Home    Artikel und Buchauzüge      Übersetzungen aus A. Janovs Webseite     Neue Beiträge       Primärtheorie und Primärtherapie         Buchübersetzung: Bücher von A. Janov  

20 Kernthesen der Primärtheorie und Primärtherapie        ArthurJanov.com         Facebook          Studien und Statistiken            Primalpage                Emak              Primaltherapy.com

Primal Mind                 Epilepticjourney

Leseprobe aus Arthur Janovs neuem Buch "Beyond Belief"

(von mir übersetzt)

 

Dr. Arthur Janov:   Beyond Belief: Cults, Healers, Mystics and Gurus - Why We Believe

LLC Reputation Books, ISBN-10: 0986203173, 03. Mai 2016

                                                                                                          

 

Kapitel 3

Schützender Glaube und das New Age

 

Der folgende Fall ist ein gutes Beispiel, wie jemand ausflippt, um sich Psychose vom Leib zu halten. Das heißt, bizarre Vorstellungen aufzugliedern und noch immer zu funktionieren. Wenn wir uns in der Vergangenheit schlecht fühlten, konnten wir uns der konventionellen Religion zuwenden. In weniger „modernen“ Gegenden der Erde und unter traditionellen Kulturen erfüllt diese „Alte-Zeit-Religion“ noch immer ihre uralten Funktionen: Bei den traditionellen Religionen besteht eine fundamentale Aufgabe darin, den Leuten eine Pause von ihrem Schmerz anzubieten. Religiöse Feiern und Glaube ersetzen zumindest zeitweise Hoffnungslosigkeit durch Hoffnung. Man könnte sagen: „Was ist mit wirklichem religiösen Glauben?“ Der fällt in der Therapie weg, ohne dass je darüber diskutiert wird. Keiner von uns versucht, einen Patienten von seinem Glauben abzubringen. Offensichtlich gibt es religiöse Überzeugungen, die von der Erziehung früh im Leben herkommen; und sie sind von Dauer – bis Gefühle dazwischentreten und die Person in Richtung Realität weisen. Warum sonst sollte man an Irreales, an Gottheiten oder Heilsbringer glauben? Aber diese Vorstellungen „kleben“ an uns, weil sie uns vielleicht schon immer bei Bedürfnissen und Schmerz aus der Kindheit geholfen haben. Je mehr ein Mensch den Schmerz fühlt, umso mehr scheint sich der darauf gründende Glaube zu verflüchtigen. Auch auf diese Weise erkennen wir, dass schmerzvolle Gefühle zu neurotischen Glaubensvorstellungen führen.

 

 

KERRY

 

Mystizismus war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Über einen Zeitraum von vier Jahren wuchs er sich zu einem Bezugsrahmen aus, mit dem ich vieles, was mit mir geschah,  erklärte.

  Die Anfertigung meiner mystischen Orientierung war eigentlich ganz einfach. Ich lebte einsam in der Wildnis, und ich musste mich selbst bestimmen und die Erfahrung, die ich als Person hatte. Wie sich herausstellte, war das einzige meiner Beschreibung entsprechende Etikett, das ich finden konnte, das eines Mystikers.

  Das Leben in der Wildnis trug zur Entwicklung meines Mystizimus bei, aber jetzt weiß ich, dass seine Wurzeln in der Kindheit gelegt  wurden. Ich konnte im Umkreis meiner Eltern überhaupt keine Emotionen ausdrücken, und irgendwie verlor ich meine ganze Lebendigkeit und mein Selbstgefühl. Die Verdrängung baute starken inneren Druck in mir auf und wandelte meine Psyche zu einem Ort, an dem sich unidentifizierte Kräfte offenbaren konnten.

  Mit achtzehn Jahren verließ ich die Schule, um Wildlife-Forschung in den Wälder zu betreiben. Wochenlang blieb ich allein, sah nur Wälder, Berge und Sumpfland. Diese Einsamkeits-Bedingungen wirkten auf mein Bewusstsein ein. Ich fing an, subtile Wahrnehmungen von der Landschaft und mir selbst zu haben und auf merkwürdige und unerklärliche Weise mit Tieren zu interagieren. Zum Beispiel dachte ich, ich könne Magnetismus fühlen für Säugetiere in den Wäldern – dass es möglich sei, gelegentlich zu spüren, wie sie mich von hinten anschauten, und dass ich besser vorsichtig mit meinen Augen sein sollte, wenn ich nahe zu ihnen kroch.

  Eines Nachts wachte ich mit Kitzelempfindungen in meinem Nacken auf. Sie waren wie sanfte elektrische Schläge, aber doch so aufwühlend, dass ich sie beim ersten Auftreten als verwirrend und quälend empfand. Ich brauchte einige Sekunden, um herauszufinden, was los war: Ein Hirsch ging draußen vor dem Zelt vorbei, marschierte sanft über den Waldboden. Ich hatte physische Hautreaktionen zu dem Geräusch, das meinen Körper traf. Mit meinen Ohren konnte ich kaum etwas hören, wöhrend das Kitzeln in der Haut sich wirklich  mit dem unsichtbaren Tier fortbewegte und eine präzise Richtung zu ihm anzeigte. Ich hatte intensive Geräusch-Wahrnehmung ohne wirklich zu hören und war erstaunt über diese Erkenntnis. Ich interpretierte diese und andere Tiererfahrungen mystisch. Ich sah mich im Kontakt mit unsichtbaren Kraftfeldern und mit einer längst vergessenen Kommunikationsebene. Durch einfaches Leben war ich zu einem Zustand zurückgekehrt, der an Frühmenschen erinnert. Ich hielt mich selbst für eine Inkarnation aus uralten Zeiten.

  Bezeichnenderweise sprach ich mit niemand darüber, was mit mir geschah. Zum einen war niemand da, an den ich mich wenden konnte, wenn diese Geheimnisse auftraten. Außerdem hatte die wenigen Male, als ich in die Stadt ging, keine engen Freunde, die ich treffen konnte. Was ich vielleicht hätte hören sollen, war etwas Liebevolles über Deprivation und die Nachteile der Einsamkeit für einen jungen Mann. Wenn das geschah, ging ich einfach zurück, um mich noch mehr den Bedingungen der Wildnis und ihren Stimmungen auszusetzen.

  Bald war meine Grundhaltung die, dass die Natur ausführlich Mächte und Einflüsse aus dem Jenseits manifestiere. Obwohl ich meine Arbeit vernünftig durchführte, hörte ich Stimmen von jedem Ort, auf den ich meine Aufmerksamkeit richtete. Ich hielt die Szenerie für einen lebenden Organismus, der mit mir sprach in den stillen Stunden des Tages und der Nacht. Die Botschaft war, dass ich die Leute verlassen und nachdenken sollte über die geheimen Gesetze des Lebens und der Seele. Ich vermute, es war meine eigene Psyche, die diese Botschaft ausheckte, und nicht die Natur. Da ich nicht einmal zu dem Versuch in der Lage war, Menschen nahe zu sein, musste ich zu Rationalisierungen Zuflucht nehmen und woanders nach den guten Gefühlen suchen. Mystizismus füllte die Leere, weil er Sekundenbruchteile der Erregung in mein stillgelegtes System brachte. Er wurde zu einem angestrengten Versuch, zu fühlen und lebendig zu sein.

  Nachdem die sonderbaren Natur-Ereignisse eine Zeit lang weitergegangen waren, fing ich an, über Mystizismus zu lesen und ihn zu praktizieren. Einerseits musste ich herausfinden, ob meine Erfahrungen von anderen geteilt wurden oder nicht und andererseits wollte ich in der Lage sein, mich nach Belieben in Trance und Ekstase zu versetzen.

  Die Nachforschungen in dieser Sache erbrachten überraschende Ergebnisse. In den Regalen einer Bücherei fand ich nicht nur ausgedehnte Literatur, welche die Phänomene bestätigte, mit denen ich mich befasste, sondern auch Erzählungen, die meinen Mystizismus als ziemlich blasse Manifestation dessen erwiesen, was er sein könnte. Ich konnte nicht wie Berichten zufolge einige Leute nachts meinen Körper verlassen und Glas allein durch mentale Konzentration zerbrechen. Allerdings glaubte ich, diese Dinge lernen zu können.

  Als erster Schritt trat ich der Rosenkreutzer-Brüderschaft bei. Diese Untergrund-Loge für spirituelle Läuterung schickte mir Instruktionen zum Selbststudium und versprach eine Methode, um die geheimnisvollen Kräfte des Geistes zu meistern. Auf Rat der Brüderschaft errichtete ich mein eigenes kleines Allerheiligstes und brachte Kerzen in mein Zimmer.

  Heute kann ich kaum glauben, was ich da hinter verschlossener Tür in den lautlosen Stunden der Nacht machte. Ich hielt Ausschau nach der Aura der Kerzen, und ich starrte in einen Spiegel, um ein Abbild meiner vergangenen Inkarnationen zu sehen. Ich führte auf dem Boden symbolische Riten durch und versuchte meine ganze schwache Konzentration zu sammeln, sodass ich über weite Distanz Gedanken austauschen konnte mit anderen Studenten der Rosenkreutzer-Lehre. Außerhalb meines Allerheiligsten war ich ein distanzierter Philosoph, der gnädig seine Bücher und seine wertvollen  melancholischen Launen behütete. Ich gehörte der geheimen Brüderschaft an, die diese Welt geküsst hatte und auf den Pfaden der Wahrheit und Ewigkeit schritt.

  Ein Mystiker meines Vaterlandes beeindruckte mich besonders. Für einige Zeit war seine Biographie meine heilige Schrift voller Erzählungen über bemerkenswerte Ereignisse. Ich konnte stundenlang vor einem Bild dieses Mystikers sitzen und seinen Gesichtsausdruck studieren. Er schien mir ein freundlicher Mensch zu sein, und ich wollte sein Grab sehen. Einmal in den Sommerferien machte ich mich auf die Suche danach, inständig hoffend, dass etwas Gutes geschehen möge. Ich fand sein Grab auf einem einsamen Friedhof. Ich betete und weinte fast an seiner Grabstätte. Aber die Himmel öffneten sich nicht und sandten keinen Donner.

  Mit der Zeit wurde mir zunehmend bewusst, dass Mystizismus nicht die Ekstase und das Wohlbefinden erzeugte, nach dem ich suchte. Ich zwang mich weiterhin, meinen Geist zu trainieren, aber das machte keine Freude. Immer mehr glitt ich ins Lesen ab anstatt zu praktizieren, sehnte mich nach dem einen Buch mystischer Offenbarung, das mich gut fühlen ließ. Ich war überzeugt, dass es irgendwo da draußen existierte und dass sich alles ändern würde, sobald ich es fände.

  So dehnte ich meine Suche nach Gesundheit ins Fachgebiet der Literatur aus, besuchte Büchereien und Buchhandlungen, wo immer ich konnte. Immer kam ich mit großen Hoffnungen an, ging aber in stiller Verzweiflung hinaus, weil dort nichts meinen Bedürfnissen und Erwartungen entsprach. In meinem letzten Frühling aktiven Mystizismuses geschahen einige erschütternde Familien-Ereignisse, die mich sehr verstört und deprimiert zurückließen. Es war schwer, das, was geschah, zu bewältigen, und ich machte nichts als mich an meine Bücher zu klammern und an meiner Bestimmung festzuhalten, mit der Wildnis Kontakt zu haben. Wiederum zog ich mich zurück, änderte meine Schlafgewohnheiten, sodass ich in der Lage war, ab vier Uhr morgens wach zu bleiben. Ich wollte in den frühen Tagesstunden am Fenster sitzen, die Vögel singen hören, das Licht hereinsickern sehen und beobachten, wie die Blumen sich öffnen.

  Ich besuchte zu der Zeit einige Schulkurse, konnte aber nicht aktiv daran teilnehmen. Im Klassenzimmer schlitterte ich ständig in Tagträume und erfand im Geiste lange Geschichten über einen Mystiker, der aus den Wäldern kam und die Zivilisation über ihre Verrücktheit aufklärte. Ich glaube, dieser Zauberer war ich, der von seinem Schmerz erzählen wollte.

  Frühere Gedanken über Reinkarnation kamen zurück. Dieses Mal war ich nicht der primitive Naturmensch sondern eher ein neuerer Charakter aus der Geschichte. Ich glaubte, ich sei ein Soldat im Russland des neunzehnten Jahrhunderts, der auf den Großen Ebenen kämpfte. Immer, wenn ich in diese Stimmung kam, schloss ich meine Augen und hörte den Zusammenprall der Kavallerie in einer schrecklichen Kriegsszene. Ich konnte Schwärme schwarzer Krähen auf dem Schlachtfeld sehen, auf dem überall tote Männer lagen. Der Feind verbarg sich;bereit uns in einer zweiten Angriffswelle auszulöschen.

  Die Angst war so stark und die Empfindungen so real, dass ich in Trance dasaß und das Klassenzimmer und die Leute vergaß. Ich zitterte innerlich und war von jeder Kommunikation abgeschnitten. Nach Unterrichtsende lief ich gewöhnlich hinaus, um mit mir selbst allein zu sein. Weil ich Angst vor den Krähen in meiner Vision hatte, fürchtete ich mich immer, wenn ich sie vorbeikommen sah. Ich wurde kreidebleich, als würden sie meine Schlüsselerinnerung aus der anderen Zeit auslösen.

  Ich war zweifellos auf dem Weg in den Wahnsinn. Weil ich meinen inneren Druck nicht als das fühlen konnte, was er war, fielen mir alle möglichen verdrehten Ideen ein. Ich wurde von Kräften überwältigt, die sich fremdartig anfühlten, weil ich sie nicht mit ihrer wirklichen Quelle verknüpfen konnte: mein verletztes Selbst.

  Mit schizophrenen Geistezuständen musste ich keinen Riten mehr nachgehen, um mich mystisch zu fühlen. Die spirituelle Suche brachte mich nirgendwohin; ich war transzendental, weil ich einfach da war. Als ich anfing, in der Psychologie nachzuforschen, um mich selbst zu erklären, entleerte sich mein Mystizismus.

  Die Primärtherapie half mir zu erkennen, inwieweit sich mein Mystizismus aus der Verdrängung und aus dem Gefühlsmangel heraus entwickelte. Zwanzig Jahre lang musste ich Freundschaften und Zuneigung entbehren, und ich musste mein Leben nahezu völlig auf mich allein gestellt führen. Die Einsamkeit verstärkte die Wut und den Schmerz, der nie ausgedrückt werden konnte, - die starken Emotionen, die ich bei meinen Eltern nie zeigen durfte. Die weggesperrte Spannung sickerte schließlich als Mystizismus heraus. Durch den Mystizismus wollte ich leben und fühlen, wenn die meisten anderen Ventile zwecklos oder blockiert schienen. Ich habe ihn verwendet, um meiner Verdrängung einen Sinn zu geben und um mein Gefühl des Ausgeschlossenseins zu erklären. Das spirituelle Verlangen, das mich zur Suche zwang, war ein symbolischer Wunsch, im Hier-und-Jetzt zu leben und sich innerlich gut zu fühlen. Die ganzen Dinge, die ich unternahm in meinem Bemühen, emotionale Gesundheit wiederzuerlangen, brachten mich von meinem wirklichen Selbst weg.

  Mein früher Mystizismus in der Natur war gekennzeichnet durch Ereignisse, die wahrscheinlich mit Begriffen der Biologie erklärt werden könnten. Aber die einsamen Bedingungen fragmentierten auch meine Psyche genügend, um Jenseitigkeit von der pathologischen Art zu begünstigen. Später versuchte ich, ein wirklicher Mystiker zu werden, und ich verlor mich noch mehr.

  In der Therapie hatte ich keine besonderen auf Mystizismus an sich bezogene Gefühle. Aber nachdem ich mich dem geöffnet habe, was vorher abging, würde ich sagen, dass er für indirekte Verknüpfungen zwischen meiner persönlichen Geschichte und seinem Inhalt gesorgt hat. Indem ich Zorn, Schmerz und Kummer gegenüber meinen Eltern ausdrückte, die so schlimm darin versagten, sich um mich zu kümmern, als ich klein war, habe ich genau denselben Kräfte-Pool angezapft, der mich früher überwältigte und mich glauben ließ, ich sei ein Mystiker. Als ich vor fünf Jahren in mir einen gewaltigen Schrei hörte und dachte, ich würde im Russland des 19ten Jahrhunderts kämpfen, war es die Projektion eines zurückgehaltenen Schreis, den ich an mein Umfeld hätte richten sollen, und zwar dafür, dass ich in diesem Leben unfair behandelt werde. Ich drücke diesen Schrei jetzt aus und richte ihn dorthin, wohin er wirklich gehört.

 

¨¨¨

 

Im Bereich der Neurose hatten wir vor der Ausbreitung so vieler neuer Glaubenssysteme nur eine enge Bandbreite an Taktiken, um mit eingeprägtem Schmerz umzugehen. Damals in den 1940ern und 1950ern wurden Leute, die einen einfachen „Nervenzusammenbruch“ hatten, eine Zeit lang aus dem Verkehr gezogen und zweimal am Tag mit kalten Bädern behandelt, um sie da  „herauszuschocken;“ einschließlich meiner Mutter, die als eine Art Schocktherapie jeden Tag im Ozean schwimmen musste. Die Glaubensvorstellungen, die sie entwickelten, um ihre Einprägungen zu symbolisieren, waren relativ unkompliziert, wenn auch ziemlich bizarr. Jemand schickte ihm oder ihr  Botschaften durch das Radio. „Sie“ befahlen ihm oder ihr, diese oder jenes zu denken und zu tun. In der Nixon-Ära waren es die Kommunisten, die bereit waren, einen Schalter umzulegen und das Hirn der Person zu sprengen. Wir wissen jetzt, dass der Schalter einfach der Primär-Trigger ist, der ein explosives Feeling auslösen könnte.

  Zu jener Zeit sagte die Freudsche Theorie, die das psychologische Denken dominierte, dass diese Botschaften aus einer unbewussten Quelle kamen, die damals als das „ES“ bekannt war. Die arme Seele litt ganz für sich selbst, einsam in ihrem Schlafzimmer, in der Einsamkeit gequält von ihren persönlichen Dämonen; kein Mensch hörte ihr zu, geschweige denn, glaubte ihr. Die Person ging nie zum Flughafen runter und versuchte andere zu bekehren, noch versuchte sie, irgendjemand von der Realität ihrer Einbildungen zu überzeugen. Der Mensch glaubte einfach, und das war’s. Er war damit zufrieden, seine Auffassungen für sich zu behalten, es sei denn, er wurde aufgerufen, seine Handlungen zu rechtfertigen, zum Beispiel, warum er die Tür seiner an das nächste Apartment grenzenden Wohnung zugenagelt hat oder warum er das Radio zertrümmert hat.

 

  ¨¨¨

 

Die New Age-„Religionen,“ Technologien und Glaubenssysteme vergrößern die Bandbreite der defensiven Auswahl. Wir können auf Anhieb genau die Art von Bewusstsein finden, die zu unserem Lebensstil, Geldbeutel und unserer inneren Bedürftigkeit passt. Wir können unser bedürftiges Selbst öffentlich übergeben an den Glauben an Astrologie, Pyramiden-Power, Vegetarismus, Buddhismus, Astralprojektion, außerkörperliche Erfahrung,Yoga und was auch immer. Wir leiden nicht mehr allein. Wir können uns mit einer Auswahl gleichgesinnter Gläubiger verbinden, unsere psychischen Abweichungen in einem System vereinigen, das nicht nur Schmerz vernebelt sondern ein gewisses Maß an sozialer Seriosität erlangt. Gequälte Seelen sind aus einsamen Schlafzimmern herausgekommen und zu einer sehr öffentlichen Mainstream-Bewegung geworden. Man kann sie in jedem größeren Flughafen in Amerika finden. Und der Paranoide von gestern kann heute eine Legion von Schülern finden.

  Wenn man die spirituelle Geographie des New Age aufzeichnet, zeigen zahllose ideologische Karten gut gezeichnete Routen zum Seelenheil. Anstatt den eigenen Weg durch die Schmerz-Wildnis zu finden kann der sich krank fühlende Mensch jetzt zusammen mit ähnlich verblendeten Suchenden einem eleganten Pfad unwirklicher Ideenbildung folgen und entlang des Weges im Sprechchor Slogans und Litaneien verkünden. Er kann auf Autobahnen zu „spirituellen Besinnungstagen“ in ländlichen Gemeinden losschwirren und im Hyperschalljet über den Ozean zu Meditationszentren im Himalaya fliegen. Und es macht nichts, dass der Guru Millionen von Dollars von Leuten genommen hat, die es sich kaum leisten können. Frühe Bedürfnisse führen sie dem zu, das sie zu bekommen glauben und nicht dem, was der Guru bekommt. Wie ich sagte, die Leute können nicht über ihr Bedürfnisse hinaussehen, noch kann das übrigens irgendjemand von uns.

  Es tut nichts zur Sache, ob die Person an das „ES“ glaubt, an Gott, Zen, an einen Wiedergeborenen aus Tibet oder an transzendentale Meditation. Neuronen und das Schleusensystem kennen den Unterschied nicht zwischen TM und EST oder Mantras aus einem Aschram. Aber alle schützenden Glaubensvorstellungen müssen einen Kern aus Hoffnung in sich tragen. Es ist die Emotion der Hoffnung, welche die neuroinhibitorischen Säfte zum Fließen bringt und ebenso einige der mobilisierenden Säfte. Um es korrekter auszudrücken: Es ist die eingebettete Hoffnungslosigkeit, die ihr Gegenteil – Hoffnung- entstehen lässt und die sie begleitende Biochemie der Hemmung oder Schleusung. Um noch präziser zu sein, es ist das Auftauchen des Schmerzes im Umfeld der Hoffnungslosigkeit, was den von Hoffnung umrankten Glauben und die damit einhergehende Sekretion von Serotonin erzeugt.

  Es gibt im Gehirn sogenannte Schleusen, die verhindern, dass die Schmerzbotschaft nach oben wandert und vom präfrontalen kortikalen Areal erkannt wird. Eine Kernmethode der Schleusenfunktion ist die Absonderung von Serotonin, das für die Schmerzbotschaft eine chemische Barriere errichtet. Der präfrontale Kortex unterscheidet nicht zwischen Allah und Baba Ram Dass. Der Inhalt zählt nicht; ein Glaube zählt. Jeder schützende Glaube dient derselben Funktion – Verdrängung, Absorbieren der Schmerzenergie. Diese Energie, die jetzt „Hingabe“ genannt wird, ist mit dem Glauben verschmolzen und wird in Inbrunst umgewandelt. Und wie hingebungsvoll jemand ist, das wird zum Maß für den Schmerz. Wie John Lennon es ausdrückte: „Gott ist eine Vorstellung, mit der wir unseren Schmerz messen.“ Man kann einem Guru ergeben sein oder einem Therapeuten, und aus denselben Gründen hat die Psychoanalyse so lange das Fachgebiet dominiert, obwohl kaum Forschungsbeweise vorliegen.

  Man kümmert sich um den Patient, sorgt für ihn, schützt ihn und redet mit ihm – alles wunderbare Preise im Schmerz-Gewinnspiel. Stellen Sie sich vor, dass sie alle drei Tage eine Autoritäts-Figur (Eltern-Ersatz) bekommen, die ihre Aufmerksamkeit eine Stunde lang nur Ihnen widmet. Der Patient bekommt symbolische Befriedigung.

  Der atavistische Sprung von privater zu sozialer Verrücktheit, von idiosynkratischen ideologischen Erfindungen zu sozialen Konstruktionen ist ein Zeitsprung von den Jahrzehnten privater Kunsthandwerker, die exzentrische Ansichten fabrizieren, zu einer Ära industriell gefertigter Ideologien, die den wachsenden Markt verlorener Seelen bedienen. Der mickrige Illusions- und Irrglaubens-Handwerker in der eigenen Garage ist von Glaubensgroßhändlern verdrängt worden, die ihre Arbeit aus glattpolierten Kommandozentralen heraus verrichten und dabei Technologien, Medien und ausgeklügelte Verhaltens-Methodik handhaben. Es ist ein sehr großer Sprung, wenn man - wie zuvor-  leidend in einem dunklen Zimmer liegt und jetzt in einem großen Auditorium sitzt und im Einklang mit tausend anderen jemandem applaudiert, der unseren gemeinsamen Irrsinn widerspiegelt. Noch besser ist, dass es jetzt nicht einmal mehr Irrsinn oder Geistesstörung genannt wird. Jetzt heißt es „Befreiung.“ Scientology ist das beste Beispiel, das ich mir denken kann. Weil die Gläubigen nur auf Pseudowissen zurückgreifen brauchen, sind sie zahlreich, lautstark und oft berühmt. Wenn man alles hat und sich noch immer elend fühlt (auch unbewusst), dann braucht man Magie.

  Das ist keine moralisierende Position. Es kann durchaus besser sein, wenn man ohne Schuld oder Schande irre oder wahnsinnig ist. Vorher hat man gelitten, wurde verrückt gemacht und fühlte sich wie ein Ausgestoßener wegen seines Irrsinns. Wenigstens ist man von dieser Bürde befreit. Jetzt kann man in einer entspannten High-Tech-Atmosphäre mit reinem Gewissen verrückt sein.

  Ein ungeliebtes Kind ist ein potentieller zukünftiger Glaubensanhänger. Nach meiner Erfahrung reflektiert die Unwirklichkeit des Glaubenssystems, zu dem ein Indiviuum Zuflucht nimmt, oft die Tiefe seiner Deprivation (die Intensität dessen, was ich eingeprägten Schmerz nenne) und den sehr frühen Zeitpunkt ihres Auftretens. Deshalb ist es so schwierig, hartnäckigen Glaubensvorstellungen auf den Grund zu kommen. Ihr Ursprung kann in den ersten Wochen oder Monaten des Lebens liegen. Das ist keine Spekulation: Patienten mit hartnäckigen Glaubensvorstellungen haben oft schrecklichen und ganz frühen Schmerz. Wir werden sehen, wie die Gefühle im Gehirn aufsteigen und zu den Gedanken bildenden Arealen wandern, wo sie automatisch in Glaubensvorstellungen umgewandelt werden. Je bedürftiger die Person ist, umso wahrscheinlicher akzeptiert sie einen Satz von Glaubensvorstellungen, die einem Außenstehenden absolut harrsträubend scheinen mögen: dass man Kommunikation mit höheren Mächten herstellt, indem man sich eine kleine Pyramide auf den Kopf setzt; dass man den Weltfrieden einleiten kann, indem man ein paar Handvoll Reis in ein „heiliges Feuer“ wirft und dabei ein paar Worte auf Hindi wiederholt; dass Armageddon gleich um die Ecke ist; das Allah groß ist und verlangt, dass man die Ungläubigen tötet. Es sind nicht unbedingt die Komponenten des Glaubenssystems oder nicht einmal der Führer/Guru/Priester/Mullah,  die den Gläubigen verführen. Vielmehr ist es das Bedürfnis der Person, das sie antreibt; das sie suchen lässt; das sie glauben macht, sie habe „die Antwort“ gefunden oder wenigstens einen Ort, wo sie sich vor dem Schmerz verstecken kann. Lassen Sie mich von vorneherein sagen, dass niemand anders die Antwort zu den Fragen des Lebens hat als Sie selbst. Wie Sie ihr Leben führen sollen, hängt von Ihnen ab und nicht vom Rat Außenstehender. Wenn also jemand „die Antwort“ anbietet, dann nehmen Sie sich in Acht! Jede Psychotherapie, die dazu beiträgt, Ihr Leben zu lenken, gehört in dieselbe Kategorie. Deshalb geben wir Patienten keine Anweisungen und teilen auch keine Weisheiten an sie aus. Wir müssen sie nur in Kontakt mit sich selbst bringen; der Rest obliegt ihnen selbst. Da draußen gibt es sogenannte Primärtherapeuten, die glauben, einer meiner Fehler sei, dass ich keine Richtlinien anbiete, wie man leben soll, sobald man seine Gefühlserlebnisse gehabt hat. Es ist eine arrogante Position, wenn wir glauben, wir wüssten mehr als andere über die richtige Lebensweise; außerdem gibt es nicht nur eine Weise. Es gibt Myriaden Wege oder Weisen, und es obliegt dem jeweiligen Menschen, eine zu ihm passende zu finden.

  Alles, was der Patient lernen muss, liegt bereits in ihm. Der Patient kann sich selbst voll bewusst machen. Niemand sonst kann das. Glaubensvorstellungen unterdrücken und beruhigen. Wir werden süchtig nach der Glaubensdroge. Glaubensvorstellungen müssen Hoffnung einbeziehen; und „hope is the dope.“ Mehr von der Droge – vom Glauben – ist nur nötig, wenn die Hoffnung zur Neige geht. Man kann mit einem einzigen leichten Schwung von Alkohol auf Glaube umschalten, weil beide dem gleichen Zweck dienen. Was der Führer vorhersagen muss, ist Hoffnung. Und zu viele von uns müssen glauben, dass irgendjemand irgendwo das Geheimnis des Lebens kennt. Der Gedanke wird uns unerträglich, dass alles Chaos ist und bedeutungslos und dass niemand für uns eine Antwort haben kann. Also suchen wir auch nach dem Sinn. Ich habe einen Klempner, der jedes Jahr nach Brasilien fliegt, um sich mit einem Guru und seiner Gruppe zu treffen, der die „Antwort“ zu haben scheint.

  Ein Beispiel: Ein Mann erlitt ein verheerendes Trauma gleich nach der Geburt, als er eine Mutter entbehren musste, die zwei Monate lang in eine Depression verfiel (postpartale Depression genannt). Das Neugeborene wurde praktisch nach nur einem Tag mit seiner Mutter verlassen. Seitdem plante er für Katastrophen, um nie mehr ahnungslos „erwischt“ zu werden. Er bereitete sich auf Erdbeben vor, indem er Lebensmittel im Keller hortete; und für Überschwemmungen stapelte er Sandsäcke um sein Haus. Er agierte gegen ein Desaster aus, dessen er sich nicht bewusst war – bis er die Ursache fühlte. Sein Glaubenssystem schloß das Bedürfnis mit ein, nach Colorado zu ziehen, um das Erdbeben und die Flut zu meiden, die Kalifornien hinraffen würden. Sein Glaube war haarsträubend, nicht aber für ihn selbst oder für gleichgesinnte Seelen, weil er mit seinem realen Gefühl und einem realen alten Ereignis übereinstimmte. Für ihn war er kurz gesagt real. Er war nichtsahnend von einer Katastrophe erwischt worden, die sein Leben ruiniert hatte und ihn schon früh im Leben voller Schrecken und ohne Beistand zurückgelassen hatte. Man konnte ihm seine Überzeugungen nicht ausreden, weil sie in einem wirklichen Ereignis wurzelten, auch wenn dieses Ereignis verborgen und schwer verständlich war. Dieser Schrecken wurde zu einem unterirdischen Strom, der später in Glaubenssysteme eingeleitet wurde, die diesen Gefühlen entsprachen. Natürlich kann man sein schreckliches Trauma um die Zeit der Geburt nicht in Begriffe fassen, aber die Grundlage für die Begriffe wird physiologisch verankert. Später bedarf es eines begrenzten Satzes intellektueller Glaubensüberzeugungen, um die Gefühle einzukapseln. Ich wiederhole: Wir haben kein Bedürfnis nach einem Glauben; wir glauben, weil wir bedürftig sind. Glaubenssysteme funktionieren als Abwehrmechanismen; sie sind wie starke Beruhigungsmittel, die den inneren Schmerz des Glaubenden unterdrücken. Der Glaube funktioniert auch auf physiologischer Ebene, indem er veranlasst, dass unser Körper natürliche Schmerzkiller absondert (Serotonin/Endorphine).

  Serotonin ist der Stoff, den Prozac, Paxil und Zoloft in angemessenen Mengen aufrechterhalten können, um Schmerz fernzuhalten. Entweder wir nehmen 10 Milligramm Prozac oder wir nehmen 100 Milligramm einer sehr starken und überzeugenden Idee – beides hat denselben Effekt. Beides schleust Schmerz im Gehirn und hält ihn im Unbewussten verbarrikadiert. Das eine wird von außen injiziert, das andere wird von innen injiziert. Und es ist kein Zufall, dieses Serotonin, denn von der Zeugung an können wir Traumen erleiden, die unsere Serotonin-Vorräte ständig vermindern. Und je früher diese Traumen sich ereignen, umso beraubter sind wir. So wachsen wir mit durchlässigen Verdrängungs-Schleusen auf,  die uns zwingen, Gedanken und Glaubensüberzeugungen anzunehmen, die eine erhöhte Inhibitoren-Produktion in die Wege leiten, um die Schleusen im Gehirn abzudichten. Natürlich sind sich die meisten von uns nicht dessen bewusst, was wir tun oder warum; wir tun es einfach aus einer biologischen/neurologischen Notwendigkeit heraus. Das System versteht, dass es Unterstützung bei den Schleusen braucht, und tut, was es tun muss.

 Die Wirkung von Serotonin/Endorphin ermöglicht uns Unbewusstheit. Sie wirken, indem sie die Übertragung der Schmerzbotschaft – zum Beispiel der Hoffnungslosigkeit (je geliebt zu werden) – ins volle Bewusstsein verhindern oder verlangsamen. Die Botschaft bleibt in ihrer Lagerbox, ein Areal, das wir als limbisches System kennen. Der Lagerplatz befindet sich weitgehend im tiefen Rechtshirn. Um die Botschaft zu fühlen und wirklich unter Schmerz zu stehen, brauchen wir Zugang zu unseren Gefühlen. Das Problem ist, dass diese Gefühle so erschütternd sein können, dass wir unsere ganze Energie darauf verwenden, sie zu meiden. Diese Gefühle fluten im Gehirn nach oben und nach vorne und üben Druck aus auf unsere Gedankenfähigkeit, wodurch oft bizarre Auffassungen entstehen. Der Wechsel findet statt von tieferen rechten Zentren zu höheren Gehirnzentren, dem Neokortex, und von der rechten zur linken Frontalzone. Diese unbewusste Speicherung ist ein wichtiges genetisches Erbe. Sie verhindert, dass das nach außen orientierte linke präfrontale Gehirn von hochflutendem Schmerz überwältigt wird, der uns dysfunktional machen könnte. Unbewusst gehen wir in unsere innere Apotheke und wählen Neuroinhibitoren, die bei der Schließung der Gehirnschleusen helfen. Diese Neurosäfte ergießen sich in den Spalt zwischen Nervenzellen (Synapse) und blockieren die Reise des Schmerzes zu höheren Regionen, wo wir uns seiner bewusst werden. Deshalb können wir bei vorhandener Verdrängung tief drinnen und drunten ein loderndes Feuer aus Schmerz haben und uns dessen völlig unbewusst sein.

  Wie sich Ideen entwickeln, sehen wir, wenn wir chronische Marihuana-Raucher unter die Lupe nehmen, die irgendwann sonderbare Gedanken und oft paranoide Wahnvorstellungen entwickeln. Hier ist eine Droge, die nach und nach eine funktionelle Lobotomie vollzieht, indem sie Gefühlsareale von höheren kortikalen Zonen trennt. Jede Raucher-Sitzung entfesselt mehr und mehr Gefühlsenergie, aber ohne Verknüpfungsmöglichkeit. Also haben wir eine Anhäufung unverknüpften Druckes auf die Gedanken bildenden Areale, die letztlich zu Paranoia führt. Warum jetzt Paranoia?  Weil Marihuana die Schleusen öffnet und dann den Schmerz anderswohin umlenkt. Welchen Schmerz? Meistens ist er von höchster Valenz; der Schmerz der Geburt und Schwangerschaft. Genau das verursacht bizarre Gedanken. Schwere Schmerzen, die nirgendwohin gehen können, üben einfach Druck auf den Kortex aus und zwingen ihn, Vorstellungen auszuhecken, die mit dem Gefühl übereinstimmen. „Sie wollen mich tot“ als Erfahrung der Todesnähe ist eine aus den Angeln gehobene Vorstellung. Das Gefühl an sich macht keinen Sinn, weil das ursprüngliche Gefühl keine Szene oder verbale Fähigkeit bei sich hat; es war in einer präverbalen Zeit ohne Kontext verankert worden.

  Wir haben genügend Erfahrung mit Paranoiden, um zu wissen, dass Paranoia durch sehr frühe Erlebnisse angetrieben wird. Leute mit lecken Schleusen, die kein Marihuana geraucht haben, können auch bizarre Ideen entwickeln. Der Pot macht die Schleusen durchlässig und schafft denselben Nährboden für Wahnvorstellungen. In dem einen Fall erzeugt sie das Leben; in einem anderen Fall machen das die Drogen, aber die Dynamik ist dieselbe. Wir sehen ein lebensechtes Beispiel, wie Gefühle die höheren Gehirnebenen motivieren, Gedanken und Glaubensvorstellungen zu entwickeln. Sie können nicht mehr Sinn machen als die Originalereignisse; z.B. Strangulierung durch die Nabelschnur. Dieses Ereignis braucht Verknüpfung. Andernfalls produziert es falsche Ideen und Vorstellungen. Und wir hängen an diesen Ideen entsprechend der Kraft der Gefühle, die uns antreiben. Gerade das ist die Abwehr; etwas, mit dem man Gefühle in Schach hält. Man nennt es ein defensives/schützendes Glaubenssystem. Manchmal streiten wir mit jemand und erkennen nicht, dass wir gegen eine unerbittliche Abwehr ankämpfen. Die Leute wollen nicht hören, was wir zu sagen haben. Sie wollen ihre Psyche schützen. Unermüdlich werden sie eine Begründung oder Rationalisierung nach der anderen finden.

  Durch Hemmung/Verdrängung weisen wir den sehr frühen Ursprung des Unbewussten nach.Verdrängung ermöglicht uns, eine Ladung enormen Leids mit uns herumzutragen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Sie gibt uns die Fähigkeit, Gedanken und Glaubensüberzeugungen zu entwickeln, die den Schmerz absorbieren, während sie ihn unbewusst hält. Das wiederum befähigt uns, die Menge der beruhigenden Chemikalien, die wir absondern, zu erhöhen und somit Unbewusstheit zu verstärken. So können Gedanken und Glaubensvorstellungen bei der Abwehr gegen das Wissen helfen, was in uns vorgeht.

  In diesem Paradigma stellen wir fest, dass wir Gedanken ändern können, ohne je darüber zu diskutieren. Wenn wir Schmerztöter verabreichen, die auf Gefühlszentren wirken, können wir die Wahnvorstellungen und andere Ideen und Überzeugungen verändern.

  Hier ist ein klares Beispiel, wie verdrängte Gefühle neue Gedanken schaffen. Und wenn wir diese Gefühle weiter blockieren, ändern oder beseitigen wir die Gedanken. Dieses Paradigma allein kann das Wesen der Psychotherapie veändern, weil auf unserem Fachgebiet die populären kognitiven Einsichtstherapien darauf basieren, dass Gedanken Gefühle ändern, wenngleich das Gegenteil wahr ist. Das Leitmotiv ihres Ansatzes ist die Notwendigkeit, dass Gedanken primär sind; obwohl Gefühle primär sind. Wenn das einmal akzeptiert worden ist, stürzt das ganze therapeutische Kartenhaus ein. Denn was sie versuchen, ist, Gedanken dazu zu benutzen, Gefühle zu ändern; eine vergebliche Übung, die zum Scheitern verurteilt ist. Gedanken sollen Gefühle nicht ändern; sie sollen Gefühle unterdrücken oder abwehren. Gedanken können Gefühle dämpfen, sie aber nie ändern. So gründen diese Theorien und Therapien auf  fehlerhaftem Wissen und ebenso auf fehlerhafter Wahrnehmung der Evolution. Wie kommt das zustande? Wenn in der Forschung Gefühle hervorgerufen werden, kann man den linken präfrontalen Kortex benutzen, um sie zu unterdrücken. Tatsächlich zeigen viele Studien, dass das Gedanken produzierende Gehirn umso mehr zu Aktivität gezwungen wird, je höher die Valenz der Gefühle ist. Wenn das Gedanken-Gehirn an Stärke gewinnt, verlieren die Gefühlsareale im limbischen System an Kraft. Oft ist es ein Schaukelkampf. Gefühle sind Überlebensmechanismen, die uns leiten sollen. Da sollte man sich nicht einmischen.

  Jemand hat eine Herzattacke und redet von dem großen Schmerz, den er erleidet. Er bekommt eine Demerol-Spritze und beginnt, über seine Pläne für nächste Woche zu reden. Was ist geschehen? Wir blockieren seine schmerzvollen Gefühle. Und dann ändern sich seine Gedanken. Gefühle haben die verbale Landschaft verändert.

  Unsere innerlich produzierten Tranquilizer errichten im Wesentlichen biochemische Barrikaden zwischen einer Bewusstseinsebene und einer anderen. Die Realität liegt auf einer Seite der Schleuse; die Unwirklichkeit liegt auf der anderen. Die rechte orbitofrontale Zone befasst sich mit innerer Realität, währen die linke präfrontale Zone sich mit Außen-Ereignissen befasst. Sie kann sich weigern, Gefühle anzuerkennen und handeln, als würden sie nicht existieren. Aber wir können Mutter Natur nicht täuschen; diese Kraft kehrt im Laufe des Lebens mit Vergeltung zurück. Wenn ich also von meinem Vater nie geliebt worden bin, kann ich mir eine „Heiligkeit“ ausdenken, die ganz Liebe ist. Das hält mich davon ab, dass ich mich zutiefst ungeliebt fühle. Im Gehirn liegt die tiefe Liebes-Hoffnungslosigkeit auf der rechten Seite, während die Gottheit, die ich mir anfertige, ganz oben vorne links ist (vordere Spitze, präfrontal).

  Eine Möglichkeit zu erkennen, dass massiver Schmerz die Schleusen veranlasst, ihre Tore zu schließen, leitet sich von der Entdeckung der „TENS“ ab (transkutane elektrische Nervenstimulierung). Mediziner benutzen ein TENS-Gerät, um Schmerz zu behandeln. Es kann implantiert werden, sodass der Patient einen Knopf drückt und die Nervenschaltkreise mit elektrischer Energie flutet, was eine Art Verschließen der Schleusen verursacht, ähnlich der Wirkung einer Morphinspritze oder der Sekretion von Serotonin/Endorphin. Während er die TENS-Therapie erhält, fühlt der Patient keinen Schmerz mehr, auch wenn er von einem katastrophalen Leiden wie Krebs befallen ist. TENS ist ein neutraler elektronischer Input ohne Inhalt. Dennoch ist er wirkungsvoll. Der Unterschied zwischen ihm und einer Einprägung liegt darin, dass die Einprägung einen Inhalt hat. Manchmal hat dieser Inhalt keine Worte (Strangulierung durch die Nabelschnur), ist aber nichtsdestotrotz von großer Kraft. Es scheint ein neurobiologisches Grundgesetz zu sein, dass jede Art neuraler Überlastung ein Verschließen/einen Stillstand des Systems verursacht. Elektroschocktherapie ist dafür ein gutes Beispiel. Angehäufter Primärschmerz wird zu einem massiven Informations-Input, der unausweichlich Verdrängung erzeugt und die Schleusentore verschließt, sodass ein Teil des Gehirns nicht weiß, was der andere fühlt oder macht. So wird Ersticken bei der Geburt nicht als Gedanke registriert sondern als physiologische Tatsache. Sie wird zu einem Gedanken, wenn sich das Gehirn weit genug entwickelt hat, um Gedanken zu produzieren. Dann kann es zum Beispiel produzieren: „Hier drinnen ist keine Luft“. „Meine Arbeitskollegin erstickt mich mit ihren Fragen.“ „Ich habe hier keinen Raum. Ich ersticke hier in dieser Atmosphäre.“ Eine leicht stickige Atmophäre in der Gegenwart kann diesen großen Schmerz  und mit ihm eine übertriebene Reaktion auslösen. „Ich muss diese Frau verlassen, weil sie mich erstickt.“ Denken Sie daran, es gibt eine Schmerzkette, ein Netz von Gehirnnetzen, die miteinander verknüpft sind. Es beginnt am Lebensanfang und wird weiter ausgearbeitet, wenn wir reifen. Und wir suchen die Hierarchie der Traumen in umgekehrter Reihenfolge auf, weil die letzten Schmerzen im Allgemeinen die am wenigsten qualvollen sind, während die frühesten die schlimmsten sind.

  In unserer Therapie gehen wir durch dasselbe Netzwerk zurück, das an dem Ausarbeitungsprozess beteiligt war. Sobald der Patient in ein Gefühl eingeschlossen ist, können wir ihm helfen, entlang der Gehirnschaltkreise zum Ursprung des Ganzen zu reisen. Nicht weil wir die Sache steuern – das können wir nicht. Aber wegen des Resonanzfaktors können bestimmte Gefühle dieselben Frequenzen haben, sodass der Patient, sobald er in einem Gegenwartsgefühl steckt – sie erstickt mich -, durch diesen Resonanzfaktor den ganzen Weg zurück bis hinab zu den Ursprüngen gehen kann. Somit entwickelt sich das Gehirn ab der Einprägung der Nabelschnur-Strangulation und befördert diese Erinnerung weiter vom Hirnstamm aufwärts zum limbischen System bis zu ihrer Endstation – Gedanken und Glaubensvorstellungen.

  Es ist wirklich ein einheitlicher, geschlossener, zusammenhängender Schaltkreis, sodass spätere Ereignisse einfach das frühere Gefühl verstärken und es schließlich zu Begriffen oder Glaubensüberzeugungen ausarbeiten. Somit haben wir ein System im Gehirn, das zusieht, dass wir nie voll bewusst werden (voll bewusst bedeutet die Zusammenführung tieferer Bewusstseinsebenen – das Unbewusste -  mit höheren Ebenen). Das ermöglicht uns, eingeschränkt bewusst zu sein; aber diese Bewusstheit kann eine Abwehr gegen volles Bewusstsein sein. Man kann sein Faktenwissen, sein Wissen  über frühe Geschichte, über die Weltreligionen, über Mathematik vermehren, und das alles zu dem Zweck, volles Bewusstsein zu unterdrücken. Hier dient Bewusstheit als Abwehr gegen volles Bewusstsein; in der Einsichtstherapie erlangt man durch Einsichten immer mehr intellektuelle Bewusstheit, während man sich seiner Gefühle immer unbewusster wird. Deshalb beharre ich darauf, dass alle aktuellen Therapien die Werkzeuge der Verdrängung benutzen  -  nicht vorsätzlich, aber wenn Gefühle nicht das Ziel sind, dann gibt es keinen anderen Weg als Verdrängung.

  Die Hauptfunktion der Verdrängung ist, uns vom Kontakt mit (innerer) Realität fernzuhalten. Deshalb können wir intellektuell sein aber nicht intelligent. Wir können ein Raumschiff steuern aber nicht wissen, was uns um diese Welt steuert. Faktenwissen ist bedeutungslos, wenn wir nicht mit dem Trinken aufhören können oder wenn wir keine Beziehung  zu anderen aufrechterhalten können. Wir werden von Ideen angezogen, die uns helfen, uns zu verteidigen und uns wohlzufühlen, während wir Gedanken meiden, die uns bedrohen. Wir wollen Gedanken hören, die unsere neurotische Weltsicht bekräftigen, denn anderes zu hören kann einen emotionalen Lavastrom auslösen, welcher der frühen Wirklichkeit der Nicht-Liebe entströmt, ein Schmerzvulkan, den Gedanken allein vielleicht nicht deckeln können. Irreale Leute heiraten andere irreale Leute, und es ist alles gut mit der Welt. Keine Bedrohung, kein Lernen, keine Veränderung, keine Evolution. Wen kümmert’s, wenn sie glücklich sind? Niemand.

  Bestimmte Gedanken agieren nicht als Opiate  - sie sind Opiate. Sie erzeugen dieselben biochemischen Wirkungen wie eine Morphin-Injektion. Ein Mensch, der früh im Leben niemanden hatte, der/die ihn hielt und liebkoste, ihn beschützte und ihm sagte, dass er wundervoll ist, wird diese Art von Droge brauchen, um den Schmerz unerfüllter Bedürfnisse zu besänftigen. Hier ist ein Kommentar, den mir heute einer meiner depressiven Patienten geschrieben hat:

 

  Ich bin so frei und beschreibe kurz (!) das Primal, das ich gerade hatte, den es scheint ein ziemlicher Durchbruch zu sein, und ich verstehe jetzt so viel mehr davon, was meine Gefühle und mein Verhalten gesteuert hat.

  Zuerst muss ich sagen, dass die letzten paar Monate hart waren, hauptsächlich weil ich in den schlimmsten alten Gefühlen aller Zeiten stecke, und auch weil meine Freundin und ich im Guten auseinandergegangen sind. Ich werd’s natürlich übermäßig vereinfachen, aber die alten Gefühle zentrieren sich um das Problem, dass, als ich klein war und Qualen litt (gewöhnlich auf meine Mutter bezogen, die meine Existenz übelnahm), niemand da war, um mich aufzunehmen und zu halten und damit den Schmerz wegzunehmen. Aber der schlimmste Teil dieser Vernachlässigung war, dass es die Zurückweisung war, die den Schmerz unerträglich machte. Ich fühlte: „Du musst mich nur umarmen, aber du tust nicht einmal das, weil ich dir gleichgültig bin.“ Und das verdoppelte den Schmerz, bis er mehr war als ich aushalten konnte. Das ist die Wahrheit, die ich vergraben musste, als ich mich mit etwa sieben Jahren verschließen musste, als ich weinte und meine Eltern lachten – („sie machen es immer noch schlimmer“). Immer wenn später jemand, dem ich vertraute, mich verletzte oder dieses Vertrauen enttäuschte, löste das diesen alten überwältigenden und unerträglichen Schmerz aus.

  Was ich heute als erstes fühlte, war die Erinnerung, wie perfekt es war, als meine Freundin und ich vor ein paar Jahren Urlaub in Havanna machten, und diese Traurigkeit erinnerte mich daran, wie ich klein war und nach meinem Papa schrie, dass er nach mir sehen und mich halten und den Schmerz beenden sollte. Aber als ich mich erinnerte, dass niemand zugegen war, der sich sorgte, wurde meine Reaktion hauptsächlich körperlich, indem ich herumsprang und um mich schlug, bis ich erschöpft war. Später wurde dieselbe Energie/derselbe Schmerz psychologisch, als ich von einer Philosophie zur anderen wechselte, um meinen Seelenfrieden zu finden.

  Danach verstand ich das Muster, das mein ganzes Leben regiert hat. Zuerst löst etwas diesen Kernschmerz aus („Ich leide schreckliche Qualen und ich bin allein, und dass sich niemand um mich kümmert, DAS macht den Schmerz unerträglich – ich kann es nicht mehr ertragen und ich will sterben“). Wenn Denken nicht hilft (z.B. „das geht vorbei“) und wenn die emotionale Intensität zu stark ist, um das Gefühl zu unterdrücken, dann bleibt einzig die körperliche Abwehr übrig, das heißt, die einzig übrige Möglichkeit, mit der Intensität und Valenz des Schmerzes klarzukommen, ist eine körperliche Reaktion: Beschleunigter Herzschlag und schnelleres Atmen, sich verspannen, schreien, herumlaufen, und so fort. Zuletzt dann hülle ich mich selbst in einen Fantasie-Helden ein oder in eine Gottheit, die gleich kommen wird, um mich zu beruhigen und den Schmerz wegzunehmen. Aber wenn der Schmerz zu groß ist und ich mich hoffnungslos und hilflos fühle, dann kann ich nicht einmal mehr kämpfen, und es bleibt nichts als die parasympathetische Reptilien-Verteidigung: Aufgeben, kollabieren. Dann kann ich an nichts mehr glauben. Ich verzweifle am Leben.

_____

 

Innere Tranquilizer haben einen Pollyana-Effekt. Sie gestatten uns, mit Glaubensvorstellungen „auf die helle Seite zu schauen“ anstatt auf die dunkle Seite unserer selbst. Die Reagan–Jahre wurden von jemandem charakterisiert, der immer auf die helle Seite schaute. Dieser Optimismus war ansteckend, auch wenn er vielleicht irreal war. Er wurde von Leuten angenommen, die Vergangenheit und Gefühle nicht erkunden wollten. Er war perfekt dafür – ein Mann mit wenig Zugang zu Gefühlen, der eine Weltanschauung des Verleugnens und des Vergnügens konstruierte. Wenn wir die Leute fragen, ob sie für Schmerz und Befreiung votieren oder für Vergnügen, ist die Antwort eine ausgemachte Sache. Der Mann, der sich bei dem Attentatsversuch für ihn eine Kugel in den Kopf einfing, wurde von ihm im Krankenhaus fast nie besucht. Hatte er Gefühle für diesen gelähmten Menschen? Reagan votierte weiterhin gegen Schusswaffen-Kontrolle. Gedanken hatten Vorrang vor Gefühlen. Schließlich wurde er doch ebenso von einem Wahnsinnigen niedergeschossen, der niemals eine solche Waffe hätte haben dürfen. Die Logik hat nicht viel zu sagen, wenn vergrabene Gefühle, die in ein eisernes politisches Glaubenssystem transformiert worden sind, den Verstand übertrumpfen. Wenn Ihr Innerstes auf den Kopf gestellt wird, können Sie die Welt leicht aus einer verzerrten Perspektive anschauen. Wenn man Ihnen Ihre Menschlichkeit geraubt hat, übernehmen Sie vielleicht eine Philosophie, die Besitz als erstrangig einstuft und menschliche Bedürfnisse als zweitrangig.

  Eine bestimmte von einem Freund oder charismatischen Individuum vorgetragene Idee kann im Gehirn Morphin-Sekretionen auslösen, die bewirken, dass wir uns besser fühlen, und die zu einem Zustand der Selbsttäuschung beitragen. Wir werden jetzt süchtig nach diesen Ideen und vielleicht nach dieser Person, weil sie unser „Schuss“ ist. Dieser Mensch repräsentiert Hoffnung gegen die eingeprägte Hoffnungslosigkeit; und diese Abhängigkeit ist wichtiger als jede äußere Realität. Ich sage es noch einmal, wir können von Ideen und Glaubensüberzeugungen abhängig werden, weil sie im Gehirn die Produktion von Schmerzkillern unterstützen. Das ist unschlagbar.

  Glaube erzeugt auch Dopamin-Produktion; Dopamin ist als Wohlfühl-Chemikalie bekannt, weil sie in nahezu alle Süchte involviert ist und damit zu tun hat, dass wir uns gut fühlen – auch zu dem hohen Preis, den einige Leute in Gruppen zahlen wie solchen in gewissen Drogen-Rehab-Zentren. In diesen kultähnlichen Zentren, wo sie jeder Art von Kritik, Degradierung und Erniedrigung entgegensehen können, gibt es wenigstens ein „Familienleben,“ eine Gruppe, welche die bedürftigen Seelen beruhigt und beschützt und ihnen Leitlinien fürs Leben anbietet. „Sie“ sorgen sich um „ihn.“

  „Gott schuf uns nach seinem Ebenbild.“ Wir sind perfekt, so wie wir sind.“ „Du bist wundervoll.“ „Du bist auf dem Weg der Erleuchtung.“ „Wir lieben dich.“ Dass diese neuen Familien vorschlagen, unsere lebenslang unerfüllten Bedürfnisse zu erfüllen, gibt uns Hoffnung und Endorphin-/Serotonin-/Dopamin-Schüsse.

  Wir in der Therapie reiten auf den Gedanken aus dem Land mystischer Ideenbildung den Pfad hinab zu den Gefühlen, weil verschnürt im Inneren der Gedanken oft vergrabene Schlüsselgefühle und Schlüsselbedürfnisse liegen. Und es ist kein Problem, dorthin zu gelangen, weil die schützenden Gedanken meistens Ableger realer Gefühle, Bedürfnisse und Deprivationen sind.

  Ich bezwecke hier nicht zu sagen, was wirklich ist und was nicht. Das habe ich viel zu lange in meinen psychoanalytischen Tagen gemacht. Mein Glaubenssystem war, dass ich es besser wusste als meine Patienten. Das war nicht immer der Fall. Meine jetzige Philosophie lautet: „Was auch immer dich durch die Nacht bringt.“ Die Validität von Glaubenssystemen zu analysieren ist eine labyrinthische Übung, die dem gleichkommt, was in der Psychoanalyse geschieht. Hier versuchen zwei Leute – beide ohne Zugang zum Unbewussten des Patienten – zu bestimmen, warum diese Person an gerade diesem Glauben festhält. Glaubensüberzeugungen sind nicht immer negativ. Sie dienen in der Psyche einem realen Zweck. Sich mit jedem aktuellen Glaubenssystem zu befassen, würde einen Katalog erfordern, der so dick ist wie eine Enzyklopädie.

  Meine Aufgabe ist zu untersuchen, warum Individuen alle möglichen Glaubenssysteme annehmen, und wie bestimmte Gefühle spezifische Arten von Glaubenssystemen hervorrufen. Besonders befasse ich mich solchen entfremdeten Individuen, die entfremdet bleiben und die durch ihre verdrängten Gefühle auf die Suche nach Glaubenssystemen im Randbereich geschickt werden. Wenn sie ihren Guru finden, müssen sie ihm allzu oft den größten Teil ihrer weltlichen Besitztümer geben, ihre Bankkonten und ebenso, wie ich vorher schon sagte, ihre Körper. Und wenn das bedeutet, den Körper aufzugeben, buchstäblich an sich selbst eine Selbstmordbombe zu befestigen, so bedeutet das, dass sie in Hingabe an eine Idee/Überzeugung ihr Leben zunichte machen. In dieser Idee stecken viele Gefühle, aber das wichtigste ist, dass die Person, der gehorsame Diener, geliebt wird. Der Geopferte wird diese Liebe im Jenseits finden. Sie waren am Anfang schickaniert worden, und jetzt werden sie wieder zum Opfer gemacht. Meine Aufgabe ist nicht, die vielen kulturellen und historischen Gründe für alle diese fanatischen Glaubensvorstellungen zu erforschen sondern zu demonstrieren, wie  das Fühlen von Gefühlen diesen Glauben ändern kann, ohne dass er überhaupt thematisiert wird. Deprogammierung ist nicht notwendig. Bedürfnisse zu erforschen hingegen ist notwendig. Gefühle aufzulösen scheint Glaubenssysteme funktionsuntüchtig zu machen.

  Ich schlage vor, dass geistig-psychische Pathologie messbar ist, nicht durch mentale Indizien, Gedanken und Wahrnehmungen sondern durch die Neurophysiologie: durch die biochemischen Substanzen, die an Bewusstsein und Bewusstseinsstörungen beteiligt sind, und durch die Aktivität und das Amplitudenmuster der Gehirnwellen.

  Bei unserer Forschung über Serotonin haben wir herausgefunden, dass es nach einem Jahr unserer Therapie zu stabilen Änderungen im Serotonin-Ausstoß kommt. Leute, die sehr tief fühlen, scheinen sich auf vorhersagbare Weise zu normalisieren. Es zeigt sich, dass frühe Schmerzen Einfluss darauf haben, wieviel Serotonin wir produzieren. Das Erleben präverbaler Gefühle kann bei unseren Patienten zu gravierenden Hormon-Veränderungen führen, die von Dauer sind. Ich glaube nicht, dass diese Änderungen allein durch das Wiedererleben später Kindheitsereignisse zustandekommen können. Wir müssen zum Schauplatz des Verbrechens zurückkehren; zu dem Ereignis, das die Hormone am Anfang dereguliert hat. Wir normalisieren nicht jedes aus der Bahn geworfene Hormon, aber wir haben genügend Erfolge, die uns anzeigen, dass der Ursprung viel weiter zurückliegt, als wir dachten. Wir müssen verstehen, dass sich sehr frühe Gefühle verstärken, während wir uns entwickeln; das ist ein wichtiges Konzept, denn wenn wir einen späteren Kindheitsschmerz wiedererleben, nehmen wir  dem Gefühl einen Teil seiner Kraft. Auflösung findet aber nur statt, wenn wir die Grundlage des Gefühls fühlen, wie zum Beispiel Hoffnungslosigkeit. Es ist die ursprüngliche Hoffnungslosigkeit, die für Selbstmordgedanken verantwortlich ist. Wenn wir dann aufwachsen und uns in einer anderen hoffnungslosen Situation wiederfinden, setzt der Resonanzfaktor ein und löst zum Beispiel die basale Hoffnungslosgkeit bei der Geburt aus, was unausweichlich zu suizidalen Gedanken führt. Es ist nicht so, dass sich die Gedanken versteckt haben oder darauf warten herauszukommen, sondern so,  dass die erste Gehirnebene, wenn sie aktiviert wird und das Gefühl „Hoffnungslosigkeit“ in Gang setzt. Signale an den Kortex sendet, der dann schreckliche, verzweifelte Gedanken produziert. Diese Gedanken sind das Ergebnis von Gefühlen, die im Anmarsch sind; sie lassen sich nicht durch Ermutigung oder Ermahnung ändern, weil die Gedanken nicht das Problem sind sondern die Gefühle. Und diese Gefühle widerspiegeln spezielle Erlebnisse. Mit diesen Erlebnissen müssen wir uns befassen.

  Es ist die Erste-Ebene-Komponente der Hoffnungslosigkeit, die selbstzerstörerisches Verhalten hervorbringt. Das ist so, weil das Geburtstrauma, zum Beispiel wenn das Neugeborene schwer betäubt worden war, von der tiefen Physiologie der Hoffnungslosigkeit begleitet war (der vergebliche Versuch herauszukommen; eine Sache auf Leben und Tod). Und wenn sich jetzt alle Hoffnungslosigkeitsgefühle unseres ganzen Lebens organisieren, dann sind wir in Gefahr. Ein Teil lässt sich vielleicht fühlen, aber alle zusammen nicht. So können wir uns hoffnungslos fühlen, wenn wir in der Schule versagen, aber wenn das obendrauf auf der Hoffnungslosigkeit sitzt, jemals von einem Elternteil geliebt zu werden, der/die sich scheiden lässt und fortgeht, dann wird es zu viel. Hier sehen wir die treibende Kraft, die zum Beispiel hinter „Stalking“ steckt. Dass noch einmal ein geliebter Mensch fortgeht, kann nicht toleriert werden. Der aktuelle Verlust löst den früheren aus.

  Bestimmt befürworte ich geistige Offenheit in dem Sinne, dass man die Wahrscheinlichkeit von Dingen akzeptiert, die wenigstens eine mögliche Verbindung mit der Wirklichkeit haben. Zum Beispiel habe ich als Erster das systematische Wiedererleben des Geburtstraumas beschrieben, als mir alle Neurologen versicherten, das sei nicht möglich, weil das Nervensystem eines Babys nicht angemessen entwickelt sei, um das Trauma aufzuzeichnen. Nichtsdestotrotz habe ich die Geburtsmale photographiert, die auf den Ellenbogen von Patienten wiedererschienen, die das Geburtstrauma wiedererlebten. Ich photographierte auch die Geburtszangen-Abdrücke auf der Stirn einiger meiner Patienten und alle möglichen mit der Geburt einhergehenden Blutergüsse. Zugegeben, das war extrem, und ich glaube, es erforderte Aufgeschlossenheit. Nichtsdestotrotz war es im Bereich des menschlich Möglichen. Man kennt es als Primal, und es gibt im ganzen Buch einige Anhaltspunkte dafür. 2000 Jahre zurückzureisen, auf einem Kanal Stimmen aus dem verlorenen Kontinent Atlantis herauszuhören oder von Aliens operiert zu werden, liegt  meiner Meinung nach nicht im Bereich des menschlich Möglichen.

 

  BEGRÜNDUNGEN FÜR GLAUBENSSYSTEME

 

„Nachdem wir gestorben sind, warten Jungfrauen auf uns,“ wie es die neuen Messias verkünden, Antikommunismus durch unsere politischen Führer, um unsere Ängste zu unterdrücken, „Pyramidenpower“ – das alles schweißt Gläubige zu einer sozialen Einheit zusammen, sodass sie das Gefühl haben, dass sie dazugehören. Sie können ihre persönliche Verrücktheit mit anderen teilen. Dieses Phänomen ist sozial anerkannter Irrsinn; oder wenigstens „Nester des Irrsinns.“ „Meine Irrealität wird anerkannt, weil viele andere es glauben, und je mehr wir glauben, umso beruhigter und erleichterter bin ich, dass ich nicht allein bin.“ Die Glaubensvorstellungen grenzen sorgfältig eine Reihe schmerzvoller Gefühle ab und gestatten uns, mit unserem Leben  weiterzumachen. Ob Selbstmordattentäter oder Jonestown, wo über hundert Leute eine giftige Flüssigkeit tranken, sie konstruieren Schablonen für alle späteren destruktiven Kult-Phänomene: Mächtige unerfüllte Bedürfnisse, die im Erwachsenenalter fortbestehen, liegen den bizarren Glaubenssystemen zugrunde, die verwendet werden. Von Bedürfnissen gesteuerter Glaube schuf die Führer und die Anhänger und sorgte für den Klebstoff, der sie in symbiotischer Umarmung vereinte. Nur wenige Anhänger versuchten, Jonestown oder Apocalypse Ranch (nachdem die Belagerung begonnen hatte) zu verlassen, weil die äußere Realität jetzt mit der inneren zusammenfiel. Es gibt wirklich eine Gefahr und Leute „versuchen uns zu verletzen.“ Zu gehen bedeutete, sich verlassen zu fühlen, wieder mit den katastrophalen Gefühlen der Ablehnung und Verlassenheit konfrontiert zu werden, welche die Person zuerst dazu getrieben haben, der Gemeinschaft beizutreten. Besser sterben als den Schmerz fühlen, dem man zu entfliehen versucht. Das ist das Leitmotiv: besser sterben als sich ungeliebt fühlen. Weil ganz früh am Anfang sich ungeliebt fühlen gleichbedeutend damit war zu fühlen, dass man stirbt. Und natürlich stirbt man, um diesen Gefühlen zu entfliehen. In Wahrheit sind wir eine Nation und eine Welt der Suchenden, ein Volk, das Zuflucht sucht bei allen erdenklichen Glaubensvorstellungen.

 

Ende des Kapitels

Artikel und Buchauzüge