-Home    Artikel und Buchauzüge      Übersetzungen aus A. Janovs Webseite     Neue Beiträge       Primärtheorie und Primärtherapie         Buchübersetzung: Bücher von A. Janov  

20 Kernthesen der Primärtheorie und Primärtherapie        ArthurJanov.com         Facebook          Studien und Statistiken            Primalpage                Emak              Primaltherapy.com

Primal Mind                 Epilepticjourney

Leseprobe aus Arthur Janovs neuem Buch "Beyond Belief"

(von mir übersetzt)

 

Dr. Arthur Janov:   Beyond Belief: Cults, Healers, Mystics and Gurus - Why We Believe

LLC Reputation Books, ISBN-10: 0986203173, 03. Mai 2016

                                                                                                          

 

Kapitel 7

Die Entwicklung von Gefühlen und die Umsetzung in Gedanken

Ich möchte verdeutlichen, dass neurotische Glaubensvorstellungen das Ergebnis einer Umsetzung von Gefühlen in Gedanken sind. Sehen wir uns an, wie das geschieht. Gefühle sind dazu bestimmt, der Evolution zu folgen, indem sie sich aus Hirnstamm-Erinnerungen heraus in Bewegung setzen, die mit dem Überleben vor, während und unmittelbar nach der Geburt zu tun haben. Diese Erinnerungen bewegen sich in Richtung präfrontaler Vernüpfung und Integration. Aber ein System von Schleusen verhindert, dass sie richtig fließen. Wir sollten zu Beginn wissen, dass jede Bewusstseinsebene die nächsthöhere Ebene ausfindig macht, um Unterstützung bei der Abwehr zu erhalten. Schmerzvolle Gefühle der Ablehnung im Alter von fünf werden also eingeprägt und beginnen mit ihrem Aufstieg zu höheren Ebenen, um Verknüpfung zu finden. Dieses Aufsteigen wird  vom Schleusensystem kurzerhand blockiert. Aber wir stellen fest, dass Erwachsene beim linken präfrontalen Kortex Zuflucht nehmen, der helfen soll, solche Gefühle zurückzudrängen. Und im Gehirn scheint es einen Schaukeleffekt zu geben, bei dem die höheren Ebenen im Falle der Aktivierung der tieferen Ebenen des limbischen/fühlenden Systems ihre Glaubenskräfte steigern, um die Gefühle zu unterdrücken. Wenn der präfrontale Neokortex hochgradig aktiviert ist, sind die Gefühlsareale des limbischen Systems (Hippocampus und Amygdala) eingeschränkt. Die Wirkungsrichtung verläuft von tiefer nach höher und auch von rechts nach links. Im Allgemeinen ist die rechte Hemisphäre die fühlende und die linke die gedankenbildende. Zwischen den beiden Hemisphären gibt es ein Schleusensystem, sodass es möglich ist, dass ein Teil des Drucks/der Energie die linke Gedankenzone beeinflusst, ohne dass die Person weiß, was die wirklichen Gefühle sind. Somit werden Glaubensvorstellungen und Zwänge konstruiert, um sich sicher zu fühlen, während das reale Gefühl eines totalen Sicherheitsverlusts auf der rechten Seite und auf den tieferen Bewusstseinsebenen residiert. Jetzt gibt es einen Gott, der uns Schutz und Sicherheit gewährt und über uns wacht, und die Person hat keine Ahnung, woher diese Idee kommt.

Gefühle scheinen immer zu versuchen, der Falle der Unbewusstheit zu entkommen, als ob das System erkennt, dass Unbewusstheit letztlich eine Gefahr ist und kein natürlicher Zustand. Gefühle sind ein Anpassungssystem; sie helfen uns, aus einem Gestrüpp von Input auszusortieren, was wichtig ist und Aufmerksamkeit verdient. Sie sagen uns, was sachdienlich und relevant ist und was ignoriert werden sollte. Der Zwanghafte kann nicht "ignorieren." Er muss sich um Dinge kümmern, um die er sich nicht kümmern sollte, und wenn er bei tiefen Gefühlen angekommen ist, hört der Zwang auf. Emotionalsysteme sind in der Evolution zum Zwecke der Anpassungsfähigkeit aufrechterhalten worden. Erfreuliche und unerfreuliche Gefühle tragen dazu bei, uns entweder von Stimuli weg oder auf sie zu zu lenken. Wir wählen eine Therapie, die uns angenehme Gefühle bereitet, und meiden eine, die Schmerz hervorruft. Unsere Therapie wird von Leuten gewählt, die schon unter Schmerz stehen und ihn die ganze Zeit spüren. Glaubensvorstellungen können bei diesen Menschen den Ansturm nicht aufhalten.

Einige Therapien unterstützen die Mystifizierung des Unbewussten und die Auffassung von einem inneren Bösen, das in den Tiefen des Unbewussten haust. Für Freudianer ist das Unbewusste immer noch ein geheimnisvolles Lagerhaus des Es, libidinöser Kräfte und all dessen, was Dämonen gleichkommt. Die Anhänger der Freudschen Theorie haben die religiöse Dämonologie übernommen und sie in eine psychologische Theorie eingekleidet, aber nichtsdestotrotz geht es immer noch um einen teuflischen Ort, vor dem man auf der Hut sein muss. Mit anderen Worten verstärken Therapeuten die latente Furcht im Patienten, indem sie ihm den Glauben einimpfen, dass tief in uns allen etwas steckt, vor dem man Angst haben muss. Ich habe Patienten tief ins Unbewusste geleitet und habe nichts dergleichen gefunden.

Jede Psychotherapie beinhaltet eine gegenseitige Glaubens-Komplizenschaft zwischen Patient und Therapeut. Andernfalls würden sie sich in den Haaren liegen. Ohne den gegenseitigen Glauben an Traumanalyse könnte zum Beispiel keine Therapeutin die Träume ihrer Patienten analysieren.

Ich könnte sogar sagen, dass der Patient zwangsläufig ein irrgläubiges System mit seinem Therapeuten teilen muss, wenn Schmerz nicht anerkannt wird. Ich sage das mit Vorsicht, weil es schlicht arrogant und absurd klingt. Aber wie nennen Sie es, wenn die zentralen Wahrheiten eines Individuums gemieden werden zugunsten einer theoretischen Konstruktion - d.h. eines Glaubens? Als was kann man ein psychologisches Gedankensystem bezeichnen, das die Geschichte ignoriert und auf Zehenspitzen um die Einprägung und um die Realität des Unbewussten herumschleicht? Mir ist beigebracht worden, dass dies eine Illusion ist; eine Illusion, die Patient und Therapeut teilen. Sitzung um Sitzung reden sie über und um die innere Realität herum. Jahre später ist der Patient vielleicht noch immer süchtig nach der Therapie-Droge und besucht seine Therapiesitzungen, als wäre es ein Kirchgang. Wie die Mitglieder von Peoples' Temple und die Branch Davidianer erfährt er Heilung nur pro forma;  denn es gibt keine Heilung ohne Schmerz, weil der Schmerz eine zentrale Realität von vielen von uns ist. Schmerz, besonders Urschmerz, setzt die Heilungskräfte in Bewegung. Ein Patient antwortete, als er gefragt wurde, warum er so lange in einem Kult blieb, dessen Schädlichkeit er kannte, dass er bei seinem jüngsten Wiedererlebnis - Strangulierung durch die Nabelschnur - unbewusst dachte, jede Bewegung könne gefährlich sein. Keine Bewegung zu machen bedeutete ursprünglich Sicherheit. Es wurde zu seinem Prototyp. Jede grundlegende Änderung, während man stranguliert wird, könnte den möglichen Tod bedeuten. Deshalb war er phlegmatisch und unfähig, sich aus einer schlechten Lage zu befreien. Das war die Grundstufe einer Kindheit, in der man dafür bestraft wurde, dass man sich weit von zuhause entfernte, dass man Gedanken hatte, die nicht moralisch und religiös waren.

Als ich vor meiner Entdeckung der Primärtherapie viele Jahre lang psychoanalytische Therapie praktizierte, kam ich nie dieser Art klug verborgenen Schmerzes nahe, den ich jetzt sehe. In den vergangenen Jahrzehnten hatte ich einen ungewöhnlichen Beobachtungsposten inne. Aus dieser Position habe ich Patienten in konvulsiver Agonie vom Boden abheben gesehen. Viele von ihnen hatten sich lange gegen diese Agonie gewehrt, indem sie Zuflucht bei Drogen und Alkohol suchten, bei Gedanken und Glaubenssystemen, bei einem Trip nach dem anderen in exotische Länder in dem Bemühen, "sich selbst zu finden." (Wie es ein Patient ausdrückte, der nach Europa ging, um sich selbst zu finden: "Ich war nicht da.") Wenn jemand schließlich die Agonie seines/ihres eingeprägten Schmerzes erlebt, ist das oft das Ende einer langen Straße durch die Irrealität zurück zum einzig wahren Lebensführer: die eigenen Gefühle.

Meine Patienten und ich haben auch eine Glaubenskomplizenschaft. Wir glauben an Schmerz. Sie glauben daran, weil sie in ihm stecken. Ich glaube daran, weil ich ihnen glaube. Der Unterschied ist, dass der Schmerz der ihre ist. Ich teile ihren Glauben, der nicht der meine ist. Und es ist nicht ihr Glaube, den ich teile;  es ist ihre Realität. Wir können messen und haben gemessen, wie ihr Schmerz in ihren Gehirnen, ihrer Biochemie, Elektrophysiologie und in ihren Immunsystemen verarbeitet wird. Wir können Depression in unseren Gehirnstudien sehen, und wir können am Muster der Gehirnwellen sehen, wie die Depression angehoben wird (nachlässt). Es kommt zu wesentlichen Änderungen in der Frequenz und Amplitude der Wellen. Diese Änderungen korrelieren mit Veränderungen der Körpertemperatur und des Blutdrucks. Im Allgemeinen kommen Depressive, die tief in Hoffnungslosigkeit stecken, mit sehr niedriger Körpertemperatur in die Sitzung. Nach einer Sitzung steigt sie beträchtlich an. Und es ändert sich auch der Serotonin-Spiegel (diese hemmenden Säfte, die uns beim Verdrängen helfen und dafür sorgen, dass wir uns dauerhaft wohl fühlen).

Ein Patient von mir erlebte den Sauerstoffmangel bei der Geburt wieder und war dabei an eine Vielzahl elektronischer Instrumente angeschlossen. Die Messwerte begannen zu steigen, als das Wiedererlebnis anfing. Es entwickelte sich weiter bis zu dem Punkt, an dem der Tod (im ursprünglichen Ereignis) unmittelbar bevorstand. Dann fielen die Messwerte der Vitalfunktionen  jäh, wobei die Temperatur innerhalb weniger Minuten um etwa vier Grad (Fahrenheit) sank. Als er anfing, die Sequenz des drohenden Erstickungstods bei der Geburt wiederzuerleben, beschwor er alle möglichen Gedanken herauf: "Was soll das Ganze......ich versuch' das nicht noch einmal.......ich will einfach aufgeben.....es ist so hoffnungslos," etc.

Was er nicht erkannte, war, dass diese Gedanken die oberste Ebene waren, das gedankenbildende Gegenstück früh vergrabener Gefühle. Die Bahnlinie der Gefühle verlief aufsteigend vom Hirnstamm durch die rechte Gehirnseite zum rechten orbitofrontalen Kortex, der dann Druck auf das linke präfrontale Areal ausübte, um die Gedanken zu formen: "Ich schaff' es nicht." Als er diese Gefühle wiedererlebte, verschwanden diese Ideen. Die treibende Kraft für die Produktion dieser Ideen war das vergrabene Trauma. Um das noch einmal bis zum totalen Überdruß zu wiederholen - die linke Seite ist sich des genauen eingeprägten Gefühls nicht bewusst, kommt ihm aber in den Zwangsvorstellungen nahe. Wenn man zum Beispiel jede Stunde die Türschlösser überprüfen muss, um sich sicher zu fühlen. Vorgeburtserfahrungen, das Geburtserlebnis selbst und frühe Kindheitstraumen erzeugen bleibende Einprägungen. Im normalen Leben übt die Verdrängung eine dauerhafte Kraft gegen das eingeprägte Trauma aus. Wenn die Einprägung in Richtung volles Bewusstsein aufzusteigen beginnt, was sie immerzu macht, dann unterstützt der gedankenformende Neokortex der obersten Ebene diese Verdrängung, indem er das Gefühl - zum Beispiel "niemand da, der mich rettet oder mir hilft" - ins Gegenteil verkehrt: "Ich bin gerettet worden. Es gibt jemanden, der über mich wacht und mich beschützt." Behalten wir die Dialektik im Auge, wenn wir Glaubenssysteme prüfen: Gleich, wie beschaffen die emotionale Entbehrung ist, wird sie  im Glauben ausgeglichen. Die Realität der Hoffnungslosigkeit wird kompensiert durch die Irrealität eines Glaubenssystems, das Hoffnung beinhaltet. Glaube ist die eine Methode, wie wir die Wahrnehmung von traumatischer Realität weg und hin zu Auffassungen lenken, die der Wahrheit möglichst fern sind. Irreal zu sein ist eine Sache des Überlebens.

Hier sehen wir, was mit jedem Patienten geschieht, der drauf und dran ist, in ein tiefes frühes Trauma einzutauchen. Gefühle werden in Gedanken umgewandelt. Dann werden diese Gedanken verteidigt, weil diese Gedanken das Individuum verteidigen. Später werde ich das "Bekehrungserlebnis" erörtern - wie jemand plötzlich von überwältigenden Kräften ergriffen wird, die ihn/sie veranlassen, seine/ihre Lebensrichtung radikal zu ändern.

Unsere Fähigkeit, einen Glauben anzunehmen und zu verteidigen, ist enorm. Versuchen Sie, einen wiedergeborenen Christen zu überzeugen, dass der Garten Eden eine Fantasie ist. Und wenn wir uns mit sonderbaren Schutzglaubenssystemen befassen, dann befassen wir uns in Wirklichkeit und tatsächlich mit Gefühlen, weshalb es eine zwecklose Übung ist, jemandem seinen Glauben ausreden zu wollen.

Und die irreale Person ist in der Regel in eine Kette aus Irrealitäten verwickelt, die sich zusammensetzt aus Aliens, UFOs, außerkörperlichen Erlebnissen, Kontaktaufnahme mit Leuten, die vor Tausenden von Jahren gelebt haben, und so weiter. Der Gedanke dahinter ist, sich auf Dinge zu konzentrieren, die so weit wie möglich von der (inneren) Gegenwartsrealität entfernt sind. Wir können das Kraft-Niveau des unbewussten Gefühls daran messen, wie weit es die Gedankenbildung ins Reich des Bizarren treibt. Je weiter der Gedanke in der Stratosphäre, umso tiefer im Gehirn der Schmerz. Und wenn Patienten ihren Schmerz fühlen, wird ihre Einstellung zu ihren Glaubenssystemen objektiver, und sie halten nicht mehr so hartnäckig daran fest.

Schmerztöter können dasselbe Ergebnis produzieren, wenn auch nur für sehr kurze Zeit. Sie blockieren den Druck, den Gefühle auf den linken Neokortex ausüben; somit muss der Neokortex nicht mehr hart arbeiten, um sonderbare Ideen zu fabrizieren. Der linke Frontalkortex kann sich erst entspannen, wenn wir (1) den Druck tieferer Ebenen mittels Tranquilizer reduzieren oder (2) den kortikalen Zugang blockieren, sodass die Gefühle vergraben bleiben. Einige Schmerztöter wirken auf tiefere Ebenen und einige verringern die Organisation und Schmerzintegrationsfähigkeit der obersten Ebene. Wir haben gesehen, wie Wahnvorstellungen auf der Stelle aufhören, wenn ein Patient ein starkes Beruhigungsmittel nimmt. Man kann es antipsychotische Medikation nennen, aber in Wirklichkeit ist es ein First-Line-Blocker, ein Blockierer der ersten Ebene; es blockiert tief eingeprägte Kräfte, denen die höchste Schmerzvalenz zueigen ist. Das ist deshalb so, weil diese Art von Schmerzen nahezu immer eine Sache auf Leben und Tod sind; zum Beispiel Sauerstoffmangel bei der Geburt.

Die Fähigkeit, im Dienste des Überlebens irreal zu sein, ist ein endloser Quell kreativer Ideen und einbildungsstarker Geistesschwünge. Wir sind in der Lage, ohne einen Schimmer von Scham die abstrusesten Vorstellungen auszuhecken oder uns anzueignen. Je verlassener sich der Suchende zu Beginn des Lebens oder in früher Kindheit fühlte, umso wahrscheinlicher glaubt er, dass es "dort droben" jemanden gibt, der über ihn wacht, der sich kümmert und hilft; ein guter Vater, eine fürsorgliche Mutter. Weil Glaubensvorstellungen Morphium sind, ist Dr. Feelgood unser Guru - dazu da, um uns zu trösten und zu beruhigen und uns zu versprechen, dass wir den Schmerz unserer Kindheit nie fühlen müssen. Er sagt es nicht so; er würde solchen Schmerz nicht einmal anerkennen. Er redet von Transzendenz, höheren Zuständen, und so fort. Ich will und werde den Leser weiterhin mahnen: Niemand hat eine Antwort für Sie. Niemand versteht Sie besser als Sie sich selbst, wenn erst Zugang zu Gefühlen besteht. Niemand kann die Antworten auf ihr Leben bereitstellen, weil das Leben kein Rätsel ist.

Viele Glaubensinhalte sind auf die normale wissenschaftliche Art nicht nachprüfbar. Und das ist ein großes Qualitäts-Kennzeichen des irrealen Glaubenssystems. Es lässt sich nicht verifizieren; es ist ein Gegenstand des Glaubens. Somit bilden Glaube und Hoffnung die Grundpfeiler dieser Glaubenssysteme. Ein psychotisches Glaubenssystem wie "Sie sind hinter mir her. Sie vergiften meinen Kaffee" hat keinen Bezug zur Wirklichkeit. Es tut nichts zur Sache, wenn der Glaube von vielen anderen geteilt wird - sozial institutionalisierter Wahnsinn. Es ist noch immer und nichtsdestotrotz ein Irrglaube, eine Illusion.

Einer meiner Patienten begann die Therapie mit seinem Gebetsteppich. Jeden Tag vor seiner Sitzung wandte er sich gen Mekka und betete. Monatelang ging das so, während er seinen Schmerz fühlte. Allmählich, als er mehr von der Hoffnungslosigkeit fühlte, die mit einer Mutter einherging, die nie für ihn da war und nie da sein würde, betete er weniger, bis er schließlich seinen Teppich weglegte. Nicht einmal hatten wir über seine Gebete gesprochen. Ob er gläubig war oder nicht, tat für uns nichts zur Sache, es sei denn als Marker für das Niveau seines Schmerzes. John Lennon sagte es: "Gott ist eine Konzeption, mit der wir unseren Schmerz messen." Der religiöse Eifer dieses Patienten drückte die Intensität seines verdrängten frühen Traumas aus. Sein rituelles Verhalten schützte ihn davor, anerkennen und fühlen zu müssen, dass ihn seine Mutter nicht geliebt hatte und nie lieben würde. Sobald er diese Realität wirklich gefühlt und akzeptiert hatte, musste er sich nicht mehr dagegen verteidigen, indem er fünfmal am Tag gen Mekka betete.

Die Mehrheit der Individuen würde eingestehen, dass sie tatsächlich nach einem "bedeutungsvolleren Leben" sucht. Nur wenige von uns, egal wie gebildet wir sind, möchten glauben, dass das Leben leer ist, dass es keine Magie gibt; kein höheres Wesen, das uns bewertet, kein finales System höherer Gerechtigkeit. Wir wollen etwas intensiver Persönliches. In einer fragmentierten Gesellschaft, die einen selbstsüchtigen, "Jedermann-für-sich-selbst"- Lebensansatz fördert, wünschen wir uns Bedeutung. In  einer so materialistischen Welt, die durch soziale Mobilität, Scheidung, Entlassungen und Karrierewechsel durcheinandergebracht wird, suchen wir auf verschiedene Art nach Bedeutung : Ordnung, Stabilität, Glaube an eine höhere Macht.  Wir fühlen, dass etwas fehlt im Leben, und halten Ausschau nach einem spirituellen Leben, weil wir glauben, dass es etwas mit unserem Innenleben zu tun hat, mit unserer Seele, wenn Sie so wollen. Wir sind auf der richtigen Spur. Es ist das Innenleben, das fehlt. Die Auffassung, dass ein spirituelles Leben zwangsläufig auf mystischen oder religiösen Glaubenssystemen beruht, hat uns verwirrt. Moral, Tugenden und menschliche Werte zu haben, bedeutet für zu viele Leute, dass man mystisch und religiös ist. Man nennt es "spirituell" sein. Es spielt keine Rolle, ob jemand freundlich und gütig zu anderen ist und ein fürsorgliches Leben führt. Wichtig ist, dass das alles in Hokuspokus, höhere Mächte, spirituelle Werte, etc. eingehüllt wird. Wobei mir scheint, dass der spirituellste Mensch der fühlende ist; der/die menschliches Leben und menschliche Emotionen wertschätzt, Ehrfurcht hat vor allen Lebensformen. Ein Mensch, der/die niemals Tiere jagen und töten könnte. Wenn man nicht fühlen kann, kann man nicht wirklich spirituell sein. Es gibt keinen nichtfühlenden Ersatz für aufrichtige menschliche Emotion und Empathie. Worte ("Ich bin sehr spirituell") sollten nicht mit Empathie gleichgesetzt werden, die ein Gefühl ist.

Der Heilige Gral der New-Age-Bewegung ist Bewusstsein. Nahezu alle New-Age-Ideologien zeichnen den Pfad auf, dem man folgen muss, um sich selbst auf "höhere Ebenen" dieses Bewusstseins zu transportieren. Wir haben ganz im Gegenteil herausgefunden, dass man nicht auf irgendeine Ebene aufsteigt. Um ein fühlendes Leben zu erlangen, steigen wir in wahrlich dialektischer Manier auf die Bewusstseinsebene hinab (zum eingeprägten Schmerz), die uns motiviert. Wir bringen den Schmerz ins Bewusstsein und lösen das Glaubensbedürfnis auf - weil das Bedürfnis zu glauben ein Derivat realer unerfüllter Bedürfnisse ist. Somit liegt die Zukunft für den Neurotiker in der Vergangenheit. Wir glauben, um nicht fühlen zu müssen. Glaube bedeutet Hoffnung; der Tod der Hoffnung ist die Geburt des Lebens. Ich habe Leute, die auf Booga Booga stehen, oft als solche betrachtet, die sich die exotischten Phänomene heraussuchen in dem Bemühen, das Mystische zu konkretisieren. "Beten verändert den Blutdruck," zum Beispiel. Es gibt so viel zu verstehen in der Wirklichkeit dieser Welt. Jede Wirklichkeit könnte zur inneren Wahrheit führen, und somit ist das alles eine weitere Methode, weit weg von Gefühlen zu bleiben.

Jedes System strebt danach, bewusst zu sein, weil Bewusstsein Überleben bedeutet. Hier wirken zwei Dynamiken. Die eine ist eine Tendenz zum Bewusstsein, und die zweite ist eine Tendenz zur Unterbrechung/zur Unbewusstheit, wenn das Bewusstsein von Schmerz überwältigend zu werden droht. Beide involvieren Überleben und sind entgegengesetzte Kräfte. Wir müssen bewusst sein, aber nicht so bewusst, dass das System - insbesondere das denkende/navigierende System - in Gefahr gerät. Wir müssen uns der Gefahr bewusst sein, die sowohl außen als auch innen existiert. Wir können nie die Evolution meiden und dabei hoffen, dass wir die Glaubenssysteme von Individuen verstehen. Werfen wir einen kurzen Blick auf die Evolution des Gehirns.

 

DER HIRNSTAMM  -  DIE ERSTE BEWUSSTSEINSEBENE

 

Die Evolution des Menschengehirns wird in den gereiften Gehirnen unserer Wirbeltier-Vorfahren in Momentaufnahmen festgehalten. Unser Hirnstamm ist reptilisch, und unser Mittelhirn ist in der Evolutionskette den Primaten zuzuordnen. Unser Neokortex ist der Gehirnteil, der menschliche Fähigkeiten über jene unserer Vorfahren hinaus einzigartig macht. Wir werden uns den Hirnstamm anschauen, einen Abschnitt des Mittelhirns und den Neokortex, da sie dahingehend wirken, dass sie die Ebenen unseres Instinkt- und Gefühlssystem definieren. Die Primärfunktion des Gehirnsystems ist, innere und äußere Stimuli zu fühlen, zu verarbeiten und auf sie zu reagieren. Überleben und Reproduktion ist die primäre Erfordernis in jedem Lebewesen. Um zu überleben muss man die Haupterfordernisse des Überlebens kennen und bezüglich dieser Erfordernisse funktionieren können. Menschen haben diese Funktion gemeistert. Das heißt, beinahe, wie wir sehen werden. Was wir lernen werden, ist, wie Gedanken und Glaube Teil unserer Überlebensstrategie sind.

Auf der Evolutionsskala ist der Hirnstamm das erste dieser Hauptsysteme. Dieses Gehirnsystem kontrolliert die autonomen und instinktiven Funktionen des Körpers. Es fühlt und reagiert automatisch anhand strukturierter und programmierter Muster. Es beherbergt unsere Instinkte und Überlebensmechanismen. Der Hirnstamm (und das Rückgrat) haben in sich die grundlegendsten Überlebensgrenzen für das Leben der menschlichen Spezies festgelegt und veranlagt. Diese Grenzen oder Sollwerte sind diejenigen, außerhalb derer unser System bestimmt hat, dass es nicht leben kann. Das heißt, dass diejenigen, die innerhalb der Grenzen überlebten, unsere entfernten Verwandten sind. Deshalb sind Sie und ich heute hier. Wir sind das Produkt einer Reihe von Überlebenden. Stellen Sie sich vor, unsere Vorfahren hätten nur auf Fantasie und Fehlwahrnehmungen reagiert. Sie hätten nicht sehr lange überdauert. Richtige Wahrnehmung ist überlebenswichtig; Gefahr zu spüren, vorauszuahnen und zu reagieren, bevor uns das Unheil trifft.

Und was ist mit der Spezies, die sich nicht anpasste? Das Leben kann im Endeffekt brutal sein. Somit sind in uns die Grenzen definiert, innerhalb derer wir existieren müssen, wenn wir überleben sollen. Diese Sollwerte definieren unsere unverleugbaren Grundbedürfnisse und die Grenzen, innerhalb derer diese Bedürfnisse befriedigt werden müssen. Teil dieser Grenzen sind Zeitbeschränkungen. Grundbedürfnisse müssen entsprechend eines evolutionären Zeitplans erfüllt werden. Wenn sich das Fenster einmal geöffnet und geschlossen hat, ist es in der Regel zu spät, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Diese Grundbedürfnisse sind Sauerstoff, Wasser, Temperatur, Druck und bestimmte andere Chemikalien (Salze, Eisen, Magnesium, Kalzium, etc.). Über die Millionen Jahre der Evolution ist diese grundlegende Überlebensfunktion im Rahmen des Anpassungsprozesses in den Kern unseres Gehirnsystems eingeätzt worden, um im Reproduktionsprozess in Genen und Chromosomen weitergegeben zu werden. Unser Hirnstamm überwacht andauernd oder vergleicht ständig fühlend diese Überlebens-Sollwerte, um uns wissen zu lassen, wann diesen Bedürfnissen nicht entsprochen wird. Das ist eine Sprache, die keine emotionale oder gedankliche Komponente hat; aber Worte können ihnen später angehängt werden, die kortikale Komponente eines Gefühls. Wenn Bedürfnisse nicht befriedigt werden, werden sie in Schmerz umgewandelt. Schmerz ist das Signal für etwas, das fehlt. Es wird in der Regel so früh verankert, dass wir von seiner Existenz keine Ahnung haben. Dennoch fahren wir fort, das Bedürfnis auf symbolische Art und Weise und durch Glauben zu erfüllen: "Gott liebt mich und will, dass ich Erfolg habe."

Wir müssen das im Gedächtnis behalten, wenn wir später über Psychotherapie nachdenken. Diese erste Linie ist eine Grundebene des Bewusstseins, die entstand, bevor die Systeme für Emotionen und Denken angefügt wurden. Wir empfinden, wir verarbeiten und wir reagieren, lange bevor wir Worte haben, um diese Empfindungen zu beschreiben (Druck, Zerquetschung, Ersticken, Schrecken). Ungefähr bis zum sechsten Lebensjahr ist das die Primärebene unseres Bewusstseins. Das ist in der Tat unsere erste Bewusstseinsebene (erste Linie). Der Hirnstamm existiert in unserem Körper als primitives basales Werkzeug. Er wirkt in unserem System als die Schlüsselverarbeitungskomponente unseres zentralen Sensormechanismus. Körpertemperatur, Blutdruck, Herzschlag, Atmung und Erbrechen sind Prozesse, die von diesem Zentralsystem kontrolliert werden. Wenn ein Mensch ohnmächtig wird, ist es dieses System, das die Kontrolle übernimmt, indem es die Grundfunktionen des Lebens aufrecht erhält. Im Großen und Ganzen resultiert ein Trauma der ersten Linie später in gleich großen nonverbalen Symptomen: hoher Blutdruck, sexuelle Probleme, Drogensucht, Hormonfehlregulierung und Migräne. Wir können den Ursprung eines Symptoms oder Verhaltens ziemlich gut daran erkennen, ob es eine verbale Komponente gibt oder nicht. Viszerale Symptome an der Mittellinie wie Kolitis deuten auf einen Ursprung auf der ersten Ebene hin. Die angemessene Therapie dafür ist, sich mit der Einprägung auf der Ebene zu befassen, auf der sie registriert worden ist. Das trifft auch dann zu, wenn Gedankenabweichungen involviert sind. Eine Einprägung auf unterer Ebene bewegt sich unvermeidlich auf höhere Ebenen zu, weil sie einen Ausgang und/oder eine Verknüpfung finden will. Hat man die Einprägung gefühlt, ändern sich Gedanken und Glaube - und das, ohne dass wir uns ein einziges Mal mit dem Glauben selbst befassen. Die verbale, denkende, reflektierende Ebene kann nicht die Arbeit des fühlenden Gehirns machen. Und das fühlende Gehirn/die limbischen Neuronen können nicht die Arbeit der sinnlichen ersten Linie/Ebene machen. Wenn man auf der kognitiven, verbalen, intellektuellen Ebene bleibt,  bedeutet das möglicherweise, dass man nie schrecklichen Schmerz auf tieferen Ebenen aufspürt; Schmerzen, die unweigerlich mit Gedankenabweichungen verbunden sind. Wir machen diesen Fehler, wenn wir Gedanken als in sich eigenständige Wesen betrachten und nicht als Teil der Evolution.

Ahistorische Therapien können nie die Geschichte auflösen. Wie ich aufgezeigt habe, ist Erinnerung Medizin. Kognitive Therapie muss ahistorisch sein. Ahistorische Therapie ist per Definiton oberflächlich.

Die motorischen Systeme, die emotionalen Systeme und die denkenden Systeme werden in Momenten lebensbedrohlicher Krisen abgeschaltet. Jedes höhere System wird in geordneter Reihenfolge abgeschaltet, sodass offensichtlich das letzte abzuschaltende System die erste Linie ist. Bei extremer Angst werden wir zum Beispiel unsere jüngst erworbenen Fremdsprachenfähigkeiten verlieren oder die neu erlernten Mathematik-Fertigkeiten. Unsere grundlegenden Körperfunktionsbedürfnisse und Komponenten werden kontrolliert durch eine Reihe sehr spezifischer und fest verdrahteter Richtlinien, die im Reproduktionsprozess zur Benutzung weitergegeben werden. Für uns als denkende erwachsene Menschen, die in kultivierten Gesellschaften leben, mögen diese Sollwerte als nicht relevant erscheinen, aber wir funktionieren innerhalb dieser Grenzen jeden wachen und schlafenden Augenblick unseres Lebens. Sie bestimmen das Überleben. Vielleicht ist es leichter, ihre Bedeutung zu verstehen, indem man sich das Leben einer primitiven Kreatur anschaut, die vor Millionen von Jahren in einer sehr feindlichen, gnadenlosen Unterwasserwelt gelebt hat. Das Gehirn auf dieser Stufe oder Ebene hat die limitierten Werkzeuge und Fähigkeiten unserer evolutionären Vorfahren, aber es beruht auf diesen Fähigkeiten, dass das Gehirnsystem sich erweitert, um Überleben und Kontrolle in einem größeren Umfeld zu ermöglichen.

 

DIE ZWEITE BEWUSSTSEINSEBENE -  (ZWEITE LINIE)

 

Das limbische System liegt oben auf dem Hirnstamm. Es ist dieses Erweiterungs-/Zusatzsystem, das uns emotionale Fähigkeiten verleiht. Das limbische System geht in seiner Reifungs-Zeitlinie mit der Entwicklung des rechten Gehirns einher. Das rechte Gehirn ist weitgehend für emotionale Erinnerung verantwortlich. Das erweiterte Bedürfnis, die Signale einer ständig expandierenden komplexen Außenwelt zu verarbeiten, wird hier in Angriff genommen. Der Ausdruck des rechten Gehirns ist allgemein und nonverbal. Oder später entwickelt es vielleicht ganz primitive sprachliche Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten werden im Allgemeinen verschwinden, wenn Patienten in ihrer Lebensentwicklung die Schmerzkette hinabsteigen. Der emotionale Ausdruck wird Platz machen für Grunzlaute und bestimmte körperliche Bewegungen. In einem Primal-Wiedererlebnis der ersten Lebensmonate kann es keine Worte geben. Der Patient könnte sie nicht ausdrücken, auch wenn er welche hätte. Es gibt pathognomische (sichere) Zeichen der unterschiedlichen Ebenen, die sich von den anderen unterscheiden. Und deshalb, wie ich erwähnte, verschiedene Arten von Symptomen, die mit diesen Ebenen assoziiert sind -Kolitis, Durchfall als typische Beispiele. Unkontrolliertes Weinen ist ein Symptom der zweiten Linie. Heftige Wut kann eine Kombination sein aus Kraft der ersten Ebene und einem Brennpunkt (auf Menschen), der von der zweiten Linie kommt. Noch komplizierter wird die Angelegenheit dadurch, dass die höheren Ebenen von Schmerzenergie aus den tieferen Ebenen angetrieben werden können - Grübeln, Zwangsgedanken, die uns nicht einschlafen lassen. Wenn wir kein Konzept von tiefliegenden fortdauernden Einprägungen haben, können wir Zwangsgedanken nie verstehen, die uns wach halten und nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Aufgewühltheit des Gedanken bildenden Kortex beruht oft auf einem totalen physiologischen Schäumen ungelöster alter Gefühle und Bedürfnisse. Hier eingekapselt ist ein reines Beispiel von Gefühlen, die sich in Gedanken verwandeln. Und hier, wenn die Patienten den Ursprung dieser Aufgewühltheit wiedererleben, wird die gedankliche Komponente aufgelöst. Abhängend von der Stärke oder Schwäche des Abwehrsystems sucht sich der Schmerz immer eine höhere Ebene auf seinem Weg zur Verknüpfung. Unsere Abwehr verhindert nahezu immer, das diese zustandekommt. Dennoch ist Verknüpfung die endgültige Bestimmung und Integration des Schmerzes. Wenn Schmerz überwältigend ist, neigt er sich über Verknüpfung hinaus und verstreut sich auf andere Areale des Kortex.

Generalisierter Ausdruck von Liebe, Furcht, Traurigkeit und Zorn ist die emotionale Sprache, die sich aus dem Hirnstamm und aus primitiven uralten limbischen Strukturen -  Amygdala und Hippokampus - entwickelt. Dieser Ausdruck wird der der Außenwelt mitgeteilt durch den Gesichtsausdruck, verallgemeinerte Körperwand-Bewegungen und durch den emotionalen Ton unserer verbalen Äußerungen. Wir stellen fest, dass Leute in Kulten oft auf abgestumpfte Weise mit flacher Emotionalität sprechen. Die Basis, auf der die emotionale Suprastruktur aufgebaut ist, ist der Hirnstamm, der dann durch limbische Strukturen  verfeinert wird und sich dann vom emotionalen System zum präfrontalen denkenden, reflektierenden Kortex weiter verzweigt. Emotionen sind die "Motionen", die wir machen, wenn wir fühlen. Dies ist die Ebene der Gefühlszustände, der Tränen und Schluchzer. Diese Sprache unterscheidet sich qualitativ von der Sprache der ersten Linie.

Manchmal wird ein Patient auf die Erste-Linie-Komponente des Gefühlserlebnisses regredieren: "Ich stecke fest. Ich komme nicht weiter." Das ist das Gefühl, zuerst einmal auf der dritten Linie; dann bewegt sich der Patient, der in seiner Kindheit in einem unerträglichen Elternhaus lebte, zur zweiten Linie hinab mit dem Gefühl: "Ich muss hier raus!" Und dann geht es weiter hinab zum unsagbaren Gefühl, bei der Geburt steckengeblieben zu sein - "Ich muss hier raus!" Die Ordnung des Abstiegs wird vorherbestimmt durch die Hierarchie des Nervensystems - neurobiologische Grundgesetze; etwas Starrsinniges und Unabänderliches, das nie durch eine Kraft von außen gesteuert werden kann.

Primärtherapie ist Neurose in umgekehrter Richtung. Bei normaler Entwicklung erweitert die emotionale Entwicklung die Kapazität und die Fähigkeiten der ersten Bewusstseinsebene. Die festverdrahteten Bedürfnisse sind noch immer in Kraft, aber das Individuum benutzt erweiterte sensorische Fähigkeiten, um die ständig expandierende Außenwelt zu erforschen und um aus ihr zu lernen. Ist es gut oder schlecht? Gefühle in der Einsichtstherapie zu diskutieren ist ein Oxymoron. Wie ich aufgezeigt habe, sind dies zwei verschiedene Diskursebenen. Entweder fühlen wir die Gefühle oder wir reden über sie. Es ist weitaus wichtiger, die Gefühle zu fühlen, als über sie zu diskutieren. Das eine befreit, das andere nicht. Das eine heilt, das andere nicht.

Die Empfindungen der ersten Ebene werden durch diese neu erweiterten sensorischen Werkzeuge ausgedrückt. Bilder, Geschmack, Klänge und Geruch sind die neuen Formate, unter denen die Empfindungen abgespeichert werden. Es gibt hier keine Gedanken-Komponente für die Gefühle, keine besondere Etikettierung, weil die höheren Ebenen des Gehirnsystems, die diese Funktionen handhaben, noch nicht entwickelt oder verknüpft sind.

Das limbische System kombiniert Emotionen mit tiefer liegenden Hirnstamm-Empfindungen und formt somit das Innerste und die Agonie des Erlebens - das "fühlende" Gehirn. Die Leidenskomponente ist das älteste System im Gehirn, weitaus älter als artikuliertes Fühlen. Der Ausdruck von Gefühlen konstituiert eine neue Ebene der Gehirnfunktion, die wir als zweite Bewusstseinsebene definieren. Sie hängt von einem ziemlich gereiften limbischen System ab. Die Komponenten des limbischen Systems und des rechten Gehirns beginnen mit ihrer Entwicklung im Mutterleib, beginnen ungefähr im sechsten Reifungsmonat, das Gefühlssystem zu dominieren und setzen ihre Entwicklung  zur höchsten Gefühlsebene fort bis ungefähr zum zweiten Jahr der Reifung. Der Zeitplan wird festgelegt durch die physische Reifung des Gehirns und seines sich ständig verfeinernden Netzwerks aus verknüpfenden Neuronen. Unter "normalen" Entwicklungsbedingungen wirkt die zweite Bewusstseinsebene dahingehend, dass sie die Funktion der ersten Ebene erweitert. Die zweite Ebene erweitert die Kommunikationsfähigkeit außerhalb des Mutterleibs. Auf dieser Stufe hat der Körper noch keine verbale Sprache entwickelt oder rationale oder begriffliche Fähigkeiten, weil diese Prozesse Funktionen eines Gehirnsystems sind, das sich erst so zum Ende des zweiten Reifungsjahres zu verknüpfen beginnt. Somit ist die zweite Bewusstseinsebene ein Prozess, der Gefühlskommunikation durch emotionalen Ausdruck ermöglicht.(Das ist der logische Evolutionsschritt, wenn Sie in Betracht ziehen, welcher Kommunikationsprozess danach kommt). Zum Beispiel lernen verantwortungsvolle Eltern durch die Intensität und Dringlichkeit des kindlichen Schreiens schnell, die Bedürfnisse eines Kindes in dieser Phase richtig zu interpretieren. Die fundamentalen Bedürfnisse eines Individuums werden immer durch die Sollwerte der ersten Linie diktiert. Wenn das Kind sich außerhalb des Mutterleibs bewegt, ändert es seine Sollwert-Erfordernisse nicht - das Maß an Sauerstoff, die Bewegungsfreiheit, das Niveau des Blutdrucks und der Körpertemperatur. Was wir haben, sind Werkzeuge, die uns befähigen, unsere Bedürfnisse denen gegenüber auszudrücken, die dafür verantworlich sind, für uns zu sorgen. Eine Schlüsselstruktur, die das vermittelt, ist der Gyrus cingulus anterior (dieser kontrolliert den Trennungsschrei und veranlasst die Mutter herbeizulaufen). Wir können einen Vater alle Tage lang ermahnen, emfindsam zu sein für die Stimmungen des Kindes, aber wenn er keinen Zugang zu seinen Gefühlen hat, wird er darin eine lahme Schnecke bleiben.

 

DER NEOKORTEX - DIE DRITTE BEWUSSTSEINSEBENE

 

Der orbitofrontale Kortex liegt hinter den Augäpfeln auf der obersten Gehirnschicht. Zusammen mit dem präfrontalen Kortex, der hinter der Stirn liegt, beginnt der orbitofrontale Kortex um das zweite Lebensjahr teilweise zu funktionieren und setzt seine Entwicklung fort bis ungefähr zum zwanzigsten Lebensjahr. Es ist dieser vordere/obere  (präfrontale) Gehirnteil, der mit Gedanken, Ideen, Planung, Glaubensvorstellungen, Philosophien, Logik, Vernunft, Verstehen, Voraussicht und Einsicht zu tun hat, und das alles, indem er innere Information mit Input von außen und Output nach außen kombiniert. Somit ist diese oberste Ebene entscheidend für die Integration von Gefühlen. Leider befassen sich aktuelle Einsichts- und kognitive Verhaltenstherapien nahezu ausschließlich mit dieser obersten Ebene und lassen die tieferen Ebenen außer Acht. In der Evolution war es nie beabsichtigt, dass wir nur denkende Gehirne sind. Das denkende Gehirn entwickelte sich, um die Steuerung und Fokusierung unserer Gefühle der tieferen Ebenen zu unterstützen. So lässt Wut, die auf tieferer Ebene abgespeichert und eingeprägt ist, Wut gegen die eigene Ehefrau entstehen. Die Gefühle sind richtig, aber der Kontext ist falsch. Er bleibt so lange nach außen konzentriert, wie ein Mensch keinen guten Zugang zu tieferen Bewusstseinsebenen hat. Kognitive Therapie befasst sich mit dem aktuellen Brennpunkt ohne Rücksicht auf den historischen Kontext. Und diese Methode wird von Leuten gewählt, die als Abwehr in ihrem Kopf Zuflucht gesucht haben. Solange das geschieht, gibt es keine endgültige Auflösung und Integration. Insofern ist etwas wahrscheinlich tatsächlich richtig, wenn jemand inneren Zugang hat und findet, dass es sich als richtig anfühlt. Ohne Zugang trifft man schlechte Entscheidungen und fällt schlechte Urteile. Jemand hat es auf eine Vorzeigefrau abgesehen, weil er unter schwerer Kindheitsablehnung leidet - ein Bemühen, um sich gewollt und wichtig zu fühlen. Eine Künstlerin müht sich um die falsche Kunstgallerie, weil sie eine gewisse Art Prestige braucht, anstatt jemanden zu wählen, der/die ihr am meisten guttut. Sie können die leeren Stellen ausfüllen. Das vordere/obere Gehirnareal integriert Gefühle tieferer Ebene ins volle Bewusstsein,  verleiht unseren Gefühlen Bedeutung und hilft uns somit beim Umgang mit der Außenwelt. Ein angemessen funktionierender Kortex arbeitet auch mit dem retikulären Aktivierungssystem tief unten im Gehirn zusammen, um die Alarm-Wach-Funktion zu regulieren. Das ist unser "denkendes" Gehirn und ist unsere dritte Bewusstseinsebene (dritte Linie).

Die Komplexität des menschlichen Gehirnsystems ist so groß, dass der Mensch fast zwanzig Jahre braucht, bis das Gehirn sein volles Wachstumspotential erreicht hat. Das Potential für Selbstkontrolle und abstraktes Denken kann sich bis Mitte zwanzig weiterentwickeln. Und die Komplexität der Gesellschaft, die wir geschaffen haben, ist eine Widerspiegelung unserer Unfähigkeit, Zugang zu Gefühlen zu erlangen. Hier sehen wir die einzigartige menschliche Lernfähigkeit entwickelt, die der Spezies homo sapiens die Fähigkeit verliehen hat, ihr Umwelt wie keine andere zu dominieren. Hier sehen wir auch die Errichtung von Institutionen, Schulen, Gefängnissen und Krankenhäusern, welche die Entfremdung von Gefühlen aus Achtung vor Gesetzen und Regeln reflektieren.

Somit sehen wir mit der Entwicklung der dritten Hauptzone des Gehirns einen radikalen Kapazitätszuwachs für den Umgang mit der äußeren und inneren Umgebung. Die enorme sprachliche Ausdrucksfähigkeit eröffnet unbegrenzte Horizonte für Erforschung und Lernen. Jetzt sehen wir anstatt reflexartiger instinktiver Reaktionen auf unsere Umwelt unbegrenzte Lernfähigkeit. Durch den Erwerb der Sprachfähigkeit, die uns überall dorthin bringt, wohin wir wollen, haben wir uns über den Ausdruck generalisierter Emotionen hinaus auf verfeinerten und vielfältigen Ausdruck zubewegt. Die Erfindung des Telefons, Fernsehens und jüngst des Internets sind Erweiterungen unserer Fähigkeit und unseres Verlangens nach ausgedehnter Kommunikation. Wir werden uns auch ins Weltall ausdehnen, womit wir schon begonnen haben. Das alles geschieht aufgrund unseres Gehirns.

 

ZUSAMMENFASSUNG DER DREI EBENEN

 

Wir haben jetzt drei Hauptstufen der Gehirnentwicklung festgelegt. Das sensorische, das emotionale und das denkende Gehirn sind spezifische Entwicklungs-Plateaus mit spezifischen Reifungs-Zeitlinien. In einem normal entwickelten Gehirn wirken diese Gehirnentwicklungsstufen zur gegenseitigen Verstärkung, wobei jede einzelne vermehrte Bewusstheit und gesteigerte Kontrolle über unsere innere und äußere Umwelt ermöglicht. Entscheidend ist zu verstehen, dass wir im Grunde fühlende Geschöpfe sind und dass die Erweiterungen, die unsere Emotionen und unser denkendes Gehirn sind, ohne das Wirken des Hirnstamms nicht funktionieren können. Umgekehrt kann der Hirnstamm aber ohne die höhere Ebene des emotionalen und denkenden Gehirns funktionieren. Noch einmal, wir sind im Grunde sensorisch-fühlende Wesen. Unsere Gehirnkapazität ermöglicht uns, unsere Lebensumwelt hinsichtlich ihrer Gefahren und ihres Nutzens zu erweitern. Wir entwickeln die Fähigkeit, über unsere Umwelt zu lernen und sie folglich zu kontrollieren. Keine andere Spezies hat diese Fähigkeit.

 

EINPRÄGUNG UND SCHLEUSUNG

 

Aber wir haben ein Problem. Aus einem gewissen Grund funktioniert unser Gehirn-/Gefühlsystem  nicht immer auf eine Weise, die zu unserem eigenen Vorteil ist. Wir haben Mechanismen in unserem System, die uns einerseits helfen, unser Funktionsfähigkeit unter Stress aufrecht zu erhalten, und die gleichzeitig Schmerz-Reservoire schaffen, die uns verrückt machen. Diese Mechanismen sind Einprägung und Schleusung. Diese schlimmen Finger sind unsere Retter. Woher wissen wir, dass uns etwas verrückt macht? Oft haben wir verrückte Ideen - dass Marsmenschen kommen, um uns zu entführen.

Einprägung bezeichnet im Grunde den Vorgang, bei dem Ereignisse bleibend in unser Nervensystem eingestempelt werden, wobei die Wirkungen überall im restlichen Körper zu spüren sind. Einprägung ist Teil des Lernprozesses. Hätten wir die Fähigkeit der Einprägung nicht, hätten wir auch keine spezifische Lernmöglichkeit, die uns ermöglicht, kritische Zukunftsereignisse hinsichtlich ihrer Relevanz für unser Überleben zu beurteilen. Wir lernen aus Erfahrung, und wir lernen besonders aus schlechter Erfahrung. Für die Einprägung wird ein hohes Erregungsniveau benötigt; mit anderen Worten eine Notlage, die das System in Alarm versetzt. Aus klinischer Beobachtung wissen wir, dass die Kraft oder Valenz des Traumas zur Kraft der Einprägung wird. Das besagt, dass die volle Kraft des Ereignisses in Körper und Gehirn eingeprägt wird. Anhaltende und sehr frühe emotionale Deprivation hat lebenslange Auswirkungen auf unsere Physiologie und Persönlichkeit. Einprägung als schmerzvolle Erfahrung mit hoher Stimulation veranlasst das Gehirn, Signale auszusenden, die dem Körper mitteilen, dass er sich verteidigen muss. Das Gehirn verarbeitet die Trauma-Botschaft, reagiert dem Dringlichkeitsgrad entsprechend und aktiviert die dafür verfügbaren Systeme, um der Krise zu begegnen. Einprägungen ausreichender Stärke - entweder als Einzelereignis oder als akkumulierte Ereignisse - etablieren den Prototyp der Reaktion auf zukünftige Stimuli.

Der Entwicklungszeitrahmen des Gehirns bezüglich der Krise ist von entscheidender Bedeutung. Hier kommt unsere evolutionäre Entwicklung im Sinne der Bewusstseinsebenen ins Spiel. Wie reagiert das Gehirn auf ein Trauma und wie verarbeitet es dieses Trauma zum Zeitpunkt der Geburt, im Alter von einem Jahr und im Alter von vier Jahren? Schauen Sie sich unsere Erörterung des Apparats und der Sprache an, die in diesen spezifischen Zeitrahmen verfügbar ist. Wir haben ein Gehirnsystem, das sich durch drei verschiedene Ebenen entwickelt. Jede Ebene hat eine andere Sprache und andere Werkzeuge, um mit einem Trauma umzugehen. Die Traumawirkung auf Entwicklung und Physiologie des Gehirns ist in den verschiedenen Phasen monumental unterschiedlich und von entscheidender Bedeutung. Und äußerst wichtig ist, dass Einprägung bestimmen kann, wie das Gehirn an sich geformt wird. Wenn wir die Entwicklung des Gehirns überprüfen, stellen wir fest, dass ein sehr früh im Leben eingeprägtes Trauma anfängt, Schlüsselsysteme abweichen zu lassen, sodass wir als Erwachsene unter verzerrten Wahrnehmungen und Wahnvorstellungen leiden. Das ist nicht allein auf Gedanken zurückzuführen sondern auf die entstellten Systeme, deren Abweichung vielleicht bei der Geburt begonnen hat. Diese Abweichungen entwickeln sich ebenso, sodass es emotionale und dann gedankliche Veränderungen gibt.

Es gibt kritische Perioden in der Schwangerschaft, in denen die Gehirnbildung durch Prägung/Einprägung umgeleitet werden kann. Diese Umleitung oder Dislokation der Gehirnbildung verursacht, dass sich normale Gehirnsysteme unangemessen entwickeln. Anstatt Entwicklungsenergie und Anlagen für die Entwicklung "normaler" Systeme einzusetzen, wird das Gehirn umgeleitet, um Spezialysteme zu errichten, die sich mit außerordentlichem Trauma befassen. Diese Funktionsumleitung hat im Lauf der Zeit weitreichende Implikationen. Es ergeben sich andere Spiegel von Serotonin, Dopamin, Stresshormonen (Kortisol), die alle von frühen Traumen herrühren. Woher wissen wir das? Wenn Patienten diese frühen Traumen wiedererleben, kommt es oft zu einer Normalisierung der biologischen Funktion.

 

SCHLEUSUNG

 

Die Schwester der Einprägung in der Schmerzfamilie ist die Schleusung. Hier haben wir unsere zwei Erretter und unsere zwei Dämonen. Überstimulierung durch eine mächtige elektrische Kraft kann zum Abschalten oder zur Schleusung führen. Sie könnte sogar zur Entwicklung von Amyloid-Plaque führen, aus der dann frühe Alzheimer Krankheit wird (Überstimulierung des Gehirns ist ein Element in der Amyloid-Entwicklung).

Wenn die Einprägung eine gewisse Kraft oder Größe hat, kann sie zur Aktivierung des Schleusensystems führen und zum konsequenten Abschalten des Fühlens. Gefühlsverdrängung ist der geläufigste Ausdruck, der für diese Situation verwendet wird. Dieser Mechanismus reagiert nicht nur auf besondere traumatische Ereignisse sondern im Lauf der Zeit auch auf angehäuften Schmerz (fehlende Liebe).

Das Schleusensystem hält uns unbewusst, und die Spiegel der Neurotransmitter fungieren als Barometer für die allgemeine Unpässlichkeit unseres Systems - für das Maß der Schleusung zwischen Bewusstseinsebenen, für die Anwesenheit der "Türen der Fehlwahrnehmung" im Gehirn. Somit ändert und anpasst sich das Schleusensystem den Schmerzmengen entsprechend, die sich früh im Leben festsetzen. Wenn ich behaupte, dass Schleusen uns unbewusst bleiben lassen, bedeutet das, dass sie unsere realen Gefühle vom vollen Bewusstsein abhalten. Zu oft machen wir ein Geschäft mit dem Teufel; ein bißchen Bewusstheit an Stelle vollen Bewusstseins. Wie also werden Gefühle blockiert und in Glaubensvorstellungen verwandelt?

Schmerz, der sich mit der Zeit anhäuft, kann zum Beispiel fortgesetzte Gleichgültigkeit oder Kälte der Eltern sein. Hier kommt der Mechanismus ins Spiel, der eine Anti-Leidens-Vorrichtung ist. Dieser mechanismus schließt eingeprägten Schmerz weg, der nicht gelöst werden kann. Unser Gehirnsystem kann nur mit einem bestimmten Maß an Stimulierung umgehen. Die Überlast an Schmerz schließt es weg, um die Entstellung unseres sensorischen Systems aufzuhalten. Dieser Mechanismus hält den ungelösten Schmerz und alle damit verbundenen Reaktionen außerhalb unseres bewussten Zustands unter Verschluss, sodass der Körper seine Hauptfunktion fortsetzen kann, unsere innere und äußere Umgebung im Dienste des Überlebens sensorisch wahrzunehmen.

Aber die große Frage hier ist: Wohin geht der Schmerz? Fakt ist: Er verschwindet nicht einfach - niemals! Der ungelöste Schmerz bleibt genau so im System, wie er eingeprägt wurde und mit seiner vollen und ganzen Kraft. Aber wegen seiner Intensität wird er durch Schleusen weggeschlossen, sodass er nicht in die Gehirnstrukturen zugelassen wird, die das Fühlen des Gefühls ermöglichen. Das ist ein großartiger Mechanismus, der Schmerz wegschließt, der andernfalls unser System außer Kontrolle geraten lassen würde. Versuchen Sie, mit einer Migräne oder mitten in einem Asthma-Anfall zu funktionieren! Jeder weiß, wie die Konzentration verlorengeht, wenn wir hungrig oder müde sind, und das sind, wenn sie nicht andauern, milde Umstände, die unsere Aufmerksamkeit fordern. Das Schleusensystem schließt diese Überlast-Gefühle weg, damit wir weiterhin funktionieren. Großartig. Was also ist das Problem? Das System funktioniert!

Naja, nicht so richtig. Tatsache ist, dass die Schleusen undicht sind! Und das durchsickernde Material gelangt auf höhere Ebenen und produziert Gesinnungen und Glaubensüberzeugungen. Die Schleusen haben begrenzte Fähigkeiten. Wenn der Stress die Kapazität des Schleusensystems, die Überlast zurückzuhalten, übersteigt, dann fühlen wir voll bewusst das Wirken der Stress-Symptome. Wir sind vielleicht ängstlich oder erleiden Panikattacken - Schmerz und Schrecken steigen ungemildert ins volle Bewusstsein auf, wo wir keine Ahnung von ihrem Ursprung haben. Und wenn der Körper den Schmerz nicht unterdrücken kann, schauen wir uns außerhalb nach Verdrängungshilfen um. Wir suchen uns Schmerzunterdrücker aus in Form von Drogen oder Alkohol, oder wir gehen zu Zwangsverhalten über, das den Schmerz bindet; wenn wir zum Beispiel von Bazillen besessen sind, die uns davon abhalten, eine Tür zu öffnen.

Was schließlich geschehen könnte, ist die Errichtung einer Weltanschauung - eine Weltsicht, die in Einklang steht mit der Geschichte der Person. Alles dient dazu, den Schmerz in Schach zu halten. Und es gibt eine weitere Komplikation. Im Lauf der Jahre verliert das Schleusensystem seine ursprüngliche Kapazität und Kraft, was bedeutet, dass unsere Abwehr schwächer wird, wenn sich mehr äußerer Stress anhäuft.

Mit der Zeit beginnt der den involvierten Körperorganen aufgezwungene Stress seinen Tribut zu fordern. Körperteile wie das Herz, der Magen und die Eingeweide beginnen zu versagen, lange bevor sie es sollten. Herzattacken, Geschwüre und Kolitis sind verbreitete Störungen, die ihre Ursachen in Stressüberlastung haben, die oft von der ersten Linie kommt; oft ist dies auch der Fall bei Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson. Diese Einprägungen haben immer Zugang zu den tieferen Ebenen - den Eingeweiden, Lungen, Nieren und Leber - egal, wie sehr sich unser Abwehrsystem bemüht, uns von ihnen getrennt zu halten. Eines schönen Tages dann, wenn wir sechzig sind, verschlimmern sich die Dinge allmählich.

Und nun kommen wir zum größten Problem von allen. Sprache. Es ist eine Sache, Stress und Spannung zu fühlen. Es ist eine andere Sache, es nicht zu verstehen. Als Erwachsene haben wir ausgereifte Gehirne. Wir fühlen und denken. Und mit diesen Werkzeugen organisieren und bewältigen wir unsere Welt. Es ist unser denkendes Gehirn, das uns außerordentliche Kraft gibt. Es ist auch unsere Achillesferse, weil wir unter dem Strich fühlende Wesen sind. Das denkende Gehirn kann keine Schmerzüberlast auflösen, die zustandekam, als  nur der Hirnstamm und seine sensorische Sprache (Druck, Zerquetschung) das funktionierende Hauptgehirnsystem war. Die Einprägungen auf dieser ersten kritischen Entwicklungsstufe haben keine denkende oder emotionale Komponente, weil die Strukturen, die diese Komponenten möglich machen, zum Zeitpunkt der Einprägung nicht verknüpft waren. Die Bewusstseinsebene auf der ersten Stufe der Gehirnentwicklung spricht nur eine sensorische Sprache (drückende Brustschmerzen). Wir spüren sie, und sonst nichts. Andernfalls könnten wir zurücksuchen und über diese frühen Erfahrungen reden. Indem wir über sie reden und sie verstehen, könnten wir sie auflösen. Aber so kann es nicht und so wird es nicht funktionieren. Übrigens gibt es auch keine Szenen, um das Ereignis in Raum und Zeit zu lokalisieren. Das kommt später. Die Unfähigkeit zu verstehen, die Unfähigkeit, den Schmerz von dieser Ebene klar zu "durchdenken" und aufzulösen, macht uns verrückt; wir werden von völlig unverständlichen Kräften angetrieben. Und dasselbe ereignet sich bei der Schmerzüberlastung, die währen der zweiten kritischen Entwicklungsphase zustandekommt. Hier haben wir eine erhöhte Bedeutung der Emotion, aber auch hier wiederum gibt es nicht den vollen, gedanklichen Kontext, der sich später entwickelt. Also haben traumatische Ereignisse, die während der ersten zwei Phasen der Gehirnentwicklung geschehen, ihre eigene Sprache, und diese Ereignisse können vom "denkenden" Bewusstsein weggesperrt werden. Die tieferen Ebenen reden ständig mit uns, aber wir hören sie nicht. Wir müssen anfangen, ihre Sprache zu sprechen, und die hat nichts mit Worten zu tun. Das ist das Kreuz mit der Ursache dessen, was uns zu Wutanfällen treibt oder zu unkontrollierten emotionalen Episoden oder was uns unter verwirrenden Symptomen wie hoher Blutdruck oder Anfälle leiden lässt. Die kraftvolle Einprägung wird durch die gnadenlose Tatsache unserer Evolutionsgeschichte in einer primitiven Sprache weggeschlossen. Wir können fühlen oder spüren, dass wir von früh an ungeliebt waren, wenn wir sorgfältig bezeichnen, was Liebe ist; und es ist zuallererst Bedürfnisbefriedigung auf jeder Ebene - reichlich Sauerstoff bei der Geburt - liebevolle Eltern, die ihr Kind halten, wenn es angemessen ist, - intellektuelle Stimulierung für das reife Kind. Deshalb können wir auf jeder Ebene ungeliebt sein. Jede neue Ebene der Gehirnentwicklung entwickelt und verfeinert sich auf der vorherigen Ebene. Erst wenn wir uns zutiefst ungeliebt fühlen, ebnen wir uns den Weg zur Liebe; das System öffnet sich endlich für seinen Schmerz und seine Gefühle. Und solange wir das nicht tun, brauchen wir einen Glauben, dass jemand oder etwas uns liebt. Sich ungeliebt zu fühlen zwingt das System unbewusst zum Handeln.

Das limbische/fühlende System ist im Alter von drei ziemlich gut entwickelt, wenn der orbitofrontale Kortex (gleich hinter den Augäpfeln) "ans Netz geht," um Gefühle auf einer höheren Ebene darzustellen. Es ist die Zeit, wenn wir anfangen Sprache zu benutzen, um unsere Gefühle zu beschreiben. Zu diesem Zeitpunkt haben wir bereits ein ganzes Leben emotionaler nonverbaler Erfahrungen in unseren Systemen versiegelt. Diese Erfahrungen/Einprägungen dauern an. Jahrzehnte später kann es sein, dass sie Glaubensüberzeugungen provozieren. Die Erinnerungen können dermaßen unter Schichten von Verdrängung verborgen sein, dass der Glaube ein Eigenleben zu haben scheint und sich auf nichts anderes bezieht. Und wenn wir versuchen, Glaubensinhalte zu entprogrammieren, versuchen wir ungewollt, die Geschichte und Neurophysiologie des Menschen zu entprogrammieren. Mit der Entwicklung des linken Präfrontalhirns beginnen wir, optimale Voraussetzungen zu schaffen, um in unserem Kopf zu leben anstatt in und mit unseren Gefühlen; wir verlieren den Kontakt mit unseren Instinkten und unseren Körpern. Wir können keine Koordination mehr beibehalten und werden linkisch. Es ist der unvollständige Beginn einer Flucht aus unserer Innenwelt in die Außenwelt, vom rechten Gehirn zum linken.

Es gibt eine zweispurige Bahn aus Nervennetzwerken, die die Gefühlszentren mit dem präfrontalen Neokortex verbinden, wo Glaubensinhalte organisiert werden. Die Amygdala zum Beispiel empfängt nicht nur absteigende Fasern vom vorderen Areal des Neokortex, sondern schickt auch emotionale Information durch ineinandergreifende Faser-Netzwerke an ihn zurück. Diese Nervenfasern verknüpfen emotionale Erinnerung mit höherer kortikaler Funktion. Es ist dieses System, durch das Endorphine in Aktion treten, um die Blockade schmerzvoller Gefühle zu unterstützen. Wenn sich Emotionen aus dem limbischen System zum vollen Bewusstsein höherer Ebene bewegen, greifen Endorphine und Serotonin ein (unsere natürlich produzierten Opiate), um ihnen den Weg zu versperren. Durch diesen Prozess kommt Schmerzschleusung zustande. Und auf diese Weise werden Gefühle umgeleitet und in Glauben umgewandelt. Die frühe Grausamkeit einer Mutter kann uns später misstrauisch gegenüber Frauen machen. Wir rationalisieren: "Frauen kann man nicht trauen. Sie wollen Männer zerstören," und so fort. Tatsächlich würde es selten geschehen, dass ein männliches Kleinkind, das von seiner Mutter total geliebt worden war, später eine Ideologie des Misstrauens gegen Frauen entwickelt. Auf der tiefsten Ebene und in unserer frühesten Zeit kann, wenn die Geburtssituation voller Gefahr war, die Grundlage des Argwohns gegen die Umwelt verankert worden sein. Dieses Misstrauen würde in den Folgejahren nicht offen in Erscheinung treten. Aber wenn wir dann ein gefährliches häusliches Umfeld und eine Mutter hinzufügen, die kalt und grausam ist, wird sich das Misstrauen verstärkt gegen Frauen richten. Die Kraft des Misstrauens, die es zu offener Paranoia steigert, kann aus einer Phase lange vor der Kindheitserfahrung kommen. Sie könnte einem Zeitpunkt entspringen, als die Gefahr lebensbedrohlich war und die Kraft deshalb gewaltig. Das Fundament für spätere Gedankenbildung kann errichtet worden sein, ehe wir unsere Sprachfähigkeit erhalten.

Ich sage das noch einmal: Die Basis für spätere Gedankenbildung kann in prä-gedanklicher, prä-verbaler Erfahrung liegen. Frühe Erfahrung verflechtet sich mit späterer Erfahrung in der Kindheit, und Jahrzehnte später verschafft sich diese Erfahrung schließlich Gehör. Und tatsächlich habe ich herausgefunden, dass diese leidenschaftlich Gläubigen meistens einen katastrophalen Lebensanfang hatten; eine Mutter, die gleich nach der Geburt krank war und ihr Baby wochenlang nicht sehen konnte - und dergleichen Dinge. Und woran glauben sie? An "Booga-Booga": dass es Wunder gibt im Leben; dass wir von Gurus verwandelt werden können; dass wir nur eifrig glauben müssen, und alles wird gut werden, etc.  Der Glaube beinhaltet oft das (frühe) Bedürfnis nach Nähe und Schutz; jemand, der über uns wacht und sich kümmert. "Er passt auf mich auf." Äußerst bedauernswert ist, dass ein Großteil der heutigen Psychotherapie auch denkt, dass Sie tiefe Probleme lösen können, wenn sie genug glauben. In diesem Sinne verschlimmern sie die Situation.

Ereignisse, denen eine hohe Valenz zueigen ist, werden in das ganze System eingeprägt. Das ändert die Sollwerte verschiedener Hormone und Opiate/Schmerztöter. Bevor eine Einprägung im Kortex als präziser, unverfälschter Schmerz ankommen kann, senden Neuroinhibitoren über die Nervenpfade Botschaften, die auf Schleusung/Blockade/Verdrängung abzielen. Sie sind die Agenten der Falschinformation. Sie ermöglichen dem rechten Gehirn, dem linken Lügen zu erzählen über seine Gefühle. Sobald die Blockade eingetreten ist, werden die Gefühle oder zumindest ihre Energie umgeleitet. Diese Energie wird dort unten festgehalten, wo sie uns nicht belästigt. Oder sie wird absorbiert von Ideen und Glauben. Wir gliedern den Glauben auf, sodass wir weiterhin funktionieren können. Es sieht nicht wie offene Psychose aus, aber es ist fragmentierte Psychose. Wir wappnen uns gegen den Schmerz, damit wir auf Alltagsbasis funktionieren können. Aber die Energie sickert in die Glaubensinhalte ein und macht sie fanatisch und starrsinnig. Es ist die Energie dieser unbefriedigten Grundbedürfnisse, die transformiert werden, das linke präfrontale Areal infiltrieren und zu Glaubensüberzeugungen werden.

Blockierende Neurotransmitter schleusen oder verdrängen Schmerz aus dem Bewusstsein, eliminieren ihn aber nicht. Auch wenn die Information über den Schmerz anderswohin verschoben worden ist, verschwindet der Schmerz nie. Somit hält das Schleusensystem Unbewusstheit aufrecht, während es Bewusstheit zurückhält. Zu oft verwechseln wir Bewusstheit mit vollem Bewusstsein. Bewusstheit kann im Dienste der Unbewusstheit stehen, niemals aber umgekehrt. So können wir uns der "zehn Schritte zum höheren Bewusstsein" sehr bewusst sein, während wir uns unserer Gefühle und unseres realen Selbsts total unbewusst sind. Es ist die umgeleitete emotionale Energie, die dem Glauben schließlich seine Kraft verleiht.

Ein bei der Geburt eingeprägtes Gefühl des drohenden Todes (die Mutter bekam eine viel zu hohe Dosis Betäubungsmittel, das in das System des Neugeborenen eindringt), das im Hirnstamm haust und davon abgehalten wird, ins volle Bewusstsein aufzusteigen, kann umgeleitet und in einen Glauben umgewandelt werden - an Reinkarnation, intensives Studium der Zahlenmystik, ausführliches Wissen über Astrologie, und so fort. Die meisten Glaubensinhalte müssen sich mit dem Tod befassen. Kurz gefasst sterben wir nicht wirklich, nur ein klitzekleiner Teil von uns, und das geht in Ordnung. Die Einprägung ist eine ständig präsente Kraft und ein ewiger Schrecken, weshalb der Erwachsene ständig eine Möglichkeit finden muss, sich damit zu befassen. Er oder sie müssen neue Glaubensüberzeugungen finden, um die aufsteigende Kraft zu deckeln. All das ist automatisch und unbewusst.

An der University of California in San Francisco machte Dr. Howard Fields ein paar faszinierende Experimente mit Zahnpatienten. Eine Gruppe bekam Zuckerpillen (Placebos), die keinerlei Schmerztöter enthielten, wurde aber informiert, es handle sich tatsächlich um Schmerztöter. Ein Drittel dieser Individuen berichtete, dass das falsche Anästhetikum ihren Schmerz vermindert habe. Das bedeutet, dass Sie, wenn Sie denken, etwas werde Ihren Schmerz abtöten, tatsächlich die erwünschte Wirkung erzeugen können. Erwartungen, Hoffnungen, Gedanken können den Schmerz auf dieselbe Art abschalten, wie es chemische Anästhesie vermag. Die Hoffnung, dass die Pille ihren Schmerz abtöten werde, ließ es geschehen. Die Zahnpatienten produzierten blockierende Chemikalien, die diese Wirkung erzielten. Als den Zahnpatienten Naloxon verabreicht wurde, ein Wirkstoff, der Neuroinhibitoren blockiert, verschwand der Nutzen des Placebos (Gedanken). Es stellt sich heraus, dass  die Pfade im Gehirn, die bei diesem Placeboexperiment die Verdrängung/Schleusung bewerkstelligten, dieselben waren wie bei tatsächlicher Betäubung. Die Worte des Zahnarzts wirkten nicht anders, als hätte er dem Patienten Morphium injiziert.

Experimente unter Hypnose zeigen, wie Autoritätsfiguren unsere Wahrnehmungen und Gedanken ändern können. Wir geben ihnen die Macht, unsere Realität auszulöschen, was sich nicht davon unterscheidet, was mit unseren Eltern geschah. Uns wird der Kontakt mit unseren inneren Wirklichkeit entzogen, und wir verinnerlichen die uns präsentierten Gedanken - "Du wirst den Schmerz dieses Nadelstichs nicht fühlen." Wir sehen, was man uns sagt, und wir fühlen, was man uns sagt. deshalb haben Akupunkteure mehr Erfolg mit "beeinflussbaren" Leuten als mit Skeptikern. Die Dentalpatienten, die ein Placebo nahmen und es schafften, Schmerz zu vermeiden, waren beeinflussbarer als die anderen.

Eine Studie, von der Forscher an der UCLA, Princeton, und am University College, London, berichten, fand heraus, dass der Glaube an ein Placebo Gehirnschaltkreise änderte, besonders die Schaltkreise, die Schmerz verarbeiten und seine Intensität mindern. Was wir besonders in neuen Studien immer wieder sehen, ist, dass Glaube das Schmerzerleben verringern kann. Wenn jemand Drogen oder Alkohol aufgibt und neue Glaubensvorstellungen annimmt, passt sich das Gehirn so an, als sei er noch immer auf Drogen. Gedanken sind jetzt für die Sekretion von Schmerztötern verantwortlich. Wenn wir viele Schmerzen haben, dann müssen wir eifrig glauben. Und das führt dann dazu, dass eine höhere Dosis innerer Sekretionen angefordert wird.

Das Experiment mit Zahnpatienten reflektiert die Dualität der Wirklichkeit. Obwohl der Körper den sehr realen Schmerz eines Bohrers verarbeitet, der gegen Nervenendungen anarbeitet, ist die Bedeutung des Erlebnisses für Leute, denen man die Idee einer Betäubungsdroge verabreicht hat, "kein Schmerz." Somit sind jederzeit zwei Erfahrungsebenen aktiv. Der beruhigende Umgangston des Zahnarzts bei der Verabreichung des Placebos besagt: "Du wirst keinen Schmerz spüren." Die Idee "kein Schmerz" wird stärker als das körperliche Erlebnis des Bohrens. Der Bohrer des Zahnarzts, der ziemlich schmerzvoll sein sollte, ist es nicht. Beruhigende Worte - in die Luft projizierte Schallwellen - werden stärker als wirbelnder Stahl gegen Nerven. Wo ist die Realität? Was ist realer - Gedanken oder äußere Ereignisse? Gedanken können offensichtlich Außenereignisse aussperren, sodass wir nur auf unsere innere Wirklichkeit reagieren, auf eine, die wir uns konstruieren. Und wir können innere Realität aussperren, welche dieselbe Unerfreulichkeit (und Realität) hat wie der Zahnarztbohrer. Wir ersetzen Wirklichkeit aus unserer Kindheit durch Gedanken. Wir spüren das "Bohren" fehlender Liebe nicht mehr, weil wir jetzt ein Mantra haben, das uns beschützt.

Aber glauben Sie nie, dass der Kindheitsschmerz dort unten sich nicht heftig von dannen bewegt. Der "Friede," den wir im Mantra finden, ist fadenscheinig. Wir haben Zahnfleischbluten und offene Wunden aus der Kindheit, aber wir fühlen nichts. Das können Gedanken für uns zustandebringen. Jetzt verstehen wir allmählich, wie Leute wie Hitler an die Macht kommen. Ihre Worte sind buchstäblich Beruhigungspillen, nach denen Anhänger süchtig werden. Wir verteidigen unsere Gewohnheit mit irrationalem Eifer. Jemandens Glaubensüberzeugungen zu bedrohen bedeutet, ihn der Entzugsgefahr auszusetzen - der Gefahr einer inneren Zahnoperation ohne Betäubungsmittel, der Gefahr, bis ins Grundmark erschüttert zu werden durch die Konfrontation mit bisher betäubter innerer Realität. Zur Wiederholung: Glaubensvorstellungen sind buchstäblich injiziertes Morphium. Leute, die neurotische Glaubenssysteme adoptieren oder sich Kulten anschließen, injizieren sich selbst schmerztötende Ideen gegen einen Schmerz, den wir nicht fühlen. Wir nennen es Sucht oder Abhängigkeit, aber allein die Hoffnung auf Erlösung (Gebet) erzeugt die Sekretion von Endorphin/Serotonin. In diesem Sinne machen Gebete abhängig. Sie sind die schmerzloseste Art, uns zu betäuben. Also glauben Sie, Drogen für diesen Glauben aufgegeben zu haben, aber in Wirklichkeit trägt dieser Glaube dazu bei, diese Drogen auszuschütten. Das Gehirn führt emsig Anweisungen aus, aber es ist ein Verkäufermarkt. Es werden gerade so viele Glaubensinhalte/Drogen hergestellt wie nötig.

In Hypnoseexperimenten sagt eine Autoritätsfigur der Versuchsperson (durch Suggestion), das der Raum eiskalt ist, obgleich die Temperatur tatsächlich bei 80 Grad (Fahrenheit) liegt. Der Versuchsperson ist kalt, sie beginnt zu zittern und bittet um Decken und Pullis. Ihr Körper hat auf irreale Gedanken reagiert ("mir ist kalt") anstatt auf die objektive Realität (80-Grad-Wetter). Die Versuchsperson friert wegen eines Gedanken, nicht wegen einer Tatsache. Gedanken ändern die Biologie. Oder ein Hypnotiseur sagt einer Versuchsperson, dass sie sich verbrennen wird, weil ihr ein heißes Metallstück auf die Hand gelegt wird. Tatsächlich legt der Hypnotiseur eine kalte Vierteldollar-Münze auf den Handrücken der Versuchsperson, die Versuchsperson zuckt zurück, und ein Brandmal erscheint! Der Körper hat sich wirklich "verbrannt." Aber das hat er sich nicht, weil die Münze kalt war und nicht heiß. Dennoch hat sich eine Blase ausgebildet. Ein Hynotiseur kann bei einem hypnotisierten Individuum auch das Gegenteil erreichen: Indem er einen heißen Gegenstand auf die Haut legt aber suggeriert, er sei kalt, kann er der Versuchsperson das Gefühl geben, etwas Kaltes berühre sie.

Um Wahrnehmung und Verhalten umzubiegen, umgeht Hypnose die kritischen, logischen Fähigkeiten des Bewusstseins der obersten Ebene und manipuliert die emotionalen Bedürfnisse, die mit der Gefühlspsyche assoziiert sind. Die Versuchsperson wird alles mögliche närrische Zeugs daherreden, ohne in der Lage zu sein, sich zurückzulehnen und kritisch zu bewerten, was sie gerade gesagt hat. Sie kann auch ihren Finger anschauen, während Sie ihn mit einer Nadel picksen, und überzeugt sein, sie werde mit einer Feder gekitzelt. Sie fühlt keinen Schmerz, weil die Wirklichkeit zweitrangig ist gegenüber dem, was in der Psyche liegt. Zu viel eingeprägter Schmerz schläfert die Kritikfähigkeit ein; der frontale Kortex ist so sehr damit beschäftigt, Schmerz zu vermeiden, dass er nicht mehr objektiv urteilen kann.

Eine hypnotisierte Person kann man anweisen, dass sie keinerlei Erinnerung haben soll daran, was sie gerade mitmacht, und sie wird sich nicht erinnern. Durch bloße Wortsuggestion ist sie mit dem Schleusungsprozess beschäftigt. Wird ihr gesagt, sich nicht zu erinnern, erinnert sie sich nicht. Somit scheint Erinnerung ziemlich fragil zu sein. Aber ob sich die Person erinnert oder nicht: Die Erinnerung existiert dennoch in voller Stärke.

 

 

 

 

Ende des Kapitels

Artikel und Buchauzüge