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Leseprobe aus Arthur Janovs neuem Buch "Beyond Belief"

(von mir übersetzt)

 

Dr. Arthur Janov:   Beyond Belief: Cults, Healers, Mystics and Gurus - Why We Believe

LLC Reputation Books, ISBN-10: 0986203173, 03. Mai 2016

                                                                                                          

 

Kapitel 6

Der Glaube, der sich aus den Jugendjahren ableitet

   

Können Sie sich vorstellen, was es einem Kind abverlangt zu akzeptieren, dass es nicht geliebt wird, dass es niemals geliebt werden wird? Dass es nie belohnt werden wird für seine Opfer und für sein gutes Benehmen? Dass es keine Gerechtigkeit geben wird und dass es niemals besser wird? Dass es ein Leben voller Schmerz erwartet, ohne Hoffnung oder Liebe? Liebe bedeutet für das Kind Überleben. Sie ist ein absolutes Grundbedürfnis.

Wir können die Anziehungskraft von Glaubenssystemen sehen, die solche Gefühle abwehren, auch wenn diese Gefühle Einprägungen sind und vielleicht sehr lange zurückliegen. Die Einprägungen sind jedoch aktuelle Wirklichkeit, auch wenn die Ursprungssituation schon lange der Vergangenheit angehört. Frauen, die mit zehn Jahren Inzest erlebt hatten, leiden im Alter von dreißig Jahren enorm darunter. Diese Einprägungen sind die qualvolle Wirklichkeit unseres Innenlebens, und sobald sie existieren, treiben sie uns sofort von ihnen weg. Das Gehirn überlegt, dass es sich so weit wie möglich entfernen muss, so dass einen nichts in diesem Leben an den Schmerz erinnern wird. Somit wird es zu einer Option, entweder unisexuell oder frigide zu werden oder Männer überhaupt zu meiden.

Jede überwältigende Realität treibt uns in immer mehr Irrealität. Entweder das – oder die Wirklichkeit fühlen. Und das ist oft zuviel für eine Person allein, vorausgesetzt, sie weiß überhaupt, dass es diese Wirklichkeit im Inneren gibt.

Der Inhalt des Glaubens selbst - dass Gott die Welt in sechs Tagen schuf und am siebten ruhte, dass die Iraner und Iraker das Zentrum alles Bösen im Universum sind, dass mein Guru den Schlüssel zum höheren Bewusstsein besitzt, dass mein Nachbar darauf aus ist mich dranzukriegen – ist nebensächlich zum Zweck, dem er dient.

Ich habe in meinen anderen Büchern beschrieben, wie sich viele Leute nie von erschütternden traumatischen Erfahrungen früh im Leben erholen und wie diese Traumen das Individuum verfolgen und sein Verhalten für immer beeinflussen. Eine Mutter, die auf das Schreien ihre Babys mit zornigen Augen und feindlicher Stimme reagiert, die das Baby für das „Verbrechen“ zu schreien bestraft, weiß nicht, wie tief der Schaden ist, den sie anrichtet.

Das abwehrlose Kind reagiert auf dieses traumatische Ereignis, indem es den Schmerz verdrängt. Es lernt bald, keine Bedürfnisse zu haben, weil es weiß, dass seine Mutter es wieder bestrafen wird wegen seiner Bedürftigkeit. Aber das Bedürfnis verschwindet nicht. Ein kleiner Junge versuchte oft, beim Gehen die Hand seiner Mutter zu halten. Sein Vater verspottete ihn als „Baby.“ Der Junge gab daraufhin den Versuch auf. Das Bedürfnis bleibt im Unbewussten bestehen. Er verliert bald den Kontakt mit seinem Bedürfnis, aber der Schmerz besteht ein Leben lang fort unterhalb der Ebene des vollen Bewusstseins. Das Bedürfnis nach Berührung und Wärme bleibt. Im Erwachsenenleben folgt sein eingeprägter Schmerz dem Pfad der Evolution und begibt sich in Symbole. Der Schmerz wandert von den primitiven Verarbeitungsmechanismen zu kortikalen Prozessen und zwingt den Menschen, nach symbolischer Erfüllung zu suchen. Tief drinnen ist er noch immer bedürftig, aber sein Bedürfnis wird auf andere verlagert. Der erwachsene Mann, der noch immer ein depraviertes Kind ist, wird sich an seine Frau (oder an seinen „spirituellen Führer“) wenden, um all die Liebe und Führung zu bekommen, die ihm seine Mutter nicht gegeben hat. Das Ausagieren ist automatisch; der Grund, warum man das Ausagierens nicht wahrnimmt, besteht darin, dass die Gefühle, denen es entspringt, unbewusst sind.

Ich entnehme den folgenden Auszug einer Fallstudie, die in meinem Buch Imprints 10 enthalten ist. Die zitierte Frau sagte mir, dass sie immer „nach Zeichen suchen musste, an die sie glauben konnte,“ und dass bestimmte Arten von Tarot-Karten ihr dieses Vertrauen gaben:


„Ich stand auf Wahrsagerei, Tarot-Karten, Astrologie und übernatürliche Phänomene. Es bezog sich alles auf ein Gefühl von „ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Wenigstens konnte ich mich darauf verlassen, dass die Karten es mir sagen würden. Ich habe immer nach einem Gotteszeichen aus dem Himmel gesucht. Es scheint, je mehr ich unter Schmerz stehe, umso mehr Magie suche ich. Ich brauche was Einfaches von außen, das mich nicht verwirrt.

Wenn es mir schlecht geht und wenn ich einsam bin, wenn ich mit niemandem auskomme, wenn ich niemanden habe in meinem Leben und nur sterben will, dann schaue ich die Karten an und hoffe auf ein „Zeichen.“ Ich brauche das I Ging oder das Tarot, um mich vom Pessimismus abzulenken und mir Hoffnung zu geben. Es ist der schlimmste Grad von Pessimismus, weil in diesen Momenten alles so trostlos und düster ist. Ich habe keine Interessen, kein Ziel und keinen Ehrgeiz. Ich will einfach verfaulen.

Ich war immer abergläubisch und verließ mich auf mystische Dinge, die mein Leben steuern sollten. Jetzt sehe ich das ganze Muster so klar. Von Anbeginn meines Lebens konnte ich Menschen nicht trauen, und so musste ich Dingen vertrauen.“


DEPRAVIERTE KINDER, ERWACHSENE GLÄUBIGE

Wenn ein Mensch in der Kindheit voll geliebt wird, gibt ihm das dauerhaften Frieden. Ich meine das wortwörtlich, weil sehr frühe Liebe unsere inneren Vorräte an Schleusungs-Neurotransmittern auf Normalstand bringt. Ein geliebtes Kind wird kein Bedürfnis haben, an Ideologien voller Hoffnung und Magie zu glauben. Ein Mensch, der mit sich selbst im Reinen ist, hat keinen Grund, zu Wunderheilern zu gehen oder „wiedergeboren“ zu werden; er oder sie muss sich nicht mit einer Gruppe von Leuten in einen Aschram oder in eine Waldhütte zum Meditieren, Singen oder Tiefatmen zurückziehen, um Frieden zu finden.

Kinder brauchen Berührung, Liebkosung und Trost. Man muss ihnen zuhören, sie beschützen und ihnen das Gefühl geben, dass sie sicher sind. Sie brauchen Eltern, die ihnen erlauben, ihre Gefühle auszudrücken und die ihnen bei diesen Gefühlen helfen. Wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden, legt man das Fundament für eine Persönlichkeit, die sich später im Leben an Glaubensüberzeugungen klammert. Eine biochemische Schlüsselursache dafür ist, dass Liebe die Sekretion von Oxytozin und Serotonin erhöht. Beide sind die Säfte, die Schmerz unterdrücken und dafür sorgen, dass wir uns dauerhaft wohl fühlen. Liebesmangel bedeutet einen Mangel an diesen wertvollen Biochemikalien; und deshalb fehlende Abwehr von Schmerz. Glaubensüberzeugungen folgen.

Die bedürftige Person kann durchaus einer Gottheit ergeben sein, die verspricht, dass sie alles versteht, nährt, beschützt und sich um alle diese unerfüllten Bedürfnisse eines ganzen Lebens kümmert. Das war vor einigen Jahren die Verlockung von EST (an früherer Stelle erörtert; eine Schablone für alle späteren emotionalen Wochenend-Workshops). Die Führer, die mit dem charismatischen Werner Erhard kooperierten, sagten, dass sie sich sorgten und kümmerten, während sie gleichzeitig über die Mitglieder schimpften und fluchten, die während der Wochenend-Exerzitien in einem Hotelzimmer zusammengepfercht waren. Die wurden als Loser und nutzlos bezeichnet, aber wenn sie sich anstrengten, müssten sie das nicht sein, und der Führer und seine Eingeweihten würden zusehen, dass sie über diese Gefühle hinwegkämen, die die Führer ihnen in Wirklichkeit einflößten. Natürlich installierten sie Gedanken, die dem entsprachen, wie sich die die Leute wirklich fühlten; und die Gläubigen hatten den verzweifelten Wunsch sich anders zu fühlen. Sie gaben Erhard ein Vermögen, nicht um den Hunger in der Welt zu beenden sondern um die Vorstellung von Hunger in der Welt zu beenden. Mittlerweile ging das Geld auf ein geheimes Bankkonto auf einer Karibikinsel. Und sie glaubten noch immer.

Einer unserer Patienten, der sich früher in Glaubenssysteme engagierte, sagte, dass er gewöhnlich einen Wutanfall hatte, wenn seine Frau ihn nicht verstand. Er hatte das Gefühl, es sei eine Sache auf Leben und Tod, dass sie ihn versteht. Er hatte ein dringendes Bedürfnis – nach einer Mutter, einer Ehefrau, einem Gott, der ihn voll verstehen, halten und trösten würde. Er erlebte das Trauma wieder – ein tiefsitzendes Bedürfnis, dass seine Bedürfnisse verstanden wurden, beginnend mit der Geburt, eine qualvolle Verlassenheit zu einem Zeitpunkt, als er zu klein war um zu verstehen, was geschah. Er konnte es fühlen, obwohl er es auf kortikaler Ebene nicht verstehen konnte. Das Bedürfnis verstanden zu werden war damals wirklich eine Sache auf Leben und Tod. Sein berufliches Fachgebiet war Kommunikation.

Eine Möglichkeit, wie schützende Glaubenssysteme sogar schon ziemlich früh im Leben eines Kindes entstehen, ist, dass diesem Kind beigebracht wird, keine Gefühle auszudrücken, keine unakzeptablen Gedanken auszusprechen, keine Feindseligkeit, Eifersucht oder andere negative Gedanken zu äußern, nicht schlecht über andere zu sprechen und nie zu sagen, was ihm am Herzen liegt. Ist der Zensurprozess erst installiert, setzt er sich automatisch fort. Später kommt das Kind darauf, das, was es wirklich fühlt, durch Gedanken zu ersetzen. Als Erwachsener irreale Gedanken zu haben ist nur eine logische Erweiterung dessen, was in der frühen Kindheit geschehen war.

 


            
                                                                                                          LANCE  

                       
Bereits in jungem Alter faszinierte mich diese Gott genannte Person, die so besonders war, dass sie sich um mich kümmerte, mich liebte. ER, Gott, konnte mir alles vergeben, das ich falsch machte. Wenn es IHN wirklich gäbe, könnte ER mit mir in meinem Haus wohnen. Er wäre mein perfekter Vater – der perfekte Daddy, den ich immer wollte aber nie hatte.

Mein Dad mochte mich nicht sonderlich und hatte meine Mama und uns vier Kinder verlassen, als ich ungefähr eineinhalb war. Ich war schockiert und hatte sonst niemanden, an den ich mich wirklich halten konnte. Ich fühlte mich allein gelassen, aber noch mehr als allein fühlte ich mich tot. Mein Körper verstummte und starb. Ich wurde zu einem Empfänger, der nur registrierte, was sich abspielte. Ich hatte das Gefühl, alles um mich herum supergenau wahrnehmen zu müssen.

Ich erinnere mich, dass wir, als ich ungefähr vier war, in ein Haus in Vermont umzogen, ein Haus, das meiner Großmutter gehört. Sie starb innerhalb eines Jahres, nachdem wir dort eingezogen waren. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem sie ins Krankenhaus ging und ihre Orangen auf dem Küchentisch vergaß. Frisches Obst war ihr immer wichtig. Ich erinnere mich, wie ich da stand, diese Tüte mit den Orangen auf dem Tisch sah und versuchte, diese Tüte zu dem Taxi rauszubringen, das meine Großmutter die ganze Strecke von Vermont in ein Bostoner Krankenhaus fahren würde.

Es misslang. Ich war nicht schnell genug. Das Taxi war schon losgefahren, als ich draußen war. Ich war nicht schnell genug, um zu helfen. Großmutter starb in dem Krankenhaus, und ich dachte, ich hätte helfen können. Ich hatte das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Dad war weg, Gromutter war weg, und meine Mom war eine ungewisse, verrückte Person, an die ich mich nicht wenden und bei der ich keinen Halt finden konnte. Sie war immer zugegen, aber ich konnte mich nicht an ihr festhalten. Ich konnte ihre Aufmerksamkeit nicht bekommen. Ich konnte ihre Zeit nicht bekommen. Ich konnte ihre Gefühle nicht bekommen. Sie war voller Schmerz über ihren Ehemann, der sie im Stich gelassen hatte. Voller Schmerz über den Tod ihrer eigenen Mutter. Sie war so sehr mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt, dass sie keine Zeit für mein Weinen hatte. Mama wandte sich an uns. Sie sagte uns, dass wir ihr helfen müßten. Es sei schwer für sie, sich um uns alle zu kümmern. Wir müßten ihr helfen; ohne unsere Hilfe würde sie es einfach nicht schaffen. Aber ich verspürte ein großes Bedürfnis nach jemanden, ein Verlangen, das ich nicht ausdrücken konnte.

Mama wurde eines Tages sehr zornig, weil wir Kinder im Haus spielten und nicht halfen, herumalberten, während sie das Gefühl hatte, dass anderes zu tun sei. Sie sagte, das wär‘s gewesen, sie habe „die Nase gründlich voll von dieser Sauerei,“ wir würden sie alle verrückt machen und sie wolle mit uns nichts mehr zu tun haben. Sie ging zur Tür hinaus und die Straße hinunter.

Ich konnte es nicht aushalten. Ich konnte das Gefühl nicht ertragen, sie weggehen zu sehen. Ich ging den Zufahrtsweg hinab und schaute, und sie ging einfach. Sie drehte sich nicht um. Ich schrie „Bitte komm zurück!“, aber sie drehte sich nicht um. Ich war damals sieben Jahre alt und sollte alt genug sein, um zu helfen.

Eine der wichtigsten Regeln in meinem Leben war, dass wir die Kirche am Sonntag nicht versäumen durften. Bei all den Verrücktheiten in meinem Leben, inmitten der ganzen Unordnung und des ganzen Durcheinanders machten wir diese eine Sache immer regelmäßig. Wir gingen am Sonntag in die Kirche und saßen alle zusammen. Ich saß gerne bei Mama. Ich wollte da sein, weil sie da war und ruhig war und glücklich war. Sie behandelte mich gut, während sie dort war.

Ich fing mit Bibelunterricht an, als ich sieben war, und ich entdeckte einen Vater, der immer bei mir war, der mich immer lieben würde. Alles, was er von mir erbat, war, dass ich ihn liebe. Ich lernte viel über Christus, der mit Nägeln ans Kreuz geschlagen wurde und dort dem Tod überlassen wurde. Ich fragte mich, ob ich das tun könnte. Ich lernte, dass die Welt auf einen Erlöser wartete, als Christus erschien. Auch ich wartete auf einen Erlöser.

Aber damals habe ich das nicht gefühlt. Ich dachte: „Verdammter Mist, wenn die alle auf jemanden warten, auf einen Erlöser, und sie die ganzen Jahre warten, und dieser eine Mensch sterben und alle anderen retten muss, verdammt, dann könnte ich ich das tun.“ Ich könnte alle anderen gerettet haben, und genau das hatte er getan, damit ihn alle lieben würden. Ich dachte ständig darüber nach, ob ich das wirklich tun könnte. Ich hatte wirklich das Gefühl, für alle anderen sterben zu können. Gleichzeitig erschreckte mich etwas an der ganzen Sache. Er zeigte seinen Schmerz.

Der Bibel-Charakter, den ich am meisten bewunderte, war Samson. Er schien stärker als Christus zu sein. Samson stürzte diesen Tempel um, wo Christus nur die Leute aus dem Tempel jagte. Samson schmiss einfach das ganze Dach auf sie drauf! Aber wie die Leute ihn quälten. Mir konnte er so leid tun. Weil ich wusste, dass die Leute andere folterten. Ich wusste nicht, warum es so böse Leute auf der Welt gab, aber es gab sie, und er brachte sie alle zusammen und riss das Dach über ihnen ab.

Diesen Bibelgeschichten war eine Einfachheit zueigen, die ich liebte. Ich fand eine Menge Leute, mit denen ich mich identifizieren konnte und viele Gefühle, die für mich einen Sinn ergaben. Ich liebte die Geschichte von den kleinen Hirtenbuben, die nur herumwanderten und herauszufinden versuchten, was richtig und falsch war. Das Leben schien in diesen Geschichten so viel weniger konfus.

Ich erfuhr etwas über Glaubensgemeinschaften. Wenn ich was falsch machte, konnte ich zu einem Priester gehen, ihn „Vater“ nennen, und er würde mich meine Gefühle haben lassen. Ich könnte alles sagen, was ich sagen wollte. Ich könnte alles sagen, was ich fühlte, alles, was ich dachte, alles, was ich tat. Er wollte es alles hören. Alles, was mich bekümmerte. Alles, was nach meinem Gefühl falsch war. Wenn ich jemand hasste, wenn ich etwas stahl, könnte ich es sagen, und er würde einfach zuhören.

In Wirklichkeit erinnere ich mich, dass ich Angst hatte, in diesen dunklen Beichtstuhl mit der dünngewebten Leinwand zwischen unseren Gesichtern zu gehen und dem Priester zu sagen, dass ich einen Cookie aus dem Lebensmittelladen geklaut hatte. Ich dachte, er würde es sicher Mama erzählen, und sie wäre wütend. Ich dachte, er werde mir sicher wehtun, weil ich ein Dieb war. Aber er gab mir einfach einen Haufen Gebete zum Aufsagen und sagte: „Ich vergebe dir…….im Namen des Vaters und des Sohnes…...“ Wir sprachen zusammen ein Gebet, er in Latein, ich auf Englisch. Er gab mir andere Gebete, die ich aufsagen sollte. Ich sagte meine Gebete sorgfältig auf. Ich verbeugte mich und ging hinaus, fühlte mich großartig. Ich klaute nichts mehr, weil ich nicht wollte, dass ich das jemandem sagen musste. Aber ich fühlte mich erleichtert, solange ich glaubte, dass der Priester mein Vater auf Erden sein sollte, und ich ihn „Vater“ nennen konnte. Solange ich an diesen simplen Ritus glaubte, fand ich große Erleichterung darin, in diese Kirche zu gehen.

Von sieben bis siebzehn hatte ich keinen wirklichen Freund, keinen engen Freund, den ich mich regelmäßig zu sehen traute und dem ich nahe sein konnte. Keinen Freund und keine Freundin. In diesen einsamen Jahren versuchte ich, nie zu lügen, nie zu betrügen oder zu stehlen. Ich war überzeugt, dass ich nicht mehr Hilfe und keinen besseren „Freund“ brauchte als das, was ich in meinen Gebeten und in meiner Kirche hatte. Ich lernte, mich um mich selbst zu kümmern, darauf vertrauend, dass jemand über mich wachte. Dass jemand für mich da war. Ich konnte mich immer an Gott wenden, und ER war immer da. Er würde immer zuhören und mir immer vergeben.

Jetzt fällt es mir leicht zu verstehen, warum ich mich in so frühem Alter an solchen simplen Geschichten festhielt, warum ich so lange so simple Rituale praktizierte. Es scheint banal, wenn ich sage, alles, was ich wollte, war, geliebt, beschützt und beachtet zu werden, aber ich hatte tatsächlich niemanden in meinem Leben – keinen Vater, keine Großmutter und keine Mutter. Aber ich konnte mich immer an Gott wenden, und er würde mir immer zuhören und mir vergeben. Und weil ich das Gefühl hatte, dass so viel von dem, was schief ging, mein Fehler war, brauchte ich diese ewige Vergebung. Ich konnte meinen ganzen Schmerz symbolisieren ohne ihn je zu fühlen, was ideal war, weil ich doch so jung war. Ich glaube, es läuft alles auf die Tatsache hinaus, dass ich einfach in meiner Kindheit niemanden hatte, dem ich vertrauen konnte. Und weil ich meinen eigenen Gefühlen nicht trauen konnte, tat ich das Nächstbeste: Ich vertraute IHM.“

                                                                                                                   



Als Kind war sich Lance der mächtigen Kraft nicht bewusst, die ihn zu Gott trieb, um Liebe zu finden. Er war nicht dafür gerüstet, den Schmerz zu ertragen, dass ihn sein Vater verlassen hatte und seine Mutter ihn ablehnte, und somit verdrängte er diese erschütternden Erfahrungen und wandelte sie in unbewusste Bedürfnisse um. Erst später im Leben konnte er rückblickend sehen, was mit ihm in seinen frühen Jahren geschehen war, dass sein Bedürfnis nach Vertrauen, Verständnis, Akzeptanz, Vergebung und Liebe seinem Glauben an Gott zu Grunde lag.

Im folgenden Fall berichtet uns Maryjo anders als Lance nicht von ihren frühen Traumen; sie spielt nur darauf an, dass sie ihren „frühen Schmerz“ nicht ertragen kann. Wir wissen nicht (obwohl wir es erraten können), was sie als Gläubige prädisponierte, als Mensch, der vom „Unbekannten“ fasziniert war. Sie erwähnt beiläufig, dass sie einen „Stiefvater in spe“ hat – der fehlende Vater ist zweifellos fundamental für die Grundlegung ihrer Neurose. Wir lesen auch zwischen den Zeilen, dass ihre Mutter eine ängstliche Person ist und dass Maryjo auch noch mit zehn Jahren beschämt über ihren Körper war und von „unsichtbaren Wesen“ gesehen werden wollte, wenn sie badete. Später fügt sie hinzu, dass sie den Tod fürchtet – bestimmt eine weitverbreitete Furcht – und dass ihre Angst vor dem Tod Teil dessen ist, was sie zwingt, nach einer Möglichkeit zu suchen, wie sie „weiterleben“ kann. Später werde ich die Rolle erörtern, die der Tod im schützenden Glauben spielt, und wie sich Glaubenssysteme typisch mit dem Tod in einer Weise befassen, die dem neurotischen Gläubigen Hoffnung macht auf die ultimative Irrealität: dass das Leben nie enden wird.

Jedenfalls reflektieren Maryjos Neigung, nach etwas zu suchen, das „jenseits dessen liegt, auf das das Auge trifft“, und ihr Vokabular der Irrealität, wie wir als Gesellschaft und Spezies unter Schmerz stehen und zu unverifizierbarem Glauben neigen.

 


                                                                                                                        
MARYJO

Ich denke, die erste Art Glauben, den ich hatte, war der an „Geister.“ Als ich neun Jahre alt war, erzählte mir meine Schulfreundin immer Geistergeschichten. Es gab eine spezielle Geschichte über einen Geist, der aus einem Kleiderschrank herauskam und eine Frau im Bett erwürgte. Ich war so verängstigt deswegen, dass ich einmal, als in nach oben ins Schlafzimmer und über den Flur ging und sich der Schrank öffnete, überzeugt war, es sei ein Geist. Ich rannte schreiend zur Treppe und sprang nach der Hälfte der Stufen direkt hinab in die Arme meiner Mutter. Sie war so überzeugt von mir, dass sie nicht nach oben gehen wollte und auf meinen angehenden Stiefvater wartete, der nach oben gehen und nachsehen sollte. Von da an achtete ich immer darauf, dass jemand mit mir nach oben ging, wenn ich in einem Haus war.

Von zehn aufwärts dachte ich oft, dass mich vielleicht ein unsichtbares Wesen beobachtet. Das machte mir keine Angst, es hemmte mich, weil ich dachte, sie würden alles wissen, was ich tat, und mich sehen, wenn ich im Bad nackt war. Als ich im Internat war, gab es immer Geschichten über Gespenster, die in der Schule lebten und die die Leute gesehen hatten, so dass ich immer umgeben schien mit der Vorstellung von Gespenstern.

Ich wurde nicht religiös erzogen; meine Eltern hatten keinerlei Interesse daran. Ich ging jedoch im Alter von acht bis zehn auf die Sonntagsschule; der Grund war, dass ich die freien Geschenke, die ausgegeben wurden, einsammeln musste und Geld aus der Sammlung entgegennehmen musste. Ich wurde nie von jemandem aus meiner Familie begleitet. Ich betete zu Gott, er möge sich um mich und meine Familie kümmern, nur für den Fall, dass es vielleicht tatsächlich einen Gott gab, aber ich war nie so gottgläubig, dass ich dachte, er würde mich niederschlagen, wenn ich Geld aus der Sammlung stahl.

Als ich elf war, fing ich an, das Geschehen von Ereignissen vorauszusagen, bevor sie sich ereigneten. Ich wusste, ich würde Drogen nehmen, wenn ich älter wäre. Ich wusste es, wenn meine Lieblingskuchen in der Pausenzeit in der Schule ausgegeben wurden. Ich war in einem anderen Gebäudeteil, und ein Gefühl in mir wusste, dass sie ausgegeben wurden, also lief ich dort hin, wo sie waren, und fand, dass ich Recht hatte. Das passierte oft mit verschiedenen Ereignissen. Ich wusste neun Monate, bevor mein Großvater starb, dass er sterben würde und wann er sterben würde, obwohl ich es nie jemandem sagte. Ich schien in mir einen Instinkt zu haben, der zweifellos wusste, wann ich gewisse Dinge tun sollte und dass etwas geschehen würde. Mein ganzes Leben lang habe ich diesem Instinkt völlig vertraut.

Ab dem Alter von zwölf Jahren bis jetzt habe ich auch immer ein eigenartiges Gefühl erlebt, wenn jemand das Schlitzen von Handgelenken erwähnte. Meine Arme wurden schlaff, ich fühlte mich benommen und sehr unwohl, und es dauerte immer etwa zehn Minuten, bis sich der Zustand normalisierte. Das war nur bei dieser einen speziellen Selbstmordmethode. Ich konnte mir jede andere grausame Selbstmord- oder Mordgeschichte anhören und war nicht beeindruckt. Ich begann zu glauben, dass ich vielleicht in einem früheren Leben Selbstmord begangen hatte, indem ich mir die Handgelenke aufgeschlitzt hatte, denn, als ich achtzehn war, interessierte ich mich für die Idee der Reinkarnation.

Mit sechzehn interessierte ich mich für Buddhismus. Er schien mir so geheimnisvoll. Von den TV-Shows, die ich mir angeschaut hatte, und den Büchern, die ich gelesen hatte, fühlte es sich so an, als wüssten die ‚Ost-Staatler‘ etwas, das ich nicht wusste, und dass Buddha ein Lebensgeheimnis entdeckt hatte, das die Leute herauszufinden versuchten. In meinem Kopf hatte sich bereits der Gedanke aufgebaut, dass ich aus allem, was ich im Leben tat, meine Lektion lernen konnte, und der Buddhismus schien dasselbe zu sagen. Als ich Craig, meinem Freund, im Alter von siebzehn begenete, wuchs mein Interesse am Buddhismus, weil er bereits eine Menge darüber wusste und Meditation praktizierte.

Mit Craig fingen mehrere Ereignisse an. Seine Mutter war eine Spiritistin. Ich übernachtete oft in ihrem Haus und lernte nach und nach über die Vorstellung vom Jenseits. Sie hatten alle Geister gesehen, und berichteten übereinstimmend von Haushaltsgegenständen, die sich durch die Räume bewegten. Ich glaube, ich war neunzehn, als ich mit Craig in seinem Haus fernsah, als sich ganz plötzlich die Haare der Hündin sträubten, und sie angstvoll zu winseln anfing. Dann spürte ich, wie ein rauschendes Gefühl meine linke Kopfseite traf, mein Ohr betäubte und oben am Kopf wieder austrat. Dann hatte Craig dieselbe Empfindung. Nachdem er sie gefühlt hatte, beruhigte sich der Hund, und alles war normal. Das erschreckte mich, und ich bekam immer mehr Angst davor, in diesem Haus zu bleiben. Ich entwickelte auch eine große Angst davor, von einem anderen Wesen besessen zu sein, vor allem vom Teufel. In späteren Jahren in Psychotherapie-Sitzungen kam diese Angst vor dem Teufel immer in der einen oder anderen Form hoch.

Mit Craig hatte ich ein anderes Erlebnis in einem Apartment, das er sich mit einem Freund teilte, und in dem alle einen Geist gesehen haben wollten. Ich lag eines Morgens im Bett, und ein Gefühl der Ruhe und Freude schien mich zu überkommen. Es fühlte sich an, als habe eine fremde Macht von meinem Körper Besitz ergriffen, aber es war ein ekstatisches Gefühl, das ich nie zuvor erlebt hatte. Es blieb etwa vier Stunden bei mir.

Ich begann zu meditieren, als ich neunzehn war. Ich fand es entspannend, aber tendenziell hatte ich hinterher immer das Gefühl, umnebelt zu sein, sodass ich es nach einer zweijährigen Hin-und-wieder-Phase ganz aufgab. In dieser Zeit las ich nur über Buddhismus und das Paranormale. Ich war so fasziniert vom Unbekannten, teils weil es mich erschreckte und teils weil ich es nicht verstehen konnte. Ich wollte wissen, ob es mehr im Leben gab als das, was das Auge sah. Ich hatte eigenartige Empfindungen erlebt und war immer von Leuten umgeben, die an das Jenseits glaubten. Sogar meine Großmutter hörte die Stimme ihrer toten Mutter, unmittelbar bevor jemand in der Familie unerwartet starb.

Ich war jedoch entschlossen, mich nicht deswegen in einer Religion zu engagieren, weil ich das Gefühl hätte, sie zu brauchen. Es musste sein, weil ich daran interessiert war. Somit engagierte ich mich erst mit fünfundzwanzig mehr für den Buddhismus. In einem Videokurs traf ich einen Drehbuchautor, der zufällig buddhistische Meetings in seinem Haus abhielt. Also ging ich zu einem solchen Treffen. Vom tibetanischen Buddhismus war ich desillusioniert, weil ich die Religion für zu hierarchisch hielt. Als ich an dem japanischen Buddhismus-Treffen teilnahm, fühlte es sich gut an, indem es zwanglos war und bodenständig, und die Leute redeten über Veränderungen in ihrem Leben, die sie durch Singen erreicht hatten.

Also fing ich zu singen an, um es auszuprobieren. Weil es verbal war, brachte es mich mehr aus mich selbst heraus, was sich gut anfühlte, und ich begann, die Dinge zu besingen, die ich mir in meinem Leben wünschte. Ich sang für einen Job, und ich bekam einen Job, den ich wollte. Ich sang, um mein Leben zu ordnen. Ich fing mit Psychotherapie an, und dadurch, dass ich zu den Treffen ging, begann sich meine Einstellung gegenüber Leuten und Ereignissen zu ändern, indem ich meine gegenwärtige Einstellung zu den Dingen konfrontieren musste und über sie singen musste.

Der Grundglaube des Buddhismus ist Karma und Ursache und Wirkung – jede Ursache, die du schaffst, hat ihre Wirkung. Die Leute hinterfragten ständig ihr Leben und änderten sich auf dieselbe Weise, wie die Therapie funktionierte. Ich wollte, dass sich die Dinge in meinem Leben änderten, also machte ich mit meinem Gesang weiter. Doch den Gedanken an Organisationen habe ich immer gehasst, und so bekam ich allmählich Probleme damit, Kommentare zu akzeptieren, ich solle Meetings besuchen, weil ich Angst hatte, eine Gehirnwäsche verpasst zu bekommen. Also behielt ich immer die Einstellung bei, dass ich singen wollte aber keine Fanatikerin werden wollte, dass ich eine gewisse Distanz zur Organisation einhalten wollte.

Ich sang tatsächlich weiterhin, war aber nie überzeugt, dass der Gesang irgendeine Veränderung in meinem Leben bewirkte, und ließ alle wissen, dass ich keine Erlebnisse gehabt hatte. Sie versuchten mich zu überzeugen, dass ich sie hatte, aber ich war mir nie sicher.

Das einzige Erlebnis, das nach meinem Empfinden mit dem Gesang verbunden war, hatte ich nach einer Therapiesitzung, in der ich über meine Angst vor dem Unbekannten geredet hatte. Ich sang vor meiner Buddhistenklasse und dachte, dass ich meine Angst vor dem Unbekannten überwinden wollte, als ich fühlte, dass oben auf meinem Kopf etwas eindrang. Meine Gesichtszüge begannen sich zu verzerren, und an diesem Punkt bekam ich große Angst. Dann begann meine Stimme, während ich sang, sich zu ändern. Ich fühlte mich wie ein alter Mann, ich war entsetzt. Ich sprang auf, lief in das Zimmer meiner Mitbewohnerin, währenddessen sich mein Körper nicht wie mein eigener anfühlte; es fühlte sich an, als würde mich etwas tragen. Ich zitterte vor Angst und bat meine Zimmergenossin, sich zu mir hinzusetzen.

Ich ging zu meiner Klasse zurück, aber jedes Mal, wenn ich sie anschaute, überwältigte mich die Angst. Also telefonierte ich mit jemand, der sang, und sie schlugen vor, dass ich die Angst jetzt ändern müsse, indem ich mich ihr stellte, und dass ich singen solle, um sie zu überwinden. Ich tat es, die Angst kam stoßweise, ich schaute mich weiterhin im Zimmer um, und alles schien verzerrt. Ich sang sechs Stunden lang, bis die Angst allmählich nachließ und der Raum nicht mehr verzerrt war. Am Ende hatte ich das Gefühl, eine tiefe Angst in meinem Leben freigesetzt zu haben.

Über die Jahre wurde meine Einstellung zum Buddhismus immer negativer, weil ich anfing, an der Idee der Reinkarnation zu zweifeln und auch daran, dass es in meinem Leben Veränderungen gegeben hatte. Aber ich klammerte mich an den Gedanken, dass die Reinkarnation einen Einfluss haben könnte und dass niemand sicher weiß, was richtig und falsch ist oder was geschieht, nachdem wir sterben. Ich habe auch immer den Tod gefürchtet, sodass ich glauben will, dass ich weiterleben werde, auch wenn ich mich nicht erinnern werde. Ich finde die Leute auch positiv und reizvoll, und so mag ich es dennoch manchmal, unter ihnen zu sein. Es fällt mir immer noch schwer zu glauben, dass alle diese Leute, die behaupten, Geister gesehen zu haben, oder die Todeserfahrungen gehabt haben, lügen oder sich das einbilden, vor allem, weil es noch immer zwei Drittel des Gehirns gibt, über die niemend etwas weiß, und weil nicht einmal Wissenschaftler wissen, was hinter der Energie eines Atoms steckt, aus denen wir gemacht sind.

Ich scheine einen Drang zu haben, einen verborgenen Teil meines Gehirns zu entdecken und alles auszuprobieren, das mit dem Unbekannten zu tun hat.

Im September 2000 beschloss ich, zu einem Rückführungs-Hypnotiseur zu gehen, weil ich schon immer wissen wollte, ob es wirklich ein Vorleben gab. So fand ich eine Frau, die mir empfohlen wurde.

Es stellte sich jedoch als viel schlimmer heraus, als ich mir vorgestellt hatte. Ich fand heraus, dass ich, wenn ich unter Hypnose war, versuchte, mich dem Sehen von Bildern zu widersetzen, weil ich ein Problem damit hatte zu glauben, dass das, was ich sah, ein Vorleben war. Ich war überzeugt, dass ich einfach Bilder erfand, die zu vergangenen Erlebnissen und Überzeugungen passten.

Dann gelangte ich irgendwie an einen Punkt, an dem ich zu einem Charakter wurde, der nie gestorben war, und an diesem Punkt dachte die Hypnotiseurin aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen, dass „ein Wesen“ in mir sei, und fing an, mit mir nicht als Maryjo zu reden sondern als dieses Wesen. Ich reagierte darauf, indem ich als dieses Wesen antwortete, das teuflisch war und deshalb nicht sehr freundlich.

Ich glaube, ich habe einen Teil von mir ausagiert, der zu den Leuten garstig und schrecklich sein wollte, hauptsächlich weil ich Zeit hatte, mir die Antworten auf die Fragen der Hypnotiseurin zu überlegen, und weil ich immer Angst vor dem Teufel gehabt hatte. Aber die Hypnotiseurin glaubte, es sei ein Wesen, und weil sie die Konversation dirigierte und in gewissem Maße Kontrolle über mein Unbewusstes hatte, war ich traumatisiert, als ich aus den Sitzungen herauskam. Ich weinte und stand unter Schock.

Drei Nächte lang schlief ich nicht, war verwirrt über meine Realität und ziemlich durcheinander. Die Hypnotiseurin schlug vor, ich solle noch einmal zurückgehen, weil es für mich zu viel zum Aufnehmen gewesen sei. Ich war abgeneigt und rief sie drei Wochen nicht an. Aber schließlich beschloss ich, dass ich zurückkehren musste, um für mich selbst herauszufinden, ob ich mich mit ihr vertrug oder nicht, was, wie ich glaube, so war.

Als ich ankam, sagte ich also der Hypnotiseurin, dass ich nicht glaubte, es sei ein Wesen, sondern dass es ein ausagierender Teil meines Unbewussten sei und dass ich nicht wolle, dass sie glaubt, ich sei ein Wesen, und dass sie die Konversation in diese Richtung führt. Dieses Mal versuchte ich unter Hypnose herauszuarbeiten, wieviel Kontrolle ich hatte. Wenn sie sagte, ich sei schläfrig und könne meine Augenlider nicht bewegen, versuchte ich, meine Lider zu öffnen, um herauszufinden ob ich es konnte. Ich konnte es nicht, aber wenigstens war mir klar, ich hatte die Bewusstheit, dass ich ans Versuchen denken konnte. Für mich war das somit ein Beweis, dass ich in gewisser Weise meinen Geist kontrollierte und deshalb Entscheidungen treffen konnte, was ich antworten würde.

Und wieder kam es zu der Situation mit dem Wesen. Die Hypnotiseurin steuerte die Konversation erneut und akzeptierte aufgrund ihrer Überzeugungen keine andere Erklärung. Aber am Ende war ich nicht so verängstigt, und ich hatte immer noch das Gefühl auszuagieren. Es schreckte mich jedoch ab, dass die Hypnotiseurin hartnäckig an ihrem Glauben festhielt, weil das für mich eine potentiell gefährliche Situation war, die Leute in den Wahnsinn treiben konnte.

Ich bin noch immer verstört von der ganzen Angelegenheit, weil ich das Gefühl hatte, auch wenn ich ausagierte, fühlte es sich wie ein fremder Teil meines Unbewussten an, und weil ich das Gefühl hatte, dass ich vielleicht gestörter war als mir klar war.

Gegenwärtig weiß ich nicht, was ich glauben soll. Ich singe noch immer, weil ich es noch immer ausprobiere, auf diesen Beweis teste, den alle anderen zu bekommen scheinen, die singen. Ich weiß nicht, was ich glaube, soweit es das Jenseits betrifft. Wenn Leute sagen, sie hätten einen Geist gesehen, glaube ich ihnen, warum sollte ich es anzweifeln? Ich glaube auch, dass Leute Voraussagen über Ereignisse machen können und von instinktivem Wissen geleitet werden können.

Vielleicht ist das alles auf meinen frühen Schmerz zurückzuführen und darauf, dass ich mich ihm nicht stellen kann. Wenn ich es kann, höre ich vielleicht auf, Geister zu sehen und an merkwürdige Dinge zu glauben. Ich weiß es jetzt noch nicht, weil ich noch nicht genug von meiner Kindheit gefühlt habe, um es zu wissen.




  Ende des Kapitels

 

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