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Dr. Arthur Janov:   Depression - Das große Geheimnis (Teil 9/12 + 10/12) 

 Freitag, 13. Dezember 2013 und Mittwoch, 18. Dezember 2013, The Mystery Known as Depression,  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

9. DEPRESSION IST VERDRÄNGUNG AUF EINER HÖHEREN EBENE

 

"Schmerzverdrängung" auf verschiedenen Ebenen kann im Mutterleib an jedem beliebigen Zeitpunkt in den neun Monaten Schwangerschaft anfangen, sobald die Neurohemmer im Gehirn des Fetus hinsichtlich Schmerzunterdrückung funktionieren. Diese Funktion ist im letzten Trimester der Schwangerschaft weitestgehend eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt kann der Fetus Schmerz fühlen und er kann verdrängen. Die tiefste und schwerste Verdrängung ereignet sich in der Fötalphase und bei der Geburt, weil es fast immer eine Sache auf Leben und Tod ist (Anand & Scalzo, 2000). Diese gefährlichen Situationen verlangen vom Fetus extreme Reaktionen. Verdrängung in diesen Phasen wird dann global oder systemübergreifend und beeinflusst jeden Aspekt des Körpers und der Entwicklung des Fetus. Man spürt diese Art früher globaler Verdrängung in jemandem leicht, weil diese Leute eine abgeflachte Emotionalität haben, da sie vor dem Einsetzen der Verdrängung kein Gefühlsleben entwickeln konnten; und die Ursache dafür ereignete sich bereits, ehe sie ihren ersten Atemzug auf der Welt machten. Übrigens kann es auch festlegen, wie ein Mann sexuell funktioniert. Er hat nicht die biochemische Ausstattung, um hartnäckig, aggressiv, selbstsicher, optimistisch oder zukunftsorientiert zu sein oder sexuell erigiert. Das kommt daher, dass der Prototyp globale Auswirkung auf sein physiologisches Gesamtsystem hat, und die Ohnmacht, die er bei der Geburt erlebte, ist eine Ohnmacht, die sich in späteren Jahren als sexuelle Impotenz behauptet. Sein gesamtes System tendiert zu weniger Testosteron, Dopamin, Glutamat und Noradrenalin, gesenktem Serotonin-Spiegel und zu erhöhten Kortisolwerten. Das ist der Stoff, aus dem Impotenz gemacht wird; es ist keine Einstellung, die wir einfach ändern können, um durchsetzungsfähiger zu werden. Wir sind impotent auf der tiefsten Ebene der Gehirnfunktion.

Die Beweise nehmen zu, dass Menschen mit Depression mit höherer Wahrscheinlichkeit Herzkrankheiten entwickeln. (Freedland & Carney, 2013). Angesichts der Tatsache, dass Depression tiefe Verdrängung bedeutet und dies tiefen Schmerz bedeutet, ist die Schlussfolgerung nicht überraschend. Es gibt zwei Gedankenschulen, was das "Warum" betrifft. Die erste sagt, dass die biochemischen Änderungen - die Freisetzung von Stresshormonen - und autonome Änderungen, die sich während der Depression ereignen, das Herz beeinflussen. Die zweite Ansicht geht davon aus, dass Depression die Leute traurig macht und sie dann ihre Gesundheit vernachlässigen. Ich würde mich für die erste entscheiden, nur etwas weiter gehen und sagen, dass die ganz frühe Prägung, welche die Leute depressiv macht, letztlich auch ihr Herz beeinflusst; Stresshormone spielen bei beiden Zuständen eine Rolle. Leute, die deprimiert/verdrängt sind, können in einigen Fällen zeitweilig höheren Blutdruck haben, und wenn jemand seine/ihre Medikamente vernachlässigt, kann eine Herzattacke folgen. Dieser Artikel vermerkt, dass einer von sechs Erwachsenen von Zeit zu Zeit unter Depression leidet. Diejenigen, die eine Herzattacke erlitten und die auch deprimiert waren, hatten eine fünfach höhere Wahrscheinlichkeit, in den folgenden sechs Monaten an einer Herzattacke zu sterben. Forscher haben herausgefunden, dass sich einige deprimierte Patienten in einem Zustand von Übererregung befinden, und das bedeutet Druck und Aktivierung des Herzens. Stresshormone beschleunigen das Herz. Was verursacht chronisch hohe Stresshormon-Spiegel? Es ist weitgehend auf traumatische Einprägungen zurückzuführen.


In diesem Zusammenhang haben Forscher angedeutet, dass Hormone eine signifikante Rolle bei Depression spielen. Ein Bericht im Scientific American von 1998 mit dem Titel "Die Neurobiologie der Depression" (Nemeroff, 1998) stellt fest, dass das Monoamin Norepinephrin (Noradrenalin) bei Depression niedrig ist, etwa dreißig Prozent weniger als in einer normalen Population. Das bringt einige Fachleute zu der Annahme, dass Depression eine "Gehirnkrankheit" sei. Norepinephrin (ein Monoamin) ist im Großen und Ganzen ein stimulierender Nervenaktivierer. Es wird hauptsächlich in Schaltkreisen hergestellt, die dem locus coeruleus, einer Hirnstammstruktur entspringen. Es gibt Projektionen zu anderen Gehirnorten, besonders zum limbischen System. Weil es bei Depression nicht genug davon gibt, kann das zum falschen Schluss führen, dieser Mangel verursache Depression.

 

 

10. DIE GEBURT DES SELBSTMORDS (DIE SELBSTMORDGEBURT)

Das Zentrum für Krankheits-Kontrolle und -Vorbeugung berichtete kürzlich von einem alarmierenden Anstieg der Selbstmord-Zahlen unter Amerikanern mittleren Alters, besonders Männer in ihren 50ern, die eine Zunahme um 50 Prozent zwischen 1999 und 2010 zu verzeichnen hatten. (MMWR, 2013) Insgesamt übertrifft Selbstmord jetzt Autounfälle als Todesursache in den Vereinigten Staaten. Laut des kürzlich veröffentlichten Berichts "Studie über globale Belastung durch Krankheiten, Verletzungen und Risikofaktoren 2010" von Forschern an der Universität Washinghton (IHME, 2010) übertrifft er in den wirtschaftsstarken Staaten jetzt Krebs und Herzkrankheit als führende Todesursache für Leute im Alter von 15 bis 49. Weltweit fordert Selbstmord inzwischen mehr Opfer als Krieg, Mord und Naturkatastrophen zusammen, wie in einer alarmierenden Newsweek -Titelstory mit der passenden Überschrift "Die Selbstmord-Epidemie" ausführlich berichtet wurde (Dokoupil, 2013). Der Suizid ist eindeutig zu einem großen öffentlichen Gesundheitsproblem geworden. Noch haben Fachleute Mühe, die Ursache zu erklären. In einem Artikel der New York Times über die steigenden Raten (Parker-Pope, 2013) zitieren Experten eine Vielzahl möglicher Faktoren einschließlich schlechter Wirtschaftslage, zunehmender Verfügbarkeit von Drogen und sogar der einzigartigen Weltsicht der Babyboom-Generation. Die reale Erklärung entgeht ihnen, weil sie in der fernen Vergangenheit der Opfer verborgen liegt.

Suizidale Depression ist keine andere Krankheit sondern vielmehr ein Durchbruch von Gefühlen durch das Schleusensystem. Sie ist eine aufgewühlte Empfindung, bei der großer und unerträglicher Schmerz hochbrandet, nachdem er die Schleusen durchbrochen hat. Das System tut sein Bestes, um ihn unten zu halten, aber es ist vergeblich. Dann entsteht die Gesinnung "Der einzige Weg, den Schmerz aufzuhalten, ist, mich selbst umzubringen." Das Verlangen geht nicht dahin zu sterben sondern die Qual zu beenden. Je schwerer die Depression ist, umso wahrscheinlicher kommt es zu Gedanken wie "Was soll das alles." Es besteht ein Gefühl, dass es keine Optionen und Alternativen gibt, und das führt zu einem Vertieftsein mit Tod und Selbstmord. Im Szenario des schlimmsten Falles bedeutete der Ausgang des Ursprungsdramas beim Säugling den Tod im Augenblick der Geburt. Er bedeutete damals den Tod und er bedeutet jetzt den Tod durch die Prägung.....das heißt durch die fortbestehende Empfindung des drohenden Untergangs. Der Selbstmordversuch bringt die Sequenz zu ihrem logischen Schluss......Tod. In gewisser Weise etabliert Schmerz ein Kennzeichen für eine unbeendete Sequenz, die ursprünglich aufgrund ihrer massiven Schmerzlast abgebrochen worden war. Unser System kehrt ständig dorthin zurück, um zu beenden und zu integrieren, was ganz früh nicht integriert werden konnte.

 

Vielleicht ist es schwer zu glauben, dass Geburtsprobleme Jahre später Anlass für suizidale Tendenzen sein können. Das kommt daher, dass wir nicht gewohnt sind, über physiologische Erinnerung nachzudenken. Auch denken wir in der Regel nicht, dass die gewaltigsten Erinnerungen, die wir haben, diejenigen ohne Worte sind; Erinnerungen von Ereignissen, die älter sind als unsere Fähigkeit zu verstehen, was mit uns geschah. Wie wir gesehen haben, vergeht die Verzweiflung während eines Geburtstraumas nie. Sie mischt sich in späteres Verhalten und verschärft es. Später im Leben provozieren Widrigkeiten Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, den Wunsch aufzugeben, den direkten Ausläufer der Geburtssequenz. "Ausläufer" ist hier ein Schlüsselbegriff, weil wir, sobald etwas in der Gegenwart mit einer alten Erinnerung resoniert, gezwungen sind, die gesamte Sequenz bis zu ihrem logischen Schluss auszuagieren. Deshalb kommt es zu obsessivem Grübeln über Tod und Selbstmord, sobald man in dem Feeling drin ist. Der Unterschied ist, dass das Neugeborene den Tod nur auf vage Weise spüren kann, weil es keine Verhaltensoptionen hat, während der Suizid-Fall den Tod als Verhaltensoption benutzt, um die Agonie zu beenden.

Typischerweise involviert Selbstmord den Ausläufer der Geburtssequenz auf dieselbe Weise, wie Urschmerz sich in Sex einschleicht und den Sexualakt vollführt. Wir haben gesehen, wie für den Parasympathen die Geburtssequenz in einer Nahtod-Erfahrung endete; der Tod als einzige Möglichkeit, die Qual zu beenden. Von der Nabelschnur stranguliert zu werden oder durch ein überwältigendes Anästhetikum des Sauerstoffs beraubt zu werden macht den Geburtskampf qualvoll und vergebens, eine Sequenz mit ihrer eigenen unwiderruflichen Logik; Kampf, Leiden und Versagen, das zum Tod führt. Selbstmord beendet die evolutionäre Tendenz. Die eingeprägte Vertieftheit in den Tod geschieht in der Gegenwart, während man in die Vergangenheit versunken ist. Bei Leuten, die ans Sterben denken, als würde es gerade jetzt geschehen - das heißt, wenn die gegenwärtige Agitation/Agonie ein gewisses Maß erreicht - kann es das prototypische Gefühl auslösen. Dem Körper ist die gegenwärtige Ursache der Agitation - der herzzerreißende Verlust eines Ehepartners - gleichgültig. Sobald die Valenz des Gegenwartstraumas groß genug ist, fängt die alte Sequenz zu wirken an und beginnt dann mit ihrem Ablauf. Das Ergebnis kann Tod durch Erhängen sein. Viele Depressive behaupten beharrlich, sie könnten keinen weiteren Tag mehr mit Schmerz durchstehen. Weil sie keine Ahnung hatten, was geschah oder wie sie damit umgehen sollten, wurde Selbstmord zur logischen Option. Man ist selten vom Tod besessen, ohne dass Resonanz im Spiel ist, die Schmerz der ersten Ebene auslöst.

Zum einen besteht der Tod als Erinnerung im Nervensystem fort, zum anderen aber wählen Selbstmörder oft auch eine Methode, die den Prototypen ihrer Geburtserfahrungen reflektiert. So hängen sich Leute vielleicht auf, die von der Nabelschnur stranguliert worden waren, oder jemand, der bei der Geburt betäubt worden war, entscheidet sich für eine Überdosis Pillen. Warum? Wegen des Prototyps; für ein Neugeborenes, das durch die Nabelschnur stranguliert wurde, hätte weitere Strangulierung das Ende der Qual bedeutet. Leute, die bei der Geburt in amniotischer Flüssigkeit zu ertrinken drohten, werden den Tod durch Ertrinken wählen. Paradebeispiel: Der Autor und Schauspieler Spalding Gray war lebenslang vom Ertrinken besessen. Er schwamm immer so weit ins Meer hinaus, wie er nur konnte, bis zur völligen Erschöpfung, und kämpfte dann, um es zurück zu schaffen. Er brachte sich um, indem er mitten in der Nacht von der Staten Island Fähre sprang. Ich hypothetisiere, dass er vielleicht bei der Geburt zu ertrinken drohte, und das Ende der Originalsequenz wäre Ertrinken. Mit anderen Worten glaube ich, dass er starb, wie er geboren wurde. Das bedeutet nie, den Gegenwartschmerz zu bagatellisieren; manchmal ist er vernichtend und kann suizidales Niveau erreichen. Im Fall von Spalding Gray hatte der Schauspieler einige Zeit vor seinem Selbstmord einen schrecklichen Autounfall, und ich glaube, dass dieses hohe Schmerzniveau vielleicht die ursprüngliche Qual ausgelöst hat. Der Unfall verursachte eine Schädelfraktur und Schaden an seinem Frontalkortex, was vielleicht seine Fähigkeit zur Schmerzunterdrückung weiter geschwächt hat. (Williams, 2004) Das Gegenwartstrauma ist nur der Auslöser; es ist der Zusatz an frühem Schmerz, der einen oft in einen Selbstmordversuch treiben kann.

 

Menschen, die bei der Geburt eine massive Dosis eines Betäubungsmittels erhielten, nehmen vielleicht eine Überdosis Barbiturate, oder sie könnten sich in ihrer Garage vergasen. Und so fort. Ich erinnere mich an einen Patienten, der Dynamit hortete; nachdem er bei der Geburt Sauerstoffmangel erlebt hatte, war er drauf und dran, eine Stange an seinem Kopf zu befestigen und ihn wegzusprengen, so dass er nicht eine Sekunde Schmerz und Hoffnungslosigkeit erleiden würde. Jetzt lacht er darüber, aber damals sprach das Bände über seine Verzweiflung. Eine anderere Patientin war davon besessen, von einem Gebäude zu springen. Während ihrer Kaiserschnitt-Geburt hatte diese Person das Gefühl, in den leeren Raum hinausgezerrt zu werden, ohne sich irgendwo festhalten zu können. Ein anderer Patient, der bei der Geburt verbeult und gequetscht worden war, war vom Zwangsgedanken besessen, Kopf voran von einer Brücke zu springen.

 

Es ist natürlich nicht immer der Fall, dass die Suizidmethode das Geburtstrauma nachahmt, aber wir entdecken das wirklich oft, wenn wir mit unseren Patienten reden oder sie beobachten. Wenn wir eine Ahnung von unserer Geburt haben wollen, müssen wir uns anschauen, wie wir unseren imaginären Selbstmord wählen würden. Und umgekehrt, wenn wir etwas über den Ursprung von Depression erfahren wollen, müssten wir die Geburtsepoche überprüfen. Am Ende werden wir die Geheimnisse unseres Lebensanfangs entdecken. Das behaupte ich, nachdem ich Hunderte von Patienten über Jahrzehnte behandelt, beobachtet oder überwacht habe.

Kürzlich führte ich eine informelle Umfrage durch, in der ich meine Patienten über ihre Selbstmordversuche befragte oder über ihre Fantasien hinsichtlich der Suizidmethode. Fast ohne Ausnahme wählten die Parasympathen den passiven Ausweg - Schlaftabletten. Sie zogen es vor, auf einen langsamen, sicheren Tod zu warten. Sie waren auch ausnahmslos diejenigen, die bei der Geburt betäubt worden waren. Die Betäubtesten würden es übrigens vorziehen, sich bei laufendem Motor auf den Rücksitz des Autos zu legen und sich mit den Abgasen zu vergiften. Eine andere Patientin, die im eisigen Winter in Europa zuhause geboren wurde, wo es wenig Wärme gab, zog es vor, in den Schnee hinauszugehen und zu erfrieren. Sie hörte, das sei der friedlichste Weg zu gehen. Im Gegensatz dazu wählten die Sympathen die aktivsten Todesarten: eine Kugel in den Kopf. Einer sagte: "Ich kann mir nicht vorstellen dazusitzen und auf den Tod zu warten wie Leute, die sich ins Auto setzen." Ein anderer Sympath sagte, dass Ertrinken zu lange dauere und die Todeserwartung zu schrecklich sei: "Ich ziehe es vor, vor ein Auto zu springen. Das ist schnell und sicher." Bei der Geburt war er übel zugerichtet worden - totaler Körperschaden, weil man ihn gebogen und gedreht hatte, um ihn herauszubekommen. Er weiß, dass da äußere Rotation stattfand, weil er sich in der falschen Position "präsentiert" hatte und ausgerichtet werden musste. Von zwei Sympathen wollten beide ihren Kopf mit einer Schrottflinte wegblasen, so dass es kein Warten aber eine große Sauerei geben würde.

Die meisten meiner Patienten hatten eine feste Vorstellung von ihrem Selbstmord, der ihre Geburt widerspiegelte, und sie zogen nie eine andere Art zu sterben in Erwägung, weil es bei der Geburt keine Alternative gegeben hatte. ( Das war ausführlich von einem Team in Schweden untersucht worden, das von einem meiner Studenten geleitet wurde, Dr. Bertil Jacobson, medizinisch-technischer Direktor am Karolinska Institut, führende medizinische Universität und Forschungszentrum in Stockholm.) (Jacobson & Bygdeman, 1998). Dr. Lee Salk vom Medizinzentrum der Cornell Universität unternahm eine Studie über Heranwachsende, die Selbstmord versucht hatten. (Salk, Lipsitt, Sturner, Reilly & Levat, 1985). Er fand, dass 60 Prozent von ihnen drei große Risikofaktoren hatten, die zur Zeit der Geburt gleichzeitig aufgetreten waren: Atemnot, chronische Krankheit der schwangeren Mutter und fehlende pränatale Sorgfalt in den ersten 20 Wochen der Schwangerschaft. Übrigens liegt eine Möglichkeit, über die Beziehung zwischen eingeprägten Schmerz und Selbstmord zu erfahren, in der Gehirnforschung, wo einige Studien darauf hindeuten, dass das Selbstmord-Opfer grundsätzlich eine höhere Zahl von Serotonin-Rezeptoren im Gehirn hat aber weniger Serotonin-Aktivität im präfrontalen Kortex, wo entscheidende Abwehrmanöver lokalisiert sind. Das bedeutet geringere Fähigkeit zu verdrängen. Eine außerordentlich hohe Zahl dieser Rezeptoren wurde im Blut derjenigen entdeckt, die kürzlich Selbstmordversuche unternommen hatten; das unterstreicht, wie das System angesichts von Schmerz automatisch in den Verdrängungsmodus geht. Anstatt Schmerz zu messen, messen wir die Verdrängunskräfte, die er provoziert. Unsere Studie über Imipramin-Bindung von Blutplättchen scheint die Gehirn-Serotonin-Spiegel zu reflektieren. Interessanterweise besteht das größte Selbstmordrisiko, wenn die Serotoninspiegel auf einem Tiefstand sind; wenn die Verdrängung ihren schwächsten Punkt erreicht hat und wenn das Feeling nahe der Oberfläche auftaucht. Deshalb haben Depressive das ständige Gefühl des drohenden Untergangs und ständige Selbstmord-Gedanken. Solange die Schleusen halten, sind Selbstmordgedanken unwahrscheinlich. Gefährlich wird es, wenn die Schleusen undicht werden. Denn was hochkommt und sich aufdrängt, sind genau diese hoffnungslosen Gefühle, die in der Prägung verborgen sind.

Der Ablauf der Geburtssequenz bleibt sich selbst treu und weicht gewöhnlich nicht ab. Wenn ein Gegenwarts-Ereignis stark genug ist - wie der Tod eines Ehepartners oder der Verlust eines Geschäfts - kann es die Geburtsequenz auslösen, und dann kann man die Handlung der Person voraussagen. Man könnte sich fragen, wie es kommt, dass der Verlust eines Geschäfts - gleich, wie schwerwiegend - jemanden dazu bringen könnte, einen Selbstmordversuch zu unternehmen. Der Grund ist, dass das frühe Trauma das Verhalten des Erwachsenen infiltriert hat, so dass er zwischen Vergangenheit und Gegenwart nicht unterscheiden kann. Der Mensch versucht alles, um das Geschäft am Laufen zu halten, obwohl er es von der Logik her schon lange hätte schließen müssen. Schließlich wird die Lage hoffnungslos und große Verzweiflung setzt ein. Einer meiner Patienten prozessierte weiterhin, obwohl man ihm nahegelegt hatte, dass die Niederlage vor Gericht unvermeidlich sei. Er kämpfte und kämpfte und verlor dann alles, während sich die Schulden für die Anwalts-Gebühren derart häuften, dass er sich keine Hoffnung machen brauchte, sie je bezahlen zu können; das rief schließlich eine tiefe Depression hervor. Er hatte viele Merkmale eine Sympathen - offensichtliche Niederlagen oder Hindernisse nicht anzuerkennen - bis er vor der Wahrheit nicht mehr davonlaufen konnte. Die ursprüngliche Wahrheit, vor der er davonlief, war der Tod, der direkt hinter seinen fortgesetzten Kämpfen lauerte.

Wenn man im Erwachsenenleben damit konfrontiert ist, keine Optionen mehr zu haben, wenn man seine materielle Lebensgrundlage verloren hat, einen Ehepartner oder ein Kind, oder wenn sich die Freunde von einem abwenden, wird man dazu neigen, dem Prototyp bis zum logischen Schluss zu folgen. Wenn es niemanden gibt, der helfen und unterstützen könnte, niemand, der verstehen und Mut zusprechen könnte, scheint der Tod der einzige Ausweg zu sein. Das große Problem ist, dass die Person nie weiß, woher die Agonie kommt. " Es ist halt so angenehm zu wissen, dass ich den Schmerz beenden kann, wann immer ich will," bemerkte eine meiner Patientinnen, die vom Tod besessen war. Sie konnte sich keine neuen Möglichkeiten vorstellen oder aneignen, wie z.B. in eine neue Stadt umzuziehen, einen anderen Partner oder Job zu finden, weil der eingeprägte Mangel an Alternativen Visionen und Vorstellungen in seinen Grenzen hält.

Es gibt Vergeblichkeits-Stufen, die sich mit jedem Trauma aufbauen, wenn wir klein sind. Mit 30 einen Partner/eine Partnerin zu verlieren bringt einfach das Fass zum Überlaufen, wenn wir als kleines Kind ein ähnliches Trauma erlitten hatten - den Verlust eines Elternteils. Die Kraft dieses angehäuften Urschmerzes kann die grundlegendste Lebenstendenz - Überleben - umkehren und Anti-Überleben (Suizid) logisch erscheinen lassen. Der Überlebensinstinkt kann nur besiegt werden, wenn die Psyche so geschädigt ist, dass der Lebensinstinkt sich umkehrt und der Tod zum Ziel wird. Selbstmord ist die Option eines Organismus, der vom Leben, von der Erfahrung besiegt worden ist. Es ist die logische Handlung eines ungeliebten (zerrütteten) Organismus, einer Kindheit, der es so an Wärme, Fürsorge, Freundlichkeit und vor allem Hoffnung fehlt, dass keine Erholung möglich ist. Der Körper sagt: "Was immer ich tue, nichts funktioniert. Nichts holt mich aus dem Schmerz raus. Nichts kann mir das Gefühl geben, geliebt und erwünscht zu sein. Es gibt nichts mehr zu tun, kein Ausagieren, keine Hoffnung mehr." Dann kommt es zum Selbstmord, dem äußersten Akt der Selbstzerstörung Zerstörung des Selbst, das Qualen leidet.

Solange es einen Funken Hoffnung gibt, kann der Tod vermieden werden. Aber wenn die/der Ex die Scheidung einreicht und vorhat, eine(n) andere(n) zu heiraten, verschwindet der letzte Rest Hoffnung. Es ist erschütternd, wenn eine Mutter das Zuhause verlässt und ihr Kind der Obhut eines tyrannischen, trunksüchtigen Vaters überlässt oder eines gefühllosen Klotzes von einem Mann, der auf nichts emotional reagiert. Wenn dieses Kind erwachsen ist und als Mann wieder von seiner Frau verlassen wird, die mit einem anderen durchbrennt, ist der kombinierte Schmerz überwältigend und lässt die Agonie fatal werden. Für das Kind im Mann hat das Ganze keine Logik. Der Mann kann sich nicht vorstellen, dass das Leben weitergeht, weil er in seinen Gefühlen immer noch der tief unglückliche kleine Junge ist - ganz allein, hilflos, entfremdet, hoffnungslos. Als Therapeuten können wir dem Erwachsenen Hoffnung geben, aber der kleine Junge im Mann ist noch immer da - und er leidet.

Schon ein Hoffnungsschimmer kann den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Schauen Sie sich Filmstars an wie Marilyn Monroe, die alles gehabt zu haben scheint, einschließlich bewundernder Fans, und sich dennoch völlig ungeliebt und elend fühlte. Sie brauchen nicht mehr Liebe; schließlich fehlt es nicht an der Liebe von einer Million Leuten. Obwohl es vielleicht der Intuition zu widersprechen scheint, ist das, was sie nötig haben, sich ungeliebt zu fühlen.....von den Menschen, die in ihrem Leben zählten.....von ihren Eltern. Das ist der Schlüssel, weil das Wiedererleben dieses Gefühls das System entriegelt und befreiend wirkt. Wenn wir die Mutter eines suizidalen Patienten in eine Sitzung holen, und sie herzt und küsst ihn innigst, macht das keinen Unterschied. Wenn er aber zulässt, sich von ihr völlig ungeliebt zu fühlen, macht das sehr viel aus. Sich ungeliebt fühlen entsperrt die Tore der Abwehr, die Liebe hereinlassen können. Und das Ergebnis dieses Wiedererlebens ist eine Senkung des Kortisol-Spiegels und eine Normalisierung der Vitalfunktionen.

Menschen, die einen Selbstmordversuch unternehmen, wissen einfach nicht mehr, was sie tun sollen, um weiterleben zu können. Sie wollen das Leiden beenden; aber weil es das Selbst ist, das leidet, fällt die Wahl darauf, das Leben zu beenden. Könnte man ihnen ein Ende Ihres Leidens versprechen, würden sie nicht sterben wollen. Was weh tut, ist nicht das Fühlen. Die Qual entsteht durch die Kollision zwischen hochkommendem Schmerz und der Abwehr, die ihn unterdrückt. Wenn man in einem Feeling drin ist, gibt es keine Qual mehr; es ist jetzt einfach ein Feeling.

Damit ein Mensch weiterhin daran glaubt, dass es Sinn macht, am Leben zu bleiben und damit er/sie nicht auf suizidale Gedanken und Pläne zurückfällt, muss er/sie schließlich in einem angemessenen therapeutischen Umfeld die Original-Gefühle erleben, die seiner/ihrer Hoffnungslosigkeit zugrunde liegen. Der Patient muss gegenwärtige Verlust- und Traurigkeitsgefühle und alte Verzweiflungsgefühle auseinanderhalten. Nur Hoffnung zu spenden, ohne dass der Patient die Hoffnungslosigkeit fühlt, ist nicht heilsam. Das hilft nur oberflächlich. Aber im Erleben der Hoffnungslosigkeit liegt die Fähigkeit des Menschen, die Depression und suizidale Tendenzen zu beenden. "Nun," könnte jemand sagen, "ich habe mich völlig hoffnungslos gefühlt, weil ich meine Freundin verloren habe. Das sollte reichen." Dem ist nicht so; die Hoffnungslosigkeit muss in ihrem ursprünglichen Zusammenhang gefühlt werden, andernfalls ist es nicht heilsam. Es wirkt nur lindernd. Das Ursprungs-Gefühl, das abgespeichert ist, muss voll ins Bewusstsein gebracht werden, so dass es nicht mehr ausgelöst werden kann.

Hoffnung liegt in der ursprünglichen Hoffnungslosigkeit - empfunden in einer sicheren, warmen Atmosphäre. Nachdem jemand die völlige Hoffnungslosigkeit vom Lebensanfang an gefühlt hat, wandelt sie sich automatisch in Hoffnung. Niemand muss ihr oder ihm noch Hoffnung anbieten. Die Person ist auf dem Weg zur Gesundheit, ein Weg, auf dem zu leben nicht so schwer fällt wie sich selbst zu töten. Die Hoffnung, die sie oder er jetzt hat, ist Realität und keine Fantasie.




Übersetzung: Ferdinand Wagner

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