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Dr. Arthur Janov:   Depression - Das große Geheimnis (Teil 7/12 + 8/12) 

 Dienstag, 3. Dezember 2013 und Sonntag, 8. Dezember 2013, The Mystery Known as Depression,  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

7. DIE BEDEUTUNG DER TELOMERE

Elizabeth Blackburn and Elissa Apel berichteten in ‚Nature' (11, Oktober 2012, Blackburn & Apel, 2012) von einer Reihe von Studien über Telomere: 2004 verglich eine Studie weiße Blutzellen von Müttern mit chronisch kranken Kindern mit solchen Müttern, die gesunde Kinder hatten. Mütter von kranken Kindern hatten kürzere Telomere. Wahrscheinlich ist Stress ein Faktor. Und das bedeutet erhöhte Kortisol-Spiegel mit möglicherweise kürzeren Telomeren. Der Übeltäter ist nicht Kurzzeit-Stress sondern Dauerstress; was könnte dauerhafter sein als die Prägung?


Was Kortisol unter anderem bewirken könnte, ist die Steigerung der enzymatischen Aktivität von Telomerase, welche die Funktion von Telomeren beeinflusst. Um Klartext zu reden: Was dieses Enzym vielleicht macht, ist, dass es eifrig damit beschäftigt ist, den Verfall zu bekämpfen, der mit dem Input von Urschmerz stattfindet. Diese - wie es scheint - erhöhte Telomerase-Aktivität geschieht, um weiteren neuro-biologischen Schaden für das System zu verhindern. Ein Forschungsteam unter der Leitung von Owen Wolkowitz von der University of California in San Francisco hat Telomere und Depression untersucht (Wolkowitz, Reus & Mellon, 2011). Normalerweise hilft Telomerase, die Länge der Telomere beizubehalten oder sie sogar zu verlängern. Sie haben Schutzfunktion. Und sie werden größer, wenn Depressive Antidepressiva nehmen; sie wachsen auch bei Tieren, wo sie mit vergrößerten Nervenzellen im Hippokampus assoziiert sind. Es scheint, dass sich der Hippokampus mit den Fakten und mit der Erinnerung des Fühlens befasst. Er wird durch Depression schwer beeinträchtigt. Je länger die Depression dauert, umso kürzer werden die Telomere, und es wird zu einer Sache auf Leben und Tod. Man hat zum Beispiel herausgefunden, dass der sehr ernste Pankreas-Krebs mit kürzeren Telomeren in Blutzellen assoziiert ist. Diese Leute wurden auch vor dem Ausbruch des Krebses untersucht, so dass wir nicht sagen können, die Telomere haben sich wegen des Krebs-Ausbruchs verkürzt. Telomere bewahren die Stabilität von Genen; es kann sein, dass instabile Individuen instabilen Telomeren gleichkommen. Es gibt andere Krebsarten, die ebenso mit kürzeren Telomeren in Verbindung stehen. (In Kürze erscheint ein Buch von Ed Park, M.D., über Telomere). Eingeprägter Schmerz hat viel mit Depression und mit späterer schwerer Krankheit zu tun. Wir werden das bei unserem Patienten-Bestand untersuchen.


Telomere sind bei chronisch Depressiven kürzer, und diese Tatsache ist entscheidend. Warum? Wir können annehmen, dass es ursprünglich die Einprägung eines frühen Traumas gibt, welches die Depression auslöst. Das bedeutet Schmerz. Bei Depressiven kann es eine große Menge eingeprägten Schmerzes geben. Das scheint auch auf Immunstörungen zuzutreffen, da Depression das Immunsystem beeinträchtigt. Chronisch Depressive haben kürzere Telomere. Das kann die Gefahr schwerer Krankheit und frühen Todes bedeuten. Ich glaube, dass eine Gefühlstherapie, welche die Prägung attackiert, lebensrettend ist. Wir sehen allmählich, warum das so ist. Ein großes Problem ist, dass es um schweren Schmerz geht, wenn Patienten zu früheren Hirnstamm-Einprägungen gelangen; aber wenn sie dranbleiben, ist er nicht von Dauer, und es führt zu großen Veränderungen im gesamten System. Ich sage Patienten oft, dass ich den Schmerz da nicht reingesetzt habe; ich bin damit betraut ihn rauszunehmen.
Wenn Kortisol chronisch hoch ist und Telomere kurz sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, an bestimmten Krebsarten zu leiden, einschließlich des tödlichen Pankreas-Krebses. Was verursacht diesen Krebs? Wahrscheinlich spielt auch ein frühes Trauma, das eingeprägt worden ist und fortbesteht, eine Rolle. Somit bedeutet eine Hirnstamm-Einprägung eine Hirnstamm-Reaktion, und das kann tiefe physiologische Reaktionen bedeuten, einschließlich solcher Leiden wie Kolitis. Eine andere Wirkung ist das Auftreten von Demenz bei Menschen mit kürzeren Telomeren. Wiederum müssen wir ein Auge auf sehr frühe Traumen haben, sogar in der Schwangerschaft, um die Antwort auf die Fragen zu finden, was Krebs verursacht und was Demenz verursacht. Wenn aufgrund der Prägung ständiger Druck und ständige Spannung auf den Organen lastet, macht es Sinn, dass sie nachgeben und zusammenbrechen werden. Die Organe sagen: "Ich halt's nicht mehr aus. Das ist mehr als ich verkraften kann, alles zu viel." Es überrascht mich, dass sie ihre Unversehrtheit überhaupt so lange beibehalten.


In PloS One steht ein Artikel, der die Bedeutung von Angst für die Schädigung von Telomeren unterstreicht. Es ist eine wichtige Studie, in der die Forscher Blutproben von 5200 Frauen im Alter zwischen 42 und 69 Jahren nahmen, die sich für diese Women's Health Study angemeldet hatten (Okereke et al., 2012). Die Forscher analysierten die Telomer-Länge bei den Frauen. Diejenigen, die von häufigen Angstattacken (Phobien) berichteten, hatten signifikant kürzere Telomere. Die Forscher deuteten an, dass diese Tatsache das Leben der Frauen um sechs Jahre verkürzen würde. Sie kamen zu dem Schluss, dass chronische Angst in der Kindheit zu vorzeitigem Altern führt und natürlich zu einem kürzeren Leben. Angst wird uns umbringen; weshalb es so wichtig ist, dass die Prägung in der Psychotherapie nicht unangetastet bleibt. Telomere sind vielleicht bald das Schlüsselkennzeichen nicht nur dafür, wie lange wir leben, sondern auch dafür, wie viele Jahre eine Gefühls-Psychotherapie unserem Leben hinzufügen kann. Wenn wir die Prägung unangetastet und unverändert belassen, kann die Therapie ein Misserfolg sein.


Den Ergebnissen jüngster Forschung zufolge erodiert Stress Telomere schon ganz früh. So hatten Kinder, die von Geburt an in Waisenhäusern aufwuchsen, kürzere Telomere. Ich glaube, die Beweise liegen in so vielen Dimensionen vor; frühes Trauma schädigt das System auf jede mögliche Weise. Wir müssen achtgeben, wenn wir ein Baby im Mutterleib austragen und wir müssen wirklich auf unsere Geburtspraktiken achten, die zu oft schädlich sind. Die Forschung betont, dass sich früher Stress in die Kindheit fortsetzt. Er folgt uns überall hin, bis wir ihn erkennen, ihm voll ins Auge sehen und den Schaden wiedererleben. Paradoxerweise verschwindet der eingeprägte Schaden, wenn wir ihn erleben, und damit einher geht eine Normalisierung vieler vitaler Körperfunktionen. Hier haben wir unterstützende Beweise für die Existenz der Prägung, auch wenn sie nicht genannt wird. Warum sonst dauert sie an und verkürzt Telomere? Warum kann man nicht auf die Gleichung kommen, dass frühes Trauma im System fixiert bleibt und das Verhalten steuert während es unser Leben verkürzt? Ich glaube, je früher der Stress einsetzt - eine werdende Mutter, die früh in der Schwangerschaft raucht - umso schädlicher wird er später sein. Lehren wir über Schwangerschaft in der Schule, so dass Erwachsene verstehen, was Schwangerschaft für ein Menschenleben bedeutet.

 

8. DIE PHYSIOLOGIE DER HOFFNUNGSLOSIGKEIT

Auf dem Fachgebiet der Psychologie gibt es ein Einvernehmen, dass Schmerztöter zur Unterdrückung von Depression beitragen. Das bedeutet, dass man irgendwie erkennt, dass Schmerz vielleicht ein ursächlicher Faktor dieser Störung sein könnte. Und es gibt auch umfangreiche Forschung, die auf die Tatsache hindeutet, dass einige Formen der Depression aktivierte Zustände sind; die Stresshormon-Spiegel sind hoch, oft ebenso hoch wie bei Angstzuständen.

Frühe Veränderungen bei Hormonen und Neurotransmittern gehören zu den Mechanismen, wie Erinnerung eingeschrieben wird. Es gibt eine Gefahr: fehlende Befriedigung. Und diese Gefahr - der unbefriedigten Bedürfnisse - geht einher mit einer übermäßigen Sekretion von Stresshormonen. Ein Trauma, das dem Fetus und Säugling zustößt, veranlasst den Sympathikus hochzufahren, mehr Adrenalin, Dopamin, Kortisol, Noradrenalin zu produzieren. Wenn Bedürfnisse unbefriedigt bleiben, werden wir aktiviert.....in Richtung Befriedigung. Wenn die kritische Periode für Befriedigung abgelaufen ist, dann sind diese Befriedigungsversuche immer symbolisch. Zum Beispiel das Verlangen nach Beifall oder nach dauernder Anerkennung. Oder auf der B-Seite das Vermeiden von Kritik ("Sag', dass ich gut bin. Bitte. Kritisiere mich nicht. Ich bin am Ende.") Sobald die Prägung durch Methylierung verankert worden ist, kann sie kaum noch verändert werden. Die Persönlichkeit eines Menschen wird schon sehr früh fixiert, und zukünftige Erfahrung macht keinen großen und grundlegenden Unterschied mehr. (Wir planen im Herbst eine Studie über Methylierung).

Wachsamkeit ist eine Überlebens-Angelegenheit. Das gesamte System ist im Alarmzustand und bleibt alarmiert, solange Bedürfnisse nicht befriedigt werden und die Einprägung im System fixiert bleibt. Es ist nicht so, dass wir eine Erinnerung haben und es dann zu Hormon-Änderungen kommt; diese Änderungen sind Teil der Erfahrung, die mit der Erinnerung eng verknüpft sind. Und umgekehrt sind es die Änderungen in der Biochemie, die unsere Gedanken, Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflussen.
Zum Beispiel beeinflussen Gefühle den Hypothalamus, der den Ausstoß der "Liebeshormone" Oxytozin und Vasopressin reguliert. Diese Hormone helfen uns, liebevolle Beziehungen einzugehen und funktionieren zum Teil als Schmerztöter. Liebe kann das bewirken. Liebe ist der bedeutendste Schmerztöter für ein Kleinkind, so dass es kein Zufall ist, dass wir durch frühe Liebe eine eher große Menge an "Liebeshormonen" haben. Aber wenn niemand kam und uns am Lebensanfang lieb hatte, wenn wir einsam waren oder uns vernachlässigt fühlten, leiden wir wahrscheinlich unter chronisch niedrigem Ausstoß dieser Hormone. Das Grundgefühl ist "Niemand will mich" oder "Niemand liebt mich." Es ist und es war hoffnungslos. "Niemand will mich" regiert unser Leben. Es ist nicht als Gedanke eingraviert sondern als unbeschreibliches Gefühl. Es macht uns scheu in sozialen Situationen, lässt uns aussehen wie arme Sünder und erzwingt die Körperhaltung eines Besiegten. Alles Merkmale der Depression. Kurz gesagt herrscht Depression überall in uns, nicht nur im Gehirn. Sie begründet den Subtext, auf den wir in einer Therapie reagieren. Letztendlich brauchen wir Tranquilizer, um die Gefühle zu unterdrücken, die von unten Druck ausüben.

Mangel an Hormonen oder Neurotransmittern kann systemische Anfälligkeiten etablieren, so dass späteres Trauma voll ausgeprägte Leiden erschafft. Wir sehen keine klar erkennbare Krankheit, wenn das Kind fünf Jahre alt ist, aber die Saat ist bereits ausgebracht. Später sagen wir vielleicht "Magersucht wird durch zuviel Noradrenalin verursacht", durch zu wenig von diesem oder jenem. Das sind jedoch keine Ursachen sondern Begleiterscheinungen des Originaltraumas, das wir bei einer Person von 40 Jahren nicht mehr sehen oder uns vorstellen können. Die Prägung produziert Abweichungen in Persönlichkeit und Physiologie, die schließlich in spezifischen Symptomen enden. So kann der aggressive Sympath ein Übermaß an Noradrenalin haben. Es verursacht keine Magersucht; es ist Teil des Reaktions-Ensembles auf das Ursprungsereignis. Interessanterweise berichteten kanadische Forscher kürzlich von Erfolgen bei der Bekämpfung chronischer schwerer Magersucht durch die Verwendung derselben tiefen Gehirnstimulationstechnik im gleichen Gehirnareal, die bei der Behandlung von Depression funktionierte. (In beiden Fällen war Dr. Andres Lozana beteiligt, ein Neurochirurg am Krembil Neurowissenschaftszentrum des Toronto Western Hospitals und Professor der Neurochirurgie an der Toronto Universität). Die Ergebnisse, über die ursprünglich im Medizinjournal The Lancet berichtet wurde, zeigten, dass die Patienten nicht nur an Gewicht zunahmen sondern auch Stimmungsveränderungen bemerkten und Änderungen ihrer Fähigkeit, emotionale Reaktionen zu kontollieren (Lipsman et al., 2013). "Indem wir die genauen Schaltkreise im Gehirn ausfindig machen und korrigieren, die mit den Symptomen einiger dieser Zustände assoziiert sind, finden wir zusätzliche Optionen, um diese Krankheiten zu behandeln," stellte Dr.Lozano fest. (Science Daily 2013).

Ich teile die Begeisterung nicht. Tatsächlich finde ich beides gefährlich - schließlich ist es experimentelle Gehirnchirurgie - und unnötig. Die Forscher behaupten, dass sie die Aktivität dysfunktionaler Gehirnschaltkreise zügeln. Also warum sind diese Schaltkreise dysfunktional? Ich unterstelle, dass es Prägungen sind, die sie verzerren. In Wirklichkeit sind die nicht dysfunktional sondern sind als Abwehr gegen traumatischen Input umgeleitet worden. Und anstatt die Abweichung von Schaltkreisen zu korrigieren muss man die Ursachen dieser Dysfunktionen angehen. Andernfalls wiederholt sich der Teufelskreis in der gesamtem Psychologie und Psychiatrie immer wieder; etwas läuft schief und bringt Symptome hervor, aber anstatt die generierenden Ursachen zu suchen, schlägt man ständig die Symptome zurück. Die Chirurgen behaupten, dass sie eine neue Methode verkünden, um diese Krankheiten zu behandeln. Sie behaupten, dass sie die genauen Gehirnschaltkreise korrigieren, die mit den Symptomen assoziiert sind. Und sie tun es: Sie korrigieren Symptome und ihre Nervenschaltkreise, aber ich bringe vor, dass diese Schaltkreise zweitrangig nach der Prägung sind. Die Chirurgen wollen - wie wir alle - Leidenden helfen, aber wenn wir das Leiden angehen, vergessen wir manchmal, warum dieses Leiden geschieht.

Wenn wir nicht zurPrimärprägung gelangen, müssen wir auf radikale Therapien wie Gehirnchirurgie zurückgreifen, die im Fachgebiet wieder aufflackert. Dieser Ansatz bei Anorexie wird zunehmend populär und gesellt sich zur Gehirnchirurgie bei tiefer Depression. Diese Gehirnchirurgen stimulieren das Areal direkt unterhalb des Corpus callosum in der Umgebung des Gyrus cingulus, der viel mit Gefühlen zu tun hat, während wir dasselbe ohne Chirurgie machen. Nicht genau dasselbe; wir verknüpfen die Einprägung, so dass es dort keine Gehirnaktivierung mehr gibt, wo keine sein sollte. Wenn Patienten frühe Traumen wiedererleben, kommt es zu einer Kaskade von Veränderungen in Richtung normal. Das zeigt uns unmissverständlich, wie frühe Trauman ihre Tentakeln über das ganze System ausbreiten. Wenn wir nicht zum Primärtrauma gelangen, dann müssen wir jedes Symptom aufs Neue behandeln und jedes separat mit einer anderen Droge oder einer anderen psychotherapeutischen Methode.
Wir können uns die Prägung als Dirigent eines Orchesters vorstellen. Da Erfahrung nahezu fast alle unsere Systeme von den Muskeln über das Blut bis zu den Gehirnzellen beeinflusst, wirkt sich die Prägung zwangsweise überall aus. Dieselbe Prägung kann das Zentralnervensystem, das Herz und den Blutzuckerspiegel beeinflussen und tut dies tatsächlich. Sie kann alle Überlebensfunktionen ändern, weil das Überleben auf dem Spiel stand. Das bedeutet Auswirkungen auf der Tiefen Hirnstamm-Ebene, wo so viele Überlebens-Strategien organisiert werden. Wenn sich unser früher Schmerz durch spätere Erfahrung verschlimmert, werden Symptome manifest, entstehen hoher Blutdruck, Diabetes, Migräne und Schilddrüsenunterfunktion. Die simple Tatsache chronisch hohen Kortisols kann sich später im Leben auf das Gedächtnis auswirken, ganz zu schweigen davon, dass es uns anfälliger macht für kardiovaskuläre Erkrankung.

Schauen wir uns einige physio-chemischen Wirkungen der Prägung an. Nehmen wir an, es gab verminderte Sauerstoffversorgung bei der Geburt und während der Schwangerschaft, was durch eine werdende Mutter verursacht werden kann, die während ihrer Schwangerschaft Zigaretten rauchte oder die in den Wehen Betäubungsmittel erhielt, um ihren Schmerz abzutöten. Diese zwei Faktoren etablieren im System ihres Babys eine physiologische Aufzeichnung. Diese Aufzeichnung inszeniert ein breites Spektrum an Reaktionen im Baby; jede Reaktion ist eine Anpassung an die ursprüngliche Überlebensbedrohung. So ergibt sich ein geringeres Sauerstoffbedürfnis, das durch veränderte Atmung zustande gebracht wird wie z.B. flache und kurze Atemzüge, dann wird der Ausstoß der Schilddrüse gesenkt, der Blutdruck und die Körpertemperatur sind niedriger, es kommt zu Erschöpfungszuständen wie dem chronischen Müdigkeitssyndrom; und zu vielen anderen Phänomenen, die durch Hirnstamm-Funktionen gesteuert werden, wie z. B. Schmetterlinge im Bauch, Benommenheit, Ausgeflipptsein und ein vages Schreckensgefühl. Wenn dieser Schrecken früh eintritt, hat der Fetus oder das Neugeborene keinerlei Kapazität, um seine Wirkung abzumildern. Die Natur tiefen Schreckens ist so durchdringend, dass es beim Wiedererleben Jahrzehnte später lediglich möglich ist, ihn für einige kurze Augenblicke am Stück zu fühlen. Und es ist gefährlich, einen Patienten tiefer in das Feeling zu stoßen.

Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Resignation können durch diese verminderte Sauerstoffzufuhr eingeprägt werden; alle diese wahren Empfindungen, welche die Erinnerung begleiten. Diese Schmerzen lösen eine gleich große und gegenteilige Reaktion aus - Verdrängung. Der Schmerz wird jäh "erstickt" und das Ergebnis kann Depression sein; ein Zustand, der durch ein gefühlloses, diktatorisches Elternhaus verschlimmert werden könnte, in dem sich das Kind mit seinen Gefühlen an niemand wenden konnte. Es ist nicht unbedingt so, dass Eltern die Gefühle des Kindes unterdrückten, aber sie waren vielleicht emotional gar nicht präsent. Das Ergebnis ist das gleiche; kein Mensch, dem man seine Gefühle mitteilen konnte. Wir sind wieder hilflos und hoffnungslos. Schlimmer noch ist, dass das parasympathische Kind keinerlei Anstrengungen unternimmt, von den Eltern Liebe zu bekommen; es gibt auf und versucht es erst gar nicht.

Forschungen von A. R. Hollenbeck, einem anderen Spezialisten für fetales Leben, dokumentiert, dass jede Droge, die einer Schwangeren verabreicht wird, das Neurotransmittersystem des Nachwuchses verändert - besonders während der kritischen Periode, wenn sich diese Neurotransmitter-Systeme im Mutterleib bilden. (Hollenbeck, Grout, Smith & Scanlin, 1986). Er behauptet, dass Verabreichung von lokalen Anästhetika wie Lidocain (zur Unterstützung des Geburtsprozesses) während sensitiver (kritischer) Phasen der Schwangerschaft dauerhafte Verhaltensänderungen beim Nachwuchs erzeugen kann. Gehirn-Chemikalien wie Serotonin und Dopamin können sich bei einer Tiergeburt auf Dauer verändern, auch wenn lediglich Lokalanästhesie angewandt wird. Das wiederum beeinflusst das Schleusensystem.

Je mehr Schmerztöter eine Frau während der Wehen nimmt, umso wahrscheinlicher wird ihr Kind später zu Drogen- oder Alkoholmissbrauch neigen. Karin Nyberg von der Göteburg Universität in Schweden schaute sich die Medikation an, die den Müttern von 69 erwachsenen Drogenkonsumenten und 33 ihrer Geschwister an, die keine Drogen nahmen. Dreiundzwanzig Prozent der Drogenbenutzer waren in den Stunden unmittelbar vor der Geburt multiplen Dosen von Barbituraten oder Opiaten ausgesetzt. Nur drei Prozent ihrer Geschwister waren in utero den gleichen Drogenmengen ausgesetzt. Wenn die Mütter drei oder mehr Drogen-Dosen erhielten, war die Wahrscheinlichkeit um das Fünffache erhöht, dass ihre Kinder später Drogen missbrauchten. (Nyberg, Buka & Lipsitt, 2000). Es sind genug Tierstudien gemacht worden, die diese Befunde bestätigen - dass Drogen-Aussetzung im Mutterleib die spätere Neigung des Individuums zu Drogen ändert.

Es gibt Beweise, dass eine Mutter, die in der Schwangerschaft Downers nimmt, Nachwuchs bekommt, der später süchtig nach Amphetaminen wird, die als "Uppers" (Speed) bekannt sind, während eine Mutter, die in der Schwangerschaft Uppers nimmt - Kaffee, Kokain, koffeinhaltige Colas - Nachwuchs erzeugt, der später nach Downern süchtig ist - zum Beispiel nach Quaalud. Und der Grund, warum die Person eine Überdosis zu sich nehmen kann - wie z.B. zwei Tassen Kaffee vor dem Zu-Bett-Gehen trinken und dennoch leicht und gut schlafen können - liegt in einem erheblichen Defizit stimulierender Hormone - Katecholamine. Kurz gesagt haben sich die Ursprungs-Sollwerte für Aktivierung oder Verdrängung während der Schwangerschaft geändert und bleiben lebenslang bestehen.

Ich habe Patienten behandelt, die enorme Mengen Speed genommen haben und als Ergebnis nur sehr geringe Anzeichen von Wahn zeigten. Während andere Patienten von mir bei früheren Selbstmordversuchen tödliche Dosen von Schmerzkillern einnahmen - genug um jeden anderen umzubringen - und dennoch Stunden später wach lagen und sich nur leicht betäubt fühlten. Die schwere Gehirnaktivierung durch eingeprägten Schmerz widersetzt sich jedem Versuch, das System zu unterdrücken.

Psychotherapeuten müssen sich die Frage stellen: "Warum beruhigt ein Tranquilizer oder Schmerzkiller, der auf tiefere Gehirnzentren wirkt, den Patienten und ändert seine oder ihre Gedanken?" Wir wissen, dass er das oft tut. Wir wissen, dass jemand, der/die eine akute Herzattacke erleidet, sich schrecklich fühlen kann und dennoch seine Gedanken und seine Einstellung zu dem Erlebnis ändern kann, wenn ein Schmerzmittel gespritzt wird. Allein schon das sollte uns darüber informieren, dass Gefühle Gedanken lenken und nicht umgekehrt.



Übersetzung: Ferdinand Wagner

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