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Dr. Arthur Janov:   Depression - Das große Geheimnis (Teil 3/12 + 4/12) 

Mittwoch, 13. November 2013,  und Montag, 18. November 2013, The Mystery Known as Depression,  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

 

3. DIE DREI EBENEN DES BEWUSSTSEINS

 

Damit wir verstehen können, wie es möglich ist, die Ursachen einer lebenslangen Krankheit -und ihrer Heilung- ganz bis zum Lebensbeginn eines Menschen zurückzuverfolgen, muss ich meine Sicht der drei Bewusstseinsebenen erklären. 

Im Prinzip haben wir drei Gehirne in einem, wie MacLean (1985, 1990) bereits in den 1960er Jahren vorgeschlagen hat: der Hirnstamm, das limbische System und der Neokortex, wobei jedes Gehirn eine andere Evolutionsstufe repräsentiert, vom Hai über den Schimpansen zum Menschen. Diese drei Stufen des Gehirnwachstums entsprechen den drei unterschiedlichen Bewusstseinsebenen: die früheste, präverbale Stufe des Säuglings gefolgt von der Kindheit und schließlich die Bewusstheit der Gegenwart. Auf jeder Ebene der Gehirnentwicklung haben wir spezifische Bedürfnisse, die auf einzigartige Weise erfüllt werden müssen. Je früher die Bedürfnisse umso dauerhafter die Folgen, wenn sie nicht erfüllt werden, und umso gravierender die Prägung. Als Säuglinge haben wir ein Bedürfnis, zärtlich berührt und genährt zu werden. Auf der zweiten Ebene suchen wir nach Erfüllung emotionaler Bedürfnisse: wir wollen, dass man uns zuhört, wir wollen uns sicher fühlen, wir brauchen Unterstützung und wir brauchen eine empathische Reaktion auf unsere Schmerzen und Ängste. Und die dritte Ebene involviert intellektuelle Stimulierung, Kommunikation und Verständnis von den Eltern. Erfüllung auf dieser Ebene kann zu klarem und logischem Denken führen; zu Genauigkeit in der Wahrnehmung.

 

3.1. Erste Linie - Der Hirnstamm

Die erste Ebene, der Hirnstamm, ist ein primitives oder den Reptilien zuzuordnendes Gehirn, welches unser ältestes Gehirnsystem ist (MacLean, 1990). Der Hirnstamm entwickelte sich als erstes und war der erste Teil des sich entwickelnden Zentralnervensystems in der Evolution des Menschen. Es scheint, dass wir diesen Teil nie verloren haben. Wir haben einfach obenauf neues Hirngewebe hinzugefügt. Der Hirnstamm befasst sich mit Instinkten, Grundbedürfnissen, Überlebensfunktionen, Schlaf und Grundprozessen, die uns am Leben erhalten, wie z.B. Körpertemperatur, Blutdruck, Herzschlag und und sehr tiefem Atmen. Auf dieser Ebene können wir Depression, Angst, Stress, Drogeneinnahme, Rauchen oder Trinken einer schwangeren Mutter speichern. Die Mutter kann auch durch ihre Hormonveränderung, ihre unbewusste Ablehnung ihres zukünftigen Babys kommunizieren, die dann im Hirnstamm des Babys gespeichert wird. So eine Erfahrung wird offensichtlich nicht in Form von Gedanken gespeichert, weil wir noch keinen Neokortex haben, diesen denkenden, intellektuellen, verstehenden Teil der Psyche. Wichtig aber ist, dass die Einprägungen in diesem Speicher später bestimmte Gedanken und Abweichungen im Denken begründen werden. Der Hirnstamm prägt die tiefsten Schmerzebenen ein, weil er sich während der Schwangerschaft entwickelt und Angelegenheiten auf Leben und Tod erledigt, noch ehe wir das Licht der Welt erblicken.

 

3.2. Zweite Linie - Das limbische/fühlende System

Die zweite Bewusstseinsebene ist prinzipiell das Limbische Gehirnsystem (und seine Angliederungen), das für Gefühle und ihre Erinnerung verantwortlich ist (MacLean, 1990). Es liefert Bilder und künstlerischen Output, verarbeitet bestimmte Aspekte von Sexualität und ist teilweise verantwortlich für Wut und Angst. Das Limbische System besitzt Schlüsselstrukturen, welche die Gehirnfunktion beeinflussen. Diese sind der Hypothalamus und Thalamus, der Hippocampus, welcher der Hüter emotionaler Erinnerung ist, und die Amygdala. 

Der Hippocampus enthält die Archive früher Erfahrung, insbesonders Trauma, und versetzt auch der Amygdala-Aktivierung einen Dämpfer, so dass unsere Reaktionen nicht selbst zur Gefahr werden; denn ständig hoher Blutdruck und hohe Herzfrequenz bedrohen letztlich unsere Existenz. Der Hippocampus hat eine hohe Dichte an Stresshormon-Rezeptoren und ist deshalb ziemlich empfindlich für Stress. Der Zusammenhang eines Gefühls wird überwiegend vom Hippocampus organisiert. Er gibt uns einen Fixpunkt für unsere Gefühle - Zeit und Ort - und gestattet uns die Verknüpfung mit unseren Gefühlen. 

Die Amygdala ist eine der ältesten Gehirnstrukturen und die älteste Struktur des limbischen Systems. Sie ist die Drehscheibe des emotionalen Systems, das Tor zu den Gefühlen. Sie gibt uns die Empfindung hinter dem Gefühl, während der sich später entwickelnde Hippocampus diese Gefühle als Fakten registriert. Frühe traumatische Erinnerung wird von der Amygdala verfestigt. Wenn es hart auf hart kommt, kann sie glücklicherweise ihr eigenes Opium herstellen und dazu beitragen, den Schmerz zurückzuhalten. Auf diese Weise hilft sie uns, unbewusst zu bleiben. Es ist wahrlich ein Wunder, dass diese kleine Gehirnstruktur "weiß", wann sie Schmerz aufhalten muss, und ein Mohnblumenderivat freisetzen kann, um dazu beizutragen. Darüber hinaus sagt sie anderen Gehirnstrukturen, wieviel freizusetzen ist und wann es genug ist. 

Der Hypothalamus arbeitet mit der tiefer liegenden Struktur, der Hypophyse, zusammen, um die Freisetzung von Schlüsselhormonen zu steuern, zu denen nicht zuletzt die Stresshormone gehören. Wenn wir starke Emotionen haben, ist es der Hypothalamus, der unsere Reaktion organisiert. (Innerhalb des Hypothalamus liegen zwei verschiedene Arten Nervensystem, der Sympathikus und der Parasympathikus, die der Schlüssel für das Verständnis von Depression sind und nachfolgend im Detail erörtert werden.) 

Der Thalamus ist die Schaltzentrale des Gehirns, die dem frontalen Kortex bestimmte Aspekte des Fühlens übermittelt. Er kann beschließen, dass ein Gefühl zu stark sei, als dass es gefühlt werden könnte, und anordnen, dass die Nachricht nicht übermittelt und somit dem Bewusstsein vorenthalten wird. Der Thalamus spricht eine unverfälscht neurochemische Sprache, eine Sprache, die sich wortlos ausdrückt. Dennoch kann er schmerzvolle Botschaften in etwas übersetzen, das der frontale Kortex verstehen kann. Wenn der Schmerz zu groß ist, wird die ankommende Nachricht verstümmelt. Wenn sie akzeptabel ist, öffnet sich das Tor und die Nachricht wird klar verstanden - wir wissen, was wir fühlen.

 

3.3. Die dritte Linie - Der Neokortex

Die dritte Linie ist der Neokortex, der Teil unseres Gehirns, der sich zuletzt entwickelte und der verantwortlich ist für intellektuelles Funktionieren, der Ideen hervorbringt und für das Denken zuständig ist (MacLean, 1990). Das linke präfrontale Areal befasst sich mit der Außenwelt, hilft uns zu verdrängen und Gefühle zu integrieren, wenn wir dazu in der Lage sind. Dieses Areal geht ungefähr im dritten Lebensjahr online. Der Frontalkortex ist in dem Sinne Teil des Gefühlssystems, dass er unseren physiologisch-emotionalen Reaktionen Bedeutung und Verstehen anfügt. Der Neokortex dient als Eintrittsportal in die Leidenskomponente der Erinnerung, ein Portal, das nicht selbstständig funktionieren kann. Er ist die erste Tür, durch die wir gehen, wenn wir uns aufmachen, unsere Geschichte zurückverfolgen und unseren Schmerz zu verstehen. 

Wir können auf jeder dieser Ebenen Befriedigung finden oder Entsagung erleiden; wenn Deprivation stattfindet, dann gibt es auch Schmerz, weil fehlende Befriedigung bedeutet, dass die Unversehrtheit des Systems bedroht ist. Und Schmerz wird meistens von seinem Gegenspieler - Verdrängung - begleitet. Befriedigung wird ernster und dringender, wenn wir die Neuraxis entlang der Schmerzkette (wie ich sie nenne) hinabsteigen. Tatsächlich diktiert unsere Biologie, dass tiefer Schmerz starke Verdrängung hervorruft, um den Schmerz auf kontrollierbarem Niveau zu halten. Schwere Verdrängung auf der ersten Ebene kann Gefühllosigkeit bedeuten und mangelhafte Verbindung zu Körperfunktionen, so dass Sex problematisch ist und der Appetit gedämpft; es fehlt an Energie und Leidenschaft. Symptome auf der ersten Linie beinhalten Geschwüre, Kolitis und Atemprobleme. Symptome auf höheren Ebenen äußern sich anders: durch die Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen oder unabhängig, offen und aggressiv zu sein. 

Das ist nur ein kurzer Überblick über die drei Ebenen, um den Ursprung von Depression und und ihre Therapie besser zu verstehen. Wenn wir in Erwägung ziehen, dass diese uralten Gehirne in unserem Kopf noch immer aktiv sind, wird die Natur des Problems klarer. Alle drei Gehirne sollten unser ganzes Leben lang harmonisch zusammenarbeiten. Wie sie sich miteinander verstehen, ist von größter Bedeutung. Wir brauchen klare Kanäle zwischen den Ebenen; andernfalls kommt es zu Verzerrungen. Frühes Trauma aber schafft lebenslange Disharmonie und Unterbrechung zwischen Gehirnebenen, was viele Formen psychischer Krankheit zur Folge hat. Im Wesentlichen wird Neurose von tieferen Gehirnzentren gesteuert, die mit höheren kommunizieren wollen, es aber nicht können, weil eine Unterbrechung eingetreten ist, eine Unterbrechung verursacht durch die Einprägung frühen Liebesmangels, der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit bedeutet. Das Therapieziel besteht darin, diese Harmonie neurologisch und psychologisch wieder herzustellen, weil Bewusstsein (nicht mit Bewusstheit verwechseln) bedeutet, dass alle drei Ebenen fließend zusammenwirken.

 

4. WAS IST DEPRESSION?

Zu allen Zeiten haben sich Schriftsteller und Denker poetische Beinamen einfallen lassen, um Depression zu beschreiben. Hippokrates nannte sie die "schwarze Galle." Susan Sontag taufte sie bekanntlich als "Melancholie ohne ihre Reize." Für Flaubert war sie einfach "das ewige ‚Was soll's?'" Und in seinem Buch "The Noonday Demon" sagt Andrew Solomon "Depression ist Trauer, die in keinem Verhältnis zu den Gegebenheiten steht." (Solomon, 2002) Nach Aussage eines Berichts der Weltgesundheitsorganisation mit dem Titel "Die globalen Krankheitskosten" (Weltgesundheitsorganisation, 2004) ist dieses uralte Leiden heute im Begriff, zur zweitgrößten Ursache für Arbeitsunfähigkeit im verbleibenden Jahrzehnt zu werden. Wie auch immer wir sie nennen - Depression ist eindeutig zu einer Plage unter uns geworden. Allein vom Standpunkt der Volksgesundheit obliegt es uns, genau zu verstehen, was sie ist und wie man sie menschenwürdig therapiert.

 

Die Leute sagen oft, sie "fühlen sich" deprimiert, aber Depression ist kein Gefühl. Sie ist eine Abwehr gegen das Fühlen - gegen eine Anhäufung eingeprägten Schmerzes. Als solche ist sie eine Schutzvorrichtung, um uns unbewusst zu halten, oder vielmehr, um das Unbewusste daran zu hindern, bewusst zu werden. Durch ihre Gehilfin - die Verdrängung - hält sie all die katastrophalen Gefühle und Empfindungen aus der Zeit im Mutterleib, Säuglingszeit und Kindheit nieder, welche die Unversehrtheit unseres Bewusstseins bedrohen würden, wenn sie aus ihrer sicheren unterbewussten Festung freigesetzt würden. Sie ist die ultimative Überlebensstrategie.

 

Depression ist ein systemweiter Verdrängungszustand, der viele Gefühle abschirmt. Sie ist die traumatische Erfahrungsgeschichte des Körpers, die ihre Kraft ausübt. Und letztendlich ist sie der auf eine höhere Ebene angehobene Verdrängungszustand. Aus diesem Grund ist der Depressive chronisch in Leiden aufgelöst, weil er/sie diese spezifischen frühen Gefühle nicht fühlen kann. Der Organismus scheint zu sagen: "Besser betäubt sein, als zu fühlen, was dort unten liegt und verrückt zu werden." Von daher die schwerfälligen Bewegungen, das flache und emotionslose Fühlen, der Energiemangel, und so weiter; die ganzen Gefühle, die meine Patienten zu Beginn meiner Diskussion skizziert haben. Jeder Ausdruck - z.B. Wut - kann Depression vorübergehend lindern, weil sie Verdrängung ein wenig anhebt. Aber Depression ist sicher keine nach innen gerichtete Wut, wie Freud glaubte (Freud, 2005).

 

Ein normaler Mensch ist selten deprimiert; er hat keinen Rückstau an Gefühlen, die ungelöst im Inneren liegen. Er ist offen für Gefühle und verdrängt Unerfreuliches nicht. Er ist traurig, wenn es angemessen ist. Aber Traurigkeit ist ein "Jetzt"- Ereignis, ein reales Gefühl, das sich auf reale Situationen bezieht. Depression ist ein "Damals"-Gefühl ohne Bezug zum Jetzt. Wenn das Kleinkind wirklich jede Original-Prägung fühlen könnte, wäre es in seinem Leben nicht deprimiert. Der Depressive hingegen steckt zeitlich fest. Er steckt in seiner Vergangenheit fest, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, so dass alles, was er tut, ein symbolisches Abbild dieser Vergangenheit ist. Das bedeutet, dass wir alle für Traurigkeit offen sind, wenn unsere Abwehr zusammenbricht. Es ist äußerst erschütternd, wenn man plötzlich arbeitslos wird, allein gelassen oder von seinen Freunden geschnitten wird, aber Depression ist eine ganz andere Sache. Wir sollten erschüttert, verzweifelt, unglücklich, traurig sein; das sind normale Reaktionen. Nicht so bei Depression, die in ihrem Kern eine tiefe Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit birgt. Das ist eine tiefe Einprägung aus fernerer Vergangenheit, die ausgelöst werden kann, wenn eine dieser Widrigkeiten eintritt. Diese Einprägung setzt sich oft während der Schwangerschaft oder bei der Geburt fest, als es kein Entrinnen aus dem traumatischen Input gab, wie z.B. eine massive Dosis an Betäubungsmitteln, die der Mutter während der Wehen verabreicht wird und die, wie wir sehen werden, auch das Baby effektiv ‚verschließt.' Oft ist es diese Hoffnungslosigkeit, die ausgelöst wird, wenn anscheinend nicht so ernste Ereignisse geschehen und Depression darauf folgt.

 

Sich ‚down' und mutlos zu fühlen als Reaktion auf einen Jobverlust oder auf das Auseinanderfallen einer Freundschaft oder auf den Tod eines geliebten Menschen unterscheidet sich von einer chronischen, endlosen Depression. Ersteres ist vielleicht allgemein als "schmerzlicher Verlust" oder "Trauer" bekannt, die einige Wochen oder Monate andauert. Der Mensch zeigt eine normale Reaktion: Düsterheit, Traurigkeit, Weinen, sich schrecklich fühlen, was nach einer Weile aufhört. Was geschieht, ist, dass die Person mit realen Gefühlen reagiert. "Traurig" ist zum Beispiel ein Gefühl, Depression ist keines. Depression geschieht, wenn man die realen Gefühle nicht fühlt. Diese Gefühle wühlen die tieferen Gehirnebenen auf und aktivieren die Prägung. Der Depressive fühlt all das; die Prägung auf ihrem Weg in Richtung volles Bewusstsein. Sie schafft es aber nie, weil die Verdrängung dazwischengeht. Aber eine tiefe Verzweiflung und Resignation setzt ein, und ein Gefühl, besiegt zu sein und aufgeben zu wollen; und vor allem diese Weltuntergangsstimmung, die das Kennzeichen so vieler Depressionen ist. Das ist das präzise, eingeprägte Originalgefühl, das sich seinen Weg ins Bewusstsein zu bahnen sucht; es färbt und dominiert die Gegenwart. Wir sehen die Tiefen der Prägung in einem Syndrom, das als endogene Depression bekannt ist, ein Phänomen, das ohne Vorwarnung auftaucht und uns hilflos tief in seinem Schlund zurücklässt. Man hat es endogen genannt, weil wir bis jetzt nicht gewusst haben, woher es gekommen ist oder warum. Es sitzt so tief, dass es von nirgendwo her zu kommen scheint, aber dieses Nirgendwo/Irgendwo liegt tief im Gehirn. Wenn äußere Abwehrmechanismen versagen oder einem Angriff ausgesetzt sind, erlebt der Depressive Verdrängung und nicht die Gefühle an sich. Er fühlt in seinem System den nach unten gerichteten Druck gegen diese Gefühle. Dieser Druck erzeugt schwerfällige Sprache und Bewegung und totale Erschöpfung, so dass der Depressive wenig Energie hat und sich in Zeitlupe herumbewegt; meine Füße stecken in Zement fest", wie ein Patient es ausdrückte. Kurz gesagt spürt er das Gewicht der Verdrängung, die unbeschreibliche Kraft, die Fühlen unterdrückt. Die Gefühle selbst fühlt er nicht. Sobald er sie fühlt, kann die Depression allmählich nachlassen.

 

Bei Depression gibt es ein "Schweregefühl," einen Energiemangel, der so groß sein kann, dass sogar das morgendliche Aufstehen wie eine Riesenarbeit scheint. Er macht alles zu einer Herkulesaufgabe, so dass normale Tätigkeiten wie Reden oder den Arm heben oder sogar das Kauen fester Nahrung zu einer großen Anstrengung werden kann. Es bleibt wenig oder keine Energie übrig für Vergnügen, Freude, Sexualtrieb oder - was das betrifft - irgendeinen Trieb überhaupt, außer dem Wunsch, einen Weg zu finden, um das Leiden zu beenden.

 

Also geht der Depressive zu einem Therapeuten und ersucht um Hilfe; gewöhnlich muss er/sie dazu überredet werden. Was er/sie bekommt, ist Ermutigung und Hoffnung, dass der Therapeut alles besser machen wird - jemand, der zaubert. Er/sie will aus seinem/ihrem Zustand "herausgezogen" werden; ein symbolisches Gefühl, das existierte, als das Ursprungsereignis - das Geburtstrauma - sich ereignete. Jemand, der ihn/sie wortwörtlich herauszieht und ihm/ihr Leben einhaucht. Die Passivität des Patienten erfordert einen aktiven, bejahenden Therapeuten. Der Therapeut wird sein/ihr Freund, weil er/sie sich kaum hinausgewagt hat, um Freunde zu gewinnen. Und er/ sie wird bereitwillig Anweisungen entgegennehmen und seinen Anleitungen gehorchen.

 

Gib einem Depressiven einen neuen Auslass - einen neuen Job, eine Party oder eine Gelegenheit, einkaufen zu gehen - und der gesamte nach innen gerichtete Druck strömt jetzt in manische Aktivität. Er "schmeißt sich" buchstäblich in seine Arbeit. Er ist "glücklich" in dem Moment, in dem seine Arbeit ihn glücklich macht. In Wirklichkeit hat er einen Auslass gefunden, um die Primärkraft freizusetzen. Hier sehen wir die Basis für die bipolare oder manisch-depressive Form der Depression. Keine andere Krankheit aber ein anderes Muster - hoffnungslose Tiefen gefolgt von manischer Energie. Wenn Verdrängung versagt, setzt manische Aktivität ein. Die Prägung reflektiert dasselbe zyklische Ereignis, das bei der Geburt geschah. Die Person steckte im ‚Trog' fest (Ich nenne es so) und war blockiert; dann schaffte sie es unter großer Anstrengung nach außen. Das Muster - hinab und dann hinauf - wird ausgelebt im Zyklus von Aufgeben und manischem Versuch, das Ganze zu beenden. Es ist dieselbe Energiequelle aber eine unterschiedliche Art, damit umzugehen. Also können wir sehen, dass einige von uns früh im Leben abschalten, und weil wir keine Ventile haben, werden wir "tot," global und emotional ‚abgeschaltet.' Andere schalten ab und "agieren" lebendig. Wenn die Rolle des "glücklichen Clowns" die Eltern erfreut, dann wird sich dieser Akt fortsetzen. Bei den professionellen Komödianten, die ich behandelt habe, war das niemals wahrer. Ich behandle gerade einen Depressiven, dessen Mutter chronisch krank war; er wurde zum Komiker, um sie aufzuheitern. Obwohl das nie lange funktionierte, wurde es zu einem Gewohnheitsmuster. Sein Bedürfnis? Eine glückliche Mutter, die ihn lieben konnte. Nimm die Chance weg, anderen zu gefallen, und die lauernde Traurigkeit wird allmählich hochkommen. Wenn jemand ungeliebt war, unterdrückt wurde und bei jedem Versuch zurückgewiesen wurde, dann werden sich Leblosigkeit und Depression verstärken. Wie wir uns entwickeln, hängt von späteren Lebensumständen ab: Waren die Eltern liebevoll? Waren sie nicht tyrannisch? Konnten sie freien Ausdruck zulassen? Wenn es freien Ausdruck und viel Körperkontakt gab, dann wird die Prägung in Schach gehalten, weil sie nicht verstärkt worden war, aber sie wird so lange nicht verschwinden, bis sie wiedererlebt und verknüpft wird.

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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