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Leseprobe aus Arthur Janovs neuem Buch "Beyond Belief"

(von mir übersetzt)

 

Dr. Arthur Janov:   Beyond Belief: Cults, Healers, Mystics and Gurus - Why We Believe

LLC Reputation Books, ISBN-10: 0986203173, 03. Mai 2016

                                                                                                          

 

VORWORT

 

Individuen, deren Qualen keinen ersichtlichen Grund haben, deren nahezu grenzenlose Verzweiflung sie antreibt, nach Magie zu suchen, brauchen dringend Überbringer guter Nachrichten. Es treten auf die Dr. Feelgoods, die Hoffnung gegen Hoffnungslosigkeit , Hilfe gegen Hilflosigkeit versprechen und deren Beschwörungen beruhigen, besänftigen und erleichtern.

  Wir brauchen anscheinend Gurus und Zauberer, die unsere Wunden heilen, Begleitung anbieten, um Einsamkeit abzuwehren, und die denen die Richtung weisen, die vom Weg abgekommen sind. Wir suchen Führer, deren Verlockung des Geheimnisvollen die Hoffnung auf Neues mit sich bringt, die uns auf wundersame Weise transformieren und befreien und unser Leben ohne Anstrengung oder Schmerz radikal verändern. Sofortige Umwandlung ist das Stichwort des Suchenden – die Aneignung von Glaubensvorstellungen, Gesinnungen und Philosophien, die Neurosen auflösen, die Geheimnisse des Universums entschlüsseln, uns einem höheren Bewusstsein zuführen, uns bei der Entdeckung des Nirwanas helfen und uns aus dem Schmerz herausholen, auch wenn dieser Schmerz uneingestanden bleibt, und die uns vor allem „Seelenfrieden“ anbieten. Obwohl nur wenige wissen, was das ist, suchen die meisten Leute danach. Wenn sie nur wüssten, dass dieser Seelenfriede ein paar Millimeter tiefer im Gehirn liegt.

Tragische Ereignisse wie die Konfrontation in Waco, Texas, im Jahr 1993, die Massenselbstmorde in Jonestown, Guyana, in 1979 und Heaven’s Gate, Rancho Santa Fe in 1997 lenken unsere Aufmerksamkeit auf die potentiell verhängnisvollen Konsequenzen des Glaubens. Die Anhänger von Jim Jones tranken auf dessen Geheiß alle zusammen Gift in großen Mengen und im Glauben, sie würden sich später in einem jenseitigen Utopia wiederbegegnen. Desgleichen wurden die Branch Dravidians oder Schüler von David Koresh auf der „Apocalypse Ranch“ bei lebendigem Leib geröstet, weil sie (den Predigten ihres Messias folgend) glaubten, die Bibel habe ihr feuriges Ende prophezeit und sie würden sich im Himmel wiedersehen. Marshall Herff Applewhite ernannte sich selbst zum außerirdischen Hirten, der dazu bestimmt war, die Auserwählten an Bord eines Raumschiffes in die Ewigkeit zu führen, indem sie Selbstmord begingen. Achtzehn männliche Mitglieder des Kults, die starben, waren chirurgisch kastriert worden, einschließlich Applewhite. Und nicht zuletzt die arabischen Selbstmord-Attentäter, die sich mit Freuden für eine Idee in die Luft sprengen. Man berichtet, dass die Rekrutierungsstellen für diese Suizidbomber eine lange Warteliste haben. Die obigen Beispiele folgen alle ziemlich eingeschränkten Verhaltensmustern mit anwidernd ähnlichen Ergebnissen. Eine dieser Gruppen zu verstehen hilft uns, alle anderen zu verstehen, und genau so trägt das Verständnis eines einzigen Gehirns dazu bei, alle anderen Gehirne zu verstehen.

  Es ist viel geschrieben worden über die Psychologie und Macht charismatischer Führer (Jones, Koresh, Hitler, Pol Pot, Khomeini, Bin Laden Muqtada al-Sadr), die ausgerüstet mit hypnotisierenden Ideologien kleine Menschengruppen oder ganze Nationen in ihren Bann gezogen haben. Wir müssen mehr über diese verlorenen gehorsamen Seelen wissen, die Glaubenssysteme so heiß und innig umarmen, dass dieser Glaube sich über ihren menschlichen Überlebensinstinkt hinwegsetzt. Sterben diese Leute für eine Idee? Oder ist die Idee eine Rationalisierung für einen Todeswunsch? Worum geht es bei einer Idee, bei einer gedanklichen Vorstellung, die einem Menschen ermöglicht, sein Leben aufzugeben? Sind Ideen so mächtig, dass sie sich über Überlebensinstinkte hinwegsetzen? Wo im Gehirn sind Gedanken angesiedelt und wie kommen sie da hin? Wie werden unbewusste Gefühle in Glaubensvorstellungen umgewandelt? Welche Gefühle führen zu welchen Glaubensvorstellungen? Ich habe vor, diese Fragen zu beantworten, nicht so sehr im Sinne einer Analyse und Sezierung verschiedener Glaubenssysteme sondern um zu sehen, wie Gedanken an sich in der Ökonomie der Psyche funktionieren – wie der Glaube zu einer Abwehr wird, der unbewusst eingeprägten Schmerz wortwörtlich blockiert. Ich beabsichtige nicht, eine Analyse der verschiedenen Länder des Mittleren Ostens und ihrer unterschiedlichen Religionssekten durchzuführen. Das ist Gegenstand für Sozialpsychologen und Polithistoriker. Es gibt in diesen Sekten eine Vielzahl an Faktoren, nicht zuletzt kultureller, erzieherischer und mystischer Art.

  Meine Aufgabe besteht darin herauszufinden, wie Gedanken entstehen, wie sie Gefühle unterdrücken und wie sie die Kraft von Bedürfnissen und Gefühlen absorbieren. Wer sind die großen Gläubigen unter uns und wie sind sie so geworden? Woher bekommen Ideen/Gedanken ihre fanatische Kraft, die jemanden dazu bringt, dass er andere oder sich selbst tötet? Wo sitzt die Kraft oder Hartnäckigkeit dieser Ideen und wie sind sie so stark geworden? Ich werde versuchen, alle diese Fragen zu beantworten. Wenn wir verstehen, wie ein Glaubenssystem allein beginnt, haben wir eine gute Vorstellung, wie jedes beliebige Glaubenssystem ummantelt ist, weil ihre Funktion trotz der weitgehend unterschiedlichen Inhalte oft identisch ist.

  Wir werden lernen, wie Instinkte und Bedürfnisse in Gefühle umgewandelt werden, die dann zu Gedanken umgesetzt werden, und wie diese umgesetzten Gedanken die Kraft von Grundbedürfnissen und Grundgefühlen hinter sich haben, indem sie auf ihrem Weg zur intellektuellen, Ideen, Worte und Begriffe bildenden Psyche die Geschichte zusammentragen. Sie bleiben unnachgiebig und unveränderlich, weil sie nicht bloß Gedanken sind sondern Grundvoraussetzung des Überlebens – verankert in tiefen Gehirnstrukturen, die sich nicht leicht für Veränderung anbieten; das sollten sie auch nicht, weil sie mit Überlebensfunktionen zu tun haben.

  Hartnäckige defensive Gedanken, so stellt sich heraus, sind die Ausdünstungen tiefer Gefühle, die in unsere Systeme eingeprägt sind. Unter diesen Gefühlen liegt rohe Energie, die den Gedanken Valenz oder Kraft verleiht und sie tödlich machen kann. Wenn ich in diesem Werk über Kulte und Glaubenssysteme schreibe, geht es immer um Gedanken/Vorstellungen als Abwehrmechanismen. Es ist nicht meine Absicht, viele unterschiedliche Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen zu analysieren sondern vielmehr zu untersuchen, wie sich diese Vorstellungen im Gehirn festsetzen.

  Das Gehirn kümmert sich nicht um den Inhalt eines Glaubenssystems, solange es existiert. Es kann Zen, Allah, Gott sein oder die Republikanische Partei – die Kraft, die uns am Haken hält, ist da. Das Gehirn beurteilt sich weder selbst noch zweifelt es im Nachhinein seinen Inhalt an; es produziert einfach die Gedanken, die es braucht – Gott wacht über mich und er wird mich beschützen. Bedeutet das, dass alle Gedanken oberflächlich sind und einfach umgesetzte Gefühle mit geringer Eigengültigkeit? Überhaupt nicht. Aber wenn wir nicht verstehen, dass Gedanken aus einer Struktur heraus gebildet werden, aus einer tieferen Ebene des Unterbewusstseins, werden wir nie lernen, wie man sie bekämpft oder ändert. Nur im Reich der Gedanken zu verweilen, bedeutet, in der Domäne der Philosophie festzusitzen.

  Gedanken, die mit den Gefühlen eines Menschen übereinstimmen – die Umwelt wird verschmutzt -, werde ich nicht diskutieren, weil wir dann die Gültigkeit des Gedankens analysieren müssten: Nehmen die Treibhausgase zu, als Beispiel? Tatsächlich behandelten wir vor kurzem eine Frau am Primal Center, die von Verschmutzung besessen war; sie bekam Anfälle, wenn jemand neben ihr rauchte, eine anscheinend logische Reaktion, aber sie entsprang einem Gefühl, das ich allein nie zu interpretieren wagen würde – es gab toxische Drogen, die man ihrer Mutter bei der Geburt verabreichte, und die Mutter rauchte und trank auch während der Schwangerschaft. Das Neugeborene spürte, dass seine Umwelt „verschmutzt“ war. Das blieb unbewusst, bis sie ihre Geburt wiedererlebte und all die Giftstoffe fühlte, von denen sie umgeben war. Sie begriff sofort den Grund ihrer Überreaktion in der Gegenwart. Dieses Verstehen machte aber ihre Überzeugungen nicht ungültig. Es sei noch einmal gesagt, dass es nicht meine Absicht ist, Glaubensüberzeungen für gültig oder ungültig zu erklären; Ich möchte einfach zeigen, wie sie uns helfen, in der Welt zurechtzukommen.

  Ich habe darauf hingewiesen, dass das Gehirn sich nicht darum kümmert, welche Idee wir haben, solange wir sie haben, und dass die Idee Erleichterung bringt – Hoffnung gegen Hoffnungslosigkeit, Mut gegen Furcht, Leben gegen Tod, jemanden da zu haben, der/die uns zuhört, anstatt uns völlig allein zu fühlen in einem gleichgültigen Universum. Wenn wir Hoffnungslosigkeit empfinden – wenn wir unseren besten Freund verloren haben und das Leben so trostlos scheint – können wir uns an den Gedanken wenden, dass es jemand oder etwas gibt, der, die oder das uns aushilft. Der Gedanke kann uns sogar davor bewahren, dass wir uns selbst umbringen. Wir können uns vorstellen, Hilfe und Liebe, die es zu Beginn unseres Lebens nie gab, von einer Gottheit zu bekommen. Diese Vorstellung wird für das Gehirn funktionieren. Neuronen (Gehirnzellen) unterscheiden nicht zwischen einer guten Idee, einer realen und einer falschen. Bei Schmerz machen sich Nervenzellen sofort an die Arbeit, um ihn zu lindern; sie stellen schmerztötende Chemikalien her wie Serotonin und ermöglichen, dass die Kraft des Schmerzes in höhere Linkshirn-Areale umgeleitet wird, die für Gedanken/Vorstellungen/Ideen verantwortlich sind. Es ist ein automatischer Prozess, der von schmerzvollen Gefühlen kontrolliert wird und diesen sklavisch untergeben ist.

ENDE DES VORWORTS

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