach Liebe und die Angst vor dem Tod. Religion muss sich um beides kümmern. Das Erste ist leicht: Gott und Allah lieben dich und werden das auch im nächsten Leben weiterhin tun. Das hat eine große Anziehungskraft für die emotional Deprivierten. Die Leute, die Jim Jones in den Suizid/Tod folgten, waren überwiegend extrem deprivierte Menschen. Für den Gläubigen existiert der Tod nicht. Man geht nur in eine bessere Welt. Jeder Kult, den ich untersucht habe, hat dieselbe Dynamik. „Wir gehen an einen besseren Ort – ein Paradies, ganz anders als diese Welt“ Das bietet die Möglichkeit, den Tod zu verleugnen, ihn zu besiegen und seine Bedeutung zu mindern. Aber wir müssen andere von unserem Glauben überzeugen. Widerspruch können wir nicht zulassen, weil Schmerz und Tod und Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit auf der Lauer liegen. Wir werden töten, um zu verhindern, dass das geschieht. Warum wollen wir für einen Glauben sterben? Wir wollen nicht. Wir sterben für Gefühle, die nahtlos in Glauensvorstellungen übergehen; wir verteidigen dann den Glauben, wie ich schon gesagt habe, weil er uns effektiv verteidigt. Warum endet das fast immer mit dem Tod? Weil das Fehlen von Liebe genau das bedeutet. Wir brauchen Liebe von ganz früh an, um zu wachsen und zu reifen. Ohne sie verkümmern und sterben wir.

Die Selbstmordattentäter glauben wirklich, dass Allah sie auf eine heilige Mission geschickt habe. Wenn sie die Bombe detonieren, sind sie in einem hypnotischen Zustand; der Führer hat ihnen die Begründungen, die sie brauchen, eingeschärft, genau wie der Hypnotiseur seinem Klienten sagt: „Sie sind müde und schlafen ein.“ Wieso nur? Schließlich haben Sie letzte Nacht wunderbar geschlafen, aber hier kommt diese Autorität und überzeugt Sie, dass Sie müde sind, und Sie schlafen tatsächlich ein. Er hat allein mit Worten ihre Physiologie und Neurologie verändert. Also ist es gar nicht so schwer zu verstehen, wie der fanatische Führer das machen kann, wenn er die Quelle aller Weisheit ist und – nicht zu vergessen – aller Hoffnung. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Kriege. In der Schule lernen wir Geschichte durch die Daten der verschiedenen Kriege und der Kriegshelden. Es hat den Anschein, dass die Atmosphäre umso autoritärer und gewalttätiger wird, je näher Glaubensüberzeugungen und Religion der Regierung stehen.

  In vielerlei Hinsicht sind diese Selbstmordbomber in einem hypnotischen Koma. Sie sind eingeschlossen in tiefem Schmerz, handeln aber roboterhaft und ahmen Verhalten nach entsprechend  der vorgeschriebenen Regeln und der Befehle des Führers. Wir sagen, dass unser Gott der einzige ist, und sie sagen, dass Allah der einzige ist. Wer hat Recht? Haben beide Recht? Oder liegen beide falsch? Wie sollen wir das wissen, da es doch keinen äußeren Index gibt für das, was wir beide glauben.

 

Über den Glauben, der tötet

  Ja, Glaubensvorstellungen töten. Sie schaffen einen Zeitgeist für Mord. Gäbe es im Mittleren Osten keinen Zeitgeist für Mord, wäre die Mordrate vermutlich weitaus niedriger. Wie sonst ließe sich erklären, dass 150 Kämpfer beschließen, in eine Schule einzudringen und über 100 unschuldige Kinder abzuschlachten? Was anderes als reine, unverfälschte Mordgier hatten sie im Kopf? Was dachten sie sich? Sie dachten nicht. Was fühlten sie? Töten, Verstümmelung, Massaker. Warum? Weil diese Kinder der Nachwuchs von Militärpersonen waren. Und wie die Mörder sagten: „Wenn sie erwachsen sind, werden sie uns töten.“ Genau das sagten die Nazis, als sie Kinder töteten. Sie töten jetzt für mögliche Verbrechen in zwanzig Jahren.

  Zuerst kommt der Zeitgeist, dass es in Ordnung ist, Frauen zu töten, die keinen Schleier tragen, Karikaturisten, die sich Allah nicht fügen, Leute, die sich nicht gemäß ihren Standards kleiden, und so fort. Der Punkt ist das Töten; all den Hass freisetzen. Und woher kommt dieser Hass? Jetzt die leichte Antwort: fehlende Liebe. Kein geliebtes Kind würde je meilenweit reisen, um kleine Kinder abzuschlachten. Warum? Wenn Sie geliebt werden, dann haben Sie Gefühl für andere. Wenn man blockiert ist und Rachegefühle hegt, durchdringen sie alles Denken, weil tiefere Gehirnebenen höhere Ebenen einholen und jeden Anflug von Menschlichkeit verdrängen. Worum geht es bei der Rache? Vordergründig um Blasphemie gegen Allah. In Wirklichkeit um völligen Liebesentzug und um eine Atmosphäre des Todes für die Ungläubigen. Deshalb scheuen zivilisierte Gesellschaften auf der ganzen Welt die Todesstrafe. Sie wollen ihre Menschlichkeit nicht verlieren.

  Wie wir bei Al-Qaeda und ISIS sehen, können wir immer Gründe finden, um zu töten. Aber über unser Tun nachzudenken und Mord abzulehnen, weil es Mord ist, ist der Schritt zur Menschlichkeit.

  Ich bin kein Experte für den Mittleren Osten, auch nicht für ihre Politik oder Religion, aber ich habe Mörder behandelt. Keine Massenmörder sondern wuterfüllte Leute, und ich weiß, woher es kommt und wie es seinen Anfang nimmt. Bei Massenmorden müssen wir Sozialpsychologen zu Wort kommen lassen, die sich auf solche Dinge spezialisieren. Aber ich habe Erfahrung mit individueller Entwicklung.

In meiner Praxis habe ich gesehen, wie Patienten Kissen zerfetzten und auf Wände einschlugen, bis diese tiefe Löcher hatten. Ich habe reine Wut gesehen. Wie konnte das sein? Ich ließ es unter kontrollierten Bedingungen geschehen. Und in fast fünfzig Jahren unserer Therapie habe ich nie einen unerwünschten Zwischenfall erlebt. Im Gegenteil, der Ausdruck von Wut entlastet diesen Drang und besänftigt unsere Patienten. Aber es geschehen zu lassen bedeutet, gegen den ganzen Hintergrund der Psychiatrie und Psychologie anzugehen: In unserem Studium wurden wir davor gewarnt, Gefühle außer Kontrolle geraten zu lassen. Und so unterdrückten wir sie anstatt zu tun, was logisch ist: Gefühle herauszulassen.  

Ich sehe die Progression des Fühlens täglich bei meiner Arbeit mit Patienten. Zuerst kommen sie herein und sind wütend über dieses und wütend über jenes. Dann – nach Wochen oder Monaten in der Therapie – geraten sie in tiefe Gefühle und haben eine Riesenwut auf ihre Eltern wegen deren Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit; und dann der schwere Teil – sie um Liebe zu bitten. Es macht nichts, dass sie sie nicht geben können; was zählt, ist das Bedürfnis danach, ihr Bedürfnis, das den Schmerz beseitigt und befreiend wirkt, und das vor allem den Zorn beseitigt. Das ist keine von mir ausgeheckte Theorie. Es ist der Verlauf der Gefühle bei so vielen Patienten. Wenn dieser Primär-Zusammenhang fehlt, kann es reine Raserei geben; eine Empfindung, die tief unten im Hirnstamm existiert, wo es keine Worte und Gefühle gibt. Wenn diese Empfindung hochkommt und der passende Zusammenhang gegeben ist, kann sich die Wut der Person zum Beispiel gegen Leute richten, die gegen Allah lästern. Jetzt hat die Person ein Ziel, das weit von der wirklichen Quelle – dem Liebesmangel – entfernt ist. Und schlimmer noch, dieses Ziel wird von den Leuten im Umfeld akzeptiert. Jetzt haben sie erstarrte Gefühle und ein Ziel. Sie werden töten, nicht für Allah sondern für fehlende Liebe unter dem Namen Allah. Indessen riefen die Mörder in Paris, als sie töteten: „Rache für den Propheten Mohammed!“ Wenn sie nicht wirklich die Anweisung von Mohammed hatten, wer sagte ihnen dann, dass sie das tun sollen?

  Aber im Fall eines Massenzeitgeists gibt es einen Ansteckungseffekt, durch den das Gefühl Akzeptanz erlangt und sich verfestigt. Es wird zur Schande, die nicht zu töten, die keinen Respekt vor einem bestimmten höheren Wesen haben. Diese ganze Wut existiert auf der tiefsten Gehirnebene. Sie wird zur sozial institutionalisierten Psychose. Es gibt ein wahnhaftes Ziel; bestimmt kann sich kein gesunder Mensch vorstellen, dass Kinder eine Bedrohung und eine Gefahr sind. Und dann kommt der Zorn hoch und provoziert das Töten. Ich schreibe mit Bedacht „Psychose,“ weil es um einen Phantom-Feind geht in Verbindung mit mörderischen Impulsen, die durch keine höhere Ebene kontrolliert werden.

  Wo ist derselbe Zeitgeist? Derselbe Ort war gegeben während des Holocausts, als die Schwester Marlene Dietrichs gegenüber eines Todeslagers wohnen konnte. Dieser Zeitgeist rationalisiert und akzeptiert das Töten eines anderen Menschen. Juden, Ungläubige, das ist alles dasselbe, solange sie ihren aufgestauten Zorn freisetzen können. Oder wenn jemand eine rationale Begründung für das Töten anbietet, wie es der Fall ist, wenn wir die Todesstrafe empfehlen. Der erste Schritt im Zeitgeist ist die Entmenschlichung des „Feindes.“ Es ist leichter, einen Untermenschen zu töten als einen fühlenden Menschen; deshalb können wir Tiere jagen und töten, weil wir nicht verstehen, dass ihre Gefühlsbasis so groß wie unsere ist. Wir glauben nicht, dass sie fühlen können.

  Das liegt alles auf der persönlichen individuellen Ebene; wie Leute zusammen durchdrehen und schreckliche Dinge tun können. Denken sie? Nein, sie fühlen von ganz unten im Gehirn, wo das Haifisch-Gehirn auf der Lauer liegt. Das unterscheidet keine Ziele, solange sie wie Futter aussehen. Was denken die Haie und die Hai-Gehirne? Sie denken nicht. Sie handeln aus ungehindertem Instinkt.

  Was meinen Standpunkt zur Realität macht – Ich schrieb das zur selben Zeit, als eine Gruppe von Terroristen in Frankreich die Büros eines Magazins angriff, das sich über alle großen Religionen und Ideologien lustig macht, und zwölf Journalisten/Karikaturisten tötete. Sie riefen: „Preist Allah!“ Ihr Kumpel, der sich ebenfalls im Gefängnis mit ihnen radikalisiert hatte, lief ganz in der Nähe ebenfalls Amok und tötete weitere vier Menschen.

  Wie kommt es, dass er einen jüdischen Feinkostladen als Mordziel wählte? Weil in bestimmten Zeitgeisten die Juden bereits als Untermenschen betrachtet wurden. Wir müssen sehr vorsichtig sein, dass wir uns nicht an dem maladaptiven Zeitgeist beteiligen, der es überall leichter macht zu diskriminieren und letztlich zu töten. Das ist die Gefahr auch nur der winzigsten Beleidigung einer Rasse oder eines Glaubens. Es fügt sich der Geräuschkulisse des Hasses hinzu. Und der Hass wächst, bis die Gewalt ihr hässliches Haupt zeigt. Die Person (Jude, Homosexueller, Araber) ist das Ziel, um den Hass zu entladen. Und wohin, wenn überhaupt, sollte dieser Hass gehen? In Richtung ihres Lebensanfangs, zu den Eltern, die niemals liebten und zu einem Familienleben voller Chaos und Gewalt. Genau das hat den Hass aufgebaut und muss freigesetzt werden. Sie haben Leute getötet, die dem Götzendienst widersprochen haben, die sich weigerten, eine höhere Autorität zu lobpreisen und ihr zu dienen. Sie haben Leute getötet, die ihren Glauben nicht teilen wollten. War es nur Glaube? Nein. Glaubensüberzeugungen ohne die Wucht von Gefühlen nehmen nie diesen gewalttätigen Aspekt an.  

Nachdem die Terroristen von der Polizei getötet worden waren, gingen drei Millionen Franzosen auf die Straße um zu protestieren. Die Terroristen schienen zu wissen, dass sie auf einem Todesmarsch waren, und es war ihnen egal. Sie haben ihren Job gemacht; Wut freizusetzen und zu rationalisieren unter der Autorität von Allah. Und vor allem hatten sie das Gefühl dazuzugehören. Sie teilten ihren Hass mit anderen. Minimalisieren wir das nicht, denn jene Anhänger eines Führers in Waco, Texas, gingen in das brennende Gebäude zurück, als sie mit Flucht und Entkommen konfrontiert waren. Sie wählten lieber den Tod als fühlen zu müssen, dass sie vor dem Nirgendwo standen. Wenn es keine vertraute Familie gibt, dann besteht ein Ur-Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören.

  Ich habe es bei der Behandlung mexikanischer Banden-Mitglieder gesehen. Sie kommen hierher, kennen die Sprache nicht, die Väter mühen sich ab für den Lebensunterhalt, vernachlässigen die Kinder und schließen sich einer Gang an, um mit anderen reden zu können, um das Gefühl zu haben, dass sie dazugehören und erwünscht sind. Der Eintrittspreis besteht manchmal darin, einen anderen zu töten; oft jemanden vom Block weiter unten in der Straße. Diese Kinder sind einander Familie; sie brauchen eine Familie und jemanden, der sich um sie kümmert. Und sie fabrizieren sich Feinde; auf der anderen Seite des Gleises, aus einer anderen Nachbarschaft. Es spielt keine Rolle, solange sie ein Ziel haben, jemanden, den sie beschuldigen und dem sie ihre Probleme zuschieben können. Und sie finden diese Leute. Es ist ein gemeinsamer Feind, der in der Gruppe für Zusammenhalt sorgt. Dieser Feind beschert der Gruppe oder Gang mehr Nähe und Bindung untereinander. Was haben sie gemeinsam? Den Feind. Nimm den Feind weg, und es gibt weniger Zusammenhalt. In diesen Situationen bist du nicht sicher, wenn du anders bist.

  Ich habe einige Artikel über das französische Massaker gesehen, und einige behaupten, sie seien nicht psychotisch. Ich bin mir nicht sicher, was psychotisch ist, wenn man hingeht und hundert Kinder tötet, die überhaupt nichts getan haben. Es sind Psychologen, die hier schreiben. Der Anspruch der Terroristen ist, dass sie sich als Opfer von Ungerechtigkeit auffassen. Das mag stimmen, aber man schlachtet niemanden ab, der mit dieser Ungerechtigkeit nichts zu tun hat. OK, also denken sie, dass es Wahnvorstellungen geben muss, damit eine Psychose existiert. Ist nicht das, was diese Mörder glaubten, purer Wahn? Dass ihr Gott beleidigt worden sei und dass er die letzte Instanz der Wahrheit sei? Dass man töten muss, wenn andere diesen Wahnvorstellungen nicht zustimmen? Dass es alles im Namen eines Gottes oder einer Gottheit geschieht. Und dass die Gottheit dieses Gemetzel gutheißt und sogar darauf besteht. Somit bittet „Gott“ sie nicht zu lieben und andere zu achten; er will, dass sie umgebracht werden. Sie zelebrieren nicht das Leben, sie zelebrieren den Tod und bitten oft darum, getötet zu werden. Sie geben freudig ihr Leben auf, um als „Märtyrer“ bekannt zu werden. Für dieses Wort wollen sie sterben. Stellen Sie sich vor, das wertvollste Geschenk, das wir alle haben, ist das Leben. Es für ein Wort wegzuwerfen ist in der Tat psychotisch.

  Wer wird also getötet? Leute, die vom Zeitgeist abweichen. Und wer macht den Zeitgeist? Wir alle. Aber zuerst diejenigen, die davon profitieren. Kapitalisten, die Geld machen können, wenn wir uns fügen. Oder die Leute an der Macht, die gewillt sind, uns zu töten, um an der Macht zu bleiben.

Die regierenden Mächte wollen nicht, dass wir denken; sie wollen, dass wir glauben und dass wir uns in endlosen Studien der offiziellen Schriften engagieren, damit wir sie uns einprägen und damit wir leichter zu führen sind. Es sieht aus wie denken, aber in Wirklichkeit verdrängt es das Denken. Die Bandbreite der Ideenbildung hat ein großes intellektuelles Netz über uns geworfen, sodass die Mächtigen einfach an der Ideenbildung drehen und schrauben können und wir einfach folgen. Wir folgen so lange, bis sie uns einwickelt und wir ohne weitere Reflexion ihrem Geheiß nachkommen. Die Kontrolle ist jetzt innerlich; wir folgen einfach ihrem Diktat. Das ist die Fahrkarte; Gedanken einzuprägen, bis sie Teil von uns werden, und dann befolgen wir sie ohne zu fragen. Das ist ein echtes Prinzip in der Werbung: „Kauf diesen Truck, und du wirst stark sein.“ Das wird nicht gesagt sondern unterstellt. Wir füllen die leeren Stellen mit unseren versagten Bedürfnissen aus.

  Lassen Sie mich erklären. Wenn wir ganz früh verletzt werden – und dass bedeutet in utero, als Säuglinge und am wichtigsten in der frühen Kindheit – haben wir ein Abwehrsystem, das sich beeilt, den Schmerz einzudämmen. Für jedes größere Trauma scheint es eine gleich große und entgegen wirkende Abwehrkraft zu geben, die den Schmerz eingrenzt. Ich nenne dieses Abwehrsystem das Schleusensystem. Wer mit meinen Büchern vertraut ist, versteht, dass Abwehrmechanismen durch biochemische Mittel unterstützt werden, indem vom Gehirn Neurotransmitter in den Spalt zwischen Zellen abgesondert werden, sodass die Schmerzbotschaft nicht zu höheren Zentren wandern kann; somit können wir unbewusst bleiben. Um unser Mentalsystem weiter funktionieren zu lassen, schaffen wir Menschen es in der Regel, unsere schmerzvollsten Gefühle durch ein neurologisches System zu unterdrücken, das dafür errichtet worden ist. Bereits in den ersten Lebenswochen im Mutterleib können lebensbedrohende Ereignisse stattfinden. Die Mutter ist deprimiert oder verängstigt, nimmt Drogen oder trinkt Alkohol und achtet nicht auf ihre Ernährung. Im weiteren Verlauf kann es aufgrund ihrer eigenen erlittenen elterlichen Vernachlässigung und Gleichgültigkeit für den heranwachsendes Fetus zu einer Schmerzanhäufung kommen. Ihre Schleusen funktionieren nicht gut, und sie nimmt weiterhin Drogen, um ihren Schmerz zu unterdrücken. Die chemischen Substanzen, die mit diesen Zuständen einhergehen, ergießen sich in die Plazenta und beeinflussen den Fetus.  

Manchmal versetzt das Leben so harte Schläge, dass die Schleusen bersten oder in ihrer Wirkung nachlassen; das Ergebnis ist, dass sich in der Synapse nicht genug repressive Chemikalien wie Serotonin befinden, um die Verdrängung am Laufen zu halten, und wir haben eine schwangere Mutter in Aufruhr. Tief in diesem Aufruhr liegt Wut, die von verschiedenen Zielen aufgesaugt wird, selten den Eltern gilt. Aber es können Sozialisten sein, Unitarier, Vegetarier und so weiter. Oder die Vereinigungen, gegen die wir demonstrieren. Oder die Wall Street als ein weiteres Ziel; wählen Sie ihr Gift, aber das wirkliche Gift ist der tiefliegende Schmerz, der so viele von uns antreibt. Das verneint nicht die Wirklichkeit des Ziels, aber es hilft, die gewalttätigen Reaktionen zu erklären.

  Natürlich wächst nicht jedes ungeliebte Kind zu einem Mörder heran. Einige verlieren die Liebe, verzweifeln und finden dann Gott. Sie sind gerettet worden, gerettet von der Gottesidee, es sei denn, wir denken wirklich, ER kommt heraus und herunter von wo auch immer ER sich befindet und reicht uns die Hand. Aber nach Gott zu greifen repräsentiert die Hoffnung, geliebt zu werden, allerdings diesmal nur in der Fantasie. Andere fangen vielleicht an, den Schmerz zu fühlen, und greifen nach der Flasche. Wieder andere greifen vielleicht nach dem Hals der scheidenden Geliebten und würgen sie. Aber was sie alle gemein haben, was das Ausagieren obligatorisch macht, ist das Wiederaufwachen früher Deprivation durch eine gegenwärtige Situation. Amouröse Zurückweisung ist der Auslöser; elterliche Zurückweisung verleiht ihr Kraft.

  Denken Sie darüber nach. Der Terrorist fühlt, dass er geliebt wird, sobald er seine schreckliche Tat begeht; Leben umgekehrt. Er macht das alles im Namen Gottes, und da viele von uns unterschiedliche Götter haben, sind die Umsetzungsmöglichkeiten enorm.

  Wenn wir der Evolution folgen, wie ich es bei meinen Patienten sehe, so gibt es tiefe Gefühle, die sich ihren Weg nach oben in die Gedanken-/Glauben-Zone (Neokortex) des Gehirns erzwingen, und der Galube wird so hartnäckig wie das Gefühl selbst. Wir dürfen uns nicht allein mit den Glaubensüberzeugungen befassen, sondern müssen uns auch mit der zu Grunde liegenden/dahintersteckenden Kraft beschäftigen. Und tatsächlich scheinen sich die Glaubensvorstellungen – vor allem der Glaube an den Teufel -  in Luft aufzulösen, wenn wir Patienten dazu bringen, sehr tiefe Gefühle wiederzuerleben. Bei ISIS oder Al-Qaeda ist die antreibende Kraft hinter den Gedanken übermäßig groß; wir dürfen sie nicht unterschätzen. Diese Gedanken bringen niemand dazu, dass er/sie tötet; es ist die Wut, die sie antreibt.

  Eines kann ich überhaupt nicht verstehen, nämlich dass die übrig gebliebenen Journalisten nach dem Massaker eine weitere Ausgabe des Magazins herausbrachten und auf der Titelseite sagten, dass alles vergeben sei. Ich raff das nicht. Sind die religiösen Prinzipien so stark, dass sie sich über rationales Fühlen hinwegsetzen? Was mich stört, ist die Erhabenheit von all dem: „Wenn ich vergebe, stehe ich über dem Ganzen. Ich habe die Macht, diesen geringeren Geschöpfen zu vergeben.“ „Ich bin der große Vergeber.“

  Terroristen begehen ihre Taten immer für Liebe. Mohammed liebt mich und will, dass ich mich für die Sache in die Luft sprenge.  Immer noch dominiert das Bedürfnis nach Liebe. Das Rezept ist, wenn ich töte, werde ich geliebt. Immer noch dasselbe Bedürfnis, nur dass es eine tödliche Wende nimmt.

  Wenn Hunderte alle dasselbe glauben, besteht Gefahr. Es wird unangreifbar. Der Ansteckungsfaktor verleiht der Sache mehr Macht. Was ist die Antwort? Liebe.

 

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Vergessen Sie nicht, dass alle Glaubenssysteme im Gehirn auf genau dieselbe Weise funktionieren. Es tut absolut nichts zur Sache, was der Glaube ist; wenn es aufgrund frühen Fehlens von Liebe eingeprägten Schmerz gibt, dann werden Glaubensvorstellungen oft als Abwehr benutzt. Großer Schmerz, der tief im Gehirn aufgezeichnet worden ist, begibt sich auf den Weg zum rechten orbitofrontalen Kortex – die rechte vordere Spitze, die Gefühle erkennt, unsere emotionale Geschichte in ihrem Griff hält und die dann, wenn sonst alles normal ist, das Gefühl über die als Corpus callosum bekannte Brücke zum linken präfrontalen Areal transportiert, wo wir uns in der Regel des Gefühls bewusst werden. Im Idealfall herrscht Harmonie und wir können uns entspannen. Aber wenn es enormen eingeprägten Schmerz gibt aufgrund früher emotionaler Deprivation, fehlenden Körperkontakts, wenn die Eltern uns kaum je zugehört haben, die Stimmungen des Babys kaum beachtet haben und an und mit ihm keine Freude hatten, dann werden die Voraussetzungen geschaffen für spätere Glaubensüberzeugungen. Gefühle bewegen sich nicht mehr leicht von rechts nach links. Der Zugang des Gefühls im rechten Frontalhirn zur linken Seite und somit zu Bewusstheit und Verstehen ist erschwert (das Corpus callosum enthält verdrängende oder hemmende Neurotransmitter, die schleunigst in Aktion treten, wenn die Botschaft der rechten Seite „Schmerz“ lautet); stattdessen wird die linke Seite auf globale und diffuse Weise beeinflusst und das linke präfrontale Areal veranlasst, Glaubensüberzeugungen zu fabrizieren, um den Schmerz/das Gefühl zurückzuhalten. Jetzt mischt sich eine Kultur ein, die einen Satz Glaubensvorstellungen bereit stellt, um Gefühle zu unterdrücken. Sie werden ohne einen kritischen Gedanken adoptiert. In der Tat geschieht das gewöhnlich lange bevor das Gehirn weit genug entwickelt ist, um einen analytischen Gedanken zu erzeugen, lange bevor der vollendete zerebrale Kortex der obersten Ebene Begriffe bilden kann.  

Was mit dem Fanatiker geschieht, ist, dass diese Gefühle/dieser Schmerz im Gehirn aufsteigen und kortikales Bewusstsein überfluten. Es gibt tiefer im Gehirn keinen Anker, der ihm sagen würde, was angemessen ist, was moralisch und ethisch korrekt ist. Sie erfüllen „Gottes Gebot“, und somit muss es richtig sein. Und wenn die Älteren sagen, es sei moralisches Verhalten, andere und sich selbst in die Luft zu sprengen, dann hören sie zu. Ich habe angemerkt, dass John Lennon sagte, Gott sei eine Vorstellung, mit der wir unseren Schmerz messen. Und tatsächlich, je größer die Deprivation umso stärker das Bedürfnis nach Ideenbildung und Glauben. Wir alle brauchen so verzweifelt Hoffnung, dass wir bereit sind, die Liebe eines imaginären Wesens zu fühlen, das uns nur Symbole anbietet. Und wir sind bereit, jetzt darauf zu verzichten, um sie im nächsten Leben zu bekommen. Sie im nächsten Leben zu bekommen bedeutet, dass wir nicht sterben. Wir werden nur umgewandelt. Wenn Ihnen von ganz klein auf beigebracht wird, das zu glauben, wird es unabwendbar. Es wird Teil der Neurophysiologie. Es ist Ihr „Selbst.“ Und dieses „Sie selbst“ wird lange vor Ihrem Tod zusammen mit Ihren Gefühlen vergraben.

 

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Ende des Kapitels

 

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