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DR. ARTHUR JANOV:    

DIE BIOLOGIE DER LIEBE    

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die amerikanische Originalausgabe  mit dem Titel   

"THE BIOLOGY OF LOVE" erschien anno 2000 bei  Prometheus Books, New York. 

 

© Copyright 2000 Dr. Arthur Janov

 

 

aus dem Amerikanischen von

Ferdinand Wagner

 

 

Es gibt zurzeit keine deutsche Übersetzung auf dem Buchmarkt

 

Über dieses Buch (vom Übersetzer)

Der weltbekannte amerikanische Psychotherapeut Dr. Arthur Janov (geb. 1924) ist Begründer der Primärtherapie und Autor mehrerer Bücher. Sein erstes Buch Der Urschrei, in dem er seine revolutionäre Therapie und die ihr zugrunde liegende Primärtheorie vorstellt, wurde zu einem internationalen Bestseller.

In seinem Buch Die Biologie der Liebe zeigt Dr. Janov, der inzwischen auf 40 Jahre Erfahrung als Primärtherapeut und Wissenschaftler zurückblicken kann, wie zahlreiche aktuelle Studien seine These untermauern, dass widrige Umstände und Ereignisse im Mutterleib, bei der Geburt und in der frühen Kindheit unser Gehirn und unsere Persönlichkeit formen. Traumatische Ereignisse in diesen frühen Lebensphasen perlen nicht einfach an uns ab. Sie werden in das junge Nerven- und Hormonsystem eingeprägt und üben ihre Kraft ein Leben lang aus, so dass sie unsere seelische und körperliche Gesundheit im Erwachsenenalter oftmals schwer beeinträchtigen können.

Die Biologie der Liebe erklärt, warum Liebe von Beginn des Lebens an zentraler Bestandteil einer gesunden psychophysischen Entwicklung ist. Sie schafft eine positive Einprägung und gibt uns die nötige neurale und biochemische Ausrüstung, um mit späteren Widrigkeiten fertig zu werden. Letztlich erzeugt sie einen Menschen, der fühlen und lieben kann. Wenn umgekehrt in diesen kritischen Perioden Liebe fehlt, dann können wir uns nicht optimal entwickeln. Bereits im Mutterleib können wir biochemisch aus dem Gleichgewicht gebracht werden, bereits hier wird die Grundlage geschaffen für spätere Krankheit, zum Beispiel für Depression. Eine Geburt unter Anästhesie – und das bedeutet für das Baby eine Geburt unter Sauerstoffmangel – kann diese Tendenz verstärken, weil sie das junge System lahm legt und unser Reaktionsmuster in Richtung Passivität und Resignation verschiebt. Wächst das Kind in einem Elternhaus auf, in dem der Ausdruck von Gefühlen nicht gestattet ist, dann wird es später als Erwachsener möglicherweise unter Depression leiden.

In der Biologie der Liebe vereint Dr. Janov jüngste Forschungsergebnisse zahlreicher Wissenschaftler auf dem Feld der Neurobiologie, Biochemie und Psychologie mit seiner eigenen Jahrzehnte währenden Arbeit als Psychotherapeut und Wissenschaftler. Das Ergebnis ist ein Buch, das sowohl Fachleuten als auch Laien aktuelle Antworten auf die alte Frage nach der conditio humana, nach der Bedingung oder Natur des Menschen liefert.

Die Biologie der Liebe ist kein Buch, das sich in der Beschreibung dessen erschöpft, was uns von ganz früh an zustoßen kann. Dr. Janov erklärt, wie man „das Gehirn gesund machen kann.“ Wenn wir Zugang erlangen zu tief verborgenen Gefühlen und Einprägungen, dann können wir sie aus dem System herauslösen und somit einen Großteil des Schadens reparieren, der uns zugefügt worden war. Eine Voraussetzung, dass dieser Weg mehr Menschen als bisher offen steht, ist die Neuorientierung der Psychotherapie. Worte und Einsichten eines Therapeuten können uns diesen Zugang nicht verschaffen. Sie bewirken eher das Gegenteil. Die Psychotherapie der Zukunft muss eine Psychotherapie des Fühlens sein und die Tür zu tieferen Gehirnregionen öffnen. Denn dort liegen jene Kräfte verborgen, die uns sowohl krank als auch wieder gesund machen können.

 

 

TEIL III

DIE MACHT DER LIEBE

KAPITEL 15
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LIEBE HAT VIELE NAMEN

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Wir haben gesehen, wie das fetale Leben lebenslange Folgen haben kann. Ich bezeichne Deprivation, die während der Zeit im Mutterleib geschieht, als Mangel an Liebe. Lassen Sie uns jetzt sehen, was Liebe oberirdisch in unserem Leben nach der Geburt ist. Aber seien wir uns darüber im Klaren, dass jegliche anhaltende Deprivation von Grundbedürfnissen eine Bedrohung für die Liebe ist. Anders ausgedrückt geben wir Kindern Liebe, indem wir ihre Grundbedürfnisse erfüllen, und das bereits, ehe sie Kinder werden.

In der modernen biologischen Literatur fällt Liebe unter viele Namen. Wenn die Stimmungen der Mutter und auch des Vaters mit denen des Babys in Einklang stehen, ist das ein Ausdruck von Liebe. Eine deprimierte und folglich uninteressierte Mutter wird nicht entsprechend auf die ausgelassene Stimmung ihres Kindes eingehen und hinterlässt in ihm das Gefühl, dass es nicht beachtet und somit nicht geliebt wird.

Liebe hat damit zu tun, alle Grundbedürfnisse des Babys zu erfüllen. Vor der Geburt bedeutet sie, sich gut zu ernähren und Alkohol, Zigaretten und andere Drogen zu meiden. Bei der Geburt bedeutet sie ausreichenden Sauerstoff und keine schweren Anästhetika. Nach der Geburt bedeutet sie richtiges Stillen und warmherziges Halten und Berühren. All das wird geschehen, wenn die Mutter und der Vater fühlen und lieben können. Sie werden dem Baby liebevoll in die Augen schauen, es liebkosen, hätscheln und beschützen, sie werden das Baby warm halten und mit ihm auf langsame, maßvolle, sanfte Weise reden – alles Praktiken des gesunden Menschenverstandes, die automatisch aus dem Gefühl der Liebe erwachsen. Wie sich Liebe manifestiert, ist von Mensch zu Mensch verschieden, aber die

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allgemeinen Prinzipien sind die gleichen: Sie müssen das Baby und Kleinkind herzen und hätscheln, es vor Gefahr schützen, ihm das Gefühl von Sicherheit geben, auf seine Stimmungen eingehen, so dass es sich verstanden fühlt, mit ihm reden und nicht ständig verlangen, dass es anderen etwas vorführt („Wie sagst du.....?“, „Zeig uns mal, wie du zählen kannst“, etc.). Eltern sollten die Entwicklung nicht über das hinaustreiben, was das Baby tun will; gehen, wenn die Zeit gekommen ist, nicht nach dem Zeitplan der Eltern. Gleichzeitig  aber soll es optimaler Stimulierung ausgesetzt sein, so dass seine Fähigkeiten aufblühen. Und als Letztes, widmen Sie dem Baby Zeit, schauen Sie seinem Spiel zu und lassen Sie es wissen, dass Sie da sind. Seien Sie da, wenn das Kind sich weh tut und fühlen Sie mit ihm, wenn es sich das Knie aufschlägt. Lassen Sie es wissen, dass sie verstehen. Wenn wir fühlen können, kommt das alles ganz von selbst.

Wenn der Vater unruhig und schroff ist, wird er mit hastiger, hoher und gereizter Stimme reden, und das Baby wird das spüren. Es wird die Entwicklung des Babygehirns beeinflussen, die Produktion repressiver Zellen hemmen und exzitative Zellen ändern. Ein Baby, das man „ausschreien“ lässt, wird nicht geliebt. Niemand schreit grundlos. Schreien bedeutet, dass irgendwo eine Geschichte voller Schmerz im Verborgenen liegt, und wenn wir nicht herausfinden können, wo sie ist, so können wir wenigstens Trost anbieten. Ärzte sagen den besorgten Eltern vielleicht: „Das Baby liegt nicht nass, es scheint es behaglich zu haben und hat wirklich keinen Grund zu schreien.“ Dem ist nicht so. Die Gründe können darin liegen, was vor der Geburt geschah. Auch im Mutterleib war es ein menschliches Wesen, hatte es ein Gehirn und konnte Schmerz fühlen, und es kann, wie wir jetzt wissen, im Mutterleib weinen. Damals konnte es sein Unbehagen nicht mit Worten ausdrücken, und so drückt es dieses Unbehagen jetzt mit Tränen aus. Hören wir auf unsere Gefühle und nehmen wir das Baby auf, wann immer es schreit. Lieben Sie ihr Kind und behandeln Sie es von Anbeginn des Lebens als fühlendes Wesen. Es ist kein „Kind“, es ist ein menschliches Wesen.

Wie man einen Fetus liebt

Liebe bedeutet auch, in der Schwangerschaft auf sich selbst zu achten,  wenn die Neuronen im Gehirn des Fetuses sich mit unglaublicher Geschwindigkeit entwickeln. Die Mutter darf nichts tun, was die Entwicklung dieses Babys bedroht, wie Alkohol zu trinken und Beruhigungsmittel zu nehmen, die ihren Weg ins System des Babys finden werden. Liebe bedeutet, das Baby zu wollen, weil Mütter, die ihr Kind nicht haben wollen, feststellen müssen, dass ihre Kinder mehr Gesundheitsprobleme physischer und auch psychischer Art haben als andere Kinder. Vor allem kein Rauchen während der Schwangerschaft. Der Fetus bekommt es zu spüren und reagiert im Mutterleib darauf.  Er kann im Mutterleib wortwörtlich würgen und keuchen.  

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Eine rauchende/trinkende Mutter kann die Alarmzentren des fetalen Gehirns schädigen, Zentren, die durch Dopamin aktiviert werden. Verbinden Sie das mit überzogener Medikation und schlechter Ernährung, und Sie haben die richtige Zusammensetzung für permanenten Dopaminmangel im Nachwuchs.

Tiere können nicht artikulieren, dass sie sich nicht geliebt fühlen; stattdessen agieren sie es aus durch Hyperaktivität, Aggression, fehlende Neugier, Unfähigkeit, Beziehungen mit anderen Tieren aufzunehmen, und so fort. Wir agieren es aus und geben der Sache auch einen Namen. Wenn meine Patienten während eines Gefühlserlebnisses aufschreien, rufen sie zuerst: „Halte mich, sei für mich da.“ Schließlich wird ihr Bedürfnis spezieller: „Schau mich an. Mag mich. Spiel’ mit mir.“ Und zuletzt: „Bitte, hab’ mich lieb!“ „Freu’ dich, dass du mich siehst.“ Letzteres ist so wichtig. Eltern betrachten ihre Kinder zu oft als selbstverständlich. Sie sind einfach „da“, um Befehle entgegenzunehmen.

Das sind die Bedürfnisse, die wir täglich hören. Das sind die Schmerzen, die wir beobachten, wenn sie nicht erfüllt werden. „Spiel’ mit mir“ scheint kein besonderer Schmerz zu sein, aber allzu oft sind Eltern zu beschäftigt und zu gedankenverloren, als dass sie in Ruhe Zeit hätten, mit dem Kind zu spielen. Oft sind Eltern zu gehetzt, als dass sie das tun könnten. All dies ist die wirkliche Bedeutung von Liebe. Aber sie ist nicht einfach das, was man macht; sie ist, wer man ist, ein fühlendes Geschöpf oder nicht. Eine gehetzte, angespannte, ungeduldige Person oder ein ruhiger, entspannter Elternteil, der das Kind mit Geduld und Bewunderung lehren und ihm zuhören kann. Selbst liebende Eltern können von einem Kind zu viel verlangen. Kinder sprechen das Alphabet gerne nach, weil sie dafür Anerkennung bekommen, aber oft ist es für sie besser, Liebe einfach deshalb zu bekommen, weil sie existieren und nicht wegen ihrer Leistung.

Liebe bedeutet optimale Stimulierung; nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern die richtige Art von Stimulierung. Wie wir später sehen werden, entwickeln sich der ganze Körper und das Gehirn nicht wirkungsvoll, wenn es zu massiver emotionaler Deprivation am Lebensanfang oder zu anderen Traumen kommt. In Anstalten lebende Kinder erleben körperliche Wachstumsschübe, wenn sie warmherzigen und verständnisvollen Pflegeeltern übergeben werden. Die liebevolle Interaktion mit den Eltern stimuliert den Hypothalamus, der wiederum die Hypophyse aktiviert, um Wachstumshormon freizusetzen. Liebesentzug kann das Wachstum eines Kindes hemmen. Es ist die Art, wie der Körper sagt: „Ich kann ohne Liebe nicht wachsen.“  

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Wenn es am Lebensanfang, besonders in den ersten eineinhalb Jahren, Liebe gibt, wird das System nicht zu Übererregung tendieren und kann Stimulation besser vertragen. Liebe ist in dieser Periode entscheidend. Das bedeutet, dass man das Baby aufnimmt, wenn es schreit. Wenn Sie ein adoptiertes Kind haben, das seine ersten Monate in einem Waisenhaus verbrachte, können sie davon ausgehen, dass es später Probleme gibt. Liebevolle Adoptiveltern können den Schmerz bessern aber nicht zum Verschwinden bringen. Denken Sie daran, die Gehirnsysteme der tieferen Ebenen entwickeln sich viel früher als die kortikalen. Leben fand zuerst auf diesen subkortikalen Ebenen statt, und diese Erlebnisse existieren schon lange auf solchen Ebenen, bevor es Worte gibt. Wir haben eine Weg gefunden, um diese Ebenen betreten zu können, und haben gelernt, was sich dort befindet.

Ohne Liebe und Stimulierung können wir kein normales Gehirn haben und kein normales Leben führen. Der präfrontale Kortex und sein ‚Kollege’, die orbitofrontale Region, sind unglaublich selbstbetrügerisch. Aus diesem Grund kann ein Zahnarzt ein Placebo (eine neutrale, leere Pille) verabreichen, dem Patienten sagen, es sei starke Medizin, die Schmerz abtötet, und der Patient fühlt nichts, wenn der Bohrer auf den Nerv trifft. Die Frontalregion verleugnet unsere eigene qualvolle sensorische Erfahrung. Der Zahn erleidet heftigen Schmerz, aber „wir“ nicht, und „wir“ bedeutet der erkennende, verstehende Kortex. Wenn sich die geistige Vorstellung änderte, würde der Patient dann Qualen leiden? Ja, wenn der Zahnarzt sagt „Das wird weh tun,“ wird der Patient das Gesicht verziehen und sich zusammenkrümmen. Das besagt nichts anderes, als dass sich der Kortex den subkortikalen Zentren entfremden kann. Er kann Vorstellungen entwickeln, die der Realität entgegenwirken.

Zu Beginn habe  ich Liebe und seine wesentlichen Punkte erörtert, und ich fahre nun fort, indem ich diskutiere, was fehlende Liebe dem Gehirn, insbesondere dem Botenstoff-System antut, das Gefühle zu unseren höheren Zentren für Verstehen und Bewusstheit transportiert. Ich verwende den Begriff „Liebe“, aber ich könnte den Begriff genauso gut vermeiden und es Bedürfnis-Erfüllung nennen. „Liebe“ ist einfach die Kurzfassung davon. Es ist keine mystische Vorstellung. Es ist nichts, das im Ozon existiert; vielmehr ist es konkret und spezifisch. Was vielleicht schwierig zu bestimmen ist, ist das Fühlen des Gefühls. Es ist eine Eigenschaft, die nicht leicht zu messen ist. Nichtsdestotrotz werde ich es versuchen. Haben wir erst einmal eine gute Vorstellung, was Liebe ist, können wir und bemühen, sie zu messen. Man kann die ganzen Handlungen der Kinderpflege ohne Fühlen vollziehen, und das Baby spürt das, weil es größtenteils ein fühlendes System mit weit geöffnetem sensorischen Fenster ist, und es wird nie wieder so offen sein. Ich erwähnte an früherer Stelle, wie ein besorgter Vater seinem Sohn alle richtigen Fragen stellte, wirklich an ihm interessiert war, aber ihn nie berührte. Der Vater konnte das nicht, weil er sein Leben lang nie berührt worden war. Das sensorische System des Babys ‚bekam es mit’ und bewahrte das Bedürfnis in unversehrter Form bis ins Jugendalter auf, wo die Berührung durch einen älteren Mann „richtig“ zu sein schien. Endlich

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wurde das Bedürfnis erfüllt, viel zu spät, und die Homosexualität hatte Wurzeln geschlagen. Es wäre nicht zur Homosexualität gekommen, hätte der Vater seinen Sohn von Anfang an liebkost. Diese frühe Berührung würde ihn zur Heterosexualität hinlenken. Spätere Berührung nicht, weil sie weit jenseits der kritischen Periode stattfindet und als solche zur symbolischen Erfüllung wird. Es fühlt sich für die Person real an, aber es ist dennoch Ersatzbefriedigung, Befriedigung alter Bedürfnisse. Ich habe im Laufe der Jahrzehnte mehrere Hundert Homosexuelle behandelt, und das scheint eine unvermeidbare Tatsache zu sein. Ich will ein komplexes Thema nicht simplifizieren. Aber das oben Genannte ist ein zentrales Element in diesem Problem. Andere offensichtliche Elemente können Angst vor Frauen, Hass auf das andere Geschlecht und Ähnliches sein.

Und die Kinder werden die Eltern sein

Es gibt in der Kindererziehung immaterielle Werte, weil Gefühle immateriell sind. Sie können es bei anderen spüren, wenn sie ihre Gefühle verdrängen, wenn sie keinen Zugang zu ihnen haben, aber Sie können ein Feeling nicht zu fassen bekommen und sagen: „Hier ist es!“ Es ist wichtig zu wissen, dass die Art, wie wir unser Baby behandeln, für die Entwicklung seines Gehirns entscheidend ist. Eine unaufmerksame, verwirrte Mutter kann dann wieder ihr Kind mit dieser gleichen Verwirrtheit prägen. Das Kind wird vielleicht ebenso unaufmerksam, weil es aufgrund der fehlenden Aufmerksamkeit der Mutter leidet. Dieses Leiden stimuliert seinen Kortex, es überreizt ihn, so dass Konzentration nicht in Frage kommt. Somit haben wir einen manischen, ‚hyperen’ Erwachsenen, der einen beeinträchtigten frontalen Kortex hat wegen einer Mutter, die manisch und ‚hyper’ war, sich nicht entspannen und nicht bei ihrem kleinen Kind verweilen konnte.

Das Gehirn lieben, aber wie

Wie lieben Sie ein Gehirn? Indem Sie die Funktionen erfüllen, zu denen das Gehirn im Stande ist. Es geht wirklich darum, jemanden zu lieben, der dieses Gehirn mit sich herumträgt.  Zum Beispiel hat der größte Bereich des Kortexes mit Berührung zu tun. Wenn wir wollen, dass sich dieses Gehirnareal entwickelt, umarmen und liebkosen wir das Kind. Wir müssen das Baby in unsere Arme nehmen. Tiere, denen in den ersten Monaten des Lebens die Augen verbunden werden, entwickeln niemals visuelle Gehirnbahnen und sind danach funktionell blind. Keine noch so große visuelle Stimulierung kann später daran etwas ändern. Mit Liebe ist es nicht anders, ausgenommen dass wir es nicht vor uns „sehen“ können, wenn Liebe fehlt.  

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Schwere Deprivation menschlichen Kontakts am Lebensanfang kann unsere Fähigkeit, Beziehungen aufrecht zu erhalten, für immer schädigen. Anfangs fehlende emotionale Nähe kann einen Psychopathen erzeugen. Es ist unbedeutend, wieviel Liebe Psychopathen als Erwachsene erhalten, nach meiner klinischen Erfahrung verändert sie nichts. Sie sind weit über die kritische Periode hinaus, in der Liebe für den Aufbau des Gehirns bedeutend gewesen wäre. Sie können menschlich aussehen, eine Art verführerischen Charme entwickeln, aber in ihrem Inneren sind sie kein menschliches Wesen. Die meisten Therapien sind gegen Psychopathen wehrlos.

Eine Mutter, die trinkt, wenn ein Kind acht Jahre alt ist, wird nicht die gleiche schwere Wirkung haben wie eine Mutter, die trinkt, wenn sie schwanger ist. Dieses frühe Trinken kann Krebs in der Kindheit hervorrufen und ist eine wesentliche Ursache für verzögerte geistige Entwicklung. Es kann die Funktionen der Organsysteme des Babys und den Herzrhythmus verändern. Es kann die Anfälligkeit des Körpers für hohen Blutdruck im späteren Leben erhöhen und könnte schließlich zu einem Schlaganfall im mittleren Alter führen, wenn dieser hohe Blutdruck (Hypertonie) lange Zeit andauert. Chronischer Alkoholkonsum der Mutter senkt die Blut- und Sauerstoffzufuhr zum Gehirn des Fetuses. Wenn die Mutter gleichzeitig raucht, steht sogar noch weniger Sauerstoff zur Verfügung; subtiler Gehirnschaden setzt sich fest. Gestern sah ich im VSD, einem französischen Magazin, ein Foto eines Mannequins, die ihre Schwangerschaft bekannt gab. Sie hatte eine Zigarette in ihrer Hand. Wenn sie nur wüsste. Rauchen und Trinken der Mutter in der Schwangerschaft erhöht bereits die Verwundbarkeit des Fetuses für eine Geburt, die unter Anästhesie durchgeführt wird, so dass es zu einem doppelten Sauerstoffmangel-Trauma kommt; die Reaktion auf die Geburt erfolgt unter Bezug auf die bereits mangelhaften Sauerstoffreserven im Baby. Es kommt nicht nur zu Sauerstoffmangel wegen der Medikamente, welche die Mutter bei der Geburt erhält, sondern solche Traumen gründen auf dem Sauerstoffdefizit, das durch das Rauchen der Mutter verursacht wurde.

Wenn emotionale Deprivation etwas unabdingbar einbezieht, dann ist es fehlende Berührung und Zärtlichkeit von Anfang an. Wenn das Baby unter Stress steht, weil dieser Stimulus fehlt, wird Kortisol freigesetzt, und wenn dieses Stresshormon über längere Zeit abgesondert wird, produziert es ein toxisches Gehirnmilieu, das bestimmte Gehirnstrukturen schädigen kann, und dies auch tun wird.  

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Kortisol wird ins System freigesetzt, wenn Liebe fehlt, weil das Hormon als Reaktion auf Schmerz sekretiert wird. Es warnt vor Gefahr. Wir werden wachsam und sind auf der Hut, weil Bedürfnisse nicht erfüllt werden, auch wenn wir uns nicht einmal bewusst sind, dass wir Bedürfnisse haben. Das Wachsystem ist das Stress-System, da wir uns darauf vorbereiten, gegen einen unsichtbaren Feind zu kämpfen. Um zu vermeiden, dass die Bedrohung ins Bewusstsein gelangt, scheiden bestimmte Strukturen im Gehirn Neurosubstanzen ab, die verhindern, dass die Schmerzbotschaft die Synapse überquert. Liebesmangel schädigt vielleicht auch die „Pump“-Kapazität wichtiger hemmender Neurotransmitter, so dass der Mensch danach unterversorgt ist, weil ihm die Fähigkeit fehlt, Inhibitoren wie Serotonin zur Bekämpfung des Traumas herzustellen. Wenn der Stress andauert, dann deshalb, weil die Gefahr jetzt in uns ist. Bei chronischem Kortisolausstoß versagt die Wachsamkeit; es steht weniger Energie zur Verfügung, um Stress zu bekämpfen, und das System verfällt in einen defätistischen Modus. Das Stress-Syndrom lässt uns auf der Hut sein, auch wenn wir einschlafen wollen.

Viele meiner neu anfangenden Patienten haben einheitlich hohe Kortisolwerte. Warum sind sie so wachsamkeitsgestresst? Sie sind in Gefahr, den Liebesmangel zu fühlen, eine Tatsache, die auf ihren tieferen Gehirnregionen herumschwirrt. Das Gehirnsystem ist ständig vor einer Gefahr auf der Hut, die aus einer Jahrzehnte zurückliegenden Zeit stammt. Es ist eine Sache, wenn der frontale Kortex der oberen Gehirnebene den Schmerz wahrnimmt; es ist eine ganz andere Sache, wenn er sich dessen vollständig bewusst ist (wenn er Zugang zu tieferen Gehirnebenen hat). Letzteres bedeutet Schmerz.

Wir müssen diesen Schmerz an die Oberfläche bringen. Wenn wir ihn nicht integrieren, verschlechtert sich unser Zustand. Aber wenn die Botschaft äußerst schlimme Nachrichten überbringt – „Sie werden mich niemals lieben. Es ist alles hoffnungslos“ – kann das System stattdessen eine falsche Meldung abliefern  - „Sie haben mich wirklich lieb, aber sie können es nicht zeigen.“ Die Nachricht muss blockiert werden, weil die Verdrängung darauf abzielt zu verhindern, dass der frontale Kortex die ganze Hoffnungslosigkeit zur Kenntnis nimmt. Verdrängung ist ein anderer Begriff für Hemmung, dem Blockieren von Impulsen und Informationen aus der Tiefe des Gehirns. Das System hält diese Information automatisch zurück. Weiß das System einmal wirklich Bescheid, dann reagiert es! Es ist diese Reaktion, die sowohl für den Körper als auch für das Gehirn gefährlich ist. Eines kann der Kortex dann nicht länger leisten, nämlich Aufmerksamkeit: Wenn ein zu starker Impuls oder zu viele Impulse gleichzeitig im frontalen Kortex ankommen, zerstreut sich der Brennpunkt. Kann das alles geschehen, weil das kleine Kind mit sechs Wochen nicht ausreichend berührt und gehalten wurde? Ja, das Kind ist auf der Hut vor dem Verstehen, dem vollen Begreifen dessen, was mit ihm in den ersten Wochen und Monaten seines Lebens geschehen war.  

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 In unserer Arbeit kann der Patient wegen der vernichtenden Beschaffenheit der Botschaft Monate brauchen, bis er sich ihrer voll bewusst wird. Den Patienten einfach für ein paar Tage vor dem Start der Therapie zu isolieren, bewirkt, dass das Gefühl seine Reise von den unteren Tiefen zu den höheren Zentren beginnt. Die Patienten fangen im Hotelzimmer zu weinen an oder fühlen sich einfach überwältigt. Die Information löst sich und steigt auf. Wenn das Unbewusste allmählich bewusst wird, mischt sich Leiden ein. „Mir war nie klar, wie allein ich in meiner Kindheit war,“ könnte die Beschwerde des Patienten in den ersten Sitzungen lauten. „Mein ganzes Leben habe ich gegen dieses Gefühl der Hilflosigkeit angekämpft,“ ist eine weitere Klage. Solange Patienten jedoch nicht fühlen, können sie nicht wirklich verstehen; bis dahin haben sie lediglich kortikale, intellektuelle Bewusstheit.

Substanzen wie Serotonin und die Endorphine, das selbsthergestellte Morphium unseres Körpers, tragen dazu bei, Schmerzlosigkeit zu erzeugen, und blockieren die Leidensinformation, die auf dem Weg in unser  Bewusstsein ist. Das Ergebnis ist ein Paradoxon: Das System wird wegen des Fehlens von Liebe in Alarmbereitschaft versetzt und bleibt wegen der drohenden Bewusstheit dieser fehlenden Liebe permanent alarmbereit. Einige Patienten können sich einfach nicht an Zurückweisung durch die Eltern erinnern, weil es sie nicht gab; da war nichts, das sich hervorhob, das anders war. Es gab einfach die tägliche Existenz in einer kalten, sterilen Umgebung.

Die Chemie der Verdrängung

Liebe ist nicht einfach eine Empfehlung; es ist die sine qua non für die Entwicklung des Kindes. Liebe bewirkt, dass sich das Gehirn auf positive Weise entwickelt. Das kann nicht geschehen, wenn totaler Narzissmus verhindert, dass Eltern dem Baby ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Wenn Mutter/Vater mehr der Aufmerksamkeit bedürfen als das Kind, leidet letzteres. Ein Vater, der wütend und eifersüchtig ist, wenn er seine Frau mit dem Baby sieht, richtet nur mehr Schaden an, weil sie das Baby im Stich lassen muss, um sich um das erwachsene Baby zu kümmern. Er hat übrig gebliebene Bedürfnisse aus seiner Kindheit, die nach Besänftigung verlangen. Eine Mutter, die spürt, dass sie ständig ihren wütenden, kritischen Mann beschwichtigen muss, vernachlässigt vielleicht ihr Baby. Sie ist unfähig, ihr kleines Kind zu beschützen, das dringend Schutz vor dem zornigen Ton und der Reizbarkeit des Vaters braucht. Zu oft ist die Mutter einfach ein weiteres Kind im Haus und fühlt sich machtlos, etwas gegen „Papa“ zu unternehmen.  

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Die Macht der Liebe

Liebe ist der zentrale Baustoff für die Schaffung einer starken und spannkräftigen Persönlichkeit. Sie stattet uns mit den mobilisierenden Substanzen wie Dopamin aus, die uns ermöglichen, aggressiv zu sein, uns Ziele zu setzen und sie zu verfolgen, für uns selbst einzutreten und die Energie aufzubringen, die uns Dinge vollenden lässt. Sie ist für Selbstbewusstsein verantwortlich, eine „Ich-kann-es“-Haltung. Es verhindert später das Verlangen nach Drogen wie Kokain, die das bewirken, was Dopamin bewirkt hätte, wenn es genügend Vorräte bzw. genug Liebe gegeben hätte. Drogensucht und die Wahl der Drogen sind meist der Versuch, ein System zu normalisieren, das unausgewogen ist. Wenn das Hemmungssystem/das Serotoninsystem mangelhaft ist, dann wird die Wahl des Suchtmittels später auf Schmerztöter fallen.

Emotionale Deprivation, fehlender Körperkontakt unmittelbar nach der Geburt verringert die Anzahl der Serotoninrezeptoren, die Teil des Schleusen­systems gegen Schmerz sind. Also stimuliert Schmerz das inhibitorische System, während zu viel früher Schmerz es verkrüppelt. Es gibt Forschungsbeweise, dass dies zu Introvertiertheit führen kann, zu einer Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, zu geringer Selbstachtung und allgemeinem Mangel an emotionaler Kontrolle – im Wesentlichen zu permanenter Dysfunktion des Gehirns.

Der über eine lange Zeitspanne andauernde Ausdruck emotionaler Wärme seitens der Pflegeperson hemmt die Produktion von Stresshormonen im Baby. Das macht das Baby emotional solider. Als Ergebnis ist das Kind nicht so leicht überlastet, überreagiert nicht und kann  mehr Stress verkraften als Kinder, die diese frühe Liebe nicht hatten. Das Kind lässt sich von Hausaufgaben nicht überwältigen und kann sich aufs Lernen konzentrieren.

Emotionale Deprivation am Lebensanfang beeinflusst die rechte Seite des Gehirns – die emotionale Seite – und kann sie ein Leben lang beeinträchtigen. Weil die rechte Seite des Gehirns – die Seite, die unsere Emotionen und menschliche Interaktion steuert – durch frei fließendes Kortisol (das Hormon, das abgesondert wird, wenn wir gestresst sind) in hohem Maße beeinflusst wird, ist sie die Seite, die durch frühen Stress den meisten Schaden erleidet. Somit absorbiert das rechte Gehirn die Wucht eines präverbalen, auf den Hirnstamm abzielenden Traumas, das sich gewöhnlich bei der Geburt oder vorher ereignet.

Wenn nicht genug Dopamin abgesondert wird, um den frontalen Kortex intakt zu halten, sind wir desorganisiert, leiden an Aufmerksamkeitsstörungen, werden emotional labil und erleben Angst- und Panikzustände. Zum Beispiel zeigen schmächtige Kinder depressiver Mütter eine rechtsseitige frontale Asymmetrie des

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Gehirns. Ein Teil des Gehirns macht zu viel Arbeit und leidet. Ein intrauterines Trauma hat zerstörerische Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung, besonders auf der rechten Seite. Auf diese Weise werden wir vielleicht später im Leben zu Intellektuellen mit einem linken Kortex, der Begriffe und Gedanken ausheckt, um Gefühle im rechten zu bekämpfen. Es ist der rechte Kortex, der einen Großteil unseres frühen Liebesmangels beinhaltet. Wenn Liebe fehlt - und eine deprimierte Mutter kann oft nicht viel geben – muss das rechte Gehirn Überstunden leisten, um den Schmerz zu verarbeiten. Es kann auch bedeuten, dass die linke, Gedanken bildende Seite härter arbeiten muss, um den Schmerz einzudämmen und von Bewusstheit fernzuhalten. Die linke Seite wird überaktiv und der Mensch wird - bestimmte Lebensumstände vorausgesetzt - „kopflastig“ oder intellektuell, verliert sich in Ideen und Philosophie. Gedanken und Intellekt werden zu Abwehrmechanismen gegen das Fühlen.

Es gibt auch Beweise für Unausgewogenheit bei Dopamin in den Amygdalae. Kinder, die in den ersten Monaten des Lebens keine Nähe zu ihren Eltern hatten, haben im limbischen Bereich weniger Dopaminrezeptoren. Allan Schore vertritt die Überzeugung, dass beinahe jede spätere Psychopathologie auf frühe mütterliche Deprivation nach der Geburt zurückzuführen ist.

Wenn Liebe am Lebensanfang nicht zur Verfügung steht, „schrumpft“ das System und entwickelt bildlich gesprochen keine richtigen „Liebesrezeptoren.“ Die Fähigkeit, Liebe zu empfangen und zu geben, ist ein Leben lang vermindert. In diesem Sinne ist Liebe keine Abstraktion, sondern ein wahrhaftiges neurochemisches Ereignis. Wenn ein Kind Liebe erhält, nimmt der hemmende Botenstoff Serotonin stark zu und hilft, ein Gefühl von Behaglichkeit und Wohlbefinden herzustellen. Durch Umarmung nimmt die Dopaminmenge zu. Dopamin wird manchmal die „Wohlfühl“-Gehirnsubstanz genannt. Das sind die biochemischen Substanzen der Liebe. Oder anders ausgedrückt, das ist der Weg, auf dem Liebe physiologisch übermittelt wird. Später werden wir sehen, dass es besondere „Liebeshormone“ gibt; Hormone, die uns helfen, liebevoll zu sein, wenn sie in bestimmten Mengen vorhanden sind. Wenn der Spiegel niedrig ist, sind wir weniger fähig, Liebe zu empfangen oder zu geben. Die meisten von uns sind süchtig nach Liebe. Unser Bedürfnis danach nimmt die Gestalt von  Überessen oder Trinken an, aber die wirkliche Sucht zielt auf unser eigenes Selbst, auf die Substanzen, die wir im Gehirn produzieren und die bewirken, dass wir  uns besser fühlen, wenn wir bekommen, was wir brauchen.

In meinen klinischen Sitzungen halte ich einigen meiner gestörteren Patienten manchmal die Hand, wenn sie in frühen Schmerz hinabsteigen. Ich mache, was Prozac machen würde, aber ohne die Nebenwirkungen. Ich weiß auch, wann ich loslassen muss, um die Patienten nicht unter die Gefühlszone zu bringen, was sie so beruhigt

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und entspannt sein ließe, dass sie nicht mehr fühlen können. Viele Konfrontationsgruppen praktizieren eine Art „berührungs-und gefühlsbetonter Liebestherapie.“ Sie glauben, sie könnten den Schmerz ‚weglieben.’ Konfrontationsmethoden ignorieren die kritische Periode, in der Liebe für die Gehirnentwicklung absolut entscheidend ist. Es kann sein, dass ein Kind ab dem Alter von zehn Jahren umarmt und geküsst wird, aber das kann nicht die Entbehrungen wettmachen, die in der kritischen Periode gleich nach der Geburt geschahen.1 Das bezeugen so viele Kinder, die bei Pflegeeltern lebten oder früh im Leben adoptiert wurden; ihr Schmerz bleibt. Das sind die Erwachsenen, die trinken, rauchen, Beruhigungsmittel brauchen und oft nicht gut schlafen. Ihre chemischen Schleusen sind schwach. Sie werden auf Grund früher Entbehrungen „leck.“ Beruhigungsmittel werden in der Psychotherapie zu oft benutzt, um die Schleusen zu unterstützen, wenn sie „Halt mich, Mama!“ Sei bei mir!“ unterdrücken. Wenn die Patienten oder wir alle unser Bedürfnis hinausschreien könnten, würde es das Verlangen nach Tranquilizern verringern. Wenn wir „Halte mich, Papa“ fühlen können, besteht keine Notwendigkeit mehr, dieses Bedürfnis durch Drogen zurückzudrängen. Woher wissen wir das? Die Beobachtungen an mehreren Hundert Patienten, von denen viele schwer drogensüchtig waren, bestätigt das. Patienten, die diesen Gefühlen bis ins Tiefste ihre Seele nachspüren, können mit den Drogen aufhören. Die Ergebnisse unserer Nachuntersuchungen über Speichelkortisol bei unseren Patienten erhärten diesen Punkt. Nach einem Jahr Therapie waren die Spiegel systematisch niedriger, und das bedeutet, dass diese Individuen unter weniger Stress standen. Es bestand für sie keine Notwendigkeit mehr, ihre Angespanntheit mit Drogen zu bekämpfen. Wir haben jede Art von Drogensucht behandelt, von Heroin bis zu Klebstoffschnüfflern, und haben das gleiche Ergebnis gefunden: kein normaler (oder normalisierter) Mensch will in sein System Drogen einführen, die Psyche und Geist verändern.

Weil wir nicht fühlen können, was wir nicht fühlen können, sind wir uns gewöhnlich der verminderten Fähigkeit zu lieben oder allgemein zu fühlen nicht bewusst. Wir können Bedürfnis mit Liebe verwechseln, denn wenn wir etwas dringendst brauchen, stellen wir uns alles, was irgendwie nach Wärme aussieht, als Liebe vor.

Eine Patientin von mir, eine Endokrinologin, lebte in mehreren Pflegefamilien. Schließlich studierte sie erfolgreich Medizin. Aber sie hatte Schlafprobleme und konnte sich nicht entspannen. Erwachsene, die als Kinder bei Pflegeeltern lebten, leiden mehr als andere, weil sie vor und auch nach der Geburt vernachlässigt wurden. Höchstwahrscheinlich verließ der Vater die Mutter, die vielleicht mit der Situation nicht fertig wurde und ihr Kind weggab. Was auch immer der Grund sein mag, das Endresultat ist Liebesmangel, der zu einem permanenten Schleusendefekt führt. Das bedeutet die unzureichende Fähigkeit, Gefühle unten zu halten. Was das Problem

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verschlimmert, ist die Tatsache, dass das Kind oft unerwünscht ist. Das erzeugt Schmerz im Baby. Der finnische Forscher A. Myhrman fand heraus, dass „Unerwünschtheit“, die eine schwangere Mutter für die ungeborenen Kinder fühlt, „in der Entwicklungsphase direkt oder indirekt als psychosozialer Stressfaktor  operieren kann, der mehr Kinder zu Schizophrenie neigen lässt, oder ein Kennzeichen für Verhaltensweisen  entweder der Mutter oder des Kindes sein kann, die mit Gefahr verbunden sind.“2 Unerwünschte Kinder können durch die Physiologie der Mutter und später dann durch das von Vernachlässigung und Gleichgültigkeit geprägte Verhalten der Mutter beeinträchtigt werden.3 Kurz gesagt kann fehlendes Interesse der Mutter dem Fetus biochemisch eingeprägt werden; die Gefühle der Zurückweisung, die sie unbewusst empfindet, wirken sich negativ auf den Fetus aus. Die Mutter ist unter Stress, weil sie damit konfrontiert ist, dass sie ein Kind  bekommt und keine Hilfe hat. Ihre Stresshormone wirken auf den Fetus ein, und auch er wird wachsam. Er kann zu einem hyperaktiven Baby werden, das sich nicht liebkosen lässt.

Viele Geburten werden als „zufällig“ oder „lästig“ angesehen, und zu viele Eltern sind nicht glücklich damit, dass sie ein Kind bekommen. Es stellte sich heraus, dass ein ungewolltes Baby später viel mehr Gesundheitsprobleme hat. Überlegen Sie sich, was es bedeutet: Die Einstellung der Mutter in der Zeit, in der das Baby sich in ihrem Körper befindet, verbleibt für den Rest seines Lebens im Inneren des Babys und verändert seine Neurophysiologie. Es ist nicht nur so, dass die schwangere Frau unter Stress steht, sondern oft folgt danach das von Vernachlässigung und Gleichgültigkeit gekennzeichnete Sozialverhalten der Mutter. Das Kind, das aufgrund der Anästhesie der Mutter bei der Geburt bereits mit einer verzweifelnden, defätistischen, herunterregulierten Physiologie ausgestattet ist, wird einer Frau geboren, die gestresst und noch immer deprimiert ist. Emotional ist sie ihrem Kind vielleicht gerade in der Zeit fern, wenn es jedes Gramm ihrer Aufmerksamkeit für die Entwicklung seines frontalen Kortexes und limbischen Gehirns bräuchte.

Zwei meiner Patientinnen litten unter lebenslangen Depressionen. Beide Frauen waren von ihren Müttern nicht erwünscht. Ihre Mütter waren in der Schwangerschaft monatelang deprimiert. Die Veränderungen in ihrer Physiologie könnten ähnliche Veränderungen in der Physiologie der Feten hervorgerufen haben und in den Babys depressive Tendenzen hinterlassen haben – Tendenzen, nach innen gerichtet, introspektiv, reflektiv und launisch zu sein – mit anderen Worten: herunterreguliert. „Was hat es für einen Zweck?“ sagten diese erwachsenen Frauen zu sich selbst. „Ich versuche es nicht mehr. Es ist hoffnungslos.“ Diese Gedanken sind die sprachlichen Repräsentationen der Gefühle und Empfindungen, die tiefer im Gehirn eingeprägt sind. Es ist die Sprache der Neurophysiologie, der Empfindung von Verzweiflung und vielleicht des nahenden Todes. Sie sind der Auswuchs oder die Widerspiegelung dieser frühen Ereignisse. Der Gedanke der Verzweiflung und Niederlage ist die jüngste evolutionäre Entwicklung eines Gehirnsystems, das Hunderte Millionen Jahre alt ist.  

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Die einfache Tatsache einer trinkenden Mutter in spe, die das Gehirn ihres Babys durchtränkt, so dass es desorientiert und durcheinander ist, kann in ihm die  physiologische Empfindung von Verwirrung zurücklassen. Der Fetus kann nichts an der Situation ändern, er kann sie nur erdulden. Das bleibt unartikuliert. Aber wenn das Kind in einem unterdrückenden Elternhaus aufwächst, in dem man wirklich nichts an seinem Leben ändern kann, verschmelzen die Empfindung und das Gefühl und bilden eine gewaltige Kraft. Sie kann später durch den Verlust des Lebensgefährten ausgelöst werden, der zu jemand anderem zieht. Die Reaktion kann  totale Resignation sein: „Ich kann nichts daran ändern.“ Selbstmordgedanken können die Folge sein. Die Kraft kommt überwiegend von einem unartikuliertem Trauma, das im Hirnstamm wurzelt. Ohne den Schub dieser alten Empfindung wäre jemand vielleicht sehr unglücklich, aber es gäbe keine suizidalen Neigungen.

Warum so eine drastische Reaktion? Der Grund kann in der Erfahrung der Todesnähe im Mutterleib liegen; wenn jemand von der Nabelschnur stranguliert wurde und Tod der einzige Weg schien, um die Agonie zu beenden. Tod als Lösung wird eingeprägt. Diese Einprägung kann sich durch Perioden der Vernachlässigung im Kleinkindalter verstärken, und wenn jetzt die Lebensgefähr­tin geht, steuert die alte Erinnerung, dass jemand von seiner Mutter vernachlässigt oder verlassen wurde, ihren Teil bei.

Die alte Angst vor dem Verlassenwerden, die diese Person fühlte, konnte dem präfrontalen Kortex wegen der Größe des involvierten Schmerzes und wegen des blockierenden Schleusensystems nicht in reiner Form übermittelt werden, vor allem nicht dem der linken Seite. Wenn wir also keinen Zugang mehr zu unserer Geschichte haben, müssen wir glauben, dass die Gründe für unsere düstere Stimmung in der Gegenwart liegen. Wir klammern uns dann auf Leben und Tod an die Fortgegangenen. Die Neurotransmitter speien Hemmungs-Substanzen in die Synapsen, und dasselbe machen die erregenden Katecholamine, und beide verhindern, dass der Schmerz in der Tiefe sich mit dem präfrontalen Kortex verknüpft, während sie gleichzeitig das System in unerträglichen Aufruhr versetzen. Da das Gefühl nicht zur Verknüpfung gelangen kann, wird es im Assoziationskortex symbolisiert. Das führt zu dem korrekten Gefühl: „Niemand will mich mehr.“ Nur der Brennpunkt ist falsch. Wenn jemand dann bei einem Berater Hilfe sucht, der sich auf die Gegenwart konzentriert, verschlimmert dies das Problem, weil es den Menschen aus dem richtigen Zusammenhang vertreibt. Solange der Brennpunkt in der Gegenwart liegt, werden die Selbstmordimpulse bleiben. Sie sind nicht irrational; nur der fehlende Kontext lässt sie so scheinen.  

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Die alte Angst dieses Mannes, verlassen zu werden, konnte dem präfrontalen Kortex nicht übermittelt werden, da er gerade dabei war, gewaltigen Verlustschmerz zu erleben. Die Neurotransmitter des Limbischen Systems scheiden Hemmsubstanzen in die Synapsen ab, um die Botschaft vom vollen Bewusstsein fernzuhalten. Was vielleicht bewusst wird, ist das Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Da es sich nicht mit der gesamten Szene und ihren Gefühlen verbinden kann, wird es im Assoziationskortex symbolisiert, was zu der Wahrnehmung führt, dass „niemand mich noch will.“ Das wird dann ausagiert, entweder durch Depression oder durch suizidale Tendenzen. Es kann auch durch eine anhänglich-abhängige Verhaltensweise ausagiert werden, um „Niemand will mich“ fernzuhalten. Und das alles, einfach weil man im Mutterleib unerwünscht war? Das ist aufgrund der Physiologie der Mutter möglich und auch, weil das Baby nach der Geburt nicht erwünscht sein wird. Wenn das ungewollte Baby zur Adoption freigegeben wird und mehrere Wochen unadoptiert bleibt, wird sich dieses tiefe Gefühl verstärken.

Das Trauma, nicht erwünscht zu sein

In einer Studie von Myhrman4 wurden Kinder aus ungewollten Schwangerschaften wieder aufgesucht, als sie dreißig Jahre alt waren. Es stellte sich heraus, dass sie „weniger günstige psycho-soziale Anpassung“ aufwiesen.5 Eine finnische Studie über 11.000 Individuen enthüllte, dass unerwünschte Babys ein höheres Risiko hatten, schizophren zu werden.6 Forscher in Irland fanden, dass die Wahrschein­lichkeit für das Kind, später psychotisch zu werden, viel größer war, wenn es bei der Geburt Entbindungsprobleme gegeben hatte. Wichtiger noch, die Autoren stellten fest, dass Entbindungskomplikationen gegenüber noch früheren Ereignissen, das heißt Schwangerschaftsereignissen, zweitrangig sein können: „Zunehmende und konvergierende Beweise legen nahe, dass sich Anomalien bei Schizophrenie pränatal entwickeln. Es ist wahrscheinlich, dass diejenigen, denen das Schicksal der Schizophrenie droht, bereits fragiler sind, wenn die Wehen beginnen.“ 7

Schlafstörungen bei einem meiner Patienten wurden durch die Einprägung verursacht, die früher Liebesmangel hinterlassen hatte. So amorph, wie sie sind, können diese Erinnerungen in einer Gefühlserfahrung wiedererlebt werden. Beschwerden wie Hypothyreoidismus, bei dem der Ausstoß von Schilddrüsenhor­mon chronisch niedrig ist, scheinen sich manchmal nach einem Gefühlserlebnis zu normalisieren. Das sagt uns, dass die Sollwerte für Hormonsekretion sehr früh während der Schwangerschaft festgelegt werden. Ein Trauma ändert diese Sollwerte entweder zu hochregulierten oder herunterregulierten Werten.

Beruhigungsmittel können die Wachsamkeit/Energie produzierenden Quellen des eingeprägten Traumas unterdrücken, und somit die Freisetzung von Kortisol reduzieren und den Blutdruck senken. Der Schmerz sagt: „Gib Acht. Halt die Augen offen! Gefahr droht. Halte dich bereit!“ Und Medikamente, die auf

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Hirnstammstrukturen einwirken, gebieten: „Bleib’ ruhig. Kein Grund zur Aufregung!“ Es gibt einen Grund, aber die Alarmmechanismen sind gedämpft worden. Somit erlaubt uns Medikation, uns selbst zu belügen. Es wiegt uns in Gelassenheit, wenn Gefahr droht; in diesem Sinne ist ein Teil der Tranquilizer-Medikation gegen das Überleben gerichtet. Es wiegt uns in Selbstgefälligkeit,

 

  Abb. 11. Verdrängte Gefühle können den frontalen Kortex zu Obsessionen und  paranoiden Vorstellungen treiben.

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wenn wir wachsam sein sollten. Das Problem besteht darin, dass ein kostanter Zustand der Wachsamkeit zur Gefahr wird. Das System wird durch diesen chronischen Alarmzustand kollabieren. Wir müssen unseren Feind wählen: entweder wachsam-mobilisiert oder gelassen-immobilisiert. Letztlich werden wir durch diese Irrealitäten niedergestreckt. Und chronische Veränderungen in unserem System können zu Krankheit führen; langzeitig hoher Blutdruck kann später im Leben zu einem Schlaganfall führen, und zwar auf Grund der gleichen Einprägung, die hinter beidem steckt.

Die Gefahr ist natürlich die Erinnerung. Denn wenn die volle Reaktion auf sie in einer einzigen Wiedererlebens-Erfahrung erfolgt, ist das System in Gefahr; das Gehirn und der Körper können ausgedehnte Perioden mit Stresshormon-Freisetzung, hohem Blutdruck oder schnellem Herzschlag nicht verkraften. Wir sollten wachsam und auf der Hut sein, aber wenn dieser Zustand andauert, wird er selbst zu einer Gefahr. Somit haben wir es mit einer Zwickmühle zu tun. Wir müssen wachsam sein, aber wenn wir zu lange zu wachsam sind, zerfällt das System. Wir erkranken an hohem Blutdruck oder erkranken durch übermäßige Freisetzung von Stresshormonen, was unter anderem zu vorzeitigem Tod führen kann.

Ein Artikel in der Los Angeles Times vom 22. Februar 1999 erörterte eine neue Behandlungsmethode für obsessive Zwangsstörungen – einen operativen Eingriff in einem Teilbereich des orbitofrontalen Kortex. Dieser psychochirurg­ische Eingriff wird am Karolinska Hospital in Schweden erfolgreich durchgeführt, wie die Ärzte behaupten. Wenn der Teil des Gehirns, der Obsessionen erzeugt, entfernt wird, hat man keine Ausrüstung mehr, um Zwänge zu entwickeln. Aber gegen die generierenden Ursachen dieser Zwangsvorstellungen, was auch immer sie sein mögen, hat man nichts unternommen. Ich frage mich auch, welche Langzeitwirkungen die Operation auf die Fähigkeit haben kann, zu denken, planen und integrieren.

Eine Operation ist eine radikale Therapie, die oft durch tief eindringende Gefühls-Therapie vermieden werden kann. Der hirnstammlich-limbische Druck, der gegen den orbitofrontalen Kortex (OBFC) anwirkt, kann in Zwangsgedanken enden. Wenn wir diesen Druck eliminieren, glaube ich nicht, dass orbitofrontale Schnitte nötig wären. Die Chirurgen in Schweden behandeln eine Denkstörung als wortwörtliche Denkstörung, was sie nicht ist. Dass man lokalisiert hat, wo die Gedanken stattfinden, bedeutet nicht, dass die Entfernung der Stelle die Gedanken entfernt. Die Einprägung wird sich einfach anderswohin bewegen.

Die Biologie ist niemals launenhaft. Wenn Ihr Körper eine erhöhte Menge Salzsäure enthält, müssen wir abgesehen von diätetischen Erwägungen wissen, was diese übermäßige Säureproduktion angeregt hat. Er übersekretiert nicht aus einer Laune heraus. Die Erinnerungen können eine Anhäufung einander ähnlicher Gefühle sein („Ich habe Hunger“; „Ich brauche meine Mutter;“ „Halte mich“; „Ich werde im Geburtskanal gequält.“). Reaktionen sind der Bedrohung angemessen. Wir müssen nur herausfinden, wie die Bedrohung beschaffen ist.  

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Der konventionelle Psychotherapeut von heute verstärkt unbeabsichtigt und irrtümlich das Schleusensystem der Patienten, indem er die Werkzeuge der Besorgtheit, des Zuhörens,  der Aufmerksamkeit, Führung und Beratung benutzt. Therapie kann zu einer weiteren Form des Ausagierens für den Patienten werden, der unbewusst bekommt, was er will (symbolische Erfüllung), anstatt was er braucht (die fehlende Befriedigung im Kindesalter zu fühlen). Die Folgerung lautet, dass man gute Absichten haben und Neurose ‚weglieben’ kann. Wenn all das scheitert, wendet der Therapeut direktere Mittel an, indem er das Bedürfnis/den Schmerz durch die Verschreibung von Beruhigungsmitteln unterdrückt. Ein Therapeut, der die Selbstachtung einer Patientin aufzubauen versucht, indem er zu ihr sagt „Wissen Sie, Sie sind wirklich ein fähiger Mensch“, ermutigt die Patientin in Wirklichkeit, ihr reales Gefühl, nämlich „Ich bin schlecht. Die Leute lieben mich nicht, weil ich wertlos bin“, abzublocken. Dadurch, dass der Therapeut versucht, Schmerz „wegzulieben“, indem er „nett“ ist, kämpft er gegen die Wirklichkeit an. Er funktioniert für den Patienten als Gehirnschleuse. In der Primärtherapie wollen wir die Schleuse öffnen und Liebe, Schönheit und Leben hereinlassen! Um das zustande zu bringen, müssen wir den realen Gefühlen wie „Niemand liebt mich. Ich bin nicht liebenswert. Es ist alles so hoffnungslos“ etc. die Schleuse öffnen.

Wir sollten daran denken, dass jede Liebe außerhalb der kritischen Periode nett, hilfreich und entspannend ist, aber keine dauerhaften Veränderungen des neurobiologischen Systems bewirken kann.Wir können nach dieser Art von Liebe – beruhigende Wärme durch einen Therapeuten – süchtig werden, weil sie immer eine Ersatzbefriedigung bleibt. Letztlich muss die Patientin den Liebesmangel fühlen, der ihr in der Kindheit widerfuhr. In der Gegenwart Wärme zu bekommen, bedeutet, Liebe noch immer auszuschließen, weil die Verdrängung unangetastet bleibt. Es ist der Schmerz der fehlenden Liebe, der die Verdrängung aufhebt und Liebe hereinlässt. Andernfalls ist liebevoll, besorgt und nur auf die Patientin konzentriert zu sein, gleichbedeutend damit, ihr das zu geben, was sie in der Vergangenheit brauchte, nicht in der Gegenwart. Liebe im Hier-und-Jetzt verstärkt paradoxerweise die Schleusen und verhindert das Fühlen des „Ungeliebt-Seins.“.

Natürlich fühlt sich die Patientin eine Zeit lang besser und wird vom Therapeuten abhängig, weil sie bekommt, was sie vor langer Zeit brauchte. Gäbe es eine Methode, wie eine Einprägung „ausgelöscht“ werden könnte, bestünde sie darin, das Trauma zum Zweck der Integration nach oben in den präfrontalen Bereich zu fördern. Erinnern Sie sich, es ist die vergrabene Leidenskomponente, die es „am Leben“ hält. Wird das Leiden gefühlt, verliert das Trauma seine Kraft.  

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Ich amüsiere mich immer, wenn ich Therapeuten über die Behandlung narzisstischer Patienten reden höre, wobei sie sich in jeder einzelnen Sitzung ausschließlich und völlig auf sie konzentrieren. Und solange wir uns auf den Narzissten konzentrieren, wird er uns lieben und denken, wir seien wundervolle Therapeuten. Jeder Patient und jede Person ist ein Narzisst, solange sie es nötig hat.

Über die Natur des Fühlens

Fühlen ist die Fähigkeit, unser ganzes Selbst zu spüren und zu erfahren; es ist die Essenz des menschlichen Seins. Wenn wir kein völlig unversehrtes Gehirn besitzen, sind wir nicht in der Lage, zu hundert Prozent zu fühlen. Fühlen bedeutet, dass keine Mauern uns den Zugang zu bestimmten Aspekten unseres Gehirns versperren, insbesondere zu jenen Strukturen, die für die Kernsubstanz des Fühlens sorgen. Fühlen ist kein Gedanke, hat aber gedankliche Aspekte. Es kann einen Namen haben – ‚traurig’, zum Beispiel. Aber es kann ohne Namen existieren. Fühlen ist nicht die Entladung von Energie durch Schreien oder Weinen; das ist Freisetzung des Gefühls ohne Verknüpfung mit der Geschichte und ohne gedankliche Ergänzung. Zugang zum Fühlen bedeutet Zugang zu allen Schlüsselebenen der Gehirnfunktion; die Fähigkeit, hinabzusteigen und zu erfahren, was in den tiefsten Zonen des Gehirns liegt. Wir sehen an den Fallgeschichten, was ich damit meine. Blockierung des Fühlens ist das Ergebnis der repressiven oder hemmenden Neurohormone. Sie sind die Reaktion auf den eingeprägten Schmerz fehlender Liebe oder auf ein physisches Trauma, auch in der Zeit vor der Geburt und natürlich danach. Es ist die blockierte Energie des frühen Traumas, die sich gegen Organsysteme wendet und Verwüstung anrichtet. „Halte mich, Mama“ ist ein Bedürfnis, das weggeschlossen werden kann. Seine Energie kann ins Kreislaufsystem eindringen und hohen Blutdruck erzeugen. Patienten, die dieses Bedürfnis bis ins Tiefste ihrer Seele fühlen, stellen fest, dass ihr Blutdruck auf normale Werte zurückgeht.

Wir brauchen Liebe, um unser Gehirn und unser Leben zu entwickeln, um zu lernen, zu erschaffen, um andere zu lieben und um gesund zu bleiben. Schmerz ist ein Warnsignal, dass das System in Gefahr ist. Je weniger eingeprägten Schmerz es im System gibt, umso mehr Zugang zu tieferen Ebenen besteht. Und dieser Zugang bedeutet letzten Endes Harmonie, Ausgeglichenheit und, ja, auch Traurigkeit, wenn es nötig ist. Es bedeutet keine unerklärlichen Symptome oder unkontrolliertes Verhalten mehr. Es bedeutet, dass Sie sich nicht mehr entgegen Ihrem Willen überessen müssen; nicht zu ständigem Sex getrieben werden, der vielleicht wenig mehr als Spannungsabfuhr ist. Es bedeutet, nicht ständig in Aktion sein zu müssen mit diesem oder jenem Plan, diesem oder jenem Treffen; nicht telefonieren zu müssen

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um sich das Urgefühl des Alleinseins vom Leib zu halten, und nicht von einem Haus zum anderen und von einem Job zum andern ziehen zu müssen, weil es Angst erzeugt, still zu stehen oder an einem Platz zu verweilen. Es bedeutet, dass man nicht von Eifersucht und Neid geplagt wird; wenn wir unser eigenes Leben leben, sind diese Gefühle ausgeschlossen. Es bedeutet, dass man ohne Angst produktiv sein kann, beenden kann, was man begonnen hat, und das man die nötige Zähigkeit für die schwierigen Projekte im Leben besitzt. Es bedeutet auch, zum Nichtstun fähig zu sein; einfach zu „sein“, und für Ihr Kind da zu sein. Wer Sie sind, das hat Bedeutung.

„Wie-man“- Bücher können ändern, was Sie tun, aber nicht, wer Sie sind. Kinder sind Gefühlsmaschinen. Sie wissen, noch ehe sie Worte haben, wer wir sind, ob sie ihren Ärger vor uns ausdrücken können, ob sie mit uns Trauer oder Freude fühlen können, und vor allem, ob sie Vertrauen in uns haben können. Bei so vielen meiner Patienten war es eine Tatsache, dass sie ihren Eltern nicht vertrauen konnten, als sie fünf oder sechs waren. Nur kam ihnen nie der Gedanke. Sie „spürten“ es. Sie wissen ohne zerebrales „Wissen“, ob die Eltern wirklich interessiert sind oder nicht. Sie haben noch nicht das intellektuelle ‚Gepäck’, um sich selbst zu täuschen. Später dann wird Selbsttäuschung zu einem Schlüsselwerkzeug, um mit dem Leben trotz inneren Schmerzes weiterzumachen.

Wenn die Eltern keine Zuneigung zeigen, handelt das Kind nach deren Gefühlen ihm gegenüber, ohne sie jemals sich selbst gegenüber zu artikulieren. Es geht seinen Eltern aus dem Weg und beginnt, sich scheu und furchtsam zu benehmen, als ob niemand an ihm interessiert sei. Es agiert aus, was es gelernt hat. Es ist kein Satz falscher Gedanken, unter dem es leidet; auch wenn die Gedanken irrational scheinen mögen, so sind sie doch korrekt, nur aus dem Kontext. Niemand war interessiert - dieses Gefühl wird zu einer Einprägung. Später, in der Therapie, sollte man diese sogenannte Irrationalität in den historischen Zusammenhang bringen, um ihr einen Sinn zu geben. Das rechte Gehirn weiß das bereits alles, aber es besitzt nicht die ausgeklügelten Worte, um dem linken Gehirn die Botschaft zu überbringen, wo sie zum Ausdruck kommt.

Viele von uns gehen durch die Kindheit und „wissen“, dass etwas falsch ist, sind aber nicht fähig, es zu artikulieren. Alles, was wir wissen, ist, dass wir uns nicht gut fühlen. Mir war nie klar, dass ich chronisch unruhig war, bis zur Ankunft der Antihistaminika. Ich nahm zwei davon, und meine Mutter musste den Arzt rufen, weil ich bald von einer neuen Beschwerde belästigt wurde – Entspannung. Ich hatte sie nie zuvor erlebt und war überzeugt, dass ich echt krank war. Ein bisschen Wärme eines außenstehenden Fremden hätte den gleichen Effekt wie die Droge erzeugt. Viele Kinder bekommen dafür „Liebe“ oder Anerkennung, dass sie ihr Bedürfnis nicht zum Ausdruck bringen. Eltern wollen manchmal nicht gestört werden und so wird das Kind dafür belohnt, dass es um nichts bittet, ruhig bleibt, mit sich selbst spielt und

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ihnen aus dem Weg geht. Das Bedürfnis ist auf den Kopf gestellt. Gut zu sein bedeutet, nichts zu brauchen. Es gab die Auffassung, dass ständiges Nachgeben, wenn Kinder ein Bedürfnis äußerten, diese verderben werde; sie würden immer mehr verlangen. Das Gegenteil ist der Fall. Was zählt, ist nicht, einem Bedürfnis nachzugeben; seine Erfüllung ist wichtig. Dialektisch betrachtet wird es keine überzogenen Forderungen mehr geben, wenn das Bedürfnis einmal erfüllt ist. Kein Mensch will mehr, als er braucht, es sei denn, er verlangt mehr, um ein frühes Defizit aufzufüllen. Ein Kind will ausreichend Körperkontakt, um sein Bedürfnis zu befriedigen, und nicht mehr. Was darüber hinaus geht, ist möglicher­weise auf Eltern zurückzuführen, die das Kind zu sehr herzen müssen, vielleicht um ihren eigenen frühen Liebesmangel wettzumachen.

Gesund sein bedeutet, Bedürfnisse zu haben. Ein Kind quengelt und drückt seine Bedürfnisse nur ansatzweise aus. Die Antwort der Eltern kann sein: „Hör auf zu quengeln und sieh’ zu, dass du im Leben vorankommst.“ Würden die Bedürfnisse des Kindes erfüllt, könnte es in seinem Leben vorankommen.

Nichts ist so grenzenlos wie Selbsttäuschung. Es bewahrt uns vor der Erkenntnis, dass Eltern nicht lieben können, sich nicht kümmern und nicht interessiert sind. Es ist eine Überlebensmaßnahme, eine notwendige Abwehr der Wirklichkeit. Es ist nicht unbedingt ein gut’ Ding, die Leute über ihre Illusionen aufzuklären, die oft eine Schutzfunktion ausüben können. Mit Sicherheit trifft dies auf die Wahnvorstellungen des Psychotikers zu     

Viele Eltern fühlen, dass sie nicht gewinnen können. Gleich, wie sehr sie es versuchen, sie können nicht zu ihren Kindern durchkommen. Auch wenn sie fürsorglich und liebevoll sind, kann das Kind bereits aufgrund eines sehr frühen Traumas blockiert sein, ein Trauma, dass möglicherweise nichts mit dem Verhalten der Eltern zu tun hatte. Vielleicht musste die Mutter nach der Geburt eine Zeit lang ins Krankenhaus; das Kind kann der Obhut anderer übergeben worden sein, weil der Vater wieder zur Arbeit musste. Jedenfalls wurde das Kind vernachlässigt, nicht geliebt, und es fühlt sich ungeliebt. Es kann seine Gefühle nicht sagen, aber es kann ins Bett nässen, oder es kann stottern oder Tics entwickeln.

Diese frühe Deprivation beeinträchtigt sein Denken, seine räumliche Orientierung, Koordination, Wahrnehmung, seine Fähigkeit, mit anderen Beziehungen einzugehen und sich in sie einzufühlen, und eine ganze Menge kognitiver Prozesse. Traumen vor, während und nach der Geburt sind Schlüsselereignisse, die in der Literatur vernachlässigt wurden. Zum Beispiel enthüllen zahlreiche Studien, dass Zwillinge, die bei der Geburt getrennt worden waren, überraschend viele Charakterzüge gemeinsam haben, wie sich Jahre später herausstellte, als sie wieder zusammentrafen. Die Forscher wiesen auf die Gene als Schlüsselfaktor hin. Was sie bei ihrer Untersuchung jedoch übersehen haben, sind die entscheidenden neun Monate im Mutterleib, die die Zwillinge zusammen verbrachten und die sie

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unwiderruflich formten. Diese neun Monate sind wichtiger als irgenwelche anderen neun Monate in ihrem Leben. Ein Trauma im Alter von zwölf Jahren wird das Gehirn nicht umfassend verändern, ein Trauma im Mutterleib dagegen schon.

Indem es Schmerz fühlt, reagiert das System. Diese Reaktion ist es, was ich Fühlen nenne. Schmerz zu fühlen, ist Fühlen. Ihn zu blockieren, ist kein Fühlen. Die meisten Gefühle im Erwachsenenalter bauen auf Bedürfnissen auf. Die Frustration aus früher Deprivation kann Wut erzeugen, aber Wut ist nicht die Grundlage; das Bedürfnis ist es. Patienten gehen über ihren Ärger hinaus, nachdem sie ihn ausgedrückt haben - oft durch heftiges Einschlagen auf die gepolsterten Wände -  und fühlen: „Gib mir eine Chance. Sag, du magst mich. Hör auf, jede Bewegung von mir zu kritisieren. Schau mich an! Halt mich nur einmal!“ Wenn Sie es beim Ausdruck des Ärgers bewenden lassen, gibt es keine Heilung.

Wir sind unsere Gefühle

Gefühle bleiben in uns eingeprägt, weil sie Teil unserer Zytoarchitektur sind. Wir sind unsere Gefühle. Sie bleiben, damit wir wieder ganz und wir selber werden können. Das ist die äußerste Bedeutung von „sich selbst finden.“ Wenn wir entdecken, dass wir im Alter von vier Jahren nicht geliebt wurden, finden wir unser wahres Selbst. Es ist das Ziel einer jeden Therapie, den Patienten ihr reales Selbst zurückzugeben. Keine Therapie kann mehr als das leisten. Der Abstieg in das Unterbewusste ist laut meinen Patienten eine unglaubliche Reise, auf der sie die verborgenen Winkel des Gehirns ergründen. Es ist eine Expedition, die Aspekte eines Lebens zurückbringen soll, das seit vielen Jahren verschollen ist.

Der Körper ist nur ein Stück eines Ganzen. Wenn er Verdrängung erleidet, aus welcher Quelle sie auch stammen mag, verschließt er sich in dem Versuch, jedes Gefühl im Inneren zu blockieren, und das bezieht Liebe ein. Kein noch so großer Wunsch, keine Willenskraft ändert etwas an dieser Tatsache. Sich ungeliebt zu fühlen, hebt die Verdrängung auf und reduziert vor allem die Überlastung. Das öffnet teilweise die Schleusen, so dass man Liebe von anderen hereinlassen kann.  Wenn eine Person von Anfang an über längere Zeit von ihren Eltern nicht geliebt wurde, fühlt sie sich irgendwo in ihrem System immer ungeliebt, bewusst oder nicht, ...........und leidet. Es ist dieses Gefühl, das die meisten Leute mit Alkohol, ständigem Arbeiten und Drogen beruhigen.  Warum trinken Menschen, auch wenn sie nun eine liebevolle Familie haben? Die Geschichte!

Ohne frühe Liebe nimmt ein Erwachsener vielleicht Zuflucht zu Drogen wie Prozac, die das leisten, was Liebe hätte machen sollen. Wortwörtlich. Prozac gewährleistet ausreichend Serotonin in der Synapse, genau das, was frühe Umarmungen zustande gebracht hätten. „Hugs avoid drugs“ - Umarmungen vermeiden Drogen.

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Liebevoller Augenkontakt und viele Umarmungen und Küsse in den ersten drei Jahren des Lebens schaffen ein chemisches Bollwerk, das von Dauer ist, so dass Drogen niemals notwendig sind. Wenn wir in unserer Therapie die Hand einer Patientin halten, die überlastet, frakturiert und mit ihren Gedanken „über den ganzen Platz verstreut“ ist, kann das das Schmerzniveau senken, bis die Gefühlszone erreicht ist, eine Zone, die bestimmte neurobiologische Parameter hat. Hält man sie zu lange, gerät die Patientin unter die Gefühlszone (und das Feeling bleibt verdrängt). Berührung erfüllt dieselbe Funktion wie eine Demerolspritze, aber sie muss maßvoll erfolgen: nicht so intensiv, dass sie Fühlen blockiert, aber intensiv genug, um katastrophalen limbischen Schmerz von Hirnstamm-Einprägungen abzugrenzen.

Wir werden einem Menschen niemals sein Bedürfnis ausreden können, und es ist das Bedürfnis, das uns lenkt. Bedürfnis ist der Motor, der uns dazu antreibt, dass wir uns auf jede erdenkliche und unerdenkliche Weise Luft verschaffen. Die Frustration des Bedürfnisses kann Wut verursachen, und die kann beim leisesten Anzeichen, dass jemandes Forderungen nicht nachgegeben wird, zur Körperverletzung führen. Der Ehemann will seine Frau jederzeit an seiner Seite haben, will, dass sie gehorcht und folgt. Wenn sie das nicht macht, wird er wütend. Er hat nichts, das ihm sagt, dass sie auch nur ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen ist. Er handelt nur aus dem Bedürfnis heraus.

Es gibt kein Grundbedürfnis nach Ruhm oder Vermögen oder Macht. Das sind keine fest verdrahteten Bedürfnisse; vielmehr sind es symbolische Ableitungen des realen Bedürfnisses, die ins Spiel kommen, wenn das Grundbedürfnis nicht befriedigt werden kann. Dennoch können sie die Dringlichkeit jener realen Bedürfnisse besitzen, weil reale Bedürfnisse in sie eingeschleust worden sind. Sich mit symbolischen Bedürfnissen zu befassen, bedeutet, sich auf die falsche Fährte zu begeben, denn sie sind lediglich Kanäle für das reale Bedürfnis. Wenn wir von den Eltern keine wirkliche Liebe bekommen können, entwickeln wir symbolische Wege, um zu erhalten, was wie Liebe von anderen aussieht. Wir überessen uns oder verzweifeln in einem Lokal, wenn wir nicht prompt bedient werden. Es ist nicht wirklich ein verzweifeltes Bedürfnis nach Essen. Es ist ein verzweifeltes Bedürfnis nach Liebe in anderer Form.

 

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Quellenverweise und Anmerkungen

 

N. 1         Ich würde eine einfache Studie über Kinder vorschlagen, die in Institutionen oder Pflegeheimen aufwuchsen, und über ihre Lebensdauer. Verkürzt frühe Deprivation das Leben und auf welche Weise?

N. 2         A. Myhrman et al., « Unwantedness of a Pregnancy and Schizophrenia of a Child, » British Journal of Psychiatry 169, (1996): 637-40.

N. 3         Ibid.

N. 4         Siehe auch L. Kubicka et al., „Children from Unwanted Pregnancies in Prague: Czech Republic revisited at Age Thirty,“ Acta Psychiatrica Scandinavica 91, (1995): 361-69.

 

N. 5         A. Myhrman et al., « Unwantedness of a Pregnancy and Schizophrenia of a Child.»

 

N. 6         T. Forsen et al., « A Coronary Heart Disease, Weight in Pregnancy and Birth Weight, » British Medical Journal 315, (1997): 837-40.

 

N. 7         E. O’Callaghan et al., « Season of Birth in Schizophrenia : Evidence for Confinement of an Excess of Winter Births to Patients without a Family History of Mental      Disorder, » British Journal of Psychiatry 158 (1991): 764-74.

 

N. 8         Thomas H. Maugh II, “Obsessive Compulsive May Find Relief from Unlikely Source,” Los Angeles Times, 22. Februar 1999, s. S1.

 


KAPITEL 16
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Fehlender Sauerstoff ist fehlende Liebe
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Im UCLA – Lungenlaboratorium filmten meine Angestellten und ich in Zeitlupe zwei Patienten, die sich eine halbe Stunde genau wie ein Salamander bewegten ( in einem Geburts-Wiedererlebnis, das spontan und unerwartet zustande kam). Ich erörterte die Geburt und ihr Wiedererleben in Kapitel 12. Erst wenn ein Patient einige Monate in der Therapie ist, kann er sich diesen tiefsitzenden Einprägungen annähern, insbesondere denen des Hirnstamms, die mit Hypoxie (verminderter Sauerstoff) bei der Geburt zu tun haben. Den enormen Veränderungen nach zu urteilen, die meine Patienten nach ihren Geburts- Wiedererlebnisepisoden erfahren (und solche Wiedererlebnis-Episoden erstrecken sich oft über Monate und Jahre), können wir annehmen, dass das ursprüngliche Trauma signifikante Veränderungen in der Neurophysiologie der Person verursachte. Das Wiedererlebnis der Geburt beinhaltet niemals Worte; es beinhaltet fetale Bewegungen und Positionen, Ächzen, kein Weinen, und delphinartige Bewegungen, die über eine Stunde andauern, - etwas, das der Patient hinterher niemals ohne äußerste Erschöpfung nachvollziehen könnte. Während des Wiedererlebnisses atmet der Patient lange Zeit sehr tief, machmal dreißig Minuten lang. Im Normalverlauf eines solchen Ereignisses würden diese Patienten ‚umkippen’. Im Wiedererlebnis ist das nie der Fall. Nie gibt es einen Moment der Benommenheit. Mir ist klar, dass ich Ereignisse diskutiere, die außerhalb der Norm des psychologischen Universums liegen. Es erfordert „Gewöhnung.“ Ich bitte deshalb den Leser um Geduld, wenn ich den Fall ausarbeite. Angesichts der Art, wie sich meine Patienten in einem Primal bewegen, war offensichtlich, dass kein Mensch, nicht einmal sie selbst, ihre Bewegungen zu einem späteren Zeitpunkt willkürlich nachvollziehen konnte, und gewiss nicht eine halbe Stunde lang. Sie wären erschöpft gewesen. Diese Patienten waren es nicht. Je mehr wir davon verstehen, umso mehr verstehen wir unsere phylogenetische Entwicklung, und umgekehrt.  

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Wenn ein Patient in einer Sitzung das Fehlen oder die Verminderung von Sauerstoff wiedererlebt (Anoxie oder Hypoxie, die ihm bei der Geburt widerfuhr), reagiert sein System nur auf das Vergangenheits-Ereignis. Im Therapieraum gibt es offensichtlich Sauerstoff in Hülle und Fülle. Es ist dasselbe, wenn wir einen frühen Liebesmangel wiedererleben, auch wenn wir vielleicht in der Gegenwart von unserer Familie geliebt werden. In meiner Syntax ist unzureichender Sauerstoff bei der Geburt eine Form von Lieblosigkeit. Es verursacht Schmerz und vereitelt die Entwicklung.

Schmerz ist der ständige Begleiter des Bedürfnisses. Wenn der Körper Sauerstoff braucht und ihn nicht bekommt, leidet er. Dem Neugeborenen den Sauerstoff zu entziehen ist gleichbedeutend damit, dem Zweijährigen die Umarmungen zu entziehen. Beides sind unerfüllte Bedürfnisse und deshalb Kennzeichen fehlender Liebe. Wir nennen es Liebe, aber was zählt, ist, dass Liebe die Erfüllung eines Grundbedürfnisses bedeutet, gleichgültig, welchen Namen wir ihr geben. Wenn wir ein Kind hungern lassen, lieben wir es eindeutig nicht.

Um herauszufinden, was in der Schwangerschaft und bei der Geburt geschah, müssen Sie die Sprache des Hirnstamms sprechen. Im Wesentlichen müssen Sie wieder zu einem Salamander werden. Das ist kein bildlicher Ausdruck, da viele meiner Patienten, die die Geburt wiedererleben, Salamander-Bewegungen vollziehen.

Wenn er bedroht wird, läuft der Salamander auf Grund seines Instinkts weg, nicht auf Grund von Denkprozessen oder auch Gefühlsprozessen. Um instinktgesteuerten Terror, der sich in Angst und Panik manifestiert, zu „heilen“, müssen wir die Angst in ihrer eigenen Sprache anreden, indem wir das Salamandergehirn ‚anzapfen’, wo der Terror seinen Ursprung hat. Das muss nicht durch Worte sondern durch etwas Primitiveres bewerkstelligt werden: Sich Winden, Ersticken, Husten, Krümmen des Rückens – alle begleitenden viszeralen Reaktionen. Es ist die Sprache des alten Gehirns. Der Terror kann nach oben in Richtung Bewusstheit auf unverknüpfte Weise in Form von Angstattacken durchsickern. Es ist eine Erinnerung, die ihres Kontextes beraubt ist, der, gelinde gesagt, oft geheimnisvoll ist. Der Terror kann darin bestehen, bei der Geburt dem Tod nahe gekommen zu sein. Wir haben eine Methode gefunden, mit diesem uralten Gehirn zu reden; wir sind in der Lage, die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Antworten zu bekommen. Wir begegnen ihm unter seinen eigenen Bedingungen. Wir sprechen die Sprache der Bewegung, die Sprache viszeraler Reaktionen, und dann können wir mit ihm kommunizieren.  

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Eine Art Salamanderhirn ist auf unserer inneren Festplatte bereits installiert. Wir liefern die Software, um darauf zuzugreifen. Zugriff/Zugang ist ein Schlüsselbegriff. Es ist eine komplizierte Angelegenheit, die für Therapeuten jahrelanges Training erfordert, um die Techniken zu erlernen. Primärtherapie unterscheidet sich von allen anderen Therapien dadurch, dass sie die Evolution des Gehirns in Betracht zieht. Wir beginnen mit der Therapie in der Gegenwart, konzentrieren uns auf den präfrontalen Kortex und auf gegenwärtige Ereignisse. Dann helfen wir den Patienten, auf ihre Gefühle zuzugreifen, die sich im Limbischen System befinden. Schließlich helfen wir den Patienten, Ereignisse wiederzuerleben, die lange vor Gefühlen oder Gedanken stattfanden – die des Hirnstamms. Wenn wir uns auf die Kindheit konzentrieren, erwarten wir keine komplizierte Syntax und keinen Gebrauch von Erwachsenen-Worten. Wenn es um die frühe Kindheit geht, erwarten wir, dass das Weinen über frühe Szenen wie das eines Kleinkinds klingt und nicht wie das eines Erwachsenen. Es gibt viele Fingerzeige, die wir nutzen, um den Patienten zu führen. Es dreht sich alles ums Fühlen. Therapeuten verwenden keine komplizierten Sätze oder Worte, wenn sie den Patienten ansprechen, der sich Kindheitserinnerungen annähert. Wir achten auf die Zeichen – eine Veränderung des Atmungsmusters, ein Stocken im Hals, Zittern, Flattern der Augenlider, etc. Die Therapieräume sind voll gepolstert und schalldicht. Der Therapeut sitzt auf der Matte hinter dem Patienten. Der Dialog ist auf ein Minimum reduziert. Die durchschnittliche Sitzung dauert zwei oder drei Stunden. Die Gefühle des Patienten bestimmen, wann die Sitzung vorbei ist. Es ist keine Einsichtstherapie. Es geht um das Wiedererleben von Ereignissen, die im Gehirn deponiert wurden, lange bevor Einsichten als neurologische Möglichkeit existierten. Demgemäß folgen Einsichten dem Fühlen; sie gehen ihm nicht voraus. Wir dürfen, wenn wir Zugang schaffen, keine neurologischen Stufen überspringen, wie die Rebirther es machen, die Patienten tief in Hirnstamm-Einprägungen ‚versenken’, lange bevor sie Zugang zu Erinnerungen auf höherer Ebene haben. Die Ergebnisse sind beinahe immer verheerend. Wir müssen die Ebenen der Gehirnfunktion respektieren, wenn wir Leiden aus dem Gehirnsystem herauslösen wollen.

Nur die Geschichte birgt unsere Wahrheiten. Es ist wesentlich, mit dem Patienten in die Vergangenheit zu den weit entfernten Bereichen des Gehirns zu reisen, zurück in eine Zeit, als der frontale Kortex nicht voll funktionsfähig war. Das schafft man nicht durch Worte und Erklärungen. Wir können nicht den Kortex benutzen, um unter ihn zu tauchen; es gibt keine verbalen Mittel, um zu präverbalen Ereignissen zu gelangen. Wenn der Patient über dieses Empfindungen („Ich werde zerquetscht. Ich ersticke. Mein Magen ist aufgewühlt. Ich spüre Druck auf meiner Brust.“) nur redet, wird er keine anhaltende Erleichterung von seinem Schmerz finden. Manchmal ist ein Stoß hier, ein körperlicher Druck dort alles, was erforderlich ist, um eine bestimmte frühe Erinnerung wieder wachzurufen. Das ist nichts anderes, als wenn ein Patient eine frühe emotionale Szene beschreibt, um in das alte Feeling hineinzufallen. Die Sprache des Hirnstamms ist Instinkt und Empfindung. Wir müssen eine Methode finden, die den Empfindungen entspricht, von denen der Patient berichtet, und uns dann entlang dieser Empfindungen zum Ursprung hinabbewegen. Es ist machbar.  

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Ich habe die Ebenen der Gehirnfunktion erörtert, und wie unsere Therapie der Spur der Evolution folgt, wenn sie sich an bestimmte Ebenen der Gehirnfunktion wendet, so dass wir nicht, lange bevor der Patient bereit ist, in Ereignisse stürzen, die dem Hirnstamm eingeprägt sind. Eine Möglichkeit zu erkennen, wie gestört ein Patient ist, besteht darin, dass wir seine anfänglichen Primals beobachten. Wenn er früh in der Therapie Anzeichen der Geburt zeigt, können wir beinahe sicher sein, dass sein Schleusensystem, das die Ebenen des Bewusstseins auseinander hält, defekt ist.

Wir werden im nächsten Kapitel die Hormone der Liebe untersuchen. Wir brauchen optimale Mengen bestimmter Hormone, um zu lieben und um uns geliebt zu fühlen. Es gibt keine Liebe ohne diese Hormone.

 

KAPITEL 17
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OXYTOZIN UND VASOPRESSIN
Die Hormone der Liebe
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(Die zwei liegen zusammen im Bett)

  Sie: Liebst du mich?

Er: Natürlich liebe ich dich.

Sie: Wie sehr?

Er: Ganz enorm. Autsch! Was machst du da?

Sie: Ich nehme eine Blutprobe, um zu sehen, wie sehr du mich liebst. Ich bin gleich zurück.

  (Zwanzig Minuten später)

  Sie: Tut mir Leid. Du liebst mich nicht so sehr, wie du denkst. Deine Oxytozin-Spiegel sind niedrig.

Er: Was?

Sie: Dein Kortex denkt vielleicht, dass du mich liebst, aber dein Körper sagt mir was anderes.

Er: Was zur Hölle ist Oxytozin? Und übrigens, was zur Hölle ist der Kortex?

Sie: Er soll dir das erklären, aber zuerst kriegst du dieses Oxytozin-Nasenspray. Ich glaube, wir können näher zusammenrücken.

Er: Nein, danke.

Sie: Nur eine kleine Prise Liebe?


Oxytozin ist ein Neurohormon, das möglicherweise das Hormon der Liebe ist. In gewisser Hinsicht kann Oxytozin als Neurotransmitter betrachtet werden, der sich an

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limbische Gefühlszentren im Gehirn bindet. Die Bedeutung der inhibitorischen Neurotransmitter wie Serotonin für die Liebe wird offensichtlich, wenn wir die Tatsache betrachten, dass zwei  eng vertraute Talapoin-Affen, wenn sie getrennt worden sind und wieder zusammentreffen, einander enthusiastisch kraulen, und dass ihre Serotoninspiegel beträchtlich steigen.1 Liebe beruhigt und das Gleiche gilt für die neurochemischen Substanzen, die Schmerz unterdrücken. Die Gleichung könnte lauten, dass „Liebe durch die Freisetzung bestimmter Neurotransmitter Schmerz unterdrückt und uns entspannt.“ Liebe am Lebensanfang leistet das dauerhaft.

Wenn wir jemanden vermissen, kann es sein, dass unsere Serotonin-Vorräte auf Grund des Trennungsschmerzes geringer sind. Wir sind nach dem anderen süchtig und brauchen diese Person, um uns zu normalisieren. So können wir von einem anderen Menschen abhängig sein. Wenn wenig Serotonin vorhanden ist, gibt es weniger emotionale Bindung, weniger Sozialverhalten und Fürsorge, weniger Berührung und Zärtlichkeit........kurz gesagt, weniger Liebe. Wenn der Spiegel hoch ist, gibt es Entspannung, Ruhe, Wachstum, Erholung und Heilung, liebevolles Verhalten und Gefühlsbindung. Man findet es nur bei Säugetieren. Es kann sein, dass Liebe und gegenseitige Pflege, in welcher Form auch immer, in der gesamten Geschichte der Organismen notwendig waren; entscheidende Schritte der Gehirnentwicklung und Evolution konnten ohne sie nicht stattfinden. Wenn wir uns die essentielle Natur des Menschen anschauen, müssen wir die Rolle der Liebe in der Entwicklung und Evolution in Betracht ziehen. Liebe gehört zum Essentiellen. Oxytozin beruhigt wie eine Umarmung. Oxytozin beschleunigt die Geburt. Synthetisches Oxytozin (Pitozin) gibt man Müttern, die Stimulation für die Geburtskontraktionen brauchen.  Wir werden später lernen, dass es weit über die Geburt hinaus Verwendung findet. Es kann gut sein, dass wir Liebe „injizieren“ können oder wenigstens etwas, das sie fördert, das uns hilft, mit anderen Beziehungen einzugehen und uns an einen Partner zu binden; etwas, das uns gestattet, uns anderen Menschen nahe zu fühlen, Mitgefühl und Einfühlungsver­mögen für ihre Gefühle und Schmerzen zu zeigen.2

Das ist nicht so weit hergeholt, wie es scheinen mag. Vor kurzem nahmen Wissenschaftler Mäuse, die Einzelgänger waren, und injizierten ihnen ein Vasopressin-Gen (wird später ausführlich erörtert). Das wurde einem Nager entnommen, der als Präriewühlmaus bekannt ist, von der man weiß, dass sie sehr gesellig und partnertreu ist. Ergebnis: die Mäuse wurden sozialer, kümmerten sich mehr um ihre weiblichen Partner und verbrachten mehr Zeit mit ihnen. Sie waren allgemein „nett zu ihnen.“ 3 Irgendwo darin liegt eine Lektion. Stellen Sie sich ihren Wert für diejenigen vor, die kurz vor der Scheidung stehen. Sie gehen in eine Klinik, bekommen eine Spritze, und die Ehe wird wieder gut. Oder vielleicht gibt es für jene chauvinistischen, kampflustigen Seelen, die einen Krieg vom Zaum brechen wollen, eine Methode, sie zu besänftigen und zu fürsorglichen Menschen zu machen.  

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Bindung ist ein starkes emotionales Band, das in uns den Wunsch erweckt, miteinander zu sein, einander zu helfen, zu beschützen und zu berühren. Bindung ist die positivste aller menschlichen Beziehungen, es ist die menschlichste und liebevollste. Diejenigen, die von Anfang an keine Bindung mit ihren Eltern eingegangen sind, können durchaus lebenslänglich zu zerrütteten, fragilen, dürftigen und abgestumpften Beziehungen verdammt sein. Und es kann zum großen Teil auf ein Oxytozin-Defizit zurückzuführen sein. Und das kann von den ganz frühen dürftigen, distanzierten und eisigen Beziehungen mit den Eltern herrühren. Es stellt sich die Frage, was zuerst kam: das verminderte Oxytozin und dann die Unfähigkeit, zu lieben und sich zu binden, oder der frühe Mangel an Liebe, der die Sollwerte für Oxytozin niedriger eingestellt hat? Ich würde wetten, dass Schmerz zuerst kommt.

Zu Zeiten Freuds gab es die Auffassung vom Wiederholungszwang: Kind­heitstraumen werden immer wieder ausagiert, um Liebe zu bekommen. Er ersann eine ziemlich ausgeklügelte Theorie, um ihn zu erklären. Aber jetzt scheint es, dass es einem Menschen an Oxytozin fehlt, wenn er von Anfang an keine Nähe zu beiden Eltern hatte; dieser Mangel verhindert, dass er anderen nahe kommt. Anders ausgedrückt, wenn wir jemanden sehen, der oder die eine Beziehung nicht lange aufrechterhalten kann, eine oberflächliche Beziehung nach der anderen hat und in einem „Wiederholungszwang“ feststeckt, können wir postulieren, dass es ihm oder ihr an engem elterlichen Kontakt in der frühen Kindheit fehlte. Dieser Mangel senkte den Oxytozinspiegel, so dass er oder sie jetzt als Erwachsene(r) nicht das chemische Rüstzeug besitzt, mit einem anderen Menschen eine intime Beziehung einzugehen.

Durch frühe Bindung lernen wir, wie wir uns emotional binden, so einfach es auch klingt. Es ist kein Lernen im akademischen Sinne.  Es kann nicht gelehrt werden! Und es kann gewiss nicht im späteren Leben gelehrt werden. Es ist ein emotionaler Zustand, der durch Gefühle übertragen wird, die sehr früh in unserem Leben stattfinden müssen. In bestimmten Gebirgsnagetieren wie der Bergwühlmaus, einer Spezies, die einzelgängerisch lebt (und sich dadurch von der Präriewühlmaus unterscheidet), unterstützt eine Oxytozin-Injektion Bindung und Paarung mit anderen Wühlmäusen. Nach wiederholten Injektionen kommt es zu einem lange wirkenden Antistress-Effekt, also zur Beruhigung. Die Menschen, die sich an eine Rückhalt bietende Gruppe binden können, haben höhere Oxytozinspiegel und zeigen verringerte Reaktivität auf Schmerz. Menschen, die sich nicht richtig an ihre Eltern gebunden haben, können die sein, deren Beziehungen später sporadisch sind, nicht wegen ihrer gegenwärtigen Beziehungen, sondern zuallererst, weil die biochemische Ausstattung fehlt oder vermindert ist, um sich an andere zu binden. Kontinuierlicher Körperkontakt mit den Eltern ist für das Wohlbefinden des Kindes wesentlich.  

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Thomas Insel, Neurobiologe am Center for Behavioral Neuroscience der Emory Universität hat bemerkt, dass „viele der postnatal beobachteten Gefühlsbindungen an die Mutter durch pränatale Erfahrungen festgelegt werden könnten.“ 4 Es unterstreicht meinen Standpunkt; sogar der Klang der mütterlichen Stimme hat pränatale Faktoren. Es gibt jetzt genug Beweise, die zeigen, dass Herzfrequenz, Körpertemperatur und Atmungsfrequenz des Neugeborenen von der Mutter gesteuert werden; wenn sie mütterlich ist, ergibt sich eine positive Wirkung auf das Baby, und die Sollwerte für Herzfrequenz und Blutdruck werden normal. Wenn sie es nicht ist, wird die Wirkung negativ und traumatisch, und wir finden später vielleicht eine Tendenz zum Beispiel zu hohem Blutdruck oder zu Herzproblemen. Ihre Versäumnisse verändern die Biochemie des Babys - vielleicht dauerhaft.

Die postnatale Periode ist einfach eine Erweiterung der pränatalen; liebevolle Gefühle werden durch die Biochemie und die Oxytozinspiegel der schwangeren Mutter und später dann durch Körperkontakt auf den Fetus übertragen. Die physiologischen Auswirkungen mütterlicher Fürsorge auf das Kleinkind sind dieselben. 5

Wir alle haben ein definitives Bedürfnis nach Bindung. Wir sind soziale Geschöpfe. Wenn wir von früh an nicht geliebt, angeschaut, berührt wurden, wenn man uns nicht zugehört hat, uns nicht liebkost und bewundert hat, werden diese biologischen Veränderungen, auch wenn sie subtil sein können, uns unser ganzes Leben hindurch folgen, bis ihre fortgesetzte Kraft später den Zusammenbruch körperlicher und psychischer Systeme verursacht. Wenn die Traumen bei der Geburt und vor der Geburt (wie zum Beispiel die chronische Depression der Mutter) und in der frühen Kindheit das System überschwemmen, wird es schließlich zum Zusammenbruch der Serotonin- und Oxytozinsysteme kommen. Die Vorräte werden im Unterdrückungskampf gegen den Schmerz aufgebraucht. Die biochemischen Stoffe wie Serotonin und Oxytozin erschöpfen sich im Kampf gegen emotionale Deprivation.

Der Zwang, das volle Bewusstsein quälender Gefühle zu vermeiden, lenkt viele von uns im Leben, weil wir nicht geliebt wurden, gleich, was wir jetzt über unsere Kindheit denken. Ein Therapeut kann uns fragen, ob wir geliebt wurden, und wir beteuern vielleicht „Absolut!“, während unsere Oxytozinspiegel viel zu niedrig sind. Und vielleicht sind wir tatsächlich nach der Geburt geliebt worden, haben aber während unserer Zeit im Mutterleib schwere Traumen erlitten. Der Körper und seine

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Physiologie lügen nicht. Wenn es schwere Traumen oder frühen Liebesmangel gab, wird es sich in der Einprägung zeigen. Diese Einprägung ist biochemisch. Es ist meine Vermutung, dass einige Mütter, die Oxytozin zur Unterstützung des Geburtsprozesses brauchen, vielleicht eine Schmerzgeschichte haben, die ihren Spiegel gesenkt hat, so dass das Gebären schwierig wird. Mütter, die durch Kaiserschnitt entbinden, haben niedrigere Oxytozinspiegel.

Es geht nicht darum, wie oft sie das Baby anschauen, wie oft sie es halten, es geht um diese ungreifbare Liebe, die sie fühlen, wenn sie es tun. Es ist nie genug, das Baby zu halten. Es muss ein Gefühl da sein, das dem zugrunde liegt. Dieses Gefühl setzt sich aus Neuronen und biochemischen Substanzen zusammen. Es muss ein angemessenes Niveau der Liebessubstanzen vorhanden sein und es darf nicht zu viele Stresshormone im System geben. Oxytozin hemmt bei Tieren die Sekretion von Stresshormonen (Glukokortikoiden).6 Wenn sich das System im Alarmmodus befindet, fallen die Oxytozinspiegel, und das Angstsystem gewinnt an Stärke. Wenn wir „lieben“, gibt es offensichtlich eine chemische Komponente; und es ist durchaus möglich, dass der Oxytozinspiegel umso höher ist, je intensiver das Liebesgefühl ist. Und umgekehrt, je höher der Oxytozinspiegel, umso mehr Liebe kann man geben. In all dem liegt eine versteckte Bedeutung. Auch wenn Sie schwören, jemanden zu lieben, können Ihre biochemischen Substanzen Ihnen Grenzen setzen. Sie können darauf hinweisen, dass Ihre Liebesfähigkeit nicht so ist, wie Sie denken. Die zweite Lektion: Stress und innere Getriebenheit sind der Liebe abträglich. Getriebene Leute sind oft nicht sonderlich liebevoll; sie müssen hierhin und dorthin und dieses und jenes erledigen. Oxytozin-Freisetzung ist ein wichtiger Aspekt der Serotonin-Sekretion. Sie scheinen harmonisch zusammenzu­arbeiten, um uns bei der Verdrängung von Gefühlen, besonders von Schmerz, zu helfen.7

Es ist die Liebe der Mutter zum Baby, die eine sichere Plattform gewährleistet, von der aus das Baby ans Leben herangeht. Es wird unerschrocken und neugierig sein und keine Angst haben, Neues zu erkunden und herauszufinden. Es ist der Nährboden der Angst, der Neugierde reduziert und bewirkt, dass ein Baby phlegmatisch wird und kein Interesse an seiner Umgebung hat. Wenn die Beschützer, die Eltern, wie bei Inzest oder bei zornigem, gereizten, tyrannischen Verhalten zur Bedrohung werden, gibt es keine sichere Basis mehr, und das Kind ist in einer fürchterlichen Lage, denn es kann sich an niemanden wenden, an niemanden anlehnen, und es kann mit seinen Gefühlen nirgendwo hingehen. Es muss verdrängen.

Streichelt man Tieren den Bauch, steigen die Oxytozinwerte und ihr Blutduck fällt. Überaus wichtig dabei ist, dass es zu einem Wechsel von sympathischer zu parasympathischer Dominanz kommt, wobei das Entspannungs-, Ruhe- und Reparatursystem übernimmt, um Überleben und Gesundheit zu fördern. Lange dachte

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man, dass das wachsame und aggressive Alarm-System, der Sympathikus, der Überlebensmechanismus sei, weil er mit der Unterstützung von Vasopressin nach Gefahr Ausschau hielt und vor ihr fliehen oder sie bekämpfen konnte. Nun stellt sich heraus, dass das System abschalten kann, wenn es zu wachsam ist, und dieses Abschaltsystem hat letztlich mit Überleben zu tun. Kurz gesagt ist Überreizung für das System gefährlich. Es kann den Denkapparat fragmentieren, was zu Zerstreutheit, Konzentrationsverlust und kurzer Aufmerksamkeitsspanne führt. Wir wissen, dass eine niedrigere Körpertemperatur, die parasympathisch organisiert wird, Langlebigkeit fördert; das ist bestimmt ein Schlüsselzeichen des Überlebens.

Mein erster entscheidender Punkt: Frühe Bindung, Kontakt, Berührung und Zuneigung haben beruhigende Langzeitwirkung. Meiner Meinung nach gewährleisten sie die spätere Liebesfähigkeit. Das beinhaltet mütterliche Gefühle bei Frauen und die Fähigkeit, genügend Milch abzusondern und ihre Babys zu ernähren. Zweitens, frühe soziale Erfahrungen, die den Oxytozinspiegel beeinflussen, besonders solche im Mutterleib, bilden Erinnerungen, die fortbeste­hen und eine Kraft ausüben, die den Spiegel ständig auf optimalem Niveau hält. Diese Erinnerungen reaktivieren dieselben physiologischen Prozesse, wie sie ursprünglich stattfanden, und verstärken die ursprüngliche Wirkung. Kurz gesagt ist die Fähigkeit, später im Leben zu lieben, eine neurophysiologische Erinnerung. Wenn Sie geliebt wurden, existiert die Erinnerung. Wenn nicht, können Sie nicht im selben Maße lieben. Wenn es zu viel frühen Schmerz gibt, und die ursprüngliche Reaktion auf das Trauma in reduzierten Oxytozinwerten besteht, dann kann diese Reduzierung zu bestimmten Zeiten, wie zum Beispiel bei der Geburt und gleich danach, wenn Oxytozin dringend benötigt wird, reaktiviert werden. Sie brauchen innere Ruhe, um liebevoll sein zu können. Frühe Liebe scheint Langzeit-Reduzierungen des Blutdrucks und der Herzfrequenz zu erzeugen. Ein solcher Mensch wird nicht nur schneller gesund, sondern wächst zu normaler Größe, wie es seiner genetischen Bestimmung entspricht, wogegen diejenigen, die unter chronischem Liebesmangel leiden, vielleicht nicht so schnell gesund werden und nicht ihrer genetischen Bestimmung entsprechend wachsen.

Wir haben jetzt Techniken, mit denen wir messen können, wie sehr jemand in der frühen Kindheit geliebt worden ist. Sicher gibt es einen Grund, warum unsere neu beginnenden Patienten einheitlich hohe Stresshormonspiegel haben.8 Wenn wir als kleine Kinder nicht geliebt worden sind, befindet sich unser System im Alarmzustand. Es treibt uns dazu, Befriedigung zu suchen, auch symbolische Befriedigung, zum Beispiel im Applaus eines Publikums oder in finanzieller Bereicherung. Depravierte Individuen, getrieben, wie sie sind, streben gewöhnlich nach sekundären Zielen, die nichts mit elterlicher Liebe zu tun haben. Essen ist ein gutes Beispiel. Jemand kann aufs Essen genauso versessen sein wie auf Sex. Beides kann sich vom Grundbedürfnis nach Liebe ableiten. Es sind umgeleitete Bedürfnisse,

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die sich ergeben, wenn Liebe fehlt und immer gefehlt hat. Die Kraft hinter der Besessenheit ist immer noch das Bedürfnis nach elterlicher Liebe. Die Energie dieses Bedürfnisses hat sich verlagert. Wir können nicht genug bekommen, weil die Befriedigung zeitlich begrenzt ist, ein Ersatz für die wirkliche Sache. Egal, wieviel wir bekommen, es kann niemals genug sein. Wir versuchen, die Entbehrungen des Systems zu korrigieren. Also gehen wir zur Massage, und unsere Oxytozinwerte steigen. In wenigen Stunden fallen sie wieder. Wir machen ein gutes Geschäft, und die Werte gehen nach oben und dann nach unten. Schon wieder Zeit, nach mehr zu streben.

Es gibt ein neuroendokrines Substrat oder eine biochemische Schicht, die unserem Verhalten und endokrin-hormonellen Sekretionen zugrunde liegt. Oxytozin ist Teil dieses Substrats, das aus positiven, liebevollen Erfahrungen früh im Leben resultiert und deshalb dazu beiträgt, unser übriges Leben zu steuern. Es bewahrt uns davor, dass wir uns selbst durch Arbeiten, ständiges Herumhasten, Planen, Machen, Reisen umbringen, und das alles, weil wir wegen fehlender Liebe am Anfang auf der Hut sind; auf der Hut vor dem vollständigen Bewusstsein, nicht geliebt worden zu sein, eine Erfahrung, die unsere psychische Unversehrtheit zerstört. Die Einprägung „Sie wollen mich nicht haben. Ich werde nicht (nie) geliebt. Es ist hoffnungslos, es zu versuchen“ ist weitaus zu viel, als dass ein Baby sie verstehen und akzeptieren könnte. Der Drang nach Liebe wird in verschiedene Wege der Befriedigung umgeleitet – symbolischer Art, während sich gleichzeitig die Fähigkeit der Person, Liebe zu geben und zu empfangen, vermindert. Selbst im späteren Jugendalter kommt die Liebe zu spät, die wir als Kleinkinder gebraucht hätten, da die kritische Periode vorbei ist. Es besteht deshalb ein zweifacher Antrieb: (1) der Erkenntnis der Entbehrung und ihrer Qual zu entkommen, und (2) für die Erfüllung sekundärer Ziele wie Erfolg zu kämpfen. Leuten, die nicht geliebt wurden, scheint der Drang nach Sekundärzielen absolut natürlich. Das Bedürfnis nach Erfolg kann das Bedürfnis nach Liebe leicht ersetzen.

Wenn jemand nicht geliebt wird, bleiben das Gefühl und die sich darauf beziehenden physiologischen Werte bestehen. So kommt es zu einem Teufelskreis: Wenn sich ein Mensch ungeliebt fühlt, handelt er auf eine Weise, die ihn noch mehr entfremdet und ihn noch ungeliebter macht: Gescheiterte Beziehungen, Ehen, uund so weiter, die einen Menschen dazu bringen, dass er oder sie die Hoffnung aufgibt, jemals geliebt zu werden. Die Folgen können Depression,  Selbstmord-Gedanken und Selbstmord-Versuche sein. Warum? Weil die Einprägung „ungeliebt“ einen Menschen anspruchsvoll, reizbar, reserviert, distanziert, zornig, kalt und leidenschaftslos machen kann. So hat der Partner genug und geht, weil auch sie oder er unerfüllte Bedürfnisse hat.

Fehlende Liebe ruft nicht nur Stress hervor, sondern nachfolgend auch hochgradige Verdrängung. Folglich denken wir, dass wir fühlen und lieben; aber wir können

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nicht fühlen, was wir nicht fühlen können; deshalb diktieren und unterstützen unsere Gedanken die Vorstellung, wir seinen fühlende, liebesfähige Geschöpfe, während wir tatsächlich emotional behindert sind und unsere Bedürfnisse nur ausagieren. Unsere Fähigkeit wird durch die unzureichende Liebe in unserem frühen Leben physiologisch beeinträchtigt. Das Gehirn-Körper-System behält diese Erinnerung bei, nicht nur an unser frühes Leben, sondern an die Geschichte allen menschlichen Lebens. Betrifft die Erinnerung exzessiven und chronischen frühen Schmerz, der daraus resultiert, dass man uns im Kinderbettchen ‚ausschreien’ ließ, dass wir ständig angeschrien und vernachlässigt wurden, können die Oxytozinspiegel niedrig sein. Ein Grund besteht unter anderem darin, dass es sich um ein Antiangst-, Antischmerzhormon handelt, dessen Vorräte begrenzt sind. Teuflischerweise gehen die Vorräte zur Neige, wenn wir emotional leiden – genau zu der Zeit, wenn wir sie am meisten brauchen. Oxytozin-Rezeptoren finden sich überall im limbischen Gefühls-System. Die Hypothalamus-Hypophyse-Achse schickt Oxytozin auf den Weg zu anderen wichtigen Gehirnorten, vor allem zum Hirnstamm, wo sehr frühe Traumen eingeprägt sind. Wie gut Hormone funktionieren, hängt von ihrer Fähigkeit ab, sich mit ihren Rezeptoren zu verknüpfen oder zu binden. Rezeptoren können abhängig vom Stresszustand des Organismuses verändert und/oder neu zugeteilt werden.

Liebe und Überleben

Liebe ist nicht einfach Vermeidung von Schmerz. Es ist der Schlüssel zum Überleben. Wenn Liebe fehlt, wenn Eltern das Baby vernachlässigen, indem sie es nicht anschauen, ihm nicht zuhören oder auf seine Stimmungen nicht eingehen (eine deprimierte Mutter kann mit ihrem Kind nicht ausgelassen umgehen, und das Kind lernt schnell, dass Ausgelassenheit non grata ist), dann kommt es zu Schmerz; schlimmer noch, es besteht die Gefahr des vollständigen Bewusstseins dieses Schmerzes, das die Unversehrtheit des Gehirnsystems bedroht, besonders des integrierenden Neokortexes. Das Gehirn und der Körper beschleunigen dauerhaft, um dieses Bewusstsein in Schach zu halten. Das ist Verdrängung: reale Gefühle vom Bewusstsein fernzuhalten. Das System muss ständig mobilisiert sein, um diese Verdrängung in Gang zu halten. Und es zieht bestimmte biochemische Stoffe zur Unterstützung heran, wie zum Beispiel Oxytozin. Wenn der Schmerz zu groß ist, zu früh eintritt und sich über zu lange Zeitdauer erstreckt, bricht das Verdrängungssystem zusammen und es kommt später zu Angst und Panikattacken. Diese Attacken bedeuten oft, dass das Verdrängung verursachende Trauma-Gefühl dem vollständigen Bewusstsein nahe ist, und sie signalisieren Gefahr.  

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Ein Agent dieses Zusammenbruchs kann Vasopressin sein. Dieses Neurohormon (auch ein Neurotransmitter), ist ein naher Verwandter des Oxytozins und kann sich an dessen Rezeptoren binden. Es hat mehr mit Erregung, Aggression und Territorialität zu tun; die Heimstätte gegen Eindringlinge zu sichern. Zusammen mit Oxytozin kann es einige neurale Bahnen, die aufgrund von Stress fehlgegangen sind, neu anpassen und somit das System wieder ins Gleichgewicht bringen. Vasopressin wie auch Oxytozin können von Stresshormonen reguliert werden. Wenn Vasopressin und Oxytozin zusammenarbeiten, kann es zu verstärkter Sozialbindung kommen.9 Es ist auch möglich, dass Vasopressin die Fähigkeiten des Oxytozins, den Organismus zu beruhigen, zunichte macht, wenn das Stressniveau in der Kindheit außergewöhnlich hoch ist. Ich werde Vasopressin später in diesem Kapitel erörtern.

Bei höherem Oxytozinspiegel wird man schneller gesund; sicherlich ist das eine Überlebensmaßnahme. Wenn wir zum Beispiel eine Infektion nicht ausheilen können, sterben wir vielleicht. Also hat Überleben nicht nur damit zu tun, Gefahr zu bekämpfen oder vor ihr davonzulaufen; nicht nur mit Abwehr; es hat damit zu tun, sich der Liebe zu nähern. Überleben handelt auch von positiven Dingen.

Es gibt Psychopathen, die menschlich ausschauen aber niemals eine liebevolle zwischenmenschliche Beziehung zustande bringen. Sie hinterlassen  eine Spur aus menschlichen Trümmern. Diese Individuen gehen Beziehungen nur ein, um sich zu bereichern und verstehen sich nur aufs Manipulieren. Ihr falscher Charme erlaubt ihnen manchmal, damit durchzukommen. Aber sie sind in der Kindheit der unzureichenden Menschlichkeit ihrer Eltern zum Opfer gefallen. Unter ihrem scheinbar menschlichen Charme liegt eine leere Hülle. Man kann zu ihnen nicht gut sein, weil sie es nicht fühlen können. Sie wollen einfach mehr.

Liebe und Ernährung: Die Übertragung der Liebe durch die Muttermilch

Die Laktation wird durch Stress gehemmt, wie so viele unserer natürlichen Funktionen: Ausscheidung, Essen, Sex und andere. Es kann sein, dass früher Schmerz den physiologischen Spiegel des Oxytozins senkt und  dann einprägt, und somit bereits von vorne herein festlegt, ob eine Mutter später genug Milch hat. Es ist das Hormon Prolactin, das für die eigentliche Sekretion oder Produktion der Milch verantwortlich ist, während Oxytozin die meisten Ejakulationen steuert, einschließlich der „Ejakulation“ der Muttermilch für das Baby. Prolactin kann als ein weiteres Hormon betrachtet werden, das zu mütterlichen Gefühlen beiträgt. Es geht über den Zuständigkeitsbereich dieses Kapitels hinaus, sich eingehend mit allen verwandten Hormonen zu befassen. Es genügt, wenn man weiß, dass sie existieren und dass alle beschrieben worden sind. 10  

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Oxytozin-Injektionen erleichtern das Einsetzen mütterlicher Gefühle. Natürlich würde frühe elterliche Liebe diese Notwendigkeit erübrigen. Blockierung des Oxytozins erstickt mütterliches Verhalten.11 Wenn Sie dieses Hormon einem Schaf geben, nimmt es andere Jungtiere in mütterliche Obhut. Es wird zur „Mutter Erde,“ und ist williger, „die ganze Welt zu lieben.“ Wogegen das Schaf ohne das Hormon dazu neigt, fremde Babytiere zurückzuweisen. Bei Rhesusaffen, die Oxytozin erhielten, kam es zu einer Steigerung des Berührungsverhaltens, Lippenschmatzens und der mütterlichen Bereitschaft, auf ihre Jungen aufzupassen. Primaten kommen menschlichem Verhalten und dem menschlichen Gehirn nahe, und ihre Erforschung ist ein bisschen wichtiger als Studien an Ratten.

Wenn wir die Oxytozin-Produktion in einem Babytier verhindern, kommt es nicht zu Präferenz und Nähe zur Mutter. Es findet keine Bindung statt. Wenn es keine Nähe gibt, leidet das Baby, vielleicht ein Leben lang. Bindung ist ein Grundbedürfnis. Es ist wie eine Straße mit Gegenspur: Vermindertes Oxytozin im Baby verhindert, dass es sich seiner Mutter nahe fühlt. Es wird zu einem Baby, das sich nicht gerne knuddeln lässt, das sich windet, wenn es gehalten wird. Wenn die Mutter ein Kind zur Welt bringt, steigt ihr Spiegel dramatisch an und bietet ihr das nötige Rüstzeug, um ihr Baby tief zu lieben. Ein Teil davon überträgt sich auf das Baby. Die Biochemie sagt uns, dass Liebe wesentlich ist. Im Mutterleib wurde sie bereits durch die Tasache der mütterlichen Liebe für das Baby übertragen. Diese Liebe hat ihre chemischen Wurzeln, auch wenn das Baby noch nicht geboren ist. Ja, das Baby kann sich im Mutterleib geliebt fühlen. Nicht im Sinne von Verstehen, sondern im biologischen Sinn. Aus diesem Grund kann die Biologie Bände sprechen und auch im Widerspruch zu unseren Denkprozessen stehen, die viel später ins Spiel kommen, um unsere innere Wirklichkeit zu leugnen. Es scheint, dass wir schließlich in der Lage sein könnten, einer Frau „Mutterschaft einzuspritzen“, und einen nichtmütterlichen Typ in eine liebevollere, fürsorglichere Mutter zu verwandeln.

Können wir Liebe wirklich injizieren? In Tierversuchen; denken Sie daran, sie haben die meisten Hormone mit Menschen gemeinsam. Wir können jungfräuliche weibliche Tiere nehmen, ihnen Oxytozin injizieren, und innerhalb dreißig Minuten werden sie mütterlich. Ja, wir können Liebe injizieren, wenn wir sie vorsichtig definieren. Zumindest können wir die Eigenschaften der Liebe injizieren: Bindung, Berührung, Achtsamkeit, Schutz und Pflege. Die Bahnen dieser Liebe scheinen von hypothalamischen Zentren auszugehen, wo so viele unserer Gefühle organisiert werden. Ein Großteil dieser Ergebnisse hat sich in der Primatenforschung bestätigt.  

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Wenn das Stress-Niveau steigt, kommt es jedoch oft zu einer Drosselung der Milchproduktion. Das System ist eher auf Kampf und Konflikt eingestellt als auf seine natürlichen Funktionen. Es kann sein, dass Oxytozin im Stressfall freigesetzt wird, um seine Bekämpfung zu unterstützen; um zu helfen, dass das Individuum sich beruhigt und nicht so überwältigt ist. Gemeinsam mit anderen blockierenden Agenten wie Serotonin unterdrückt es Schmerz. Die Injektion von Oxytozin kann die Milchproduktion wieder auf normales Niveau bringen. Die Beweisführung stützt sich auf die Rolle von Stress in der Regulierung der menschlichen Milchproduktion. Es ist keine extravagante Extrapolation, wenn man denkt, dass lange andauernder eingeprägter Stress die Milchproduktion gänzlich verhindern kann. Früher Schmerz senkt den physiologischen Oxytozin-Spiegel und bestimmt somit bereits im Voraus, ob eine Mutter später genug Milch haben wird oder ob es dem Baby genau dann an Nahrung und Nähe fehlt, und das alles, weil seine Mutter dieselbe Nahrung und Nähe als kleines Kind nicht bekommen hatte. Die einfache Tatsache, dass eine Mutter als Kind nicht gestillt wurde, kann zwanzig Jahre später zur Unfähigkeit führen, selbst zu stillen.12 Wir können allmählich  die Fixierung einiger Männer auf die weibliche Brust verstehen, ihre enorme Erregung, wenn sich ihr Anblick bietet. Es ist gut möglich, dass es sich um einen Rückfall auf ein atavistisches Bedürfnis handelt, um den Versuch, die zusammengebrochene Versorgung mit dem Oxytozin der Kindheit wiederzuerlangen. Im Erwachsenenalter wird das frühe Bedürfnis erotisiert, aber es ist noch immer das Grundbedürfnis, das erregt, stimuliert und anzieht.

Muttermilch beinhaltet große Mengen an Oxytozin. Das ist ein Grund, warum Brustmilch so wichtig für die Ernährung ist. Sie wird direkt an das Gehirn des Säuglings geleitet, wo sie Wohlbefinden und Beruhigung hervorruft. Wenn Tiere saugen, weisen sie höhere Werte dieses Hormons auf. Es hat sich herausgestellt, dass stillende Mütter ruhiger und sozialer sind, mit Stress und Monotonie besser umgehen und mehr Hautkontakt mit ihrem Baby haben. In einem Experiment wurden Frauen ermutigt, ihre Babys gleich nach der Geburt an die Brust zu legen. Je früher der Kontakt erfolgte, umso mehr Körperkontakt hatte die Mutter später mit dem Neugeborenem, und sie redete mehr mit ihm. Kurz gesagt gab es mehr liebevollen Kontakt. Laktation und Stillen ist ein Ausdruck der Liebe zum Baby. Es ist ganz klar, dass Liebe und ihre Hormone die beste Vorbeugung gegen psychische und körperliche Symptome sind.

Sie können keine gute, liebevolle Mutter sein, wenn Sie unter chronischem, eingeprägten Stress stehen. Sie können kein liebevoller Mensch sein, wenn die Oxytozinvorräte im inneren Kampf zwischen Gefühlen und Verdrängung aufgebraucht worden sind. Was ich immer wieder betonen muss, ist, dass frühe Liebe zu einer physiologischen Erinnerung wird, die fortbesteht und späteren Symptomen vorbeugen, Angst verhindern, Phobien reduzieren kann, und den Menschen zur Liebe befähigt.  

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Ich verwende das Beispiel der Laktation, um herauszustellen, wie die meisten unserer natürlichen Impulse durch einen Stressor blockiert werden können; etwas scheinbar so Banales wie Hunger. Viele meiner Patienten, die ihr Schreien im Kinderbett blockierten, als niemand kam, um sie zu füttern, wissen es jetzt nicht einmal, wenn sie hungrig sind. Erst Stunden später fühlen sie sich plötzlich ausgehungert und wissen, dass sie essen sollten. Normalerweise ist es eindeutig kein gegenwärtiger Stress, der dies bewirkt, zumal das Problem oft ein Leben lang besteht.

Laktation reduziert bei stillenden Müttern obsessive Symptome. Es ist klar, dass Zwangsgedanken Abwehrmechanismen gegen Schmerz und Angst sind, da Gedanken versuchen, die aufsteigende Energie verdrängter Gefühle zu absorbieren. Die treibende Kraft hinter diesen Symptomen ist ein hyperwachsamer Zustand, der den zerebralen Kortex, das denkende Gehirn, dazu mobilisiert, Rituale und obsessive Gedanken zu ersinnen, um Gefühle zu blockieren. Zum Beispiel kann latente Furcht, Untergrund-Terror, verursacht durch zornige und gewalttätige Eltern, aufsteigen und zu dem Bedürfnis werden, zehn Mal am Tag die Schlösser zu überprüfen, um sich sicher zu fühlen und keine Angst zu haben. Zahlreiche Forschungsstudien zeigen den beruhigenden Effekt von Oxytozin.13 Uvnas-Moberg hat nach mehreren Injektionen dieses Hormons bei Tieren Dauerwirkung festgestellt. Der Oxytozinspiegel kann durch sehr frühe Erfahrungen, auch im Mutterleib, beeinflusst werden. Er ist, soweit wir wissen, die Schlüsselkomponente im Bindungsverhalten zwischen zwei Menschen.

Bei Müttern, die selbst in ihrer Kindheit nicht geliebt wurden, deren Eltern sie kaum jemals berührten, und die die meiste Zeit vernachlässigt wurden, kann die eigene Oxytozin-Sekretion reduziert sein. Ihr Schmerz oder eingeprägter Stress kann sie daran gehindert haben, mütterlich zu sein. Sie glauben vielleicht, dass es für sie kein natürlicher Instinkt sei, weil ihnen nicht danach zumute ist, Babys zu bekommen und sich um sie zu kümmern. Ihre mütterlichen Instinkte sind durch frühe elterliche Gleichgültigkeit und Kälte ausgelöscht worden. Eine Forschungsstudie, die mir vorschwebt, ist die Messung der Oxytozinspiegel in erwachsenen Frauen, die mit der Flasche ernährt wurden, im Gegensatz zu denen, die gestillt wurden. Zweitens möchte ich ermitteln, ob die Dauer der Stillzeit den Oxytozinspiegel erhöht. Und weil ich sage, dass das Fühlen früher Lieblosigkeit in einem Primal uns helfen kann, Liebe zu akzeptieren, würden wir schließlich gerne das Oxytozin in unseren Patienten vor der Therapie und nach sechs Monaten und einem Jahr messen. Die Spiegel sollten in unserer Therapie ansteigen.  

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Hat sich einmal eine ruhige Reaktion eingefunden, kann sie durch Substanzen, die gegen Oxytozin ankämpfen, nicht umgekehrt werden. Genauso könnte man sagen, wenn wir einmal wirklich geliebt werden, lässt sich später nicht viel tun, um es ungeschehen zu machen.

Es gibt eine Menge Forschungsarbeiten über Panik- und Angstzustände. Für mich ist ganz klar, dass wir solche Zustände nicht sehen würden, gäbe es kein Vorgeburts- und Geburts-Trauma, und gäbe es nach der Geburt viel Liebe. Es ist so schwierig, den Zusammenhang zwischen dem Geburtstrauma und diesen Heimsuchungen im Alter von fünfunddreißig Jahren herzustellen. Meine Patienten erledigen das für mich. Sie erleben frühe Traumen wieder, und die Symptome verschwinden.

Wenn Körperkontakt fehlt, fehlt auch Liebe

Wenn Babys nicht gehalten und liebkost werden, wenn  Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, stehen sie per Definition unter Stress. Das Baby braucht Liebe so sehr wie Milch. Wenn Bedürfnisse vernachlässigt werden, sendet das System des Babys Alarmsignale aus, die auf Gefahr hinweisen. Wie ich erwähnt habe, ist eines davon Kortisol, das Stresshormon. Wenn dem Baby plötzlich Liebe und Berührung zuteil wird, kommt es zur Freisetzung von Oxytozin und zu allgemeiner Beruhigung. Ein Aspekt des Alarms besagt, dass es zu einem lebenslangen Oxytozindefizit kommen kann, wenn es keine Wärme und keinen Körperkontakt gab. Weil ich früher elterliche Liebe neu als Erfüllung von Grundbedürfnissen definiert habe, können wir sie in Zukunft vielleicht durch Messen des Oxytozinspiegels quantitativ bestimmen. Jemand kann schwören, dass er geliebt wurde, aber seine niedrigen Werte können ihn verraten. Es wäre auch eine Messung des therapeutischen Erfolgs.

Haben diejenigen, die frühen Inzest erlitten hatten, niedrigere Werte im Vergleich zu Kontrollgruppen? Haben Leute, die ihn in ganz jungen Jahren erlitten, niedrigere Werte als andere, denen er im Jugendalter widerfuhr? Es ist kein sonderliches Geheimnis (obwohl oft die intellektuelle Einbildung besteht, dass nichts so einfach sein könne), dass ein wenig Liebe hier und dort die Struktur des Gehirns ändern könnte, späteres obsessiv-zwanghaftes Verhalten, Angst und Depression verhindern könnte! Liebe ist nicht einfach! Auf der Grundlage weitverbreiteter emotionaler Deprivation scheint es eine äußerst schwierige Angelegenheit zu sein.

Immer wenn wir das Wort „Stress“ in der Literatur sehen, müssen wir betonen, dass der meiste Stress eingeprägt ist und in unsere Zeit im Mutterleib zurückdatieren kann. Das ist ein Grund, warum es so schwer ist, diese Auffassung zu verstehen. Natürlich wird er durch gegenwärtigen Stress verschlimmert, durch den Verlust einer Gefährtin oder eines Jobs, finanzielle Sorgen und dergleichen. Meiner Meinung nach ist eingeprägter Stress eine Erklärung, warum der Oxytozinspiegel bei bestimmten Individuen chronisch niedrig ist; das Hormon wird im Kampf gegen die Einprägung aufgebraucht.  

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Wenn die weibliche Präriewühlmaus bald nach der Geburt mit Steroid-/Stresshormonen behandelt wurde, zeigte sie später gesteigerte Maskulinisierung (Besteigungsverhalten der Weibchen).14 Den meisten von uns müssen keine Stresshormone injiziert werden; Stress im Mutterleib und gleich nach der Geburt wird das Gleiche leisten und kann in der Tat Frauen vermännlichen, wie ich früher in diesem Werk erörtert habe. Vielleicht ist es logisch, wenn man denkt, dass eine Injektion etwas Besonderes sei, auch wenn tatsächlich exakt derselbe chemische Prozess auf natürliche Art stattfindet. Wir können Oxytozin injizieren oder wir können das Tier massieren und dadurch vermehrt Oxytozin produzieren. Wir können eine schwangere Mutter stressen, oder ihr Steroide injizieren. Die psychische Injektion ist exakt dieselbe wie die einer Nadel. Eine Mutter kann freundlich und liebevoll sein und den Serotoninspiegel in ihrem Nachwuchs erhöhen, so dass der mit Widrigkeiten besser fertig wird, oder ein Arzt kann Serotonin injizieren und temporäre Beruhigung erzeugen, die sich nicht von der Wirkung eines liebevollen mütterlichen Blicks unterscheidet.

Eine Mutter kann durch ihre Milch Oxytozin „injizieren“. Eine chronisch ängstliche Mutter kann in ihrem Nachwuchs niedrige Oxytozin-Spiegel hinterlassen, so dass er später vielleicht Probleme hat, sich zu binden und Beziehungen einzugehen. (Das ist ganz klar Gegenstand der Forschung. Ich erwäge nur Möglichkeiten.). Das kann letztlich gescheiterte Beziehungen und gescheiterte Ehen bedeuten mit leidenden, im Stich gelassenen Kindern, die die Hauptlast einer Sache tragen, die ihren Grund in der frühen Kindheit der Mutter hatte.15

Sue Carter, die auf dem Gebiet der Neuroendokrinologie forscht, hat behauptet, dass Oxytozin „durch die Entwicklungsgeschichte eines Organismuses“ beeinflusst wird.16 Wenn der Steroidspiegel im Mutterleib aufgrund des Stress-Spiegels der schwangeren Mutter hoch ist, kann sich die ganze Entwicklung des Fetuses ändern, was die Senkung des Oxytozinspiegels einbezieht. Jahre später dann hat eine Mutter keine Milch für ihr Neugeborenes und niemand kann verstehen warum. Oder sie besteht darauf, gleich nach der Geburt wieder zur Arbeit zu gehen und rationalisiert, ihr Job sei so wichtig. Sie versteht vielleicht nicht, dass ihre Getriebenheit die Sekretion ihrer mütterlichen Liebeshormone verhindert hat und ihr Verhalten diktiert, zur Arbeit zurückzukehren. Ihre Einstellungen, Interessen und Gedanken können Rationalisierungen für ihren physiologischen Hormonstatus sein. Sie verfügt nicht über die biochemische Ausstattung, um mütterlich sein zu wollen, und sie hat diese Ausrüstung seit der Kindheit nicht besessen. Ihre Mutter, eine nichtmütterliche Person, hat  es durch fehlenden Körperkontakt mit dem Baby zustande gebracht, die

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mütterlichen Hormone in ihrer Tochter zu vermindern. Wenn diese Tochter zufällig Babys bekommt, wird sie sie schon bald verlassen und zur Arbeit zurückkehren. Sie wird über ihre Mutterrolle verärgert sein, und die Kinder werden es zu spüren bekommen. Ihr niedrigerer Oxytozinspiegel kann sich bereits auf den Fetus im Mutterleib auswirken. Ich würde die Hypothese wagen, dass er mit Defiziten im Liebesbereich zur Welt kommt. Ich habe dargelegt, wie ein Trauma im Mutterleib in gesenkten Serotoninspiegeln resultiert. Es ist nur ein kleiner Schritt, wenn man das auf Oxytozin anwendet. Natürlich gibt es auch Mütter, die sich nicht von ihren Kindern trennen können. In der Regel deshalb, weil sie versuchen, von ihnen Liebe zu bekommen.

Liebe und Sucht: Süchtig nach Liebe

Es gibt Beweise, dass Oxytozin und Dopamin zusammenarbeiten, um Wohlgefühl zu erzeugen; es ist dieses Gefühl und dieser Hormonstatus, der jemand permanent von Drogen abhängig macht; das Dopamin potenziert das Oxytozin, indem es dessen Bindung an Rezeptoren verstärkt. Oxytozin hemmt die Toleranz-Entwicklung gegenüber Drogen wie Morphium und verhindert auch die Entzugssymptome, wenn jemand diese Drogen absetzen muss. Ratten, die in der Lage waren, sich selbst Schmerztöter zu verabreichen, indem sie einen Hebel drückten, taten es nicht, wenn sie Oxytozin erhielten. Anders gesagt kann Mutterliebe oder ihr chemisches Analogon Sucht verhindern. Liebe ist die bevorzugte Methode.17

Die Aktivität von Schmerztötern (Opiaten) erhöht sich, wenn man einem Tier Oxytozin-Injektionen verabreicht.18 Oxytozin bildet ein Gegengewicht, wenn man sich ungeliebt fühlt und unter Schmerz steht. Ratten, die Kokain erhalten, werden zu zwanghaften Schnüfflern. Oxytozin reduziert dieses Verhalten. Und mit Oxytozin brauchen Leute, die auf Drogen sind, nicht ständig mehr. Wiederum wirkt es wie eine Liebesspritze; es hält einen von Schmerztötern fern, weil man weniger unter Schmerz steht, wie es bei allen von uns der Fall ist, die wirklich geliebt werden. Süchtige und Alkoholiker wollen sich geliebt fühlen. Es ist der Schub und das Gefühl von Wärme, das sie erleben, wenn die Wirkung der Droge oder des Alkohols einsetzt, was sie dazu treibt, immer mehr zu nehmen. Diese Wärme ist wie mütterliche Liebkosung; oft beschreiben sie es als Wärme, die total entspannend ist.19

Was ich gerade diskutiere, birgt für Philosophen reichlich Stoff zum Sinnieren. Ist der Drogenkonsument für sein Handeln verantwortlich? „Nein“ zu sagen bedeutet, dass keiner von uns einen freien Willen hat; wir alle sind Opfer unserer Kindheit. Was ich sagen will, ist, dass zu einem ganzen Leben voller emotionaler Entbehrung „einfach Nein zu sagen“  nicht so leicht fällt. Und es ist nicht einfach eine Sache der Willenskraft. Natürlich ist jeder von uns für seine Aktionen verantwortlich, aber

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oft brauchen wir Hilfe. Wir müssen verstehen, dass jemand, dem es ein Leben lang an Schmerzverdrängern wie Serotonin fehlte, chemische Hilfe braucht, um sich zu normalisieren. Ja, es muss etwas in ihm sein, das ihn wünschen lässt, sein Leben in die Hand zu nehmen. Nicht alle von uns haben diese Stärke und Entschlossenheit. Manchmal ist es nicht leicht, gegen Schwäche Widerstand zu leisten. Käme ein Mensch gerade aus der Wüste und wäre am Verdursten, würde sie oder er große Mengen Wasser haben wollen. Das Problem ist, dass wir die emotionale Wüste nicht sehen können, die die Kindheit bei einigen von uns hinterlassen hat. Wie die Grenzlinie zwischen Verantwortlichkeit und Opfer-Sein zu ziehen ist, das ist ein ständiges philosophisch-psychologisches Problem.

Der Grad der Abhängigkeit lässt sich oft an der Schwere der Entzugssymptome ermessen, wenn die Droge einmal abgesetzt wird. Oxytozin mildert diese Symptome. Liebe ebenso, aber nicht so schnell. Eine Spritze mit Oxytozin wirkt, als würde man eine Spritze mit einer liebevollen Mutter bekommen. Das ist es doch, was Heroin erreicht! Mama in der Spritze besänftigt, beruhigt und entspannt.

Wo die Sucht ihren Anfang nimmt

Frühe Traumen vor und während der Geburt haben viel mit dem richtigen Funktionieren des Kortexes zu tun. Hier ist der Ort, wo vielleicht die Saat der Drogensucht wegen der Fehlregulierung des frontalen Kortexes und ihrer Wirkung auf die Verbindungen zum limbischen System und Hirnstamm gesät wird. Diese Leute müssen sich ständig mit ihrem Schmerz befassen. Wenn Sie sich ein Bein brechen und ein starkes Schmerzmittel nehmen und wenn das Bein dann heilt, können Sie noch immer Medikamente brauchen. Das kommt daher, dass der Schmerz, an dem Sie wirklich leiden, im Verborgenen liegt, in den Antipoden des Gehirnsystems; eine Verletzung, die vielleicht fünfundvierzig Jahre alt ist. Dieser Schmerz bedarf noch immer der Besänftigung. Das bedeutet nicht, dass jemand süchtig ist. Es heißt einfach, dass der Schmerz noch immer existiert, aber weder sichtbar noch greifbar ist. Oft wissen Sie erst, wenn Sie das Medikament nehmen,  was Ihnen abgegangen ist. Methadon für Heroinsüchtige auf Entzug oder Schmerztöter für Leute mit Angstproblemen verlangsamen oder blockieren die Übertragung der Schmerzbotschaft. Die Botschaft ist nicht offensichtlich. Sie ist es im Falle eines gebrochenen Beins, aber sie ist weniger klar im Falle eines gebrochenen Herzens aus der frühen Kindheit. Wenn unser gebrochenes Bein Monate braucht, um zu heilen, und wir während des Heilungsprozesses Schmerzpillen nehmen, betrachtet man das als normal. Wir würden nicht als „süchtig“ diagnostiziert (mit all der Schmach, die diesem Etikett anhaftet). Es wäre kurios, würden wir ein verächtliches Etikett

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angehängt bekommen, weil wir Schmerz abtöten müssen. Aber wenn wir an einer quälenden Einprägung aus der Kindheit leiden, die genauso real und schmerzhaft ist wie ein gebrochenes Bein, hält man uns vielleicht für süchtig. Warum? Weil wir eine Verletzung lindern, die im Alter von zwei Wochen geschah.

Wir neigen noch immer zu der Mentalität, dass wir uns nicht beklagen und die Zähne zusammenbeißen sollen. Doch wenn jemand süchtig nach Schmerztötern ist, bedeutet das, dass sie oder er unter Schmerz steht oder denkt, unter Schmerz zu stehen. Es ist kein krimineller Akt. Es ist ein Akt des Überlebens. Niemand würde massive Mengen an Schmerztötern in sein System einführen, wenn er keinen Schmerz hätte. Ohne eingeprägten Schmerz wäre eine massive Dosis von Schmerzmitteln tödlich.

Hat ein Mensch einmal das Erwachsenenalter erreicht, kann Liebe keine dauerhafte Wirkung mehr erzielen. Das heißt, sind niedrige Oxytozinspiegel oder hohe Stresshormonspiegel einmal früh im Leben registriert, ist es schwierig, die normalen Sollwerte wiederherzustellen. Das Verlangen nach Kokain kommt zum Beispiel auf, wenn die Dopaminvorräte chronisch erschöpft sind; Kokain erhöht das Dopamin in den Synapsen künstlich. Jemand kann am Kokain hängen, um sich aggressiver zu fühlen, mehr Vergnügen und Spaß im Leben zu haben, mehr Selbstvertrauen zu spüren, und um in der Lage zu sein, andere zu konfrontieren. Kokain kann das leisten, aber elterliche Liebe ebenso. Kokain macht einen Menschen viel furchtloser – für den Augenblick. Das ist ein Grund, warum man immer wieder darauf zurückgreifen muss. Es wirkt nicht dauerhaft; ganz anders Mutterliebe, die das tut. Mutter und Vater setzen die Sollwerte für ihren Nachwuchs ein Leben lang fest. Sie können nicht beschließen, das Kind im Alter von vierzehn zu lieben und ein Versäumnis im Alter von ein oder zwei Jahren nachzuholen. Es ist bereits Physiologie geworden.

Warum sollten sich depravierte Menschen nicht an Drogen hängen wollen, die so ein wunderbares Gefühl erzeugen? Sie versuchen nur, sich zu normalisieren, wieder zu erschaffen, was seit den ersten Tagen des Lebens fehlt. Sie wollen dieses warme und benommene Gefühl, das sich überall breit macht. Sie wollen sich entspannt und wohl in ihrer Haut fühlen. Ich bezweifle ernsthaft, dass ein Mensch süchtig würde, der normale Oxytozin- und Serotoninspiegel hat. Ich würde eine Forschungsstudie an Süchtigen bezüglich dieser Werte vorschlagen. (Ich plane eine Forschungsstudie über Oxytozinspiegel vor und nach der Therapie unter  meinen Patienten.)

Was machen viele New-Age-Therapien? Sie erleichtern zeitweise die durch frühen Liebesmangel verursachte Sucht, indem sie den Oxytozinspiegel anheben und uns beruhigen. Massage, Rolfing und und mystische Ideen gehören alle dazu, genau wie der besorgte, freundliche, interessierte Blick eines Therapeuten. Es ist nichts falsch daran, sich gut zu fühlen, auch wenn es nur vorübergehend ist. Aber wir können von den Therapien und Therapeuten abhängig werden, die zur Anhebung unseres Oxytozin- und Dopamin-Spiegels beitragen. Sie bewirken, dass wir uns besser fühlen; für den Augenblick.  

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Was die Behandlung der Sucht betrifft, hoffe ich, dass es eines Tages Forschungsstudien über die gemeinsame Verwendung von Oxytozin und Hirnstammblockern (erste Linie) wie Clonidin und/oder dem Antianfall-, Antischmerz- Medikament Tegretol gibt. Meiner Ansicht nach wäre die Kombination bei Sucht, Angst und Panikattacken wirksam. Während früher Schmerz das System zu Hyperaktivität treiben kann, steht Oxytozin mehr mit dem entgegengesetzten System, der parasympathischen Hypoaktivität in Beziehung. Primärtherapie ist im Grunde ein Balanceakt, indem sie Menschen, die hypo sind, etwas mehr in Richtung hyper bringt und umgekehrt. Wir machen, was die Natur gemacht hätte, wäre nicht das Trauma dazwischengetreten.

Vasopressin

Wie ich dargelegt habe, setzt sich das autonome Nervensystem, das automatische Funktionen steuert, aus zwei Sektoren zusammen, dem parasympathischen und dem sympathischen System. Ersteres wird durch Oxytozin angetrieben, während das sympathische mehr mit Vasopressin zu tun hat. Einige mögen es „Yin und Yang“ nennen, ich aber bevorzuge den Namen „Dialektisches System“, da die Dialektik eines der Schlüsselgesetze ist, die die menschliche Entwicklung regieren. In jedem von uns herrscht ein Gleichgewicht zwischen dem sympathischen und parasympathischen System. Vasopressin hat aggressivere Eigenschaften, die uns erlauben, wachsam und auf der Hut vor Eindringlingen zu sein. Es wird vom sympathischen Nervensystem dominiert. Tatsächlich sehen wir, wie ich früher erörtert habe, dass das Geburtstrauma zur Vorherrschaft des einen oder anderen Systems führen kann, was von der Natur des Traumas abhängt, zum Beispiel schwere Anästhesie der Mutter, die eine grundlegend parasympathische Prägung beim Neugeborenen erzeugt. Beides sind Methoden des Überlebens. Aber ein frühes Trauma verschiebt das Gleichgewicht zwischen diesen Systemen – zwischen Oxytozin und Vasopressin als jeweiligem Schlüsselelement. Im Fall einer sympathischen Prägung finden wir später oft obsessiv-zwanghaftes Verhalten. Und Sie ahnen es kaum, bei diesen Störungen besteht eine Vorherrschaft von Vasopressin (gemessen in der zerebral-spinalen Flüssigkeit).20

Vasopressin hilft männlichen Tieren, mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs zu verbringen. Es fördert bei Vätern fürsorgliche Eigenschaften. Wenn wir Vasopressin blockieren, führt das sofort zu weniger väterlichem Verhalten. Direkt in einen Abschnitt des Tiergehirns injiziertes Vasopressin steigerte bei männlichen Wühlmäusen

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väterliches Verhalten. Ohne das Hormon konnten sie keine liebevollen Väter sein. Vasopressin bildet das Gegengewicht zu Oxytozin und hat bei Tieren mit gesteigertem Aggressions- und Territorialverhalten zu tun (gesteuert vom sympathischen, alarmierenden, antreibenden, mobilisierenden Nervensystem). Wie Sie sich fühlen, Ihr Einstellung zu Liebe, Elternschaft, Bindung, kann durchaus von Ihrem Hormonstatus diktiert werden, und der kann von den Sollwerten ihrer Hormone bestimmt sein, die aus bis zum Mutterleib zurückreichenden Erfahrungen resultieren. Ihre Einstellungen können sich durch Ermahnungen anderer ändern, aber Sie werden Ihren Hormonstatus nicht dauerhaft verändern. Sowohl Vasopressin als auch Oxytozin  sind auf Neuronen lokalisiert; beide scheinen eine Rolle im Reifeprozess des Gehirns zu spielen. Wenn es also zu einem frühen Trauma kommt, auch im Mutterleib, wird die Reifung des Gehirns gestört. Der Volksmund sagt: „Er oder sie hat sie nicht mehr alle.“ Es ist ein anderes Gehirn, zum Teil dank dieser zwei Neurohormone. Es ist von entscheidender Bedeutung, wenn Synapsen organisiert und neuronale Netzwerke fixiert werden, dass zur Unterstützung dieses Prozesses zwischen diesen Neurohormonen ein angemessenes Gleichgewicht besteht.

Vasopressin und Oxytozin sind auch im Stande, die Feuergeschwindigkeit von Einzelneuronen zu ändern. Ihre Abweichungen unterstützen die Schaffung eines anderen Gehirns, bevor der Fetus das Licht der Welt erblickt. Es ist nicht unmöglich, dass das andere Gehirn mit geringerer Wahrscheinlichkeit fühlt und soziale Kontakte herstellt. Wir mögen sagen: „ Er ist vom alten Schlag.  Innerlich ist er genau wie sein Vater.“ Doch vielleicht gehört er zum „alten Schlag“, weil der Vater innerlich so war, dass er nicht aus sich heraus konnte, um sein Kind in die Arme zu nehmen, oder weil der chronisch depressive Zustand der Mutter in der Schwangerschaft den Fetus nachteilig beeinflusst hatte.

Vasopressin und Oxytozin lassen sich in der Evolution Millionen Jahre zurückverfolgen. Man könnte daraus ableiten, dass Liebe oder Zuneigung oder Bindung für lebende Organismen schon immer wichtig war und der Schlüssel zum Überleben ist.  Es ist kein Wunder, dass sie in enger Beziehung zu Sex und Reproduktion steht. Bei sexueller Erregung erreicht Vasopressin seine Spitzenwerte, während Oxytozin bei der Ejakulation kulminiert. Vasopressin-Zellen konzentrieren sich in der Amygdala, in den fühlenden Zentren des Gehirns. Sexuelle Aktivität erhöht den Oxytozinspiegel. Vielleicht ist das der Grund, warum wir uns nach dem Sex und nach inniger körperlicher Zuneigung, so innig wir nur sein können – im Körper eines anderen Menschen – auf den Partner bezogen fragen: „Liebst du mich wirklich?“ Es ist Liebe, die uns zur Reproduktion motiviert. Ohne körperliche Zuneigung gibt es keine Liebe. Bei wenig Oxytozin gibt es keine Zuneigung. Wenn es keine Liebe gibt,

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steht das Überleben auf dem Spiel. Sex und emotionale Zuneigung teilen diesselben zugrunde liegenden Hormone, nicht zuletzt Oxytozin. Deshalb verwechselt man sie leicht. Liebe macht uns stark für unsere Nachkommen. Und Sie brauchen Sex, um die Liebe zu stärken und um Nachkommenschaft zu haben, und umgekehrt. Das ist die natürliche Folge der Liebe. Was auch leicht verwechselt wird, ist Liebe und Bedürfnis. Leute, deren frühe Bedürfnisse niemals erfüllt worden waren, suchen ständig nach Erfüllung und glauben, es sei Liebe, wenn jemand hilft oder Schutz gewährt. Solange jemand bedürftig ist, wird sie oder er dieses Bedürfnis mit Liebe verwechseln.

Männliche Ratten, die in den ersten Lebenswochen mit Vasopressin behandelt wurden, waren später aggessiver zu Fremden, die ihnen zu nahe kamen. Das im Stressfall freigesetzte Vasopressin kann mit Oxytozin bekämpft werden, was sonderbar ist, zumal sie sich molekular so nahe stehen, dass sie dieselben Rezeptoren benutzen. Es scheint, dass sie eine dialektische Einheit bilden, Teil eines übergreifenden, größeren Systems, das sowohl Stress- als auch Entspannungsreaktionen steuert. Denn Gefühle umfassen nicht nur diese zwei Neurohormone, sondern gehören zu einer Reaktionskaskade. Deshalb können Gefühle entlang einer Leiter hormoneller Reaktionen gemessen werden, die vom Hypothalamus, der Hypophyse und anderen limbischen Strukturen organisiert werden.

Vasopressin hat Einfluss darauf, welcher Partner bevorzugt wird, und  unterstützt bei einigen Tieren die Auswahl bestimmter weiblicher Partner. Es ist ein wesentliches Element für die Paarbindung bei Tieren. Es ist auch mit Testosteron assoziiert, das den Vasopressinspiegel erhöht. In einigen Fällen agiert Vasopressin wie ein Neurotransmitter.21 Es bleibt im synaptischen Vesikel eingeschlossen und wird dann in den Kreislauf freigesetzt, wo es Wirkung auf andere Neuronen ausübt, die dann die Übermittlung von Botschaften (oft Schmerz) entweder erleichtern oder hemmen.

Es ist nie eine gute Idee, sich auf ein Hormon oder eine Substanz zu konzentrieren und zu glauben: „Das ist es.“ Es ist beinahe immer Teil eines großen Systems. Das übergreifende große System ist in den meisten Fällen menschliches Fühlen. Ich habe früher erwähnt, dass Clonidin ( das auf viele Strukturen wirkt, deren wichtigster der Hirnstamm ist), als wir es in einem Experiment mit unseren Patienten anwendeten, ziemlich wirkungsvoll Angst beruhigt und Schlaf gefördert und auch noch das Verlangen nach Zigaretten reduziert hat, indem es die Hirnstamm-Agitation verminderte. Erinnern Sie sich, viele Süchte, einschließlich des Tabaks, werden von Einprägungen der ersten Linie gesteuert. Es sind die dem Hirnstamm und Locus caeruleus eingeprägten ganz frühen Traumen, die gut auf Clonidin ansprechen und sekundär auf seinen Verwandten, das Oxytozin. Anders ausgedrückt können Angst und posttraumatische Stress-Störung (die meisten von uns leiden an dieser

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Störung, wenn sie ein Geburtstrauma durchmachten oder später ein ernstes Trauma und Liebesmangel erlitten) zum Teil auf gesenkte Oxytozinspiegel zurückzuführen sein. Es stellte sich auch heraus, dass Östrogen eine wesentliche Rolle in der Regulierung der Anzahl an Oxytozin-Rezeptoren in einigen wichtigen Kernen des Gehirns spielt. Oxytozin ist eindeutig nicht die ganze Geschichte, aber ein sehr wichtiger Teil.

Ich behaupte, Fühlen ist das zentrale Organisationsprinzip menschlichen Verhaltens. Sie können Fühlen im Gehirn, in der menschlichen Biochemie, in der Muttermilch, im Speichel und in Rückenmarkspunkturen messen. Wir können es in Serotonin, Oxytozin, Vasopressin und Dopamin messen. Gefühle sind allumfassend, und natürlich ist Liebe das Schlüsselgefühl der zwischenmenschlichen Beziehungen. Man findet sie überall im System, weil Fühlen überall stattfindet. Wir sind zuallererst fühlende Geschöpfe.

Ich habe neue Forschungsergebnisse in der Biochemie ausgewählt, um menschliches Verhalten zu erörtern. Genauso gut hätte ich andere biochemische Substanzen nehmen können. Das Hormonsystem interagiert mit so vielen anderen Sytemen, in allererster Linie mit dem Gehirn und seiner Entwicklung. Wenn wir die zentrale Achse finden wollen, die im Räderwerk des Gehirns alles zusammenführt, was gut oder schief laufen kann, müssen wir fragen, wo die Liebe oder deren Mangel war. Wir können ein Leben lang biochemischen Veränderungen nachforschen und nie zu einer Lösung der Frage  gelangen, warum wir bei bestimmten Hormonen hoch oder niedrig eingestellt sind, warum wir hohen Blutdruck oder schnellen Herzschlag haben. Wir können keine Lösungen finden, solange wir es vermeiden, die Art von Liebe zu untersuchen, die früh im Leben existierte oder nicht existierte. Wir haben uns die Liebe nicht eingehend genug angeschaut, weil sie ein Gefühl ist, und das macht es schwieriger, sie zu quantifizieren und zu messen; und für Leute, die von ihren Gefühlen abgeschnitten sind, die auf der kognitiven Ebene operieren, ist sie ein fremdes Universum. Wenn wir Liebe und Fühlen in die Gleichung einsetzen, werden wir im Stande sein, einige entscheidende biochemische Probleme unserer Tage zu lösen. Ohne Liebe und Fühlen treiben wir weiterhin hilflos umher.

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Quellenverweise und Anmerkungen

N. 1         Die Arbeit von Barry Keverne von der Cambridge University.

N. 2         Thomas Insel, „A Neurobiological Basis of Social Attachment,” American Journal of Psychiatry 1554, (6. Juni 1997).

N. 3         Emory University, Atlanta, wie berichtet in “Gene Transplant Turns Mice into Social Creatures,” International Herald Tribune, 20. August 1999.

N. 4         Thomas Insel, „A Neurobiological Basis of Social Attachment,” s. 732.

N. 5         K. Uvnas-Moberg, “Oxytocin May Mediate the Benefits of Positive Social Interaction and Emotions,” Psychoneuroendocrinology 23, no. 8 (1998): 825.

N. 6         K. Uvnas-Moberg et al., « Oxytocin as a Possible Mediator of SSRI-induced Antidepressant Effects, » Psychopharmacology 142, no. 1 (Februar 1999): 95-101.

N. 7         Ibid.

N. 8         Unsere Forschung 1984 zusammen mit dem St. Bartholomew’s Hospital, London.

N. 9         K. Uvnas-Moberg, “Oxytocin May Mediate the Benefits of Positive Social Interaction and Emotions,” s. 825.

N. 10       Siehe die Arbeit von Michel Odent, Birth Reborn (New York: Pantheon, 1984).

N. 11       Thomas Insel, „A Neurobiological Basis of Social Attachment.”

N. 12       C. Carter und M. Altemus, „Integrative Functions of Lactational Hormones in Social Behavior and Stress Management,“ Annals of the New York Academy of Science.

N. 13       K. Uvnas-Moberg et al., « Oxytocin as a Possible Mediator of SSRI-induced Antidepressant Effects. »

N. 14       Thomas Insel hat die Präri–Wühlmaus eingehend studiert. Siehe „Voles are Addicted to Love,“ Science News 154 (5. Dezember 1998), s. 367.

N. 15       C. Carter und M. Altemus, „Integrative Functions of Lactational Hormones in Social Behavior and Stress Management.“

N. 16       G. L. Kovacs, Z. Sarnyai und Gyula Szabo, “Oxytozin and Addiction: A Review,” Psychoneuroendocrinology 23, no. 8 (1998): 945-62.

N. 17       Ibid.

N. 18       Ibid.

N. 19       Ibid.

N. 20       K. Uvnas-Moberg, “Oxytocin Linked Antistress Effects: The Relaxation and Growth Response.”

N. 21       C. Barberis und Elaine Tribollet, “Vasopressin and Oxytocin Receptors in the Central Nervous System,” Critical Reviews in Neurobiology 10, no. 1 (1996): 119-54.

 


KAPITEL 18
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ÜBER SEXUALITÄT UND HOMOSEXUALITÄT
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Eine Studie über Mütter homosexueller Männer ergab, dass zwei Drittel der Mütter im Vergleich zu einem Drittel der Mütter heterosexueller Männer in der Lage waren, sich an stressreiche Ereignisse während der Schwangerschaft zu erinnern. Das enthüllte zusammen mit anderen Studien ein enormes frühes Trauma im System der Mütter, deren Nachwuchs schließlich zu homosexuellen Erwachsenen wurde.1 Das ist kein Werturteil. Es entspricht meiner klinischen Erfahrung vieler Jahre, dass die Zeit im Mutterleib ein echtes Vorspiel für die spätere Persönlichkeit, das spätere Sexleben und die sexuelle Orientierung ist.2 Ich bezeichne sie als „aberrant“, weil es aufgrund des Traumas der Mutter zu einer grundlegenden Abweichung des Hormonsystems kommt.

Meine homosexuellen Patienten haben mir immer wieder erzählt, dass sie sich ab dem Alter von fünf oder sechs „anders“ fühlten. Sie reagieren vielleicht auf grundlegende Veränderungen der Biochemie und des Nervenschaltsystems, die in den ersten Monaten nach der Empfängnis verankert werden. Diese Änderungen können Tendenzen in Richtung abweichendes Verhalten etablieren. Besonders wenn sie durch soziale Umstände, zum Beispiel einem abwesenden Vater oder eine tyrannische Mutter zusätzlich verstärkt werden. Wenn eine Mutter während der Schwangerschaft sehr ängstlich ist, wird diese Ängstlichkeit durch eine Anzahl hormoneller Veränderungen vermittelt. Das kann später entscheidende Wirkung auf die Funktion der Sexualhormone beim Nachwuchs haben. 3

Vor einigen Jahren untersuchte Gunther Dorner vom Institut für Endokrinologie an der Humboldt Universität in Deutschland die Beziehungen zwischen hormonellen

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Veränderungen im Mutterleib und der späteren sexuellen Orientierung.4 Wenn trächtige Rattenweibchen nicht genug Sexualhormone bekamen, indem es ihnen künstlich entzogen wurde, kam es zu bleibenden Veränderungen im fetalen Gehirn, besonders im Hypothalamus. Er fand, dass das Ergebnis in einigen Fällen Homosexualität beim Nachwuchs war, wenn die Veränderungen radikal genug waren. Was Dorner aufzeigte, war, dass die spätere Sexualität aus der Eingravierung, der Einprägung hormoneller Zustände resultiert. Er legt dar, dass diese Veränderungen dauerhaft in das System geschrieben werden und bestimmen, wie ein Junge oder ein Mädchen auf hormonelle Veränderungen in der Pubertät reagieren wird.5 Vieles davon ergibt einen Sinn, da es die ersten zwei oder drei Monate der Schwangerschaft sind, in denen die Differenzierung zwischen männlich und weiblich stattfindet. Wenn man diese auf Hormonen beruhenden Veränderungen ernsthaft stört, kann man die sexuelle Orientierung signifikant verändern. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass der weibliche Nachwuchs aggressiver ist, rauhes Spielverhalten zeigt und dazu neigt, andere Affen zu besteigen, wenn man Rhesusaffen-Müttern während der Tragezeit zusätzlich männliches Hormon gibt. Wenn es um Menschen geht, wird die Sache vielleicht komplexer, aber die grundlegenden Prinzipien sind klar. Aus dieser Art hormoneller Grundlage können sich zusammen mit einem abwesenden oder misshandelnden Elternteil die Komponenten für spätere Homosexualität ergeben. Die Veränderungen der Sexualhormonspiegel können durch Stress der schwangeren Mutter modifiziert werden, wodurch sich hinterher veränderte Sollwerte ergeben. Homosexualität nimmt einen so frühen Anfang, dass sie genetisch bedingt scheint. Zumindest scheint sie dem Homosexuellen  „natürlich“.

Von einer Studie über Sexualprobleme der Amerikaner berichtete die Los Angeles Times vom 8. Februar 1999. Sie enthüllte, dass 80 Millionen erwachsene Männer und Frauen irgendeine Art sexueller Fehlfunktion haben. Viele Frauen im Alter zwischen achtzehn und fünfundzwanzig sowie auch ältere Männer haben eine niedrige Libido. Wichtig ist hier, wie tief und wie früh Sexprobleme wurzeln können. Eine rauchende Mutter und eine schwer anästhetisierte Geburt können das Neugeborene herunterregulieren, was schließlich einen herunterregulierten Sextrieb, das heißt, niedrige Libido bedeuten kann.

Das Zusammenfließen der drei Traumen – vor, während und unmittelbar nach der Geburt – erzeugt in Angst- oder Schrecksituationen einen überwältigenden Druck auf das Herz. Ein Kind überlebt vielleicht, wird aber zum Bettnässer, da es von alten schmerzgeladenen Hirnstamm-Impulsen überflutet wird. Zwanghafter Sex und Aggressivität sind andere mögliche Ergebnisse. Ein Teil dieses Problems ist die zusätzliche Verstärkung von Impulsen, und ein anderer Teil kann die mögliche Schwächung des frontalen Kortexes aufgrund des Traumas im Mutterleib sein. Bei verringerter kortikaler Verdrängungsfähigkeit kommt es zu Kontrollverlust. Sobald

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das Kind eingeschlafen ist und die Abwehr nachlässt, kommt der Druck aus dem Hirnstamm nach oben und entlädt sich im Bettnässen. In der Adoleszenz wird er sich zu sexueller Hyperaktivität wandeln, und der Penis wir zum Ablassventil für Spannung. Wenn die Kindheit voller Entbehrungen ist, dann kann sich die Hyperaktivität in unkontrollierte sexuelle Perversion verwandeln. Das Ergebnis kann ein Pädophiler oder Vergewaltiger sein. Der Impuls erfährt durch die Einprägung auf der ersten Linie oder Ebene unkontrollierbare Kraft. Können Sie sich vorstellen, wie wirkungslos Sexualberatung im Falle ernsthafter Sexualprobleme ist? Ein Mensch mit gehemmter Entwicklung, dessen Reifeprozess in der Pubertät stehen blieb, wird auf Beratung nicht reagieren, egal, wie effektiv sie ist.

Peter Nathanielsz, der über das Leben im Mutterleib geschrieben hat, zitiert eine Studie über Sexualität: „Forscher in Kalifornien haben gezeigt, dass es Probleme im Sexualverhalten erwachsener männlicher Ratten gibt, wenn sie sich im Fetalstadium in einer Umwelt entwickeln, die im letzten Drittel der Schwangerschaft etwa die Hälfte der normalen Sauerstoffmenge im Blut der Mutter aufweist.“ 6 Das ist eine sehr wichtige Studie, weil sie wiederum herausstellt, dass Sauerstoffentzug im Mutterleib Auswirkung auf späteres sexuelles Funktionieren hat. Meiner Meinung ist es nicht nur Sauerstoffentzug;  es kann jedes bedeutende Trauma sein. Sexuelles Funktionieren wird kurz gesagt vom Leben im Mutterleib beeinflusst. Des Weiteren müssen wir über den sexuellen Bereich hinausschauen, wenn wir sexuelle Probleme wirklich verstehen wollen.

Sexprobleme sind nicht einfach Sexprobleme. Der Körper reagiert in seiner Ganzheit, wenn irgendein früher Schmerz verdrängt wird, so dass es zu genereller Verdrängung kommt, und das schließt den Sexualtrieb ein. Die Umwandlung eingeprägten Schmerzes in, wie ich beobachtet habe, starken oder schwachen Sexualtrieb findet im Hypothalamus und anderen limbischen Strukturen statt.

Kleiner Junge - völlig verloren

Ein Patient von mir verlor seine Zwillingsschwester durch eine Explosion, als er neun war. Die beiden hatten eine enge, warmherzige Beziehung. Der Tod war so plötzlich, so gewaltsam und unerwartet, dass sich der Verlust unbewusst einprägte. In unserer Sitzung war er in seinem Feeling versunken und flehte seine Schwester an, ihn nicht zu verlassen. Er erkannte, dass er in jeder weiblichen Beziehung, die er bis zu diesem Zeitpunkt gehabt hatte, nach seiner Schwester suchte. 

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Bis vor kurzem genoss er eine gute Beziehung mit einer Frau. Eines Nachts, nach intensivem Küssen und Umarmen, zog sie ihre Bluse und ihren BH aus und zog ihn auf die Couch. Er verfiel augenblicklich in einen Zustand von Schock und Ekel. Die Handlungen seiner Freundin trugen ihn über die Wärme und Kameraderie hinaus, die er mit seiner Schwester geteilt hatte. Es stellte sich heraus, dass er ein halbes Dutzend Beziehungen hatte, die scheiterten, als sie sexuell zu werden drohten. Sein Ausagieren bestand darin, weibliche Kameradschaft zu suchen und sie dann zurückzuweisen. Er war noch immer der kleine Junge, der nach seiner Schwester suchte, die ihn tröstete, wenn seine Mutter grausam war. Sie war seine ganze Zuflucht.

Angst ist ein Signal dafür, dass sich das ursprüngliche Ereignis oder Feeling dem Bewusstsein annähert. Alle Systeme beziehen sofort Wachposten gegen das volle Bewusstsein und gegen die Verknüpfung. Energie bewegt sich zur Frontalzone des Kortexes, um die Gefahren zu melden, aber der Kortex kann die erschütternde Nachricht nicht hören, und sie wird vom Thalamus und Hypothalamus zu den tieferen Zentren des Gehirns zurückgeschickt, wo sie uns in große Unruhe versetzt und unsere Sexualität ändert. Angst ist ein vages, gestreutes Symptom, weil auch sein Ursprung so beschaffen ist. Ursprünglich war da ein körperliches Unbehagen, das dem Baby widerfuhr, lange bevor es die Gehirnkraft besaß, ihm auch nur einen Namen zu geben. Die aktuelle Behandlung dafür ist wieder eine vage, globale, nicht punktgenaue Therapie – ein Beruhigungsmittel. Es unterdrückt Agitation allgemein. Hierin liegt ein Dilemma. Das Gefühlserlebnis ist eine totale körperliche Reaktion, während die zugrunde liegende Kraft des Schreckens zu einem spezifischen Ereignis oder einer spezifischen Reihe von Ereignissen gehört. Was wir tun müssen, ist, das vage Symptom auf etwas Spezifisches zu richten. Es entspricht meiner Erfahrung, dass Angst kein genetisches Gesetz ist. Sie geschieht aufgrund von Erfahrung. Wir müssen herausfinden, was dahinter steckt. Andernfalls sind wir gezwungen, es mit der Schrotflinten-Methode zu versuchen und alle Sorten global wirkender, nichtspezifischer Tranquilizer anzuwenden, um dann auf das Beste zu hoffen. Angst ist kein Mysterium; es ist eine Erinnerung!

Viele Leute, die tyrannische Väter hatten, stellen fest, dass angesichts von Zorn eines anderen eine alte Angst hochkriecht, die der Situation total unangemessen ist. Die Furcht-Einprägung wird ausgelöst und als Reaktion ist man unfähig, die Person zu konfrontieren. Es bedarf nicht vieler gereizter Ermahnungen oder zorniger Blicke eines Elternteils, um die Furcht eines kleinen Kindes fest einzuzementieren. Wir als Erwachsene neigen dazu, das zu vergessen.

Warum bleiben wir abgeschaltet und leben in einer grauen Welt? Es geschieht, weil die Einprägung in unserem neuralen Unterholz liegt und unserer Leblosigkeit Kontinuität verleiht. Die Leblosigkeit zu fühlen lässt uns lebendig werden, weil wir fühlen. Zu oft handeln wir einfach „wie tot“, was uns davon abhält, sie zu fühlen.  

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Wut und die Impulsiven

Wut ist ein Beispiel für Gefühle, die sich nicht einfach durch Beratung entfernen lassen. Im Wut-Management lernt man, wie man sich selbst unter Kontrolle hält. Aber das kann die eingeprägte Wut nicht auslöschen. Wut-Management impliziert, dass Wut andauert und ständige Kontrolle erfordert. Wut muss nicht dauerhaft sein. Wenn der Patient nicht gegen einen brutalen, grausamen Vater oder gegen die Frustration, als er bei der Geburt blockiert wurde, im historischen Kontext auf die gepolsterten Wände einschlagen und schreien und brüllen kann, wird die Wut bleiben. Wut ist kein Geschäft, das sich verwalten lässt.

Studien haben herausgefunden, dass Kinder mit gewalttätiger Kindheit später im Leben zu Gewalttätigkeit neigen. Das kann auf die Tatsache zurückzuführen sein, dass frühe Gewalt eine deutliche Narbe in der Chemie des Gehirns hinterlässt und als Ergebnis das Serotoninsystem an Wirkung verliert. Das schwächt die Verdrängung aggressiver Impulse.7

Es gibt viele Studien, die niedrige Serotoninspiegel in einer Vielzahl von Personenkategorien aufzeigen: Selbstmörder, Mörder, Zwanghafte und andere. Die Forscher ziehen dann oft den Schluss, dass Menschen suizidal sind, weil sie aufgrund eines genetischen Ungleichgewichts wenig Serotonin haben. Dann verschreiben sie vielleicht Pillen, die die Serotoninproduktion ankurbeln, weil sie glauben, das bringe das System wieder ins Gleichgewicht und sei deshalb die Therapie der Wahl. Das System kommt dann wieder ins Gleichgewicht, wenn wir uns mit den frühen Traumen befassen, die es zuerst destabilisiert haben.

Warum besteht das Ungleichgewicht nach emotionaler Deprivation oder nach einem Trauma Jahrzehnte weiter? Wegen der Einprägung. Beachten Sie, dass es die impulsgesteuerte Person ist (niedrige Spiegel hemmender Neurotransmitter),  die in Selbstmord und Mord verwickelt ist. Es sind die unartikulierten Impulse des Hirnstamms (erste Linie), die dieses Verhalten steuern.

Individuen, die sowohl ein Geburtstrauma als auch spätere emotionale Deprivation erlitten hatten, neigten, wie sich herausstellte, im Vergleich zu jenen, die keine ähnlichen traumatischen Erfahrungen hatten, mit sechsfacher Wahrscheinlichkeit zu gewalttätigen Delikten. „Ein Faktor allein,“ stellten die Autoren Adrian Raine, Patricia Brennan und Sarnoff Mednick fest, „erhöhte das Risiko (gewalttätiger Delikte) nicht sonderlich, aber die zwei zusammen scheinen  beinahe wie eine

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chemische Reaktion.“ 8 Diese Studie sagt uns viel über die Beziehung zwischen einem zusätzlich verstärkten frühen Trauma und späterer Geisteskrankheit und antisozialem Verhalten. Es hat sich herausgestellt, dass ein Geburtstrauma in Verbindung mit früher mütterlicher Zurückweisung zu einem gewalttätigen Verbrechen führen kann, wenn das Individuum das Alter von achtzehn Jahren erreicht hat. Das war aber nicht bei denen der Fall, denen mütterliche Zurückweisung ohne das Geburtstrauma widerfahren war.9 Wenn wir nach Lösungen für die hohen Selbstmord- und Mordraten suchen, sollten wir besser unsere vorgeburtliche Hygiene und unsere Geburtspraktiken anschauen. Allein die zu verbessern, wird an der unnötig hohen Zahl von Todesfällen in der Gesellschaft etwas ändern. Und dabei sind die Todesfälle wegen chronischen Trinkens und Rauchens noch gar nicht erwähnt. Zigaretten sind ein exzellenter Blocker der ersten Linie, indem sie die Sekretion endogener Schmerztöter fördern.

Die Erinnerung an eine Reaktion des Hirnstamms - wie tiefes oder flaches Atmen als Ergebnis früher Anoxie - ist eine Hirnstamm-Reaktion. Das ist die Bedeutung von Erinnerung. Die Reaktionen finden dort statt, wo die Erinnerung abgelegt war, und die Reaktionen dauern an und werden zu lebenslangen Mustern, die sich von diesen tieferen Strukturen ableiten. Der Körper erinnert sich auf seine eigene Art, auf seiner eigenen Ebene, genau wie das Limbische System sich auf fühlende Weise erinnert.

Um es klar zu sagen, Reaktionen wie zum Beispiel schneller Herzschlag sind die zur ersten Ebene gehörende Komponente eines Gefühls. In der Schule einen Bericht zu präsentieren, sollte keine Herzfrequenz von 180 Schlägen pro Minute erzeugen, aber das Ereignis, das sie auslöste, nämlich der Schrecken, als die Person einen Tag nach der Geburt allein gelassen wurde, sollte es. Hoher Blutdruck kann deshalb durchaus die Erinnerung eines frühen Traumas sein, das in Strukturen des Hirnstamms eingeprägt ist. Hirnstamm-Blocker normalisieren den Blutdruck. Schneller Herzschlag, Herzklopfen und hoher Blutdruck sind alle Teil einer Erinnerung; es fehlt nur der richtige Zusammenhang. Diese Herzfrequenz als die wirkliche Krankheit zu behandeln, bedeutet, das Ziel zu verfehlen. Unterdessen kommen Linderungsmittel zur Anwendung; Linderungsmittel haben ein Hauptmerkmal: Man muss sie immer wieder anwenden.

Wenn wir uns davor fürchten, mit dem Aufzug zu fahren, sollte man uns nicht von dieser Furcht abbringen; man sollte uns davon überzeugen, dass wir sie im Zusammenhang fühlen müssen. Es gibt keine große Furcht, die dem System ohne Grund innewohnt. Wenn wir versuchen, sie zu besiegen, machen wir sie uns zum Feind. Sie ist eine Freundin, die uns von unserer Lebenserfahrung erzählt, von Erfahrungen, die wir vergessen haben, und von Schmerz, den wir begraben haben. Sie ist befreiend. Sie trägt den Schlüssel zur Freiheit. Wenn wir diesen Schlüssel  finden wollen, müssen wir zuerst die Archive der persönlichen Geschichte durchsuchen und herausfinden, was diese Geschichte birgt.  

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Im Verlauf eines Urerlebnisses griff eine Patientin plötzlich nach der Hand eines meiner Therapeuten. Der Therapeut zog seine Hand zurück – ein Fehler, denn was sie fühlte, auch wenn sie es nicht artikulieren konnte, war: „Wenn ich mich jetzt nirgendwo festhalten kann, werde ich sterben.“ Sie brauchte diesen Kontakt, um den äußersten Schrecken in ihr zu besänftigen.

Schlaf-Apnoe, bei der die Atmung zeitweise aussetzt, ist eine mögliche Reaktion auf die Erfahrung von Anoxie (Sauerstoffentzug) bei der Geburt, wie es  auch bei einem Kind der Fall ist, das den Atem anhält, weil es seinen Willen durchzusetzen versucht. Die Geschichte lenkt das Bedürfnis. Den Patienten im Hier-und-Jetzt zu behandeln, ist nicht progressiv, weil der Patient sich im Dort-und-Damals befindet. Nur seine Symptome sind im Hier-und-Jetzt.

Auf Fotos eines Geburtstraumas (die in einem früheren Buch des Autors gezeigt wurden), zeigten sich die Fingerabdrücke des Geburtshelfers tatsächlich wieder auf den Beinen einer Patientin. Als ich dieses Phänomen zum ersten Mal sah, war ich so skeptisch, wie jetzt sicherlich viele Leser sind. Aber es geschieht, und es ist kein Zufallsereignis. Solche Phänomene sind die Begleiterscheinung der Erinnerung. Wenn einem bei der Geburt der Hals verdreht wurde, dann kann die Neigung zu Symptomen im Halsbereich ein Leben lang fortbestehen. Den Hals schief zu halten, kann eine lebenslange Folge sein. Einige meiner männlichen Patienten berichten von einem schneidenden Gefühl an der Spitze ihres Penises, wenn sie Zeuge eines Unfalls werden oder von einer Messerattacke lesen. Beschneidung kann hier der eingeprägte Auslöser sein. Kein Kind sollte beschnitten werden (wenn überhaupt), bevor es groß genug ist, um das zu verstehen und zu wollen. Einem Baby aus ihm nicht ersichtlichen Grund Schmerz zuzufügen, kann sehr traumatisch sein. Das spielte bei einem Homosexuellen, den ich behandelte, eine Rolle. Sein Penis war angegriffen, und das hielt ihn zusammen mit anderen Gründen lange von Sex ab. Später sah er seine Beschneidung als Strafe für seine sexuellen Impulse an.

Alle Straßen führen zum Schmerz. Das Ziel der Primärtherapie ist jedoch nicht Schmerz. Es ist Freude, Zufriedenheit und ein gutes Leben. Schmerz ist nur der Eingang. Eine meiner Patientinnen, Sarah, findet Trost in der Gewissheit, dass die Erleichterung auf der anderen Seite des Schmerzes liegt.

Sarahs Geschichte

Heute Morgen wachte ich um etwa 4:45 mit einer Angstattacke auf. Die vergangene Woche ist das fast täglich passiert. Das Feeling ist, dass ich mich sehr, sehr

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fürchte. Ich habe es mein ganzes Leben lang verspürt, aber ich wusste nie, womit es zu tun hatte. Jetzt weiß ich es, und wenn ich mit diesem Terror aufwache, beginnt sofort ein interner Dialog: „Du weißt, was das für ein Gefühl ist, Sarah. Dein Mutterleib-/Geburtstrauma schießt ins Bewusstsein durch. Es ist okay.“

Dass ich das weiß, macht einen riesigen Unterschied, weil es mich wahnsinnig gemacht hat, dass ich es nicht wusste. Mit einem Gefühl, das eine Ursache hat, kann ich umgehen, aber ein Gefühl ohne offensichtlichen Grund macht den Verstand und die Emotionen verrückt. Das Gefühl beginnt mit Panik, dann wird mir schlecht im Magen. Die Brechreiz-Schübe halten an. Ich muss aufstehen und herumgehen, bevor mein Körper sich beruhigt und dieses Gefühl allmählich abschüttelt. Wenn ich an diesem Gefühl dran bleibe und nicht aus dem Bett springe, intensiviert es sich einfach.  Meine oberen Schultern und mein Nacken fangen an weh zu tun, und dann beginnt der Schmerz auch im Gesicht.

Ich weiß, dass dies ein großes Gefühl ist, und ich bin nicht gewillt, es zuhause alleine zu erleben. Kürzlich kam mir der starke Verdacht, dass ich mich übergeben würde, wenn ich dieses Gefühlserlebnis schließlich zulassen würde. Dem sehe ich nicht freudig entgegen, aber die Erleichterung, die es bringt, wiegt weit mehr als jeglicher Verdruss. Diese Gewissheit gibt mir den Mut, mich in die schrecklichsten Gefühle fallen zu lassen. Auf der anderen Seite dieser Gefühle liegt Erleichterung und Befreiung, etwas, was ich mir mein ganzes Leben gewünscht habe.

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Quellenverweise und Anmerkungen

N. 1         Siehe D. F. Swaab und M. A. Hoffmann, „Sexual Differentiation of the Human Hypothalamus in Relation to Gender and Sexual Orientation,“ Trends in Neurosciences 18 (1995): 264-70.

N. 2         G. Dorner et al., « Stressful Events in Prenatal Life of Bi- and Homosexual Men, » Experimental and Clinical Endocrinology 81 (1983): 83-87.

N. 3         I. L. Ward, “Prenatal Stress Feminizes and Demasculinizes the Behavior of Males,” Science 175 (1972): 82-84.

N. 4         Ibid.

N. 5         G. Dorner et al., « Stressful Events in Prenatal Life of Bi- and Homosexual Men. »

N. 6         Siehe die Originalstudie: R. H. M. Hermans et al., „Altered Adult Sexual Behavior in the Male Rat Following Chronic Prenatal Hypoxia,“ Neurotoxicology and Teratology 15 (1993): 353-63.

N. 7         Siehe Science News, 27. Juni 1995.

N. 8         A. Raine, P. Brennan und S. A. Mednick, „Interaction between Birth Complications and Early Maternal Rejection in Predisposing Individuals to Adult Violence: Specificity to Serious, Early Onset Violence,” American Journal of Psychiatry 154, no. 9 (September 1997): 1265-71.

N. 9         Ibid

KAPITEL 19
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WAS HAT LIEBE DAMIT ZU TUN?
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Geschichte, Geschichte, Geschichte. Einprägung, Einprägung und Liebe. Wie lieben Sie ein Gehirn? Sie erfüllen die Grundbedürfnisse von Menschen, und das Gehirn sowie der Körper werden sich anschließen; denn Liebe ist nicht einfach etwas Gedankliches oder Verbales. Sie befindet sich in allen unseren Geweben, Hormonen und Organsystemen. Das Gehirn organisiert die Liebe und verbreitet ihre Freuden überall im System. Sie sagt: „Nicht zu viele Stresshormone,“ „Nicht zu viele erregende Neurotransmitter;“ gerade genug, um uns wach und wachsam zu halten. Wenn es Liebe gibt, genügend Sauerstoff bei der Geburt, große Sorgfalt der Mutter in der vorgeburtlichen Zeit, Halten, Berühren, Pflegen, Harmonie, Zuhören, Lob und Ermutigung, wird sich das System selbst ins Gleichgewicht bringen. Wenn wir spätere Drogensucht und Alkoholismus vermeiden wollen, brauchen wir ein Gehirn, das effektiv verdrängt, und das bedeutet ein geliebtes Gehirn. Serotonin ist ausreichend vorhanden, wenn es am Lebensanfang Liebe gibt, und es reicht nicht aus, wenn es diese Liebe nicht gibt. Wir können Nein zu Drogen sagen, aber ich denke nicht, dass wir Nein zu unserer Neurobiologie sagen können.

Wir brauchen eine neue Einstellung zur Liebe. Es sind nicht einfach zärtliche Worte, was wir brauchen. Wir dürfen die Mutter und damit das Neugeborene nicht anästhetisieren, so dass Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit sich ein Leben lang einprägen und ein abweichendes Gehirn erschaffen. Wir müssen eine Kampagne gegen Rauchen und Trinken in der Schwangerschaft arrangieren. Die Mutter raucht, der Fetus keucht. Die Mutter trinkt, und der Fetus wird betrunken. Können Sie sich vorstellen, was der Fetus durchmacht, ‚besoffen’ und keine Chance, den Angriff zu verstehen? Es ist kein Zufall, dass rauchende schwangere Mütter Nachwuchs zur Welt bringen, der oft Verhaltensprobleme hat und nicht gut lernt. Es kommt daher, dass das Gehirn dieser Kinder bereits beeinträchtigt ist.  

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Es gibt die Ein-Recht-auf-Leben–Leute, die wollen, dass Frauen, die vergewaltigt worden sind und/oder ihre Babys wirklich nicht wollen, kein Recht auf Abtreibung haben.  Nichtsdestotrotz zeigt die Forschung, dass ungewollte Kinder viel weniger Chancen haben, ein normales Leben zu führen. Das zwingen wir Frauen auf: psychisch behinderten Nachwuchs zu gebären. Das Recht auf Leben sollte das Recht auf ein normales, glückliches Leben bedeuten. Ein Kind, das aus welchen Gründen auch immer unerwünscht ist, setzt die Mutter unter Stress. Ihr Kortisolspiegel sind kontinuierlich hoch. Das Ergebnis kann eine Frühgeburt sein und alle Komplikationen, die mit unzulänglicher Gehirnentwicklung in Zusammenhang stehen. Ein Baby zu lieben bedeutet, dass seine Rechte an erster Stelle stehen. Wenn eine schwangere Mutter einen Drink braucht, muss sie zuerst an die Auswirkungen auf den Fetus denken. Wenn sie Diät machen will, um ihre Figur zu halten, muss sie an die Mangelernährung des Fetuses denken, und daran, wie dies das Gehirn schädigen wird. Es ist schwer, jemand anderen an erste Stelle zu setzen, wenn wir selber so schrecklich bedürftig sind.

Wenn wir neue menschliche Geschöpfe mit einem stabilen Gehirn erzeugen wollen, müssen wir die Geburtspraktiken in Übereinstimmung mit den Drs. Leboyer und Odent ändern. Wir müssen in der vorgeburtlichen Phase und natürlich in den ersten Monaten nach der Geburt große Sorgfalt walten lassen. Das heißt, in einer Zeit, in der das Gehirn neue Synapsen und Dendriten bildet; sein Kommunikationssystem entwickelt sich, das dem Kind ermöglicht, in vielen Bereichen – körperlich, künstlerisch und intellektuell – mehr als kompetent zu sein. Ich habe Kinder gesehen, die von Müttern geboren wurden, die vor, während und nach der Geburt sehr sorgfältig und liebevoll waren. Diese Kinder sind anders. Sie sind rege, klug, körperlich fortgeschritten, nicht krank, nicht weinerlich, sie sind kreativ, warmherzig und kuschelig. Wer wollte noch mehr? Sie haben alle Chancen im Leben, und aus dem Grund wurde dieses Buch geschrieben – um der Gesellschaft die Chance zu geben, eine neue Art Mensch zu schaffen. Es ist gar nicht so schwierig. Es ist eine Methode, wie wir späteren Alkoholismus und spätere Sucht, Kriminalität und Psychose vermeiden. Es ist eine Methode, Menschen zu schaffen, die sich um ihre Brüder und Schwestern in der Gesellschaft kümmern.

Ich bin beeindruckt von der Vorstellung, wie leicht das zu erreichen ist, was ich hier erörtere. Es ist viel leichter, als Gefängnisse und psychiatrische Kliniken zu bauen, in denen wir uns um die Folgen der Fehler kümmern, die wir in der Kindererziehung bereits gemacht haben. Worüber die meisten von uns schreiben, hat damit

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zu tun, wie man sich mit den Kompensationsmechanismen frühen Liebesmangels arrangiert. Wir stutzen die Migränen, den Vergewaltiger, den Drogensüchtigen und den Voyeur zurecht, den Bluthochdruck und den Zähneknirscher, den Zorn, der außer Kontrolle geraten ist, und den Depressiven.

Wir müssen anfangen, uns mit den Ursachen zu befassen, bevor es zu einem abweichenden, abnormen Gehirnsystem kommt, das abweichendes Verhalten erzwingt. Wir müssen die ganz tiefen, viszeralen Wurzeln der Angst verstehen, jene äußerst primitive Reaktion, die tiefgelegene Sektoren des Gehirns involviert. Wir können versuchen, sie durch Ermahnung, Moralpredigt, Einsichtstherapie oder Medikamente zu bekämpfen, aber wäre es nicht besser, auf diese tiefen Ebenen hinabzusteigen und die Wurzeln der Angst auszureißen? Es ist machbar. Zuallererst müssen wir unsere Geburtspraktiken ändern. Hören wir auf, Mütter bei der Geburt unter Drogen zu setzen. Für alle meine schwer rauchenden Patienten war das Geburtstrauma ausschlaggebend. Dasselbe gilt für die Alkoholiker.

Gestern interviewte ein Fernseh-Team einige meiner Patienten. Sie fragten: „Erschreckt Sie nicht, was Sie da tun?“  Sie verneinten einstimmig; es ist erschreckend, es nicht zu tun, weil es dann chronisches Leiden bedeutet. Sie alle sagten, dass sie ihre Therapiesitzungen gar nicht erwarten können, weil sie Erleichterung bedeuten.

Ich habe mir keine Theorie über eine Einprägung ausgedacht. Ich habe jeden Tag gesehen, was fehlende Liebe den Leuten antut, und wie sie vierzig oder fünfzig Jahre in ihrem System verharrte;  wie diese frühen Traumen in reiner Form erhalten bleiben, unberührt von jahrzehntelanger Erfahrung. Ich höre es jeden Tag in den Schreien meiner Patienten, die ihre realen Bedürfnisse ihren Eltern gegenüber ausdrücken: „Halte mich. Will mich. Hör’ mir zu. Lobe mich. Führe mich. Sei bei mir.“ Was sie nicht mit Worten ausdrücken können, erleben sie in der unartikulierten Agonie aus präverbalen Schmerzen wieder. Ihr Körper drückt die Angst und das Unwohlsein aus. Wir müssen uns wieder daran orientieren, wie der Körper sich auf seine eigene Art ausdrücken kann. Durch hohen Blutdruck, der sagt: „Ich stehe unter Druck.“ Durch Migränen, die sagen: „Meine Blutgefäße ziehen sich zusammen und erweitern sich auf Grund von Sauerstoffmangel bei der Geburt.“

Was können wir an den Folgen frühen Liebesmangels ändern? Ich glaube, das Wiedererleben der Qual, die hinter fehlender Liebe steckt, erlaubt dem Gehirn, Rast zu machen und sich zu erholen. Es scheint logisch, nachdem man meine fortgeschrittenen Patienten gesehen hat, dass es dem Gehirn irgendwie sehr gut geht, wenn es nicht unter Schmerzbelastung steht. Das Gehirn kann nicht von allen seinen frühen Beeinträchtigungen genesen, aber diese Individuen können ein glückliches und produktives Leben führen. Wir sehen an den Fallgeschichten, wie sie Drogen und Alkohol vermeiden können. Wir befassen uns mit diesen Problemen niemals um ihrer selbst willen. Wir befassen uns mit dem Schmerz; alles Übrige ergibt sich. Ja, man muss sich mit Symptomen befassen, aber nicht als endgültige Therapie.  

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Das sind die entscheidenden Konzeptionen, die enthalten sein müssen, wenn man sowohl physische als auch psychische Probleme ansprechen will. Ohne sie sind wir in eine phänotypische, Symptome erleichternde, am äußeren Schein orientierte Therapie eingesperrt, die bestenfalls flüchtige Erfolge bringt. Diese Therapien sind nur handlungsorientiert. In der handlungsorientierten Therapie müssen Sie die früh eingeprägten Dämonen zurückschlagen. Per Definition kann sie keine Langzeitwirkung haben, weil die Einprägung immer gegenwärtig ist und uns an unerledigte Geschäfte erinnert. Die Einprägung ist ein Überlebensmechanismus und sollte immer anwesend sein. Sie erlaubt uns, in die Geschichte zurückzugehen, zurück in eine Zeit, als wir mit sechs Monaten oder mit einem Jahr keinen Körperkontakt hatten, und diese Geschichte wiederzufinden und ungeschehen zu machen, indem wir das Bedürfnis hinausschreien, unsere Hände nach Mami ausstrecken, flehend, bittend (mit dem neu entwickelten kortikalen Gehirn), und indem wir die Verdrängung dieses Bedürfnisses überwinden, eines Bedürfnisses, das zu Schmerz wurde, weil ihm die Erfüllung versagt blieb.

Meine Vermutung geht dahin, dass Patienten sich auch in vorgeburtliche Ereignisse einklinken, wenn sie das Geburtstrauma wiedererleben, und es kann gut sein, dass das Wiedererleben beide Zeitperioden umfasst. Jede sich entwickelnde Ebene der Gehirnfunktion umfasst die vorangegangene. Eine hormonelle Veränderung bei einer deprimierten Mutter zu einem Zeitpunkt, da der Fetus fünf Monate alt ist, kann sich bei der Geburt durch schwere Anästhesie  verschlimmern, mit der sich ein nur geringfügig verfeinertes und weiter entwickeltes Gehirnsystem auseinandersetzen muss. Beide Ereignisse und viele weitere werden das kleine Kind permanent herunterregulieren. Wir dürfen niemals denken, dass früher Schmerz nicht kodiert und gespeichert werden könne, weil es für ihn keine Worte gebe. Vielleicht müssen wir Jahrzehnte warten, bis wir Gefühle mit einem Etikett versehen können, aber es wird geschehen.

Es ist die alte philosophische Frage: Sind wir glücklich, wenn wir denken, dass wir es sind? Sind wir geheilt, wenn wir es denken? Nein! Wir sind geheilt, wenn der Körper seine Aussage macht. Er spricht seine eigene Sprache mittels chemischer Substanzen; die sind auch „wir.“ Wir sind nicht nur ein kortikales Gehirn. Wenn jemand einen hohen Stresshormon-Spiegel aufweist, sagt der Körper: „Nein, du bist nicht gesund.“

Ein Urgrund für die Entwicklung des frontalen Kortexes bestand darin, unangenehme Wahrheiten weit von uns zu halten. Wenn wir die Kodierung und Speicherung von Gefühlen erkennen, können wir allmählich verstehen, warum wir so sind, wie wir sind. Wenn wir lernen, bei unserer Therapie der Evolution des Gehirns zu folgen, werden wir viel weiter kommen. Das Feld der Psychotherapie hat die Einprägung und die Evolution weitgehend ignoriert, weshalb der Schwerpunkt auf der Gegenwart, auf Verhalten und auf Symptomen liegt.  

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Wenn die Sauerstoffexperimente an der UCLA sonst keinen Zweck erfüllen, so sollten sie doch den deutlichen Beweis für die Elastizität und anhaltende Kraft der frühen Erinnerung erbringen. Weiterhin bedeutet es, dass wir uns wiedergefundene Erinnerung noch einmal anschauen müssen. Es gibt Methoden, sie zu verifizieren. Lassen wir unsere Patienten dadurch nicht noch mehr leiden, dass wir ihrer Geschichte über Missbrauch keinen Glauben schenken. Das ist keine Therapie, das ist Moralpredigt. Es ist keine Sache unseres persönlichen Glaubens. Es ist unser Job, die historische Realität aufzuspüren, wohin auch immer sie uns führen mag. Therapeuten können sagen, dass ein Patient ein Trauma vortäuscht, erfindet, dass er hysterisch ist, und so fort.  Aber solange Therapeuten keinen tiefen Zugang zu sich selbst haben, können sie die Wahrhaftigkeit des Patienten nicht beurteilen. Bis dahin können sie dem Patienten durch derart bewertendes Verhalten einen äußerst schlechten Dienst erweisen. Denken Sie daran, Wahrhaftigkeit resultiert aus Wiedererleben und nicht aus Wiedererzählen. Wiedererleben erzeugt exakt dieselben früheren Vitalwerte, wie sie während des Traumas aufgetreten waren.

Es gibt eine wichtige Methode, wie wir erkennen können, dass eine Wiedererlebens-Episode zutreffend ist und dass die Einprägung existiert. Befindet man sich einmal vollständig mit Körper und Seele in einer Erinnerung und erlebt die Verminderung der Sauerstoffzufuhr bei der Geburt, handelt das System, als sei dieses enorme Bedürfnis nach Sauerstoff gegenwärtig, und akzeptiert tiefes, schweres Atmen ohne Hyperventilations-Symptome. Aber wenn jemand sich auf intellektueller Ebene an den Sauerstoffmangel erinnert und dann willkürlich schnell und tief atmet, kommt es zum Hyperventilations-Syndrom. Deshalb heilt totales Erinnern, während intellektuelles Erinnern, auch wenn es unter Tränen geschieht, nicht heilt. Es ist der Unterschied zwischen dem Weinen über und dem Weinen innerhalb einer Erinnerung.

Ich habe die unteren Gehirnebenen viele Male auf andere Art in Aktion gesehen (und wir haben es gefilmt). In einer Sitzung vibrierten die Füße eines Patienten fünfunddreißig Minuten lang mit über 100 schnellen Bewegungen pro Minute, was er später durch keinen Willensakt auch nur ansatzweise nachvollziehen könnte. Aber, sagen Sie, das ist dasselbe wie Hypnose. So ist es. Hypnose zapft tiefere Ebenen an, indem sie uns durch Vorstellungskraft von kritischem kortikalen Denken abbringt. In unseren Sitzungen ist der Körper auf Automatik und reagiert instinktiv. Falls nicht, kann das, was ich gerade beschrieben habe, nicht ablaufen. Was trieb diese Vibration an? Es war ganz früher Terror, den er nur fühlen konnte, als er zu den Hirnstamm-Erinnerungen des Geburtsterrors hinabstieg.

Sind wir im Grunde zornige, tobende Monster, oder sind wir freundliche und edle Miezekätzchen? Weder noch und beides zusammen. Wir werden mit Fähigkeiten geboren, die Millionen Jahre zurückdatieren. Wenn das System geliebt und nicht traumatisiert wird, ist es freundlich und edel und nicht hasserfüllt und aggressiv.

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Wenn ein kleines Kind ständig frustriert wird, wird es zu einem zornigen Kind und Erwachsenen werden. Das Kind reagiert auf eine Verletzung, und es wäre die äußerste Verleugnung, wenn es vorgeben würde, es sei nicht verletzt worden.

Verknüpfung ist Heilung. Die Wunde, die wir heilen müssen, ist der Mangel an Liebe.  Die Heilungsmethode besteht darin, diesen Mangel zu erfahren. Wenn wir uns weh tun, eilt das System augenblicklich herbei und leitet die Heilung ein. Wenn wir uns schneiden, wird der epidermale Wachstumsfaktor produziert, um die Heilung zu unterstützen. Wenn wir uns emotional weh tun, eilen die Kräfte der Verdrängung herbei, um uns ruhig und am Funktionieren zu halten. Dann versucht der eingeprägte Schmerz ständig, sich mit dem frontalen Bewusstsein zu verknüpfen, um die Heilung einzuleiten. Das System weiß, dass dies zur Heilung nötig ist. Alle unsere Messungen zeigen, dass Verknüpfung heilt, sei es die dauerhafte Senkung des Blutdrucks oder die anhaltende Reduzierung der Stresshormone. Schmerz ist ein Segen. Wenn er gefühlt wird, setzt er die Kräfte der Heilung in Bewegung. Um Liebe zu fühlen, müssen Sie sich zuerst ungeliebt fühlen.  Das öffnet das System, so dass es jetzt Liebe empfangen kann.

Es scheint paradox, aber sich ungeliebt zu fühlen, lässt Liebe und Wärme herein, weil es endlich die Schmerzverdrängung aufhebt und Fühlen zulässt. Andernfalls durchdringt dieses Gefühl des Ungeliebtseins alles andere. Ein nicht erwiderter Anruf ist ein Auslöser, der sonderbare Ideen in Gang bringt: „Sie will nicht mit mir reden. Bestimmt liebt sie mich nicht.“

Jede psychische Ausschmückung ist eine Extrapolation, die von eingeprägten Gefühlen angetrieben wird. Sie verhindern den vernünftigen Gedanken in uns, dass der Anruf einfach deshalb nicht erwidert wurde, weil die Person beschäftigt war. Das kommt daher, weil man die andere Person nicht „sehen“ kann; man ist zu sehr in die eigenen Bedürfnisse verstrickt. Wenn wir bereits fühlen, dass „niemand uns mag“, dann ist es leicht, einen Telefonanruf hinsichtlich dieses Gefühls falsch zu interpretieren. Wenn wir versuchen, jemanden zu überzeugen, dass „die Leute ihn wirklich mögen“, kämpfen wir gegen die Realität. Konzentrieren wir uns nicht darauf, Gedanken in Ordnung zu bringen; konzentrieren wir uns auf das, was die Gedanken schief laufen ließ.

Warum sollten wir, wenn wir uns mit einer Verletzung befassen, die im Alter von einer Woche geschah, als wenig frontaler Kortex da war, um irgendwas zu verstehen, den sich später entwickelnden Kortex benutzen, um diese Verletzung zu begreifen und ihre Heilung zu versuchen? Es ist wahr, dass Information aus dem primitiven Gehirn in der Ontogenese an höhere Gehirnebenen weitergeleitet und dann ausgearbeitet wird, aber wir dürfen diese Ausarbeitung nicht mit dem Ursprung der Verletzung verwechseln. Keine Ebene des Gehirngewebes kann die Arbeit einer anderen verrichten. Wir verlangen vom Hirnstamm keine höhere Mathematik. Verlangen wir vom frontalen Kortex nicht, dass er ganz für sich selbst fühlt und Gefühle versteht.  

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Ich bestehe darauf, dass in den meisten abweichenden Verhaltensweisen und Symptomen ein Kern aus Urschmerz sitzt, und es spielt keine Rolle, ob er frühen Mangel an Körperkontakt, Beschneidung, spätere Kritik, Erniedrigung, Verunglimpfung oder Ignoranz seitens der Eltern beinhaltet. Es wird alles als Schmerz verarbeitet. Das ist der Grund, warum Medikamente auf ein so breites Spektrum von Symptomen ansprechen. Nehmen Sie ein Beruhigungsmittel, und wir können besser schlafen, Migränen vermeiden, Ausagieren unterdrücken, Ängstlichkeit beenden, weniger aggressiv sein, weniger deprimiert sein, Bettnässen und vorzeitige Ejakulation beenden und  aufhören, Alkohol zu trinken und Drogen zu nehmen. Eine spezifische Schmerzpille kann diese universelle Aufgabe erledigen. Kurz gesagt, Schmerz ist Schmerz, ungeachtet des Etiketts, das wir ihm anheften. Nicht ich bin es, der darauf besteht. Es ist das, was wir in jedem Patienten aus vierundzwanzig verschiedenen Ländern finden; sie drücken ihre Bedürfnisse und ihren Schmerz ohne irgendwelche Anweisung von uns aus. Wenn sonst nichts, dann zeigt der Phantom-Gliederschmerz – wenn der Fuß schmerzt, der vor zwei Jahren amputiert wurde -, dass wir an einer Erinnerung leiden können!

Unbewusstheit ist Teil unseres genetischen Erbes, dass wir von Generation zu Generation weitergeben. Wir sind mit den Mechanismen ausgestattet, die uns gnädigerweise unbewusst bleiben lassen. Freud nannte es Neurose. Es bedeutet nicht mehr, als unbewusst zu sein. Deshalb existiert sie; der barmherzigste aller menschlichen Prozesse. Wir können niemandem Bewusstsein geben, obgleich wir ihm Bewusstheit geben können. Bewusstsein kann man nicht manipulieren und durch keinen Willensakt erreichen. Bewusstheit schon.

Sind Patienten einmal voll bewusst, müssen wir ihnen keine Integration beibringen oder Lebensunterricht erteilen. Ist die Integration einmal zustande gekommen, müssen wir der Selbstbestimmung der Patienten vertrauen, die sie ihr eigenes Leben gestalten lässt. Therapeuten müssen nicht allwissend oder allmächtig sein. Wenn man den Leuten sagt, wie sie leben sollen, bedeutet das, sich anzumaßen, dass wir es besser wissen als sie selbst. Sind sie einmal von ihrer Vergangenheit befreit, können sie ihren eigenen Weg bestimmen.

Dass wir schlau sind, bedeutet nicht, dass wir unser Leben nicht verpfuscht haben. Ich glaube, die Patienten werden es selber wissen, wenn sie einmal integriert sind und nicht länger von unbewussten Kräften getrieben werden. Selbstbestimmung ist ausschlaggebend. Im Großen und Ganzen brauchen Menschen emotionale Beratung, wenn sie nicht fühlen können. Das ist der Grund für alle diese „Wie-man“- Bücher in der Psychologie. Und wir sehen, wie begrenzt der Erfolg dieser Bücher ist. Letzten Endes fällt die Person auf die gewohnten Verhaltensmuster zurück.  

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Fühlende Menschen behandeln Kinder und Freunde mit Empathie und Freundlichkeit, nachdem alle Feindseligkeit aus ihnen gewichen ist; sie behandeln sich selbst gut, da sie keine Gefühle mehr mit Zigaretten und Trinken unterdrücken müssen; und sie sind gut zur Umwelt, weil sie in Kontakt mit ihrer eigenen Wesensart stehen, und das erlaubt ihnen, die Natur zu schätzen.

Es geht nicht einfach darum, sich gesunde Gedanken zu machen; wir brauchen ein gesundes Gehirn. Ein ungeliebtes Gehirn ist nicht gesund. Es sind nicht einfach Zellen, was wir diskutieren; sie sind Teil eines menschlichen Wesens. Und es ist nicht bloß Dopamin oder Serotonin, das zur Debatte steht. Es bedeutet, dass auf jeder Ebene Liebe entscheidet, welche Form wir und unsere spätere Persönlichkeit annehmen werden. Ein Hormon-Defizit in der Schwangerschaft kann für alle Zeiten als Defizit im Baby bestehen bleiben. Natürlich können wir uns diese oder jene Substanz, dieses oder jenes Hormon vornehmen und Defizite in bestimmten Syndromen finden. Aber das bedeutet nicht unbedingt, dass der Mangel die Ursache des Leidens ist. Oft ist er eine Begleiterscheinung.

Madonna sagte in ihrem Lied „Ertrunkene Welt“: Ich tauschte Ruhm für Liebe ein.“ Sie redete darüber, was sie für Liebe aufgab. Sie fand, dass Ruhm ein schlechter Ersatz war. „Er ist wie eine Droge, er steigt dir so zu Kopfe, dass er dich von den Beinen fegt,“ sagte sie in einem Interview in der Titelgeschichte der London Sunday Times vom 1. März 1998. Er ist nicht wie eine Droge. Er ist eine Droge! Er vertuscht die fehlende Liebe. Das Problem ist, dass wir immer mehr brauchen. „Plötzlich bist du zusammen mit hunderttausend Leuten, die deinen Namen schreien, in einem Stadion, und fühlst dich so einsam wie nie zuvor.“ Wer könnte es besser sagen ?

 

KAPITEL 20
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PSYCHOTHERAPIE UND DAS GEHIRN
Wie man das Gehirn gesund macht

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Das Ziel der Primärtherapie besteht darin, fühlende Geschöpfe zu erzeugen. Um das zu leisten, müssen wir der Biologie vertrauen. Das biologische System ist schrecklich und unerbittlich rational. Kein Patient, der die Geburt wiedererlebt, kann von Armen oder Beinen Gebrauch machen. Wir müssen auch dem Patienten vertrauen, der weiß, was als nächstes geschehen sollte. Dieses System wird von der Einprägung gesteuert. Wir laufen unser ganzes Leben herum und versuchen, die Einprägung einzuholen; leider schaffen wir es nie. Sie bleibt in Führung. Ein Vater, der mit seiner Arbeit beschäftigt ist, weil er wegen seines eigenen Schmerzes beschäftigt und ständig in Bewegung sein muss, wird nicht der aufmerksame Vater sein, den ein kleines Kind braucht. Er sagt, er muss sich um den Unterhalt der Familie kümmern, aber zu oft ist das eine Rationalisierung. Und der Stress-Spiegel des Babys steigt, weil es einen Papi braucht. Und es wird aufwachsen und ständig in Bewegung sein, weil sein chronisch hohes Stressniveau es dazu zwingt. Wenn wir hohe Stresshormon-Werte haben und nicht ausagieren und uns nicht in Bewegung halten, richtet sich der Druck nach innen, und wir sind Kandidaten für eine Herzattacke oder einen Schlaganfall. Der Tod wartet, gleichgültig, wohin wir uns wenden.....nach innen oder außen. Ich habe von der „Verabredung in Sumatra“ gesprochen. Gefühle sind diese Verabredung. Wohin auch immer wir uns wenden, wohin wir auch fliehen, sie warten auf uns. Wir ignorieren sie, und sie machen uns krank. Wir betäuben sie, und sie erlangen ihre Kraft zurück, sobald wir damit aufhören. Wir agieren sie aus, bis wir zu Boden sinken. Es gibt kein Aufhören, keine Atempause, kein Erbarmen. Das gepeinigte System ist faschistisch, es lässt niemals nach, bekommt seine Bedürfnisse nie erfüllt, es sei denn symbolisch, es dominiert alles und jede Beziehung, erlaubt keine Alternativen und kein Entkommen. Es ist ein Gefängnis, das wir für uns selbst konstruieren, um fremde Gefühle und Bedürfnisse draußen und Schmerz drinnen zu lassen.  

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Während eines Gefühlserlebnisses weicht der Kortex zurück und gleichzeitig treten Prozesse der tieferen Ebenen in den Vordergrund. Bevor das geschieht, befindet sich das System in hektischer Aktivität, da im Kampf gegen die Einprägung immer mehr Neuronen rekrutiert werden. Die Rekrutierung zusätzlicher Gehirnzellen treibt die Amplitude der Gehirnwellen in die Höhe. Wir sehen, dass die Amplitude radikal ansteigt, wenn ein Patient einem Gefühl nahe ist; wenn ein Gefühl hart darum kämpft, voll zu Bewusstsein zu gelangen. Nach einem verknüpften Gefühlserlebnis fällt die Amplitude gleichermaßen radikal. Es ist ein weiteres Kriterium für Verknüpfung, für ein echtes Feeling. Jetzt kann man die Einprägung in sich aufnehmen, sie fühlen und vor allem auf sie reagieren,  anstatt vor ihr davonzulaufen.

Reaktivität ist ein zentraler Punkt, weil die volle Reaktivität zur Zeit des Traumas blockiert und umgeleitet wurde. Wenn das Ereignis – Vater und Mutter ständig streiten zu sehen – Sie dazu brachte, dass Sie sich schutzlos fühlten, dann ist es in der Therapie notwendig, dieses Ereignis über viele Monate zu fühlen, um eine vollständige Reaktion darauf zu ermöglichen. Das Gefühl könnte darin bestehen, dass die Familie jeden Augenblick auseinander zu fallen droht und das Kind kein Zuhause mit den Eltern mehr hätte. Die Person wächst in Unsicherheit und Schrecken auf. Sie wartet auf die große Katastrophe – die Scheidung – das Ende der Familie. Genau das passiert in zu vielen Fällen, mit verheerenden Folgen. Und hinsichtlich des Vaters, der ständig droht, die Mutter zu verlassen: „Ich werde nie mehr meinen Papa haben.“ Die Person wächst in Angst vor dem Leben und besonders vor dem Tod auf, weil sie niemals jemanden hatte, der sie besänftigt und beruhigt, ermutigt, unterstützt und beschützt  hätte. Sie steht nackt vor dem Leben; keine schützende Schicht aus Liebe, die sie ummantelt hätte, keine frühe Liebe, die einen frontalen Kortex errichtet hätte, der dem Leben die Stirn bieten, Gefühle integrieren und erleben und mit anderen auskommen könnte.

Wir dürfen vorgeburtliche Ereignisse nicht länger vernachlässigen, denn wenn wir die Entwicklung der Persönlichkeit verstehen wollen, müssen wir uns darauf konzentrieren, wo sie sich entwickelte. Unsere Gehirnzellen sind dem Darwinschen Überleben des am besten Angepassten verpflichtet; die stärksten und die am meisten benötigten überleben. Deshalb glaube ich, dass das menschliche Gehirn seit Millionen Jahren sehr erfolgreich ist und unter sonst gleichen Umständen angemessen funktionieren sollte. Die stärksten Neuronen haben überlebt, und die wirkungsvollsten intern produzierten Schmerztöter haben auch überlebt. Als das

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System im Laufe der Zeit schweren Traumen ausgesetzt war, verfeinerten sich die Rezeptoren immer mehr. Sie sind bereits vor der Geburt einsatzbereit und finden sich auch in der Plazenta. Aus diesem Grund neige ich dazu, der Vererbung kein so großes Gewicht beizumessen. Angesichts der verschiedenartigen Traumen, denen wir von der Zeit im Mutterleib an unterliegen, ergeben sich zahlreiche Gründe für abweichende Verhaltensweisen und Symptome. Ich erwähnte an früherer Stelle, indem ich Peter Nathanielsz zitierte, dass Menschen, die mit großer Plazenta geboren werden, anfälliger für hohen Blutdruck und möglichen Schlaganfall im späteren Leben sind. Wie alles andere im menschlichen System tendiert die Plazenta dazu, Ausgleich zu schaffen, wenn während der Schwangerschaft suboptimale Bedingungen herrschen. Sie wird größer, um Gegebenheiten wie dürftige Ernährung wettzumachen.

Ein anderer Grund für das Wachstum der Plazenta besteht darin, dass sie härter arbeitet, um die anhaltende Sekretion von Stresshormonen im Fetus abzubrechen. Unglücklicherweise kommt der Punkt, an dem der Stress die Kompensationsmechanismen überbeansprucht. Die Plazenta ist nicht einfach ein Sack; sie ist ein lebendes Gebilde, das Schmerztöter produziert. Ja, der Fetus muss Schmerz abtöten, auch wenn er wie ein Protoplasmaklümpchen aussieht, und obgleich er keine Worte hat, um sich irgendwie zu artikulieren.

Sauerstoffmangel tendiert dazu, die Blutgefässe zu schwächen. Dieses scheinbar geringfügige Problem im Mutterleib kann sich später im Leben zu ernster Diabetes oder Herzstörungen auswachsen. Vergessen wir nicht, dass die Plazenta für den Fetus der Hauptlieferant von Sauerstoff ist. Eine rauchende und/oder trinkende Mutter erzeugt für den Fetus einen niedrigen Sauerstoff-Spiegel; die Plazenta gleicht aus, indem sie wächst, um mehr bereit stellen zu können. Die Nieren und die Leber können darunter leiden, wenn auch unmerklich, weil das System versucht, den Sauerstoff an das Gehirn des Fetuses zu liefern. Später wird der Schaden nicht unmerklich bleiben, da weitere Traumen im Leben den leichten ‚Knacks’ im System verschlimmern.

Wenn es zu dieser Art Trauma, zu Sauerstoffmangel kommt, produziert der Fetus Stresshormone, um das System für die Gefahr aufzurüsten. Anhaltende Sekretion von Kortisol kann jedoch für späteren hohen Blutdruck verantwortlich sein.1 Deshalb erwähne ich an anderer Stelle, dass die ‚Fabrikation’ früher Schlaganfälle ( aufgrund hohen Blutdrucks) im Mutterleib stattfindet.

Auch ob jemand dick ist oder nicht, kann nicht nur von Vererbung abhängen (obgleich ich ihren Einfluss nicht verneine), sondern davon, wie gut sich die Mutter während und nach der Schwangerschaft ernährt. Wenn sie in der ersten Hälfte der Schwangerschaft unterernährt ist, ist die Chance größer, dass ihr Nachwuchs später im Leben fettleibig ist.2 Das System scheint in diesen Fällen im ganzen späteren Leben zu versuchen, die Defizite im Mutterleib auszugleichen. Die Sollwerte für das

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Gefühl der Sattheit sind in diesem Fall vor der Mitte der Schwangerschaft festgesetzt worden. Wenn die Lungen sich im Mutterleib nicht richtig entwickeln, kann das die Voraussetzung für die chronische, lebenslange Behinderung der Atemwege schaffen.

Fehlernährung während der Schwangerschaft kann die Lebensspanne der Nachkommen durchaus verkürzen, aber wenn das Kleinkind nach der Geburt unterernährt ist, wird das die Lebenserwartung nicht mindern. Wir sehen immer und immer wieder, dass ein Trauma die Sollwerte im Mutterleib ändert; ein Problem, das nicht leicht zu bewältigen ist, falls überhaupt. Ein Trauma nach der Geburt kann dauerhafte Auswirkungen haben, aber es hat nicht so tiefgreifende Konsequenzen wie Erfahrungen im Mutterleib. Wir dürfen nie die kritische Periode vergessen. All das Obige betont – und es entspricht meiner klinischen Erfahrung und gründet auf vielen neuen Forschungsergebnissen -, dass viele Probleme und Gebrechen, die wir Erwachsene haben, sich aus pränatalen Einflüssen ergeben können.

Vergessen wir nicht die dialektischen Prinzipien, die die Biologie beherrschen. Wir putschen ein Baby im Mutterleib mit Kaffee und Angst auf, und es wächst heran und will Beruhigungsmittel, um sich normal zu fühlen. Wir unterdrücken einen Fetus mit Drogen und Alkohol, und er wächst heran und will ‚Speed’, Kaffee, Zucker und vielleicht Kokain. Unser Körper verbringt sein ganzes Leben mit dem Versuch, die Geschehnisse im Mutterleib auszugleichen. Die Sollwerte ändern sich für immer. Mit vierzig brauchen wir Schilddrüsenhormone, um den niedrigen Hormonspiegel der Mutter während der Schwangerschaft auszugleichen. Und wir wissen, dass die Leistung ihrer Schilddrüse (und der des Babys) beeinträchtigt war, als sie unter Stress stand. Schilddrüsenhormon ist für die Pflege und Versorgung der Neuronen und ihrer dendritischen Verbindungen wesentlich. Auch wenn der Fetus etwa im vierten Monat beginnt, sein eigenes Schilddrüsenhormon zu produzieren, so fließt doch auch die Produktion der mütterlichen Schilddrüsenhormone ins fetale System ein und beeinflusst seinen Ausstoß. Wenn der Spiegel der Mutter sehr niedrig ist, kann das Kind mit Rückständen in der geistigen Entwicklung geboren werden; die Neuronen entsprechen einfach nicht der Anforderung. Was versuchen viele von uns, wenn sie Drogen nehmen.....Tranquilizer, Schilddrüsenhormon, Insulin, Heroin, Pillen zur Blutdrucksenkung und Herzberuhigung und Vasokonstriktoren für die Migräne? Wir versuchen, uns zu normalisieren.3

Die Medikamente, die wir jetzt anwenden, um Sucht und Alkoholismus zu kontrollieren, sind oft die nämlichen Serotonin steigernden Medikamente wie Prozac, Zoloft und Paxil. Was versucht der Süchtige zu erreichen? Er oder sie versucht, normal zu werden, - die Spiegel innerlich produzierter Schmerztöter auf optimalen Stand zu bringen, so dass der frühe Liebesmangel nicht gefühlt wird. Durch Drogen und Medikamente wird der Körper hinters Licht geführt und denkt kurze Zeit, dass er geliebt werde, denn genau das leistet Behaglichkeit; sie lässt uns innerlich ganz warm und kuschelig fühlen. Und was machen Ärzte, die ein und dieselbe Droge für alles von Seite 334

Depression bis Angst, von Bulimie bis zu suizidalen Neigungen verschreiben? Bewusst oder unbewusst versuchen sie, das System des Patienten zu normalisieren. Hierin also liegt das Dilemma: Ein ganz frühes Trauma beeinträchtigt das Serotonin-System, dasselbe System, das wir brauchen, um dieses Trauma zu verdrängen. Ein Mensch, der eine ziemlich liebevolle Kindheit hatte aber eine schreckliche Zeit vor und während der Geburt, kann immer noch in der Lage sein, die Ressourcen aufzubringen, um Schmerz zu unterdrücken. Aber wenn Sie das Vorgeburts- und Geburtstrauma durch Hinzufügen von emotionaler Leere und Zurückweisung in der frühen Kindheit verschlimmern, dann haben Sie eine Anhäufung von Schmerz, die das Hemmungssystem überfordert.

Wenn wir uns fragen, warum es Kriminalität gibt und warum so viele Kriminelle unter Drogen stehen, müssen wir einen Blick auf frühe Deprivation und eingeschlossenen Schmerz werfen. So viele unserer Gefängnisse werden für die Aufnahme Drogensüchtiger in Anspruch genommen; Leute, die behandelt werden sollten, weil Ihnen Liebe fehlte. Für Leute, die Süchtige ausbeuten und deren Geschäft der Drogenverkauf ist, sieht die Sache anders aus. Süchtige zu beraten, kann erst hilfreich sein, nachdem man sich mit dem Schmerz befasst hat. Die Priorität für Leute, die von Anfang an Liebe entbehren mussten, besteht  immer darin, den Schmerz abzutöten. Sie können schwören, dass sie Drogen aufgeben werden, den Versuch aufgeben werden, unbewusst zu versuchen, ihr System zu normalisieren, aber die Physiologie regiert; der frontale Kortex folgt nach und geht nicht voraus – genau wie es in der Evolution war – zuerst der Hirnstamm, als zweiter das Limbische System und zuletzt der frontale Kortex. Wir müssen mit der Evolution arbeiten, nicht gegen sie.

Wenn wir an die Kosten der Kriminellen für die Gesellschaft denken, stellt sich zum Beispiel heraus, dass die Hälfte der Frauen in U.S.- Gefängnissen (so steht es in einem Bericht)4 Opfer körperlicher oder sexueller Misshandlungen in ihrer Kindheit sind. Viele ihrer Vergehen waren gewalttätiger Art, nachdem sie früh im Leben Gewalt gegen sich selbst erfahren hatten. Diese Frauen benutzen mit viel größerer Wahrscheinlichkeit Drogen und Alkohol. Ich bin überzeugt, dass wir diese Opfer behandeln und ihnen helfen können, Gewalt zu vermeiden, nicht durch Ermahnung sondern durch wissenschaftliche Psychotherapie, die in einem schalldichten gepolsterten Raum die Wut und das Bedürfnis im Kontext herauslässt. Wir haben etwa einhundert Fälle von Inzest behandelt, und wir sehen die furchtbare Zerstörung, die er anrichtet. Drogensucht ist die harmloseste; es geht um die Verbrechen, die diese Personen auf Grund der Sucht zwangsweise begehen. An all dem lässt sich etwas ändern, wenn diese Personen die von ihren Eltern gegen ihre Menschenwürde begangenen Verbrechen wieder erleben. Die Gefühle tragen die Patienten zu den Orten und Zeiten, die sie aufsuchen müssen.  

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Warum sollte jemand Höllenqualen fühlen wollen? „Weckt keine schlafende Hunde“, so lautet oft das Motto. Wir müssen es fühlen, weil wir es auf einer Ebene des Gehirns bereits die ganze Zeit  fühlen – wir sind uns bloß dessen nicht bewusst; und der Schaden, den es anrichtet, wird fortbestehen. Wir sind „entnormalisiert“, und wir spielen die ganze Zeit „aufholen“. Der Hirnstamm wird weiterhin bis zur Erschöpfung erregende Substanzen ‚ausspucken’,  um uns ein Leben lang auf Touren und auf Trab zu halten. Wir laufen dann wegen dieses oder jenes Symptoms zum Arzt – wegen hohen Blutdrucks, Pädophilie, Kolitis und Spielsucht. Oder vielmehr gehen wir zu mehreren verschiedenen Spezialisten, die uns vielleicht alle auf dieselbe Weise behandeln. Oft geben sie uns Beruhigungsmittel, weil sie unbewusst verstehen, dass all diesen Symptomen Schmerz zu Grunde liegt.

Weil wir viel mehr limbische Bahnen haben, die zum frontalen Kortex hin verlaufen, als solche, die von ihm herkommen, haben Gefühle weit mehr Einfluss auf Gedanken, als Gedanken auf Gefühle, wie wir aus evolutionärer Sicht erwarten könnten. Jemand muss in einer kontrollierten Situation völlig die Kontrolle verlieren, so dass er in Gefühle versinkt. Das Gehirn wird sodann Selbstkontrolle erlernen. Es muss weniger kontrollieren. (Ehe ich Polster an den Wänden hatte, hatte ich viele Löcher.) Die Person muss die Kontrolle im Kontext verlieren.

Wenn wir zu der Erinnerung, zu der ganz frühen Erinnerung zurückgehen, als Papa die Kontrolle verlor und die ganze Zeit herumbrüllte, dann folgt die Wut nach. Wir müssen uns zu dem Babygehirn begeben, das die Wut fühlt, und nicht zum erwachsenen frontalen Kortex, der Vermutungen anstellt, wie das Baby sich fühlt. Wir müssen das Ausmaß unserer Wut kennenlernen, weil so viele von uns Angst vor sich selbst und davor haben, was sie anstellen könnten, wenn sie die Kontrolle verlieren. Besser die Kontrolle in einem gepolsterten Raum verlieren, wo wir lernen, welches Ausmaß die Wut hat.

Erinnerung ist niemals annähernd; sie ist exakt. Zu oft, wie ich immer wieder beobachten konnte, beginnt die Wut mit dem Winden und Drehen bei der Geburt, wenn die Zange heftig an dem Neugeborenen zieht. Wir müssen über diese Wut nicht theoretisieren. Wir erleben sie jeden Tag. Niemals fordern meine Therapeuten Wut heraus oder sagen den Patienten, sie seien voller Wut. Nur im Kontext werden die Patienten genau die Wut ausdrücken, die ins System eingeprägt ist. Wenn sie es auf Geheiß des Therapeuten tun, wird es zwangsläufig ungenau sein.

Viele Therapeuten sagen ihren Patienten: „Lass das Kind in dir heraus“,  „Sag deinem Papa, dass du ihn hasst“, und so fort. Da ist kein kleines Kind drin. Da sind nur Erinnerungen, die zur Verknüpfung gelangen müssen. Der große Fehler der Pseudo-Therapeuten (wie ich sie nenne) besteht darin, dass sie vorschreiben, wohin der Patient zu gehen hat: „Sag deiner Mutter, dass sie dir weh tut!“ „Schrei deinen Zorn über deinen Vater hinaus!“ Vorschriften zu machen, weist auf mangelndes

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Vertrauen hin und nimmt dem Patienten die Macht. Aus diesem Grund heißt meine Therapie nicht Urschrei-Therapie. Es ist Primärtherapie. Niemals wird den Leuten gesagt, er oder sie solle schreien.

Richtige Therapie braucht Zeit. Deshalb sind Wochenend-Seminare, die Wiedererlebnisse vermitteln, gefährlich. Und deshalb ist es ein schwerer Fehler, Drogen zu nehmen, um schneller dorthin zu gelangen. Der Schmerz hat seinen eigenen Zeitplan; wir müssen biologische Parameter respektieren, wenn wir erfolgreich sein wollen. Das ist genau der Grund, warum es absolut nutzlos ist, ohne Zusammenhang mit der Vergangenheit zu schreien, auf Matratzen einzuschlagen oder Wut auszudrücken. Diese Verknüpfung ist eine sine qua non.

In mancher Hinsicht ist die gegenwärtige konventionelle Psychotherapie ein unbewusster Pakt zwischen Arzt und Patient, der stillschweigend beinhaltet, dass der Arzt mehr über den Patienten weiß als er selbst. Das trifft besonders zu, wenn der Arzt am Patienten interessiert, warmherzig, besorgt, beschützend und freundlich ist – all die Eigenschaften, die die Eltern nicht hatten. Das ist sehr erleichternd, aber wir müssen über Jahre ständig zur Therapie laufen, weil sie eben nur das ist.......lindernd und Abhängigkeit schaffend. Der Patient denkt, es seien die Einsichten, die helfen. Sie helfen nur ein bisschen. Es ist der freundliche und besorgte Doktor, der etwas ausmacht. Wären es die Einsichten alleine, die helfen, könnte sie auch ein Roboter liefern. Es geht um die Wärme und Besorgtheit, die mit ihnen einhergeht. Der Doktor ist der Masseur des schmerzgeplagten Egos. Er bietet, was wir haben wollen, nicht, was wir brauchen. Was wir brauchen, ist das Bedürfnis – das alte kleinkindliche Bedürfnis aus älteren Gehirnstrukturen. In der konventionellen Therapie spielt sich auf der zweiten Ebene (Limbisches System) eine Beziehung ab, bei der es im Wesentlichen um ein Ausagieren des Patienten geht. Er ist brilliant, hat Einsichten und erfährt im Gegenzug Linderung und bekommt, was er im Alter von zwei brauchte. Zu spät. Deshalb macht es abhängig. Die Wirkung ist von kurzer Dauer, und er muss immer wiederkommen. Es ist immer noch ein Ausagieren, ob es in einer therapeutischen Situation geschieht oder nicht. In den ersten paar Jahren des Lebens wird alles, was geschieht, zu unserer Schuld, weil es keinen anderen Bezugsrahmen gibt, um die Dinge zu verstehen.

Die Beziehung zwischen Patient und Therapeut zählt; sie sollte warmherzig und unterstützend sein, aber wie die Berichterstatter bei einem Tennismatch sollten wir beherzigen, dass das Spiel unten auf dem Feld stattfindet und nicht in der Übertragungskabine. Brillianz ist nicht erforderlich. Empathie schon. Die Einsichten, die der Patient braucht, sind im frontalen Kortex bereits vorhanden. Es bedarf keines weiteren Kortexes, der aushilft. Die Einsicht eines Genies wird nicht zur Amygdala oder

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Medulla oder zum Locus caeruleus oder zum Hypothalamus oder Thalamus durchdringen. Wir können die Amygdala nicht überzeugen oder ihr abraten. Sie ist absolut unparteiisch. Kein Ratschlag, keine Meinung oder Ermahnung wird etwas ändern. Sie weiß, welche Gefühle sie in sich trägt, und sagt es niemandem. Beratung führt zur Neuordnung des frontalen Kortexes, so dass der Mensch sich wohler fühlt, während er entscheidende Informationen in der Amygdala und im Hippocampus verbirgt.

Konventionelle Therapie ist ahistorisch und weitgehend des Fühlens beraubt; somit geht sie dem eigentlichen Kern unseres Menschseins aus dem Weg. Ja, einige dynamische Therapien erforschen tatsächlich die Geschichte, aber nicht mit dem alten historischen Gehirn, das wie ein Dreijähriger weint. Sie weinen als das, was sie sind – Erwachsene; nicht als die depravierten Kinder, die sie waren – und innerlich noch immer sind.  Aus diesem Grund haben Therapeuten die Tiefe des Fühlens in ihren Patienten nicht gesehen. Wir versuchen nicht, einfach schlauere Leute zu produzieren; wir wollen Menschen produzieren, die sich wohler fühlen, glücklicher sind und fühlen können; die nicht mehr an unerklärlichen Symptomen oder zwanghaftem Verhalten leiden.

Wenn wir darüber hinwegkommen können, uns mit vorliegenden Symptomen zu befassen, als seien sie das eigentliche Problem, dann könnten wir uns tiefer ins Gehirn begeben und zu Orten gelangen, deren Existenz wir uns niemals erträumt hätten. Man braucht auch einen abgedunkelten, ruhigen, gepolsterten Raum, um die Chancen zu vergrößern, tiefer ins Gehirn zu gelangen, und natürlich die geeigneten Techniken.5 Wenn wir uns nicht mit inneren Einprägungen befassen, verbinden wir eine Wunde und lassen sie dann eitern, während wir weiterhin glauben, es sei etwas getan worden, um das Problem zu behandeln. Das menschliche Gehirn ist im Sinne unserer Therapie kein so großes Geheimnis. Es bewahrt unsere Geschichte sicher im Verborgenen, bis wir in der Lage sind, sie wiederzufinden. Das ist seine wunderbare Funktion.

Ein Therapeut kann uns erzählen, dass wir wundervoll, wertvoll, wichtig, etc. sind. Aber das lässt den Ort außer Acht, an dem die Wertlosigkeit liegt und an dem das Bedürfnis liegt. Die Amygdala beharrt darauf, dass wir nicht wundervoll sind, weil unsere Eltern uns das durch ihr Verhalten, das von Distanz und Gleichgültigkeit uns gegenüber geprägt ist,  wissen lassen, indem sie uns ignorieren, niemals nach unserer Meinung fragen oder nicht einmal danach, was wir essen wollen. Es resultiert aus den Jahren, in denen wir kaum jemals Augenkontakt mit unseren Eltern hatten. Das ist die vorherrschende Realität, die einem verwundbaren Gehirn in der frühen und späteren Kindheit aufgebürdet und eingeprägt wurde, vielleicht in einer kritischen Periode. Die kritische Periode ist vorbei; die Tat ist geschehen. Das Kind brauchte als Baby seine Eltern, um Lob, Ermutigung und Liebe – also viel Berührung -  zu bekommen. Die Amygdala bewahrt diese Wahrheit in ihrem Tabernakel und lässt sich niemals eines anderen belehren. Niemals! Sie kann es nicht hören! Nur zeitweise lässt sie sich von Gedanken knebeln. Babys brauchen Tag und Nacht

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körperliche Nähe von der ersten Minute ihres Lebens an und in den folgenden sechs Jahren; nicht jede Minute, aber so, wie es dem Bedürfnis des Babys entspricht.

In dem Fall einer Frau, deren Mutter Tuberkulose hatte, gab es niemals Liebe; daher das innewohnende Gefühl, wertlos und unwichtig zu sein – keines Menschen Freundlichkeit wert. Diese geringe Selbstachtung ist nicht einfach ein Gedanke; sie befand sich im Blutsystem und in den Gehirnzellen. Vernachlässigung im Alter von zwei Wochen führte dazu, dass sie sich unwichtig und keiner Aufmerksamkeit wert fühlte.

Es gibt einen Artikel in der New York Times der darauf hindeutet, dass Fachleute die Auffassung vertreten, die gegenwärtige Psychotherapie sollte größtenteils von kurzer Dauer sein.6 Langzeit-Therapie ist suspekt, wird sogar als unethisch betrachtet. Das geschieht auf Erlass der neuen Ego-Psychologie, um den Versicherungsgesellschaften entgegenzukommen, die keine Langzeit-Therapie bezahlen wollen. Stillschweigend inbegriffen bei all dem ist, dass das Fachgebiet zugunsten einer Therapie im Beratungsstil auf tiefgreifende Veränderung verzichtet. Die tiefe, dynamische Freudianische Therapie ist seit kurzem weitgehend in Ungnade gefallen, gerade jetzt, da es zu tiefgreifender Veränderung kommt. Weil die dynamische Tiefentherapie es aufgrund fehlerhafter Theorie (meiner Einschätzung nach) nicht schaffte, hat man die Langzeit-Tiefenanalyse fallen lassen. Nicht das Problem, dass man tief in der Psyche graben muss, hat Schuld daran. Schuld ist die falsche Methode. Nötigenfalls sollten wir tief graben,  sobald wir eine gewisse Vorstellung haben, wie wir es angehen sollen. Und wir sollten uns nicht auf therapeutische Ideen verlassen, die hundert Jahre alt sind. Würde irgendein anderer Zweig der Medizin den Techniken treu bleiben, die ein Jahrhundert alt sind? Kaum. Wir müssten wieder dahin zurückkehren, Patienten mit Blutegeln zu schröpfen. Es sollte offensichtlich sein, dass tiefgreifende Veränderung, die Änderung tief verwurzelten Verhaltens, nicht in wenigen Sitzungen erreicht werden kann, obgleich die Lacan-Methode in Frankreich genau das versucht.7

Warum ist die Psychotherapie derart in die Irre gegangen? Weil Emotionen und Verdrängung involviert sind, und die hindern hochgebildete Praktiker daran, den Wert des Fühlens zu sehen; und weil die frühen Freudschen Ideen die Psychotherapie so im Würgegriff hatten, dass es sehr schwer war, sie abzuschütteln. Und schließlich gab es nicht genug neurologische Informationen, um uns davon in Kenntnis zu setzen, dass wir das Gehirn in Betracht ziehen müssen, wenn wir Psychotherapie praktizieren. Zu viele Therapien erachten Abreaktion – das heißt,  über ein anderes Gruppenmitglied wütend zu werden, einem anderen gegenüber Liebe auszudrücken – als Therapie. Wenn das Feeling nicht im historischen Kontext steht, ist es nicht heilsam und keine Therapie. Es kann hilfreich sein, aber andererseits – Voodoo ist es auch. Niemand kann gesund werden ohne die Hilfe der Geschichte. Ich sage das in Bezug auf körperliche als auch auf psychische Leiden. Ja, wir

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können Krebs erfolgreich behandeln. Aber erst wenn wir den ungeheuerlichen Druck von Schmerz der ersten Ebene sehen, können wir verstehen, wie Zellen verfallen und ihre Unversehrtheit verlieren können.

Weder gelenktes Tagträumen noch Imaginations-Therapie kann uns dorthin bringen, wo wir hingehen müssen. Es ist ein willkürlich-bewusster Akt unter der Anleitung eines anderen, anstatt den Anweisungen unseres eigenen Nervensystems zu folgen. Wir können uns einbilden oder glauben, dass wir entspannt sind, dass wir den ganzen Tag lang auf einer Wolke schweben, und dennoch Angst haben, die weiter unten im Hirnstamm und limbischen System rumort. Es ist per Definition Selbsttäuschung. Wir können für die Behandlung schwerer Schmerzen keine Selbsttäuschung brauchen.

Warum muss unser Nervensystem die Regie übernehmen? Weil es die ganze Zeit Regie führt. Imaginations-Therapie, oder wie auch immer der Name sein mag, ist ein geistiges Spiel, das nicht auf die Realität neurologischer Einprägungen zielt, sondern merkwürdigerweise von ihnen ablenkt; nur die Geschichte ist heilsam. Wir können uns vorstellen, der Aufzug sei kein furchteinflößender Ort, sondern ein Ort der Ruhe und des Friedens, als ließe man sich auf einem See treiben, während man nach oben huscht; aber der Hirnstamm sagt: „Das ist ein grässlicher Ort, weil er die alte Angst im Inkubator hervorruft.“

Wann immer die Macht der Therapie außerhalb unserer selbst liegt, kann sie nicht gelingen. Dann ist es Führung. Und Beratung. Aber keine Tiefentherapie. Die Macht ist bereits in uns; wir müssen sie nur anzapfen. Alles, was wir lernen müssen, ist bereits in die Schaltkreise des Gehirns eingeschrieben. Der Slogan „Alle Macht dem Volke!“ sollte wörtlich genommen werden. Die Patienten entscheiden, wann sie kommen, wann sie für heute gehen und wann sie die Therapie auf Dauer verlassen. Nach dem Fühlen sind sie es, die Einsichten haben. Sie sind die Schlauen und machen die bedeutsamen Entdeckungen. Ihre Neugierde ist aufgewacht.

Die Vorstellung, es liege Gefahr im Aufschließen der Psyche, ist seit den Warnungen Freuds tief in uns verwurzelt. Ich habe herausgefunden, dass das Gegenteil der Fall ist. Das Erschließen der Psyche auf allen Ebenen der Gehirnfunktion ist der einzige Weg, um fest eingewachsene Muster oder Symptome auszumerzen. Einsicht ist dieser Aufgabe nicht gewachsen. Unser Schmerz gründet nicht auf Mangel an Einsicht, und wenn wir der Mixtur Einsichten hinzufügen, bewirkt das gar nichts, außer dass wir dem Patienten Rechtfertigungen für sein Verhalten anbieten und von daher seine Abwehr verstärken. Einsichten ohne vorhergehendes Fühlen sind reine Raterei. Stellen Sie sich vor, ich versuchte Ihnen zu sagen, was in ihrer Amygdala steckt, wenn nicht einmal Sie es wissen, wo es doch Ihre Amygdala ist.  

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Der Grund, dass die Psychotherapie eher ein Teil des Problems ist als ein Teil der Lösung, besteht darin, dass sie das Unterbewusste des Patienten und sein präfrontales Bewusstsein auseinander rückt und den kortikalen „Geist“ behandelt, als unterscheide er sich vom übrigen Körper. Die Psyche wird behandelt, als sei sie etwas, das im Raum schwebe und neu geformt und konstruiert werden müsse. Es handelt sich nicht um psychische Krankheit! Wir brauchen keine Psycho–Therapie. Wir brauchen empirische Therapie. Schmerz ist im Blut, in den Geweben, im Gehirn und in den Muskeln. Er befindet sich in Immunzellen und Hormonen. Er ist überall und nirgends. Er lässt sich nicht auf einen Platz festnageln, weil er pandemisch ist. Wir können das Blut, das Gehirn, die Muskeln und das Immunsystem alle für sich behandeln, aber solange wir den Menschen nicht als Ganzes behandeln, sind diese Maßnahmen zum Scheitern verurteilt.

Kann eine Therapie helfen, wenn wir an sie glauben? Vieles kann helfen, nicht zuletzt Religion. Widerspricht ein Placebo der Wirksamkeit bestimmter Tranquilizer-Therapien, wenn es den Leuten nach einem Placebo besser geht? Ein Placebo kann uns besser fühlen lassen, weil es die Sekretion der gleichen Substanzen in Gang setzt, die in den Beruhigungsmitteln enthalten sind. Viele Straßen führen nach Rom. Nur weil wir uns nach einem Placebo besser fühlen, bedeutet das nicht, dass die Medikation unwirksam ist. Es bedeutet einfach, dass der Glaube und die Hoffnung, die es enthielt, die Sekretion interner Tranquilizer förderte.

Ohne den Eckpfeiler des Bedürfnisses kann keine Therapie dauerhafte Veränderung schaffen. Kompensationsmechanismen zu behandeln, bedeutet Umgestaltung. Sie befasst sich mit dem System, wie es ist, und modifiziert die Missbildungen, die es verursacht hat. Wir brauchen eine Revolution; wir müssen das System verändern, dann entströmt ihm Gesundheit auf natürlichem Wege. Ich glaube, wir haben den Orchestrator aller Kompensationen  gefunden – das Gehirnsystem, dem sie alle entspringen. Wir werden kompensieren müssen, bis ein jeder den Dirigenten findet. Es geht immer darum, das große Loch aufzufüllen, das unbefriedigte Bedürfnisse hinterlassen haben.

Sind wir im Grunde zornige, tobende Monster oder sind wir freundliche und edle Miezekätzchen? Weder noch, und beides zusammen. Wir werden mit Fähigkeiten geboren, die Millionen Jahre zurückdatieren. Wenn das System geliebt wird und nicht traumatisiert, wird es freundlich und edel sein und nicht hasserfüllt und aggressiv. Wenn ein kleines Kind ständig frustriert wird, wird es zu einem zornigen Kind und Erwachsenen. Das Kind reagiert auf eine Verletzung, und es wäre die ultimative Verleugnung, würde es so tun, als sei es nicht verletzt worden.  

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Existieren fetale Erinnerungen? Ja, in neurochemischem Sinn. Erinnern wir uns an all das? Ja, aber im Sinne neurochemischer Veränderungen, nicht im Sinn von Szenen, Worten oder Gefühlen. Das untere Gehirnsystem erinnert sich ständig. Alles, was wir tun müssen, ist, dieses System anzuzapfen. Das menschliche Gehirn ist hinsichtlich unserer Therapie kein so großes Geheimnis. Es bewahrt unsere Geschichte sicher im Verborgenen, bis wir sie wiederfinden können. Das ist seine wundervolle Funktion.

Sigmund Freud glaubte, dass der Weg ins Unbewusste über Worte führe, wie im freien Assoziieren. Dem ist nicht so. Wir können uns den Weg zur Gesundheit nicht erdenken. Der Weg zur fühlenden Ebene führt über Gefühle; der Weg zur Ebene instinktiver Empfindung führt über reine Empfindungen. Wir müssen von jeder Ebene ihren Beitrag zur Verknüpfung fordern. Das lässt uns wieder ganz werden. Und letztlich gibt uns das unser Selbst zurück. Wir können uns selbst finden, aber wir müssen an den unwahrscheinlichsten Orten suchen. Ist es nicht paradox – ständig der einen Sache auszuweichen, die uns befreien könnte?

Wie ich in der Einleitung behauptet habe, müssen wir in unerforschte Gewässer hinaussegeln, unseren Kompass auf eine außergewöhnliche Fahrt in den düsteren Morast des Unbewussten einstellen und zu den tiefsten Zonen des Gehirns reisen. Wenn wir ankommen, werden wir herausfinden, dass es dort unten gar nicht so düster aussieht. Das Unbewusste ist voller Licht und Entspannung, wenn wir alle diese verborgenen Erinnerungen frei gelassen haben. Ich glaube, ich habe einen Teil des Weges kartiert. Der Rest ist Aufgabe der Wissenschaft. Auf dieser Reise haben wir erfahren, was wir im Leben entbehren mussten, und wie wir unsere Kinder behandeln müssen, um sie vor diesen Fehlern zu bewahren. Wir können einen neuen Menschen erschaffen. Wir haben die Wahl, und wir haben die Technik, um das zustande zu bringen. Ihr Name ist ganz einfach Liebe. Immer wieder.

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Quellenverweise und Anmerkungen

N. 1         Peter W. Nathanielsz, Life in the Womb: The Origin of Health and Disease (Ithaca, N. Y.: Prommethean Press, 1999), s. 146-47.

N. 2         R. S. Strauss, “Effects of the Intrauterine Environment on Childhood growth,” British Medical Bulletin 53, no. 1 (Januar 1997): 81-95.

N. 3         Siehe Nathanielsz, Life in the Womb, zur ausführlicheren Erörterung.

N. 4         „ Die Hälfte der Frauen in Gefängnis – Systemen waren Opfer von Missbrauch, sagt ein Bericht,“ Los Angeles Times, 12. April 1999.

N. 5         Wir bieten allen Profis in den helfenden Berufen Training an.

N. 6         „How Much Therapy is Enough?“ New York Times, 24. November 1998.

N. 7         Henri Lacan, inzwischen verstorben, hatte in den 1980er Jahren in Frankreich mit seiner schnellen Analyse großen Einfluss. Einige wenige Sitzungen waren alles, was er zuließ.


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BEGRIFFSERKLÄRUNGEN
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ACETYLCHOLIN. Ein wichtiger Neurotransmitter im zerebralen Kortex, der auch an der Impuls-Übertragung von von Nervenzellen auf die glatte und kardiale Muskulatur und auf bestimmte Drüsen und von motorischen Nervenzellen auf die Skelettmuskulatur beteiligt ist.

 

ADRENALIN. Ein Hormon des sympathischen („Kampf-oder-Flucht-“) Nervensystems, das von den adrenalen Drüsen produziert wird.

 

AMYGDALAE. Mandelförmige Körper an der Vorderseite des Hippocampus in den Schläfenlappen, die sensorischen Input prüfen; wenn sie Gefahr entdecken, alarmieren die Amygdalae das Bewusstsein und konzentrieren die Aufmerksamkeit auf die Bedrohung, während sie den Körper über den Hypothalamus auf Kampf oder Flucht vorbereiten. Die Amygdala funktioniert von Geburt an und ist in alle Erinnerungen involviert, die mit Furcht, Schrecken und Wut zu tun haben. Die Amygdala ist für das Fühlen des Gefühls verantwortlich.

 

ANOXIE. Das Fehlen von Sauerstoff. Siehe Hypoxie.

 

ANTIPODEN. Wörtlich: Zwei Orte auf entgegengesetzten Seiten der Erde; bildlich: abgelegene, schwierig zu erreichende Teile des Gehirns, die unvermutete Erinnerungen verbergen.

 

APPERZEPTION. Prozess des Verstehens, in dem neu beobachtete Eigenschaften eines Objekts oder Ereignisses auf vergangene Wahrnehmungen und mit ihm verknüpfte Erinnerungen bezogen werden.

 

ATHEROSKLEROSE. Eine Störung in den Blutgefäßen, bei der sich Fettablagerungen, Plaque genannt, auf der Innenseite der Arterie aufbauen und sie einengen, bis es möglicherweise zu Angina kommt (wenn die Koronararterien betroffen sind) oder zu vorübergehenden ischämischen Attacken (Mini-Schlaganfälle), wenn zerebrale Arterien beeinträchtigt werden. Sollte die Arterie durch Einschnürung, ein Blutgerinnsel oder Plaque blockiert sein, kann eine Herzattacke, ein Schlaganfall oder Venenentzündung die Folge sein.

 

AUTONOMES NERVENSYSTEM. Unbewusste körperliche Kontrolle wird durch die zwei Zweige des autonomen Nervensystems  vermittelt, durch das alarmierende, für Kampf oder Flucht zuständige Sympathische Nervensystem und durch das für Ruhe und Erholung zuständige Parasympathische Nervensystem. Im Schlaf und bei Inaktivität ist der parasympathische Zweig dominant, und sein primärer Transmitter, Serotonin, ist reichlich vorhanden. Im Wachzustand und bei Erregung dominiert der sympathische Zweig, und sein Neurotransmitter, Norepinephrin, steigt an.

 

AXON-TERMINAL. Siehe Synapse.

 

COMPOUNDING. (Verschlimmerung, Steigerung). Prozess, bei dem ein späteres Trauma ein früheres Trauma weiter ausbaut.

 

DOPAMIN. Ein Neurotransmitter, der in der Substantia nigra des Hirnstamms gebildet wird (und über die Axone der Substantia nigra–Zellen im ganzen Gehirn verteilt wird); seine Aktivität hat viel mit Wachsamkeit und Lust zu tun. Alle süchtig machenden Substanzen regen die Sekretion von Dopamin an.

 

ENDOGEN. Innerhalb eines Organs oder Organismuses entstehend.

 

ENURESE. Bettnässen

 

GLUKOKORTIKOIDE. Kortikosteron, Kortisol und Kortison sind Glukokortikoide, Hormone, die von den Nebennieren abgesondert werden; diese Hormone beeinflussen hauptsächlich die Protein- und Kohlenhydratmechanismen des Körpers in Stressphasen.

 

HIPPOCAMPUS. Eine Kortexwindung auf der inneren Oberfläche des Temporallappens, im Querschnitt wie ein Seepferdchen geformt; der Hippocampus ist mit der Verankerung kontextbezogener Erinnerung befasst. Das bedeutet, er unterstützt die Erinnerungsbildung an Ereignisse im Kontext. Der Hippocampus reift ungefähr im Alter von drei Jahren, was für unsere Probleme verantwortlich sein kann, wenn wir uns an Ereignisse erinnern wollen, die vor dieser Zeit liegen. Es ist eine sehr alte Struktur, aber nicht so alt wie die Amygdala, die schon vor der Geburt funktionsfähig ist.

 

HIRNANHANGDRÜSE (HYPOPHYSE). Die Hypophyse liegt über dem Gaumendach. Sie ist eine endokrine Drüse, die mit dem darüber liegenden Hypothalamus verbunden ist und von diesem kontrolliert wird. Die Hypophyse kontrolliert gemäß der Anweisung des Hypothalamus die Sekretion vieler Schlüsselhormone.

 

HOLOTROPES ATMEN. Von Stanislav Grof vorgeschlagene therapeutische Modalität, bei der beschleunigtes Atmen in ruhiger Atmosphäre mit Musik kombiniert wird, zur Förderung eines „nicht-gewöhnlichen Bewusstseinszustands, der den inneren Heilungsprozess in der Psyche des Individuums aktiviert.“

 

HOMÖOSTATISCHE REGULIERUNG. Die genaue Kontrolle, die der Körper über physiologische Parameter wie Körpertemperatur und Blutdruck ausübt. Analog dazu sorgt ein Thermostat für die „homöostatische Regulierung“ der Temperatur in einem Haus.

 

HYPOTHALAMUS. Der Hypothalamus liegt unterhalb des Thalamus und ist das Gehirnzentrum für Homöostase, d. h., für die Kontrolle von Temperatur, Blutdruck, usw. Es steht in enger Beziehung zum limbischen System, besonders zur Amygdala und zur Hirnanhangdrüse. Er verkörpert die gemeinsame Endbahn, durch die Gefühle in körperliche Symptome übersetzt werden.

 

HYPOXIE. Mangel an Sauerstoff in den Geweben des Körpers.

 

KATECHOLAMINE. Die Neurotransmitter, die sich von der Aminosäure Tyrosin ableiten: Epinephrin, Norepinephrin und Dopamin. Das sind die exzitatorischen Neurotransmitter.

 

KOLLAGEN. Bindegewebe, das weitgehend aus Eiweiß besteht und einen Teil der Knorpel und Knochen bildet.

 

KORTIKOSTERON. In den adrenalen Drüsen ((Nebennierenrinde)) produziertes Hormon, das wie Kortison dem Körper hilft, sich an Stress psychischer Art oder aufgrund körperlicher Verletzung anzupassen.

 

KORTISOL. Von den adrenalen Drüsen abgesondertes Hormon, welches das System für den Umgang mit Stress psychischer Art oder aufgrund körperlicher

Verletzung rüstet.

 

LOCUS CAERULEUS. Wörtlich „der blaue Ort“. Diese Struktur des Hirnstamms ist die Region, in der Norepinephrin produziert wird. Axone aus dem Locus caeruleus verteilen Norepinephrin an limbische und subkortikale Strukturen im Gehirn. Er gilt allgemein als Terrorzentrum des Gehirns.

 

LYMPHOZYTEN. Die Lymphozyten werden in erster Linie von den lymphatischen Körpergeweben produziert – von der Milz und den Lymphknoten. Ihre Hauptfunktionen sind, (1) in das Bindegewebe zu wandern und den Aufbau von Antikörpern gegen Bakterien und Viren zu unterstützen und (2) zwischen „eigen“ und „fremd“ zu differenzieren.

 

NEURON. Neurone sind die Zellen, die das Grundelement des Gehirns und Nervensystems bilden. Jede besteht aus einem Zellkörper, von dem Dendriten ausgehen, die Nachrichten von anderen Neuronen an die Zelle überbringen, und aus einem Axon, das den Output des Neurons auf andere Neuronen überträgt. Axone können über einen Meter lang sein oder nur wenige Millimeter kurz. Neurone kommunizieren über Synapsen, kleine Spalte zwischen Dendriten und Axonen oder zwischen Axonen und Zellkörpern; ein Neuron kann synaptisch mit Tausenden anderer Neuronen verknüpft sein, so dass das Gehirn ein Nervennetzwerk von nahezu unvorstellbarer Komplexität bildet. Der Nervenimpuls, der sich entlang der Dendriten und Axone bewegt, ist sowohl eine chemische Transaktion als auch eine elektrische „Depolarisationswelle“, während die Botschaft, die die Synapsen passiert, die Form eines Neurotransmitters wie Serotonin und Norepinephrin annimmt.

 

NEURONALE SCHLEIFE. Die ineinander greifenden Geflechte der Dendriten und Axone bilden überall im Gehirn unzählige Nervenschleifen. Verdrängte Erinnerungen können in einigen von ihnen reverbieren und physiologische Parameter verändern, während sie niemals ins Bewusstsein gelangen. Somit kann man sich ohne offensichtlichen Grund unwohl fühlen. Dieses Unwohlsein kann der Empfindungsanteil eines verdrängten Traumas sein.

 

NEUROPEPTIDE. Kleine Proteine wie die Endorphine, Insulin und Oxytozin (zu dessen vielfältigen Funktionen die Einleitung der Wehenkontraktionen gehört) übermitteln Informationen zwischen den Körperzellen. Für mehr als Hundert dieser Proteine fand man Rezeptoren im Gehirn, und sie sind als Neuropeptide bekannt geworden.

 

NEUROTRANSMITTER. Diese chemischen Substanzen im Gehirn ermöglichen die Kommunikation der Neuronen untereinander, indem sie den Nervenimpuls über die Synapse befördern, über den kleinen Spalt zwischen dem Axon des einen Neurons und dem Dendriten oder Zellkörper des nächsten. Einige, wie Dopamin und Norepinephrin, sind exzitatorisch und bewirken tendenziell, dass das folgende Neuron mit größerer Wahrscheinlichkeit feuert, während andere wie Serotonin inhibitorisch sind.

 

NORADRENALIN. Ein erregender Neurotransmitter aus der Familie der Katecholamine, der auch als Norepinephrin bekannt ist.

 

NOREPINEPHRIN. Ein erregender Transmitter aus der Familie der Katecholamine. Der Spiegel des Norepinephrins im Gehirn erreicht am Nachmittag seinen Höchststand, wenn der Serotoninspiegel am niedrigsten ist, und in der Nacht seinen Tiefststand, wenn Serotonin Höchstwerte erreicht.

 

ONTOGENESE. Der Entwicklungsverlauf eines individuellen Organismus. „Die Ontogenese wiederholt die Phylogenese“ bedeutet, dass der sich entwickelnde Fetus die Stadien der Evolution der Spezies durchläuft.

 

OPIOIDE. Familie schmerztötender Peptide.  Morphin (aus Mohn gewonnen) und die Endorphine, unsere endogenen (hausgemachten) morphinähnlichen Moleküle sind Beispiele.

 

ORBITOFRONTALER KORTEX. Teilbereich des Kortexes über und zwischen den Augen. Man glaubt, dass sich in ihm Gefühle und Verstand begegnen.

 

OXYTOZIN. Ein Neuropeptid, das sowohl die Wehenkontraktionen als auch die uterinen Kontraktionen beim Orgasmus verursacht, wenn es von den Eierstöcken produziert wird. Im Gehirn fördert vom Hypothalamus hergestelltes Oxytozin offensichtlich mütterliches Verhalten und hilft bei Männern, monogame Langzeitbeziehungen aufrecht zu erhalten.

 

PALPITATIONEN. Unkontrollierter unregelmäßiger oder schneller Herzschlag; oft ein Symptom von Angst.

 

PARAHIPPOCAMPUS. Am Hippocampus angrenzende Übergangsregion des Temporallappens, dessen Funktion es ist, Input aus kortikalen Bereichen, die sensorische Eingaben verarbeiten, zu korrelieren. Diese Struktur verschlüsselt Erinnerungen für die permanente Speicherung.

 

PARASYMPATHISCHES NERVENSYSTEM. Siehe Autonomes Nerven-

system.

 

PHYLOGENESE. Die evolutionäre Entwicklung einer Pflanzen- oder Tierspezies. „Die Ontogenese wiederholt die Phylogenese“ bedeutet, dass der sich entwickelnde Fetus die Stadien der Evolution der Spezies durchläuft.

 

PRÄFRONTALER KORTEX. Der vordere Teil des frontalen Kortex. Dieser Teil des Kortexes ist für die Integration von Gefühlen, für Ehrgeiz, Planung und abstraktes Denken verantwortlich.

 

PRIMAL. Ein tiefes Gefühlsereignis, in dem verdrängte Erinnerungen zu Bewusstsein gebracht werden; ein Wiedererleben eingeprägter Erinnerung.

 

PRUNING (STRAFFUNG, KÜRZUNG). In den ersten Monaten des Lebens stattfindender Konsolidierungsprozess, bei dem neurale Bahnen, die am meisten benutzt werden, verstärkt werden, während die Neuronen, die wenig Stimulierung erhalten, absterben.

 

RETIKULÄRES AKTIVIERUNGSSYSTEM. Hirnstammstruktur, die die Aktivität des Kortexes und den Betrag sensorischen Inputs erfasst und die Wachsamkeit des Gehirns entsprechend anpasst.

 

REVERBIERENDER KREISPROZESS. Wenn sich die Erinnerung eines Traumas dem Bewusstsein nähert, werden neurochemische Substanzen abgesondert, um sie zu unterdrücken und somit die Unversehrtheit des Bewusstseins zu wahren, aber nicht bevor es sich auf die Physiologie ausgewirkt hat, indem es (zum Beispiel) den Blutdruck hebt. Aber unvermeidlicherweise werden bestimmte Lebenserfahrungen die Erinnerung erneut auslösen, und sie wird wiederum beginnen, ins Bewusstsein aufzusteigen, sodass sich der Verdrängungsprozess wiederholt. Auf diese Weise reverbiert ((widerhallt)) die Erinnerung eines Traumas unterhalb des Bewusstseins.

 

SCHLEUSENTHEORIE. Die Vorstellung, dass es im Gehirn „Schleusen“ gibt, die den Informationsfluss kontrollieren und die Mechanismen für psychische Verdrängung liefern. Obwohl man solche Tore nicht gefunden hat, legt die Existenz von Endorphinrezeptoren entlang der Bahnen sensorischer Signalverarbeitung im Gehirn die Vermutung nahe, dass unsere endogenen Opiate eine Art Schleuse im Gehirn bilden.

 

SEROTONIN. Ein beruhigender Neurotransmitter, dessen Gegenspieler im limbischen System erregendes Norepinephrin ist. Der Gehirn-Serotoninspiegel erreicht im Schlaf seinen Höchststand. Serotonin ist ein wichtiges hemmendes Neurohormon.

 

STEISSPOSITION. Geburtslage, bei der anstatt des Kopfes das Gesäß des Fetuses das Becken in Anspruch nimmt. Bei einer Steißgeburt besteht für den Fetus das Risiko der Anoxie.

 

STEROID. Hormonelle Steroide werden im Körper in der Nebennierenrinde, den Hoden, Eierstöcken und in der Plazenta aus Cholesterin synthetisiert. Während die Sexualhormone für die Reproduktion notwendig sind, sind die adrenokortikalen Hormone der Nebennieren für die Aufrechterhaltung des Lebens nötig. Die Glukokortikoide (z.B. Kortison) wirken auf den Kohlenhydrat- und Proteinstoffwechsel, während die Mineralkortikoide wie Aldosteron hauptsächlich das Salz- und Wassergleichgewicht regulieren.

 

SYMPATHISCHES NERVENSYSTEM. Siehe Autonomes Nervensystem.

 

TACHYKARDIE. Übermäßig schneller Herzschlag.

 

TEMPORALLAPPEN. Die beidseitigen Gehirnlappen im Bereich über und innerhalb der Ohren. Die Temporallappen beherbergen den Hippocampus und die Amygdala.

 

THALAMUS. Jeder sensorische Input zum und motorische Output vom Gehirn passiert diese „Relaisstation“ oben am Hirnstamm auf dem Weg zum und vom Kortex. Er ist als Schaltzentrale des Gehirns bekannt. Der Thalamus ist besonders verwundbar bei Sauerstoffmangel während der Geburt, und Zelltod zu dieser Zeit resultiert später in einem verarmten Kortex.

 

TITRIEREN. In der Chemie: die exakte Menge einer Standardlösung hinzufügen, die zur vollen Reaktion mit einer Lösung von unbekannter Konzentration nötig ist. Angewandt auf den Gefühlsprozess „titriert“ ein erfahrener Therapeut die Menge des Gefühls, die ein Patient in einer Sitzung erleben und integrieren kann.

 

VALENZ. Beschreibt die Stärke oder Kraft eines verdrängten Gefühls. Man sagt, ein starkes frühes Gefühlsereignis hat hohe Valenz.

 

VASOPRESSIN. Ein Neuropeptid der Hypophyse, das unter anderem für die Kontrolle der Urinproduktion verantwortlich ist. Im Gehirn scheint es mit wohlwollenden Gefühlen gegenüber Mitmenschen in Verbindung zu stehen. Vasopressin ist verantwortlich für väterliche Gefühle des Vaters für seinen Nachwuchs, während Oxytozin dasselbe bei der Mutter bewirkt.

 

ZYTOARCHITEKTUR. Die spezielle Anordnung von Zellen im Gewebe; oft verwendet in Bezug auf die Anordnung von Nervenzellen im Gehirn, besonders im zerebralen Kortex.

 

WARNUNG

 

 

Die meisten Kliniken, die heute damit werben, haben trotz ihrer Behauptungen keine Verbindung mit mir. Ich erkenne das große Bedürfnis nach therapeutischer Hilfe. Zu diesem Zweck habe ich mit einem Ausbildungszentrum begonnen. Meine Hoffnung ist, dass diese Individuen, die aus vielen Ländern der Welt kommen, bald  praktizieren können, und vielleicht  kann ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung  bereits Absolventen empfehlen. Wir nehmen gerade Bewerbungen  für unser fortlaufendes Ausbildungsprogramm entgegen und hoffen, das Netz der Primärtherapie so weit wie möglich ausdehnen zu können.

 

Ich muss jedoch betonen, dass ich die Gefühle nicht erfunden habe. Es gibt sie seit Jahrtausenden. Ich habe einen Weg gefunden, wie man sie wieder aufspüren kann, nachdem sie im Untergrund verschwunden sind. Auch wenn keine formale Therapie zur Verfügung steht, kann man eine Menge tun. Ein verständnisvoller und sympathischer Freund oder Freundin ist gewiss ein guter Anfang. Bei ihm oder bei ihr kann man sich gehen lassen, weinen oder auch schreien, auch wenn der Freund nicht weiß, worum es eigentlich geht. Ein paar erklärende Worte zuvor wären hilfreich, aber ein guter Freund wird nicht kritisch sein. Er oder sie gibt sich damit zufrieden, für Sie „da zu sein.“ Einfach nur mit einem Freund /einer Freundin über seine Gefühle zu reden, ist bereits ein wichtiger Schritt, auch ohne Schreien oder tiefes Weinen. Alles, was zum Ausdruck führt, ist ein Gewinn.

 

Es gibt Menschen, die keine verständnisvollen Freunde haben. Das schließt nicht aus, dass man für sich selbst weint und schreit und wenigstens den Druck herauslässt. Schließlich ist es das Fühlen, worauf wir aus sind, und darauf gibt es kein Monopol. Natürlich ist ein fähiger Therapeut die beste Alternative. Leider stehen nicht genug zur Verfügung stehen, und so müssen wir improvisieren.  

 

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Es ist keine schlechte Sache, wenn man sich einfach bewusst ist, dass es so etwas wie Gefühle gibt und hoffentlich auch, wie beschaffen diese Gefühle sein könnten. Es gibt viele Leute, die noch immer nicht begreifen, dass es Gefühle sind, die uns antreiben, uns lenken, unsere Symptome, Albträume und körperlichen Beschwerden verursachen.

 

Es gibt Menschen, die besorgt sind, weil ich nicht genug Betonung auf Wertsysteme lege und kognitiven und spirituellen Aspekten kein ausreichendes Gewicht beimesse.  Meine Überzeugung ist, dass sich Wertsysteme direkt aus dem Fühlen ergeben, ohne dass man sie als solche jemanden lehren müsste. Eine Frau zum Beispiel, die ihre eigenen Kindheitsbedürfnisse gefühlt hat, kann spüren, was ihr eigenes Kind braucht. Als Mutter braucht sie keine Werteliste, die sie bei der Erziehung ihres Kindes unterstützt. Niemand muss ihr beibringen, dass man ein weinendes Kind aufnimmt, dass man ein Kind, das hingefallen ist, in den Arm nimmt und tröstet. Sie muss nicht lernen, welchen Wert es hat, auf die Gefühle eines Kindes zu hören, nachdem sie bereits das tiefe Bedürfnis gefühlt hat, dass man ihr zuhöre.

 

Ein Ehepartner muss nichts über eine so absolut grundlegende Sache wie den Wert von Zärtlichkeit in einer Beziehung lernen. Ich bestreite keinesfalls die Bedeutung von Werten, von Bewusstheit oder gewissen Ideologien. Was ich jedoch herausgefunden habe, ist, dass sie eine logische Evolution bei Menschen zu sein scheinen, die fühlen können. Deshalb bin ich noch lange kein Befürworter von Gestalten, denen es an Verstand fehlt und die kopf- und hilflos umherirren. Ganz im Gegenteil, gerade Leute, die nicht fühlen können, kein Mitgefühl und natürliches Verständnis haben, brauchen es dringend, dass man ihnen Werte beibringt. Zu viele von uns führen ein Leben stiller Verzweiflung, zerbrochener Träume und heimlicher Kompromisse. Wir haben uns kompromittiert, um durchs Leben zu kommen. Wir können zu diesem Selbst , das kompromittiert worden ist, zurückfinden.

 

Was könnte spiritueller sein als die Wertschätzung des menschlichen Lebens und des menschlichen Geists? Für tief verdrängende Menschen ist der Wert menschlichen Lebens nicht so offensichtlich. Kein fühlender Mensch würde sich in eine besondere Uniform stecken lassen und Tausende von  Meilen verreisen, um einzig auf der Grundlage einiger abstrakter Begriffe wie „Ehre“ einen Fremden zu töten. Ebenso könnte kein Mensch, der seine eigene Natur und ihre Schönheit zutiefst empfunden hat, die Natur um sich herum im Namen des Profits zerstören. Man muss nicht dazu erzogen werden, die Natur zu respektieren: Es ist im Respekt vor der eigenen Natur inbegriffen.

 

Werte sind spätere Entwicklungen des zerebralen Kortexes, die allzu oft Gefühle ersetzen. Gefühle kamen zuerst. Werte sind darin inbegriffen. Wir schätzen das Leben und alles, was damit zu tu hat, es gut und angenehm zu machen, weil wir das Leben in uns gespürt haben,  und es ist wunderbar.

 

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 PRIMÄRTHERAPIE IST KEINE „URSCHREI“-THERAPIE

 

In der Primärtherapie geht es nicht einfach darum, Leute zum Schreien zu bringen. Das ist der Titel eines Buches. Sie war niemals „Urschrei“-Therapie. Wer das Buch gelesen hat, wusste, dass ein Schrei das ist, was einige Leute von sich geben, wenn sie unter Schmerz stehen. Andere schluchzen oder weinen einfach. Wir waren hinter dem Schmerz her, nicht hinter mechanischen Übungen wie gegen die Wand zu schlagen und „Mami“ zu brüllen. Diese Therapie hat das, was im Wesentlichen eine Kunstform war, in eine Wissenschaft gewandelt.

 

Es gibt Hunderte von Fachleuten, die ohne einen einzigen Tag Ausbildung etwas ausüben, was sie als Primärtherapie bezeichnen. Viele ahnungslose Patienten sind  schwer geschädigt worden, weil sie glaubten, richtige Primärtherapie zu bekommen. Ich muss betonen, dass diese Therapie in untrainierten Händen gefährlich ist. Vergewissern Sie sich, indem Sie mit uns Kontakt aufnehmen.

 

Bei den Hunderten von Kliniken auf der Welt, die meinen Namen benutzen und fälschlicherweise behaupten, von mir ausgebildet worden zu sein, habe ich nie gesehen, dass die Therapie korrekt ausgeführt wurde. Wir verbringen etwa ein Drittel unserer Zeit damit, Patienten zu behandeln, die von Pseudo-Primärtherapeuten kommen.

 

Jahrelang floss ein Großteil unseres Budgets in die Forschung. Ich hoffte, dass andere klinische Zentren die Primärforschung fortsetzen würden, aber das war nicht der Fall.

 

Gegenwärtig kann ich aufrichtig kein primärtherapeutisches Zentrum empfehlen, da ich mit keinem anderen als dem Primal Center in Venice, Kalifornien, U.S.A. in Verbindung stehe. Was das Problem verschlimmert, ist die Tatsache, dass einige Therapeuten  ein paar Brocken Ausbildung bei mir hatten und dann zu praktizieren angefangen haben.

 

Ich möchte die Primärtherapie der Welt anbieten. Primärtherapie funktioniert. Die Patienten wissen das. Und ich hoffe, es durch dieses Buch der leidenden Menschheit bekannt zu machen.

 

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