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Dr. Arthur Janov:   Depression - Das große Geheimnis (Teil 11/12+12/12 ) 

 Montag, 23. Dezember + Samstag, 28. Dezember 2013, The Mystery Known as Depression,  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

11. WIE DEPRESSION BEHANDELT WIRD: MEDIKAMENTE VERSUS PSYCHOTHERAPIE

Die größte Auseinandersetzung über Depression betrifft heutzutage die Frage, wie man sie bändigt und unter Kontrolle bringt. Die gegnerischen Lager sind die Medikations-Befürworter versus konventionelle Psychotherapie. Letztere beinhaltet altmodische "Gesprächstherapie" wie Psychoanalyse, bei der der Patient "frei assoziiert" und somit zu verstehen versucht, was in seiner Vergangenheit die Depression verursacht hat. Eindeutig dominant auf dem Fachgebiet sind jedoch die kognitiven Verhaltenstherapien, die sich auf die Gegenwart konzentrieren, indem sie versuchen, den Patienten bei der Änderung seiner Gedanken- und Verhaltensmuster zu unterstützen. Momentan scheint es aber, dass die Gruppe gewonnen hat, die sich für Medikamente ausspricht. Heutzutage ist die Psychiatrie unabsichtlich zum Zweig der Pharmazie-Gesellschaften geworden. Millionen Amerikaner sind auf selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) wie Prozac, Zoloft und Paxil, der aktuelle Goldstandard in der Depressionsbehandlung, oder sie nehmen ein trizyklisches Antidepressivum wie Imipramin.

Eine Psychologin, die Depression und ihre Behandlung erforscht, Ellen Frank von der Pittsburgh Medizinschule kommt zu dem Schluss, dass Antidepressiva am wirkungsvollsten sind, wenn die Dosierung im Lauf der Zeit beibehalten wird. "Die Dosis eines Antidepressivums, die Sie gesund macht, hält Sie gesund," sagte sie Science News in einem Artikel über den Konflikt zwischen Befürwortern von Psychotherapie versus Medikation bei der Behandlung von Depression. (Bower, 1991) In der Studie, die zuerst in den Archives of General Psychiatry veröffentlicht wurde, rückverfolgten Frank und ihre Kollegen die Behandlung von 230 Personen, die wiederkehrende Perioden schwerer Depression erlebt hatten, über einen durchschnittlichen Zeitraum von 12,5 Jahren. (Frank, et al., 1990) Von den 53 Personen, die eine volle tägliche Dosis Imipramin erhielten und beibehielten, blieben 41 in den gesamten 3 Jahren frei von Depression. Diese Studie fand auch heraus, dass Psychotherapie plus Medikamente keinen wirklichen Vorteil erbrachte gegenüber Medikamenten alleine - kein sonderlich überzeugender Beweis für die Wirksamkeit von Psychotherapie.

Ähnliche Resultate erbrachte der Gebrauch von SSRIs, Drogen, die oft auf unbestimmte Zeit verschrieben werden. Paradoxerweise kann man suizidal werden, wenn man Antidepressiva erhält; nicht wegen der Drogen, sondern weil die Medikation mehr Zugang zu unbewusstem Schmerz erlaubt. Die Drogen, die eigentlich die Verdrängung unterstützen sollen, erleichtern dem System, das bisher alles allein machen musste, die Gesamtlast der Verdrängung, so dass jetzt Gefühle hochkommen. Andererseits können Tranquilizer die Prägung genug dämpfen, so dass der Schmerz nicht eindringt. Je mehr Schmerz umso größer die erforderliche Dosis. Ich habe Patienten gesehen, die Selbstmord versuchten, indem sie eine Dosis zu sich nahmen, die für nahezu jeden Menschen tödlich gewesen wären, die aber nur für 12 Stunden in Schlaf versetzt wurden. Sie hatten so massive Schmerzmengen, die das Gehirn aktivierten, dass die Medikation den Tod nicht herbeiführen konnte. Und ich habe schwer Depressive gesehen, die eine so hohe Grundaktivierung hatten, dass gewöhnliche Schlaftabletten nicht wirkten. Da die Symptome von Angst und Depression so unterschiedlich scheinen, ist man versucht, sie als verschiedene Krankheiten zu bezeichnen. Aber die Tatsache, dass hemmende Drogen sowohl bei Depression als auch bei Angst helfen können, zeigt, dass es einfach verschiedene Möglichkeiten des Körpers sind, mit derselben Art von Schmerz umzugehen. Drogen können in beiden Fällen helfen, aber aus unterschiedlichen Gründen. Bei Angst dienen sie dazu, die Löcher im Verdrängungssystem zu stopfen, weil der Schmerz ins volle Bewusstsein einsickert. Beim Depressiven besteht, wie ich gesagt habe, ihre Funktion darin, einen Teil der Verdrängungsaufgabe zu übernehmen, so dass der Körper nicht so belastet wird. Der Körper fühlt sich besser, weil er nicht alles selbst machen muss.

Depression und Angst sind nicht unbedingt verschiedene "Krankheiten"; sie sind Reaktionen auf unterschiedlichen neurologischen Evolutionsstufen und involvieren beide Schmerz und Furcht und ein gestresstes Nervensystem. Angst kommt zuerst, bei der es zu reinem, unverfälschtem Terror kommt ohne Abwehrmöglichkeit; und Depression an zweiter Stelle, wenn Verdrängung möglich ist. Wenn wir Tiere untersuchen, scheint es, dass sie ängstlich sind, bis sie in eine Situation ohne Verhaltensoptionen versetzt werden; dann zeigen sie Symptome von Depression. Ratten wurden auf einen rutschigen Hang über einem Wassergraben gesetzt. Wenn sie erschöpft wären, würden sie ins Wasser fallen. Nach kurzer Zeit konnten sie sich nicht mehr bewegen, waren weder neugierig noch unternehmenslustig - sie gaben auf und schienen deprimiert.

Ein deprimierter Mensch, der nicht in Therapie ist, braucht aus demselben Grund Tranquilizer, aus dem unsere Patienten sie vielleicht benötigen, wenn sie sich starken Gefühlen annähern: Die Verdrängung ist schwach, so dass chemische Hilfe nötig ist, um sie zu stützen. Die Drogen helfen, unsere innere schmerztötende Pharmazie zu normalisieren. Wir wollen nicht, dass Patienten mit schwacher Abwehr einen freien Fall in entfernte und hochvalente Schmerzen der ersten Ebene erleben. Medikation ermöglicht einen langsamen methodischen Abstieg; sie hält den Patienten in der Primal-Zone. Wenn Patienten genug von ihrer schmerzvollen Geschichte wiedererleben, brauchen sie keinen Alkohol mehr, keine Drogen, Zigaretten oder Schmerztöter. Weniger Schmerz, weniger Schmerztöter. Der Unterschied ist, dass bei koventioneller Therapie die Medikation zum Endspiel wird, zum einzigen Trick. In unserer Therapie wird Medikation angewandt, um unser Ziel zu erreichen und nicht als Ersatz dafür.

Wenn es um die Erforschung der unterbewussten Wurzeln der Depression geht, scheint das Mantra in den meisten Behandlungsmodalitäten zu lauten: " Geh' da nicht hin!" Noch immer herrscht die Vorstellung, dass die Beschäftigung mit dem tiefen Unbewussten gefährlich sei; und das ist sie bestimmt, wenn man es ohne angemessenes Wissen macht. In der kognitiven Psychotherapie-Schule glaubt man, der Depressive sei in "kontraproduktive" Gedanken eingeschlossen. Also muss der Patient identifizieren, welche dieser Gedankenmuster "verzerrt" sind, und danach mittels Logik und Verstand eine andere Denkweise entwickeln, eine, die "rational" und selbstbejahend ist anstatt kontraproduktiv. Diese Lösungsart - oder dieser Lösungsversuch - steht heute neben den Antidepressiva an vorderster Behandlungslinie. Gewöhnlich kommt sie von Leuten, die versichern, dass wir uns aus unseren Problemen herausdenken können; das heißt, dass wir uns unseren Weg zur Gesundheit buchstäblich erdenken können. Das ist Teil der neuen "Reframing"-Schule, in der wir etwas Schlechtes in etwas Neutrales und Harmloses umwandeln. Wir rahmen die Situation neu, so dass sie nicht mehr weh tut; es gibt keine Auffassung von tiefen Gehirnprozessen oder von historischen eingeprägten Ereignissen. Ein anderer Name dafür ist purer Solipsismus. Für solche Therapeuten existiert Schmerz einfach nur in Ihrer Einbildung.

Der Depressive sagt oft zum konventionellen Therapeuten: "Ich schaff' es einfach nicht. Ich stecke fest." Und der Therapeut ist warmherzig, macht Mut und versichert beharrlich: "Doch, Sie schaffen es." Unwillentlich überzieht der Therapeut das reale Gefühl des Patienten - die Prägung - mit einer Glasur. Die Prägung, die sich ausdrückt als Gefühl von "Ich stecke fest, ich schaffe es nicht", ist von primärer Bedeutung, weil die Person diese Prägung nicht ändern kann. Ganz gewiss nicht, indem sie mit einem Therapeuten spricht. Es ist nichts Ausgedachtes. Es ist im Geburtserlebnis inbegriffen. Optimismus- oder Positves-Verhalten -Therapie ignoriert reale Gefühle, mit denen man sich befassen muss. Eingeprägte Erinnerung wird einfach nicht anerkannt, obwohl der Prozess der Methylierung uns belehren sollte, dass die Dinge anders liegen. Es gibt keine kontraproduktiven Gedanken, nur kontraproduktive Gefühle: "Ich tauge nichts, ich krieg' nichts in die Reihe." Das sind nicht bloß Gedanken, die in der Luft hängen und die man zurücknehmen und durch neue Gedanken ersetzen muss. Sie sind in inneren physiochemischen Realitäten verankert, mit denen man sich befassen muss. Sie haben sich entwickelt und sind nicht einfach ausgeheckt worden. Glauben wir wirklich, dass jemand diese Gedanken frei erfindet? Oder reflektieren sie sein Leben?

Das reale Selbst ist dasjenige, welches schreckliche Traumen durchgemacht hat, leidet und sich hoffnungslos und ungeliebt fühlt aufgrund realer früher Lebenserfahrung. Es sendet Nachrichten zu den Denkzentren hoch, und die brüten den Gedanken aus, man sei ungeliebt, auch wenn es eine Frau und Kinder gibt, die dem Opfer treu ergeben sind. Und ein kognitiver Therapeut weist schnell darauf hin: "Sie werden doch geliebt, also warum fühlen Sie sich so ungeliebt? Sie müssen ihre negativen Gedanken ändern."

Wenn wir die Erfordernisse kritischer Perioden in der Gehirnentwicklung übersehen, in denen ihre Schlüsselsysteme verlangen, dass bestimmte Bedürfnisse - wie das Bedürfnis nach Körperkontakt - befriedigt werden müssen, dann werden wir nie verstehen, warum Ermutigung im Hier und Jetzt nicht funktioniert, auch wenn sie von einem freundlichen und wohlgesonnenen Psychotherapeuten kommt. Die "negativen" und "kontraproduktiven" Gedankenmuster des Depressiven entspringen direkt tief liegenden Einprägungen und stehen in Einklang mit der inneren physiochemischen Wirklichkeit des Körpers. Es ist die tiefsitzende Prägung, die sich auf den Weg zur höchsten Ebene macht und als Ergebnis diese pessimistischen Gedanken hervorbringt. Somit übersetzt der Neokortex das Gefühl in die Spezialität der kortikalen Ebene - Gedanken. Dieser Kortex weiß nicht, dass er auf etwas reagiert, das in den Tiefen der Psyche verborgen liegt. Er glaubt, er reagiere unabhängig. Aber sein freier Wille ist vorübergehend durch die Erfordernisse der Prägung geraubt worden. Das Problem ist, dass die Gedanken nicht mit der gegenwärtigen äußeren Realität übereinstimmen. Die innere Realität setzt sich immer über die äußere, und die sogenannten "verzerrten" Gedanken - über die dieser kognitive Therapeut sagt, dass Sie dagegen ankämpfen müssen - sind nur Symbole für den zugrunde liegenden Schmerz. Die evolutionären Erweiterungen der Prägung haben Vorrang in der Psycho-Ökonomie. Wir reagieren auf Realität, aber auf welche Realität? Wenn wir keine Ahnung von einer inneren Wirklichkeit haben, die den Vorrang hat, weil sie mit Überleben zu tun hat, dann verirren wir uns zwangsweise.

Diese innere Wirklichkeit kann Jahrzehnte an Erfahrung repräsentieren und die gleichen paar prototypischen Gefühle vertstärken: "Niemand braucht mich. Ich steh' im Weg. Sie hassen mich." Es stimmt, dass man den Depressiven aktivieren und motivieren, ihn ermutigen und auf Alternativen hinweisen kann, und diese Strategie hilft vielleicht. Aber das bedeutet dennoch, dass man gegen den Prototyp ankämpft, der viel stärker und mächtiger ist als Worte. Letztlich wird der Prototyp siegen. Nach und nach wird der Mensch in Depresssion zurückfallen. Der Versuch, den Prototyp zu besiegen, bedeutet eigentlich, die eigene Physiologie zu besiegen - vergebliche Mühe. Solange die Prägung unangetastet bleibt, kann es keine dauerhafte Therapie der Depression geben. Ohne eine Theorie der Gehirnebenen sind wir gezwungen, auf der letzten Evolutionsebene zu bleiben, auf der wir die Krankheit zu Tode reden.

Eine Auffassung der Depression, die sich von der Neurobiologie loslöst, wird flüchtig und vage und bietet sich nur für Verhaltens-Erklärungen an. Sobald wir verstehen, dass es generierende Ursachen gibt, tiefe Prägungen, die Depression erzeugen, verstehen wir, dass kognitive Verfahren nicht effektiv sein können. Tiefe Depression ist per Definition immun gegen Gesprächstherapie, weil die "Krankheit" nonverbal ist und tief im Gehirn liegende Verdrängung involviert, die man durch neue Denkweisen nicht erreichen kann. Gedanken und Einsichten wirken an der oberen linken Front des Gehirns - der kognitive Teil des Gehirns - während viele tatsächliche Gefühle tief in der linken Seite des Gehirns registriert und kodiert werden; die traumatische Prägung bleibt somit unberührt unter den Verdrängungsbarrieren. Und deshalb erreichen Einsichts- und Gesprächstherapie niemals die Basis der Depression. Andererseits beruhigt Medikation den Schmerz biochemisch. Beide Ansätze trennen Gedanken von Gefühlen. Sie unterdrücken auch das Einzige, das uns gesund machen kann - unsere Geschichte.
Ob sie nun eine Behandlung der Depression mit Medikamenten oder durch Psychotherapie bevorzugen oder eine Kombination von beiden - die meisten Psychotherapeuten im Fachgebiet hängen der Auffassung an, dass Unterdrückung der Depression dasselbe ist wie sie zu heilen. Gewiss ist es möglich, Symptome zu unterdrücken, dem Patienten Erleichterung zu verschaffen und ihm zu helfen, dass er besser funktioniert und das Leben mehr genießt. Aber das Grundproblem bleibt und reflektiert sich in der Tatsache, dass die Symptome in der Regel zurückkehren, wenn die Behandlung aufhört, und viele chronisch Depressive entscheiden sich, dauerhaft auf Medikation zu bleiben, um ihre Symptome endlos zu unterdrücken. Solange wir die Prägung bei der Behandlung des Depressiven unangetastet lassen, gibt es keine Heilung, und es besteht eine Anfälligkeit für noch mehr Krankheit.

Das Dilemma in der Psychiatrie und Psychotherapie der Gegenwart ist der Fokus auf der Ebene der sich präsentierenden Symptome. Das macht Drogen notwendig und macht die Behandlung palliativ und nicht-heilend. Die Idee, Symptome mit Drogen zu unterdrücken, mag funktionieren, aber letztendlich führt sie in die Irre, weil die Symptome eben solche sind: Symptome eines zu Grunde liegenden unbewussten Schmerzes. Wenn man nicht in der Geschichte gründlich nachhakt, kann man nur Erscheinungen (Phänotypen) anstatt Ursachen (Genotypen) behandeln. Es sind viele neue Drogen auf dem Markt, die als "Durchbruch" angekündigt werden. Ich diskutiere eine, die kürzlich aufgetaucht ist und diesen Anspruch erhebt, und das das ist Ketamin. Das Medikament wurde vor fünfzig Jahren als leichtes Betäubungsmittel benutzt und als "Dämmerschlaf" bezeichnet. Aber es wird behauptet, es wirke bei der Behandlung von Depression. Die Frage ist warum?

Ketamin war ursprünglich in der Veterinärmedizin für Pferde vorgesehen, dann wurde es auf Menschen übertragen. Es ist noch nicht gesetzlich zugelassen als Behandlung für Depression. In experimentellen Studien wird es als ziemlich effektiv beschrieben. Zum ersten Mal erprobt wurde es von Wissenschaftlern am Nationalinstitut für psychische Gesundheit. Selbstmordgedanken nahmen ab und Depression besserte sich vorübergehend, wenn auch nicht auf lange Sicht. Was geschieht also, wenn diese Droge in das System des Patienten gespritzt wird? Es stellt sich ein Gefühl von Dissoziation und Betäubung ein. Ketamin füllt den Spalt zwischen Neuronen mit dem Neurotransmitter Glutamat auf, der ein Einströmen der Droge in den präfrontalen Kortex erzeugt. Und das unterstützt die Aktivierung geistiger Aktivität, so dass die Person besser mit Gefühlen umgehen kann. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler war, dass Depression durch ein Ungleichgewicht in der Regulierungsaktion des Glutamats verursacht werde. Ketamin aktiviert Teile des limbischen Systems einschließlich des cingulären Kortex. In diesem Sinne ist es ein "Upper", der Energie konzentriert und das System gegen seine basale Verdrängung/Todheit aktiviert und somit Depression lindert. Denken Sie daran, dass alles, was Depression lindert, bei Depression hilft. Grundsätzlich muss dann jede Medikation, die Depression bekämpft, gegen Verdrängung energetisieren. Kurz gesagt müssen wir die massive an Depression beteiligte Verdrängung abschwächen, wenn wir Patienten helfen wollen. So wird die biochemische Substanz GABA - Gamma-Aminobuttersäure, die wirkt, indem sie die Übertragung von Nervenimpulsen hemmt - durch Ketamin teilweise annuliert, wodurch ein Teil der durch GABA geleisteten Verdrängungsarbeit vermindert wird (Diazgranados et al., 2010; Vutskits et al., 2007).

Die Forscher glauben, es sei dieses Ungleichgewicht, das für Depression verantwortlich sei. Ich glaube, wir müssen fragen, was dieses Ungleichgewicht zuerst verursacht hat. Da seine Effekte flüchtig sind, glaube ich, dass wir zuerst entdecken müssen, wie wir das dauerhafte Ungleichgewicht korrigieren können. Mir scheint, dass es sehr wohl frühe Traumen sein können, die so viel neurochemische Balance im Gehirn stören. Depressive haben vielleicht niedrige Glutamat-Spiegel, weil exzessive Aktivität gefährlich wurde; das heißt, dass während des Geburtstraumas Abschalten Überleben bedeutete.

Jeder Durchbruch hat eine Schlüsselwirkung: Sie mindert Verdrängung und hebt dessen Schleusen an. Da ich postuliere, dass Depression Verdrängung auf einer höheren Ebene ist, würde es Sinn machen, dass die Minderung von Verdrängung einen dauerhaften Unterschied ausmacht. Andernfalls sind wir gezwungen, um Ecken herum zu arbeiten, an Symptomen herumzudoktern und nie an Ursachen zu gelangen.

Symptome sind Zeichen, dass etwas nicht stimmt; wir wollen das Warnsignal nicht vertreiben. Wir wollen seine Botschaft beachten. In der konventionellen Psychotherapie haben wir die Symptome zur Behandlung aus dem Menschen extrahiert, anstatt zu sehen, dass diese Symptome aus einer biologischen Geschichte hervorgehen. Wir machen das Symptom gesund, nicht den Menschen.

Im britischen Wissenschaftsjournal New Scientist steht ein Interview mit dem Psychologen Joe Griffin, dem Mitbegründer des Therapieansatzes, der als Human Givens bekannt ist und der sich in Großbritannien einigermaßen durchgesetzt hat. (Kiser, 2003) Er behauptet: "Die Forschung zeigt, dass jede Therapie oder Beratung, die Menschen ermutigt, selbstprüfend in ihre Vergangenheit zurückzugehen, unvermeidlich Depression vertieft." Mit diesem Hinweis kann man sich nur auf das Hier und Jetzt konzentrieren und nie gesünder werden. Das ist die Essenz des historischen Solipsimus. Es gibt keine Vergangenheit, nichts, das uns in unserer Geschichte beeinflusst. Es ist eine Hinwendung an die Freudsche Auffassung von den Gefahren, die auf uns lauern, wenn wir uns am Unbewussten zu schaffen machen. Wenn wir Geschichte ignorieren oder nicht verstehen, sind wir auf eine ahistorische Therapie eingeschränkt. Das kann Nutzlosigkeit für den Doktor und die Patientin bedeuten; hilflos beisitzen, Droge um Droge in die Patientin injizieren, um ihre Symptome zu kontrollieren, oder sie endlos zu diskutieren - alles für die Katz.

Damit Psychotherapie effektiv ist, müssen wir das Kernstück des Feelings nehmen - "Ich schaff' es nicht" - und es zu seinen Ursprüngen im Hirnstamm zurückverfolgen. Genau das, was Primärtherapie macht. Wenn wir einfach versuchen, den Patienten durch eine Gesprächstherapie-Sitzung zu überzeugen, dass er/sie es jawohl doch schaffen kann, erweitern wir den Spalt zwischen seinem/ihrem Wachverstand und seinen /ihren Gefühlen. Die Gefühle sind real und Teil der Neurophysiologie. In unserer Therapie nehmen wir die Phrase "schaff'es nicht" und benutzen sie, um den Patienten zu ermöglichen, sie weiter zu fühlen; wenn er/sie in das Gefühl eingeschlossen ist, trägt es ihn auf geordnete Weise die Schmerzkette hinab. In der Psychotherapie müssen wir darauf achten, dass wir für Patienten keine Cheerleader sind, die durch verbalen Trost und Zuspruch einfach versuchen, dass er oder sie sich besser fühlt. Er/sie schätzt unsere Aufmunterung, blüht auf, kommt wieder und will mehr davon, und entfernt sich deshalb immer mehr von sich selbst. Es geht ihm/ihr deshalb nicht besser. Und was heißt besser? Man selbst zu sein, mit Gefühlen übereinzustimmen, es gibt nichts Besseres als das. Unsere verbale Ermutigung macht ihn/sie jedoch nicht ihnselbst/sieselbst, und wenn wir uns nur auf freundliche Worte verlassen, steht er/sie nicht in Einklang mit seinen/ihren wirklichen Gefühlen. Wenn die Realität innerer Gefühle lautet "ich fühle mich ungeliebt," dann setzt sich die Ermutigung durch einen freundlichen Therapeuten über diese Realität hinweg.

Als Psychotherapeuten wollen wir gute Eltern für die Patienten sein in dem Maße, wie sie es wollen. Wir wissen, dass Eltern ihre Kinder ermutigen und unterstützen sollten. Aber es sind Gefühle in das System des Patienten eingraviert, und danach ist es zu spät für leichte Veränderungen durch den Gebrauch freundlicher Worte und verbaler Aufmunterung. Das Fenster für die passende Gelegenheit steht nicht mehr offen. Wir können Neurose nicht weglieben.

 

12. ÜBER WIEDERERLEBEN: DIE NIEDERGESCHLAGENHEIT BESIEGEN

Es gibt unter uns kaum Fachleute, die an die absolute Notwendigkeit glauben, alte Ereignisse wiederzuerleben und ihre Prägungen zu ändern; dennoch ist es genau dieser Prozess, der heilt. Er heilt, weil er sich einzigartig mit Geschichte und Erinnerung befasst. Das darf man nicht mit intellektueller Erinnerung verwechseln; die ist zerebral, neokortikal. Das Wierdererleben der Prägung ist neurophysiologisch und wird auf diese Weise erinnert. Während Prägungen/Einprägungen gewöhnlich nicht zum Wortschatz des Therapeuten gehören, glaube ich, dass sie die sine qua non für die Zukunft der Psychotherapie sein werden.
Es gibt jetzt Hunderte von Studien in der wissenschaftlichen Literatur, welche die Auswirkungen von Vorgeburts- und Geburtstraumen auf spätere Symptome und Verhalten dokumentieren (und das wird ausführlich in Primal Healing erörtert). Es gibt Fallstudien, die wir unternommen haben, um meinen Standpunkt zu verifizieren. Ich habe über das UCLA-Experiment in meinem Buch geschrieben (Janov, 1996), aber ich möchte seine Bedeutung resümieren. Das ist eine Forschungsarbeit, die wir zusammen mit Dr. Donald Tashkin, dem früheren Direktor des Lungenlaboratoriums, 1992 unternommen haben. Zwei Patienten waren an viele Instrumente angeschlossen, während wir ihnen in eine Wiedererlebnis-Sitzung, in ein Primal halfen. Kein Patient beobachtete den anderen, so dass wir bei beiden Männern ein ziemlich unverfälschtes Erlebnis bekamen. Die beiden erlebten schweren Sauerstoffentzug während eines Geburtstraumas wieder, was wir überhaupt nicht geplant hatten. Nachdem sie in die Erinnerung von Sauerstoff-Deprivation eingetaucht waren, fingen sie mit etwas an, das ich als "Lokomotivenatmung" bezeichne, weil es sich genau so anhört und anscheinend zum Teil aus dem Hirnstamm kommt, insbesonders aus der Medulla. Dieses tiefe, kratzende, schnelle, zwanghafte Atmen hielt über zwanzig Minuten lang an.

Das schwere Atmen war ein Versuch, den Sauerstoffmangel zu kompensieren, den sie während des Erinnerungs-Ereignisses erlebten. Das ist nie eine willkürliche Anstrengung. Sie scheint der Person von tief unten im Gehirn "aufgezwungen" zu werden. Es ist, als gleiche der Patient das Deprivationsereignis aus, indem er nach Luft ringt. Einmal in Gang gesetzt ist es sehr schwer zu beenden, bis es seinen Verlauf genommen hat. Schweres Atmen kann viele Minuten andauern, und es kann viele Sitzungen dauern, bis die Ursache begreiflich wird. Obwohl sich dieses schwere Atmen bis zu zwanzig Minuten fortsetzt, kommt es nie zu Hyperventilation. Nach dem Wiedererlebnis machten wir ein anderes Experiment, bei dem jeder Patient das Primal auf jegliche Weise imitierte (die gleichen Bewegungen und das gleiche schwere Atmen), ausgenommen, dass sie sich nicht in der Vergangenheit befanden. Das heißt, es geschieht aus einer überlegten Handlung des Patienten heraus, der in der Gegenwart lebt. Beiden wurde schwindelig und nach 3 oder 4 Minuten wurden sie fast ohnmächtig, was eindeutig ein Hyperventilations-Syndrom war (Krallenhände).

Das passiert systematisch mit Leuten, die versuchen, in die Vergangenheit zurückzugehen, ohne total in die Erinnerung versenkt zu sein. Tatsächlich ist es eine unserer Kontrollen für die Wahrhaftigkeit des Feelings. Wenn ihnen geradewegs die Luft ausgeht, ist es einfach Abreaktion, ein unverknüpftes und nicht integriertes Ereignis. Der grund ist ziemlich einfach; die Versuchspersonen atmeten willkürlich und nicht automatisch aus der Erinnerung heraus. Sie atmeten "von oben", nicht vom Grund aus. Die Erinnerung bietet uns die Wahrheit des Erlebnisses.

Was die Forscher vom Lungenlaboratorium herausfanden, war, dass der Körper Sauerstoff benötigte, wenn der Patient in dem alten Gefühl und seinem Zusammenhang mit Sauerstoffmangel bei der Geburt zurück war; der Patient war in jeder Hinsicht "dort zurück", nicht zuletzt physiologisch. Sie gehen in einen vollständigen biologischen Zustand zurück. An der UCLA stellten wir fest, dass sich das Säure-Basen-Gleichgewicht trotz der fortgesetzt schweren Atmung nicht veränderte. Die Schlussfolgerung der UCLA-Forscher, die in keiner Weise mit Primärtherapie in Verbindung standen, war, dass außer Erinnerung kein anderer Faktor für die Ergebnisse verantwortlich sein konnte. Kurz gesagt war die Erinnerung auf Leben und Tod real. Sie war eingeprägt. Trotz der Tatsache, dass der Sauerstoffgehalt im Raum normal war, sendete das Gehirn Signale eines großen Sauerstoffmangels, und das schwere Atmen folgte. Es gab kein Hyperventilationssyndrom, weil das Gesamtsystem in die Geschichte zurückgekehrt war und ein Schlüsseltrauma und dringenden Sauerstoffbedarf wiedererlebte. Sie erlebten das Ereignis nicht nur in ihren Köpfen oder Gedanken wieder sondern mit jedem Teil ihres Selbst. Die Patienten sind tatsächlich ihrer Vergangenheit. Sie leben in ihrer Geschichte, leben in ihrer persönlichen Vergangenheit; und, so könnte ich hinzufügen, sie leben in einem Gehirn, das seit Urzeiten besteht. Wenn sie in einem Primal wiedererleben, dreht sich ihr Leben um Geschichte, und die Gegenwarts-Bewusstheit ist blass.
Diese Experimente sind die beste Stützinformation für Primärtherapie, weil das Erlebnis nicht vorgetäuscht werden kann. Die Tatsache, dass diese Einprägung andauert und unveränderlich ist, bedeutet, dass sie ständig einen Großteil unserer Gefühle, Stimmungen und Verhaltensweisen beeinflusst. Es bedeutet, dass es einen tiefsitzenden Ursprung für Depression gibt, der sein Leben begann, bevor wir unser Leben auf dem Planeten begannen. Im Falle eines unserer Patienten, der gegen den Widerstand massiver Betäubungsmittel auf die Welt zu kommen versuchte, war das Feeling: "Ich kann nicht mehr. Ich muss aufgeben. Es ist hoffnungslos." Hier war der tiefe präverbale Vorläufer der Depression; die Physiologie der Depression.

Sobald wir konstatieren, dass wir von Prägungen getrieben werden, die tief in einem uralten Gehirn eingebettet sind, sehen wir, dass es alles mit unserem gegenwärtigen Verhalten und Symptomen zu tun hat, und wir müssen anerkennen, dass das primitive Gehirn nicht nur unsere Atmung beeinflusst sondern auch den größten Teil unseres gegenwärtigen Lebens, unsere Stimmungen, Werte und Einstellungen. Diese Prägungen müssen wir in Betracht ziehen, wenn wir Depression verstehen wollen. Nicht nur die Atmung wird beeinträchtigt sondern die meisten Hirnstammfunktionen; Verdauung, Ausscheidung und viele Mittellinien-Ereignisse. Wir laufen von Arzt zu Arzt, um ein Magenproblem zu lösen, wenngleich die Erinnerung alles hochbringen wird, sobald wir zu ihr Zugang haben. Sie wird uns alles sagen, weil sie am "Tatort" war. Sie wird uns vom Kummer der schwangeren Mutter berichten, von ihrem Drogen- und Alkoholkonsum oder von ihrer eigenen Depression. Dort liegt die Antwort - in der Geschichte. Sie enthüllt alle ihre Geheimnisse, wenn wir hinabsteigen und ihr begegnen. Sie wird nicht hochkommen und sich verbal bekunden; wir müssen ihr auf halbem Weg entgegenkommen. Dann sagt sie vielleicht auf ihre nonverbale Art, mein Magen schmerzt; mein Magen funktioniert nicht gut. Später dann ist es eine Kolik, die vielleicht mehr davon erzählt, was nicht stimmt. Und noch später eine Drogensucht. Der Punkt ist, dass wir auf die generierenden Ursachen schauen müssen, wenn das Leben nicht gut läuft und man aus unbekannten Gründen unglücklich ist. Es geht nie darum, gesunde Gedanken zu denken; es geht darum zu wissen, was ungesunden Gedanken zu Grunde liegt.

Das ist von großer Bedeutung, weil es uns ein Universum erschließen kann über die Tiefen des menschlichen Unbewussten. Es bestätigt, dass sehr frühe Erfahrung in uns eingeprägt wird, nicht nur als Erinnerung sondern als Verlertzung, die geheilt werden muss. Die Konsequenz ist, dass das frühe Bedürfnis nach Liebe fortbesteht und sich in unserem gesamten Leben nicht ändert. Wir suchen nach symbolischer Ersatzbefriedigung, aber sie befriedigt nie und zwingt uns, immer mehr zu begehren - immer vergeblich, weil die Suche symbolisch ist. Die kritische Phase, wenn ein Bedürfnis erfüllt werden muss, ist vorbei. Und wir haben herausgefunden, dass wir nur dort gesund werden können, wo wir verletzt werden. Das bedeutet eine Rückkehr, um Ereignisse, tiefe Prägungen wiederzuerleben, an Orten, wo die Atmung organisiert wird. Wenn also die "Verletzung"/das Trauma beeinträchtigte Atmung bei der Geburt aufgrund einer schweren Dosis Betäubungsmittel ist, dann muss sie wiederaufgesucht und wiedererlebt werden; eine Rückkehr zu den generierenden Ursachen. In der Regel normalisiert das viele Funktionen, vom Kortisolspiegel zu den natürlichen Killerzellen und ebenso Blutdruck und Körpertemperatur. Wiedererleben ermöglicht dem System normal zu funktionieren.

Die Male, die ursprünglich während des Geburtstraumas auftraten, können in einer späteren Sitzung wieder zum Vorschein kommen. (Wir haben diese Male/Abdrücke fotografiert; Sie finden sie in meinen Büchern). Das Baby-Weinen in einer Sitzung kann danach nie von einem Patienten wiederholt werden. Es ist eindeutig keine Simulation. Anders gesagt bleibt die Vegangenheit und ihre Neurobiologie in uns eingekapselt. Das kann für eine Reihe fortbestehender Krankheiten im Erwachsenenleben verantwortlich sein. Bemerkenswert ist, dass es immun gegen spätere Erfahrung ist; egal, wieviel Beifall ein Schauspieler bekommt, er braucht immer mehr. Deshalb behaupte ich, dass nur Wierderleben im Zusammenhang einer alten traumatischen Erinnerung heilen kann. Überlegen Sie, dass in der Sitzung das Gehirn trotz der angemessenen Sauerstoffversorgung im Raum einen schweren Mangel davon signalisiert und dass der Körper entsprechend reagiert - nach Luft ringt, weil er im Moment in der Vergangenheit lebt. In Erinnerung versunken.

Man würde glauben, dass wir aus Erfahrung lernen, aber Leute mit schwerem Schmerz machen immer wieder die gleiche Erfahrung. Deshalb erleiden Leute, die einen Autounfall haben, wahrscheinlich einen weiteren.
Wir müssen uns fragen, was am Wiedererleben so wichtig ist. Warum ist volles Bewusstsein so entscheidend? Es bedeutet, die Evolution des Gehirns anzuerkennen. Obgleich das offensichtlich scheint, behandeln viele Gegenwartstherapien den Patienten ahistorisch, als hätte sie/er keine Geschichte und als gebe es keine persönliche Evolution. Das ist Kreationismus unter der Maske der Wissenschaft. Das Universum wurde nicht magisch in sieben Tagen erschaffen, und psychische Krankheit taucht nicht urplötzlich eines Tages in Menschen auf - ohne Beziehung zu ihrer Evolution als Individuum. Die Geschichte muss das primäre Ziel in der Psychotherapie sein, wenn es uns besser gehen soll. Was bedeutet "besser gehen" eigentlich? Ich glaube, es bedeutet, dass wir unser Selbst zurückbekommen, das Selbst, das leidet und fühlt. Wir müssen unsere Gefühle zurückbekommen, um voll menschlich zu werden.

Warum wiedererleben? Weil der Leidensanteil der Erinnerung nie vollständig erlebt worden ist. Wir tragen diese schmerzvollen Überbleibsel ständig in uns. In der Primärtherapie reagieren wir jetzt voll auf den Prototypen. Wir halten den Schmerz nicht länger auf Lager, wo er seinen Schaden angerichtet hat.

Depression ist ein schrecklicher Zustand. Sie fühlt sich vernichtend und endlos an, aber glücklicherweise muss sie das nicht länger sein. Es gibt einen Ausweg; und dieser Ausweg ist der Weg hinein. Aber wir brauchen eine Wegkarte; andernfalls sind wir verloren. Der Grund, warum so viele Therapeuten glauben, sie sei außer durch Drogen unbehandelbar, ist, dass sie bis jetzt keinen Weg gefunden haben,die inneren Tiefen ihrer Patienten zu erkunden. Und da liegt das Problem. Depression scheint in der Gegenwart zu liegen, aber in Wirklichkeit läuft der Mensch umher und ist wiederkäuend in seiner Vergangenheit versunken. In der Primärtherapie helfen wir dabei, die Vergangenheit wieder der Geschichte anheimzustellen und somit den Menschen -jetzt unbelastet- in die Gegenwart zu bringen. Wir können unsere Vergangenheit nicht durch große Willensanstrengung hinter uns lassen. Tatsächlich garantiert ein solcher Versuch mittels Willenskraft nur das Scheitern. Wir müssen diesen starken Willen fahren lassen und uns in unsere Gefühle versenken. In der Therapie sorgen wir für den Zugang zu uns selbst, nicht mehr und nicht weniger. Aber das ist eine ganze Menge, weil es das Ende der Depression bedeutet.

Ich benutzte die Begriffe ‚radikal' und ‚revolutionär' für meine Therapie mit Vorsicht; dennoch glaube ich, dass sie das ist. Sie ist revolutionär in Form und Inhalt. Primärtherapie ist eine radikale Abkehr von der in Einsichten vernarrten Diskussion von Angesicht zu Angesicht zwischen zwei ungleichen Partnern; einer mit weltgewandtem Wissen und unfehlbarer Moralhaltung, der andere ein bereitwilliger Neuling, der psychisch auf die Knie fällt, um zu erlernen, was der Weltgewandte austeilt, und der sich dem Äußeren fügt anstatt dem Inneren. Ich spreche aus Erfahrung, nachdem ich viele Jahre lang Einsichtstherapie praktiziert habe. Die Erhabenheit des Ganzen ist berauschend für den Therapeuten. Die Macht, das Leben eines anderen zu dirigieren, ist verführerisch - und falsch!

Leider haben wir uns im Namen des Fortschritts und um als modern zu gelten von der Vergangenheit weg auf einen mehr gegenwartsbezogenen Ansatz zubewegt. Es dominiert eine Vergötterung der Gegenwart und ein Rückzug vom Einzigen, das heilt - Geschichte. Und leider reden wir seit hundert Jahren mit dem falschen Gehirn! Genau dieses intellektuelle, gefühllose Gehirn vereitelt jede Hoffnung auf Heilung gefühlsbedingter Krankheit. Mit dem sprechenden Gehirn zu reden war vor einem Jahrhundert gut und schön, aber jetzt wissen wir so viel mehr über das Gehirn und was es beinhaltet; wir können mit dem fühlenden Gehirn in dessen eigener Sprache reden.

Wir müssen eine neue Sprache lernen - die des Unbewussten - eine wortlose Sprache, die uns helfen könnte, in Patienten tiefgreifende Änderungen zu bewirken. Schließlich nennen wir es "Geisteskrankheit." Dennoch sind Worte oft die Abwehr gegen das Fühlen. Es ist unser Ziel, fühlende Menschen hervorzubringen und keine geistigen Giganten. Wenn man das prototypische Trauma fühlt, ist man auf seinem Weg, das Depressionsproblem zu lösen. Das - und das Fühlen der Strenge, der übermäßigen Disziplin, der Gleichgültigkeit und der fehlenden Fürsorge in der Familie; und der Ausdruck all der Gefühle und Bedürfnisse, die in diesen Jahren zurückgehalten worden sind. All das auszudrücken mit den ursprünglichen involvierten Gefühlen - das ist der Grund, warum es so wuchtig und so schrecklich traurig ist. Der entscheidende heilsame Unterschied ist, dass es in unserer Therapie nicht um den Erwachsenen geht, der ein paar Tränen vergießt - um den Erwachsenen, der über seine Vergangenheit weint - sondern darum, wieder zum Baby und Kind mit herzzereißendem Schluchzen und qualvollen Schreien zu werden. "Sie lieb zu mir! Halte mich! Hab mich gern. Ich bin dein Sohn! Lass' mich ich selbst sein. Ich bin dein Fleisch und Blut. Zeig', dass du mich willst. Lass' mich ausdrücken, wie ich mich fühle!" Das sind die Bedürfnisse. Wenn all das physiologisch wiedererlebt wird als das, was während eines Primals geschieht, ist Depression kein Geheimnis mehr. Und nur wenn das alles über Monate des Wiedererlebens plus dem Geburtstrauma- zur richtigen Zeit - gefühlt wird, löst sich die Depression dauerhaft auf. Je mehr man also das fühlt, was den Verschluss des Systems verursachte, umso sicherer wird es für das System, sich zu öffnen. Endlich kann Liebe hinein.


Übersetzung: Ferdinand Wagner

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