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ZUSAMMENFASSUNG DER 12 ARTIKEL ÜBER DEPRESSION, DIE IM NOVEMBER UND DEZEMBER 2013 AUF ARTHUR JANOVS WEBSEITE VERÖFFENTLICHT WORDEN WAREN UND ALS GESAMTTEXT AUCH IM FACHJOURNAL ANS ERSCHIENEN

 

Arthur Janov: The Mystery Known as Depression (1-12)

Arthur Janov: Depression - Das grosse Geheimnis (1-12)

Der gesamte Artikel wurde von ANS veröffentlicht: Das Journal für Neuro-kognitive Forschung im Oktober 2013. Freier Zugang über SPRINGER LINK

 

1. EINFÜHRUNG

 

Depression wird als geheimnisvolles „Monster“  betrachtet, auch in professionellen Kreisen, wo man sie immer noch für eine rätselhafte Krankheit hält.

 

Der Zustand hat sich als so behandlungsresistent erwiesen, dass sich ein therapeutischer Ansatz, der auf kognitiv-behavioristischen Prinzipien beruht, „Zähmung der BESTIE (BEAST)“ nennt, ein Anagramm für „Behandlungsmodule“ in Biologie, Emotionen, Aktivität, Situationen und Gedanken. (Gilson & Freeman, 1999). Heutzutage jedoch ist die gebräuchlichste Strategie auch die einfachste. Sie involviert den Gebrauch von Antidepressiva, mittlerweile der dritthäufigst verschriebene Medikamententyp im Lande, der oft von Allgemeinmedizinern ohne Ausbildung in Psychologie verabreicht wird. (Mojtabai & Olfson, 2011) Wenn weder Medikamente noch Therapie wirken, greifen einige Psychiater auf jenes Überbleibsel aus Horrorfilmen zurück – auf die Elektroschock-Therapie, die zunehmend unter einem anderen Namen Akzeptanz gewinnt: Elektrokonvulsive Therapie. (ECT).

 

Bis vor kurzem betrachtete man ECT als letzten Ausweg im Kampf gegen die Bestie; sie wurde angewandt, wenn Psychiater entschieden, dass die einzig verbleibende Option darin bestehe, das Gehirn des Patienten mit elektrischer Energie zu sprengen. Jetzt sind Psychiater über die Schockanwendung von außerhalb des Schädels hinausgegangen und haben sich für eine noch radikalere Alternative entschieden – Gehirnchirurgie. (Mayberg et al., 2005) Gelinde gesagt ist es ein äußerst drastischer Lösungsversuch. Die Prozedur – als tiefe Gehirnstimulation bekannt (DBS) – involviert, dass man vier Löcher ins Gehirn bohrt, wobei Schrauben in den Schädel eingedreht werden. Chirurgen implantieren dann Elektroden in der Nähe des Gehirnzentrums in einer Region, die als Areal 25 bekannt ist, ein Teil des subkallosalen Gyrus cingulus, der, wie man herausgefunden hat, bei schwerer Depression eine Schlüsselrolle spielt. Aktiviert von einem Schrittmacher in der Brust sendet die Vorrichtung einen ständigen elektrischen Impulsstrom aus, um das Areal zu stimulieren, und lindert dadurch die andernfalls ‚unbeugsamen’ Symptome.

 

Nehmen wir aber einmal an, dass wir Zugang zu tiefen Gehirnzentren ohne physische oder chemische Intervention haben und auf natürliche Weise Veränderungen im Schaltkreis erzielen könnten – ihn vielleicht sogar neu verdrahten könnten. Ich behaupte, dass Primärtherapie genau das macht. Es ist möglich, eine natürliche, nichtinvasive Methode zu etablieren, um auf genau dieselben tiefen Gehirnstrukturen zuzugreifen, die durch Chirurgie und/oder Tranquilizer beeinflusst werden. Und meine Meinung ist, dass es möglich ist, viele tiefe Depressionen erfolgreich zu behandeln und Ergebnisse durch Hirnwellen und Biochemie zu messen. (Für eine ausführliche Erörterung siehe bitte mein Buch „Why You Get Sick and How You Get Well: The Healing Power of Feelings [Janov, 1996]. Indem wir diesen psychotherapeutischen Zugang zu den beeinflussten Gehirnarealen finden, können wir viele fehlgeleitete Ansätze vermeiden, insbesonders den riskanten Gebrauch von Operation und schwerer Medikamente. Gewiss sind natürliche Gefühlsmethoden einer schweren Gehirnoperation vorzuziehen.

 

Es ist nicht so, dass sich Depression der Psychotherapie widersetzen würde. Tatsache ist, dass sich die Psychotherapie der Depression widersetzt. In ihrem gegenwärtigen Zustand ist die Psychotherapie in vielen ihrer Ansätze zu oberflächlich, um irgendwas tiefgreifend zu verändern. Es ist nicht so, dass Depression durch Therapie nicht beeinflusst werden könnte, weil sie so ein schweres und abgründiges Leiden wäre; es verhält sich so, dass konventionelle Therapie nicht dafür geschaffen ist, die Tiefen des Unbewussten zu ergründen, wo die Ursachen liegen. Und heute scheint es, als sei die einzige Methode, wie konventionelle Therapeuten an diese tiefliegenden Prägungen herankommen könnten, mittels Chirurgie oder elektrischer Schläge. (Das entscheidende Konzept der (Ein-)Prägung und ihrer Folgeerscheinung – Resonanz, das Tor zu tiefen Gehirnebenen – wird nachstehend detailliert untersucht.)

 

Der Grund, warum wir als Berufsstand auf so drastische und gefährliche Maßnahmen zurückgreifen mussten, liegt darin, dass sich die meisten Behandlungen bisher mit dem Neokortex befasst haben; genau genommen mit der linksfrontalen Spitze des Neokortex, mit dem präfrontalen Areal. Da sich klinische Ansätze wie Gesprächstherapie und Verhaltensmodifikation auf den kognitiven Teil des Gehirns konzentrieren, übersehen sie vielleicht Quelle und Ort des wirklichen Problems. Der Erfolg des chirurgischen Eingriffs an sich, bei dem etwa 80 Prozent der PatientInnen berichteten, ihre Depression habe sich gebessert, sollte Psychotherapeuten mitteilen, dass das Problem möglicherweise tiefer sitzt. Die schwersten Fälle werden zurecht als „tiefe“ Depression bezeichnet, weil das Problem oft den Antipoden des Gehirns entspringt. Um mich unmissverständlich auszudrücken, meine Meinung ist, dass eine Psychotherapie für Depression, die es nicht schafft, die Tiefen des Gehirns zu ergründen, nicht erfolgreich sein kann. Die generierende Ursache bleibt unberührt.

 

In der Psychotherapie ist Diagnose zu oft eine Sache der Nomenklatur, die nicht unbedingt mit der Neurologie und dem Körper übereinstimmt, der sie beherbergt. Konventionelle Diagnose ist oft symptombasiert, auf äußere Zeichen gerichtet – schwerfällige Bewegungen, Mangel an Interesse und ein verwirrendes Spektrum anderer Symptome, die nachfolgend genau beschrieben werden – während Ursachen ignoriert werden. Ich schlage hingegen eine Diagnose vor, die das System als Ganzes umfasst – Neurobiologie, Verhalten und Psychologie als Ensemble, eine integrative Sichtweise.

 

Einige Führer auf dem Fachgebiet erkennen, dass Psychologie als Beruf einer radikalen Überholung bedarf. Die Debatte über den widersprüchlichen Zustand der Psychotherapie scheint mit jeder neuen Ausgabe des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen (D.S.M.) zu eskalieren, das als Bibel der psychischen Krankheiten  und ihrer Behandlung angesehen wird. Dieses Jahr, am Vortag der Veröffentlichung des D.S.M. –5, der ersten Revision in nahezu 20 Jahren,  scheint der Ruf nach einer gänzlich neuen Denkweise in der Psychologie lauter und dringender als je zuvor. Auf beiden Seiten des Atlantiks gab es jüngst Forderungen nach einem vollständige Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie wir psychische Krankheit verstehen und behandeln.

 

In einer vorbereiteten Stellungnahme am Vorabend der Veröffentlichung des D.S.M.-5 behauptete die British Psychological Association, es sei nicht hilfreich, psychische Gesundheits-Probleme als Krankheiten mit biologischer Ursache zu sehen. „Es gibt jetzt hingegen überwältigende Beweise, dass die Leute als Ergebnis einer komplexen Mischung sozialer und psychologischer Umstände zusammenbrechen – Trauerfälle und Verlust, Armut und Diskriminierung, Trauma und Missbrauch,“ verkündete Dr. Lucy Johnstone, eine klinische Psychologin, die mithalf beim Entwurf der provokativen Behauptung der Vereinigung. (Doward, 2013). Unterdessen behauptet in den USA Dr. Thomas Insel, Direktor des National Institute of Mental Health, das nahe Washington, D.C. liegt, dass es auf dem Fachgebiet keinen Fortschritt geben kann, solange wir fortfahren, das D.S.M. als unseren Wegweiser zu benutzen. Er behauptet, es lasse die Vielschichtigkeit der Neurowissenschaft, Biologie und Genetik weg. Das Handbuch sei sogar kontraproduktiv, so argumentiert er, weil es benutzt werde, um die finanzielle Unterstützung für Forscher zu verweigern, die nach den wirklichen Ursachen hinter Leiden wie Psychose und Depression suchen, einfach weil ihre Forschungsvorschläge sich mit den verstaubten Kategorien des D.M.S. nicht vereinbaren ließen. „Dr. Insel ist einer aus einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern, die glauben, das Fachgebiet brauche ein gänzlich neues Paradigma für das Verständnis psychischer Störungen,“ schlussfolgert ein jüngst erschienener Artikel der New York Times über das widersprüchliche Handbuch, „obwohl weder er noch irgendjemand sonst genau weiß, wie es aussehen wird.“ (Belluck & Carey, 2013).

 

Meiner Ansicht nach ist der letzte Teil dieser Behauptung völlig richtig, das Paradigma existiert bereits. Ich bin kein Rufer in der Wüste, aber meine auf meiner Erfahrung und auf vier Jahrzehnten Arbeit gründende Meinung ist, dass zum Beispiel „Primärtherapie“, die Brennpunkt meiner Arbeit und Erfahrung war, eine Methode ist, die genau das neue Paradigma anbietet, das in der modernen Psychologie gebraucht wird. Aber wie bei allen neuen revolutionären Wissenschaftstheorien ist der Status Quo langsam darin, fundamentale Veränderungen auf irgendeinem Fachgebiet anzuerkennen und verabscheut es, sie zu übernehmen. (Siehe den Artikel von Agustin Gurza über Primärtherapie und Wissenschafts-Revolutionen, ursprünglich veröffentlicht im Journal of Primal Therapy (Gurza, 1976) und jüngeren Datums online veröffentlicht als Anhang zu meinem Buch „Grand Delusions“ (Gurza, 2005). Was diese Arbeit zu thematisieren sucht, ist genau dieser Paradigmenwechsel in der Erforschung von Ursachen und generierenden Quellen, die bei unserer Arbeit übersehen worden sind. Ich stimme zu, dass wir unser Fachgebiet neu ausrichten und ein neues Verständnis psychischer Krankheit anbieten müssen, was ich als meine Aufgabe annehme. Was ich vorschlage, ist ein totaler Paradigmenwechsel – nicht nur bei unserer Sichtweise dieser Krankheit sondern auch bei ihrer Behandlung. Wir müssen unsere Denkweise darüber neu ausrichten und anerkennen, dass das „warum?“ fehlt. Wir müssen fragen: Was ist Depression, und woher kommt sie? Warum ist der Patient deprimiert?

 

  Seitdem ich am Anfang „Der Urschrei- Die Heilung der Neurose“ veröffentlicht hatte, wurde der Untertitel zum Leuchtstab für Kritik, weil wir den Ausdruck „Heilung“ benutzten. Niemand wagt es, bei psychischer Krankheit von Heilung zu sprechen. Nichtsdestotrotz scheint das Thema eine Doppelbindung zu sein. Wir benutzen Therapien, die nicht heilen können, und schauen dann die schief an, die behaupten, eine gefunden zu haben. „Heilung“ ist kein Schandbegriff. Schändlich ist, dass wir richtige Therapie aufgegeben haben und Heilung zu einem inakzeptablen Wort gemacht haben. „Heilung“ ist kein Begriff, den man im Interesse reiner Wissenschaft vermeiden müsste; sie ist ein Zustand, um den man sich eifrig bemühen sollte. Wir schulden das den Millionen, die an Depression leiden ohne wirkliche Hoffnung, ihren Weg aus der Dunkelheit zu finden.

 

Depression war lange Zeit ein Geheimnis, weil wir die Verknüpfung zwischen der gegenwärtigen psychischen und physischen Gesundheit eines Patienten und vor langer Zeit eingeprägten Traumen, die in der Kindheit aber auch im Mutterleib und bei der Geburt erlebt worden waren, ignoriert haben. Das ließ uns nur eine ganz enge Wahl: den Patienten entweder unter Drogen zu setzen oder ihn zu operieren. Vorzugsweise müssen wir ihm helfen, tief in dieses Unbewusste einzutauchen. Wir müssen dem Patienten helfen, den Zusammenhang zu finden zwischen seinem gegenwärtigen Depressionszustand und den tiefliegenden Ursachen. Nur der Patient kann in sich selbst diese Verknüpfung herstellen; unsere Aufgabe ist, ihm dabei zu helfen, dass er Zugang erlangt zu diesen tieferen Ebenen der Gehirnfunktion. Die Geschichte wird uns die Antwort liefern; Die Geschichte ist die Ursache und die Geschichte ist die Retterin.  

 

 

2. DEPRESSION  UND DAS PRIMAL-PARADIGMA

 

Lassen Sie mich damit beginnen, dass ich meine Definition der Depression vorbringe und erkläre, wie sie innerhalb des Paradigmas der Primärtherapie verstanden wird. Ein Vorbehalt, ehe ich fortfahre: Unser Verständnis von Depression entsteht aus einer beobachtenden, nicht einer statistischen Perspektive. Unsere ist grundsätzlich eine empirische Wissenschaft; wir wollen wissen anstatt zu wissen, was wir wollen. Was ich beschreibe, ist bei Hunderten unserer Patienten über einen Zeitraum von 45 Jahren beobachtet worden. Es ist ein neues Paradigma, eine Abkehr von der konventionellen Auffassung der Depression. Wenn wir versuchen, sie innerhalb des alten Bezugrahmens zu verstehen, werden wir scheitern. Depression hat ihre Wurzeln in den frühesten Momenten im Leben eines Patienten, in der Schwangerschaft und bei der Geburt. Seit damals, ich vor mehr als vier Jahrzehnten zum ersten Mal für diese Theorien eintrat, haben Fortschritte in der Gehirnforschung zunehmend Beweise geliefert, die unsere Theorie über die Rolle früher Traumen als Verursacher psychischer Krankheit unterstützen. Schwer zu akzeptieren ist für einige unsere These, dass das Wiedererleben dieser traumatischen Erlebnisse – einschließlich der Geburt – der Weg ist, um Depression rückgängig zu machen. In diesem Sinne war die Erforschung der Psyche ein wenig wie die Erforschung der Welt, um zu beweisen, dass sie rund ist; oft kann man es nicht glauben, bis jemand tatsächlich die Reise macht. In  der Entwicklung unserer Therapie haben wir bei unseren Beobachtungen keine Annahmen a priori gemacht. Von Beginn an haben wir uns immer von einer unanfechtbaren Wahrheit leiten lassen – die Erlebnisse unserer Patienten.

 

Unlängst traf sich eine Gruppe meiner depressiven Patienten, um ihre Probleme und den überwältigenden Schmerz zu diskutieren, der sie umgibt. Während ihres Gesprächs wurde offensichtlich, dass da zahlreiche Dinge waren, die sie gemeinsam hatten. In der Rückschau auf ihre Lebenserfahrungen identifizierten sie bestimmte Symptome und Tendenzen in ihren Gefühlen und in ihrem Verhalten, die folgende Punkte einschlossen:

 

Ein Gefühl ständigen Leidens

Konzentrationsprobleme

Extreme Müdigkeit

Bewegungsunfähig, gelähmt

Sich unfähig fühlen, eine Situation zu ändern 

Unfähigkeit zu sprechen

Energiemangel
- Kann mich nicht bewegen, eingeschlossen, stecke fest in einem dunklen Abgrund
- Kann nichts finden, wofür ich leben könnte
- Eine monotone innere Leblosigkeit
- Das Gefühl, dass sich nichts ändern wird
- Etwas will raus
- Unfähigkeit, Freude zu empfinden
- Unfähig, eine Entscheidung zu treffen oder einer Sache ein Ende zu setzen
- Dumpfheit und schwerfällige, mühselige Bewegungen
- Wiederkehrender Todeswunsch
- Gefühl der Isolation
- Sturz in ein schwarzes Loch
- Es zu nichts bringen
- Allumfassende Schwere oder Leblosigkeit
- Mühe zu atmen oder auch nur den Arm zu heben
- An nichts interessiert
- Kein sexuelles Interesse
- Verzweiflung, Resignation und der Wunsch aufzugeben
- Was hat das Leben für einen Sinn? So will ich nicht weitermachen.

 

Diese Gruppe von "Symptomen" basiert auf meiner Erfahrung mit meinen Depressiven, die ihren eigenen Allgemeinzustand beschreiben. Zusätzlich jedoch liefen die Erkenntnisse dieser Patienten darauf hinaus, dass sie die Empfindungen eines Geburtstraumas beschrieben, des Hauptnenners ihrer gemeinsamen Erfahrung. Niemand hat das irgendwie suggeriert, weil wir nicht gewusst hätten, was wir suggerieren sollten.

Würden wir eine Folie, welche die Charakteristika der Depression illustriert, über eine andere legen, welche die Auswirkungen des Geburtstraumas zeigt, fänden wir, dass sie perfekt übereinstimmen. Alles, was die Person damals während des Geburtstraumas fühlte, spiegelt sich in der Beschreibung ihrer gegenwärtigen Depression wider. Die Liste depressiver Symptome, die meine Patientengruppe aufgezählt hat, enthält klare Beispiele; sie drücken genau das aus, was sie als Babys bei der Geburt fühlten. Die Traumen, die sich im Mutterleib, bei der Geburt und in der frühen Kindheit festsetzen, werden verschlüsselt, registriert und im Nervensystem gespeichert. Sie werden zu einer Schablone für das, was später geschieht.

3. DIE DREI EBENEN DES BEWUSSTSEINS

Damit wir verstehen können, wie es möglich ist, die Ursachen einer lebenslangen Krankheit -und ihrer Heilung- ganz bis zum Lebensbeginn eines Menschen zurückzuverfolgen, muss ich meine Sicht der drei Bewusstseinsebenen erklären. 

Im Prinzip haben wir drei Gehirne in einem, wie MacLean (1985, 1990) bereits in den 1960er Jahren vorgeschlagen hat: der Hirnstamm, das limbische System und der Neokortex, wobei jedes Gehirn eine andere Evolutionsstufe repräsentiert, vom Hai über den Schimpansen zum Menschen. Diese drei Stufen des Gehirnwachstums entsprechen den drei unterschiedlichen Bewusstseinsebenen: die früheste, präverbale Stufe des Säuglings gefolgt von der Kindheit und schließlich die Bewusstheit der Gegenwart. Auf jeder Ebene der Gehirnentwicklung haben wir spezifische Bedürfnisse, die auf einzigartige Weise erfüllt werden müssen. Je früher die Bedürfnisse umso dauerhafter die Folgen, wenn sie nicht erfüllt werden, und umso gravierender die Prägung. Als Säuglinge haben wir ein Bedürfnis, zärtlich berührt und genährt zu werden. Auf der zweiten Ebene suchen wir nach Erfüllung emotionaler Bedürfnisse: wir wollen, dass man uns zuhört, wir wollen uns sicher fühlen, wir brauchen Unterstützung und wir brauchen eine empathische Reaktion auf unsere Schmerzen und Ängste. Und die dritte Ebene involviert intellektuelle Stimulierung, Kommunikation und Verständnis von den Eltern. Erfüllung auf dieser Ebene kann zu klarem und logischem Denken führen; zu Genauigkeit in der Wahrnehmung.

 

3.1. Erste Linie - Der Hirnstamm
Die erste Ebene, der Hirnstamm, ist ein primitives oder den Reptilien zuzuordnendes Gehirn, welches unser ältestes Gehirnsystem ist (MacLean, 1990). Der Hirnstamm entwickelte sich als erstes und war der erste Teil des sich entwickelnden Zentralnervensystems in der Evolution des Menschen. Es scheint, dass wir diesen Teil nie verloren haben. Wir haben einfach obenauf neues Hirngewebe hinzugefügt. Der Hirnstamm befasst sich mit Instinkten, Grundbedürfnissen, Überlebensfunktionen, Schlaf und Grundprozessen, die uns am Leben erhalten, wie z.B. Körpertemperatur, Blutdruck, Herzschlag und und sehr tiefem Atmen. Auf dieser Ebene können wir Depression, Angst, Stress, Drogeneinnahme, Rauchen oder Trinken einer schwangeren Mutter speichern. Die Mutter kann auch durch ihre Hormonveränderung, ihre unbewusste Ablehnung ihres zukünftigen Babys kommunizieren, die dann im Hirnstamm des Babys gespeichert wird. So eine Erfahrung wird offensichtlich nicht in Form von Gedanken gespeichert, weil wir noch keinen Neokortex haben, diesen denkenden, intellektuellen, verstehenden Teil der Psyche. Wichtig aber ist, dass die Einprägungen in diesem Speicher später bestimmte Gedanken und Abweichungen im Denken begründen werden. Der Hirnstamm prägt die tiefsten Schmerzebenen ein, weil er sich während der Schwangerschaft entwickelt und Angelegenheiten auf Leben und Tod erledigt, noch ehe wir das Licht der Welt erblicken.

 

3.2. Zweite Linie - Das limbische/fühlende System
Die zweite Bewusstseinsebene ist prinzipiell das Limbische Gehirnsystem (und seine Angliederungen), das für Gefühle und ihre Erinnerung verantwortlich ist (MacLean, 1990). Es liefert Bilder und künstlerischen Output, verarbeitet bestimmte Aspekte von Sexualität und ist teilweise verantwortlich für Wut und Angst. Das Limbische System besitzt Schlüsselstrukturen, welche die Gehirnfunktion beeinflussen. Diese sind der Hypothalamus und Thalamus, der Hippocampus, welcher der Hüter emotionaler Erinnerung ist, und die Amygdala. 
Der Hippocampus enthält die Archive früher Erfahrung, insbesonders Trauma, und versetzt auch der Amygdala-Aktivierung einen Dämpfer, so dass unsere Reaktionen nicht selbst zur Gefahr werden; denn ständig hoher Blutdruck und hohe Herzfrequenz bedrohen letztlich unsere Existenz. Der Hippocampus hat eine hohe Dichte an Stresshormon-Rezeptoren und ist deshalb ziemlich empfindlich für Stress. Der Zusammenhang eines Gefühls wird überwiegend vom Hippocampus organisiert. Er gibt uns einen Fixpunkt für unsere Gefühle - Zeit und Ort - und gestattet uns die Verknüpfung mit unseren Gefühlen. 
Die Amygdala ist eine der ältesten Gehirnstrukturen und die älteste Struktur des limbischen Systems. Sie ist die Drehscheibe des emotionalen Systems, das Tor zu den Gefühlen. Sie gibt uns die Empfindung hinter dem Gefühl, während der sich später entwickelnde Hippocampus diese Gefühle als Fakten registriert. Frühe traumatische Erinnerung wird von der Amygdala verfestigt. Wenn es hart auf hart kommt, kann sie glücklicherweise ihr eigenes Opium herstellen und dazu beitragen, den Schmerz zurückzuhalten. Auf diese Weise hilft sie uns, unbewusst zu bleiben. Es ist wahrlich ein Wunder, dass diese kleine Gehirnstruktur "weiß", wann sie Schmerz aufhalten muss, und ein Mohnblumenderivat freisetzen kann, um dazu beizutragen. Darüber hinaus sagt sie anderen Gehirnstrukturen, wieviel freizusetzen ist und wann es genug ist. 
Der Hypothalamus arbeitet mit der tiefer liegenden Struktur, der Hypophyse, zusammen, um die Freisetzung von Schlüsselhormonen zu steuern, zu denen nicht zuletzt die Stresshormone gehören. Wenn wir starke Emotionen haben, ist es der Hypothalamus, der unsere Reaktion organisiert. (Innerhalb des Hypothalamus liegen zwei verschiedene Arten Nervensystem, der Sympathikus und der Parasympathikus, die der Schlüssel für das Verständnis von Depression sind und nachfolgend im Detail erörtert werden.) 
Der Thalamus ist die Schaltzentrale des Gehirns, die dem frontalen Kortex bestimmte Aspekte des Fühlens übermittelt. Er kann beschließen, dass ein Gefühl zu stark sei, als dass es gefühlt werden könnte, und anordnen, dass die Nachricht nicht übermittelt und somit dem Bewusstsein vorenthalten wird. Der Thalamus spricht eine unverfälscht neurochemische Sprache, eine Sprache, die sich wortlos ausdrückt. Dennoch kann er schmerzvolle Botschaften in etwas übersetzen, das der frontale Kortex verstehen kann. Wenn der Schmerz zu groß ist, wird die ankommende Nachricht verstümmelt. Wenn sie akzeptabel ist, öffnet sich das Tor und die Nachricht wird klar verstanden - wir wissen, was wir fühlen.

 

3.3. Die dritte Linie - Der Neokortex
Die dritte Linie ist der Neokortex, der Teil unseres Gehirns, der sich zuletzt entwickelte und der verantwortlich ist für intellektuelles Funktionieren, der Ideen hervorbringt und für das Denken zuständig ist (MacLean, 1990). Das linke präfrontale Areal befasst sich mit der Außenwelt, hilft uns zu verdrängen und Gefühle zu integrieren, wenn wir dazu in der Lage sind. Dieses Areal geht ungefähr im dritten Lebensjahr online. Der Frontalkortex ist in dem Sinne Teil des Gefühlssystems, dass er unseren physiologisch-emotionalen Reaktionen Bedeutung und Verstehen anfügt. Der Neokortex dient als Eintrittsportal in die Leidenskomponente der Erinnerung, ein Portal, das nicht selbstständig funktionieren kann. Er ist die erste Tür, durch die wir gehen, wenn wir uns aufmachen, unsere Geschichte zurückverfolgen und unseren Schmerz zu verstehen. 
Wir können auf jeder dieser Ebenen Befriedigung finden oder Entsagung erleiden; wenn Deprivation stattfindet, dann gibt es auch Schmerz, weil fehlende Befriedigung bedeutet, dass die Unversehrtheit des Systems bedroht ist. Und Schmerz wird meistens von seinem Gegenspieler - Verdrängung - begleitet. Befriedigung wird ernster und dringender, wenn wir die Neuraxis entlang der Schmerzkette (wie ich sie nenne) hinabsteigen. Tatsächlich diktiert unsere Biologie, dass tiefer Schmerz starke Verdrängung hervorruft, um den Schmerz auf kontrollierbarem Niveau zu halten. Schwere Verdrängung auf der ersten Ebene kann Gefühllosigkeit bedeuten und mangelhafte Verbindung zu Körperfunktionen, so dass Sex problematisch ist und der Appetit gedämpft; es fehlt an Energie und Leidenschaft. Symptome auf der ersten Linie beinhalten Geschwüre, Kolitis und Atemprobleme. Symptome auf höheren Ebenen äußern sich anders: durch die Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen oder unabhängig, offen und aggressiv zu sein. 

Das ist nur ein kurzer Überblick über die drei Ebenen, um den Ursprung von Depression und und ihre Therapie besser zu verstehen. Wenn wir in Erwägung ziehen, dass diese uralten Gehirne in unserem Kopf noch immer aktiv sind, wird die Natur des Problems klarer. Alle drei Gehirne sollten unser ganzes Leben lang harmonisch zusammenarbeiten. Wie sie sich miteinander verstehen, ist von größter Bedeutung. Wir brauchen klare Kanäle zwischen den Ebenen; andernfalls kommt es zu Verzerrungen. Frühes Trauma aber schafft lebenslange Disharmonie und Unterbrechung zwischen Gehirnebenen, was viele Formen psychischer Krankheit zur Folge hat. Im Wesentlichen wird Neurose von tieferen Gehirnzentren gesteuert, die mit höheren kommunizieren wollen, es aber nicht können, weil eine Unterbrechung eingetreten ist, eine Unterbrechung verursacht durch die Einprägung frühen Liebesmangels, der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit bedeutet. Das Therapieziel besteht darin, diese Harmonie neurologisch und psychologisch wieder herzustellen, weil Bewusstsein (nicht mit Bewusstheit verwechseln) bedeutet, dass alle drei Ebenen fließend zusammenwirken.

 

4. WAS IST DEPRESSION?

Zu allen Zeiten haben sich Schriftsteller und Denker poetische Beinamen einfallen lassen, um Depression zu beschreiben. Hippokrates nannte sie die "schwarze Galle." Susan Sontag taufte sie bekanntlich als "Melancholie ohne ihre Reize." Für Flaubert war sie einfach "das ewige ‚Was soll's?'" Und in seinem Buch "The Noonday Demon" sagt Andrew Solomon "Depression ist Trauer, die in keinem Verhältnis zu den Gegebenheiten steht." (Solomon, 2002) Nach Aussage eines Berichts der Weltgesundheitsorganisation mit dem Titel "Die globalen Krankheitskosten" (Weltgesundheitsorganisation, 2004) ist dieses uralte Leiden heute im Begriff, zur zweitgrößten Ursache für Arbeitsunfähigkeit im verbleibenden Jahrzehnt zu werden. Wie auch immer wir sie nennen - Depression ist eindeutig zu einer Plage unter uns geworden. Allein vom Standpunkt der Volksgesundheit obliegt es uns, genau zu verstehen, was sie ist und wie man sie menschenwürdig therapiert.
Die Leute sagen oft, sie "fühlen sich" deprimiert, aber Depression ist kein Gefühl. Sie ist eine Abwehr gegen das Fühlen - gegen eine Anhäufung eingeprägten Schmerzes. Als solche ist sie eine Schutzvorrichtung, um uns unbewusst zu halten, oder vielmehr, um das Unbewusste daran zu hindern, bewusst zu werden. Durch ihre Gehilfin - die Verdrängung - hält sie all die katastrophalen Gefühle und Empfindungen aus der Zeit im Mutterleib, Säuglingszeit und Kindheit nieder, welche die Unversehrtheit unseres Bewusstseins bedrohen würden, wenn sie aus ihrer sicheren unterbewussten Festung freigesetzt würden. Sie ist die ultimative Überlebensstrategie.

Depression ist ein systemweiter Verdrängungszustand, der viele Gefühle abschirmt. Sie ist die traumatische Erfahrungsgeschichte des Körpers, die ihre Kraft ausübt. Und letztendlich ist sie der auf eine höhere Ebene angehobene Verdrängungszustand. Aus diesem Grund ist der Depressive chronisch in Leiden aufgelöst, weil er/sie diese spezifischen frühen Gefühle nicht fühlen kann. Der Organismus scheint zu sagen: "Besser betäubt sein, als zu fühlen, was dort unten liegt und verrückt zu werden." Von daher die schwerfälligen Bewegungen, das flache und emotionslose Fühlen, der Energiemangel, und so weiter; die ganzen Gefühle, die meine Patienten zu Beginn meiner Diskussion skizziert haben. Jeder Ausdruck - z.B. Wut - kann Depression vorübergehend lindern, weil sie Verdrängung ein wenig anhebt. Aber Depression ist sicher keine nach innen gerichtete Wut, wie Freud glaubte (Freud, 2005).

Ein normaler Mensch ist selten deprimiert; er hat keinen Rückstau an Gefühlen, die ungelöst im Inneren liegen. Er ist offen für Gefühle und verdrängt Unerfreuliches nicht. Er ist traurig, wenn es angemessen ist. Aber Traurigkeit ist ein "Jetzt"- Ereignis, ein reales Gefühl, das sich auf reale Situationen bezieht. Depression ist ein "Damals"-Gefühl ohne Bezug zum Jetzt. Wenn das Kleinkind wirklich jede Original-Prägung fühlen könnte, wäre es in seinem Leben nicht deprimiert. Der Depressive hingegen steckt zeitlich fest. Er steckt in seiner Vergangenheit fest, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, so dass alles, was er tut, ein symbolisches Abbild dieser Vergangenheit ist. Das bedeutet, dass wir alle für Traurigkeit offen sind, wenn unsere Abwehr zusammenbricht. Es ist äußerst erschütternd, wenn man plötzlich arbeitslos wird, allein gelassen oder von seinen Freunden geschnitten wird, aber Depression ist eine ganz andere Sache. Wir sollten erschüttert, verzweifelt, unglücklich, traurig sein; das sind normale Reaktionen. Nicht so bei Depression, die in ihrem Kern eine tiefe Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit birgt. Das ist eine tiefe Einprägung aus fernerer Vergangenheit, die ausgelöst werden kann, wenn eine dieser Widrigkeiten eintritt. Diese Einprägung setzt sich oft während der Schwangerschaft oder bei der Geburt fest, als es kein Entrinnen aus dem traumatischen Input gab, wie z.B. eine massive Dosis an Betäubungsmitteln, die der Mutter während der Wehen verabreicht wird und die, wie wir sehen werden, auch das Baby effektiv ‚verschließt.' Oft ist es diese Hoffnungslosigkeit, die ausgelöst wird, wenn anscheinend nicht so ernste Ereignisse geschehen und Depression darauf folgt.

Sich ‚down' und mutlos zu fühlen als Reaktion auf einen Jobverlust oder auf das Auseinanderfallen einer Freundschaft oder auf den Tod eines geliebten Menschen unterscheidet sich von einer chronischen, endlosen Depression. Ersteres ist vielleicht allgemein als "schmerzlicher Verlust" oder "Trauer" bekannt, die einige Wochen oder Monate andauert. Der Mensch zeigt eine normale Reaktion: Düsterheit, Traurigkeit, Weinen, sich schrecklich fühlen, was nach einer Weile aufhört. Was geschieht, ist, dass die Person mit realen Gefühlen reagiert. "Traurig" ist zum Beispiel ein Gefühl, Depression ist keines. Depression geschieht, wenn man die realen Gefühle nicht fühlt. Diese Gefühle wühlen die tieferen Gehirnebenen auf und aktivieren die Prägung. Der Depressive fühlt all das; die Prägung auf ihrem Weg in Richtung volles Bewusstsein. Sie schafft es aber nie, weil die Verdrängung dazwischengeht. Aber eine tiefe Verzweiflung und Resignation setzt ein, und ein Gefühl, besiegt zu sein und aufgeben zu wollen; und vor allem diese Weltuntergangsstimmung, die das Kennzeichen so vieler Depressionen ist. Das ist das präzise, eingeprägte Originalgefühl, das sich seinen Weg ins Bewusstsein zu bahnen sucht; es färbt und dominiert die Gegenwart. Wir sehen die Tiefen der Prägung in einem Syndrom, das als endogene Depression bekannt ist, ein Phänomen, das ohne Vorwarnung auftaucht und uns hilflos tief in seinem Schlund zurücklässt. Man hat es endogen genannt, weil wir bis jetzt nicht gewusst haben, woher es gekommen ist oder warum. Es sitzt so tief, dass es von nirgendwo her zu kommen scheint, aber dieses Nirgendwo/Irgendwo liegt tief im Gehirn. Wenn äußere Abwehrmechanismen versagen oder einem Angriff ausgesetzt sind, erlebt der Depressive Verdrängung und nicht die Gefühle an sich. Er fühlt in seinem System den nach unten gerichteten Druck gegen diese Gefühle. Dieser Druck erzeugt schwerfällige Sprache und Bewegung und totale Erschöpfung, so dass der Depressive wenig Energie hat und sich in Zeitlupe herumbewegt; meine Füße stecken in Zement fest", wie ein Patient es ausdrückte. Kurz gesagt spürt er das Gewicht der Verdrängung, die unbeschreibliche Kraft, die Fühlen unterdrückt. Die Gefühle selbst fühlt er nicht. Sobald er sie fühlt, kann die Depression allmählich nachlassen.

Bei Depression gibt es ein "Schweregefühl," einen Energiemangel, der so groß sein kann, dass sogar das morgendliche Aufstehen wie eine Riesenarbeit scheint. Er macht alles zu einer Herkulesaufgabe, so dass normale Tätigkeiten wie Reden oder den Arm heben oder sogar das Kauen fester Nahrung zu einer großen Anstrengung werden kann. Es bleibt wenig oder keine Energie übrig für Vergnügen, Freude, Sexualtrieb oder - was das betrifft - irgendeinen Trieb überhaupt, außer dem Wunsch, einen Weg zu finden, um das Leiden zu beenden.

Also geht der Depressive zu einem Therapeuten und ersucht um Hilfe; gewöhnlich muss er/sie dazu überredet werden. Was er/sie bekommt, ist Ermutigung und Hoffnung, dass der Therapeut alles besser machen wird - jemand, der zaubert. Er/sie will aus seinem/ihrem Zustand "herausgezogen" werden; ein symbolisches Gefühl, das existierte, als das Ursprungsereignis - das Geburtstrauma - sich ereignete. Jemand, der ihn/sie wortwörtlich herauszieht und ihm/ihr Leben einhaucht. Die Passivität des Patienten erfordert einen aktiven, bejahenden Therapeuten. Der Therapeut wird sein/ihr Freund, weil er/sie sich kaum hinausgewagt hat, um Freunde zu gewinnen. Und er/ sie wird bereitwillig Anweisungen entgegennehmen und seinen Anleitungen gehorchen.

Gib einem Depressiven einen neuen Auslass - einen neuen Job, eine Party oder eine Gelegenheit, einkaufen zu gehen - und der gesamte nach innen gerichtete Druck strömt jetzt in manische Aktivität. Er "schmeißt sich" buchstäblich in seine Arbeit. Er ist "glücklich" in dem Moment, in dem seine Arbeit ihn glücklich macht. In Wirklichkeit hat er einen Auslass gefunden, um die Primärkraft freizusetzen. Hier sehen wir die Basis für die bipolare oder manisch-depressive Form der Depression. Keine andere Krankheit aber ein anderes Muster - hoffnungslose Tiefen gefolgt von manischer Energie. Wenn Verdrängung versagt, setzt manische Aktivität ein. Die Prägung reflektiert dasselbe zyklische Ereignis, das bei der Geburt geschah. Die Person steckte im ‚Trog' fest (Ich nenne es so) und war blockiert; dann schaffte sie es unter großer Anstrengung nach außen. Das Muster - hinab und dann hinauf - wird ausgelebt im Zyklus von Aufgeben und manischem Versuch, das Ganze zu beenden. Es ist dieselbe Energiequelle aber eine unterschiedliche Art, damit umzugehen. Also können wir sehen, dass einige von uns früh im Leben abschalten, und weil wir keine Ventile haben, werden wir "tot," global und emotional ‚abgeschaltet.' Andere schalten ab und "agieren" lebendig. Wenn die Rolle des "glücklichen Clowns" die Eltern erfreut, dann wird sich dieser Akt fortsetzen. Bei den professionellen Komödianten, die ich behandelt habe, war das niemals wahrer. Ich behandle gerade einen Depressiven, dessen Mutter chronisch krank war; er wurde zum Komiker, um sie aufzuheitern. Obwohl das nie lange funktionierte, wurde es zu einem Gewohnheitsmuster. Sein Bedürfnis? Eine glückliche Mutter, die ihn lieben konnte. Nimm die Chance weg, anderen zu gefallen, und die lauernde Traurigkeit wird allmählich hochkommen. Wenn jemand ungeliebt war, unterdrückt wurde und bei jedem Versuch zurückgewiesen wurde, dann werden sich Leblosigkeit und Depression verstärken. Wie wir uns entwickeln, hängt von späteren Lebensumständen ab: Waren die Eltern liebevoll? Waren sie nicht tyrannisch? Konnten sie freien Ausdruck zulassen? Wenn es freien Ausdruck und viel Körperkontakt gab, dann wird die Prägung in Schach gehalten, weil sie nicht verstärkt worden war, aber sie wird so lange nicht verschwinden, bis sie wiedererlebt und verknüpft wird.


5. DIE SCHLÜSSELROLLE DER EPIGENETIK

Obwohl in seltenen Fällen die Genetik zum Teil für Depression verantwortlich sein kann, ist im Großen und Ganzen frühe Lebenserfahrung (einschließlich Erlebnisse im Mutterleib und Geburtstrauma), die eigentliche Ursache. Wir sehen die Wirkung von Epigenetik, der Änderung der Gen-Funktion ohne Änderung der zugrunde liegenden DNA-Sequenz (Booij et al., 2013). Diese Änderungen oder Abweichungen, wenn Sie wollen, involvieren oft einen biochemischen Prozess, der als Methylierung bekannt ist. Und es geschieht durch Methylierung, dass ein psychisches Trauma eingeprägt wird. Somit wird das Trauma - das einfach mangelnde Fürsorge und Liebe der Mutter sein kann - im System "fixiert" und bleibt bestehen. Das ist die Prägung, der Dreh- und Angelpunkt der Depression. Die Biochemie und letztendlich das Gehirn ist ‚umgelenkt' worden, wodurch depressive Tendenzen besiegelt werden. Es ist diese Prägung, die man behandeln und auflösen muss. Wissenschaftliche Beweise belegen immer deutlicher, dass Schwangerschafts- und Geburtsereignisse entscheidend für spätere Krankheit sind. In einer 2010 durchgeführten Studie der medizinischen Hochschule Hannover in Deutschland kamen Forscher zu dem Schluss, dass "Epigenetik von beträchtlichem Interesse ist für das Verständnis von frühem Lebensstress bei Depression." Die Studie, die im Journal ‚Current Opinion in Psychiatry' veröffentlicht wurde, fand neben vielen anderen Dingen heraus, dass ungeliebte und Körperkontakt entbehrende Kinder eine Prädisposition für Depression hatten. (Schröder, Krebs, Bleich & Frieling, 2010). Die jüngste Arbeit eines kanadischen Forscherteams deutete ebenso auf die entscheidende Rolle hin, welche die Epigenetik spielt. (Booij et al., 2013). Die folgende Passage ist ihrem Artikel entnommen : "Die Funktion der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA) und des serotonergen (5-HT) Systems ist bekanntlich mit der Stimmung verknüpft. Änderungen in diesen Systemen sind oft mit Depression assoziiert. Jedoch ist keine an und für sich ausreichend, um Depression zu verursachen. Es wird jetzt zunehmend klar, dass die Umwelt eine entscheidende Rolle spielt, insbesonders die perinatale Umwelt. In diesem Bericht postulieren wir, dass früher Umweltstress eine Reihe epigenetischer Mechanismen auslöst, die das Genom und Programm der HPA-Achse und des 5-HT-Systems für das Überleben in einer rauen Umwelt anpassen. Unser Schwerpunkt liegt bei der DNA-Methylierung, weil sie das stabilste genetische Kennzeichen ist. Angesichts der Tatsache, dass DNA-Methylierungsmuster zum großen Teil innerhalb der perinatalen Periode angelegt werden, ist die Langzeitprogrammierung der Genexpression durch DNA-Methylierung während dieser Periode besonders anfällig für Umwelt-Angriffe. Wir diskutieren spezifische Gen-Beispiele im 5-HT-System (Serotonin-Transporter) und in der HPA-Achse (glucokortikoider Rezeptor und Arginin-Vasopressin-Verstärker), deren DNA-Methylierungszustand mit früher Lebenserfahrung assoziiert ist und potentiell zu Depressions-Anfälligkeit führen kann. Wir schließen mit einer Diskussion über die Bedeutung, epigenetische Mechanismen im peripheren Gewebe als Stellvertreter für jene Mechanismen zu studieren, die im menschlichen Gehirn ablaufen, und schlagen Verfahrensweisen für zukünftige Forschung vor." 

Es scheint, dass die schnellsten Veränderungen bei der Methylierung früh in unserem Leben stattfinden, zumindest in der neonatalen Periode, obgleich diese These Gegenstand weiterer Untersuchungen ist. Zum jetzigen Zeitpunkt ist wichtig, dass bestimmte Gene ruhig gestellt werden, die nicht ruhig gestellt werden sollten. Somit werden bestimmte Ausdrucksmöglichkeiten unterdrückt, was bei Depression oft der Fall ist. Nichts davon bedeutet, dass Methylierung das Leiden "verursacht," sondern vielmehr, dass es früh im Leben Widrigkeiten gibt, welche die Erzeugung des Leidens begünstigen. 
Obwohl die kanadischen Forscher die perinatale Periode betonen, haben wir auch herausgefunden, dass die Prägung früher liegt. Wenn das Neugeborene besonders empfindlich ist für Umweltangriffe, ist es sicher möglich, dass diese Angriffe früher stattfinden können und die Urprägung bilden können, die später Depression entstehen lässt. Methylierung bietet kurz gesagt das Urereignis, das den Prototyp für spätere Hemmung und Verdrängung anlegt; somit kann hohe Methylierung ein Prädiktor für spätere Depression sein. Es bedeutet, dass bestimmte Schlüsselgene, die Ausdruck finden sollten, ruhig gestellt werden, insbesonders aufgrund von Umgestaltung der Gen-Promotoren-Region. Die Tendenzen zu keinem oder schwierigem Ausdruck werden eingeprägt. 

Meine Meinung ist, dass einige dieser Veränderungen in der Physiologie während unseres Lebens im Mutterleib stattfinden, wenn die Sollwerte vieler Hormone - einschließlich des Schilddrüsenhormons - etabliert werden. Und in der Tat, wenn wir depressiven Patienten eine kleine Dosis eines Schilddrüsenmedikaments verabreichen, kommt es zu einer vorübergehenden Besserung. Man könnte glauben, dass solche Defizite genetisch seien, aber es gibt Ereignisse, die sie verursachen können und die nicht immer offensichtlich sind. Sie werden erst offensichtlich, wenn der Patient in der Therapie in die weit entfernten Regionen des Unbewussten hinabsteigt, wo die wesentliche Erklärung für die Depression zu finden ist. Man erlebt die Geburtserfahrung wieder, das Ersticken, die Strangulierung, den hoffnungslosen Kampf herauszukommen - die unsagbare und unbeschreibliche Verzweiflung. Natürlich bekommt sie erst Jahre später einen Namen, aber das Gefühl wird zu jener Zeit ins Nervensystem eingraviert. Wir können uns hoffnungslos fühlen, ohne dem Gefühl eine Bezeichnung zu geben. Angesichts einer Notlage im Erwachsenenalter taucht die alte Prägung auf - der Wunsch aufzugeben - und wird jetzt Depression genannt. 
Wir geben ihr diesen Namen, weil wir den Ursprung tief eingeprägter Verzweiflung nicht gesehen haben, ein Phänomen, das wir viele Male beobachtet haben. Wir nennen sie Depression, weil wir die Hoffnungslosigkeit im Inneren nicht kennen, die uns elend fühlen lässt. Wir geben der Depression den Namen der Abwehr anstatt den ihrer Ursache - Schmerz.

 

6. DIE NATUR DER PRÄGUNG
Es scheint, dass neue Forschung äußerst wichtige Beweise über Epigenetik liefert und darüber, wie Prägungen durch Methylierung von einer Generation zur anderen weitergegeben werden können (Booij et al., 2013). Ein Schlüssel hierzu könnte verdrängte Erinnerung sein, die unser ganzes Leben hindurch fortdauert; sie steuert Verhalten, Symptome und verschärfte Depression. Es stellt sich heraus, dass Prägungen von den Eltern zum Baby und von den Großeltern zum Baby weitergegeben werden können. Einige Gene, die angeschaltet sein sollten, sind es nicht, während solche, die ausgeschaltet sein sollten, an bleiben. Entscheidend ist in diesem Prozess Methylierung, eine chemische Reaktion, bei der eine Methylgruppe von einem Geber-Molekül (S-Adenosylmethyonin) auf das Cytosin der DNA oder auf ein Histon übertragen wird. Die Reaktion wird durch DNA - Methyltransferase (DNMT) katalysiert. Ein gewisses Maß an Methylierung geschieht auf natürliche Art, aber ein Trauma wie z.B. mütterliche Vernachlässigung in der Säuglingszeit kann exzessive Methylierung von Schlüsselgenen verursachen, die an der Stressreaktion beteiligt sind (Weaver et al., 2004). Methylierung hängt von der Arbeit der chemischen Methylgruppe ab, die sich rekrutiert, wenn ein traumatisches Ereignis stattfindet, und die dazu beiträgt, diese Erinnerung zu verankern. Wenn es zu einem plötzlichen Anstieg von Methylierung kommt, so scheint es, dann hängt sich ein Teil davon - das Element 612-13 - an das Gen an. Es ist jetzt Teil der DNA und schaltet bestimmte Hormone und andere neurochemische Prozesse an oder ab. Sobald das geschieht und Methyl rekrutiert wird, ändert sich danach die genetische Entfaltung.

Kurz gesagt kann Methylierung ein Agent der (Übertragungs-)Unterdrückung/Verdrängung sein oder genauer formuliert ein Kennzeichen dafür. In diesem Zusammenhang ist Verdrängung ein systemisches Ereignis, dass den gesamten Körper einbezieht. Wenn man Methylierung chemisch umkehrt (vielleicht mit neuen Medikamenten, die sie entwickeln), kann man immer noch Verdrängung haben. Enfernt man aber Verdrängung durch Therapie, kann man vielleicht Entmethylierung sehen. Solange die Studien nicht durchgeführt werden, bleibt unklar, wie eng die beiden verknüpft sind und in welchen Geweben. Eine Studie an der Duke Universität zeigte, dass Nahrung, die reich an Methyl war und an weibliche Mäuse verfüttert wurde, das Fellpigment des Nachwuchses vollständig veränderte (Dolinoy, 2008). Anders ausgedrückt funktionierte sie wie genetische Vererbung, obgleich sie das nicht war. Sie war das Ergebnis von Erfahrung, die das Herzstück unserer Theorie ist - Epigenetik.

In diesem Zusammenhang hinterlassen traumatische Ereignisse in frühester Kindheit (und ich nehme an einschließlich der Schwangerschaftsperiode) eine Kennzeichnung oder Markierung auf einem Gen, die uns möglicherweise lebenslang beeinflusst. Man hat herausgefunden, dass sogar Großeltern die Prägungen der Enkelkinder beeinflussten, wozu wir gleich kommen werden. Hier sei nur gesagt, dass die Erfahrungen unserer Vorfahren fortdauern und entlang der genetischen Kette weitergereicht werden können - die Vererbung erworbener Eigenschaften. Vor einigen Jahrzehnten noch hat die Wissenschaft das für unmöglich gehalten.

Es ist, was wir alle wissen; dass frühe Liebe uns stärker und weniger ängstlich macht. Aber es stellt sich heraus, dass die Erfahrung, wenn Rattenmütter schon früh in ihrem Leben geleckt und gestreichelt wurden, an ihren Nachwuchs weitergegeben werden konnte. Die Gene könnten durch die Methylgruppe (und auch durch andere Chemikalien) günstig modifiziert werden. Bei Menschen bedeutet dies, dass eine gute persönliche Geschichte der Mutter eine gute Kindheit für die Kinder bedeutet. Und je liebevoller die Mutter ist, umso weniger Methylierung gibt es beim Kind. Und bei geringerer Produktion von chronischen Stresshormonen ist vielleicht später die Wahrscheinlichkeit schwerer Krankheiten wie Alzheimer auch geringer.

Um sicher zu stellen, dass diese Änderungen bei den Ratten aus Erfahrung resultierten und nicht aus Vererbung, ließen sie normal stabile Jungratten von neurotisch vernachlässigenden Müttern aufziehen. Und das Ergebnis war dennoch das gleiche - ungestresste Babys. Diese Babys hatten Mütter, die normale Methylmengen in ihren Systemen hatten. Somit konnten Ratten, die von liebevollen Müttern aufgezogen wurden, dies auf den Nachwuchs übertzragen, auch wenn die Adoptivmutter nicht liebevoll war. Die Gene für den Stresshormon-Ausstoß hatten minimale Methylierung. Anders ausgedrückt wurde Liebe entlang der genetischen Kette weitergereicht. Also hatten normale Babys, die von gleichgültigen und unaufmerksamen Müttern aufgezogen wurden, dennoch niedrige Methyl-Spiegel in ihrem Hippokampus. Die Babys begannen ihr Leben mit einem Vorsprung - ein guter Start ins Leben trotz einer schlechten Kindheit. Ich glaube, dass Veränderungen in den Genen - Methylierung und Acetylierung - sich sehr früh ereignen müssen, wenn das Gesamtnervensystem sich entwickelt. Ehe wir also feststellen können, was Depression oder Angst verursacht, müssen wir das Wirken früher Epigenetik beobachten. Es sei noch einmal gesagt: Jungratten, die von lieblosen Müttern geboren wurden, wurden an liebevolle Mütter übergeben und diese Rattenjunge, die von schlechten Müttern geboren wurden und von liebevollen Müttern aufgezogen wurden, schienen dennoch normal und relativ unmethyliert. Denken wir daran, dass Methyl überall im System vorkommt, aber es geht nicht um die Gesamtmenge sondern vielmehr darum, wieviel in spezifischen Genen gefunden wird. (Weaver et al., 2004).

Ein anderer Grund, warum diese Forschung wichtig ist : Man hat herausgefunden, dass lieblose Mütter bei Nagetieren Methylierung der Östrogen-Rezeptoren im weiblichen Nachwuchs verursachen. Wenn diese dann eigenen Nachwuchs hatten, hatte dieser Nachwuchs Östrogenmangel, der diese weiblichen Nachkommen weniger aufmerksam und liebevoll gegenüber ihren eigenen Babys machte. Wir wissen bis jetzt nicht, wieviele chemische Schlüsselprozesse durch frühen Liebesmangel beeinflusst werden können. Und darüber hinaus haben wir keine Ahnung, wieviele Hormone in neurotischen (schwer methylierten) Müttern verändert werden und wie dies unzählige Verhaltensweisen bei Erwachsenen beeinflusst. Wird Depression vererbt? Es mag Wegbereiter dafür geben, aber sie manifestiert sich nie, wenn es später in der Kindheit sehr viel Liebe gibt. Wird die Tendenz zur Methylierung zum Teil vererbt oder epigenetisch weitergegeben? Und bildet das die Basis für Depression? Auf Grund der gerade zitierten Forschung scheint es, dass neurotische (methylierte) Mütter unweigerlich zu lieblosen Müttern werden und somit das Fundament für spätere Depression beim Nachwuchs legen (Weaver et al., 2004).

Und welche anderen Hormone werden durch dieses Szenario aufgebraucht? Werden wir mit einer Tendenz zu Angst geboren? Möglicherweise, aber in diesem Fall ist dann die Prägung nicht so sehr Methyl sondern eher Acetyl. Bei Acetylierung gibt es mehr Fehler im Verdrängungssystem. Acetylierung (Rekrutierung von Acetyl) erzeugt so ziemlich das Gegenteil von Methylierung, eher eine Neigung aufzumachen als zu verschließen, vielmehr eine Neigung in Richtung Ausdruck als zur Verdrängung hin. Die Rolle der Acetylierung ist gegenwärtig nicht genau bekannt und erfordert weitere Erforschung.

Zusammengefasst legen diese Daten nahe, dass ein Trauma schwere Methylierung bei denjenigen Kindern erzeugte, die in Waisenhäusern aufwuchsen. Und dieser Prozess beeinflusste dann viel mehr im Hinblick auf das Gehirn und auf die neuronale Entwicklung. Wenn wir also eine Mutter finden, die lieblos ist, müssen wir wissen, dass sie vielleicht von ihren Epigenen gesteuert wird; sie ist ein Opfer dieser Veränderungen. Ihr Kortisol-/Stresshormon-Spiegel rebelliert gegen ihre Mutterinstinkte. Methylierung schaltet eine Reihe "natürlicher" Verhaltensweisen ab. Bei Neurose können wir nicht natürlich sein und die Natur wertschätzen, weil wir von unserer eigenen Natur, von unserer Biographie, Geschichte und unseren Gefühlen abgespalten und entfremdet sind. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass unsere Gefühle uns leiten, weil sie effektiv abgeschaltet worden sind. Die Gefühle sind buchstäblich Aliens. Wir haben bei den meisten Patienten und besonders ausgeprägt in Fällen von Depression herausgefunden, dass Patienten, die kurz vor diesen Gefühlen stehen, oft Fieber entwickeln. Der Körper behandelt die Gefühle als Bedrohung, Gefahr und als etwas, das es zu vermeiden gilt; dennoch können diese Gefühle uns auch befreien.

Können wir Methylierung umkehren oder ungeschehen machen? Die Forschung informiert uns, dass Ratten, die geschädigt worden waren und von lieblosen Müttern aufgezogen wurden, keinen offensichtlichen Schaden aufwiesen, wenn sie Trichostatin-Infusionen erhielten. Als hätte das Trauma nie stattgefunden. Diese Droge entfernt Methyl aus dem System. Das ist nicht genau dasselbe wie Entmethylierung. Aber es machte die Geschichte ungeschehen (Weaver et al., 2004). Ich glaube, genau das kann vielleicht während des Wiedererlebens geschehen, wenn man sich auf die Prägung konzentriert. Es könnte eine Änderung bei der Methylierung geben, so dass Geschichte umgekehrt wird; genau das werden wir in unseren zukünftigen Forschungsprojekten untersuchen. Mir scheint, dass der natürliche Weg die Wahrscheinlichkeit für Kollateralschäden am System deutlich verringert. Da wir bereits herausgefunden haben, dass chronisch hohe Kortisol-Spiegel in unserer Therapie rückgängig gemacht werden, wäre es vielleicht folgerichtig, dass Methylierung auch umgekehrt werden könnte. In gewisser Weise kann das Maß der Methylierung ein Kennzeichen dafür sein, ob wir schon früh im Leben geliebt worden sind oder nicht. Das wäre aussagekräftiger als die Behauptung der Person, sie sei in ihrer Kindheit geliebt worden, obgleich dies tatsächlich nicht der Fall war. Wieviel Verleugnung ist da im Spiel?

Neurochemie ist vielleicht zuverlässiger, weil Biochemie keinen Grund zu lügen hat und nicht von Verleugnung motiviert wird. Sie kann ein Kennzeichen für posttraumatischen Stress sein. Je mehr Misshandlung in diesen Fällen geschehen ist, umso mehr Methylierung ist produziert worden. Wenn wir das zu unserer zukünftigen Forschung über Telomere und Kortisol hinzufügen, erhalten wir allmählich präzise Messungen des Schmerzes in uns. Und wir werden wissen, wann eine Droge zu gefährlich für uns ist, besonders Drogen wie Marijuana, die uns tendenziell öffen, uns offen machen für unsere Gefühle und unseren Schmerz. Und schließlich werden wir ein Kennzeichen für die Wirksamkeit bestimmter Psychotherapien haben. Macht die Therapie die Geschichte ungeschehen? Schwächt sie die Verdängung ab und lindert demzufolge die Depression? Gibt es bei Angstzuständen großen Schmerz auf der ersten Ebene? Es scheint der Fall zu sein, dass Liebe der Methylierung entgegenwirkt und normale Lebewesen erschafft.

K.J.S. Anand und seine Kollegen behaupten, dass bei einer Reihe von Selbstmorden mittels gewalttätiger Methoden "die signifikanten Risikofaktoren jene perinatalen Ereignisse waren, die wahrscheinlich Schmerz im Neugeborenen verursacht haben." (Anand & Scalzo, 2000). (Mehr über die Beziehung zwischen Suizid und perinatalem Trauma weiter unten). Sie heben auch hervor, dass Schwangere, die schwer rauchten, Babys hatten, die später eine verstärkte Neigung zu Kriminalität aufwiesen. Und Mütter, die in der Schwangerschaft Drogen nahmen, hatten Kinder, die weitaus mehr zum Drogenkonsum neigten, sowohl zu schweren Opiaten (Morphium) als auch zu Speed (Amphetamine).

Es gibt mittlerweile buchstäblich Hunderte von Studien, welche die Hypothese über frühe Prägungen unterstützen, wie sie dauerhaft werden und unser System ändern. Vor etwa zwanzig Jahren hat man an diese Forschung größtenteils noch gar nicht gedacht. (Noch einmal, im Detail wir das erörtert in Primal Healing, Janov, 2006). In einer anderen aufschlussreichen Studie, die 1998 in Kanada ausgeführt wurde, untersuchten David P. Laplante und Michael L. Meaney von der McGill Universität in Montreal Frauen, die während eines schweren Eissturms schwanger waren, um die Langzeitwirkung von Stress auf ihren Nachwuchs einzuschätzen (Laplante, et al., 2004). Die Forscher schreiben: "Wir vermuten, dass ein hohes Maß an pränataler Stress-Aussetzung besonders in der Frühphase der Schwangerschaft die Gehirnentwicklung des Fetus negativ beeinflussen kann........ Prägung bei der Geburt kann Individuen für bestimmte Verhaltensmuster prädisponieren, welche den größten Teil des Erwachsenenlebens maskiert bestehen bleiben."

7. DIE BEDEUTUNG DER TELOMERE
Elizabeth Blackburn and Elissa Apel berichteten in ‚Nature' (11, Oktober 2012, Blackburn & Apel, 2012) von einer Reihe von Studien über Telomere: 2004 verglich eine Studie weiße Blutzellen von Müttern mit chronisch kranken Kindern mit solchen Müttern, die gesunde Kinder hatten. Mütter von kranken Kindern hatten kürzere Telomere. Wahrscheinlich ist Stress ein Faktor. Und das bedeutet erhöhte Kortisol-Spiegel mit möglicherweise kürzeren Telomeren. Der Übeltäter ist nicht Kurzzeit-Stress sondern Dauerstress; was könnte dauerhafter sein als die Prägung?

Was Kortisol unter anderem bewirken könnte, ist die Steigerung der enzymatischen Aktivität von Telomerase, welche die Funktion von Telomeren beeinflusst. Um Klartext zu reden: Was dieses Enzym vielleicht macht, ist, dass es eifrig damit beschäftigt ist, den Verfall zu bekämpfen, der mit dem Input von Urschmerz stattfindet. Diese - wie es scheint - erhöhte Telomerase-Aktivität geschieht, um weiteren neuro-biologischen Schaden für das System zu verhindern. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Owen Wolkowitz von der University of California in San Francisco hat Telomere und Depression untersucht (Wolkowitz, Reus & Mellon, 2011). Normalerweise hilft Telomerase, die Länge der Telomere beizubehalten oder sie sogar zu verlängern. Sie haben Schutzfunktion. Und sie werden größer, wenn Depressive Antidepressiva nehmen; sie wachsen auch bei Tieren, wo sie mit vergrößerten Nervenzellen im Hippokampus assoziiert sind. Es scheint, dass sich der Hippokampus mit den Fakten und mit der Erinnerung des Fühlens befasst. Er wird durch Depression schwer beeinträchtigt. Je länger die Depression dauert, umso kürzer werden die Telomere, und es wird zu einer Sache auf Leben und Tod. Man hat zum Beispiel herausgefunden, dass der sehr ernste Pankreas-Krebs mit kürzeren Telomeren in Blutzellen assoziiert ist. Diese Leute wurden auch vor dem Ausbruch des Krebses untersucht, so dass wir nicht sagen können, die Telomere haben sich wegen des Krebs-Ausbruchs verkürzt. Telomere bewahren die Stabilität von Genen; es kann sein, dass instabile Individuen instabilen Telomeren gleichkommen. Es gibt andere Krebsarten, die ebenso mit kürzeren Telomeren in Verbindung stehen. (In Kürze erscheint ein Buch von Ed Park, M.D., über Telomere). Eingeprägter Schmerz hat viel mit Depression und mit späterer schwerer Krankheit zu tun. Wir werden das bei unserem Patienten-Bestand untersuchen.

Telomere sind bei chronisch Depressiven kürzer, und diese Tatsache ist entscheidend. Warum? Wir können annehmen, dass es ursprünglich die Einprägung eines frühen Traumas gibt, welches die Depression auslöst. Das bedeutet Schmerz. Bei Depressiven kann es eine große Menge eingeprägten Schmerzes geben. Das scheint auch auf Immunstörungen zuzutreffen, da Depression das Immunsystem beeinträchtigt. Chronisch Depressive haben kürzere Telomere. Das kann die Gefahr schwerer Krankheit und frühen Todes bedeuten. Ich glaube, dass eine Gefühlstherapie, welche die Prägung attackiert, lebensrettend ist. Wir sehen allmählich, warum das so ist. Ein großes Problem ist, dass es um schweren Schmerz geht, wenn Patienten zu früheren Hirnstamm-Einprägungen gelangen; aber wenn sie dranbleiben, ist er nicht von Dauer, und es führt zu großen Veränderungen im gesamten System. Ich sage Patienten oft, dass ich den Schmerz da nicht reingesetzt habe; ich bin damit betraut ihn rauszunehmen.
Wenn Kortisol chronisch hoch ist und Telomere kurz sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, an bestimmten Krebsarten zu leiden, einschließlich des tödlichen Pankreas-Krebses. Was verursacht diesen Krebs? Wahrscheinlich spielt auch ein frühes Trauma, das eingeprägt worden ist und fortbesteht, eine Rolle. Somit bedeutet eine Hirnstamm-Einprägung eine Hirnstamm-Reaktion, und das kann tiefe physiologische Reaktionen bedeuten, einschließlich solcher Leiden wie Kolitis. Eine andere Wirkung ist das Auftreten von Demenz bei Menschen mit kürzeren Telomeren. Wiederum müssen wir ein Auge auf sehr frühe Traumen haben, sogar in der Schwangerschaft, um die Antwort auf die Fragen zu finden, was Krebs verursacht und was Demenz verursacht. Wenn aufgrund der Prägung ständiger Druck und ständige Spannung auf den Organen lastet, macht es Sinn, dass sie nachgeben und zusammenbrechen werden. Die Organe sagen: "Ich halt's nicht mehr aus. Das ist mehr als ich verkraften kann, alles zu viel." Es überrascht mich, dass sie ihre Unversehrtheit überhaupt so lange beibehalten.

In PloS One steht ein Artikel, der die Bedeutung von Angst für die Schädigung von Telomeren unterstreicht. Es ist eine wichtige Studie, in der die Forscher Blutproben von 5200 Frauen im Alter zwischen 42 und 69 Jahren nahmen, die sich für diese Women's Health Study angemeldet hatten (Okereke et al., 2012). Die Forscher analysierten die Telomer-Länge bei den Frauen. Diejenigen, die von häufigen Angstattacken (Phobien) berichteten, hatten signifikant kürzere Telomere. Die Forscher deuteten an, dass diese Tatsache das Leben der Frauen um sechs Jahre verkürzen würde. Sie kamen zu dem Schluss, dass chronische Angst in der Kindheit zu vorzeitigem Altern führt und natürlich zu einem kürzeren Leben. Angst wird uns umbringen; weshalb es so wichtig ist, dass die Prägung in der Psychotherapie nicht unangetastet bleibt. Telomere sind vielleicht bald das Schlüsselkennzeichen nicht nur dafür, wie lange wir leben, sondern auch dafür, wie viele Jahre eine Gefühls-Psychotherapie unserem Leben hinzufügen kann. Wenn wir die Prägung unangetastet und unverändert belassen, kann die Therapie ein Misserfolg sein.

Den Ergebnissen jüngster Forschung zufolge erodiert Stress Telomere schon ganz früh. So hatten Kinder, die von Geburt an in Waisenhäusern aufwuchsen, kürzere Telomere. Ich glaube, die Beweise liegen in so vielen Dimensionen vor; frühes Trauma schädigt das System auf jede mögliche Weise. Wir müssen achtgeben, wenn wir ein Baby im Mutterleib austragen und wir müssen wirklich auf unsere Geburtspraktiken achten, die zu oft schädlich sind. Die Forschung betont, dass sich früher Stress in die Kindheit fortsetzt. Er folgt uns überall hin, bis wir ihn erkennen, ihm voll ins Auge sehen und den Schaden wiedererleben. Paradoxerweise verschwindet der eingeprägte Schaden, wenn wir ihn erleben, und damit einher geht eine Normalisierung vieler vitaler Körperfunktionen. Hier haben wir unterstützende Beweise für die Existenz der Prägung, auch wenn sie nicht genannt wird. Warum sonst dauert sie an und verkürzt Telomere? Warum kann man nicht auf die Gleichung kommen, dass frühes Trauma im System fixiert bleibt und das Verhalten steuert während es unser Leben verkürzt? Ich glaube, je früher der Stress einsetzt - eine werdende Mutter, die früh in der Schwangerschaft raucht - umso schädlicher wird er später sein. Lehren wir über Schwangerschaft in der Schule, so dass Erwachsene verstehen, was Schwangerschaft für ein Menschenleben bedeutet.

 

8. DIE PHYSIOLOGIE DER HOFFNUNGSLOSIGKEIT
Auf dem Fachgebiet der Psychologie gibt es ein Einvernehmen, dass Schmerztöter zur Unterdrückung von Depression beitragen. Das bedeutet, dass man irgendwie erkennt, dass Schmerz vielleicht ein ursächlicher Faktor dieser Störung sein könnte. Und es gibt auch umfangreiche Forschung, die auf die Tatsache hindeutet, dass einige Formen der Depression aktivierte Zustände sind; die Stresshormon-Spiegel sind hoch, oft ebenso hoch wie bei Angstzuständen.

Frühe Veränderungen bei Hormonen und Neurotransmittern gehören zu den Mechanismen, wie Erinnerung eingeschrieben wird. Es gibt eine Gefahr: fehlende Befriedigung. Und diese Gefahr - der unbefriedigten Bedürfnisse - geht einher mit einer übermäßigen Sekretion von Stresshormonen. Ein Trauma, das dem Fetus und Säugling zustößt, veranlasst den Sympathikus hochzufahren, mehr Adrenalin, Dopamin, Kortisol, Noradrenalin zu produzieren. Wenn Bedürfnisse unbefriedigt bleiben, werden wir aktiviert.....in Richtung Befriedigung. Wenn die kritische Periode für Befriedigung abgelaufen ist, dann sind diese Befriedigungsversuche immer symbolisch. Zum Beispiel das Verlangen nach Beifall oder nach dauernder Anerkennung. Oder auf der B-Seite das Vermeiden von Kritik ("Sag', dass ich gut bin. Bitte. Kritisiere mich nicht. Ich bin am Ende.") Sobald die Prägung durch Methylierung verankert worden ist, kann sie kaum noch verändert werden. Die Persönlichkeit eines Menschen wird schon sehr früh fixiert, und zukünftige Erfahrung macht keinen großen und grundlegenden Unterschied mehr. (Wir planen im Herbst eine Studie über Methylierung).

Wachsamkeit ist eine Überlebens-Angelegenheit. Das gesamte System ist im Alarmzustand und bleibt alarmiert, solange Bedürfnisse nicht befriedigt werden und die Einprägung im System fixiert bleibt. Es ist nicht so, dass wir eine Erinnerung haben und es dann zu Hormon-Änderungen kommt; diese Änderungen sind Teil der Erfahrung, die mit der Erinnerung eng verknüpft sind. Und umgekehrt sind es die Änderungen in der Biochemie, die unsere Gedanken, Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen.

Zum Beispiel beeinflussen Gefühle den Hypothalamus, der den Ausstoß der "Liebeshormone" Oxytozin und Vasopressin reguliert. Diese Hormone helfen uns, liebevolle Beziehungen einzugehen und funktionieren zum Teil als Schmerztöter. Liebe kann das bewirken. Liebe ist der bedeutendste Schmerztöter für ein Kleinkind, so dass es kein Zufall ist, dass wir durch frühe Liebe eine eher große Menge an "Liebeshormonen" haben. Aber wenn niemand kam und uns am Lebensanfang lieb hatte, wenn wir einsam waren oder uns vernachlässigt fühlten, leiden wir wahrscheinlich unter chronisch niedrigem Ausstoß dieser Hormone. Das Grundgefühl ist "Niemand will mich" oder "Niemand liebt mich." Es ist und es war hoffnungslos. "Niemand will mich" regiert unser Leben. Es ist nicht als Gedanke eingraviert sondern als unbeschreibliches Gefühl. Es macht uns scheu in sozialen Situationen, lässt uns aussehen wie arme Sünder und erzwingt die Körperhaltung eines Besiegten. Alles Merkmale der Depression. Kurz gesagt herrscht Depression überall in uns, nicht nur im Gehirn. Sie begründet den Subtext, auf den wir in einer Therapie reagieren. Letztendlich brauchen wir Tranquilizer, um die Gefühle zu unterdrücken, die von unten Druck ausüben.

Mangel an Hormonen oder Neurotransmittern kann systemische Anfälligkeiten etablieren, so dass späteres Trauma voll ausgeprägte Leiden erschafft. Wir sehen keine klar erkennbare Krankheit, wenn das Kind fünf Jahre alt ist, aber die Saat ist bereits ausgebracht. Später sagen wir vielleicht "Magersucht wird durch zuviel Noradrenalin verursacht", durch zu wenig von diesem oder jenem. Das sind jedoch keine Ursachen sondern Begleiterscheinungen des Originaltraumas, das wir bei einer Person von 40 Jahren nicht mehr sehen oder uns vorstellen können. Die Prägung produziert Abweichungen in Persönlichkeit und Physiologie, die schließlich in spezifischen Symptomen enden. So kann der aggressive Sympath ein Übermaß an Noradrenalin haben. Es verursacht keine Magersucht; es ist Teil des Reaktions-Ensembles auf das Ursprungsereignis. Interessanterweise berichteten kanadische Forscher kürzlich von Erfolgen bei der Bekämpfung chronischer schwerer Magersucht durch die Verwendung derselben tiefen Gehirnstimulationstechnik im gleichen Gehirnareal, die bei der Behandlung von Depression funktionierte. (In beiden Fällen war Dr. Andres Lozana beteiligt, ein Neurochirurg am Krembil Neurowissenschaftszentrum des Toronto Western Hospitals und Professor der Neurochirurgie an der Toronto Universität). Die Ergebnisse, über die ursprünglich im Medizinjournal The Lancet berichtet wurde, zeigten, dass die Patienten nicht nur an Gewicht zunahmen sondern auch Stimmungsveränderungen bemerkten und Änderungen ihrer Fähigkeit, emotionale Reaktionen zu kontollieren (Lipsman et al., 2013). "Indem wir die genauen Schaltkreise im Gehirn ausfindig machen und korrigieren, die mit den Symptomen einiger dieser Zustände assoziiert sind, finden wir zusätzliche Optionen, um diese Krankheiten zu behandeln," stellte Dr.Lozano fest. (Science Daily 2013).

Ich teile die Begeisterung nicht. Tatsächlich finde ich beides gefährlich - schließlich ist es experimentelle Gehirnchirurgie - und unnötig. Die Forscher behaupten, dass sie die Aktivität dysfunktionaler Gehirnschaltkreise zügeln. Also warum sind diese Schaltkreise dysfunktional? Ich unterstelle, dass es Prägungen sind, die sie verzerren. In Wirklichkeit sind die nicht dysfunktional sondern sind als Abwehr gegen traumatischen Input umgeleitet worden. Und anstatt die Abweichung von Schaltkreisen zu korrigieren muss man die Ursachen dieser Dysfunktionen angehen. Andernfalls wiederholt sich der Teufelskreis in der gesamtem Psychologie und Psychiatrie immer wieder; etwas läuft schief und bringt Symptome hervor, aber anstatt die generierenden Ursachen zu suchen, schlägt man ständig die Symptome zurück. Die Chirurgen behaupten, dass sie eine neue Methode verkünden, um diese Krankheiten zu behandeln. Sie behaupten, dass sie die genauen Gehirnschaltkreise korrigieren, die mit den Symptomen assoziiert sind. Und sie tun es: Sie korrigieren Symptome und ihre Nervenschaltkreise, aber ich bringe vor, dass diese Schaltkreise zweitrangig nach der Prägung sind. Die Chirurgen wollen - wie wir alle - Leidenden helfen, aber wenn wir das Leiden angehen, vergessen wir manchmal, warum dieses Leiden geschieht.

Wenn wir nicht zurPrimärprägung gelangen, müssen wir auf radikale Therapien wie Gehirnchirurgie zurückgreifen, die im Fachgebiet wieder aufflackert. Dieser Ansatz bei Anorexie wird zunehmend populär und gesellt sich zur Gehirnchirurgie bei tiefer Depression. Diese Gehirnchirurgen stimulieren das Areal direkt unterhalb des Corpus callosum in der Umgebung des Gyrus cingulus, der viel mit Gefühlen zu tun hat, während wir dasselbe ohne Chirurgie machen. Nicht genau dasselbe; wir verknüpfen die Einprägung, so dass es dort keine Gehirnaktivierung mehr gibt, wo keine sein sollte. Wenn Patienten frühe Traumen wiedererleben, kommt es zu einer Kaskade von Veränderungen in Richtung normal. Das zeigt uns unmissverständlich, wie frühe Trauman ihre Tentakeln über das ganze System ausbreiten. Wenn wir nicht zum Primärtrauma gelangen, dann müssen wir jedes Symptom aufs Neue behandeln und jedes separat mit einer anderen Droge oder einer anderen psychotherapeutischen Methode.
Wir können uns die Prägung als Dirigent eines Orchesters vorstellen. Da Erfahrung nahezu fast alle unsere Systeme von den Muskeln über das Blut bis zu den Gehirnzellen beeinflusst, wirkt sich die Prägung zwangsweise überall aus. Dieselbe Prägung kann das Zentralnervensystem, das Herz und den Blutzuckerspiegel beeinflussen und tut dies tatsächlich. Sie kann alle Überlebensfunktionen ändern, weil das Überleben auf dem Spiel stand. Das bedeutet Auswirkungen auf der Tiefen Hirnstamm-Ebene, wo so viele Überlebens-Strategien organisiert werden. Wenn sich unser früher Schmerz durch spätere Erfahrung verschlimmert, werden Symptome manifest, entstehen hoher Blutdruck, Diabetes, Migräne und Schilddrüsenunterfunktion. Die simple Tatsache chronisch hohen Kortisols kann sich später im Leben auf das Gedächtnis auswirken, ganz zu schweigen davon, dass es uns anfälliger macht für kardiovaskuläre Erkrankung.

Schauen wir uns einige physio-chemischen Wirkungen der Prägung an. Nehmen wir an, es gab verminderte Sauerstoffversorgung bei der Geburt und während der Schwangerschaft, was durch eine werdende Mutter verursacht werden kann, die während ihrer Schwangerschaft Zigaretten rauchte oder die in den Wehen Betäubungsmittel erhielt, um ihren Schmerz abzutöten. Diese zwei Faktoren etablieren im System ihres Babys eine physiologische Aufzeichnung. Diese Aufzeichnung inszeniert ein breites Spektrum an Reaktionen im Baby; jede Reaktion ist eine Anpassung an die ursprüngliche Überlebensbedrohung. So ergibt sich ein geringeres Sauerstoffbedürfnis, das durch veränderte Atmung zustande gebracht wird wie z.B. flache und kurze Atemzüge, dann wird der Ausstoß der Schilddrüse gesenkt, der Blutdruck und die Körpertemperatur sind niedriger, es kommt zu Erschöpfungszuständen wie dem chronischen Müdigkeitssyndrom; und zu vielen anderen Phänomenen, die durch Hirnstamm-Funktionen gesteuert werden, wie z. B. Schmetterlinge im Bauch, Benommenheit, Ausgeflipptsein und ein vages Schreckensgefühl. Wenn dieser Schrecken früh eintritt, hat der Fetus oder das Neugeborene keinerlei Kapazität, um seine Wirkung abzumildern. Die Natur tiefen Schreckens ist so durchdringend, dass es beim Wiedererleben Jahrzehnte später lediglich möglich ist, ihn für einige kurze Augenblicke am Stück zu fühlen. Und es ist gefährlich, einen Patienten tiefer in das Feeling zu stoßen.

Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Resignation können durch diese verminderte Sauerstoffzufuhr eingeprägt werden; alle diese wahren Empfindungen, welche die Erinnerung begleiten. Diese Schmerzen lösen eine gleich große und gegenteilige Reaktion aus - Verdrängung. Der Schmerz wird jäh "erstickt" und das Ergebnis kann Depression sein; ein Zustand, der durch ein gefühlloses, diktatorisches Elternhaus verschlimmert werden könnte, in dem sich das Kind mit seinen Gefühlen an niemand wenden konnte. Es ist nicht unbedingt so, dass Eltern die Gefühle des Kindes unterdrückten, aber sie waren vielleicht emotional gar nicht präsent. Das Ergebnis ist das gleiche; kein Mensch, dem man seine Gefühle mitteilen konnte. Wir sind wieder hilflos und hoffnungslos. Schlimmer noch ist, dass das parasympathische Kind keinerlei Anstrengungen unternimmt, von den Eltern Liebe zu bekommen; es gibt auf und versucht es erst gar nicht.

Forschungen von A. R. Hollenbeck, einem anderen Spezialisten für fetales Leben, dokumentiert, dass jede Droge, die einer Schwangeren verabreicht wird, das Neurotransmittersystem des Nachwuchses verändert - besonders während der kritischen Periode, wenn sich diese Neurotransmitter-Systeme im Mutterleib bilden. (Hollenbeck, Grout, Smith & Scanlin, 1986). Er behauptet, dass Verabreichung von lokalen Anästhetika wie Lidocain (zur Unterstützung des Geburtsprozesses) während sensitiver (kritischer) Phasen der Schwangerschaft dauerhafte Verhaltensänderungen beim Nachwuchs erzeugen kann. Gehirn-Chemikalien wie Serotonin und Dopamin können sich bei einer Tiergeburt auf Dauer verändern, auch wenn lediglich Lokalanästhesie angewandt wird. Das wiederum beeinflusst das Schleusensystem.

Je mehr Schmerztöter eine Frau während der Wehen nimmt, umso wahrscheinlicher wird ihr Kind später zu Drogen- oder Alkoholmissbrauch neigen. Karin Nyberg von der Göteburg Universität in Schweden schaute sich die Medikation an, die den Müttern von 69 erwachsenen Drogenkonsumenten und 33 ihrer Geschwister an, die keine Drogen nahmen. Dreiundzwanzig Prozent der Drogenbenutzer waren in den Stunden unmittelbar vor der Geburt multiplen Dosen von Barbituraten oder Opiaten ausgesetzt. Nur drei Prozent ihrer Geschwister waren in utero den gleichen Drogenmengen ausgesetzt. Wenn die Mütter drei oder mehr Drogen-Dosen erhielten, war die Wahrscheinlichkeit um das Fünffache erhöht, dass ihre Kinder später Drogen missbrauchten. (Nyberg, Buka & Lipsitt, 2000). Es sind genug Tierstudien gemacht worden, die diese Befunde bestätigen - dass Drogen-Aussetzung im Mutterleib die spätere Neigung des Individuums zu Drogen ändert.

Es gibt Beweise, dass eine Mutter, die in der Schwangerschaft Downers nimmt, Nachwuchs bekommt, der später süchtig nach Amphetaminen wird, die als "Uppers" (Speed) bekannt sind, während eine Mutter, die in der Schwangerschaft Uppers nimmt - Kaffee, Kokain, koffeinhaltige Colas - Nachwuchs erzeugt, der später nach Downern süchtig ist - zum Beispiel nach Quaalud. Und der Grund, warum die Person eine Überdosis zu sich nehmen kann - wie z.B. zwei Tassen Kaffee vor dem Zu-Bett-Gehen trinken und dennoch leicht und gut schlafen können - liegt in einem erheblichen Defizit stimulierender Hormone - Katecholamine. Kurz gesagt haben sich die Ursprungs-Sollwerte für Aktivierung oder Verdrängung während der Schwangerschaft geändert und bleiben lebenslang bestehen.

Ich habe Patienten behandelt, die enorme Mengen Speed genommen haben und als Ergebnis nur sehr geringe Anzeichen von Wahn zeigten. Während andere Patienten von mir bei früheren Selbstmordversuchen tödliche Dosen von Schmerzkillern einnahmen - genug um jeden anderen umzubringen - und dennoch Stunden später wach lagen und sich nur leicht betäubt fühlten. Die schwere Gehirnaktivierung durch eingeprägten Schmerz widersetzt sich jedem Versuch, das System zu unterdrücken.

Psychotherapeuten müssen sich die Frage stellen: "Warum beruhigt ein Tranquilizer oder Schmerzkiller, der auf tiefere Gehirnzentren wirkt, den Patienten und ändert seine oder ihre Gedanken?" Wir wissen, dass er das oft tut. Wir wissen, dass jemand, der/die eine akute Herzattacke erleidet, sich schrecklich fühlen kann und dennoch seine Gedanken und seine Einstellung zu dem Erlebnis ändern kann, wenn ein Schmerzmittel gespritzt wird. Allein schon das sollte uns darüber informieren, dass Gefühle Gedanken lenken und nicht umgekehrt.

9. DEPRESSION IST VERDRÄNGUNG AUF EINER HÖHEREN EBENE

"Schmerzverdrängung" auf verschiedenen Ebenen kann im Mutterleib an jedem beliebigen Zeitpunkt in den neun Monaten Schwangerschaft anfangen, sobald die Neurohemmer im Gehirn des Fetus hinsichtlich Schmerzunterdrückung funktionieren. Diese Funktion ist im letzten Trimester der Schwangerschaft weitestgehend eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt kann der Fetus Schmerz fühlen und er kann verdrängen. Die tiefste und schwerste Verdrängung ereignet sich in der Fötalphase und bei der Geburt, weil es fast immer eine Sache auf Leben und Tod ist (Anand & Scalzo, 2000). Diese gefährlichen Situationen verlangen vom Fetus extreme Reaktionen. Verdrängung in diesen Phasen wird dann global oder systemübergreifend und beeinflusst jeden Aspekt des Körpers und der Entwicklung des Fetus. Man spürt diese Art früher globaler Verdrängung in jemandem leicht, weil diese Leute eine abgeflachte Emotionalität haben, da sie vor dem Einsetzen der Verdrängung kein Gefühlsleben entwickeln konnten; und die Ursache dafür ereignete sich bereits, ehe sie ihren ersten Atemzug auf der Welt machten. Übrigens kann es auch festlegen, wie ein Mann sexuell funktioniert. Er hat nicht die biochemische Ausstattung, um hartnäckig, aggressiv, selbstsicher, optimistisch oder zukunftsorientiert zu sein oder sexuell erigiert. Das kommt daher, dass der Prototyp globale Auswirkung auf sein physiologisches Gesamtsystem hat, und die Ohnmacht, die er bei der Geburt erlebte, ist eine Ohnmacht, die sich in späteren Jahren als sexuelle Impotenz behauptet. Sein gesamtes System tendiert zu weniger Testosteron, Dopamin, Glutamat und Noradrenalin, gesenktem Serotonin-Spiegel und zu erhöhten Kortisolwerten. Das ist der Stoff, aus dem Impotenz gemacht wird; es ist keine Einstellung, die wir einfach ändern können, um durchsetzungsfähiger zu werden. Wir sind impotent auf der tiefsten Ebene der Gehirnfunktion.

Die Beweise nehmen zu, dass Menschen mit Depression mit höherer Wahrscheinlichkeit Herzkrankheiten entwickeln. (Freedland & Carney, 2013). Angesichts der Tatsache, dass Depression tiefe Verdrängung bedeutet und dies tiefen Schmerz bedeutet, ist die Schlussfolgerung nicht überraschend. Es gibt zwei Gedankenschulen, was das "Warum" betrifft. Die erste sagt, dass die biochemischen Änderungen - die Freisetzung von Stresshormonen - und autonome Änderungen, die sich während der Depression ereignen, das Herz beeinflussen. Die zweite Ansicht geht davon aus, dass Depression die Leute traurig macht und sie dann ihre Gesundheit vernachlässigen. Ich würde mich für die erste entscheiden, nur etwas weiter gehen und sagen, dass die ganz frühe Prägung, welche die Leute depressiv macht, letztlich auch ihr Herz beeinflusst; Stresshormone spielen bei beiden Zuständen eine Rolle. Leute, die deprimiert/verdrängt sind, können in einigen Fällen zeitweilig höheren Blutdruck haben, und wenn jemand seine/ihre Medikamente vernachlässigt, kann eine Herzattacke folgen. Dieser Artikel vermerkt, dass einer von sechs Erwachsenen von Zeit zu Zeit unter Depression leidet. Diejenigen, die eine Herzattacke erlitten und die auch deprimiert waren, hatten eine fünfach höhere Wahrscheinlichkeit, in den folgenden sechs Monaten an einer Herzattacke zu sterben. Forscher haben herausgefunden, dass sich einige deprimierte Patienten in einem Zustand von Übererregung befinden, und das bedeutet Druck und Aktivierung des Herzens. Stresshormone beschleunigen das Herz. Was verursacht chronisch hohe Stresshormon-Spiegel? Es ist weitgehend auf traumatische Einprägungen zurückzuführen.

In diesem Zusammenhang haben Forscher angedeutet, dass Hormone eine signifikante Rolle bei Depression spielen. Ein Bericht im Scientific American von 1998 mit dem Titel "Die Neurobiologie der Depression" (Nemeroff, 1998) stellt fest, dass das Monoamin Norepinephrin (Noradrenalin) bei Depression niedrig ist, etwa dreißig Prozent weniger als in einer normalen Population. Das bringt einige Fachleute zu der Annahme, dass Depression eine "Gehirnkrankheit" sei. Norepinephrin (ein Monoamin) ist im Großen und Ganzen ein stimulierender Nervenaktivierer. Es wird hauptsächlich in Schaltkreisen hergestellt, die dem locus coeruleus, einer Hirnstammstruktur entspringen. Es gibt Projektionen zu anderen Gehirnorten, besonders zum limbischen System. Weil es bei Depression nicht genug davon gibt, kann das zum falschen Schluss führen, dieser Mangel verursache Depression.

10. DIE GEBURT DES SELBSTMORDS (DIE SELBSTMORDGEBURT)

Das Zentrum für Krankheits-Kontrolle und -Vorbeugung berichtete kürzlich von einem alarmierenden Anstieg der Selbstmord-Zahlen unter Amerikanern mittleren Alters, besonders Männer in ihren 50ern, die eine Zunahme um 50 Prozent zwischen 1999 und 2010 zu verzeichnen hatten. (MMWR, 2013) Insgesamt übertrifft Selbstmord jetzt Autounfälle als Todesursache in den Vereinigten Staaten. Laut des kürzlich veröffentlichten Berichts "Studie über globale Belastung durch Krankheiten, Verletzungen und Risikofaktoren 2010" von Forschern an der Universität Washinghton (IHME, 2010) übertrifft er in den wirtschaftsstarken Staaten jetzt Krebs und Herzkrankheit als führende Todesursache für Leute im Alter von 15 bis 49. Weltweit fordert Selbstmord inzwischen mehr Opfer als Krieg, Mord und Naturkatastrophen zusammen, wie in einer alarmierenden Newsweek -Titelstory mit der passenden Überschrift "Die Selbstmord-Epidemie" ausführlich berichtet wurde (Dokoupil, 2013). Der Suizid ist eindeutig zu einem großen öffentlichen Gesundheitsproblem geworden. Noch haben Fachleute Mühe, die Ursache zu erklären. In einem Artikel der New York Times über die steigenden Raten (Parker-Pope, 2013) zitieren Experten eine Vielzahl möglicher Faktoren einschließlich schlechter Wirtschaftslage, zunehmender Verfügbarkeit von Drogen und sogar der einzigartigen Weltsicht der Babyboom-Generation. Die reale Erklärung entgeht ihnen, weil sie in der fernen Vergangenheit der Opfer verborgen liegt.

Suizidale Depression ist keine andere Krankheit sondern vielmehr ein Durchbruch von Gefühlen durch das Schleusensystem. Sie ist eine aufgewühlte Empfindung, bei der großer und unerträglicher Schmerz hochbrandet, nachdem er die Schleusen durchbrochen hat. Das System tut sein Bestes, um ihn unten zu halten, aber es ist vergeblich. Dann entsteht die Gesinnung "Der einzige Weg, den Schmerz aufzuhalten, ist, mich selbst umzubringen." Das Verlangen geht nicht dahin zu sterben sondern die Qual zu beenden. Je schwerer die Depression ist, umso wahrscheinlicher kommt es zu Gedanken wie "Was soll das alles." Es besteht ein Gefühl, dass es keine Optionen und Alternativen gibt, und das führt zu einem Vertieftsein mit Tod und Selbstmord. Im Szenario des schlimmsten Falles bedeutete der Ausgang des Ursprungsdramas beim Säugling den Tod im Augenblick der Geburt. Er bedeutete damals den Tod und er bedeutet jetzt den Tod durch die Prägung.....das heißt durch die fortbestehende Empfindung des drohenden Untergangs. Der Selbstmordversuch bringt die Sequenz zu ihrem logischen Schluss......Tod. In gewisser Weise etabliert Schmerz ein Kennzeichen für eine unbeendete Sequenz, die ursprünglich aufgrund ihrer massiven Schmerzlast abgebrochen worden war. Unser System kehrt ständig dorthin zurück, um zu beenden und zu integrieren, was ganz früh nicht integriert werden konnte.

Vielleicht ist es schwer zu glauben, dass Geburtsprobleme Jahre später Anlass für suizidale Tendenzen sein können. Das kommt daher, dass wir nicht gewohnt sind, über physiologische Erinnerung nachzudenken. Auch denken wir in der Regel nicht, dass die gewaltigsten Erinnerungen, die wir haben, diejenigen ohne Worte sind; Erinnerungen von Ereignissen, die älter sind als unsere Fähigkeit zu verstehen, was mit uns geschah. Wie wir gesehen haben, vergeht die Verzweiflung während eines Geburtstraumas nie. Sie mischt sich in späteres Verhalten und verschärft es. Später im Leben provozieren Widrigkeiten Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, den Wunsch aufzugeben, den direkten Ausläufer der Geburtssequenz. "Ausläufer" ist hier ein Schlüsselbegriff, weil wir, sobald etwas in der Gegenwart mit einer alten Erinnerung resoniert, gezwungen sind, die gesamte Sequenz bis zu ihrem logischen Schluss auszuagieren. Deshalb kommt es zu obsessivem Grübeln über Tod und Selbstmord, sobald man in dem Feeling drin ist. Der Unterschied ist, dass das Neugeborene den Tod nur auf vage Weise spüren kann, weil es keine Verhaltensoptionen hat, während der Suizid-Fall den Tod als Verhaltensoption benutzt, um die Agonie zu beenden.

Typischerweise involviert Selbstmord den Ausläufer der Geburtssequenz auf dieselbe Weise, wie Urschmerz sich in Sex einschleicht und den Sexualakt vollführt. Wir haben gesehen, wie für den Parasympathen die Geburtssequenz in einer Nahtod-Erfahrung endete; der Tod als einzige Möglichkeit, die Qual zu beenden. Von der Nabelschnur stranguliert zu werden oder durch ein überwältigendes Anästhetikum des Sauerstoffs beraubt zu werden macht den Geburtskampf qualvoll und vergebens, eine Sequenz mit ihrer eigenen unwiderruflichen Logik; Kampf, Leiden und Versagen, das zum Tod führt. Selbstmord beendet die evolutionäre Tendenz. Die eingeprägte Vertieftheit in den Tod geschieht in der Gegenwart, während man in die Vergangenheit versunken ist. Bei Leuten, die ans Sterben denken, als würde es gerade jetzt geschehen - das heißt, wenn die gegenwärtige Agitation/Agonie ein gewisses Maß erreicht - kann es das prototypische Gefühl auslösen. Dem Körper ist die gegenwärtige Ursache der Agitation - der herzzerreißende Verlust eines Ehepartners - gleichgültig. Sobald die Valenz des Gegenwartstraumas groß genug ist, fängt die alte Sequenz zu wirken an und beginnt dann mit ihrem Ablauf. Das Ergebnis kann Tod durch Erhängen sein. Viele Depressive behaupten beharrlich, sie könnten keinen weiteren Tag mehr mit Schmerz durchstehen. Weil sie keine Ahnung hatten, was geschah oder wie sie damit umgehen sollten, wurde Selbstmord zur logischen Option. Man ist selten vom Tod besessen, ohne dass Resonanz im Spiel ist, die Schmerz der ersten Ebene auslöst.

Zum einen besteht der Tod als Erinnerung im Nervensystem fort, zum anderen aber wählen Selbstmörder oft auch eine Methode, die den Prototypen ihrer Geburtserfahrungen reflektiert. So hängen sich Leute vielleicht auf, die von der Nabelschnur stranguliert worden waren, oder jemand, der bei der Geburt betäubt worden war, entscheidet sich für eine Überdosis Pillen. Warum? Wegen des Prototyps; für ein Neugeborenes, das durch die Nabelschnur stranguliert wurde, hätte weitere Strangulierung das Ende der Qual bedeutet. Leute, die bei der Geburt in amniotischer Flüssigkeit zu ertrinken drohten, werden den Tod durch Ertrinken wählen. Paradebeispiel: Der Autor und Schauspieler Spalding Gray war lebenslang vom Ertrinken besessen. Er schwamm immer so weit ins Meer hinaus, wie er nur konnte, bis zur völligen Erschöpfung, und kämpfte dann, um es zurück zu schaffen. Er brachte sich um, indem er mitten in der Nacht von der Staten Island Fähre sprang. Ich hypothetisiere, dass er vielleicht bei der Geburt zu ertrinken drohte, und das Ende der Originalsequenz wäre Ertrinken. Mit anderen Worten glaube ich, dass er starb, wie er geboren wurde. Das bedeutet nie, den Gegenwartschmerz zu bagatellisieren; manchmal ist er vernichtend und kann suizidales Niveau erreichen. Im Fall von Spalding Gray hatte der Schauspieler einige Zeit vor seinem Selbstmord einen schrecklichen Autounfall, und ich glaube, dass dieses hohe Schmerzniveau vielleicht die ursprüngliche Qual ausgelöst hat. Der Unfall verursachte eine Schädelfraktur und Schaden an seinem Frontalkortex, was vielleicht seine Fähigkeit zur Schmerzunterdrückung weiter geschwächt hat. (Williams, 2004) Das Gegenwartstrauma ist nur der Auslöser; es ist der Zusatz an frühem Schmerz, der einen oft in einen Selbstmordversuch treiben kann.

Menschen, die bei der Geburt eine massive Dosis eines Betäubungsmittels erhielten, nehmen vielleicht eine Überdosis Barbiturate, oder sie könnten sich in ihrer Garage vergasen. Und so fort. Ich erinnere mich an einen Patienten, der Dynamit hortete; nachdem er bei der Geburt Sauerstoffmangel erlebt hatte, war er drauf und dran, eine Stange an seinem Kopf zu befestigen und ihn wegzusprengen, so dass er nicht eine Sekunde Schmerz und Hoffnungslosigkeit erleiden würde. Jetzt lacht er darüber, aber damals sprach das Bände über seine Verzweiflung. Eine anderere Patientin war davon besessen, von einem Gebäude zu springen. Während ihrer Kaiserschnitt-Geburt hatte diese Person das Gefühl, in den leeren Raum hinausgezerrt zu werden, ohne sich irgendwo festhalten zu können. Ein anderer Patient, der bei der Geburt verbeult und gequetscht worden war, war vom Zwangsgedanken besessen, Kopf voran von einer Brücke zu springen.

Es ist natürlich nicht immer der Fall, dass die Suizidmethode das Geburtstrauma nachahmt, aber wir entdecken das wirklich oft, wenn wir mit unseren Patienten reden oder sie beobachten. Wenn wir eine Ahnung von unserer Geburt haben wollen, müssen wir uns anschauen, wie wir unseren imaginären Selbstmord wählen würden. Und umgekehrt, wenn wir etwas über den Ursprung von Depression erfahren wollen, müssten wir die Geburtsepoche überprüfen. Am Ende werden wir die Geheimnisse unseres Lebensanfangs entdecken. Das behaupte ich, nachdem ich Hunderte von Patienten über Jahrzehnte behandelt, beobachtet oder überwacht habe.

Kürzlich führte ich eine informelle Umfrage durch, in der ich meine Patienten über ihre Selbstmordversuche befragte oder über ihre Fantasien hinsichtlich der Suizidmethode. Fast ohne Ausnahme wählten die Parasympathen den passiven Ausweg - Schlaftabletten. Sie zogen es vor, auf einen langsamen, sicheren Tod zu warten. Sie waren auch ausnahmslos diejenigen, die bei der Geburt betäubt worden waren. Die Betäubtesten würden es übrigens vorziehen, sich bei laufendem Motor auf den Rücksitz des Autos zu legen und sich mit den Abgasen zu vergiften. Eine andere Patientin, die im eisigen Winter in Europa zuhause geboren wurde, wo es wenig Wärme gab, zog es vor, in den Schnee hinauszugehen und zu erfrieren. Sie hörte, das sei der friedlichste Weg zu gehen. Im Gegensatz dazu wählten die Sympathen die aktivsten Todesarten: eine Kugel in den Kopf. Einer sagte: "Ich kann mir nicht vorstellen dazusitzen und auf den Tod zu warten wie Leute, die sich ins Auto setzen." Ein anderer Sympath sagte, dass Ertrinken zu lange dauere und die Todeserwartung zu schrecklich sei: "Ich ziehe es vor, vor ein Auto zu springen. Das ist schnell und sicher." Bei der Geburt war er übel zugerichtet worden - totaler Körperschaden, weil man ihn gebogen und gedreht hatte, um ihn herauszubekommen. Er weiß, dass da äußere Rotation stattfand, weil er sich in der falschen Position "präsentiert" hatte und ausgerichtet werden musste. Von zwei Sympathen wollten beide ihren Kopf mit einer Schrottflinte wegblasen, so dass es kein Warten aber eine große Sauerei geben würde.

Die meisten meiner Patienten hatten eine feste Vorstellung von ihrem Selbstmord, der ihre Geburt widerspiegelte, und sie zogen nie eine andere Art zu sterben in Erwägung, weil es bei der Geburt keine Alternative gegeben hatte. ( Das war ausführlich von einem Team in Schweden untersucht worden, das von einem meiner Studenten geleitet wurde, Dr. Bertil Jacobson, medizinisch-technischer Direktor am Karolinska Institut, führende medizinische Universität und Forschungszentrum in Stockholm.) (Jacobson & Bygdeman, 1998). Dr. Lee Salk vom Medizinzentrum der Cornell Universität unternahm eine Studie über Heranwachsende, die Selbstmord versucht hatten. (Salk, Lipsitt, Sturner, Reilly & Levat, 1985). Er fand, dass 60 Prozent von ihnen drei große Risikofaktoren hatten, die zur Zeit der Geburt gleichzeitig aufgetreten waren: Atemnot, chronische Krankheit der schwangeren Mutter und fehlende pränatale Sorgfalt in den ersten 20 Wochen der Schwangerschaft. Übrigens liegt eine Möglichkeit, über die Beziehung zwischen eingeprägten Schmerz und Selbstmord zu erfahren, in der Gehirnforschung, wo einige Studien darauf hindeuten, dass das Selbstmord-Opfer grundsätzlich eine höhere Zahl von Serotonin-Rezeptoren im Gehirn hat aber weniger Serotonin-Aktivität im präfrontalen Kortex, wo entscheidende Abwehrmanöver lokalisiert sind. Das bedeutet geringere Fähigkeit zu verdrängen. Eine außerordentlich hohe Zahl dieser Rezeptoren wurde im Blut derjenigen entdeckt, die kürzlich Selbstmordversuche unternommen hatten; das unterstreicht, wie das System angesichts von Schmerz automatisch in den Verdrängungsmodus geht. Anstatt Schmerz zu messen, messen wir die Verdrängunskräfte, die er provoziert. Unsere Studie über Imipramin-Bindung von Blutplättchen scheint die Gehirn-Serotonin-Spiegel zu reflektieren. Interessanterweise besteht das größte Selbstmordrisiko, wenn die Serotoninspiegel auf einem Tiefstand sind; wenn die Verdrängung ihren schwächsten Punkt erreicht hat und wenn das Feeling nahe der Oberfläche auftaucht. Deshalb haben Depressive das ständige Gefühl des drohenden Untergangs und ständige Selbstmord-Gedanken. Solange die Schleusen halten, sind Selbstmordgedanken unwahrscheinlich. Gefährlich wird es, wenn die Schleusen undicht werden. Denn was hochkommt und sich aufdrängt, sind genau diese hoffnungslosen Gefühle, die in der Prägung verborgen sind.

Der Ablauf der Geburtssequenz bleibt sich selbst treu und weicht gewöhnlich nicht ab. Wenn ein Gegenwarts-Ereignis stark genug ist - wie der Tod eines Ehepartners oder der Verlust eines Geschäfts - kann es die Geburtsequenz auslösen, und dann kann man die Handlung der Person voraussagen. Man könnte sich fragen, wie es kommt, dass der Verlust eines Geschäfts - gleich, wie schwerwiegend - jemanden dazu bringen könnte, einen Selbstmordversuch zu unternehmen. Der Grund ist, dass das frühe Trauma das Verhalten des Erwachsenen infiltriert hat, so dass er zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht unterscheiden kann. Der Mensch versucht alles, um das Geschäft am Laufen zu halten, obwohl er es von der Logik her schon lange hätte schließen müssen. Schließlich wird die Lage hoffnungslos und große Verzweiflung setzt ein. Einer meiner Patienten prozessierte weiterhin, obwohl man ihm nahegelegt hatte, dass die Niederlage vor Gericht unvermeidlich sei. Er kämpfte und kämpfte und verlor dann alles, während sich die Schulden für die Anwalts-Gebühren derart häuften, dass er sich keine Hoffnung machen brauchte, sie je bezahlen zu können; das rief schließlich eine tiefe Depression hervor. Er hatte viele Merkmale eine Sympathen - offensichtliche Niederlagen oder Hindernisse nicht anzuerkennen - bis er vor der Wahrheit nicht mehr davonlaufen konnte. Die ursprüngliche Wahrheit, vor der er davonlief, war der Tod, der direkt hinter seinen fortgesetzten Kämpfen lauerte.

Wenn man im Erwachsenenleben damit konfrontiert ist, keine Optionen mehr zu haben, wenn man seine materielle Lebensgrundlage verloren hat, einen Ehepartner oder ein Kind, oder wenn sich die Freunde von einem abwenden, wird man dazu neigen, dem Prototyp bis zum logischen Schluss zu folgen. Wenn es niemanden gibt, der helfen und unterstützen könnte, niemand, der verstehen und Mut zusprechen könnte, scheint der Tod der einzige Ausweg zu sein. Das große Problem ist, dass die Person nie weiß, woher die Agonie kommt. " Es ist halt so angenehm zu wissen, dass ich den Schmerz beenden kann, wann immer ich will," bemerkte eine meiner Patientinnen, die vom Tod besessen war. Sie konnte sich keine neuen Möglichkeiten vorstellen oder aneignen, wie z.B. in eine neue Stadt umzuziehen, einen anderen Partner oder Job zu finden, weil der eingeprägte Mangel an Alternativen Visionen und Vorstellungen in seinen Grenzen hält.

Es gibt Vergeblichkeits-Stufen, die sich mit jedem Trauma aufbauen, wenn wir klein sind. Mit 30 einen Partner/eine Partnerin zu verlieren bringt einfach das Fass zum Überlaufen, wenn wir als kleines Kind ein ähnliches Trauma erlitten hatten - den Verlust eines Elternteils. Die Kraft dieses angehäuften Urschmerzes kann die grundlegendste Lebenstendenz - Überleben - umkehren und Anti-Überleben (Suizid) logisch erscheinen lassen. Der Überlebensinstinkt kann nur besiegt werden, wenn die Psyche so geschädigt ist, dass der Lebensinstinkt sich umkehrt und der Tod zum Ziel wird. Selbstmord ist die Option eines Organismus, der vom Leben, von der Erfahrung besiegt worden ist. Es ist die logische Handlung eines ungeliebten (zerrütteten) Organismus, einer Kindheit, der es so an Wärme, Fürsorge, Freundlichkeit und vor allem Hoffnung fehlt, dass keine Erholung möglich ist. Der Körper sagt: "Was immer ich tue, nichts funktioniert. Nichts holt mich aus dem Schmerz raus. Nichts kann mir das Gefühl geben, geliebt und erwünscht zu sein. Es gibt nichts mehr zu tun, kein Ausagieren, keine Hoffnung mehr." Dann kommt es zum Selbstmord, dem äußersten Akt der Selbstzerstörung Zerstörung des Selbst, das Qualen leidet.

Solange es einen Funken Hoffnung gibt, kann der Tod vermieden werden. Aber wenn die/der Ex die Scheidung einreicht und vorhat, eine(n) andere(n) zu heiraten, verschwindet der letzte Rest Hoffnung. Es ist erschütternd, wenn eine Mutter das Zuhause verlässt und ihr Kind der Obhut eines tyrannischen, trunksüchtigen Vaters überlässt oder eines gefühllosen Klotzes von einem Mann, der auf nichts emotional reagiert. Wenn dieses Kind erwachsen ist und als Mann wieder von seiner Frau verlassen wird, die mit einem anderen durchbrennt, ist der kombinierte Schmerz überwältigend und lässt die Agonie fatal werden. Für das Kind im Mann hat das Ganze keine Logik. Der Mann kann sich nicht vorstellen, dass das Leben weitergeht, weil er in seinen Gefühlen immer noch der tief unglückliche kleine Junge ist - ganz allein, hilflos, entfremdet, hoffnungslos. Als Therapeuten können wir dem Erwachsenen Hoffnung geben, aber der kleine Junge im Mann ist noch immer da - und er leidet.

Schon ein Hoffnungsschimmer kann den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Schauen Sie sich Filmstars an wie Marilyn Monroe, die alles gehabt zu haben scheint, einschließlich bewundernder Fans, und sich dennoch völlig ungeliebt und elend fühlte. Sie brauchen nicht mehr Liebe; schließlich fehlt es nicht an der Liebe von einer Million Leuten. Obwohl es vielleicht der Intuition zu widersprechen scheint, ist das, was sie nötig haben, sich ungeliebt zu fühlen.....von den Menschen, die in ihrem Leben zählten.....von ihren Eltern. Das ist der Schlüssel, weil das Wiedererleben dieses Gefühls das System entriegelt und befreiend wirkt. Wenn wir die Mutter eines suizidalen Patienten in eine Sitzung holen, und sie herzt und küsst ihn innigst, macht das keinen Unterschied. Wenn er aber zulässt, sich von ihr völlig ungeliebt zu fühlen, macht das sehr viel aus. Sich ungeliebt fühlen entsperrt die Tore der Abwehr, die Liebe hereinlassen können. Und das Ergebnis dieses Wiedererlebens ist eine Senkung des Kortisol-Spiegels und eine Normalisierung der Vitalfunktionen.

Menschen, die einen Selbstmordversuch unternehmen, wissen einfach nicht mehr, was sie tun sollen, um weiterleben zu können. Sie wollen das Leiden beenden; aber weil es das Selbst ist, das leidet, fällt die Wahl darauf, das Leben zu beenden. Könnte man ihnen ein Ende Ihres Leidens versprechen, würden sie nicht sterben wollen. Was weh tut, ist nicht das Fühlen. Die Qual entsteht durch die Kollision zwischen hochkommendem Schmerz und der Abwehr, die ihn unterdrückt. Wenn man in einem Feeling drin ist, gibt es keine Qual mehr; es ist jetzt einfach ein Feeling.

Damit ein Mensch weiterhin daran glaubt, dass es Sinn macht, am Leben zu bleiben und damit er/sie nicht auf suizidale Gedanken und Pläne zurückfällt, muss er/sie schließlich in einem angemessenen therapeutischen Umfeld die Original-Gefühle erleben, die seiner/ihrer Hoffnungslosigkeit zugrunde liegen. Der Patient muss gegenwärtige Verlust- und Traurigkeitsgefühle und alte Verzweiflungsgefühle auseinanderhalten. Nur Hoffnung zu spenden, ohne dass der Patient die Hoffnungslosigkeit fühlt, ist nicht heilsam. Das hilft nur oberflächlich. Aber im Erleben der Hoffnungslosigkeit liegt die Fähigkeit des Menschen, die Depression und suizidale Tendenzen zu beenden. "Nun," könnte jemand sagen, "ich habe mich völlig hoffnungslos gefühlt, weil ich meine Freundin verloren habe. Das sollte reichen." Dem ist nicht so; die Hoffnungslosigkeit muss in ihrem ursprünglichen Zusammenhang gefühlt werden, andernfalls ist es nicht heilsam. Es wirkt nur lindernd. Das Ursprungs-Gefühl, das abgespeichert ist, muss voll ins Bewusstsein gebracht werden, so dass es nicht mehr ausgelöst werden kann.

Hoffnung liegt in der ursprünglichen Hoffnungslosigkeit - empfunden in einer sicheren, warmen Atmosphäre. Nachdem jemand die völlige Hoffnungslosigkeit vom Lebensanfang an gefühlt hat, wandelt sie sich automatisch in Hoffnung. Niemand muss ihr oder ihm noch Hoffnung anbieten. Die Person ist auf dem Weg zur Gesundheit, ein Weg, auf dem zu leben nicht so schwer fällt wie sich selbst zu töten. Die Hoffnung, die sie oder er jetzt hat, ist Realität und keine Fantasie.

11. WIE DEPRESSION BEHANDELT WIRD: MEDIKAMENTE VERSUS PSYCHOTHERAPIE

Die größte Auseinandersetzung über Depression betrifft heutzutage die Frage, wie man sie bändigt und unter Kontrolle bringt. Die gegnerischen Lager sind die Medikations-Befürworter versus konventionelle Psychotherapie. Letztere beinhaltet altmodische "Gesprächstherapie" wie Psychoanalyse, bei der der Patient "frei assoziiert" und somit zu verstehen versucht, was in seiner Vergangenheit die Depression verursacht hat. Eindeutig dominant auf dem Fachgebiet sind jedoch die kognitiven Verhaltenstherapien, die sich auf die Gegenwart konzentrieren, indem sie versuchen, den Patienten bei der Änderung seiner Gedanken- und Verhaltensmuster zu unterstützen. Momentan scheint es aber, dass die Gruppe gewonnen hat, die sich für Medikamente ausspricht. Heutzutage ist die Psychiatrie unabsichtlich zum Zweig der Pharmazie-Gesellschaften geworden. Millionen Amerikaner sind auf selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) wie Prozac, Zoloft und Paxil, der aktuelle Goldstandard in der Depressionsbehandlung, oder sie nehmen ein trizyklisches Antidepressivum wie Imipramin.

Eine Psychologin, die Depression und ihre Behandlung erforscht, Ellen Frank von der Pittsburgh Medizinschule kommt zu dem Schluss, dass Antidepressiva am wirkungsvollsten sind, wenn die Dosierung im Lauf der Zeit beibehalten wird. "Die Dosis eines Antidepressivums, die Sie gesund macht, hält Sie gesund," sagte sie Science News in einem Artikel über den Konflikt zwischen Befürwortern von Psychotherapie versus Medikation bei der Behandlung von Depression. (Bower, 1991) In der Studie, die zuerst in den Archives of General Psychiatry veröffentlicht wurde, rückverfolgten Frank und ihre Kollegen die Behandlung von 230 Personen, die wiederkehrende Perioden schwerer Depression erlebt hatten, über einen durchschnittlichen Zeitraum von 12,5 Jahren. (Frank, et al., 1990) Von den 53 Personen, die eine volle tägliche Dosis Imipramin erhielten und beibehielten, blieben 41 in den gesamten 3 Jahren frei von Depression. Diese Studie fand auch heraus, dass Psychotherapie plus Medikamente keinen wirklichen Vorteil erbrachte gegenüber Medikamenten alleine - kein sonderlich überzeugender Beweis für die Wirksamkeit von Psychotherapie.

Ähnliche Resultate erbrachte der Gebrauch von SSRIs, Drogen, die oft auf unbestimmte Zeit verschrieben werden. Paradoxerweise kann man suizidal werden, wenn man Antidepressiva erhält; nicht wegen der Drogen, sondern weil die Medikation mehr Zugang zu unbewusstem Schmerz erlaubt. Die Drogen, die eigentlich die Verdrängung unterstützen sollen, erleichtern dem System, das bisher alles allein machen musste, die Gesamtlast der Verdrängung, so dass jetzt Gefühle hochkommen. Andererseits können Tranquilizer die Prägung genug dämpfen, so dass der Schmerz nicht eindringt. Je mehr Schmerz umso größer die erforderliche Dosis. Ich habe Patienten gesehen, die Selbstmord versuchten, indem sie eine Dosis zu sich nahmen, die für nahezu jeden Menschen tödlich gewesen wären, die aber nur für 12 Stunden in Schlaf versetzt wurden. Sie hatten so massive Schmerzmengen, die das Gehirn aktivierten, dass die Medikation den Tod nicht herbeiführen konnte. Und ich habe schwer Depressive gesehen, die eine so hohe Grundaktivierung hatten, dass gewöhnliche Schlaftabletten nicht wirkten. Da die Symptome von Angst und Depression so unterschiedlich scheinen, ist man versucht, sie als verschiedene Krankheiten zu bezeichnen. Aber die Tatsache, dass hemmende Drogen sowohl bei Depression als auch bei Angst helfen können, zeigt, dass es einfach verschiedene Möglichkeiten des Körpers sind, mit derselben Art von Schmerz umzugehen. Drogen können in beiden Fällen helfen, aber aus unterschiedlichen Gründen. Bei Angst dienen sie dazu, die Löcher im Verdrängungssystem zu stopfen, weil der Schmerz ins volle Bewusstsein einsickert. Beim Depressiven besteht, wie ich gesagt habe, ihre Funktion darin, einen Teil der Verdrängungsaufgabe zu übernehmen, so dass der Körper nicht so belastet wird. Der Körper fühlt sich besser, weil er nicht alles selbst machen muss.

Depression und Angst sind nicht unbedingt verschiedene "Krankheiten"; sie sind Reaktionen auf unterschiedlichen neurologischen Evolutionsstufen und involvieren beide Schmerz und Furcht und ein gestresstes Nervensystem. Angst kommt zuerst, bei der es zu reinem, unverfälschtem Terror kommt ohne Abwehrmöglichkeit; und Depression an zweiter Stelle, wenn Verdrängung möglich ist. Wenn wir Tiere untersuchen, scheint es, dass sie ängstlich sind, bis sie in eine Situation ohne Verhaltensoptionen versetzt werden; dann zeigen sie Symptome von Depression. Ratten wurden auf einen rutschigen Hang über einem Wassergraben gesetzt. Wenn sie erschöpft wären, würden sie ins Wasser fallen. Nach kurzer Zeit konnten sie sich nicht mehr bewegen, waren weder neugierig noch unternehmenslustig - sie gaben auf und schienen deprimiert.

Ein deprimierter Mensch, der nicht in Therapie ist, braucht aus demselben Grund Tranquilizer, aus dem unsere Patienten sie vielleicht benötigen, wenn sie sich starken Gefühlen annähern: Die Verdrängung ist schwach, so dass chemische Hilfe nötig ist, um sie zu stützen. Die Drogen helfen, unsere innere schmerztötende Pharmazie zu normalisieren. Wir wollen nicht, dass Patienten mit schwacher Abwehr einen freien Fall in entfernte und hochvalente Schmerzen der ersten Ebene erleben. Medikation ermöglicht einen langsamen methodischen Abstieg; sie hält den Patienten in der Primal-Zone. Wenn Patienten genug von ihrer schmerzvollen Geschichte wiedererleben, brauchen sie keinen Alkohol mehr, keine Drogen, Zigaretten oder Schmerztöter. Weniger Schmerz, weniger Schmerztöter. Der Unterschied ist, dass bei koventioneller Therapie die Medikation zum Endspiel wird, zum einzigen Trick. In unserer Therapie wird Medikation angewandt, um unser Ziel zu erreichen und nicht als Ersatz dafür.

Wenn es um die Erforschung der unterbewussten Wurzeln der Depression geht, scheint das Mantra in den meisten Behandlungsmodalitäten zu lauten: " Geh' da nicht hin!" Noch immer herrscht die Vorstellung, dass die Beschäftigung mit dem tiefen Unbewussten gefährlich sei; und das ist sie bestimmt, wenn man es ohne angemessenes Wissen macht. In der kognitiven Psychotherapie-Schule glaubt man, der Depressive sei in "kontraproduktive" Gedanken eingeschlossen. Also muss der Patient identifizieren, welche dieser Gedankenmuster "verzerrt" sind, und danach mittels Logik und Verstand eine andere Denkweise entwickeln, eine, die "rational" und selbstbejahend ist anstatt kontraproduktiv. Diese Lösungsart - oder dieser Lösungsversuch - steht heute neben den Antidepressiva an vorderster Behandlungslinie. Gewöhnlich kommt sie von Leuten, die versichern, dass wir uns aus unseren Problemen herausdenken können; das heißt, dass wir uns unseren Weg zur Gesundheit buchstäblich erdenken können. Das ist Teil der neuen "Reframing"-Schule, in der wir etwas Schlechtes in etwas Neutrales und Harmloses umwandeln. Wir rahmen die Situation neu, so dass sie nicht mehr weh tut; es gibt keine Auffassung von tiefen Gehirnprozessen oder von historischen eingeprägten Ereignissen. Ein anderer Name dafür ist purer Solipsismus. Für solche Therapeuten existiert Schmerz einfach nur in Ihrer Einbildung.

Der Depressive sagt oft zum konventionellen Therapeuten: "Ich schaff' es einfach nicht. Ich stecke fest." Und der Therapeut ist warmherzig, macht Mut und versichert beharrlich: "Doch, Sie schaffen es." Unwillentlich überzieht der Therapeut das reale Gefühl des Patienten - die Prägung - mit einer Glasur. Die Prägung, die sich ausdrückt als Gefühl von "Ich stecke fest, ich schaffe es nicht", ist von primärer Bedeutung, weil die Person diese Prägung nicht ändern kann. Ganz gewiss nicht, indem sie mit einem Therapeuten spricht. Es ist nichts Ausgedachtes. Es ist im Geburtserlebnis inbegriffen. Optimismus- oder Positves-Verhalten -Therapie ignoriert reale Gefühle, mit denen man sich befassen muss. Eingeprägte Erinnerung wird einfach nicht anerkannt, obwohl der Prozess der Methylierung uns belehren sollte, dass die Dinge anders liegen. Es gibt keine kontraproduktiven Gedanken, nur kontraproduktive Gefühle: "Ich tauge nichts, ich krieg' nichts in die Reihe." Das sind nicht bloß Gedanken, die in der Luft hängen und die man zurücknehmen und durch neue Gedanken ersetzen muss. Sie sind in inneren physiochemischen Realitäten verankert, mit denen man sich befassen muss. Sie haben sich entwickelt und sind nicht einfach ausgeheckt worden. Glauben wir wirklich, dass jemand diese Gedanken frei erfindet? Oder reflektieren sie sein Leben?

Das reale Selbst ist dasjenige, welches schreckliche Traumen durchgemacht hat, leidet und sich hoffnungslos und ungeliebt fühlt aufgrund realer früher Lebenserfahrung. Es sendet Nachrichten zu den Denkzentren hoch, und die brüten den Gedanken aus, man sei ungeliebt, auch wenn es eine Frau und Kinder gibt, die dem Opfer treu ergeben sind. Und ein kognitiver Therapeut weist schnell darauf hin: "Sie werden doch geliebt, also warum fühlen Sie sich so ungeliebt? Sie müssen ihre negativen Gedanken ändern."

Wenn wir die Erfordernisse kritischer Perioden in der Gehirnentwicklung übersehen, in denen ihre Schlüsselsysteme verlangen, dass bestimmte Bedürfnisse - wie das Bedürfnis nach Körperkontakt - befriedigt werden müssen, dann werden wir nie verstehen, warum Ermutigung im Hier und Jetzt nicht funktioniert, auch wenn sie von einem freundlichen und wohlgesonnenen Psychotherapeuten kommt. Die "negativen" und "kontraproduktiven" Gedankenmuster des Depressiven entspringen direkt tief liegenden Einprägungen und stehen in Einklang mit der inneren physiochemischen Wirklichkeit des Körpers. Es ist die tiefsitzende Prägung, die sich auf den Weg zur höchsten Ebene macht und als Ergebnis diese pessimistischen Gedanken hervorbringt. Somit übersetzt der Neokortex das Gefühl in die Spezialität der kortikalen Ebene - Gedanken. Dieser Kortex weiß nicht, dass er auf etwas reagiert, das in den Tiefen der Psyche verborgen liegt. Er glaubt, er reagiere unabhängig. Aber sein freier Wille ist vorübergehend durch die Erfordernisse der Prägung geraubt worden. Das Problem ist, dass die Gedanken nicht mit der gegenwärtigen äußeren Realität übereinstimmen. Die innere Realität setzt sich immer über die äußere, und die sogenannten "verzerrten" Gedanken - über die dieser kognitive Therapeut sagt, dass Sie dagegen ankämpfen müssen - sind nur Symbole für den zugrunde liegenden Schmerz. Die evolutionären Erweiterungen der Prägung haben Vorrang in der Psycho-Ökonomie. Wir reagieren auf Realität, aber auf welche Realität? Wenn wir keine Ahnung von einer inneren Wirklichkeit haben, die den Vorrang hat, weil sie mit Überleben zu tun hat, dann verirren wir uns zwangsweise.

Diese innere Wirklichkeit kann Jahrzehnte an Erfahrung repräsentieren und die gleichen paar prototypischen Gefühle vertstärken: "Niemand braucht mich. Ich steh' im Weg. Sie hassen mich." Es stimmt, dass man den Depressiven aktivieren und motivieren, ihn ermutigen und auf Alternativen hinweisen kann, und diese Strategie hilft vielleicht. Aber das bedeutet dennoch, dass man gegen den Prototyp ankämpft, der viel stärker und mächtiger ist als Worte. Letztlich wird der Prototyp siegen. Nach und nach wird der Mensch in Depresssion zurückfallen. Der Versuch, den Prototyp zu besiegen, bedeutet eigentlich, die eigene Physiologie zu besiegen - vergebliche Mühe. Solange die Prägung unangetastet bleibt, kann es keine dauerhafte Therapie der Depression geben. Ohne eine Theorie der Gehirnebenen sind wir gezwungen, auf der letzten Evolutionsebene zu bleiben, auf der wir die Krankheit zu Tode reden.

Eine Auffassung der Depression, die sich von der Neurobiologie loslöst, wird flüchtig und vage und bietet sich nur für Verhaltens-Erklärungen an. Sobald wir verstehen, dass es generierende Ursachen gibt, tiefe Prägungen, die Depression erzeugen, verstehen wir, dass kognitive Verfahren nicht effektiv sein können. Tiefe Depression ist per Definition immun gegen Gesprächstherapie, weil die "Krankheit" nonverbal ist und tief im Gehirn liegende Verdrängung involviert, die man durch neue Denkweisen nicht erreichen kann. Gedanken und Einsichten wirken an der oberen linken Front des Gehirns - der kognitive Teil des Gehirns - während viele tatsächliche Gefühle tief in der linken Seite des Gehirns registriert und kodiert werden; die traumatische Prägung bleibt somit unberührt unter den Verdrängungsbarrieren. Und deshalb erreichen Einsichts- und Gesprächstherapie niemals die Basis der Depression. Andererseits beruhigt Medikation den Schmerz biochemisch. Beide Ansätze trennen Gedanken von Gefühlen. Sie unterdrücken auch das Einzige, das uns gesund machen kann - unsere Geschichte.
Ob sie nun eine Behandlung der Depression mit Medikamenten oder durch Psychotherapie bevorzugen oder eine Kombination von beiden - die meisten Psychotherapeuten im Fachgebiet hängen der Auffassung an, dass Unterdrückung der Depression dasselbe ist wie sie zu heilen. Gewiss ist es möglich, Symptome zu unterdrücken, dem Patienten Erleichterung zu verschaffen und ihm zu helfen, dass er besser funktioniert und das Leben mehr genießt. Aber das Grundproblem bleibt und reflektiert sich in der Tatsache, dass die Symptome in der Regel zurückkehren, wenn die Behandlung aufhört, und viele chronisch Depressive entscheiden sich, dauerhaft auf Medikation zu bleiben, um ihre Symptome endlos zu unterdrücken. Solange wir die Prägung bei der Behandlung des Depressiven unangetastet lassen, gibt es keine Heilung, und es besteht eine Anfälligkeit für noch mehr Krankheit.

Das Dilemma in der Psychiatrie und Psychotherapie der Gegenwart ist der Fokus auf der Ebene der sich präsentierenden Symptome. Das macht Drogen notwendig und macht die Behandlung palliativ und nicht-heilend. Die Idee, Symptome mit Drogen zu unterdrücken, mag funktionieren, aber letztendlich führt sie in die Irre, weil die Symptome eben solche sind: Symptome eines zu Grunde liegenden unbewussten Schmerzes. Wenn man nicht in der Geschichte gründlich nachhakt, kann man nur Erscheinungen (Phänotypen) anstatt Ursachen (Genotypen) behandeln. Es sind viele neue Drogen auf dem Markt, die als "Durchbruch" angekündigt werden. Ich diskutiere eine, die kürzlich aufgetaucht ist und diesen Anspruch erhebt, und das das ist Ketamin. Das Medikament wurde vor fünfzig Jahren als leichtes Betäubungsmittel benutzt und als "Dämmerschlaf" bezeichnet. Aber es wird behauptet, es wirke bei der Behandlung von Depression. Die Frage ist warum?

Ketamin war ursprünglich in der Veterinärmedizin für Pferde vorgesehen, dann wurde es auf Menschen übertragen. Es ist noch nicht gesetzlich zugelassen als Behandlung für Depression. In experimentellen Studien wird es als ziemlich effektiv beschrieben. Zum ersten Mal erprobt wurde es von Wissenschaftlern am Nationalinstitut für psychische Gesundheit. Selbstmordgedanken nahmen ab und Depression besserte sich vorübergehend, wenn auch nicht auf lange Sicht. Was geschieht also, wenn diese Droge in das System des Patienten gespritzt wird? Es stellt sich ein Gefühl von Dissoziation und Betäubung ein. Ketamin füllt den Spalt zwischen Neuronen mit dem Neurotransmitter Glutamat auf, der ein Einströmen der Droge in den präfrontalen Kortex erzeugt. Und das unterstützt die Aktivierung geistiger Aktivität, so dass die Person besser mit Gefühlen umgehen kann. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler war, dass Depression durch ein Ungleichgewicht in der Regulierungsaktion des Glutamats verursacht werde. Ketamin aktiviert Teile des limbischen Systems einschließlich des cingulären Kortex. In diesem Sinne ist es ein "Upper", der Energie konzentriert und das System gegen seine basale Verdrängung/Todheit aktiviert und somit Depression lindert. Denken Sie daran, dass alles, was Depression lindert, bei Depression hilft. Grundsätzlich muss dann jede Medikation, die Depression bekämpft, gegen Verdrängung energetisieren. Kurz gesagt müssen wir die massive an Depression beteiligte Verdrängung abschwächen, wenn wir Patienten helfen wollen. So wird die biochemische Substanz GABA - Gamma-Aminobuttersäure, die wirkt, indem sie die Übertragung von Nervenimpulsen hemmt - durch Ketamin teilweise annuliert, wodurch ein Teil der durch GABA geleisteten Verdrängungsarbeit vermindert wird (Diazgranados et al., 2010; Vutskits et al., 2007).

Die Forscher glauben, es sei dieses Ungleichgewicht, das für Depression verantwortlich sei. Ich glaube, wir müssen fragen, was dieses Ungleichgewicht zuerst verursacht hat. Da seine Effekte flüchtig sind, glaube ich, dass wir zuerst entdecken müssen, wie wir das dauerhafte Ungleichgewicht korrigieren können. Mir scheint, dass es sehr wohl frühe Traumen sein können, die so viel neurochemische Balance im Gehirn stören. Depressive haben vielleicht niedrige Glutamat-Spiegel, weil exzessive Aktivität gefährlich wurde; das heißt, dass während des Geburtstraumas Abschalten Überleben bedeutete.

Jeder Durchbruch hat eine Schlüsselwirkung: Sie mindert Verdrängung und hebt dessen Schleusen an. Da ich postuliere, dass Depression Verdrängung auf einer höheren Ebene ist, würde es Sinn machen, dass die Minderung von Verdrängung einen dauerhaften Unterschied ausmacht. Andernfalls sind wir gezwungen, um Ecken herum zu arbeiten, an Symptomen herumzudoktern und nie an Ursachen zu gelangen.

Symptome sind Zeichen, dass etwas nicht stimmt; wir wollen das Warnsignal nicht vertreiben. Wir wollen seine Botschaft beachten. In der konventionellen Psychotherapie haben wir die Symptome zur Behandlung aus dem Menschen extrahiert, anstatt zu sehen, dass diese Symptome aus einer biologischen Geschichte hervorgehen. Wir machen das Symptom gesund, nicht den Menschen.

Im britischen Wissenschaftsjournal New Scientist steht ein Interview mit dem Psychologen Joe Griffin, dem Mitbegründer des Therapieansatzes, der als Human Givens bekannt ist und der sich in Großbritannien einigermaßen durchgesetzt hat. (Kiser, 2003) Er behauptet: "Die Forschung zeigt, dass jede Therapie oder Beratung, die Menschen ermutigt, selbstprüfend in ihre Vergangenheit zurückzugehen, unvermeidlich Depression vertieft." Mit diesem Hinweis kann man sich nur auf das Hier und Jetzt konzentrieren und nie gesünder werden. Das ist die Essenz des historischen Solipsimus. Es gibt keine Vergangenheit, nichts, das uns in unserer Geschichte beeinflusst. Es ist eine Hinwendung an die Freudsche Auffassung von den Gefahren, die auf uns lauern, wenn wir uns am Unbewussten zu schaffen machen. Wenn wir Geschichte ignorieren oder nicht verstehen, sind wir auf eine ahistorische Therapie eingeschränkt. Das kann Nutzlosigkeit für den Doktor und die Patientin bedeuten; hilflos beisitzen, Droge um Droge in die Patientin injizieren, um ihre Symptome zu kontrollieren, oder sie endlos zu diskutieren - alles für die Katz.

Damit Psychotherapie effektiv ist, müssen wir das Kernstück des Feelings nehmen - "Ich schaff' es nicht" - und es zu seinen Ursprüngen im Hirnstamm zurückverfolgen. Genau das, was Primärtherapie macht. Wenn wir einfach versuchen, den Patienten durch eine Gesprächstherapie-Sitzung zu überzeugen, dass er/sie es jawohl doch schaffen kann, erweitern wir den Spalt zwischen seinem/ihrem Wachverstand und seinen /ihren Gefühlen. Die Gefühle sind real und Teil der Neurophysiologie. In unserer Therapie nehmen wir die Phrase "schaff'es nicht" und benutzen sie, um den Patienten zu ermöglichen, sie weiter zu fühlen; wenn er/sie in das Gefühl eingeschlossen ist, trägt es ihn auf geordnete Weise die Schmerzkette hinab. In der Psychotherapie müssen wir darauf achten, dass wir für Patienten keine Cheerleader sind, die durch verbalen Trost und Zuspruch einfach versuchen, dass er oder sie sich besser fühlt. Er/sie schätzt unsere Aufmunterung, blüht auf, kommt wieder und will mehr davon, und entfernt sich deshalb immer mehr von sich selbst. Es geht ihm/ihr deshalb nicht besser. Und was heißt besser? Man selbst zu sein, mit Gefühlen übereinzustimmen, es gibt nichts Besseres als das. Unsere verbale Ermutigung macht ihn/sie jedoch nicht ihnselbst/sieselbst, und wenn wir uns nur auf freundliche Worte verlassen, steht er/sie nicht in Einklang mit seinen/ihren wirklichen Gefühlen. Wenn die Realität innerer Gefühle lautet "ich fühle mich ungeliebt," dann setzt sich die Ermutigung durch einen freundlichen Therapeuten über diese Realität hinweg.

Als Psychotherapeuten wollen wir gute Eltern für die Patienten sein in dem Maße, wie sie es wollen. Wir wissen, dass Eltern ihre Kinder ermutigen und unterstützen sollten. Aber es sind Gefühle in das System des Patienten eingraviert, und danach ist es zu spät für leichte Veränderungen durch den Gebrauch freundlicher Worte und verbaler Aufmunterung. Das Fenster für die passende Gelegenheit steht nicht mehr offen. Wir können Neurose nicht weglieben.

12. ÜBER WIEDERERLEBEN: DIE NIEDERGESCHLAGENHEIT BESIEGEN
Es gibt unter uns kaum Fachleute, die an die absolute Notwendigkeit glauben, alte Ereignisse wiederzuerleben und ihre Prägungen zu ändern; dennoch ist es genau dieser Prozess, der heilt. Er heilt, weil er sich einzigartig mit Geschichte und Erinnerung befasst. Das darf man nicht mit intellektueller Erinnerung verwechseln; die ist zerebral, neokortikal. Das Wiedererleben der Prägung ist neurophysiologisch und wird auf diese Weise erinnert. Während Prägungen/Einprägungen gewöhnlich nicht zum Wortschatz des Therapeuten gehören, glaube ich, dass sie die sine qua non für die Zukunft der Psychotherapie sein werden.

Es gibt jetzt Hunderte von Studien in der wissenschaftlichen Literatur, welche die Auswirkungen von Vorgeburts- und Geburtstraumen auf spätere Symptome und Verhalten dokumentieren (und das wird ausführlich in Primal Healing erörtert). Es gibt Fallstudien, die wir unternommen haben, um meinen Standpunkt zu verifizieren. Ich habe über das UCLA-Experiment in meinem Buch geschrieben (Janov, 1996), aber ich möchte seine Bedeutung resümieren. Das ist eine Forschungsarbeit, die wir zusammen mit Dr. Donald Tashkin, dem früheren Direktor des Lungenlaboratoriums, 1992 unternommen haben. Zwei Patienten waren an viele Instrumente angeschlossen, während wir ihnen in eine Wiedererlebnis-Sitzung, in ein Primal halfen. Kein Patient beobachtete den anderen, so dass wir bei beiden Männern ein ziemlich unverfälschtes Erlebnis bekamen. Die beiden erlebten schweren Sauerstoffentzug während eines Geburtstraumas wieder, was wir überhaupt nicht geplant hatten. Nachdem sie in die Erinnerung von Sauerstoff-Deprivation eingetaucht waren, fingen sie mit etwas an, das ich als "Lokomotivenatmung" bezeichne, weil es sich genau so anhört und anscheinend zum Teil aus dem Hirnstamm kommt, insbesonders aus der Medulla. Dieses tiefe, kratzende, schnelle, zwanghafte Atmen hielt über zwanzig Minuten lang an.

Das schwere Atmen war ein Versuch, den Sauerstoffmangel zu kompensieren, den sie während des Erinnerungs-Ereignisses erlebten. Das ist nie eine willkürliche Anstrengung. Sie scheint der Person von tief unten im Gehirn "aufgezwungen" zu werden. Es ist, als gleiche der Patient das Deprivationsereignis aus, indem er nach Luft ringt. Einmal in Gang gesetzt ist es sehr schwer zu beenden, bis es seinen Verlauf genommen hat. Schweres Atmen kann viele Minuten andauern, und es kann viele Sitzungen dauern, bis die Ursache begreiflich wird. Obwohl sich dieses schwere Atmen bis zu zwanzig Minuten fortsetzt, kommt es nie zu Hyperventilation. Nach dem Wiedererlebnis machten wir ein anderes Experiment, bei dem jeder Patient das Primal auf jegliche Weise imitierte (die gleichen Bewegungen und das gleiche schwere Atmen), ausgenommen, dass sie sich nicht in der Vergangenheit befanden. Das heißt, es geschieht aus einer überlegten Handlung des Patienten heraus, der in der Gegenwart lebt. Beiden wurde schwindelig und nach 3 oder 4 Minuten wurden sie fast ohnmächtig, was eindeutig ein Hyperventilations-Syndrom war (Krallenhände).

Das passiert systematisch mit Leuten, die versuchen, in die Vergangenheit zurückzugehen, ohne total in die Erinnerung versenkt zu sein. Tatsächlich ist es eine unserer Kontrollen für die Wahrhaftigkeit des Feelings. Wenn ihnen geradewegs die Luft ausgeht, ist es einfach Abreaktion, ein unverknüpftes und nicht integriertes Ereignis. Der grund ist ziemlich einfach; die Versuchspersonen atmeten willkürlich und nicht automatisch aus der Erinnerung heraus. Sie atmeten "von oben", nicht vom Grund aus. Die Erinnerung bietet uns die Wahrheit des Erlebnisses.

Was die Forscher vom Lungenlaboratorium herausfanden, war, dass der Körper Sauerstoff benötigte, wenn der Patient in dem alten Gefühl und seinem Zusammenhang mit Sauerstoffmangel bei der Geburt zurück war; der Patient war in jeder Hinsicht "dort zurück", nicht zuletzt physiologisch. Sie gehen in einen vollständigen biologischen Zustand zurück. An der UCLA stellten wir fest, dass sich das Säure-Basen-Gleichgewicht trotz der fortgesetzt schweren Atmung nicht veränderte. Die Schlussfolgerung der UCLA-Forscher, die in keiner Weise mit Primärtherapie in Verbindung standen, war, dass außer Erinnerung kein anderer Faktor für die Ergebnisse verantwortlich sein konnte. Kurz gesagt war die Erinnerung auf Leben und Tod real. Sie war eingeprägt. Trotz der Tatsache, dass der Sauerstoffgehalt im Raum normal war, sendete das Gehirn Signale eines großen Sauerstoffmangels, und das schwere Atmen folgte. Es gab kein Hyperventilationssyndrom, weil das Gesamtsystem in die Geschichte zurückgekehrt war und ein Schlüsseltrauma und dringenden Sauerstoffbedarf wiedererlebte. Sie erlebten das Ereignis nicht nur in ihren Köpfen oder Gedanken wieder sondern mit jedem Teil ihres Selbst. Die Patienten sind tatsächlich ihrer Vergangenheit. Sie leben in ihrer Geschichte, leben in ihrer persönlichen Vergangenheit; und, so könnte ich hinzufügen, sie leben in einem Gehirn, das seit Urzeiten besteht. Wenn sie in einem Primal wiedererleben, dreht sich ihr Leben um Geschichte, und die Gegenwarts-Bewusstheit ist blass.
Diese Experimente sind die beste Stützinformation für Primärtherapie, weil das Erlebnis nicht vorgetäuscht werden kann. Die Tatsache, dass diese Einprägung andauert und unveränderlich ist, bedeutet, dass sie ständig einen Großteil unserer Gefühle, Stimmungen und Verhaltensweisen beeinflusst. Es bedeutet, dass es einen tiefsitzenden Ursprung für Depression gibt, der sein Leben begann, bevor wir unser Leben auf dem Planeten begannen. Im Falle eines unserer Patienten, der gegen den Widerstand massiver Betäubungsmittel auf die Welt zu kommen versuchte, war das Feeling: "Ich kann nicht mehr. Ich muss aufgeben. Es ist hoffnungslos." Hier war der tiefe präverbale Vorläufer der Depression; die Physiologie der Depression.

Sobald wir konstatieren, dass wir von Prägungen getrieben werden, die tief in einem uralten Gehirn eingebettet sind, sehen wir, dass es alles mit unserem gegenwärtigen Verhalten und Symptomen zu tun hat, und wir müssen anerkennen, dass das primitive Gehirn nicht nur unsere Atmung beeinflusst sondern auch den größten Teil unseres gegenwärtigen Lebens, unsere Stimmungen, Werte und Einstellungen. Diese Prägungen müssen wir in Betracht ziehen, wenn wir Depression verstehen wollen. Nicht nur die Atmung wird beeinträchtigt sondern die meisten Hirnstammfunktionen; Verdauung, Ausscheidung und viele Mittellinien-Ereignisse. Wir laufen von Arzt zu Arzt, um ein Magenproblem zu lösen, wenngleich die Erinnerung alles hochbringen wird, sobald wir zu ihr Zugang haben. Sie wird uns alles sagen, weil sie am "Tatort" war. Sie wird uns vom Kummer der schwangeren Mutter berichten, von ihrem Drogen- und Alkoholkonsum oder von ihrer eigenen Depression. Dort liegt die Antwort - in der Geschichte. Sie enthüllt alle ihre Geheimnisse, wenn wir hinabsteigen und ihr begegnen. Sie wird nicht hochkommen und sich verbal bekunden; wir müssen ihr auf halbem Weg entgegenkommen. Dann sagt sie vielleicht auf ihre nonverbale Art, mein Magen schmerzt; mein Magen funktioniert nicht gut. Später dann ist es eine Kolik, die vielleicht mehr davon erzählt, was nicht stimmt. Und noch später eine Drogensucht. Der Punkt ist, dass wir auf die generierenden Ursachen schauen müssen, wenn das Leben nicht gut läuft und man aus unbekannten Gründen unglücklich ist. Es geht nie darum, gesunde Gedanken zu denken; es geht darum zu wissen, was ungesunden Gedanken zu Grunde liegt.

Das ist von großer Bedeutung, weil es uns ein Universum erschließen kann über die Tiefen des menschlichen Unbewussten. Es bestätigt, dass sehr frühe Erfahrung in uns eingeprägt wird, nicht nur als Erinnerung sondern als Verlertzung, die geheilt werden muss. Die Konsequenz ist, dass das frühe Bedürfnis nach Liebe fortbesteht und sich in unserem gesamten Leben nicht ändert. Wir suchen nach symbolischer Ersatzbefriedigung, aber sie befriedigt nie und zwingt uns, immer mehr zu begehren - immer vergeblich, weil die Suche symbolisch ist. Die kritische Phase, wenn ein Bedürfnis erfüllt werden muss, ist vorbei. Und wir haben herausgefunden, dass wir nur dort gesund werden können, wo wir verletzt werden. Das bedeutet eine Rückkehr, um Ereignisse, tiefe Prägungen wiederzuerleben, an Orten, wo die Atmung organisiert wird. Wenn also die "Verletzung"/das Trauma beeinträchtigte Atmung bei der Geburt aufgrund einer schweren Dosis Betäubungsmittel ist, dann muss sie wiederaufgesucht und wiedererlebt werden; eine Rückkehr zu den generierenden Ursachen. In der Regel normalisiert das viele Funktionen, vom Kortisolspiegel zu den natürlichen Killerzellen und ebenso Blutdruck und Körpertemperatur. Wiedererleben ermöglicht dem System normal zu funktionieren.

Die Male, die ursprünglich während des Geburtstraumas auftraten, können in einer späteren Sitzung wieder zum Vorschein kommen. (Wir haben diese Male/Abdrücke fotografiert; Sie finden sie in meinen Büchern). Das Baby-Weinen in einer Sitzung kann danach nie von einem Patienten wiederholt werden. Es ist eindeutig keine Simulation. Anders gesagt bleibt die Vegangenheit und ihre Neurobiologie in uns eingekapselt. Das kann für eine Reihe fortbestehender Krankheiten im Erwachsenenleben verantwortlich sein. Bemerkenswert ist, dass es immun gegen spätere Erfahrung ist; egal, wieviel Beifall ein Schauspieler bekommt, er braucht immer mehr. Deshalb behaupte ich, dass nur Wierderleben im Zusammenhang einer alten traumatischen Erinnerung heilen kann. Überlegen Sie, dass in der Sitzung das Gehirn trotz der angemessenen Sauerstoffversorgung im Raum einen schweren Mangel davon signalisiert und dass der Körper entsprechend reagiert - nach Luft ringt, weil er im Moment in der Vergangenheit lebt. In Erinnerung versunken.

Man würde glauben, dass wir aus Erfahrung lernen, aber Leute mit schwerem Schmerz machen immer wieder die gleiche Erfahrung. Deshalb erleiden Leute, die einen Autounfall haben, wahrscheinlich einen weiteren.
Wir müssen uns fragen, was am Wiedererleben so wichtig ist. Warum ist volles Bewusstsein so entscheidend? Es bedeutet, die Evolution des Gehirns anzuerkennen. Obgleich das offensichtlich scheint, behandeln viele Gegenwartstherapien den Patienten ahistorisch, als hätte sie/er keine Geschichte und als gebe es keine persönliche Evolution. Das ist Kreationismus unter der Maske der Wissenschaft. Das Universum wurde nicht magisch in sieben Tagen erschaffen, und psychische Krankheit taucht nicht urplötzlich eines Tages in Menschen auf - ohne Beziehung zu ihrer Evolution als Individuum. Die Geschichte muss das primäre Ziel in der Psychotherapie sein, wenn es uns besser gehen soll. Was bedeutet "besser gehen" eigentlich? Ich glaube, es bedeutet, dass wir unser Selbst zurückbekommen, das Selbst, das leidet und fühlt. Wir müssen unsere Gefühle zurückbekommen, um voll menschlich zu werden.

Warum wiedererleben? Weil der Leidensanteil der Erinnerung nie vollständig erlebt worden ist. Wir tragen diese schmerzvollen Überbleibsel ständig in uns. In der Primärtherapie reagieren wir jetzt voll auf den Prototypen. Wir halten den Schmerz nicht länger auf Lager, wo er seinen Schaden angerichtet hat.

Depression ist ein schrecklicher Zustand. Sie fühlt sich vernichtend und endlos an, aber glücklicherweise muss sie das nicht länger sein. Es gibt einen Ausweg; und dieser Ausweg ist der Weg hinein. Aber wir brauchen eine Wegkarte; andernfalls sind wir verloren. Der Grund, warum so viele Therapeuten glauben, sie sei außer durch Drogen unbehandelbar, ist, dass sie bis jetzt keinen Weg gefunden haben,die inneren Tiefen ihrer Patienten zu erkunden. Und da liegt das Problem. Depression scheint in der Gegenwart zu liegen, aber in Wirklichkeit läuft der Mensch umher und ist wiederkäuend in seiner Vergangenheit versunken. In der Primärtherapie helfen wir dabei, die Vergangenheit wieder der Geschichte anheimzustellen und somit den Menschen -jetzt unbelastet- in die Gegenwart zu bringen. Wir können unsere Vergangenheit nicht durch große Willensanstrengung hinter uns lassen. Tatsächlich garantiert ein solcher Versuch mittels Willenskraft nur das Scheitern. Wir müssen diesen starken Willen fahren lassen und uns in unsere Gefühle versenken. In der Therapie sorgen wir für den Zugang zu uns selbst, nicht mehr und nicht weniger. Aber das ist eine ganze Menge, weil es das Ende der Depression bedeutet.

Ich benutzte die Begriffe ‚radikal' und ‚revolutionär' für meine Therapie mit Vorsicht; dennoch glaube ich, dass sie das ist. Sie ist revolutionär in Form und Inhalt. Primärtherapie ist eine radikale Abkehr von der in Einsichten vernarrten Diskussion von Angesicht zu Angesicht zwischen zwei ungleichen Partnern; einer mit weltgewandtem Wissen und unfehlbarer Moralhaltung, der andere ein bereitwilliger Neuling, der psychisch auf die Knie fällt, um zu erlernen, was der Weltgewandte austeilt, und der sich dem Äußeren fügt anstatt dem Inneren. Ich spreche aus Erfahrung, nachdem ich viele Jahre lang Einsichtstherapie praktiziert habe. Die Erhabenheit des Ganzen ist berauschend für den Therapeuten. Die Macht, das Leben eines anderen zu dirigieren, ist verführerisch - und falsch!
Leider haben wir uns im Namen des Fortschritts und um als modern zu gelten von der Vergangenheit weg auf einen mehr gegenwartsbezogenen Ansatz zubewegt. Es dominiert eine Vergötterung der Gegenwart und ein Rückzug vom Einzigen, das heilt - Geschichte. Und leider reden wir seit hundert Jahren mit dem falschen Gehirn! Genau dieses intellektuelle, gefühllose Gehirn vereitelt jede Hoffnung auf Heilung gefühlsbedingter Krankheit. Mit dem sprechenden Gehirn zu reden war vor einem Jahrhundert gut und schön, aber jetzt wissen wir so viel mehr über das Gehirn und was es beinhaltet; wir können mit dem fühlenden Gehirn in dessen eigener Sprache reden.

Wir müssen eine neue Sprache lernen - die des Unbewussten - eine wortlose Sprache, die uns helfen könnte, in Patienten tiefgreifende Änderungen zu bewirken. Schließlich nennen wir es "Geisteskrankheit." Dennoch sind Worte oft die Abwehr gegen das Fühlen. Es ist unser Ziel, fühlende Menschen hervorzubringen und keine geistigen Giganten. Wenn man das prototypische Trauma fühlt, ist man auf seinem Weg, das Depressionsproblem zu lösen. Das - und das Fühlen der Strenge, der übermäßigen Disziplin, der Gleichgültigkeit und der fehlenden Fürsorge in der Familie; und der Ausdruck all der Gefühle und Bedürfnisse, die in diesen Jahren zurückgehalten worden sind. All das auszudrücken mit den ursprünglichen involvierten Gefühlen - das ist der Grund, warum es so wuchtig und so schrecklich traurig ist. Der entscheidende heilsame Unterschied ist, dass es in unserer Therapie nicht um den Erwachsenen geht, der ein paar Tränen vergießt - um den Erwachsenen, der über seine Vergangenheit weint - sondern darum, wieder zum Baby und Kind mit herzzereißendem Schluchzen und qualvollen Schreien zu werden. "Sie lieb zu mir! Halte mich! Hab mich gern. Ich bin dein Sohn! Lass' mich ich selbst sein. Ich bin dein Fleisch und Blut. Zeig', dass du mich willst. Lass' mich ausdrücken, wie ich mich fühle!" Das sind die Bedürfnisse. Wenn all das physiologisch wiedererlebt wird als das, was während eines Primals geschieht, ist Depression kein Geheimnis mehr. Und nur wenn das alles über Monate des Wiedererlebens plus dem Geburtstrauma- zur richtigen Zeit - gefühlt wird, löst sich die Depression dauerhaft auf. Je mehr man also das fühlt, was den Verschluss des Systems verursachte, umso sicherer wird es für das System, sich zu öffnen. Endlich kann Liebe hinein.


Übersetzung: Ferdinand Wagner