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Dr. Arthur Janov:   Depression - Das große Geheimnis (Teil 5/12 + 6/12) 

 Samstag, 23.11.2013 + Donnerstag, 28.11 .2013, The Mystery Known as Depression,  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

 

5. DIE SCHLÜSSELROLLE DER EPIGENETIK

Obwohl in seltenen Fällen die Genetik zum Teil für Depression verantwortlich sein kann, ist im Großen und Ganzen frühe Lebenserfahrung (einschließlich Erlebnisse im Mutterleib und Geburtstrauma), die eigentliche Ursache. Wir sehen die Wirkung von Epigenetik, der Änderung der Gen-Funktion ohne Änderung der zugrunde liegenden DANN-Sequenz (Booij et al., 2013). Diese Änderungen oder Abweichungen, wenn Sie wollen, involvieren oft einen biochemischen Prozess, der als Methylierung bekannt ist. Und es geschieht durch Methylierung, dass ein psychisches Trauma eingeprägt wird. Somit wird das Trauma - das einfach mangelnde Fürsorge und Liebe der Mutter sein kann - im System "fixiert" und bleibt bestehen. Das ist die Prägung, der Dreh- und Angelpunkt der Depression. Die Biochemie und letztendlich das Gehirn ist ‚umgelenkt' worden, wodurch depressive Tendenzen besiegelt werden. Es ist diese Prägung, die man behandeln und auflösen muss. 

Wissenschaftliche Beweise belegen immer deutlicher, dass Schwangerschafts- und Geburtsereignisse entscheidend für spätere Krankheit sind. In einer 2010 durchgeführten Studie der medizinischen Hochschule Hannover in Deutschland kamen Forscher zu dem Schluss, dass "Epigenetik von beträchtlichem Interesse ist für das Verständnis von frühem Lebensstress bei Depression." Die Studie, die im Journal ‚Current Opinion in Psychiatry' veröffentlicht wurde, fand neben vielen anderen Dingen heraus, dass ungeliebte und Körperkontakt entbehrende Kinder eine Prädisposition für Depression hatten. (Schröder, Krebs, Bleich & Frieling, 2010). Die jüngste Arbeit eines kanadischen Forscherteams deutete ebenso auf die entscheidende Rolle hin, welche die Epigenetik spielt. (Booij et al., 2013). Die folgende Passage ist ihrem Artikel entnommen : 

"Die Funktion der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPA) und des serotonergen (5-HT) Systems ist bekanntlich mit der Stimmung verknüpft. Änderungen in diesen Systemen sind oft mit Depression assoziiert. Jedoch ist keine an und für sich ausreichend, um Depression zu verursachen. Es wird jetzt zunehmend klar, dass die Umwelt eine entscheidende Rolle spielt, insbesonders die perinatale Umwelt. In diesem Bericht postulieren wir, dass früher Umweltstress eine Reihe epigenetischer Mechanismen auslöst, die das Genom und Programm der HPA-Achse und des 5-HT-Systems für das Überleben in einer rauen Umwelt anpassen. Unser Schwerpunkt liegt bei der DNA-Methylierung, weil sie das stabilste genetische Kennzeichen ist. Angesichts der Tatsache, dass DNA-Methylierungsmuster zum großen Teil innerhalb der perinatalen Periode angelegt werden, ist die Langzeitprogrammierung der Genexpression durch DNA-Methylierung während dieser Periode besonders anfällig für Umwelt-Angriffe. Wir diskutieren spezifische Gen-Beispiele im 5-HT-System (Serotonin-Transporter) und in der HPA-Achse (glucokortikoider Rezeptor und Arginin-Vasopressin-Verstärker), deren DNA-Methylierungszustand mit früher Lebenserfahrung assoziiert ist und potentiell zu Depressions-Anfälligkeit führen kann. Wir schließen mit einer Diskussion über die Bedeutung, epigenetische Mechanismen im peripheren Gewebe als Stellvertreter für jene Mechanismen zu studieren, die im menschlichen Gehirn ablaufen, und schlagen Verfahrensweisen für zukünftige Forschung vor." 

Es scheint, dass die schnellsten Veränderungen bei der Methylierung früh in unserem Leben stattfinden, zumindest in der neonatalen Periode, obgleich diese These Gegenstand weiterer Untersuchungen ist. Zum jetzigen Zeitpunkt ist wichtig, dass bestimmte Gene ruhig gestellt werden, die nicht ruhig gestellt werden sollten. Somit werden bestimmte Ausdrucksmöglichkeiten unterdrückt, was bei Depression oft der Fall ist. Nichts davon bedeutet, dass Methylierung das Leiden "verursacht," sondern vielmehr, dass es früh im Leben Widrigkeiten gibt, welche die Erzeugung des Leidens begünstigen. 

Obwohl die kanadischen Forscher die perinatale Periode betonen, haben wir auch herausgefunden, dass die Prägung früher liegt. Wenn das Neugeborene besonders empfindlich ist für Umweltangriffe, ist es sicher möglich, dass diese Angriffe früher stattfinden können und die Urprägung bilden können, die später Depression entstehen lässt. Methylierung bietet kurz gesagt das Urereignis, das den Prototyp für spätere Hemmung und Verdrängung anlegt; somit kann hohe Methylierung ein Prädiktor für spätere Depression sein. Es bedeutet, dass bestimmte Schlüsselgene, die Ausdruck finden sollten, ruhig gestellt werden, insbesonders aufgrund von Umgestaltung der Gen-Promotoren-Region. Die Tendenzen zu keinem oder schwierigem Ausdruck werden eingeprägt. 

Meine Meinung ist, dass einige dieser Veränderungen in der Physiologie während unseres Lebens im Mutterleib stattfinden, wenn die Sollwerte vieler Hormone - einschließlich des Schilddrüsenhormons - etabliert werden. Und in der Tat, wenn wir depressiven Patienten eine kleine Dosis eines Schilddrüsenmedikaments verabreichen, kommt es zu einer vorübergehenden Besserung. Man könnte glauben, dass solche Defizite genetisch seien, aber es gibt Ereignisse, die sie verursachen können und die nicht immer offensichtlich sind. Sie werden erst offensichtlich, wenn der Patient in der Therapie in die weit entfernten Regionen des Unbewussten hinabsteigt, wo die wesentliche Erklärung für die Depression zu finden ist. Man erlebt die Geburtserfahrung wieder, das Ersticken, die Strangulierung, den hoffnungslosen Kampf herauszukommen - die unsagbare und unbeschreibliche Verzweiflung. Natürlich bekommt sie erst Jahre später einen Namen, aber das Gefühl wird zu jener Zeit ins Nervensystem eingraviert. Wir können uns hoffnungslos fühlen, ohne dem Gefühl eine Bezeichnung zu geben. Angesichts einer Notlage im Erwachsenenalter taucht die alte Prägung auf - der Wunsch aufzugeben - und wird jetzt Depression genannt. 

Wir geben ihr diesen Namen, weil wir den Ursprung tief eingeprägter Verzweiflung nicht gesehen haben, ein Phänomen, das wir viele Male beobachtet haben. Wir nennen sie Depression, weil wir die Hoffnungslosigkeit im Inneren nicht kennen, die uns elend fühlen lässt. Wir geben der Depression den Namen der Abwehr anstatt den ihrer Ursache - Schmerz.

 

6. DIE NATUR DER PRÄGUNG

Es scheint, dass neue Forschung äußerst wichtige Beweise über Epigenetik liefert und darüber, wie Prägungen durch Methylierung von einer Generation zur anderen weitergegeben werden können (Booij et al., 2013). Ein Schlüssel hierzu könnte verdrängte Erinnerung sein, die unser ganzes Leben hindurch fortdauert; sie steuert Verhalten, Symptome und verschärfte Depression. Es stellt sich heraus, dass Prägungen von den Eltern zum Baby und von den Großeltern zum Baby weitergegeben werden können. Einige Gene, die angeschaltet sein sollten, sind es nicht, während solche, die ausgeschaltet sein sollten, an bleiben. Entscheidend ist in diesem Prozess Methylierung, eine chemische Reaktion, bei der eine Methylgruppe von einem Geber-Molekül (S-Adenosylmethyonin) auf das Cytosin der DNA oder auf ein Histon übertragen wird. Die Reaktion wird durch DNA - Methyltransferase (DNMT) katalysiert. Ein gewisses Maß an Methylierung geschieht auf natürliche Art, aber ein Trauma wie z.B. mütterliche Vernachlässigung in der Säuglingszeit kann exzessive Methylierung von Schlüsselgenen verursachen, die an der Stressreaktion beteiligt sind (Weaver et al., 2004). Methylierung hängt von der Arbeit der chemischen Methylgruppe ab, die sich rekrutiert, wenn ein traumatisches Ereignis stattfindet, und die dazu beiträgt, diese Erinnerung zu verankern. Wenn es zu einem plötzlichen Anstieg von Methylierung kommt, so scheint es, dann hängt sich ein Teil davon - das Element 612-13 - an das Gen an. Es ist jetzt Teil der DNA und schaltet bestimmte Hormone und andere neurochemische Prozesse an oder ab. Sobald das geschieht und Methyl rekrutiert wird, ändert sich danach die genetische Entfaltung.

Kurz gesagt kann Methylierung ein Agent der (Übertragungs-)Unterdrückung/Verdrängung sein oder genauer formuliert ein Kennzeichen dafür. In diesem Zusammenhang ist Verdrängung ein systemisches Ereignis, dass den gesamten Körper einbezieht. Wenn man Methylierung chemisch umkehrt (vielleicht mit neuen Medikamenten, die sie entwickeln), kann man immer noch Verdrängung haben. Enfernt man aber Verdrängung durch Therapie, kann man vielleicht Entmethylierung sehen. Solange die Studien nicht durchgeführt werden, bleibt unklar, wie eng die beiden verknüpft sind und in welchen Geweben. Eine Studie an der Duke Universität zeigte, dass Nahrung, die reich an Methyl war und an weibliche Mäuse verfüttert wurde, das Fellpigment des Nachwuchses vollständig veränderte (Dolinoy, 2008). Anders ausgedrückt funktionierte sie wie genetische Vererbung, obgleich sie das nicht war. Sie war das Ergebnis von Erfahrung, die das Herzstück unserer Theorie ist - Epigenetik.

In diesem Zusammenhang hinterlassen traumatische Ereignisse in frühester Kindheit (und ich nehme an einschließlich der Schwangerschaftsperiode) eine Kennzeichnung oder Markierung auf einem Gen, die uns möglicherweise lebenslang beeinflusst. Man hat herausgefunden, dass sogar Großeltern die Prägungen der Enkelkinder beeinflussten, wozu wir gleich kommen werden. Hier sei nur gesagt, dass die Erfahrungen unserer Vorfahren fortdauern und entlang der genetischen Kette weitergereicht werden können - die Vererbung erworbener Eigenschaften. Vor einigen Jahrzehnten noch hat die Wissenschaft das für unmöglich gehalten.
Es ist, was wir alle wissen; dass frühe Liebe uns stärker und weniger ängstlich macht. Aber es stellt sich heraus, dass die Erfahrung, wenn Rattenmütter schon früh in ihrem Leben geleckt und gestreichelt wurden, an ihren Nachwuchs weitergegeben werden konnte. Die Gene könnten durch die Methylgruppe (und auch durch andere Chemikalien) günstig modifiziert werden. Bei Menschen bedeutet dies, dass eine gute persönliche Geschichte der Mutter eine gute Kindheit für die Kinder bedeutet. Und je liebevoller die Mutter ist, umso weniger Methylierung gibt es beim Kind. Und bei geringerer Produktion von chronischen Stresshormonen ist vielleicht später die Wahrscheinlichkeit schwerer Krankheiten wie Alzheimer auch geringer.

Um sicher zu stellen, dass diese Änderungen bei den Ratten aus Erfahrung resultierten und nicht aus Vererbung, ließen sie normal stabile Jungratten von neurotisch vernachlässigenden Müttern aufziehen. Und das Ergebnis war dennoch das gleiche - ungestresste Babys. Diese Babys hatten Mütter, die normale Methylmengen in ihren Systemen hatten. Somit konnten Ratten, die von liebevollen Müttern aufgezogen wurden, dies auf den Nachwuchs übertzragen, auch wenn die Adoptivmutter nicht liebevoll war. Die Gene für den Stresshormon-Ausstoß hatten minimale Methylierung. Anders ausgedrückt wurde Liebe entlang der genetischen Kette weitergereicht. Also hatten normale Babys, die von gleichgültigen und unaufmerksamen Müttern aufgezogen wurden, dennoch niedrige Methyl-Spiegel in ihrem Hippokampus. Die Babys begannen ihr Leben mit einem Vorsprung - ein guter Start ins Leben trotz einer schlechten Kindheit. Ich glaube, dass Veränderungen in den Genen - Methylierung und Acetylierung - sich sehr früh ereignen müssen, wenn das Gesamtnervensystem sich entwickelt. Ehe wir also feststellen können, was Depression oder Angst verursacht, müssen wir das Wirken früher Epigenetik beobachten. Es sei noch einmal gesagt: Jungratten, die von lieblosen Müttern geboren wurden, wurden an liebevolle Mütter übergeben und diese Rattenjunge, die von schlechten Müttern geboren wurden und von liebevollen Müttern aufgezogen wurden, schienen dennoch normal und relativ unmethyliert. Denken wir daran, dass Methyl überall im System vorkommt, aber es geht nicht um die Gesamtmenge sondern vielmehr darum, wieviel in spezifischen Genen gefunden wird. (Weaver et al., 2004).

Ein anderer Grund, warum diese Forschung wichtig ist : Man hat herausgefunden, dass lieblose Mütter bei Nagetieren Methylierung der Östrogen-Rezeptoren im weiblichen Nachwuchs verursachen. Wenn diese dann eigenen Nachwuchs hatten, hatte dieser Nachwuchs Östrogenmangel, der diese weiblichen Nachkommen weniger aufmerksam und liebevoll gegenüber ihren eigenen Babys machte. Wir wissen bis jetzt nicht, wieviele chemische Schlüsselprozesse durch frühen Liebesmangel beeinflusst werden können. Und darüber hinaus haben wir keine Ahnung, wieviele Hormone in neurotischen (schwer methylierten) Müttern verändert werden und wie dies unzählige Verhaltensweisen bei Erwachsenen beeinflusst. Wird Depression vererbt? Es mag Wegbereiter dafür geben, aber sie manifestiert sich nie, wenn es später in der Kindheit sehr viel Liebe gibt. Wird die Tendenz zur Methylierung zum Teil vererbt oder epigenetisch weitergegeben? Und bildet das die Basis für Depression? Auf Grund der gerade zitierten Forschung scheint es, dass neurotische (methylierte) Mütter unweigerlich zu lieblosen Müttern werden und somit das Fundament für spätere Depression beim Nachwuchs legen (Weaver et al., 2004).

Und welche anderen Hormone werden durch dieses Szenario aufgebraucht? Werden wir mit einer Tendenz zu Angst geboren? Möglicherweise, aber in diesem Fall ist dann die Prägung nicht so sehr Methyl sondern eher Acetyl. Bei Acetylierung gibt es mehr Fehler im Verdrängungssystem. Acetylierung (Rekrutierung von Acetyl) erzeugt so ziemlich das Gegenteil von Methylierung, eher eine Neigung aufzumachen als zu verschließen, vielmehr eine Neigung in Richtung Ausdruck als zur Verdrängung hin. Die Rolle der Acetylierung ist gegenwärtig nicht genau bekannt und erfordert weitere Erforschung.

Zusammengefasst legen diese Daten nahe, dass ein Trauma schwere Methylierung bei denjenigen Kindern erzeugte, die in Waisenhäusern aufwuchsen. Und dieser Prozess beeinflusste dann viel mehr im Hinblick auf das Gehirn und auf die neuronale Entwicklung. Wenn wir also eine Mutter finden, die lieblos ist, müssen wir wissen, dass sie vielleicht von ihren Epigenen gesteuert wird; sie ist ein Opfer dieser Veränderungen. Ihr Kortisol-/Stresshormon-Spiegel rebelliert gegen ihre Mutterinstinkte. Methylierung schaltet eine Reihe "natürlicher" Verhaltensweisen ab. Bei Neurose können wir nicht natürlich sein und die Natur wertschätzen, weil wir von unserer eigenen Natur, von unserer Biographie, Geschichte und unseren Gefühlen abgespalten und entfremdet sind. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass unsere Gefühle uns leiten, weil sie effektiv abgeschaltet worden sind. Die Gefühle sind buchstäblich Aliens. Wir haben bei den meisten Patienten und besonders ausgeprägt in Fällen von Depression herausgefunden, dass Patienten, die kurz vor diesen Gefühlen stehen, oft Fieber entwickeln. Der Körper behandelt die Gefühle als Bedrohung, Gefahr und als etwas, das es zu vermeiden gilt; dennoch können diese Gefühle uns auch befreien.

Können wir Methylierung umkehren oder ungeschehen machen? Die Forschung informiert uns, dass Ratten, die geschädigt worden waren und von lieblosen Müttern aufgezogen wurden, keinen offensichtlichen Schaden aufwiesen, wenn sie Trichostatin-Infusionen erhielten. Als hätte das Trauma nie stattgefunden. Diese Droge entfernt Methyl aus dem System. Das ist nicht genau dasselbe wie Entmethylierung. Aber es machte die Geschichte ungeschehen (Weaver et al., 2004). Ich glaube, genau das kann vielleicht während des Wiedererlebens geschehen, wenn man sich auf die Prägung konzentriert. Es könnte eine Änderung bei der Methylierung geben, so dass Geschichte umgekehrt wird; genau das werden wir in unseren zukünftigen Forschungsprojekten untersuchen. Mir scheint, dass der natürliche Weg die Wahrscheinlichkeit für Kollateralschäden am System deutlich verringert. Da wir bereits herausgefunden haben, dass chronisch hohe Kortisol-Spiegel in unserer Therapie rückgängig gemacht werden, wäre es vielleicht folgerichtig, dass Methylierung auch umgekehrt werden könnte. In gewisser Weise kann das Maß der Methylierung ein Kennzeichen dafür sein, ob wir schon früh im Leben geliebt worden sind oder nicht. Das wäre aussagekräftiger als die Behauptung der Person, sie sei in ihrer Kindheit geliebt worden, obgleich dies tatsächlich nicht der Fall war. Wieviel Verleugnung ist da im Spiel?

Neurochemie ist vielleicht zuverlässiger, weil Biochemie keinen Grund zu lügen hat und nicht von Verleugnung motiviert wird. Sie kann ein Kennzeichen für posttraumatischen Stress sein. Je mehr Misshandlung in diesen Fällen geschehen ist, umso mehr Methylierung ist produziert worden. Wenn wir das zu unserer zukünftigen Forschung über Telomere und Kortisol hinzufügen, erhalten wir allmählich präzise Messungen des Schmerzes in uns. Und wir werden wissen, wann eine Droge zu gefährlich für uns ist, besonders Drogen wie Marijuana, die uns tendenziell öffen, uns offen machen für unsere Gefühle und unseren Schmerz. Und schließlich werden wir ein Kennzeichen für die Wirksamkeit bestimmter Psychotherapien haben. Macht die Therapie die Geschichte ungeschehen? Schwächt sie die Verdängung ab und lindert demzufolge die Depression? Gibt es bei Angstzuständen großen Schmerz auf der ersten Ebene? Es scheint der Fall zu sein, dass Liebe der Methylierung entgegenwirkt und normale Lebewesen erschafft.

K.J.S. Anand und seine Kollegen behaupten, dass bei einer Reihe von Selbstmorden mittels gewalttätiger Methoden "die signifikanten Risikofaktoren jene perinatalen Ereignisse waren, die wahrscheinlich Schmerz im Neugeborenen verursacht haben." (Anand & Scalzo, 2000). (Mehr über die Beziehung zwischen Suizid und perinatalem Trauma weiter unten). Sie heben auch hervor, dass Schwangere, die schwer rauchten, Babys hatten, die später eine verstärkte Neigung zu Kriminalität aufwiesen. Und Mütter, die in der Schwangerschaft Drogen nahmen, hatten Kinder, die weitaus mehr zum Drogenkonsum neigten, sowohl zu schweren Opiaten (Morphium) als auch zu Speed (Amphetamine).

Es gibt mittlerweile buchstäblich Hunderte von Studien, welche die Hypothese über frühe Prägungen unterstützen, wie sie dauerhaft werden und unser System ändern. Vor etwa zwanzig Jahren hat man an diese Forschung größtenteils noch gar nicht gedacht. (Noch einmal, im Detail wir das erörtert in Primal Healing, Janov, 2006). In einer anderen aufschlussreichen Studie, die 1998 in Kanada ausgeführt wurde, untersuchten David P. Laplante und Michael L. Meaney von der McGill Universität in Montreal Frauen, die während eines schweren Eissturms schwanger waren, um die Langzeitwirkung von Stress auf ihren Nachwuchs einzuschätzen (Laplante, et al., 2004). Die Forscher schreiben: "Wir vermuten, dass ein hohes Maß an pränataler Stress-Aussetzung besonders in der Frühphase der Schwangerschaft die Gehirnentwicklung des Fetus negativ beeinflussen kann........ Prägung bei der Geburt kann Individuen für bestimmte Verhaltensmuster prädisponieren, welche den größten Teil des Erwachsenenlebens maskiert bestehen bleiben."

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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