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Primal Mind

 

 

Dr. Arthur Janov:    Der Zeitplan der Gefühle                 

Samstag, 3. Juli 2010, The Timetable of Feelings, www.arthurjanov.com                                                         

                                                                                                          

In den meisten aktuellen Psychotherapien gab es seit jeher eine Vergöttlichung des denkenden Kortex. Die Idee dahinter ist: Wenn du deine Gedanken und Überzeugungen änderst, ziehen die Gefühle nach. Das ist nicht der Fall; ganz im Gegenteil. Das limbische System und insbesonders die Amygdala hat viel mehr Nervenbahnen – und deshalb mehr Einfluss – zum Neokortex hin als in umgekehrter Richtung. Gedanken und Glaubensüberzeugungen sind schwache Waffen im Kampf gegen Gefühle; denken Sie daran, dass unsere Gefühle wichtige Überlebensmechanismen sind und gleichbleibend stark sein sollten. Man sollte sie nicht leicht durch Gedanken ausschalten können. In der Psychotherapie sollten wir der Struktur und Funktion unseres Gehirns größere Aufmerksamkeit widmen, so dass wir keine Scheintheorien aushecken. Einsichten sind nicht die mächtige Waffe, für die wir sie einst hielten. Tatsächlich lag das Hauptaugenmerk  der meisten Psychotherapien des zwanzigsten Jahrhunderts auf Einsichten. Gefühle wurden zu oft vernachlässigt; wieder dachte man, dass Gedanken Gefühle kontrollieren und ändern könnten. Was wir brauchen, ist ein angemessenes Gleichgewicht zwischen Denken und Fühlen. Wir können keine unkontrollierbaren Gefühle haben oder einzementierte Gedanken, die Gefühle brechen. Wenn eine Psychotherapie Gedanken als Hauptfunktionsmodus hat, ergibt sich zwangsläufig ein Ungleichgewicht.

 

Tiere können fühlen ohne Gedankenanhang. Aber beim Menschen haben Gefühle ein gedankliches Gegenstück, den Verstand, der die Integration des Gefühls unterstützt. Aber wir sollten Gedanken über Gefühle nicht mit den Gefühlen selbst verwechseln. Ein Therapeut, der die Gefühle eines Patienten zu „berichtigen“ versucht, bringt ihn von einer biologischen Gefühlserinnerung ab. Neurotische Gedanken sind abweichend aufgrund historischer Gefühle der Person. Sie stimmen mit Gefühlen überein; nur ein Außenstehender kann sie als abgewichen oder neurotisch diagnostizieren. Er kann das, weil er vergrabene Gefühle, welche die Überzeugungen steuern, nicht leicht sehen kann. Wenn der Therapeut  und der Patient die Gefühle sehen und verstehen, werden die Gedanken nicht mehr als abwegig betrachtet. Diese Gefühle trieben abweichende Gedanken an, um das Überleben zu sichern. Es ist keine Grille oder Laune, dass jemand Gedanken wählt. Tatsächlich werden die Gedanken von den Gefühlen gewählt und nicht umgekehrt. „Ich hasse Frauen“ ist ein Gedanke, den jemand haben kann aufgrund einer Drachen-Mutter, die ihr Kind 'erstickt' hat. Er hasst seine Mutter und verallgemeinert dann auf alle Frauen. Er generalisiert frühe Erlebnisse und Gefühle mit seiner Mutter. Der Hass auf Fauen ist unsere Eintrittskarte, die uns tieferes Eindringen ermöglicht. Wenn wir uns erst einmal in den Hass des Patienten eingeklinkt haben und dem Patienten dann die Freiheit gewähren, ihn auszudrücken und zu fühlen, bringt ihn das automatisch zum Ursprung des Gefühls zurück. Und darin liegt Integration und Auflösung. Der Verstand, das Verstehen ist die letzte Stufe bei einem Gefühlserlebnis..

 

Wenn eine Patientin anfängt, ein langdauerndes Gefühl (Einprägung) aufzulösen, ist sie befreit worden. Wenn wir uns auf das Therapeutenverständnis dessen verlassen, was die Patientin vielleicht gerade fühlt, ist alles verloren. Wenn der Therapeut mehr redet als die Patientin, ist wirklich alles verloren; es besteht dann keine Hoffnung auf Heilung. Wenn die Patientin fühlt, bezieht sie mehr Gehirnsysteme mit ein als mit Einsichten oder Gedanken. Der Prozess ist dann tiefgreifender. Dazu benötigen wir einen Therapeuten, der Zugang zu seinem tiefen Unbewussten hat. Für Therapeuten, die Jahre damit verbringen, die intellektuelle Seite der Psychologie zum Nachteil des Fühlens zu perfektionieren, ist das eine abschreckende Aufgabe.

 

In unserer Psychotherapie helfen wir dem Patienten, das Allgemeine zu nehmen und es auf das Spezifische zu reduzieren (Hass auf Frauen, Hass auf Mutter). Davon können wir allgemeine Gesetze ableiten, die auf ein breites Band von Individuen zutreffen, und helfen somit diesen anderen Leuten zu fühlen, zu integrieren und aufzulösen. Alle Patienten müssen ein Feeling erleben und es auflösen. Nahezu alle von uns haben dasselbe Gehirnsystem. Es gibt keinen anderen Weg, Heilung für Neurose zustande zu bringen; keine Abkürzung zur Gesundheit. Wir müssen festhalten, dass wir die Rolle von Gedanken und Gefühlen in unserer frühen Geschichte und in der Geschichte der Gehirnevolution verstehen müssen. Und wenn ein Patient abreagiert und nicht vollständig fühlt, können wir sicher sein, dass es keinen Fortschritt geben wird. Wir haben ein sehr großes Gefühlshirn-System; wir können es in der Psychotherapie nicht ignorieren und dem Patienten gleichzeitig helfen, dass es ihm besser geht. Ich sollte anfügen, dass das einzige Mal, dass eine Einsicht helfen kann, dann ist, wenn der Patient nicht genügend Zugang zu seinem Verstandes-Gehirn hat und Hilfe braucht; das ist nicht oft der Fall. Einige Leute müssen wirklich ihr Denkvermögen erweitern, um die Kontrolle über auswuchernde Gefühle zu unterstützen. Ich denke an ständiges impulsiv-geladenes Verhalten. Jedenfalls erzeugen Gefühle Gehirnzustände und nicht umgekehrt, zumindest nicht in der Art, wie ich sie erörtere. Wenn wir das Bewusstsein erweitern wollen, müssen wir alle fühlen, was im Unbewussten liegt. Wenn wir uns des Unbewussten voll bewusst werden, sind wir auf dem Weg zur Gesundheit. Ich sage „voll bewusst“, weil Bewusstheit ohne Fühlen nur ein weiteres Glaubenssystem ist. Bewusstheit wird einfach vom Kortex der obersten Hirnebene verschlungen und liegt machtlos im Gehirn. „Du weißt, dass du die ganze Zeit impulsiv handelst?“ Ich weiß es, aber was jetzt?

 

Wie ich an anderer Stelle anmerke, wird die Geschichte sich präsentieren, wenn sich der Patient in ein Gefühl eingeklinkt hat. Wenn er in rasender Wut versinkt, wissen wir, dass der Ursprung auf der ersten Linie (Ebene) liegt, wo die Raserei entstanden ist. Wenn das Gefährt des Fühlens (leichteren) Zorn hervorbringt, wissen wir, dass wir es vielleicht mit späteren Ereignissen in der Kindheit zu tun haben. Wenn bei einem Patienten milde Furcht in einer Sitzung Schrecken auslöst, wissen wir, dass sein Ursprung auf der ersten Ebene zu finden ist. Wenn seine Gefühle zu Furcht führen, wissen wir, dass es einen limbischen/fühlenden Ursprung gibt, und wir müssen uns dorthin konzentrieren. Wir können nicht Stufen der Evolution überspringen und dabei dem Patienten helfen. Wir können das Gefühl aus der Tiefe nicht ignorieren, weil es da ist und erlebt werden muss, allerdings nach einem korrekten biologischen Zeitplan. Wenn der Patient in einer Sitzung in Zorn versunken ist und dann in Raserei, müssen wir das Gefühl mit der geringsten Valenz nehmen und damit arbeiten. Es ist dieses weniger mächtige Feeling, das die beste Chance auf Auflösung und Integration hat. Wenn man in einer Sitzung ein Gefühl (rasende Wut) außerhalb der evolutionären Ordnung nimmt, resultiert das gewöhnlich in Überlastung und mangelhafter Integration. Unsere Theorie ist keine Theorie zufälliger psychologischer Zustände sondern die Theorie einer Hierarchie integrierbarer Gefühle. Wut und Schrecken sagen uns, wo wir einen Patienten fokusieren müssen. Es lenkt uns zielsicher zu der Seite, mit der wir uns befassen müssen, und zu der Epoche, wo das alles begonnen hat.  

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Übersetzung: Ferdinand Wagner