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Dr. Arthur Janov:   ÜDDDas BekehrungserlebnisDDrängung als Hauptakteur                 

Samstag, 06. November 2010, The Conversion Experience, www.arthurjanov.com                                                         

                                                                                                          

Das Bekehrungserlebnis ist ein wichtiger Aspekt von Glaubenssystemen. Auf Grund eines einzigen umwälzenden Ereignisses „sieht jemand das Licht“ und wandelt sich unwiderruflich. In der Regel geschieht dieser epiphanische Augenblick plötzlich und verwandelt das Individuum von einem leidenden, verzweifelnden Menschen zu einem, der Frieden und Erlösung gefunden hat. Es ist anscheinend ein magisches Erlebnis, das ohne ersichtlichen Grund zu geschehen scheint.

Viele meiner Patienten haben über ihre früheren Wandlungen geredet. Es muss schlecht laufen – das ist die ‚sine qua non’ für das Wandlungserlebnis. Darüber hinaus müssen die Probleme einige Zeit angedauert haben, bevor das Abwehrsystem zu bröckeln beginnt. Die Gegenwartssituation des Individuums - verschlimmert durch das Vergangenheitstrauma - wird belastender, als die Person verkraften kann. Plötzlich kommt es zum Zusammenbruch und zur Wandlung.

Ich erinnere mich, wie eine Patientin es ausgedrückt hat: „Ich war pleite, geschieden und seit einiger Zeit allein. Eines Tages saß ich in der Abenddämmerung alleine im Park, als ich spürte, wie mich etwas packte, und ich schrie mich selbst an: „Ich bin gerettet worden!“ Was ich später in der Therapie entdeckte, war, dass ich vor einem Gefühl gerettet worden war, dass ich nie gerettet wurde, dass mich meine Eltern in meinem Elend ertrinken ließen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie taten nichts, um mir zu helfen, schmiessen mich mit 15 raus, weil ich mich nicht benahm, und ließen mich mit Drogen und Alkohol im Leben zappeln, ohne mir auch nur einmal Hilfe anzubieten.“

Nackt vor dieser Vernachlässigung, ungeliebt und allein floh sie in die Arme des Mystischen, wo sie sich nicht mehr allein oder ungeliebt fühlte. Jetzt, da sie gerettet worden war, musste sie nicht mehr fühlen, dass es niemanden gab, der sie aus ihrer Kindheitshölle gerettet hätte. Jetzt hatte sie neuerliche Hoffnung, dieselbe Hoffnung, die sie sehr früh in ihrem Leben verloren hatte. Das war der Kern ihrer Wandlung; sie hatte Hoffnungslosigkeit in Hoffnung verwandelt.

Darin liegt das Paradigma für das Wandlungserlebnis. Ich nenne es eine Primärkrise. Gewöhnlich passiert es Menschen, wenn sie in oder am Rande enormen Schmerzes stehen. Das ist wirklich der Knackpunkt, und er tritt ein, wenn sich die Person nicht mehr verteidigen kann. Es bleibt ihr nichts mehr übrig, als von Gott „gerettet“ zu werden.

Wenn meine Patienten am Rande gewaltiger Gefühle stehen, vor allem Gefühle, die verbalen Fähigkeiten zeitlich vorausgehen, fangen sie sehr oft heftig zu zittern an; sie winden sich und schlagen um sich, da sie die Kraft des Schmerzes beinahe vom Boden hebt. Eine Patientin schrie während heftiger Konvulsionen, dass sie eine „Kraft“ spüre, die sie schüttele. Schließlich rief sie: „Ich bin gerettet worden, ich bin gerettet worden!“

Das geschah während einer persönlichen Krise, einer Periode äußerster Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Wochenlang hatte sie ernsthaft Selbstmord in Betracht gezogen. Schließlich verriet ihr Wandlungserlebnis, warum sie so sehr litt. Indem sie „wiedergeboren„ wurde, wurde sie „gerettet“ – gerettet vor der Entdeckung, dass sie absolut niemanden hatte in ihrem Leben, weder jetzt noch je zuvor. Ihre „Wiedergeburt“ ersparte ihr die tiefe Hoffnungslosigkeit, die mit der Erkenntnis einhergeht, dass sie in einem gleichgültigen Universum äußerst allein war, dass niemand sie liebte.

Warum zittern und beben Leute, während sie eine „religiöse Bekehrung“ durchmachen? Es ist wirklich ein sehr kurzer Schritt vom Gefühl, das diese Konvulsionen antreibt, hin zum Empfinden einer neuen magischen und gütigen Kraft, die jemandens Schicksal kontrolliert. Es ist Kindheitsschmerz, umgewandelt in den Glauben an Kindheitsmagie, in den Glauben, dass jetzt alles möglich sei. Die Form ist ohne Bedeutung: Jesus, Buddha, Allah, Pyramidenkraft, Kommunikation mit einem allwissenden Seher aus vergangenen Jahrhunderten. Man ist jetzt in einem anderen Reich, in einem anderen Universum.

Was wir bei dem Bekehrungserlebnis sehen, ist, wie formbar Gefühle sind; wie leicht sie zu Gedanken werden, und wie diese Gedanken die Kraft von Gefühlen haben. Dieser Prozess ist nicht so launisch, wie man sich das vielleicht vorstellt, weil er das Überleben unterstützt.

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Übersetzung: Ferdinand Wagner