Buchübersetzungen                           Artikel und Buchauszüge                            Home

                                                                                        

 

 

 

 

DR. ARTHUR JANOV:    

DIE JANOV-LÖSUNG

Primärtherapie - Ein Weg aus der Depression

   

      

 

 

 

 

Die amerikanische Originalausgabe  mit dem Titel   

"THE JANOV SOLUTION - Lifting Depression Through Primal Therapy" erschien anno 2007 bei  SterlingHouse Books, Pittsburgh, PA 15218. 

© Copyright 2007 Dr. Arthur Janov

 

aus dem Amerikanischen von

Ferdinand Wagner

 

Es gibt zurzeit keine deutsche Übersetzung auf dem Buchmarkt

Über dieses Buch (Text des Original-Covers)

Der Autor des Urschreis bietet an, das Leiden 'Depression' zu beenden.

Dr. Arthur Janovs Buch Der Urschrei ist eines der populärsten Psychologie-Sachbücher, die je geschrieben wurden. Jetzt hat Dr. Janov ein Buch verfasst, das einen Durchbruch im Bereich der psychischen Gesundheit verspricht.

Die Janov-Lösung stellt brilliante neue Techniken vor, um Depression auszurotten und somit das Bedürfnis nach antidepressiven Medikamenten, Elektroschock und sogar Gehirnchirurgie zu reduzieren oder zu beseitigen.

Die Janov-Lösung erklärt in klarer, leicht verständlicher Sprache, wie Primärtherapie uns helfen kann, sicheren Zugang zu den tiefsten Gehirnebenen zu erlangen und die Urerfahrungen wieder zu erleben, die Verzweiflungsgefühle verursachen und antreiben. Somit können wir lernen, Depression für immer zu besiegen.

Die Janov-Lösung ist nichts weniger als ein bahnbrechendes Buch für die Millionen Menschen, deren Leben aufgrund von Depression, Angst und lähmenden Trübsinns vielleicht auf dem Spiel steht.

 

 

TEIL II

______

 

"Ich verwende für meine Therapie die Begriffe ‚radikal’ und ‚revolutionär’ mit Vorsicht; dennoch glaube ich, dass sie das ist, und ich werde erklären warum. Sie ist in Form und Inhalt revolutionär, eine radikale Abkehr von den meisten Psychotherapien. Die involvieren gewöhnlich einen auf Einsicht versessenen Plausch zwischen zwei ungleichen Partnern, der eine mit Wortwissen und unfehlbarer Moralhaltung ausgerüstet, der andere ein williger Novize, der psychisch auf die Knie fällt, um das zu lernen, was der Wortgewaltige verabreicht, und sich dabei in das Äußere fügt anstatt in das Innere. Ich weiß es. Ich war dort, habe viele Jahre lang Einsichtstherapie praktiziert. Die Majestät all dessen ist berauschend für den Therapeuten. Die Macht, über das Leben eines anderen zu bestimmen, ist verführerisch – und falsch!"

 

----Arthur Janov, Kapitel 13 in diesem Buch

__________

 

 

 

 

Kapitel 7

 

Die Wurzeln der Depression erforschen

(Wiedererleben)

 

 

Bei einem Wiedererlebnis als Bestandteil der Primärtherapie beginnen wir die Sitzung in der Gegenwart und bewegen uns vom linken Gehirn zum rechten - von gegenwärtigen Wahrnehmungen zum Kontext der Vergangenheit, von einer Unerfreulichkeit wie "Meine Freundin hat mich verlassen" zu den tiefsten Zonen des Gehirns hinab, indem wir für einen Zugangskanal in unsere Kindheit sorgen, wo wir fühlen: "Meine Mutter verließ mich, um eine neue Familie zu gründen." Wir reisen wie in einer Zeitmaschine durch die Geschichte und ermöglichen damit, dass Gefühle endlich aufsteigen und sich mit dem linken frontalen Kortex verknüpfen. In der Tat ist das Gehirn eine Zeitmaschine, die Äonen evolutionärer Geschichte widerspiegelt. Hier wird jeder Schmerz nach Datum und Stärke verschlüsselt und etikettiert. Das System reist auf natürliche Weise zurück; erst zu späterem und weniger intensivem Schmerz, und dann tiefer zu qualvollerem früheren Schmerz. Wir können diese De-Evolution nicht erzwingen. Der Patient kann und sollte Stufen seiner eigenen Evolution nicht überspringen; er sollte nicht mit der Absicht, direkt in das Geburtserlebnis einzutauchen, spätere Schlüsselereignisse umgehen. Genau das machen leider die Rebirther heutzutage. Sie überspringen Entwicklungsstufen des Gehirns und tauchen den Patienten in chaotische Geburtsempfindungen, ohne dass eine richtige Verknüpfung zustande kommt. Diese Haltepunkte sind vom Gehirn programmiert worden. Man muss uns nicht dorthin führen; das System ist ein sorgfältiger Führer. In der Primärtherapie sorgen wir zuverlässig dafür, dass Schmerz nicht blockiert wird, weil das Gehirn Gefühle und die dazu gehörenden frühen Szenen unangetastet aufbewahrt. Weil jede höhere Gehirnebene dieselbe Empfindung/ dasselbe Gefühl unterschiedlich ausarbeitet, können wir auf ihm von der obersten Ebene aus hinabgleiten, und es wird uns schließlich bis zum Grund bringen - zu den Ursprüngen. Dort unten angelangt wird sich das System von sich aus automatisch nach oben auf die Verknüpfung zubewegen, indem es den Pfaden der Evolution folgt. Wir bewegen uns dann wieder nach oben auf den rechten orbitofrontalen Kortex (OBFK) zu, der direkt hinter den Augen liegt, und dann zum linken präfrontalen Kortex zur endgültigen Verknüpfung. Der rechte OBFC enthält eine Karte unserer Geschichte und unseres Gefühlslebens. Wie verifizieren wir das? Wir stellen fest, dass bei nahezu jedem Wiedererlebnis die Vitalwerte auf ein übermäßig hohes Niveau ansteigen; dieses Niveau fällt mit der Verknüpfung auf normale, gesunde Werte. In einem Gefühlserlebnis ohne Kontext - eine Abreaktion - kommte es nie zu dieser Art von organisierter, koordinierter Bewegung der Vitalfunktionen. Eine Gehirnstruktur, die sehr viel mit Depression zu tu hat, ist der linke präfrontale Kortex, das nach außen orientierte, gedankenbildende, rationalisierende Areal, das dabei hilft, Gefühle auf der rechten Seite gut unter Verschluss zu halten. Es kann Hoffnungslosigkeit/Depression mit einem Wirbel von Gedanken, Projekten und Plänen für die Zukunft in Schach halten. Anstatt auf innere Prozesse/Gefühle zu achten, konzentriert es sich auf das Äußere im Hier-und-Jetzt. Bei unserer eigenen Gehirnforschung haben wir bei Patienten, die einen Zugang zu ihren Gefühlen entwickelt haben, ein harmonischeres Gehirn festgestellt. Es gab keine Kontrolle mehr durch eine dominante linke Hemisphäre.

Niemand kann einem anderen befehlen, dass er oder sie fühlt. Gefühle haben ihre eigene Intelligenz. Wenn der Brennpunkt beim Therapeuten bleibt, ist alles verloren. Es bedeutet, dass es weniger inneren Brennpunkt gibt. Alle unseren Techniken zielen seit jeher darauf ab, den inneren Brennpunkt zu verstärken. Wenn ein Therapeut im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen und viel reden und erklären muss, ist das umso schlimmer für den Patienten, weil der Brennpunkt jetzt außerhalb seiner selbst liegt und seine oder ihre Gefühle längst wieder verschwunden sind. Was Albert Ellis betrifft, den Vater der rational-emotiven Verhaltenstherapie, haben wir in Filmen gesehen, dass er in den Sitzungen viel mehr als der Patient redet. Seine Gedanken sind der zentrale Mittelpunkt. Die Gefühle des Patienten ziehen sich in einen dämmrigen Halbschatten zurück.

In der Primärtherapie sagt der Therapeut einige wenige Worte, weil Worte dazu benutzt werden, die Abwehr des Patienten zu blockieren. Während eines Primals (Wiedererlebnisses) weicht der linke präfrontale Kortex zugunsten der Gefühle zurück. Unsere Aufgabe ist, den Patienten auf die richtige Spur zu bringen; danach ist sie oder er auf sich gestellt. Sein oder ihr System weiß es besser als wir. Es bedarf guter wissenschaftlicher Kenntnisse und braucht ein wenig Vertrauen in den Patienten, um seinem oder ihrem tieferen Gehirn zu gestatten, die Regie zu übernehmen. Die Gefühlskette ist wirklich eine neuronale Spur, die sich ihren Weg hinab zum Hirnstamm und in die ferne Vergangenheit bahnt.

Bei einem Wiedererlebnis haben wir es mit umgekehrter Evolution zu tun, weshalb ich unsere Therapie als "umgekehrte Neurose" bezeichne. Der Schaltkreis verläuft vom linken frontalen Kortex zum rechten frontalen Kortex (OBFK), hinab zum Hippocampus, der die Geschichte nach ähnlichen Gefühlen durchsucht und für eine Anleitung sorgt, wie man auf diese Gefühle reagieren soll; er macht dies im Verbund mit der Amygdala, die den emotionalen Sinn des Gefühls beisteuert. Zusammen mit anderen limbischen Strukturen setzt der Schaltkreis dann verschiedene Erinnerungs-Bestandteile zusammen und läuft weiter zu Hirnstamm-Strukturen, wo er sich erheblich auf Atmung, Herzschlag und Blutdruck auswirkt. Schließlich wird eine Verknüpfung zurück nach oben zum OBFK der rechten Seite und dann zu seinem linken Gegenüber hergestellt. Jetzt ist der Kreis verknüpft. Der linke frontale Kortex übernimmt mit seinen Einsichten die Regie. Er denkt darüber nach, welches Verhalten von Gefühlen gesteuert wurde. Er setzt die Stücke zusammen. Er verbindet innere Realität mit äußerem Verhalten und erklärt, welche Gefühle hinter einem bestimmten Verhalten und Ausagieren stecken. Und das ist der Grund, warum Verknüpfung das Ende der Depression bedeutet. Das sollte der Dreh- und Angelpunkt für alle Psychotherapien sein.

Wenn das Gefühl die Grundebene der Einprägung erreicht, macht es den Menschen zu einem historischen Wesen mit genau den Vitalwerten und physischen Attributen, wie sie bei dem frühen traumatischen Ereignis auftraten. Es bedarf hoher Energie und der Freisetzung aktivierender Katecholamine, um das Originaltrauma zu versiegeln und einer gleich großen Energie, um es wiederzuerleben und aufzulösen. Es ähnelt sehr einem Vergnügungspark, wo man einen Hammer nimmt und auf einen Sockel schlägt, um eine Kugel nach oben zu befördern, damit sie die Glocke ertönen lässt. Wenn diese Kraft zu schwach ist, ertönt sie nie. Das gilt auch für die Therapie. Wir können unsere Biologie nicht betrügen. Wenn das Energieniveau in einer Sitzung nicht ausreicht, werden auf tieferen Ebenen im Gehirn des Patienten keine Gefühle/Empfindungen ausgelöst, und wir werden die Primärglocke niemals treffen; es wird keine Auflösung und Integration des Gefühls geben.

 

 Deshalb sehen wir in konventioneller oder kognitiver Einsichtstherapie diese Schmerzen nicht, vor allem die nicht, die aus dem Geburtstrauma entstanden, und zwar wegen des niedrigen Energieniveaus, das mit diesen Therapien verbunden ist. Sie können keine Heilung erzielen, weil das Energieniveau in einer Sitz-und-Rede-Methode nicht ausreicht, um tiefe Hirnstamm-Traumen zu aktivieren. Sie bleibt deshalb unterhalb der Heilungschwelle. ‚Feeling is healing’, Fühlen ist Heilung.  Wenn der konventionelle Therapeut einen Patienten in sexuelle Erregung versetzen könnte, wäre er vielleicht in der Lage, diese Erregung in ein wirkliches Gefühlserlebnis umzuwandeln, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Person das begrüßen würde. An dem Wiedererlebnis ist das Gesamtsystem beteiligt, wie es der Fall war, als die Erinnerung registriert wurde. Deshalb finden wir bei unseren Bluthochdruck-Patienten ein durchschnittliches Absinken der systolischen Werte um 24 Punkte. Es ist auch der Grund, warum wir in einer Sitzung ein so enormes Absinken des Blutdrucks sehen, sobald das sympathische Nervensystem, das für die Hypertension verantwortlich ist, dem parasympathischen System weicht, das den Blutdruck senkt. Deshalb erlebt ein parasympathisch-dominanter Patient (ein Depressiver), der die Sitzung mit einer radikal angesenkten Körpertemperatur beginnt, nach der Sitzung einen Anstieg um zwei oder drei Grad (F), da Fühlen das System normalisiert. Übrigens messen wir die Vitalwerte eines Patienten vor und nach jeder Sitzung, so dass wir, wenn jemand sich völlig hoffnungslos fühlt und mit einer Körpertemperatur von 95,5 Grad (F) hereinkommt, nach Auflösung eines Feelings einen Anstieg auf 98 Grad (F) sehen.

Ein Wiedererlebnis von Vorgeburts- und Geburts-Einprägungen wird genau dieselben Reaktionen hervorrufen wie zur Zeit des Originaltraumas. Aber auch wenn kein Wiedererlebnis stattfindet, bestehen die Reaktionen oder Fragmente der Erinnerung fort, wie zum Beispiel schneller Herzschlag oder hoher Blutdruck. Wenn wir eine vollständige frühe Vorgeburts-Erinnerung wiedererleben, deren Bestandteil hoher Blutdruck war, dann wird auch dieses Erinnerungsfragment in das vollständige Wiedererlebnis einbezogen sein, und der Patient sollte folglich Erleichterung von dem aufdringlichen Symptom erleben. Wenn Aspekte der Originalreaktion fehlen, ist das Wiederlebnis nicht vollständig und deshalb nicht heilsam. Wenn wir den Blutdruck medikamentös behandeln und die Hochdruck-Reaktion unter Verschluss halten, ist kein vollständiges Wiedererleben möglich.

Wer keine Therapie macht, braucht Beruhigungsmittel aus demselben Grund, aus dem sie vielleicht unsere Patienten brauchen, wenn sie sich Gefühlen nähern: Die Verdrängung ist schwach, und man benötigt chemische Hilfe, um sie zu stützen. Die Drogen helfen, unsere innere schmerztötende Pharmazie zu normalisieren. Wir wollen nicht, dass unsere Patienten im freien Fall in fernen und hochenergetischen Schmerzen der ersten Ebene landen. Medikamente erlauben einen langsamen methodischen Abstieg; sie halten den Patienten in der Primal-Zone. Wenn Patienten ihre schmerzvolle Geschichte ausreichend wiedererlebt haben, brauchen sie Alkohol, Drogen, Zigaretten oder Schmerztöter nicht mehr. Weniger Schmerz bedeutet geringeres Verlangen nach Schmerztötern. Der Unterschied besteht darin, dass die Medikation bei der konventionellen Therapie zum Endspiel, zur alleinigen Masche wird. Bei unserer Therapie benutzen wir Medikamente, um unser Ziel zu erreichen, und nicht an ihrer statt. Wir benutzen Medikamente, um die Therapie zu unterstützen, und nicht, um sie zu ersetzen.

Die Einprägung ist wirklich ein Reaktions-Ensemble, das gleichzeitig in das Gesamtsystem eingeprägt wird. Es ist eine totale Erfahrung - anders als intellektuelles Erinnern, das weitgehend geistig ist, das heißt, eine Operation des linken frontalen Kortexes. Wir können uns nicht an eine Einprägung  erinnern. Wir können sie nur mit unserem Gesamtsystem erinnern - mit unseren Muskeln, Eingeweiden und unserem Blutsystem - weil alle diese Komponenten eines jeden von uns in die ursprüngliche Erfahrung verwickelt waren; deshalb muss man sie mit allen Systemen wiedererleben, die ursprünglich involviert waren, als sie verankert wurde. Nicht nur das, sondern sie muss mit derselben Intensität wiedererlebt werden, mit der sie eingeprägt wurde, weshalb man sie kaum jemals in konventioneller oder kognitiver Therapie gesehen hat, wo die emotionale Ebene ziemlich unterjocht wird. Aus diesem Grund findet der Patient in unserer Therapie am Anfang selten Erinnerungen von hoher Leben-und-Tod-Valenz wieder.

Wir haben einen Weg gefunden, um auf die Tiefen des Unbewussten in einer geordneten, methodischen Weise zuzugreifen, so dass der Patient nicht von Schmerz überwältigt wird. Wir wissen, dass der Schmerz höherer Valenz tief im Nervensystem liegt, und deshalb umgehen wir am Anfang der Therapie jeden ‚Ausflug’ zu dieser Ebene. Wir suchen die Vergangenheit in maßvollen Schritten wieder auf: Kindheitsereignisse werden vor der Babyphase gefühlt, die Babyzeit vor der Geburt und die Geburt vor der Schwangerschaftsphase. Und wir korrigieren und beseitigen die Abweichungen, die uns durch ein frühes Trauma aufgezwungen wurden, indem wir die Ereignisse erleben, welche die entscheidenden Abweichungen verursachten. Die Einprägung ist das Problem und die Lösung. Die Saat der Lösung liegt im Schmerz und nur dort. Zurückzugehen und uns von unseren Eltern ungeliebt zu fühlen ist das Mittel zum Fühlen; erst wenn das erledigt ist, können wir Liebe hereinlassen.

 

Limbisch festgehaltene Ereignisse erlauben uns, unsere Kindheit wieder aufzuspüren - Vaters Aftershave riechen, spüren, wie sich sein Bart anfühlt, unser Kindheits-Zuhause sehen und uns erinnern, wie wir uns zu Hause beim Essen fühlten. Wir sehen die Szenen von Familienkämpfen, von früher Angst und frühem Schrecken. Wenn wir auf tiefere limbische Ebenen hinabsteigen, sehen wir deutlich die Farbe des Teppichs, wir sehen den Ausdruck in Vaters Gesicht, und wir spüren Mutters Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit. Wir sind wieder das verletzliche, sensible Kind. Patienten in einer primärtherapeutischen Sitzung können sich bis ins kleinste Detail an Szenen erinnern, als sie 6 Jahre alt oder jünger waren, Szenen, an die sie sich andernfalls nie hätten erinnern können. Alles, was draußen war, ist drinnen; alles, was Patienten brauchen, ist Zugang. Ich finde es erstaunlich, dass irgendwo in diesem Gehirn der Geruch von Vaters Pfeife steckt und unser Kindbedürfnis danach, dass er sich uns zuwendet und nur eine Minute mit uns spricht; eine gewisse Anerkennung, dass wir existieren und für jemanden wichtig sind. Wenn es nie geschah, hören wir auf zu erwarten, dass es geschieht. Wir machen uns wieder an unsere lieblosen Geschäfte.

Das ist der Schlüssel: Am bemerkenswertesten in unserer Therapie ist, dass biologisch kein Unterschied zu sein scheint, ob das Kind von Beginn an geliebt wird oder ob man den Liebesmangel später wiedererlebt. Was in primärtherapeutischen Sitzungen geschieht, ist eine Analogie unserer evolutionären Geschichte. Wenn ein Patient in die Tiefen der Hoffnungslosigkeit taucht, hinab auf den Grund seiner tiefen Depression , kommt es zu einem Wechsel, und es dominiert das sympathische System mit häufigem Urinieren, hohem Blutdruck, schnellem Herzschlag, Magenkrämpfen und Muskelspannung. Das System reagiert auf den eingeprägten Schmerz und ist hochgradig erregt. Das erwachsene System kann jetzt mit dem Schmerz fertig werden, wozu das System des Kleinkinds nicht fähig war. Der Schmerz kann jetzt erlebt werden, weil die kritische Periode vorbei ist.

Es reicht nicht, in der Therapie Schmerz zu fühlen, denn wir müssen verstehen, dass innerhalb des Schmerzes das Bedürfnis liegt, das Bedürfnis, das sich anfangs zu Schmerz wandelte, als es nicht erfüllt wurde. Es ist ein Bedürfnis, das letzlich voll erlebt werden muss. Zum Beispiel existiert - unartikuliert -  das Saugbedürfnis, sobald wir geboren sind. Wenn Mutter die Brust anbietet, gibt es Befriedigung und Entspannung. Ohne Befriedigung bleiben wir vielleicht in einem sympathisch dominanten Zustand mit beschleunigten Funktionen und haben immer noch das Bedürfnis zu saugen. Es gibt nichts in der Umgebung, das dem parasympathischen Nervensystem erlauben würde, einzuschreiten und dieses Bedürfnis zu zerstreuen. Wenn jemand im Zusammenhang so kontinuierlich saugt wie dieses bedürftige Kleinkind, kann er oder sie schließlich das unaufhörliche Bedürfnis zu saugen (an Zigaretten, Bierflaschen, und so fort) auflösen. Das Ausagieren, das in diesem Fall vielleicht involviert, Frauen zu bekommen, die uns bemuttern, erinnert uns ständig daran. Damals brauchten wir eine Mutter. Jetzt brauchen wir keine Mutter, es sei denn, wir hatten damals keine gute. Wenn das Bedürfnis nicht erfüllt wird, agieren wir es symbolisch aus. Weil die Erfüllung symbolisch ist, ist sie nie befriedigend oder lösend. Der Fortschritt in der primärtherapeutischen Behandlung eines Depressiven verläuft von vagem Leiden zu spezifischem Schmerz /Bedürfnis, das zu einem Gefühl wird, welches dann mit Gedanken verknüpft wird und zu einer Einsicht wird. „Im Zusammenhang“ ist hier entscheidend, denn wir können Woche um Woche den ganzen Tag lang saugen - wie wir es beim Zigarettenrauchen machen – ohne das Bedürfnis aufzulösen. Das Bedürfnis liegt in der Geschichte zurück und muss in dieser Geschichte mit dem damals funktionsfähigen Gehirn und keinem anderen gefühlt werden.

In meinem Buch Die Biologie der Liebe erörterte ich die Experimente, die wir am UCLA Lungenlaboratorium durchführten. Das Ergebnis war, dass Patienten, die Anoxie (Sauerstoffmangel) bei der Geburt wiedererlebten, ohne Hyperventilationssyndrom 20 Minuten lang tief, schnell und schwer atmen konnten. Wenn sie nicht in dem Feeling steckten, waren sie nach zwei Minuten benommen, schienen gleich bewusstlos zu werden und hatten klauenförmige Finger wie Leute mit rheumatischer Arthritis. Solange sie mit dem Gehirn, das Sauerstoff brauchte, tief in ihrer Geschichte zurück waren, hatten sie keine Probleme mit tiefem Atmen. Diese Forschungsstudie erklärt eindeutig, was ein Wiedererlebnis ist und was nicht. Es ist kein Nachmachen und keine Abrektion; es ist ein wirkliches Ereignis. Es ist Auflösung, weil Wiedererleben die gesamte psychotische Originalszenerie einschließt. Wenn man sich in seine Geschichte vertieft und wieder zur kritischen Periode zurückgeht, dann ist das heilsam; alles andere ist symbolisch. Sobald ein Mensch seine Vergangenheit gefühlt hat, braucht er  keinen anderen mehr, der oder die ihm „Leben einhaucht,“ was das Kennzeichen eines Depressiven ist. Es gibt kein Bedürfnis mehr nach anderen, die uns Schwung geben, uns provozieren und stimulieren.

Das Bedürfnis zu fühlen ist das Entscheidende, weil das Bedürfnis zur Warnung in Schmerz umgewandelt wird. Das Bedürfnis zu fühlen bedeutet, das Bedürfnis nach Sauerstoff zu fühlen, wenn er bei der Geburt wegen der Betäubungsmittel fehlte. Der Patient keucht und würgt vielleicht und läuft rot an, wenn er das Ereignis wiedererlebt. Er erlebt das Bedürfnis wieder, ohne dass Worte fallen, und das reicht. Der Schmerz lässt nicht nach, bis das Grundbedürfnis gefühlt wird. Ja, wir müssen Schmerz fühlen, aber das ist eine Station in Richtung Bedürfnis. Wenn ich das Bedürfnis, dass ich die Hilfe meiner Mutter brauche, immer wieder fühle, dann höre ich auf, das dadurch auszuagieren, dass ich versuche, eine Frau zu bekommen, die mich bemuttert. Wir können es nicht nur ein einziges Mal fühlen und dann Veränderung erwarten; wir müsssen es fast so oft fühlen, wie unsere Mutter uns Hilfe verweigerte. Genau das meine ich mit Schichtung; das Bedürfnis und die nachfolgende Deprivation verstärkten sich Jahr für Jahr. Es wird beinahe zu einer gigantischen Aufgabe, den Schmerz zu fühlen. Er lässt sich nur in kleinen Stückchen wiedererleben. Wenn jemand versucht, ihn mit Hilfe von Drogen in seiner Gesamtheit zu fühlen, ist es nahezu gewiss, dass er oder sie scheitert. Das System ist nicht dafür gemacht, sich mit  überwältigenden Gefühlen zu verknüpfen.

Nach der Verknüpfung – nach dem Gefühl „Niemand will mich, sie haben mich nie gewollt“ – wechselt das System in einen parasympathisch dominanten Zustand. Das System kann jetzt zur Ruhe kommen, weil die Gefahr Vergangenheit ist und sich in der Vergangenheit befindet. Wenn wir uns mit der Leidenskomponente der Erinnerung verbinden und die fremde Kraft integriert wird, beginnt sich die „Kaskade“ von Abweichungen in  mehreren Körpersystemen zu normalisieren.

Wenn man Schmerz und Bedürfnis voll wiedererlebt, erzeugt man ein physiologisches System, das so funktioniert, als sei dieses Bedürfnis immer erfüllt worden. Es befreit die Parasympathin, so dass sich ihr Gesichtskreis erweitert und sie mehr Chancen ergreift. Es ermöglicht dem Sympathen, mit dem unaufhörlichen Kampf aufzuhören, der ihn nie entspannen lässt. Schließlich bringt es unser System ins Gleichgewicht zurück, so dass wir keine Gefangenen von Medikament um Medikament, Droge um Droge mehr sind. Ein ausgeglichenes System bedeutet, dass der chronisch niedrige Testosteronspiegel des männlichen Parasympathen sich normalisiert, was sich nach einem Jahr Primärtherapie herausgestellt hat. Es bedeutet, dass er jetzt durchsetzungsfähiger und weniger depressiv ist. Ein ausgeglichenes System bedeutet, dass man keine fünf Tassen Kaffee am Tag trinken muss und nicht mehr süchtig nach Coca Cola ist. Es bedeutet, dass man nicht rauchen muss – eine Gewohnheit, die letztlich unser Leben verkürzt. Es ist die wahre Bedeutung von Freisein.

Wir sind fast alle Gefangene unseres Prototyps. Die kognitive Therapie geht von der Annahme aus, dass wir sehr viel Willensfreiheit haben. Ich bin mir da nicht so sicher. Wir haben innerhalb unseres Prototyps eine gewisse Wahlfreiheit, aber es ist ein enges Spektrum. Wir haben aber die Freiheit zurückzukehren und herauszufinden, wie das alles angefangen hat. Das wird schließlich unsere Wahlmöglichkeiten im Leben erweitern.

 

Die Physiologie der Hoffnungslosigkeit

Schauen wir uns einige physio-chemischen Effekte einer Einprägung an.  Nehmen wir an, bei der Geburt und während der Schwangerschaft gab es Sauerstoffmangel, wie er zum Beispiel von einer schwangeren Frau verursacht wird, die in der Schwangerschaft Zigaretten rauchte und zusätzlich Betäubungsmittel erhielt, um den Schmerz während der Wehen abzutöten. Diese zwei Faktoren etablieren eine physiologische Aufzeichnung im Sytem ihres Babys. Diese Aufzeichnung orchestriert eine Vielzahl unterschiedlicher Reaktionen; jede Reaktion ist eine Anpassung an die urspüngliche Bedrohung des Überlebens. So kommt es zu einem geringeren Sauerstoffbedarf, der sich durch Atmungsveränderungen wie zum Beipiel seichtes und kurzes Atmen ausdrückt. Es ergibt sich auch ein geringerer Ausstoß der Schilddrüse, niedrigerer Blutdruck und niedrigere Körpertemperatur und Erschöpfung, wie zum Beispiel beim Sysndrom der chronischen Ermüdung. Zusätzlich findet man viele Phänomene, die von Hirnstamm-Funktionen gesteuert werden, wie Schmetterlinge im Bauch, Benommenheit und Orientierungslosigkeit und ein vages Schreckensgefühl. Wenn sich früh im Leben Schrecken festsetzt, hat der Fetus oder das Neugeborene keinerlei kortikale Fähigkeit, dessen Auswirkungen abzuschwächen. Die Natur tiefen Terrors oder Schreckens ist so profund, dass man ihn im Wiedererlebnis Jahrzehnte später nur für jeweils kurze Augenblicke fühlen kann.

Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Resignation können durch verminderten Sauerstoff eingeprägt werden; alle diese realen Empfindungen begleiten die Erinnerung. Das ist Depression , ein Zustand der sich durch ein diktatorisches Elternhaus verschlimmerte, wo das Kind niemanden hatte, an die oder den es sich mit seinen Gefühlen wenden hätte können. Es ist nicht unbedingt so, dass die Eltern die Gefühle des Kindes unterdrückten, sondern sie waren vielleicht emotional nicht präsent. Das Ergebnis ist das gleiche: Es gibt niemanden, dem wir unsere Gefühle mitteilen können. Wieder sind wir hilflos und hoffnungslos. Keine wesentliche Anstrengung zu unternehmen, nicht für den Erfolg zu kämpfen, weil kämpfen bei der Geburt die Möglichkeit zu sterben bedeutete, ist auch Teil des Anpassungsprozesses - Energie sparen fürs Überleben.

Ich erinnere mich, dass ich in meinen psychoanalytischen Tagen Patienten sagte, sie hätten eine "maskierte Depression ," weil sie nicht einmal wussten, dass sie sich deprimiert und hoffnungslos fühlten. Aber sie wussten es doch. Jetzt muss ich den Patienten gar nichts sagen. Sie finden es selbst heraus. Sie fühlen die frühe Hoffnungslosigkeit, die sich fast immer durch eine sehr niedrige Körpertemperatur ankündigt, und sie kommen langsam aus ihrer Depression  heraus.

 

Frühes Trauma

Vor kurzem behandelte ich einen tief depressiven Patienten, der viele charakteristische Symptome aufwiese, wie zum Beipiel Lethargie und ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Am Anfang der Sitzung war er entmutigt, weil er einen Job nicht bekommen hatte, und gefangen im „Was-hat-das-für-einen-Sinn“-Syndrom.Während seiner Sitzung glitt er in seine Kindheit hinab und fühlte, wie allein er in seinem ganzen frühen Leben war. Von da fiel er weiter in DAS Ereignis zurück – in sein Geburtstrauma. Das wird einigen Lesern bizarr scheinen, aber ich versichere Ihnen, das ist es nicht. Das Geburtstrauma ist ein messbares Ereignis mit quantifizierbaren neurochemischen Effekten, die ein Leben lang anhalten. Es verschiebt das Nervensystem und den Rest unserer Physiologie in Richtung Hypo-Modus, ein Ereignis, das viele der Empfindungen und Gefühle, die Depression kennzeichnen, in unserem Nervensystem versiegelt.

Das vielleicht häufigste Trauma, das einem Baby zustößt, ereignet sich, wenn die Mutter bei der Geburt Betäubungsmittel erhält, um ihren Schmerz zu lindern. Die Dosis, die sie erhält, mag für ihr Körpergewicht von 130 Pfund und ihren Gesundheitszustand angemessen sein, aber für das Neugeborene ist sie überwältigend. Das Baby wiegt sechs Pfund und erhält durch die Mutter eine Dosis, die für sein System zu massiv ist. Viele seiner Systeme einschließlich des ganz wichtigen Atmungssystems verschließen sich dann. Dieses Ereignis hat viele andere schädliche Auswirkungen, nicht zuletzt Asthma, ein Phänomen, das ich in Kürze erörtern werde.

 

 

Kapitel 8

Wie Depression die Macht ergreift

 

Damit wir Glücklichkeit und Depression voll verstehen können, möchte ich mit einem einfachen Lehrsatz beginnen: Erfahrung ist sowohl körperlich als auch psychisch. Was mit uns im Leben geschieht, beeinflusst uns total und nicht nur psychisch. Es ist keine Enthüllung, wenn man sagt, dass die Psyche Bestandteil des Körpersystems und mit diesem verbunden ist, aber die Unfähigkeit, das zu verstehen, hat zu einem Missverständnis darüber geführt, worum es bei Glücklichkeit und Depression geht.

Ich habe anderswo (Der Urschrei) darauf hingewiesen, dass frühe Ereignisse in unseren Systemen registriert werden, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Bei Neurose, wo zwischen Körper und Psyche eine Kluft besteht, kann die Bewusstseins-Erfahrung ziemlich verschieden von der System-Erfahrung sein. Wenn wir neurotisch sind, können wir uns selbst „belügen.“ Wir können glauben, dass wir glücklich seine, während im Inneren lautlos der Schmerz tobt. Erst wenn ein starkes Gegenwartsereignis alte Gefühle auslöst, werden wir uns des Leidens bewusst. Wir sind uns nicht des exakten Gefühls bewusst, sondern wissen lediglich, dass wir uns hundsmiserabel fühlen.

Vielleicht können wir das klarer verstehen, indem wir hypnotische Zustände untersuchen. Ein Hypnotiseur auf der Bühne kann sich einen mürrischen, erstarrten Neurotiker aus dem Publikum suchen und in ein paar Sekunden oder Minuten eine sprudelnde „glückliche“ Person „produzieren.“ Ist dieser Mensch wirklich glücklich? Würde man ihn fragen, würde er sagen: „Ja, ich bin glücklich.“ Er scheint genau so glücklich,  wie jeder Neurotiker glücklich scheinen könnte. Er ist fröhlich, lächelt und ist anscheinend sorglos. Die objektiven Kriterien sind vorhanden, aber wir wissen, dass es ein falscher Zustand ist. Mit Hilfe der Hypnose konnte die Person sich selbst belügen. Aus seinem hypnotischen Zustand befreit könnte er durchaus sofort zu seiner natürlichen Depression zurückkehren. Das unterscheidet sich nicht von Neurose, bei der Eltern pseudo-glückliche Kinder „produzieren,“ denen nicht erleubt wird, missmutig oder traurig zu sein. Gewöhnlich dürfen sie nicht einmal mürrisch sein, weil das die Eltern an ihr Versagen erinnert. Man könnte dieses Kinder fragen, ob sie glücklich sind, und würde dieselbe positive Antwort bekommen, die hynotisierte Subjekte geben würden; deshalb ist Hypnose einfach eine vorübergehende Neurose. Obgleich sowohl das neurotische Kind als auch das hypnotisierte Subjekt bewusst von „Glücklichkeit“ berichten würden, würden ihre Körper dennoch große Spannung zeigen. Somit wäre ihre „Glücklichkeit“ zerebral und nicht organismisch. „Glücklichkeit“ im neurotischen Sinn wäre dann eine wirkungsvolle Flucht aus dem Körper. Die Flucht anzuhalten – den Neurotiker aus seiner „Hypnose“ zu befreien - bedeutet, Primärerlebnisse und Primärelend zu produzieren – ein organismischer Zustand.

Warum ist der Neurotiker unglücklich? Weil er durch traumatische Erfahrungen in der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in den ersten Lebensjahren seiner selbst beraubt worden ist. Wenn Bedürfnisse nicht erfüllt werden, wenn einem nicht erlaubt wird, sich zwanglos und ehrlich zu äußern, dann kommt es zu Traurigkeit. Primärpatienten weinen darüber, dass sie nicht in den Arm genommen wurden, dass man ihnen nicht zuhörte, dass ihnen in ihren Schlafzimmern keine Privatsphäre erlaubt war, denn als Kinder ertranken sie in Vernachlässigung und waren sich der subtilen Tragödie nicht bewusst, die sich gerade abspielte. Aber Stück für Stück wuchs die Tragödie, nur dass es nichts Besonderes gab, auf das man hindeuten konnte, nichts, über das man weinen konnte, nichts, das das Kind wissen ließ, dass es am Ertrinken war. Der Körper des Individuums häufte Traurigkeit an, die sich später in Depression übersetzte. Später dann fällt diesem Menschen eine Menge ein, um sich vor dem erdrückenden Gewicht seiner Entbehrungen zu schützen. Er wird trinken, hart arbeiten oder Drogen nehmen. Sobald man ihm jedoch ein Ventil wegnimmt, wird er anfällig für Depression. Jeder Neurotiker ist traurig, ob er es weiß oder nicht. Oft weiß er es nicht, weil der Zweck der Neurose darin besteht, die Tragödie am Lebensanfang zu verbergen. Neurose macht uns andauernd ahistorisch.

Die Funktion der Neurose ist, Primärgefühle in der Schwebe zu halten, bis sie sicher integriert und aufgelöst werden können. Unterdessen ist das gesamte System an diesen Gefühlen beteiligt und wird zu einem Teil von ihnen, entweder um sie zu fühlen oder um ihnen zu entkommen. Eine gute Flucht nennt man „Glücklichkeit,“ eine wirkungslose heißt „Depression.“

Der Depressive steckt in der Zeit fest. Er steckt in seiner Vergangenheit fest, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, so dass alles, was er tut, ein symbolisches Portrait dieser Vergangenheit ist. All die Jahre, die zwischen seiner ursprünglichen Spaltung und dem Erwachsenenalter liegen, haben nur hinsichtlich der Primärgefühle Bedeutung. Diese Gefühle werden nie ausgelöscht (es sei denn durch Primärtherapie), und was man am besten machen kann, ist, sie abzuwehren. Das bedeutet, dass wir alle für Traurigkeit offen sind, wenn unsere Abwehr nachlässt. Wenn man plötzlich arbeitslos wird oder im Stich gelassen wird oder von den Freunden ‚geschnitten’ wird, dann bereitet das alles den Boden für die Depression. Was der Depressive fühlt, wenn seine Abwehr zeitweise außer Funktion ist, ist die Depression, nicht aber das Gefühl, deprimiert zu sein. Er spürt den Druck gegen jene Gefühle, den Druck, der diese Gefühle tief in sein System zurückdrängt. Dieser Druck erzeugt mühseliges Sprechen, schwerfällige Bewegung und totale Erschöpfung, so dass der Depressive wenig Energie hat und in Zeitlupe herumläuft.

Gib einem Depressiven ein neus Ventil, einen neuen Job, eine Party oder die Chance, einkaufen zu gehen, und der gesamte nach innen gerichtete Druck ergießt sich in manische Aktivität. Er „schmeißt sich“ buchstäblich in seine Arbeit. Er ist in den Augenblicken „glücklich,“ wenn seine Arbeit ihn glücklich macht. Was wirklich geschehen ist, ist, dass er ein Ventil gefunden hat, das ihm hilft, seine Primärtraurigkeit zu verbergen. Hier sehen wir die Basis für die bipolare Störung oder manische Depression. Das ist keine andere Krankheit, sondern eine andere Art von Schablone: parasympathische Tiefen (bei der Geburt), denen manische Energie folgt. Die Prägung ist dasselbe zyklische Ereignis wie das bei der Geburt. Wenn die Depression versagt, setzt manische Aktivität ein. Es ist dieselbe Energiequelle aber eine andere Art, damit umzugehen. Somit können wir sehen, dass einige von uns sich früh im Leben verschließen und aufgrund fehlender Ventile „tot“ und depressiv werden. Andere verschließen sich und benehmen sich lebhaft. Wenn jemand seine Eltern dadurch erfreut, dass er oder sie den „glücklichen Clown“ spielt, dann wird das zur Daueraktion. Wenn es keine Möglichkeit gäbe, sie zu erfreuen, wenn man jedes Mal abgelehnt, unterdrückt und zurückgewiesen würde, dann würden sich Leblosigkeit und Depression verstärken. Gib dem „glücklichen Clown“ keine Gelegenheit für seine Vorführung und die lauernde Traurigkeit kommt allmählich hoch. Das war nie zutreffender als bei den Berufskomödianten, die ich behandelt habe. Ich behandle gerade einen Depressiven, dessen Mutter chronisch krank war; er wurde zum Spaßvogel, weil er sie damit aufmuntern wollte. Obwohl es nie lange wirkte, wurde es zu einem Gewohnheitsmuster.

Manchmal funktionieren Ventile nicht, und der Depressive hält sich an Drogen, die ihm helfen, seine Gefühle zu verdrängen. Die Wahl fällt in der Regel auf Aufputscher einschließlich Kokain. Wenn die Schwangere „Downers“ zur Beruhigung nahm, ist es nahezu eine mathematische Gewissheit, dass der Nachwuchs süchtig nach Aufputschern ist, angefangen mit Coca Cola bis hin zu den Amphetaminen. Eine normale Person ist nie deprimiert; sie hat keine Rücklage an Gefühlen, die unaufgelöst im Inneren liegen. Sie ist Gefühlen gegenüber offen und verdrängt Unerfreuliches nicht. Sie wird traurig sein, wenn es angemessen ist. Aber Traurigkeit ist ein „Jetzt“-Ereignis, ein wirkliches Gefühl, das sich auf wirkliche Situationen bezieht. Depression ist ein „Damals“-Gefühl, das sich nicht auf das „Jetzt“ bezieht. Wenn das kleine Kind jede ursprüngliche Einprägung fühlen könnte, würde es in seinem Leben nicht depressiv werden.

Heutzutage ist Depression vielleicht noch verbreiteter als Angst. So viele Leute sind depressiv (die Gesundheitsbehörden sagen, dass zu jedem gegebenen Zeitpunkt etwa 19 Millionen Amerikaner Depressionen haben), dass man sie als „die Erkältungswelle der Psyche“ bezeichnet hat, eine Bezeichnung, die das damit verbundene Leiden trivialisiert. Die große Mehrheit an Selbstmorden geschieht bei Leuten, die chronisch depressiv sind.

Freud erklärte Depression damit, dass sie nach innen gerichtete Wut oder Feindseligkeit sei, eine unbewiesene Theorie, die noch immer viele Anhänger hat. Andere Theorien behaupten, dass sei „ungelöste Schuld“ sei oder ein oder mehrere Verluste, die man nicht richtig verarbeitet hat. Immer mehr Experten auf dem Gebiet sagen jetzt, Depression habe eine genetische Komponente, insbesonders wenn es sich um die manisch-depressive Variante handelt. Vielleicht ist das so, vielleicht aber auch nicht. Auch wenn es eine vererbliche Anfälligkeit gibt, ist das keine Garantie für spätere Depression.

___________

 

Joliet

Mir war immer so, als würde sich mein Leben davonstehlen, also habe ich oft versucht, es wegzuwerfen. Mit 14 machte ich mir Sorgen, dass ich eine alte 15-jährige Jungfrau sein werde, und so heiratete ich mit 19. Dann war ich besorgt, dass ich eine uralte 22-jährige sein könnte, bevor wir uns ein Baby leisten könnten. Mein erstes hatte ich mit 21. Wir konnten uns das Baby nicht leisten. Wir konnten uns den kleinen Sarg nicht leisten, in dem es beerdigt wurde. Ich machte mir Gedanken, wie es sein würde, 30 oder 40 zu werden. Dank der Primärtherapie mache ich mir keine Sorgen darüber, 50 zu werden. Ich weine über die Jahre, die mir gestohlen wurden, aber ich habe keine Panik.

Ich habe zweimal Selbstmord versucht. Auf passive Weise bin ich noch immer ziemlich suizidal, indem ich ein heißes Sonnenbad am Strand nehmen kann, mich sanft streicheln lasse von der salzigen Gischt, die der Wind gelegentlich heranweht, und dabei denke, was für ein wundervoller Tag zu sterben das wäre. Wie schön, an einem Tag zu sterben, an dem ich mich gut fühle!

Ich habe einen großen Kopf. Meine Mutter war kaum fünf Fuß groß, und sie gebar ein 11 Pfund schweres Baby – nach Wehen, die so lange dauerten, dass wir beide eigentlich hätten sterben müssen; ich weiß, dass ich beinahe gestorben wäre. Ich wollte aufgeben, aber ich konnte es nicht. Ich wäre beinahe in der Flüssigkeit ertrunken, die mich gepolstert hat. Ich erstickte, während mein Kopf gegen das Becken meiner Mutter schlug. Von daher rührt ein Schmerz in meinem Nacken, Kopf und Schultern, ein Schmerz, der meine Arme manchmal bis in die Fingerspitzen kribbeln lässt. Sogar mein Rücken tut weh. Die Autopsie, die an meiner Mutter nach ihrem Tod durch Abtreibung durchgeführt wurde, zeigte ein gesprungenes Becken, das sich nach meiner Geburt nie wieder völlig geschlossen hatte. Ihre Familie erinnert sich, dass sie „komisch“ ging, nachdem ich geboren war. Ich weiß nicht, wie lange es nach meiner Geburt gedauert hat, bis sie überhaupt wieder ging.

Schließlich wurde ich durch meine eigenen Antrengungen geboren. Niemand und nichts war für mich da. Alles, was ich hatte, war meine arme bewusstlose Mutter. Ich lebte, und ich hatte nichts. Ich fühle mich oft hoffnungslos. Wenn der Tunnel mit dem Tageslicht an seinem Ende nur eine Metapher ist, warum weine ich dann, wenn ich diese Zeilen schreibe?

________

 

Randall

Vor vielen Jahren hat mich eine Freundin schmerzlich fallen lassen, und meine Reaktion darauf war gewaltig. Es hat mir so weh getan. Nachdem ich eine Woche geweint hatte, erkannte ich, dass mein Schmerz damit zu tun hatte, dass ich von meiner Mama getrennt wurde, als ich ein Baby war. Ich wäre beinahe freiwillig in die Psychiatrie gegangen. Ich hielt mich aus der Klinik raus, indem ich in der Lage war, alleine Primal-Wiedererlebnisse zu haben – jeden Tag sechs Stunden lang. Ich verlor 15 Pfund. Ich weinte und hatte Primals, wenn ich mich schlafen legte, in meinen Träumen und nach dem Aufwachen. Die Gefühle waren in jedem Augenblick bei mir, ob ich wach war oder schlief. Ich war überlastet, aber mir fehlte die Erkenntnis oder die Bewusstheit, dass ich Gefühle wiedererlebte; ich war einfach IN den Gefühlen.

Eines Morgens wachte ich um 3 Uhr morgens auf, und mir war, als würden meine Eingeweide gleich explodieren, wie bei einer Blinddarmentzündung, aber im gesamten Unterbauch. Ich preschte mit 50 Meilen durch Nebenstraßen, dachte, ich würde gleich sterben. Erst als ich in der Notaufnahme ankam, war mir klar, dass ich nicht sterben würde. Es war das $10-Benutzergebühr-Zeichen, das mich in die Gegenwart zurückschnappen ließ. Mehrere Stunden saß ich dort schmerzgekrümmt, bevor ich nach Hause fuhr.

Eine oder zwei Wochen später hatte ich zwei Tage lang eine Reihe von Wiedererlebnissen  über meine Geburt. Ich erinnerte mich an das Entsetzen, als ich grob hochgezogen, an den Fußknöcheln gehalten und auf den Hintern geschlagen wurde; und dann, nachdem ich das alles ausgehalten hatte (einschließlich bewusstlos geboren worden zu sein), haben sie mich nicht einmal zu meiner Mutter gelegt. Ich war als Baby in Schrecken aufgelöst, und ich war entsetzlich ALLEIN. Ich kehrte einige Male zu dieser Szene zurück und erlebte das gewaltige Entsetzen wieder, als ich von meiner Mutter getrennt wurde. Das entschärfte die Angst-Überlastung, in der ich steckte. Auf einer gewissen Ebene wusste, das ich über den Berg war. Die Primals dauerten einige weitere Wochen an, waren aber weniger intensiv und hatten damit zu tun, dass ich von meiner Mutter allein gelassen wurde, in der frühen Kindheit nicht in den Arm genommen wurde, usw. Leider habe ich diese Primal-Sequenz nicht mit Hilfe eines Therapeuten vervollständigt. Ich konnte nicht um therapeutische Hilfe bitten, was Teil des Ausagierens desselben Gefühls war: ICH BIN ALLEIN. Ich hörte allmählich mit dem Fühlen auf und fing an, übermäßig zu essen. Ich nahm die verlorenen 1 Pfund wieder zu und legte weiter 10 Pfund zu.

Etwa sechs Monate später kehrte ich nach Kanada zurück. Langsam und unbewusst verschloss ich mich immer mehr. Ich glaube, meine Hauptabwehr war Isolation. Ich hatte einfach das Gefühl, dass ich auf dieser Welt nicht funktionieren konnte. Jahrelang kam ich finanziell nur mit Müh und Not über die Runden. Rückblickend kann ich sehen, dass meine Gefühle sagten, dass ich nicht überleben könne, was dann in folgendem Gefühl resultierte: „Ich kann den Konkurrenzkampf nicht überleben.“ In den folgenden vier Jahren glitt ich langsam in eine tiefe Depression: Ich hatte keine Freunde, traf mich mit niemanden, war suizidal und wollte nichts versuchen. Je weiter ich mich von meinen Gefühlen entfernte, umso depressiver wurde ich.

Mein Arzt weigerte sich, mir Valium zu geben, also war ich ein Monat lang ständig betrunken. Ich versuchte, am Leben zu bleiben. Die Selbstmordneigung wurde allmählich überwältigend. Eines Nachts lag ich im Bett und klammerte mich an dieses Bett, weil ich diesen gewaltigen Impuls hatte, aufzustehen, in die Küche zu gehen und mir das Küchenmesser über meine Handgelenke zu ziehen. Ich klammerte mich buchstäblich ans Bett, weil mir mein Leben lieb war. Ich habe nicht bei der Telefonseelsorge angerufen oder mit sonst jemandem über meine Suizidalität geredet. Ich habe noch immer ausagiert, dass ich allein war. Obwohl ich Primal-Wiedererlebnisse übers Alleinsein nach der Geburt hatte, war da noch mehr.

Ungefähr zu dieser Zeit fing ich an, unter Migräne-Kopfschmerz zu leiden. Etwa einmal im Jahr bekam ich eine Migräne, die mich völlig außer Gefecht setzte. Dieses Muster hatte in der Kindheit begonnen, im Jugendalter aufgehört und sich dann bis ins frühe Erwachsenenalter fortgesetzt. Ungewöhnlich war, dass ich in den vergangenen sechs Monaten einige Attacken hintereinander hatte. Eines Nachts kam die Migräne nach ein paar Tagen Atempause zurück. Sie begann etwa um 5 Uhr nachmittags und dauerte bis ungefähr bis 2 Uhr früh. Ich dachte wirklich, dass mein Kopf gleich explodieren würde. Ich ging umher, versuchte heiße Kompressen, kalte Kompressen, übte mit meinen Händen und einem Kissen Druck auf meinen Kof aus und rollte mich zusammen – und langsam hatte mich die Agonie total im Griff. Ich dachte wirklich, dass ich gleich an diesen Kopfschmerzen sterben werde, und ich suchte nicht nach Hilfe. Im Nachhinein gesehen war das eine gute Sache, weil es mir die Möglichkeit gab, meinen Weg durch ein Geburtsprimal spontan zu fühlen. Der Schmerz war so schlimm, dass ich mich einfach unter meiner Bettdecke zusammenrollte und stundenlang unter Qualen stöhnte. Ich hatte das Gefühl, dass mein Kopf jeden Augenblick explodieren und ich sterben würde. Stundenlang balancierte ich auf dem Grat dieses Gefühls: Die Migräne wurde intensiver, und der Schmerz vergrößerte sich ums Hundertfache. Mir war, als müsste ich gleich sterben (in der Gegenwart), und dann ließ die Migräne gerade ein bisschen nach. Dieser Zyklus mit der Migräne wiederholte sich ich weiß nicht wie oft.

An einem bestimmten Punkt so gegen Mitternacht schaffte ich unwissentlich den Übergang von der Gegenwart in die Vergangenheit, und während des tiefen Stöhnens unter den Qualen öffnete sich etwas in meinem Gedächtnis, und ich erinnerte mich, dass sich das genau so anfühlte, wie sich mein Kopf als Fetus angefühlt hatte, als die Kontraktionen meiner Mutter gegen meinen Kopf schlugen. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht herauskonnte; ich wurde gegen eine Wand gedrückt. Der Kanal meiner Mutter öffnete sich nicht, und dennoch wurde ich dagegen gestoßen. Mein Kopf wurde zusammen mit meinem Oberkörper eingequetscht. Mit dieser Erinnerung ging ein Gefühl äußersten Entsetzens einher. Sie war drauf und dran, mich umzubringen. Ich hatte das eindeutige Gefühl, dass ich am Sterben war, und es war entsetzlich. An diesem Punkt des Gefühlserlebnisses fühlte ich mich schrecklich allein. Die ganze Welt war gegen mich, und mein Überleben stand auf dem Spiel.

Mit der Verknüpfung, dass ich bei der Geburt beinahe getötet worden wäre, stand ich in diesem Zusammenhang verängstigt und alleine da, so dass ich jemanden anrief, den ich vor kurzem getroffen hatte und der Erfahrung mit Primärtherapie hatte. Ich war noch immer benebelt von diesen Gefühlen. Der Kopfschmerz verschwand allmählich, und ich musste jemandem erzählen, was ich gerade erlebt hatte. Eine Stunde lang spuckte ich einfach aus, was geschehen war. Im Nachhinein verstehe ich jetzt, dass ich genau das tat, was ich tun musste, um die Einsichten an diesem Punkt rechtzeitig zu zementieren.

Die Gleichung lautete, wie mir klar wurde, dass allein den Tod bedeutete. Ich hatte nicht nur meine neonatale Isolation vor vielen Jahren wiedererlebt, sondern es gab eine tiefere Komponente dieses lebensbedrohlichen Gefühlserlebnisses, und das war bei der Geburt. Das war für mich ein Kardinalprimal. Kurz danach habe ich angefangen, Freundschaften zu schließen. Ich hatte allmählich Interesse, mich mit anderen zu treffen. Ich fing an, Freiwilligenarbeit zu machen. Ich konnte für mich wieder Kameradschaft und Zuneigung zulassen. Ich konnte mit Leuten reden und die schreckliche Isolation beenden, in der ich die meiste Zeit meines Lebens steckte.

Zu dem Baby-Isolationstrauma kam der Schmerz hinzu, dass mich mein Vater in der späteren Kindheit schlug und mich nicht mit anderen Kindern spielen ließ. Ich war buchstäblich in meinem eigenen Haus in Einzelhaft. Er saß in seinem Auto und folgte mir auf der Kriechspur fahrend auf dem Nachhauseweg von der Schule. Wenn ich mit jemandem redete, musste ich gewöhnlich einsteigen. Er untersagte meiner Mutter oder meinem Bruder, zuhause mit mir zu reden: Ich musste mit 9 Jahren für die Medizinschule lernen.

Seitdem ich vor Jahren dieses Geburtsprimal hatte, habe ich diesen schrecklichen Drang mich umzubringen nicht mehr gespürt. Tatsächlich habe ich jetzt den Drang, mir Gutes zu tun. Ich habe mich suizidalen Gefühlen immer mit Vorsicht genähert. Vor zwanzig Jahren hatte ich den Impuls, mich im Stadtzentrum zu prostituieren, Nadeln in meine Arme zu stechen oder vor Autos zu laufen. Aber als ich diese Impulse hatte, konnte ich mir immer ein Restbewusstsein bewahren, dass es ein Impuls war, und ich konnte ihn dann aufhalten. Gegenwärtig erlebe ich ab und an immer noch kurze Impulse (z.B. mich mit dem Auto von einer Klippe zu stürzen), wenn tiefer Schmerz aufsteigt, aber ich kann kognitiv erkennen, dass ich nur den Schmerz in seiner Ganzheit fühlen muss. Jetzt in der Gegenwart suche ich nicht nur nach einer Therapie, wenn ich sie brauche, sondern ich bin auch wirklich nett zu mir selbst, wenn wirklich übler Schmerz hochkommt. Ich nehme den ganzen Stress aus meinem Leben, so gut ich kann. Ich gönne mir einen Film im Kino, besuche Freunde, nehme ein Bad bei Kerzenlicht. Ich gehe nicht mehr so tief in Überlastungszustände wie vorher. Ich erkenne viel früher, dass ich in einem Feeling stecke, und ich lasse nicht zu, dass es sich aufbaut.

Um die gleiche Zeit, als ich dieses Geburtsprimal hatte, vollzog sich psychosomatisch eine Parallelentwicklung. Ich hatte an meinen Fingern so schlimme Ekzeme entwickelt, dass meine Fingerspitzen ein Jahr lang ständig aufrissen und bluteten. Irgendwas anzulangen war eine Qual. Ich probierte jede Creme unter der Sonne aus, einschließlich Kortisoncreme, die meine Haut nur papierdünn machte. Es wurde so schlimm, dass ich dünne Plastikhandschuhe anziehen musste, um einzukaufen, um irgendwas anzufassen, sogar um ins Freie zu gehen.

Inmitten dieser extremen Isolation begann ich zu spüren, wie schlecht es sich anfühlte, so lange so allein zu sein. Ich hatte wieder spontane Gefühle über meine erste Lebenswoche: Vier Jahre, nachdem ich mit der Therapie aufgehört hatte, griff ich genau dort wieder meine Gefühle auf, wo ich mit ihnen aufgehört hatte.

Eines Nachts übermannte mich der Schmerz. Ich spürte die Agonie des kleinen Babys, das allein war und seine Mama brauchte. Ich lag auf dem Rücken, brauchte sie und weinte, als ich den Impuls verspürte, meine Hände auszustrecken und so nach ihr zu flehen. Blitzartig war mir klar, dass ich das als Baby nie gemacht hatte. Ich habe nie meine Arme gerade nach oben gestreckt, habe sie nie angefleht, mich zu halten und zu berühren. Ich war schon als Baby zu hoffnungslos. Also habe ich es jetzt getan.

Mitten in dem Feeling hielt ich meine Arme hoch und flehte sie an. Es begann als „Mama“ und endete einfach als qualvoller Schrei, der sich aus meinem tiefsten Inneren wand. Nach einiger Zeit tiefen Weinens, entspannten sich plötzlich meine Unterarmmuskeln. Tief in meinen Unterarmen ließ die lebenslange Einschnürung (Abwehr gegen das Bedürfnis) nach. Ich spürte buchstäblich den Augenblick, in dem sich meine Blutgefäße öffneten. Blut strömte in meine Hände und Finger und füllte sie mit prickelnder Wärme. Ich wusste augenblicklich, dass meine kalten Hände und Ekzeme mein altes Bedürfnis nach Berührung waren. Womit berührst du deine Mutter? Mit deinen Fingerspitzen! Mit dem Primal kam eine Flut von Erinnerungenm dass ich nie in den Arm genommen wurde. Sie hat mich nie genug gehalten.

Innerhalb weniger Tage heilten meine Finger vollständig ab. Bis heute, 12 Jahre später, habe ich nur gelegentliche Ekzeme gehabt, wenn das Kindheitsbedürfnis nach Körperkontakt hochkam, aber nichts, das mit den schweren Rissen vergleichbar ist. Meine Hände blieben warm. Übrigens blieben auch meine chronisch kalten Füße warm.

Die Verknüpfungen waren mir klar. Das Gefühl war immer dasselbe: ICH MUSSTE ES ALLEIN MACHEN, ob es darum ging, geboren zu werden oder ohne die Fürsorge und Berührung zu leben, die ich als kleines Baby brauchte. Die frühen Traumen hatten eines gemeinsam: Sie waren lebensbedrohlich. ICH HATTE DAS GEFÜHL, GLEICH ZU STERBEN - bei der Geburt und als ich sofort nach der Geburt von meiner Mutter getrennt wurde. Und wann immer ich allein war, war mir nach Sterben zumute, das heißt, dass ich sterben wollte. Ich glaube, der Stress jenes Traumas hielt sich in meinen kalten Händen, Füßen und Fingerspitzen; Ekzeme waren die Sprache, mit der mein Körper über das Trauma redete, das ich als Neugeborener erlebt hatte.

Etwas anderes ist mir klar geworden. Ich agierte durch meine Isolation genau den alten Schmerz aus. Indem ich nicht um Hilfe bat, allein blieb, mir keine Freunde suchte und keine Verabredungen traf oder keine Küsse und keinen Sex wollte, erschuf ich den alten Schmerz wieder, mit nahezu nichts überleben zu müssen. Hoffnungslosigkeit setzte sich bei mir bei der Geburt fest. Dass ich diese Hoffnungslosigkeit nicht fühlte, führte dazu, dass ich in der Gegenwart ausagierte, niemals das zu bekommen, was ich brauche. Solange ich diese Gefühl mit mir herumgetragen habe, habe ich nie bekommen, was ich wollte.

Ich neige noch immer gelegentlich dazu, die Hoffnungslosigkeit auszuagieren – das Gefühl, dass ich allein bin. Ich werde nie Hilfe bekommen, und ich muss alles selbst machen (wie bei der Geburt). Es fällt mir noch immer schwer, jemanden zu bitten und mich verwundbar zu machen. Jetzt tut es zu sehr weh, es auszuagieren. Ich bitte lieber um Hilfe, versuche vorwärts zu gehen und zu fühlen, was hochkommt,  als mein Scheitern neu zu inszenieren und im alten Schmerz festzusitzen. Ich möchte jetzt ein paar gute Dinge im Leben haben: Liebe, eine Karriere, Zeit zu entspannen und das Leben zu genießen.

Das Traurige und Heimtückische an frühem Schmerz ist, dass es das alte Bedürfnis auslöst, wenn man in der Gegenwart etwas bekommt. Ich habe in meinem Leben eine Frau, die sich etwas aus mir macht, und ich habe sie verstoßen, weil Liebe zu akzeptieren bedeutet, dass man fühlen muss, nie eine Mutter gehabt zu haben. Somit funktioniert die Erholungsphase als eine Methode, mich von dem frühen Schmerz fernzuhalten, indem ich es hier in der Gegenwart schaffe. Ich muss noch immer auf meine Einzelgänger-Neigung aufpassen, mich zurückzuziehen, wenn ich verletzt bin oder etwas brauche. Aber ich weiß, ich muss mich nicht umbringen, wenn ich allein bin.

 

Kapitel 9

 

Depression und Angst:

  Verschiedene Wege, um mit demselben Schmerz fertig zu werden?

 

 

     In evolutionärer Hinsicht ist Depression eine spätere Entwicklung als Angst. Angst, die in Wirklichkeit der Ausdruck verdrängten unbewussten Schreckens ist, kann sich im Gehirn des Fetus nach den dritten Schwangerschaftsmonat bilden, wenn zwar die Schmerzbahnen im Nervensystem angelegt sind, die interne Opiatproduktion aber noch nicht voll funktioniert. Sie kann ihr Leben beginnen, wenn das viszerale System die höchste Ebene neuraler Organisation ist. Wenn also jemand ein Atmungsproblem hat, Schmetterlinge im Bauch, Druck auf der Brust und andere innere Schreckensreaktionen, müssen wir daran denken, dass der Ursprung vielleicht in der Zeit im Mutterleib liegt.

  Wenn wir verstehen, dass Depression die Wirkung von Verdrängung ist, dass der Körper funktionierende Verdrängungssysteme eingerichtet haben muss, bevor sich Depression entwickeln kann. Somit muss das Alarmsystem des Körpers, das dem Überleben dient,  funktionieren, bevor die Mechanismen zur Kontrolle dieser Wachsamkeit einsatzbereit sind.

  Kurz gesagt existiert zuerst die Fähigkeit, voll auf Gefahr zu reagieren, bevor das Körpersystem so funktionieren kann, dass es diese Reaktion kontrolliert. Warum muss der Körper seine eigene Reaktion auf Gefahr kontrollieren? Weil die Reaktion an sich einen Schwall von biochemischen Substanzen im Körper freisetzt, der toxische Wirkung hat, wenn er zu lange andauert. Wenn also die Reaktion auf Gefahr selbst gefährlich wird, zum Beispiel erhöhte Vitalwerte wie schneller Herzschlag, dann muss der Körper ein System zur Verfügung haben, dass diese Funktion reguliert und den Herzschlag verlangsamt – ein Wächter in gewisser Hinsicht.

  Denken Sie an die Angstsymptome. Sie haben meistens damit zu tun, den Organismus viszeral zu ‚elektrisieren:’ ein aufgewühlter Magen, schneller Herzschlag und hoher Blutdruck, Zittern, ein rasender Geist, die Unfähigkeit, ruhig zu atmen, Schlaflosigkeit, Schwitzen, diffuse Furcht oder diffuser Schrecken. Beinahe alle diese Funktionen sind bei der Geburt reif, was darauf hindeutet, dass das Trauma, das sie auslösen kann, zur Zeit der Geburt oder zuvor geschehen kann. Die Merkmale der Depression sind das Gegenteil: Stilllegung und Verlangsamung von allem, vom Energieniveau bis zu den Trieben, von der kognitiven Aktivität bis zu den Vitalfunktionen. Der Depressive redet vielleicht mit dumpfer, monotoner Stimme, während die ängstliche Person vielleicht mehr Klang oder Leben in ihrer Stimme hat. Bei der ängstlichen Person hat die Verdrängungsfähigkeit viele Löcher, und das ist das Problem. Ihre Schleusen im Gehirn funktionieren nicht richtig (oft als „undichte Schleusen“ bezeichnet), so dass Schmerz und Schrecken die ganze Zeit ins Bewusstsein eindringen können. Der Depressive wird nur dann ängstlich, wenn seine Depression/Verdrängung der Aufgabe nicht mehr gerecht wird, Angst zurückzuhalten. So könnte bei einem Depressiven ein bestimmtes Ereignis, wenn zum Beispiel der Partner geht oder stirbt, eine Angstattacke hervorrufen oder schlimmer noch eine agitierte Depression.

  Persönlichkeitsentwicklung, die beide Schmerz und Furcht und ein gestresstes Nervensystem involvieren. Wenn wir Tiere untersuchen, scheint es, dass sie ängstlich sind, bis man sie einer Situation ohne Verhaltensoptionen aussetzt, in der sie dann Symptome von Depression zeigen. Man hielt Ratten auf einem glitschigen Abhang über einem Wassergraben gefangen. Wenn sie erschöpft waren, fielen sie ins Wasser. Nach kurzer Zeit konnten sie sich nicht mehr bewegen und waren nicht mehr neugierig und abenteuerlustig. Sie schienen deprimiert.

 

  Der Depressive sagt oft zum Therapeuten: „Ich schaffe es einfach nicht. Ich stecke fest.“ Und der Therapeut ist warmherzig, macht ihm Mut und sagt: „Doch, Sie schaffen es.“ Der Therapeut beschönigt unwissentlich das reale Gefühl des Patienten, das die Einprägung ist. Die Einprägung, die sich als Gefühl von „Ich stecke fest, ich schaffe es nicht“ ausdrückt, regiert, weil der Mensch diese Einprägung und Prägung nicht ändern kann, ganz gewiss nicht, indem er mit einem Therapeuten redet. Niemand hat sich die Einprägung ausgedacht. Sie gehört zum Geburtserlebnis.

  Damit Psychotherapie wirken kann, müssen wir das Herz des Gefühls  - „Ich schaffe es nicht“ – nehmen und es zu seinem Ursprung im Hirnstamm zurückverfolgen; genau das macht Primärtherapie. Wenn wir einfach versuchen, eine Patientin durch eine Gesprächstherapie-Sitzung davon zu überzeugen, dass sie es schaffen kann, erweitern wir den Spalt zwischen ihrem Verstand und ihren Gefühlen. Ihre Gefühle sind real und Teil ihrer Neurophysiologie. Aber in der Psychotherapie müssen wir darauf achten, dass wir nicht zum Anfeuerer für den Patienten werden und nicht einfach versuchen, durch verbalen Trost dafür zu sorgen, dass er oder sie sich besser fühlt. Der Patient schätzt unsere Aufmunterung, blüht auf, will noch mehr davon und entfremdet sich jeden Tag mehr von sich selbst. Er wird dadurch nicht gesünder. Und was ist „gesünder“? Man selbst zu sein, im Einklang mit den eigenen Gefühlen zu stehen; gesünder kann kein Mensch sein. Unsere verbale Ermutigung jedoch macht Patienten nicht „zu sich selbst,“ und wenn wir uns nur auf freundliche Worte verlassen, werden sie nicht im Einklang mit ihren wirklichen Gefühlen stehen.

  Als Psychotherapeuten wollen wir in dem Maß die guten Eltern für die Patienten sein, in dem sie das von uns wünschen. Wir wissen, dass Eltern ihre Kinder ermutigen und unterstützen sollten. Aber die Gefühle sind ins System des Patienten eingraviert worden; danach ist es zu spät, um durch den Gebrauch freundlicher Worte und verbaler Aufmunterungen leicht Veränderungen herbeizuführen. Das Zeitfenster der günstigen Gelegenheit hat sich geschlossen. Wenn wir das Postulat von kritischen Perioden in der Gehirnentwicklung ignorieren, in denen Kernsysteme des Gehirns erfordern, dass bestimmte Bedürfnisse – z.B. das Bedürfnis nach Körperkontakt – befriedigt werden, dann werden wir nie verstehen, warum Aufmunterung in der Gegenwart nicht funktioniert, auch wenn sie von einem Psychotherapeuten kommt. Noch wichtiger ist, dass diese Gegenwarts-Ermutigung den (von mir so genannten) Janovschen Spalt oder die Distanz zwischen den Gefühlen eines Patienten und seiner bewussten Psyche erweitert.

  Um diesen Punkt zu veranschaulichen, habe ich die „Sitzungs-Nachbemerkungen“ eines meiner Patienten eingefügt, ein Mann in den Vierzigern, der seit einiger Zeit depressiv war. Nachdem er ein Primal-Feeling erlebt hatte, setzte sich der Patient oft auf, und wir redeten über das, was er durchgemacht hatte, über seine Einsichten und Erklärungen, wie diese Gefühle ihn beeinflussten. Hier lesen Sie, was er zu sagen hatte:

 

 

„Ich denke, was in der Therapie passiert, ist, dass ich ein ganz kleines Kind werde und dass also diese Teile meines Gehirns nicht arbeiten, die funktionieren sollten, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht entwickelt haben. Anders gesagt kannst du nicht denken; du bist in einem Gehirn ohne Gedanken, und deshalb hat die Angst meine Fähigkeit vernebelt, etwas zu begreifen. Diese Gefühle kommen, bevor ich verbale Fähigkeiten hatte. Es kam mir nie zuvor in den Sinn, dass diese Sache, die ich Depression nenne, wirklich ein Gefühl ist; je näher ich ihm komme, umso größer wird es, und das ist der Grund, warum ich in letzter zeit so deprimiert bin.

  Bei der Depression werde ich so müde, dass ich nicht denken kann. Ich bin lethargisch und will gar nichts tun. Ich weiß, dass ich bei der Geburt schwer betäubt wurde, und irgendwie scheine ich dorthin zurückzugehen. Ich glaube, dass ich diesem ursprünglichen Todesgefühl näher komme. Man hat mir gesagt, dass ich bei der Geburt klinisch tot war und dass sie alles getan haben, um mich wiederzubeleben. Ich beschreibe das Gefühl bei Depression so, als ob man halb schläft oder halb tot ist. Aber als jemand das „Dämmerschlaf“-Medikament Scopolamin erwähnte, fiel mir alles wieder ein. Mutter bekam eine schwere Dosis „Dämmerschlaf“ und ich als Baby bekam auch eine schwere Dosis ab. Ich habe eine Art Narkolepsie, bei der ich ohne Vorwarnung einfach einschlafe. Ich bin wieder in einer Art Dämmerschlaf. Das Gefühl, das ich erlebe, ist: <<Ich sterbe, und ich kann nichts tun. Nichts kann mich aus dieser Situation rausbringen.>> Das traf auf die Geburt zu, und es trifft auf meine Depressionen zu, die jene Zeit widerzuspiegeln scheinen.

  Bestandteil meiner Depression ist auch, dass ich mich allein fühle. Es ist unbedeutend, ob ich in einem Haufen von 20 Leuten bin – ich fühle mich dennoch allein. Das scheint über mich hinwegzufegen. Für dieses Gefühl des Alleinseins gibt es verschiedene Zeiten und Zusammenhänge. Ich wurde als Baby gleich nach der Geburt und die meiste Zeit meiner Kindheit allein gelassen. Meine Eltern waren nirgendwo zugegen, und ich war mir selbst überlassen. Ich hatte immer dieses Gefühl, aus meiner Mutter herausgeschnitten worden zu sein (er hatte eine Kaiserschnitt-Geburt - A.J.), und jetzt bin ich nie für irgendwas bereit. Ich plane Tage im Voraus, wenn ich eine Reise mache. Ich konnte einen Urlaub nicht nehmen wegen der Angst, da ich dieses Gefühl hatte, dass ich es nie zurück schaffen würde. Das war das Geburtsgefühl, das wieder hochkam, wie in die Hölle zu fahren ohne Wiederkehr.

  Es ist so ein Gefühl, das ich nie mit Worten ausdrücken konnte......ich schaffe es nicht aus eigener Kraft. Meine Eltern gaben mir dieses Gefühl....es war alles so hoffnungslos von Anfang an, und das ist ein dicker Brocken von der Depression – die Hoffnungslosigkeit. Es gibt keinen Ausweg, nichts, was ich tun könnte. Gleich, was ich tue, nichts wird sich ändern, weder in meiner Kindheit noch am Lebensanfang. Ich konnte das Gefühl nie abschütteln, dass etwas mit mir nicht stimmt. Aber keiner wusste, was zu tun war, um mir zu helfen, weil niemand wusste, was – falls überhaupt- nicht stimmte.

  Ich glaube, was Primärtherapie getan hat, ist, dass sie meine Chemikalien neu eingestellt hat, vielleicht die Sollwerte meines Dopamins und Serotonins. Mit Drogen wie Kokain fühlte ich mich besser, wie normal. Meine Hirnsubstanzen waren alle nicht in Ordnung. Die Drogen haben dieses Gefühl beendet, dass etwas mit mir nicht stimmt. Die Drogen normalisierten meine Hirnsubstanzen und dann hatte ich nicht mehr das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt.“

 

  Es ist bemerkenswert, dass dieser Patient alle seine Einsichten – und mehr – aus einer einzigen Sitzung erhielt. Seine Gefühle erklärten so viel. Für mich als Therapeut blieb da wenig zu tun. Er artikulierte seine Erlebnisse und die Wirkungen dieser Erlebnisse so gut, dass er mich der Chance beraubte, brillant zu sein. Es fällt einem Therapeuten nicht leicht, die Kontrolle über die Therapie aufzugeben und auf seine Weisheiten zu verzichten, aber der Patient ist auf dem Weg, ein bewusstes Leben zu führen. Das ist die Bedeutung eines bewussten Lebens: nicht länger vom Unbewussten gelenkt und getrieben werden. Keine Gereiztheit, Ungeduld und keine Unfähigkeit mehr, still zu sitzen und sich zu entspannen. Keine Weltuntergangsgefühle mehr; sie gehörten zu einem bestimmten Ereignis, dass er sein ganzes Leben mit sich schleppte.

  Solche Einsichten bleiben vielleicht jahrzehntelang wort- und begrifflos. Wir können uns hoffnungslos fühlen und keinen Begriff dafür haben, wir können aufgeben, ohne eine Idee zu haben, warum das so ist, und wir können von solchen Gefühlen beherrscht werden, lange bevor wir erkennen, was sie sind. Ich erinnere mich, dass ich in meiner Zeit als Psychoanalytiker Patienten sagte, sie hätten eine „maskierte Depression,“ weil sie nicht einmal wussten, dass sie deprimiert und ohne Hoffnung waren. Nichtsdestotrotz finden es Patienten in einer primärtherapeutischen Sitzung selbst heraus und fühlen die frühe Hoffnungslosigkeit, die nahezu immer ein Signal dafür ist, dass die Körpertemperatur bei der Geburt niedrig war; schließlich kommen sie langsam aus ihrer Depression heraus.

  Bei der Geburt erzeugte Depression ist ein Zustand, der sich durch traumatische Erfahrungen während der ersten drei Lebensjahre nach der Geburt verstärken kann, wenn man zum Beispiel in einem gefühlskalten, diktatorischen häuslichen Umfeld aufwächst. Nicht immer ist es einfach so, dass Eltern vielleicht die Gefühle eines Kindes durch strikte Disziplin unterdrücken; ein Trauma kann auch weitergegeben werden, wenn die Eltern emotional nicht präsent sind. Das Ergebnis ist für das Kind, das seine Gefühle niemandem mitteilen kann, dasselbe. So wird das Kind zu einem Erwachsenen und fühlt sich einmal mehr hilflos und hoffnungslos.

 

 

Kapitel 10

 

Vom Selbstmord besessen

 

 

Tragischerweise bringen sich laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2002 jedes Jahr etwa 800.000 Menschen um. Meistens geschieht es bei Männern (dreimal häufiger als bei Frauen) und bei älteren Leuten. Die Zahl könnte sehr viel höher sein, wenn man bedenkt, dass viele Unfälle tatsächlich Selbstmorde sind. Und es gibt viel mehr Selbstmordversuche. Etwa 15 Prozent der Depressiven begehen schließlich Selbstmord. Der Bericht des Zentrums für Krankheitskontrolle aus dem Jahr 1996 listete Selbstmord auf dem neunten Platz der häufigsten Todesursachen in den USA auf. Bei vielen, die letztendlich  Selbstmord begehen, ist es nicht das erste Mal, dass sie es versucht haben. Einige Selbstmorde folgen auf einen größeren Verlust wie zum Beispiel das Scheitern einer Ehe. Nichtsdestotrotz ist das Leben zu wertvoll, um es einfach wegzuwerfen, weil man von seinem Partner verlassen wird. Wenn Sie jemanden lieben, der Sie nicht mehr liebt und geht, ist das gewiss eine Erfahrung, die tiefe und schreckliche Traurigkeit hervorrufen kann, aber sie sollte nicht dazu führen, dass Sie sterben wollen. Kein Mensch tötet sich, weil sein Partner/seine Patnerin mit einem anderen durchgebrannt ist –  das heißt, kein gesunder Mensch. Natürlich verbindet zwei Menschen, die seit 40 Jahren oder länger zusammen sind, ein unglaublich starkes emotionales Band. Der Verlust eines Patners ist außergewöhnlich schmerzhaft. Aber das Leben geht weiter, weil es weitergehen muss; es ist eine Sache, wenn dieses Band zerbricht, aber sterben zu wollen ist eine ganz andere. Menschen wollen sich nur dann umbringen, wenn dieses Verlassenwerden mit einem gewaltigen Ereignis in der Kindheit resoniert, mit einer Sache, bei der es damals um Leben oder Tod ging, wenn auch nicht in jedem Fall. Jemand, der 50 Jahre mit einem anderen Menschen zusammenlebte, hat zweifellos das Gefühl, dass das Leben für ihn vorbei ist, wenn sein Partner/seine Partnerin geht. Es besteht kaum eine Chance, sich an eine andere Person zu binden, ein neues Leben mit einem anderen Menschen zu beginnen. Das einzige Gegenmittel gegen Depression ist in diesem Fall zu weinen.  Genau das beseitigt bei meinen Patienten die Depression und wird dies auch bei jemandem tun, der einen Langzeit-Partner im Leben verloren hat.

      Wenn Depression/Verdrängung nicht funktioniert, steht man unter Schmerz. Und dann beginnt man, an Selbstmord zu denken. Im Alter von 5 Jahren verlassen zu werden wäre katastrophal gewesen, hätte uns nicht die Verdrängung davor geschützt, dieses Ereignis voll zu fühlen. In der Gegenwart vom Partner verlassen zu werden ist an sich nicht lebensbedrohlich, aber es fühlt sich so an, weil es die Hoffnungslosigkeit der Kindheit wiedererweckt.

      Wenn Sie aufgrund großer unerfüllter Bedürfnisse aus der Vergangenheit alles in Ihren Partner investiert haben und nur durch ihn/sie leben, dann wird der Verlust oder die Verlassenheit verheerend sein. Wenn man seine ganze Existenz in einen anderen investiert, dann macht das sein oder ihr Verschwinden zu einer Katastrophe. Darüber hinaus ist das emotionale Engagement oft neurotisch; es hat wenig mit Liebe zu tun und viel mit Bedürfnis und Abhängigkeit. Der Erwachsene oder das Kind kommt jetzt zu dem Schluss, dass es allein nicht zu schaffen ist. Diese Gefühle sind logisch und richtig; nur der Zusammenhang ist falsch. Die Gefühle sind die eines Kindes. Es ist zu viel Leiden. Der Erwachsene wählt den Tod, um das Leben mit all seinem Schmerz nicht fühlen zu müssen, um sich davor zu bewahren, dass er verrückt wird. Der Tod wird zum Ersatz für die Verdrängung, die versagt hat.

 

  Selbstmord und Geburt

Es fällt vielleicht schwer zu glauben, dass Geburtsprobleme Jahre später suizidale Tendenzen hervorbringen können, aber das ist wahr. Das kommt daher, dass wir nicht gewohnt sind, an physiologische Erinnerungen zu denken, und dass uns der Gedanke fremd ist, dass die mächtigsten Erinnerungen, die wir haben, diejenigen ohne Worte sind: Ereignisse, die auftraten, bevor wir verstehen konnten, was mit uns geschah. Wie wir in der vorangegangenen Erörterung der Wirkung des Geburtstraumas auf Sex gesehen haben, verschwindet die Verzweiflung während eines Geburtstraumas nie. Sie fließt in späteres Verhalten ein und verschlimmert es. So türmt sich der spätere Verlust eines/einer Geliebten auf und ruft eine katastrophale Sinnlosigkeit hervor.

      Dr. Lee Salk vom Medizinzentrum der Cornell Universität unternahm eine Studie an Erwachsenen, die Selbstmord begangen hatten. Er fand heraus, dass 60 Prozent drei Hauptrisikofaktoren aufwiesen, die gleichzeitig um die Zeit der Geburt auftraten: Atemnot, chronische Krankheit bei der schwangeren Mutter und fehlende pränatale Sorgfalt in den ersten 20 Wochen der Schwangerschaft. (Lancet, 3/16/85).

    Unseren Beobachtungen zufolge kann suizidale Hoffnungslosigkeit direkt aus der Geburtssequenz entstehen. Die Neigung zum Selbstmord entwächst genau wie die Natur des Sexuallebens eines Menschen dem bei der Geburt etablierten Prototyp. Als der Fetus am Lebensanfang mit Stress konfrontiert wurde, hatte er keine andere Wahl, als sich zu verschließen und Energie zu sparen. Dieses Muster wird prototypisch: Das Baby müht sich ab, hat aber keinen Erfolg, versucht es dann immer wieder und scheitert erneut. Es ist absolut hoffnungslos. Das Baby kann nichts mehr tun und erlebt ein Gefühl von Sinnlosigkeit und dann Resignation. Später im Leben rufen Widrigkeiten Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und den Wunsch aufzugeben hervor, der direkte „Endlauf“ der Geburtssequenz. „Endlauf“ ist hier ein Schlüsselbegriff, denn wenn etwas in der Gegenwart mit einer alten Erinnerung resoniert, sind wir gezwungen, die ganze Sequenz bis zum logischen Schluss auszuagieren. Das ist der Grund, warum es zu dem Zwangsgedanken an Tod und Selbstmord kommt, wenn man in dem Feeling steckt. Der Unterschied ist der, dass das Neugeborene den Tod nur vage fühlen kann, weil es keinerlei Verhaltensoptionen hat, während der Suizidale den Tod als Verhaltensoption benutzt, um die Agonie zu beenden.

      Selbstmord involviert typischerweise den Ablauf der Geburtssequenz, genau wie sich Schmerz ins Sexualverhalten einschleicht und den Sexakt ausführt. Wir haben gesehen, wie beim Parasympathen die Geburtssequenz mit dem Erlebnis der Todesnähe endete, wobei der Tod die einzige Möglichkeit war, die Qual zu beenden. Wenn man von der Nabelschnur stranguliert wird oder durch überwältigende Anästhesie des Sauerstoffs beraubt wird, wird der Geburtskampf qualvoll und sinnlos - eine Sequenz, die ihre eigene unwiderrufliche Logik hat: Kampf, Leiden und Scheitern, das zum Tod führt. Die eingeprägte Neigung, sich mit dem Tod zu beschäftigen, tritt in der Gegenwart zutage, wenn die aktuelle Agitation oder Qual ein gewisses Maß erreicht, das ausreicht, um das prototypische Gefühl auszulösen. Dem Körper wiederum ist die Quelle der Agitation gleichgültig – ob sexuelle Erregung oder der schmerzliche Verlust eines Ehegefährten. Wenn die Valenz hoch genug ist, setzt die alte Sequenz ein, und dann beginnt ihr End- oder Entscheidungslauf. Depression lässt sich bei denen nieder, deren Geburt im Wesentlichen Kampf und Scheitern war, das heißt, bei der zum Beispiel schwere Anästhesie jede weitere Anstrengung verhinderte, sich selbst zu befreien. Alles wurde schwarz. In der Gegenwart wird die Geburt des Parasympathen mit den gleichen Reaktionen wieder ausgelöst, nämlich: „Ich kann nichts tun, ich sehe keine Alternativen. Es hat keinen Zweck zu kämpfen. Der Tod ist der einzige Ausweg.“ Wenn also Widrigkeiten eintreten, denkt dieser Mensch an Tod und Selbstmord. Viele dieser Patienten beteuern eindringlich, dass sie keinen weiteren Morgen mehr unter Schmerzen hätten durchstehen können. Weil sie keine Ahnung hatten, was mit ihnen los war oder was sie machen sollten, wurde der Selbstmord zur wahrscheinlichsten Option. Noch einmal: Was weh tut, ist nicht das Fühlen. Die Qual entsteht aus dem Zusammenprall zwischen hochkommendem Schmerz und der Abwehr, die ihn unterdrückt. Wenn man einmal in einem Feeling ist, gibt es keine Qual mehr;  sie ist jetzt ein Feeling.

      Der Ablauf der Geburtssequenz bleibt sich selbst treu und weicht in der Regel nicht ab. Wenn ein gegenwärtiges Ereignis stark genug ist, wird es die Geburtssequenz auslösen, und die Handlungsweise der Person ist dann vorhersehbar. Wenn jemand vor der Geschäftsinsolvenz steht und es keinen Ausweg aus großen Schulden gibt, setzt die große Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit wieder ein, die man ursprünglich bei der Geburt erlebt hat, und führt möglicherweise zu suizidalen Gedanken oder Handlungen.

      Vielleicht stellt sich die Frage, wie eine Geschäftsaufgabe – egal, wie schwerwiegend das ist – jemanden dazu bringen könnte, dass er oder sie einen Selbstmordversuch unternimmt. Der Grund dafür ist, dass das frühe Trauma das Verhalten des Erwachsenen infiltriert hat, so dass er nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden kann. Der Mensch versucht alles, um das Geschäft am Laufen zu halten, obwohl er es logischerweise schon lange hätte schließen sollen. Schließlich gerät er in eine hoffnungslose Situation und ist völlig verzweifelt. Einer meiner Patienten klagte weiterhin vor Gericht, obwohl man ihm versicherte, dass die Geschäftsauflösung unvermeidlich sei. Er kämpfte und kämpfte und verlor dann alles, und häufte dann mehr Schulden für Anwaltsgebühren an, als er je zurückzahlen könnte, und das rief bei ihm eine schwere Depression hervor. Er wies viele Merkmale eines Sympathen auf; er akzeptierte keine Niederlage und keine offensichtlichen Hindernisse, bis er nicht länger vor der Wahrheit davonlaufen konnte. Die ursprüngliche Wahrheit, vor der er davonlief, war der Tod, der unmittelbar hinter seinen fortgesetzten Kämpfen lauerte. Für den Sympathen bedeutete Kampf ursprünglich Leben, und somit wird er in der Gegenwart zum Lebensstil.

      Wenn jemand im Erwachsenenleben keine Optionen mehr hat, wenn man sein Geschäft und seinen Lebensunterhalt, den Ehepartner oder ein Kind verloren hat oder wenn sich die Freunde von einem abwenden, wird man dazu neigen, dem Prototyp bis zum logischen Schluss zu folgen. Wenn niemand da ist, der Hilfe und Unterstützung geben kann, niemand, der versteht und Mut macht, scheint der Tod der einzige Ausweg zu sein.

      Das große Problem ist, dass die Person nie weiß, woher die Agonie kommt. „Es ist halt so tröstlich zu wissen, dass ich den Schmerz jederzeit beenden kann, wenn ich es will,“ bemerkte eine Patientin von mir, die vom Tod besessen war. Sie konnte sich nicht vorstellen, neue Wege zu gehen, wie zum Beispiel in eine neue Stadt zu ziehen, einen anderen Gefährten oder Job zu finden, weil das eingeprägte Fehlen von Alternativen den Gesichtskreis und die Vorstellung eines Menschen einschränkt.

      Um es zu wiederholen: Der Suizid ist mit größerer Wahrscheinlichkeit die Handlungswahl des Parasympathen als die des Sympathen. Er wird zu einer Option, wenn gegenwärtige Ereignisse der Geburt des Parasympathen gleichkommen – vergeblicher Kampf, dem die Aufgabe folgt. Beim Parasympathen liegt die Hoffnungslosigkeit nahe an der Oberfläche – ein Schlüsselbeweis ist die chronisch niedrigere Körpertemperatur – und es bedarf keiner großen Widrigkeiten, dass sie hervortritt. Beim Sympathen dauert es viel länger, bis er Selbstmord in Erwägung zieht, weil seine Geburtssequenz eine wilde Flucht vor dem Tod war, eine Flucht, die letztlich erfolgreich war. Er konnte etwas tun. Dementsprechend wird er in der Gegenwart Alternativlösungen finden. Er wälzt sich nicht in Schmerz wie der Parasympath. Widrigkeiten treiben ihn zum Handeln, wie es bei der Geburt der Fall war, während Widrigkeiten beim Parasympathen zu Passivität führen - die lebensrettende Strategie, die er oder sie bei der Geburt gelernt hatte.

     Eine Möglichkeit, etwas über die Beziehung zwischen eingeprägtem Schmerz und Selbstmord zu erfahren, ist die Gehirnforschung, bei der mehrere Studien darauf hindeuten, dass das Selbstmordopfer grundsätzlich eine höhere Zahl an Serotoninrezeptoren im Gehirn haben, aber eine geringere Serotoninaktivität im präfrontalen Kortex aufweisen, wo entscheidende Abwehrmanöver stattfinden. Man entdeckte eine außergewöhnliche Zahl dieser Rezeptoren im Blut derjenigen, die vor kurzem Selbstmordversuche unternommen hatten, und das unterstreicht, dass das System angesichts von Schmerz automatisch in einen Verdrängungszustand wechselt. Anstatt den Schmerz zu messen, messen wir die Verdrängungskräfte, die er provoziert. Interessanterweise besteht das größte Suizidrisiko dann, wenn der Serotoninspiegel ganz unten ist, wenn die Verdrängung am schwächsten ist und wenn das Gefühl sich direkt unter der Oberfläche zusammenbraut. Deshalb hat der Depressive ständig das Gefühl, dass der Untergang bevorsteht. (Siehe The Harvard Mental Health Letter, März 1996, für eine ausführliche Erörterung). Dieses Verhängnis ist natürlich die Begleiterscheinung der frühen katastrophalen Erfahrung. Der Untergang stand damals bevor, und die Einprägung lässt ihn fortbestehen, so dass wir jetzt das Gefühl haben, dass uns ein Verhängnis bevorsteht. Wir ahnen eine Katastrophe voraus, die bereits geschehen war.

    Ein interessantes Streiflicht: Ein Artikel in der New York Times („Was kommt zuerst, Depression oder Herzkrankheit?“, von Gina Kolata, 14. Jan. 1997) deutet auf sich mehrende Beweise hin, dass Leute mit Depression mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Herzkrankheit entwickeln. Wenn man in Betracht zieht, dass tiefe Depression tiefe Verdrängung bedeutet und die wiederum tiefen Schmerz, kann dieses Schlussergebnis nicht überraschen. Was das ‚Warum’ betrifft, gibt es zwei Denkschulen. Die erste besagt, dass die biochemischen Veränderungen (die Freisetzung von Stresshormonen), die bei der Depression auftreten, das Herz beeinflussen. Die zweite Sichtweise besagt, dass Depression die Leute traurig macht und sie dann ihr Herz vernachlässigen. Ich würde für die erste votieren, nur sollten wir noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass dieselbe frühe Einprägung und Prägung, die Menschen depressiv macht, letztlich auch ihr Herz beeinflusst; Stresshormone spielen in beiden Fällen eine Rolle. Leute, die deprimiert/verdrängt sind, neigen in einigen Fällen zu erhöhtem Blutdruck, und wenn jemand seine Medikamente vernachlässigt, kann eine Herzattacke folgen. Dieser Artikel vermerkt, dass einer von sechs Erwachsenen von Zeit zu Zeit unter Depression leidet. Menschen, die Herzattacken erlitten und auch depressiv waren, hatten eine vierfach erhöhte Wahrscheinlichkeit, in den folgenden sechs Monaten an einer Herzattacke zu sterben. Forscher haben herausgefunden, dass sich viele depressive Patienten in einem Zustand der Übererregung befinden, und das bedeutet mehr Druck und Aktivierung für das Herz. Stresshormone beschleunigen den Herzschlag. Was verursacht chronisch hohe Stresshormon-Spiegel? Sie lassen sich weitgehend auf traumatische Einprägungen zurückführen. Unsere Eigenforschung in London mit Speichelkortisol ergab, dass Primärpatienten anfangs sehr hohe Werte dieses Stresshormons aufweisen und viel niedrigere später nach der Therapie. Die Schlussfolgerung: Früher Schmerz spielt bei der Produktion dieses Stresshormons eine Rolle.

 

Selbstmord vorbeugen, Depression vorbeugen

 

Ich sehe mir an, was die in meiner Apotheke ausliegende Broschüre zum Thema Depression sagt: Sie behauptet: „Niemand ist gegen Depression immun.“ Vielleicht stimmt das, aber wir können die Wahrscheinlichkeit ein gutes Stück verringern, wenn wir bei der Erziehung unserer Kinder achtgeben. Wenn man Selbstmord und Depression verhindern will, erfordert das grundsätzlich die gleichen gesunden Erfahrungen am Lebensanfang, die mit größter Wahrscheinlichkeit auch zu einem gesunden Sexualleben führen. Es beginnt in der Schwangerschaft mit einer gesunden Mutter. Sie achtet sehr auf sich selbst, raucht nicht, trinkt keinen Alkohol und nimmt keine Drogen/Medikamente, denn was immer die Mutter während der Schwangerschaft einnimmt, findet letztlich seinen Weg ins System des Babys. Wenn sie ängstlich oder deprimiert ist, werden darüber hinaus die hormonellen Veränderungen das chemische Gleichgewicht des Babys verändern, vielleicht auf Dauer. Somit haben wir es hier aufgrund des Drogenkonsums der Mutter mit beachtlicher Verdrängung im Fetus zu tun, die für spätere Depression anfällig macht, und allzu oft fällt die Drogenwahl später im Leben bei dieser Art von Person auf Aufputscher. Wir brauchen eine ruhige Mutter, die das Kind wirklich will, denn wenn das bei einer Frau nicht der Fall ist, gibt es viel mehr Geburtsprobleme und spätere Lebensprobleme. Wenn die Schwangere die ganze Zeit „down“ und deprimiert ist, wird ihr Baby davon beeinflusst und sein System neigt ebenso zur Depression. Ihre beiden Systeme sind unlösbar miteinander verbunden.

      Als Nächstes sollte das Kind eine gute Geburt haben, so dass am Lebensanfang keine überwältigende Sinnlosigkeit entsteht. Die Mutter bringt ihr Baby auf natürliche Weise zur Welt, wenn möglich ohne Anästhesie, weil diese Medikamente die Atmung und andere Systeme beim Fetus und Neugeborenen schwer beeinträchtigen. Die Nabelschnur sollte nicht sofort durchgeschnitten werden, weil sie noch für lange Zeit reichlich Sauerstoff enthält.

 

Die ideale Geburt gründet auf der Forschung von Dr. Frederic Leboyer. Sie schafft eine Physiologie des Optimismus und die Erwartung, dass die Anstrengung von Erfolg gekrönt wird; diese Erfahrung wird im neurologischen System des Individuums verschlüsselt. Diese Art von Geburt beinhaltet belebend wirkende Anstrengung des Fetus, die zum Erfolg führt und auf die das Stillen an der Brust folgt. Das Baby wird sofort auf den Körper der Mutter gelegt, wo es Behaglichkeit und Wärme findet. Eine Trennung ist nicht tolerierbar,gleich, wie kurz oder lang sie dauert. Wenn Sie zukünftige Depression voraussagen wollen, beachten Sie bitte, dass anästhetisierte Babys oder auch solche mit Müttern, die eine spinale (epidurale) Injektion erhielten, bei der Geburt träger sind, nicht mit Eifer nach der Brust suchen und als Babys weitaus passiver sind. Das ist das Fundament für spätere Depression. Meine depressiven Patienten müssen ausnahmslos schreckliche Geburten mit Sauerstoffentzug (Anoxie) wiedererleben. Sie hatten nie genug Energie zum Kämpfen und haben sie noch immer nicht. Ihre Physiologie passt sich an all das an – mit  Schilddrüsen-Unterfunktion, erschöpften Vitamin-und Mineralstoff-Depots und geringerer Ausschüttung von Schlüsselhormonen. Natürlich ist es auch möglich, dass man nicht aufgrund eines Geburtstraumas deprimiert ist sondern aufgrund einer sterilen, kalten, lieblosen Atmosphäre im Elternhaus. In diesem Fall wird die Depression nicht so tief oder hartnäckig sein. Sie wird sich auch leichter behandeln lassen.

 

Auf eine gute Schwangerschaft und Geburt folgt ein Familienleben, bei dem die Eltern sich sorgfältig um die Bedürfnisse des Kindes kümmern und ihre Liebe durch eine Kultur zeigen, die den Ausdruck von Gefühlen erlaubt;  das wird die Selbstmordrate sicherlich einschränken. Wenn Sie Selbstmord bei einem bestimmten Erwachsenen verhindern wollen, müssen Sie Hoffnung, Unterstützung und Ermutigung anbieten. Es muss – kurz gesagt - das geben, was bei der Geburt und in der Kindheit fehlte: Wärme; Fürsorge, Sicherheit, Hilfe und am allermeisten Hoffnung.

 

Bei Leuten, die suizidal sind, haben im Grunde ihre Entscheidungen und ihr Verhalten – alles, was sie in ihrem Leben gemacht haben – frühen Schmerz verewigt und verschlimmert. Ihre katastrophale Kindheit hat sie gezwungen, in späteren Jahren auf selbstzerstörerische Weise auszuagieren. Sie haben sich auf Leute eingelassen, die so bedürftig und instabil sind wie sie selbst (im Grunde wie die Eltern), und die sie deshalb enttäuschen werden. Die frühe Deprivation führt dazu, dass sie totale Aufmerksamkeit brauchen, die ihre Entbehrungen im Leben ausgleichen sollen; aber das kann niemand anbieten. Oft sind sie total auf sich selbst zentriert, weil ihr Schmerz das Einzige ist, das zählt. Sie können nicht geben; sie wollen alles. Sie verschlingen andere, brauchen Liebesbeweis um Liebesbeweis; und natürlich ist es nie genug. Was sie gewöhnlich finden, ist jemand, der Dasselbe braucht. Niemand gibt dem anderen. Sie klammern sich alle an ein sinkendes Schiff.

 

Oft brauchen Depressive andere, die ihnen Leben einflößen, wortwörtlich und im psychologischen Sinn. Ihre extreme Passivität und Lethargie zwingt sie dazu, durch andere zu leben. Ihr Brennpunkt liegt außen, und wenn man ihnen die Krücke wegnimmt, auf die sie sich stützen, werden sie depressiv.

 

Da sie von unbewussten Gefühlen getrieben werden, sind sie so geschädigt, dass sie keinen Partner bekommen und halten können. Man kann sich nicht auf sie verlassen, sie sind launisch und unberechenbar und verlieren dadurch Freunde. Sogar ihr Selbstmordakt kann auf einen plötzlichen Impuls folgen, ohne dass sie tatsächlich irgendeinen Gedanken aufs Sterben verwenden. Sie können ihre Handgelenke aufschlitzen, den Schmerz sichtbar und greifbar machen und doch nie in Erwägung ziehen, dass sie buchstäblich verbluten könnten. Oft ist es ein Hilfeschrei, weil sie sich selbst nicht helfen können.

 

Leute, die einen Selbstmordversuch unternehmen, wissen einfach nicht mehr, wie sie weiterleben sollen. Sie wollen ihr Leiden beenden, aber weil es das Selbst ist, das leidet, entscheiden sie sich, das Leben zu beenden. Wenn man ihnen versprechen könnte, das Leiden zu beenden, würden sie nicht sterben wollen. Selbst ein kleiner Hoffnungsschimmer kann den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Schauen Sie sich Filmstars wie Marilyn Monroe an, die anscheinend alles einschließlich Fans hatten, die sie bewunderten, und sich dennoch völlig ungeliebt und elend fühlten. Die brauchen nicht mehr Liebe; schließlich fehlt es nicht an der Liebe von Millionen Leuten. Nun mag Sie das überraschen, aber das ist das Entscheidende: Diese Menschen müssen sich von den Leuten ungeliebt fühlen, die in ihrem Leben zählten: ihre Eltern. Wenn sie dieses Gefühl wiedererleben, löst es die Blockaden im System und wirkt befreiend.

 

Damit ein Mensch wieder glaubt, dass es einen Grund gibt, um am Leben zu bleiben, damit er sich nicht wieder suizidalen Gedanken und Plänen zuwendet, muss er schließlich in einer geeigneten therapeutischen Umgebung die Originalgefühle erleben, die seiner Hoffnungslosigkeit zugrunde liegen. Der Patient muss gegenwärtige Verlustgefühle und Traurigkeit von alten Verzweiflungsgefühlen trennen.

 

Nur Hoffnung zu spenden, ohne dass der Patient die Hoffnungslosigkeit fühlt, ist nicht heilsam. Das hilft nur oberflächlich, wie zum Beispiel die guten Ratschläge des YMCA. Aber die Fähigkeit des Menschen, Depression und Selbstmordneigung zu beenden, liegt im Erleben der Hoffnungslosigkeit.

 

„Nun,“ könnte man sagen, „ich war völlig hoffnungslos, weil ich meine Freundin verloren habe. Das sollte reichen.“ Dem ist nicht so; die Hoffnungslosigkeit muss in ihrem Originalzusammenhang gefühlt werden, sonst heilt sie nicht. Das abgespeicherte Originalgefühl muss zu Bewusstsein gebracht werden, so dass es nicht mehr ausgelöst werden kann. Es liegt Hoffnung in der ursprünglichen Hoffnungslosigkeit, wenn sie in einer sicheren, warmen Atmosphäre gefühlt wird. Wenn jemand die völlige Hoffnungslosigkeit ganz früh im Leben gefühlt hat, wandelt sie sich in Hoffnung, und niemand muss ihm oder ihr noch Hoffnung anbieten. Die Person ist auf dem Weg zur Gesundheit, wenn es weniger schwer fällt zu leben als sich umzubringen. Die Hoffnung, die sie jetzt hat, ist Wirklichkeit und keine Fantasie.

 

Das Gefühl der Niederlage besiegen

 

Solange ein bisschen Hoffnung flackert, lässt sich der Tod vermeiden. Wenn aber die Ex-Partnerin die Scheidung einreicht und einen anderen heiraten will, ist die letzte Spur von Hoffnung dahin. Wenn ein Mann, der von seiner Frau verlassen wurde, auch von seiner Mutter verlassen worden war, als er ein kleines Kind war (oder wenn seine Mutter emotional abwesend war), wird der angehäufte Schmerz überwältigend sein. Wenn die Ehefrau geht und mit einem anderen zusammenlebt und wenn die Mutter dasselbe tat, als das Kind klein war, resoniert der gegenwärtige Schmerz mit der Vergangenheit und macht die Agonie fatal. Es hat erschütternde Wirkung, wenn eine Mutter das Zuhause verlässt und die Kinder in die Hände eines tyrannischen betrunkenen Vaters gibt oder in die Hände eines gefühllosen Steins von einem Mann, der überhaupt keine emotionalen Reaktionen zeigt. Für das Kind ist die Sache unlogisch. Es kann sich nicht vorstellen, dass das Leben weitergeht, weil es in seinen Gefühlen immer noch der gequälte kleine Junge ist, völlig allein, hilflos, entfremdet – hoffnungslos. Wir als Therapeuten können dem Erwachsenen Hoffnung geben, aber der kleine Junge im Mann ist noch immer da und leidet.

 

Es gibt Stufen der Sinnlosigkeit, die sich mit jedem Trauma aufbauen, wenn wir klein sind. Mit 30 Jahren den Partner zu verlieren ist lediglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, wenn wir als kleines Kind ein ähnliches Trauma erlitten, wie zum Beispiel den Verlust eines Elternteils. Die Kraft dieses angehäuften Urschmerzes kann die wichtigste Grundtendenz des Lebens – Überleben – umkehren und den Selbstmord logisch scheinen lassen.

 

Die Essenz vieler Selbstmordversuche ist Hoffnungslosigkeit. Der Überlebensinstinkt lässt sich nur besiegen, wenn die Psyche so geschädigt ist, dass sich der Instinkt fürs Leben umkehrt und der Tod zum Ziel wird. Suizid ist die Option eines Organismus, der zerstört worden ist und dem es so an Liebe und vor allem an Hoffnung fehlt, dass es keine Erholung gibt. Selbstmord scheint eine logische Handlung eines ruinierten Organismus zu sein, einer Kindheit ohne Wärme, Fürsorglichkeit und Freundlichkeit. Er sagt: „Nichts, was ich jetzt tun kann, funktioniert. Nichts holt mich aus dem Schmerz heraus. Nichts gibt mir das Gefühl, dass ich geliebt und gewollt bin. Es lässt sich nichts mehr machen, es gibt kein Ausagieren, keine Hoffnung mehr.“ Dann kommt es zum Selbstmord, dem äußersten Selbstzerstörungsakt.

 

Wenn der Mann, der sich umzubringen versucht, weil seine Frau mit einem anderen weggelaufen ist, sein Urbedürfnis (nach seiner Mutter) tief hätte fühlen können, dann hätte sich der Drang zum Selbstmord abgeschwächt. Zuerst muss er den gegenwärtigen Verlust fühlen, in das Verlustgefühl eintauchen und dann in die Vergangenheit reisen, wo der Prototyp liegt. Das Problem ist, dass er das nicht ohne Hilfe machen kann, weil die Verdrängung der alten Erinnerungen das Gefühl in der Gegenwart und den Brennpunkt außen hält.

 

 

Die Evolution suizidaler Gefühle (Der elektrische Schaltkreis)

 

Wie ich früher erklärt habe, involviert der Selbstmord typischerweise den Ablauf der Geburtssequenz. Wenn die Schmerzvalenz in der Gegenwart hoch genug ist, kann sie den alten gleichermaßen schmerzvollen Prototyp auslösen, der sich dann des Lebens bemächtigt, indem er den Ablauf der Originalsequenz inszeniert. Da der Tod die logische Auflösung des Originaltraumas war, bringt er sich in die Gegenwart ein und zwingt die Person, jetzt den Tod in Betracht zu ziehen. Wir haben gesehen, wie beim Parasympathen der Geburtsprototyp mit dem Erlebnis der Todesnähe endete, wobei der Tod als einzige Möglichkeit gesehen wurde, die Qual zu beenden. Depression betrifft Leute, deren Geburt im Wesentlichen ein Kampf-und-Scheitern-Erlebnis war, das mit Düsternis, Verzweiflung und Niederlage endete.

 

Der Ablauf der Geburtssequenz bleibt sich selbst treu und weicht in der Regel nicht ab; er ist wie ein elektrischer Schaltkreis. Wenn ein Gegenwartsereignis stark genug ist, um die Geburt auszulösen, dann kann man die Handlung der Person voraussagen. Wenn man zum Beispiel durch Unfall oder Krankheit ein Kind verliert, setzt ein Gefühl großer Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit ein, das möglicherweise zu suizidalen Gedanken oder Handlungen führt. Einer der Gründe dafür ist, dass es durchaus möglich und sogar wahrscheinlich ist, dass der Elternteil sein Leben durch das Kind gelebt hat. Die Mutter lebt in ihrer eigenen Kindheit, verhätschelt das Kind und will es aufgrund ihres eigenen Bedürfnisses immer in ihrer Nähe haben. Der Tod des Kindes macht folglich jede Chance der Mutter zunichte, ihre eigene Kindheit wiederzuerleben, und dann kann es zu Depression kommen, weil alle Optionen beseitigt worden sind. Man fragt sich vielleicht, wie das möglich ist. Der Grund ist, dass das frühe Trauma das Verhalten des Erwachsenen infiltriert, so dass sie oder er nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden kann.

 

 

Dina

Es war Herbst, und ich war 7 Jahre alt. Ich erinnere mich, dass ich an diesem Tag traurig und allein war und aus irgendeinem unbekannten Grund sehr viel Angst hatte. Ich ging in den Wald, was ich immer dann getan habe. Es gab da eine riesige Eiche, auf die ich immer kletterte, wenn ich Platz und Ruhe für mich selbst wollte. An jenem Tag erreichte ich die Baumkrone und hatte ein gewaltiges Gefühl wie: „Ich hab’s geschafft. Das ist jetzt mein Platz.“ Lange Zeit hielt ich meine Augen geschlossen. Die Sonne und der Himmel schienen mir ganz nahe zu sein, und der Wind war sanft. Ich war ganz nahe dran, mich glücklich zu fühlen und die Welt um mich zu vergessen.

 

Plötzlicher Starkwind brachte mich in die Realität zurück. Ich hatte Angst davor, diesen neugefundenen Platz zu verlieren und den Schmerz fühlen zu müssen, in eine Welt zurückgezogen zu werden, in der ich nicht sein wollte. Ich wurde dann zornig und beschloss, gegen die Natur zurückzuschlagen. Ich kletterte hinunter, und da sah ich einen alten und morschen Ast. Ich stieg auf ihn und traf die Entscheidung, dass ich fallen wollte. So fiel ich von einem hohen Ort; ich prallte mit dem Kopf auf und verletzte mir meinen linken Arm. Aber sonst war nichts passiert. Ich fing an, meinen Körper mit den Blättern um mich herum zuzudecken, besonders meinen Kopf, Nase und Mund. Ich lag da eine ganze Weile und wollte mich nicht bewegen. Dann wurde es dunkel, und ich fürchtete, meine Mutter könnte wütend auf mich sein. Ich stand auf und ging nach Hause, fühlte mich sehr hoffnungslos, traurig und desillusioniert.

 

Zwei Tage später sah meine Mutter meinen jetzt geschwollenen linken Arm und fragte mich, was passiert war, aber ich konnte ihr nicht sagen, dass ich ein „neues Zuhause“ suchte, und so gab ich vor, es nicht zu wissen. Sie wurde wütend auf mich und bandagierte meinen Arm. Ich spürte, wie mir die Tränen kamen und versuchte angestrengt, sie hinunterzuschlucken.

 

Jahre später, als ich 12 oder 14 war, machte ich mit meiner Schulklasse einen Landausflug. Da war ein großer See, und ich ging hinein und schwamm mitten hinaus auf eine kleine Insel, die dort war. Ich lag am Ufer auf dem Rücken, vergaß die Zeit und die Welt um mich und fühlte mich unglaublich getröstet und liebkost. Dann spürte ich, wie die Kälte in meinen Körper kroch, meine Arme und Beine lähmte und meinen Herzschlag verlangsamte; meine inneren Organe beruhigte. Nach einer Weile ging ich wieder in den See, und mein Körper und das umgebende Wasser fühlten sich wie eins, und ich hatte wieder dieses vertraute Gefühl, meinen Körper total aufzugeben und ihn treiben zu lassen, wohin auch immer die Strömung ihn tragen würde. Plötzlich eine brutale Berührung, eine wütende Stimme, und mein Lehrer zog mich aus dem Wasser und brachte mich in diese Welt zurück. Er war sehr wütend auf mich und brüllte mich an. Ich zitterte ganz schön, Tränen traten mir in die Augen, und ich schämte mich, als hätte ich etwas falsch gemacht, als wollte ich nicht, dass er weiß, was ich draußen auf dem Wasser wirklich gefühlt habe. Ich war sehr traurig, wusste aber nicht warum. Ich war gleichzeitig wütend, wusste aber ebenso nicht warum.

 

Das dritte Mal, dass ich eine unvergessliche Erinnerung auf einem See hatte, war, als ich 29 Jahre alt war. Wieder ging ich schwimmen und vergaß die Welt um mich. Mit einer Gruppe von 20 Erwachsenen besuchten wir einen kalten See in den Bergen von Italien. Wieder fühlte ich mich unwohl, als ich mit der Gruppe zusammen war, und bekam dieses lebenslange Gefühl, zu niemandem zu gehören. Ich schwamm hinaus, um Platz für mich selbst zu haben. Es gefiel mir, so lange und so oft zu tauchen, wie ich konnte. Ich blieb da länger als eine Stunde in diesem kalten Wasser, meistens ganz in seinen Tiefen abgetaucht, ohne dass mir kalt war. Ich wollte nicht zu den anderen zurück und erlebte nur ein aufgeregtes Gefühl, was geschehen könnte, wenn mir der Atem stockte.

 

Ich war glücklich. Ich liebte es, meinen Atem anzuhalten; ich versuchte so angestrengt, wie es nur ging, die Luft anzuhalten. Ich liebte es, eine Art Furcht zu fühlen, dass ich nicht genug Luft habe. Jedesmal missfiel mir der Augenblick, wenn ich auftauchen und Atem holen musste. Dann schwamm eine Frau zu mir hinaus und zwang mich zurückzukommen, weil sie alle sehr besorgt waren. Ich genierte mich wieder, als mich alle ansahen und Witze darüber machten, dass ich so lange im Wasser war.

 

Das letzte halbe Jahr, bevor ich in die Therapie kam, dachte ich oft, dass ich anfangen sollte, starke Schlaftabletten zu sammeln für den Fall, dass die Therapie mir nicht hilft. Und ich habe noch immer das Gefühl, dass ich lieber meinen Körper Schluss machen lassen würde, wenn ich den Schmerz nicht überwinden kann.

 

Ich bin jetzt 41 Jahre alt. Ich bin seit fünf Monaten in Primärtherapie. Ich fühlte mich unglaublich traurig und schrecklich unglücklich, als ich anfing. Einmal war ich am Strand, als ein starker Wind aufkam. Ich schaute meinen Mann und meine zwei Kinder an, als mir plötzlich der Bauch weh tat und mein Körper zu zittern anfing. Ich wurde sehr nervös und hatte den Impuls: „Ich muss gehen.“ Die Wellen waren sehr hoch, und ich beschloss, ins Meer zu gehen und zu versuchen, mich zu entspannen. Eine Welle wuchs so hoch, dass ich den starken Wunsch verspürte, mich in sie fallen zu lassen. Die Welle warf mich durchs Wasser. Ich fühlte den Druck und das Vergnügen, meinen Körper loszulassen, mich von der Kraft der Welle tragen zu lassen. Ich schlug mit dem Kopf einige Male hart auf dem Sandgrund auf. Ich wurde immer wieder mit dem Gefühl herumgewirbelt, dass es keine Luft gab. Ich musste atmen. Ich öffnete meinen Mund, der sich sofort mit Wasser füllte. Ich war sehr aufgeregt. Dann warf mich die Kraft des Wassers in Sekundenschnelle aus der Welle. Ich glitt in Richtung Strand, und plötzlich war es vorbei. Ich kann immer noch den Moment der Erleichterung spüren und sowas wie Resignation, dass es vorbei war. Ich ging zu meiner Decke zurück, und mein ganzer Körper zitterte stark. Ich hatte Angst, wusste aber nicht genau warum, und ich wollte weinen, konnte aber nicht.

 

Ich kann und will nicht sagen, dass ich suizidal bin. Aber in bestimmten Augenblicken meines Lebens habe ich ein starkes Verlangen, einen Punkt zu erreichen, wo ich entspannen kann, einen gewissen Frieden habe, wo alles zu Ende ist. Im Wasser komme ich dazu, das zu tun, was ich wirklich tun will, und es ist mir gleich, dass es mir den Tod bringen könnte. Wenn mich im Inneren das Gefühl ausfüllt, dass alles zu viel ist, möchte ich kämpfen, habe aber keine Ahnung wogegen. Wenn mich dieses schreckliche Gefühl erfasst, dass mir nichts gelingt, dass ich nichts bekommen kann, das mir Befriedigung verschafft, dann möchte ich, dass äußere Umstände die Macht ergreifen, und ich mache mir nichts aus den Folgen. Aber insgeheim warte ich darauf, dass mich jemand herauszieht und rettet, genau wie es bei meiner Geburt geschah.

 

Ich hatte diese Gefühle oft in meinem Leben; das Hauptgefühl ist: „Es gibt keinen Ausweg, und es hat keinen Zweck, es weiter zu versuchen.“ Das habe ich oft gefühlt, besonders als mein erster Mann bei einem Streit seine Hände um meinen Hals legte, so dass ich keine Luft bekam.

 

Ich habe immer den Gedanken gehabt, dass ich etwas tun muss, wenn ich meinen Frieden will; dass ich ohne die Hilfe eines anderen nicht sterben kann. Wenn ich in tiefes rauhes Wasser gehe, bekomme ich von ihm meine Hilfe. Wenn ich gewisse Medikamente nehme, bekomme ich die realen Körperempfindungen, die ich will. Ich will einfach, dass das alles ohne Warten aufhört. Ich habe immer noch mehr Angst davor, auf dieser Welt und lebendig zu sein, als dass ich den Tod fürchte.

 

In den Therapiesitzungen habe ich das Gefühl, dass ich mit meinem Kopf sehr hart gegen die Matratze schlagen muss. Jetzt erkenne ich das Gefühl, langsam gelähmt zu werden, wenn ich auf meinem Rücken schwimme, und nicht mehr atmen zu können. Wenn ich meine Geburt wiedererlebe, kann ich nicht atmen.So weit ich mich zurückerinnern kann, hat mich Wasser schon immer fasziniert. Jeder schmutzige kleine See macht mich traurig, weil ich darin nicht schwimmen kann. Im Winter habe ich den tiefen Wunsch, mit meinen Kleidern an hineinzugehen. Im Wasser will ich keine Gesellschaft. Ich muss das Gefühl haben, dass es für mich allein da ist. Seit ich mehrere Geburtsfeelings hatte, bin ich mir mehr darüber bewusst, was sich abspielt, wenn ich im Wasser schwimme. Es bringt mich zum Mutterleib zurück.

 

Das erste Primal-Erlebnis brachte mich in Schreckens- und Einsamkeitsgefühle. Ich begreife meinen Bewegungsdrang, den ich nie zuvor verstanden habe. Ich fühle diesen Konflikt, bleiben zu wollen, wo ich bin (wo es sicher ist), und gleichzeitig ein Gefühl, herausgezogen zu werden, bevor ich bereit bin. Da ist verzweifelte Wut und Panik. Ich schreie: „Bitte verstoß’ mich nicht!!“ Nach diesem Wiedererlebnis verschwand mein lebenslanges Gefühl von „Ich gehör nirgends dazu“. Ich wollte immer zu meiner Mutter gehören, aber es sollte nicht geschehen. Sogar bei der Geburt wurde ich „verstoßen.“ Das steckte hinter meinem ganzen Leben voller Ruhelosigkeit, die ich ausagierte, indem ich um die ganze Welt reiste. Ich konnte es nirgends länger als ein paar Stunden aushalten. Dieses Problem hat sich erledigt. Ich habe gefühlt, dass ich bei der Geburt ertrank, an Flüssigkeit erstickte. Oft fühlt es sich an, als möchte ich mich bewegen, aber meine Beine funktionieren nicht. Nur mein Kopf bewegt sich mit Mühe. Manchmal, wenn ich die schreckliche Angst fühle, will mein Körper gegen die Matratze schlagen, so hart er nur kann. Und genau dort ist der Anfang des Gefühls: „Ich kann an meiner Zwangslage nichts ändern.“ Ich musste schreien, ohne zu verstehen, was los war. Jetzt weiß ich Bescheid.

 

Je mehr ich dieses Gefühl des Ertrinkens erlebe, umso weniger denke ich daran, mich in einem See zu ertränken. Noch wichtiger ist, dass ich nicht mehr den Drang verspüre, ins Wasser zu gehen, wenn ich in der Nähe eines Sees oder am Meer bin. Aber ich mag die Vorstellung, im Wasser zu sein, nach wie vor. Und wenn ich sterben muss, dann auf diese Weise.

 

 

 

 

Kapitel 11

 

Du stirbst, wie du geboren wurdest




Der Tod besteht nicht nur als Erinnerung im Nervensystem fort, sondern Selbstmörder wählen auch oft eine Methode, die den Prototyp ihrer Geburtserfahrungen widerspiegelt. So hängen sich Leute auf, die von der Nabelschnur stranguliert wurden, oder jemand, der oder die bei der Geburt betäubt wurde, entscheidet sich für eine Überdosis Tabletten. Warum? Wegen des Prototyps. Für ein Neugeborenes, das von der Nabelschnur stranguliert wurde,  hätte weitere Strangulierung die Agonie beendet. Wer bei der Geburt in amniotischer Flüssigkeit zu ertrinken drohte, wählt den Tod durch Ertrinken. Ein Fallbeispiel: Der Autor und Schauspieler Spalding Gray war ein Leben lang vom Ertrinken besessen. Er schwamm immer so weit er nur konnte aufs Meer hinaus, bis zum Punkt der Erschöpfung, und kämpfte und mühte sich dann, es zurück zu schaffen. Er brachte sich um, indem er mitten in der Nacht von der Staten-Island-Fähre sprang. Sein Selbstmord spiegelte seine Geburt wider, und er starb, wie er geboren wurde. Was tatsächlich bei jedem Fall großen Stresses ins Spiel kommt, ist der Resonanzfaktor, der sich auf seinen Weg die Schmerzkette hinab begibt, so dass sich das ursprüngliche Geburtstrauma in späteres Verhalten einbringt. Wir spulen wieder die Originalsequenz ab. Im Fall von Spalding Gray stelle ich die Hypothese auf, dass er bei der Geburt vielleicht zu ertrinken drohte und das Ende der Originalsequenz der Ertrinkungstod wäre. Gray hatte einige Zeit vor seinem Selbstmord eine gräßlichen Autounfall, und ich glaube, dass dieses hohe Schmerzniveau auch die ursprüngliche Agonie auslöste, die zu seinem Tod führte. Das soll den Schmerz in der Gegenwart nicht herunterspielen; manchmal ist er durchaus verheerend und kann ein suizidales Niveau erreichen. Aber es ist die Zugabe frühen Schmerzes, die einen Menschen oft zu einem Selbstmordversuch treiben kann.

 

Leute, die bei der Geburt eine massive Dosis Anästhesie abbekamen, nehmen vielleicht eine Überdosis Barbiturate oder vergasen sich in ihrer Garage. Und so fort. Das ist natürlich nicht immer der Fall, aber wir stoßen oft darauf, wenn wir mit unseren Patienten reden und sie beobachten. Ich erinnere mich an einen Patienten, der sich einen Dynamit-Vorrat zulegte; nachdem er bei der Geburt Anoxie erlebt hatte, wollte er sich eine Stange an seinen Kopf halten und ihn wegblasen, so dass er keine Sekunde lang Schmerz und Hoffnungslosigkeit fühlen müsste. Er lacht jetzt darüber, aber damals erzählte es Bände über seine Verzweiflung. Eine andere Patientin war davon besessen, von einem Gebäude zu springen. Während ihrer Kaiserschnitt-Geburt hatte diese Frau das Gefühl, in der Luft zu hängen und sich nirgends festhalten zu können. Ein anderer Patient, der bei der Geburt gestoßen und gequetscht wurde, hatte den Zwangsgedanken, sich mit dem Kopf voran von einer Brücke zu stürzen.

 

Der obige Fall zeigt wieder, dass sich Patienten auf dieselbe Weise umbringen wollen, wie sie bei der Geburt gestorben wären. Wenn Sie eine Vorstellung von Ihrer Geburt bekommen wollen, sehen Sie sich Ihr Sexleben an. Wenn Sie herausfinden wollen, wie das zukünftige Sexleben eines Kindes aussieht, schauen Sie auf seine Geburt. Wenn Sie also Ihr eigenes Sexmuster voraussagen wollen, sehen Sie sich Ihre Geburt genau an. Sie ist äußerst aufschlussreich. Wenn Sie etwas über den Ursprung Ihrer Depression erfahren wollen, überprüfen Sie Ihre Geburt. Wenn Sie Ihre Geburt überprüfen, finden Sie mögliche Hinweise, um spätere Depression vorauszusagen. Und wenn wir etwas über unsere Geburt und die Zeit davor erfahren wollen, müssen wir unsere Depression erforschen und uns in sie vertiefen. Was schließlich herauskommt, sind die Geheimnisse unseres Lebensanfangs.

 

Kürzlich führte ich eine formlose Umfrage durch, in der ich meine Patienten über ihre Selbstmordversuche oder ihre Fantasien bezüglich der Selbstmordart befragte. Die Parasympathen wählten fast ausnahmslos den passiven Ausweg – Schlaftabletten. Sie zogen es vor, auf einen langsamen, sicheren Tod zu warten. Es waren auch ausnahmslos diejenigen, die bei der Geburt betäubt worden waren. Übrigens würden es die am schwersten Betäubten vorziehen, sich bei laufendem Motor auf den Rücksitz eines Autos zu legen und sich von den Abgasen in den Tod befördern zu lassen. Eine andere Patientin, die im frostkalten Winter in Europa zuhause geboren wurde, wo es wenig warm war, zog es vor, in den Schnee hinauszugehen und zu erfrieren. Sie hörte, dass sei der friedvollste Weg aus dem Leben.

 

Im Gegensatz dazu wählten die Sympathen die aktivste Todesart: eine Kugel in den Kopf. Einer sagte: „Ich kann mir nicht vorstellen, herumzusitzen und auf den Tod zu warten wie diejenigen, die im Auto sitzen.“ Ein anderer Sympath sagte, dass Ertrinken zu lange dauere und die Erwartung zu viel Schrecken mit sich bringe: „Ich ziehe es vor, vor einen Zug zu springen. Es ist schnell und sicher.“ Bei der Geburt wurde er völlig „demoliert“, erlitt körperlichen Totalschaden, als er sich wand und drehte, um herauszukommen. Er weiß, dass es externe Rotation gab, weil er sich in der falschen Lage „präsentierte“ und neu ausgerichtet werden musste. Beide Sympathen wollten sich den Kopf mit einer Schrotflinte wegblasen, so dass es kein Warten sondern eine große Sauerei geben würde.

 

Das Erstaunliche bei allen diesen Leuten ist, dass sie feste Vorstellungen von ihrem Suizid hatten, die sich in ihren Geburten widerspiegelten, und sie zogen nie eine andere Art zu sterben in Erwägung.

 

Warum trifft das zu? Weil beim ersten und wichtigsten Mal, als das Baby dem Tod nah kam, er oder sie dennoch überlebten, und zwar durch eine Überlebensstrategie, die sie damals anwandten, durch Passivität oder Aggressivität. Die Formel sieht so aus:  Als es gegen Ende des Traumas Erleichterung von dem Gefühl der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit gab, ergab sich die Erkenntnis, dass man leben wird. Aber der Mensch wird das Trauma im Leben immer wieder neu erschaffen, da er noch immer versucht, es zu meistern. Bei einigen Patienten trat das Gefühl auf, dass sie wieder anästhetisiert werden müssten (indem sie Schlaftabletten nahmen), um leben zu können. In den meisten Fällen geht der Versuch nicht dahin zu sterben, sondern zu leben. Man muss jedoch dem Tod nahekommen.

 

Eine Patientin, deren Geburt ein gewaltiger Kampf ums Herauskommen war und die damals in Flüssigkeit zu ertrinken drohte, hatte den Wunsch, bei schwerem Wellengang ins Meer zu gehen, gegen alle Widrigkeiten anzukämpfen und dann in den Ertrinkungstod zu gleiten. Sie suchte nach Betäubung, aber irgendwie war sie gezwungen, zuerst lange Zeit zu kämpfen; das Betäubungsgefühl sollte erst danach kommen. Es kam ihr nie in den Sinn, einfach Tabletten zu nehmen und sich zu betäuben. Ich sollte hier hinzufügen, dass viele Patienten, die ihre Geburt wiedererleben, tatsächlich Unmengen an Flüssigkeit hochbringen und zu ertrinken scheinen.

 

Natürlich spielen auch Gelegenheiten, Lebensumstände und kulturelle Sitten eine Rolle bei der Frage, welchen Weg aus dem Leben jemand nimmt. In Japan ist es vielleicht Selbstmord mit einem Dolch, den sich jemand in den Bauch stößt. Aber wir haben herausgefunden, dass es im Allgemeinen zutrifft, dass Leute beim Selbstmord so sterben, wie sie geboren wurden. Man stirbt auf die Art und Weise, wie man gestorben wäre, wenn das Geburtstrauma tödlich verlaufen wäre.

 

Aber bedenken Sie, dass es nicht nur das Geburtstrauma ist, dass den Selbstmord verursacht. Wenn man in der Kindheit nicht geliebt wird, verschlimmert und verstärkt das suizidale Tendenzen, die vielleicht bereits existieren. Eine suizidale Frau hatte den ständigen Impuls, sich einen Revolver in den Mund zu stecken und sich auf diese Weise zu töten. Sie hatte eine ziemlich normale Geburt, war aber in sehr jungem Alter oral vergewaltigt worden. Das Trauma wurde eingeprägt und verfolgte sie ihr ganzes Leben lang.

 

Andere hatten ähnliche Neigungen. Einer unserer Patienten zum Beispiel behauptet, dass ihm seine Eltern von früh auf den Mund mit Seife auswuschen, wenn er ein „schmutziges Wort“ von sich gegeben hatte. Das Trauma betraf seinen Mund, und der Weg aus dem Leben sollte über den Mund erfolgen. Genau auf diese Weise wollte er sich selbst bestrafen. Er hörte schon sehr früh im Leben auf, sich mit Worten zu äußern. Der Revolver sollte sagen, was er nie zu sagen wagte: „Ich bin schlecht, wertlos, mein Leben ist nicht lebenswert.“ Alle, die je eine Selbstmordfantasie hatten und sich noch erinnern, was sie war oder ist, haben eine ziemlich gute Vorstellung davon, welche Traumen ihnen bei oder um die Zeit der Geburt widerfuhren.

 

 

Andre

 

Ich habe vielleicht 10 Mal im Monat suizidale Anwandlungen, wobei ich das Gefühl habe, das Beste für mich sei, „jetzt“ zu sterben. Ich verbinde schwere Depression immer mit suizidalen Gedanken. Das Leben hat keinen Sinn mehr, und wenn der Druck intensiv wird, fühle ich nichts; es ist einfach Leiden. Ich möchte mich einfach zu Tode schlafen (Kurzfristig ist Schlaf eine Art Tod), oder dass mir jemand einfach die Augen schließt, so dass ich tot bin. Oft hoffe ich, dass jemand die letzte Energie aus mir heraussaugt. Dann bin ich frei. Die letzte Energie hält mich am Leben. Ich bin zu feige, um von einer Brücke zu springen oder mich zu erschießen. Ich möchte so passiv sterben, wie ich nur kann; einfach verschwinden. Ich handle so. Ich war und bin so. Die Leute behandeln mich, als würde ich nicht existieren. Meine Eltern behandelten mich so, und jetzt will ich nicht mehr leben, außer ich weiß, dass die Therapie allmählich diese Gefühle wegnimmt.

 

 

Fabio

 

Bei meinem ersten Selbstmordversuch war ich 17. Es geschah ganz plötzlich, als meine Freundin mir sagte, dass unsere Beziehung vorbei sei. Ich war „verrückt“ nach ihr und befand mich in einer chancenlosen Beziehung, wo sie von einem Jungen verwirrt war, den sie schon hatte! Auch meine Eltern steckten in einer chancenlosen Beziehung, die immer schlechter wurde; sie verließen einander und stritten sich die ganze Zeit.

 

In meiner Familie drohte immer der Selbstmord. Es fing damit an, dass meine Mutter eine große Menge Schlaftabletten nahm und ihrer Schwester einen Brief hinterließ, in dem stand: „Bitte pass’ gut auf meine zwei Kinder auf. Ich kann mein Leben so, wie es ist, nicht mehr ertragen.“ Mein Vater rannte die Tür ein und fuhr sie im Bruchteil einer Sekunde in die Notaufnahme. Ich war 11 Jahre alt. Von da an hatte ich sehr viel Angst, dass jemand in meinem Zimmer sein könnte. Ich legte mein Ohr  an die Tür, um auch das leiseste Geräusch zu hören.

 

Dann, im Alter von 17, war ich an der Reihe, als dieses Mädchen mit mir Schluss machte. Ich fühlte mich verlassen. Das war mehr Zurückweisung, als ich zu dieser Zeit verkraften konnte. Später fand ich heraus, dass es mit einer frühen Trennung von meiner Mutter in Verbindung stand. Ich nahm damals eine große Menge Schlaftabletten. Das hatte mit meiner Geburt zu tun, weil meine Mutter während der Wehen Beruhigungsmittel bekam. Ich schlitzte mir die Handgelenke auf, um den extremen Schmerzzustand, in dem ich mich befand, zu zeigen und zu rechtfertigen. Es sagte wirklich: „Was muss ich tun, damit du siehst, dass ich Hilfe brauche?“ Ich schrieb dann die Worte „Ich liebe euch alle“  auf meinen rechten Arm, damit meine Familie keine Schuldgefühle wegen meines Selbstmords haben würde.

 

Der Schmerz, den ich zeigen wollte, indem ich meine Handgelenke aufschlitzte, war das größte verdrängte Ereignis meines Lebens, das Ereignis, das ich nicht erkannte und niemandem erzählen konnte: Mein Onkel vergewaltigte mich vom Alter von 4 bis 9. Er vergewaltigte auch meine Schwester. Ich war mir dieser Vergewaltigung nicht bewusst, bis ich sie in der Therapie entdeckte. Ein Ergebnis der Therapie ist, dass ich die Schmerzüberlastung von mir genommen habe und mein Leben „normal“ leben kann. Ich denke jetzt nie an Selbstmord.

 

Alle Gefühle, die sich um den Selbstmord drehten, kamen plötzlich mit ihrer ganzen Intensität hoch, nachdem sie von einem schmerzvollen Ereignis ausgelöst  worden waren. Ich wusste nie, was es war, aber es brachte mich schrecklich durcheinander. Hätte ich die Verlassenheits- und Zurückweisungsgefühle aus meiner Kindheit fühlen können, hätte ich leben können, obwohl mich meine Freundin verlassen hatte. Alles, was ich mit dem Selbstmord versuchen wollte, war, den Schmerz zu töten. Leider schloss mich das mit ein.

_________

 

 

Eines der Schlüsselsymptome bei Depression ist Verwirrung. Wir haben entdeckt, dass depressive Verwirrung von frühen Ereignissen stammen kann. Bei einem Fall kam eine Patientin verwirrt in eine Sitzung; sie wusste nicht, was nicht stimmte, was sie tun oder wie sie fortfahren sollte. Ihr verwirrter Zustand stammte aus einer Geburtssequenz. Lassen Sie mich gleich klarstellen, dass ich mir das nicht ausgedacht habe; die Patientin erlebte eine Steißgeburt wieder, bei der alles schiefzulaufen schien. Davon wusste sie offensichtlich nichts. Es war lediglich so, dass dieses Ereignis einen Verwirrungszustand einprägte, der die Dinge zu klären schien, nachdem er wiedererlebt worden war. „Nach vier Monaten der Verwirrung, in denen ich darauf wartete, dass mir mein Freund mitteilen würde, wie er emotional zu mir steht, beschloss ich, einen Brief zu schreiben, der unsere Beziehung beenden sollte. Ich kämpfte tagelang mit diesem Brief.  Mir war, als würde ich schrecklich kämpfen, um meine Verwirrung und mein Leiden zu beenden. (Später fand ich heraus, dass ich um mein Leben kämpfte und zu verstehen versuchte, was los war.) Ich schien nie zu verstehen, was los war. Wenn ich zur Arbeit ging, überkam mich totale Verwirrung und Übelkeit. Ich rannte ins Primal Center. Ich fing zu weinen an, wusste nicht, was ich tun oder fühlen sollte. Es war totale Verwirrung. Ich hatte immer versucht, meinen Freund dazu zu bringen, dass er alles ausknobelt. Ich möchte, dass er unsere Situation analysiert und zu einem vernünftigen Schluss kommt. Dann weinte ich wie eine 5-jährige. Ich war in der Schule und wartete darauf, dass meine Mutter kommt. Sie vergaß, mich mitzunehmen, und ich war verwirrt. Sie war nie für mich da, und ich habe nie verstanden warum. Dann glitt ich hinab zu einer eigenartigen Geburt; alles war rückwärts und ein großes Durcheinander. Ich konnte nichts verstehen. Durch die Anästhesie war ich völlig außer Gefecht gesetzt und kam da wie besoffen raus. Mir war, als wüsste mein Körper nicht, wohin er gehen oder was er tun sollte. Das alles verstärkte sich noch, weil meine Eltern mir nie etwas erklärten. Ich spürte den Schrecken des Todes, als die Geburt begann. Ich habe immer Führung gebraucht. Ich wollte sie von meinen Eltern und dann von meinem Freund – dass er mir sagt,  was wir mit unserer Beziehung machen sollen. Zm ersten Mal in meinem Leben habe ich einen klaren Kopf und kann beenden, was ich begonnen habe. Ich vermute, wer immer das liest, wird denken, ich sei verrückt, aber sobald jemand das fühlt, was ich gefühlt habe, denkt er oder sie das nicht mehr.“

 

Weil die Einprägung so früh war und so tief im Gehirn weit unterhalb von Gedankenprozessen aufgezeichnet wurde, ist klar, warum sie immer verwirrt war und mit ihren Gedanken nichts herausfinden konnte. Sie war ständig im Griff des präverbalen Gehirns, wo Worte und Gedanken nicht existierten. Wenn sie in London eine Straße finden wollte und auf den Plan in der U-Bahn schaute,  war sie geistig völlig blockiert und konnte nicht herausfinden, wohin sie fahren musste. Eine Möglichkeit, ihrer Verwirrtheit ein Ende zu setzten, bestand darin, mit der Sinnsuche aufzuhören und etwas zu fühlen, dass keinen Sinn hatte. Dann klärte sich ihr Verstand dialektisch. Sie hatte immer Freunde, die ihr gegenüber ambivalent waren. Sie waren wie ihr Vater, der immer für Chaos sorgte. Ihr Vater steckte finanziell immer in Nöten. Er trank, schrie und handelte unvorhersehbar. Er war inkonsequent, und sie wusste nie, was von ihm zu erwarten war. Ihr subtiles Ausagieren bestand darin, alles übertrieben ausführlich zu erklären, so dass die Leute nicht verwirrt wären. „Vorher war ich jedes Mal völlig verwirrt, wenn ich eine Entscheidung treffen musste, und wenn es auch nur im Lebensmittelladen war. Ich wartete immer darauf, dass ein anderer die Entscheidung treffen würde (sogar wenn es ums Bestellen im Restaurant ging). Es war schrecklich, weil es immer die Entscheidung von anderen war, als ob die mein Leben leben würden. Immer das zu tun versuchen, was andere wollen, ist keine Lebensweise.“

 

Ihre Einsicht in ihr Kontrollverhalten gegenüber Freunden lautete, dass die sie dadurch nicht mit zu vielen Informationen füttern und sie somit nicht überwältigen würden. Es gab tatsächlich Kindheitsprobleme, die bei ihrer Verwirrtheit eine Rolle spielten (die Weigerung ihrer Eltern, sie zu führen), aber die Tendenz zur Verwirrtheit bestand so lange, bis sie tiefen Zugang hatte. Was sie entdeckte, war, dass Verwirrung keinen Sinn ergibt. Es gab das Gefühl. Was mit ihr geschah, ergab keinen Sinn. Ihre Schlussfolgerung: „Vor dreißig Jahren hatte mich eine Droge, die man meiner Mutter verabreichte, der Fähigkeit zu verstehen beraubt. Jetzt ist mir alles so klar.“ Für sie lag die einzige Möglichkeit, die Verwirrung zu beenden, darin, sie im Originalkontext zu fühlen, als alles begann. Wir wissen, dass die stimulierenden Neurohormone, die Katecholamine, ihre Axone aus der Tiefe des Hirnstamms (aus dem locus caeruleus) zum frontalen Kortex senden. Auf diese Weise und auf andere können tief im Gehirn liegende Einprägungen Denkprozesse beeinflussen. Eine andere Art, das auszudrücken, ist, dass primitivere, ältere Hirnstrukturen sich auf die sich später entwickelnden, komplexeren auswirken. Wenn wir sehen, wie sich Evolution entfaltet, lässt sich leicht verstehen, wie alte tiefe Kindheitserinnerungen unser Verhalten als Erwachsene beeinflusst. Umgekehrt blockieren bestimmte Beruhigungsmittel, Chlorpromazin und andere Antipsychotika, die Katecholamin-Aktivität. Sie beruhigen uns, indem sie alte Traumen und fehlende Liebe in der frühen Kindheit zeitweise von unserem gegenwärtigen Verhalten und Denken abtrennen. Wir können unsere Geschichte ignorieren und einfach weitermachen, aber wir können sie nicht eliminieren. Beruhigungsmittel helfen uns dabei, unsere Geschichte zu kontrollieren.

 

 

Reba

 

Wenn ich in einer suizidalen Gemütsverfassung bin, ist der Gedanke, mich selbst umzubringen, die Reaktion auf nahezu jeden Gedanken und jede Situation in meinem Leben. Ich habe das Gefühl, dass es mich nicht gibt, nie gegeben hat und nie geben wird. Das Leben ist Qual, ich kann es keinen Augenblick länger ertragen, und es gibt keinen Grund, warum ich es sollte. Und es wird einfach alles immer schlimmer. Weil mir das Schlimmste durch den Kopf geht, fällt es mir schwerer, die einfachen Dinge zu tun, wie aufzustehen und zur Arbeit zu gehen (Ich reinige Apartments). Ich liege auf den Betten der Leute und weine, möchte ihr ganzes Geschirr auf dem Küchenboden zertrümmern, ihren Abfall ins Schwimmbecken werfen, und ich kann nicht glauben, dass ich es nicht einfach tue und gehe, zumal ich am nächsten Tag wahrscheinlich tot sein werde, und gewiss bevor ich den Scheck bekomme, der mich für das bezahlt, was ich gerade mache.

 

Die Abwärtsspirale bemächtigt sich meines Lebens, und ich kann keinen Ausweg sehen, kann nicht erkennen, dass es noch etwas anderes geben könnte. Und was ich tun muss, ist funktionieren und das Geld für die Therapie verdienen, die entsetzlich ist. Es ist reine Qual, ohne Aussicht auf Erleichterung. Die einzige Erleichterung ist der Tod. Ich möchte einfach verschwinden, wenn die Gefühle stark sind. Einfach in den Sonnenuntergang fahren und aufhören zu sein, schreiend mitten auf die Straße laufen und einfach dort bleiben, bis sie kommen und mich wegbringen. Wo ist „weg?“ In meinen Träumen, es ist Vergessen; es existiert nicht, und auch mich gibt es nicht.

 

Ich weiß, dass alles, was ich tue, für mich das Falsche ist; es wird mir nicht helfen, es wird mich einfach immer weiter von mir selbst wegbringen. Also muss ich anhalten und umkehren; etwas ganz anderes machen, was ich nie zuvor gemacht habe. Ich habe das Gefühl, dass ich mit allem, was ich tue und nicht tue, anderen einfach beweisen will, dass ich am Leben bin, dass ich existiere. Und wenn ich jemals leben soll, muss ich ganz damit aufhören, es für die anderen zu tun, einschließlich zu atmen.

 

Als ich dieses Paradox entdeckte, dass ich nur dann leben könnte, wenn ich aufhören würde, für andere zu leben, und dass mir das nur gelänge, wenn ich sterben würde,  war ich mir sicher, dass ich mich umbringen würde. Ich machte mich auf, andere davon zu überzeugen, dass es unvermeidlich sei, dass ich Selbstmord begehen werde.

 

Ich dachte, falls ich mich umbringen würde, dann wäre es mit Tabletten. Und ich würde sicher gehen, genug davon zu nehmen, um zu sterben, weil der Gedanke, als hirngeschädigte, unversicherte, illegale Fremde in einem amerikanischen Krankenhaus aufzuwachen, absolut mehr war, als ich ertragen konnte.

 

Über Selbstmord zu reden ist für mich wie um Hilfe bitten. Aber was ich wollte, war jemand, dem ich vertraute – entweder einer meiner zwei Therapeuten oder mein Ex-Freund – die sich bereit erklären würden, mich zu halten, wenn ich sterbe. Dann hätte ich keine Angst und würde es nicht bereuen.

 

Ich bin jetzt seit einiger Zeit nicht mehr suizidal, aber während ich das schreibe, ist mir, als könnte einer von ihnen zu mir sagen: „Du hast Recht, es gibt keine Hoffnung für dich, aber ich werde für dich da sein, wenn du stirbst, und ich werde dich in meine Arme nehmen und dir sanft sagen, das alles in Ordnung ist.“ Falls sie das zu mir sagen sollte, würde ich mich jetzt umbringen und den Kampf aufgeben.

 

Ich möchte einfach einschlafen und nicht jeden Morgen aufwachen und mich fragen, warum ich noch lebe, zumal sich mein Leben wie ein grausamer Scherz anfühlt, den jemand mit mir treibt. Ich bin mir nie sicher, warum ich aufwache, denn es scheint, dass kein Leben, kein Lebenstrieb in mir ist. Ich bin eine leere Hülle, und ich weiß nicht, was mich weitermachen lässt.

 

Meine Selbstmordfantasien unterscheiden sich sehr von dem, was ich wirklich planen und ausführen würde. In meinen eher verzweifelten, gewaltsamen Augenblicken möchte ich mich mit einem sehr scharfen Messer ins Herz stechen, meine Handgelenke mit Glas aufschlitzen, das ich selbst zerbrochen habe. Diese Methoden wären ein befriedigenderer Ausdruck meines Schmerzes, aber sie erschrecken mich, und ich weiß, dass ich sie nicht voll durchziehen könnte. Ich stelle mir vor, mir meine Augen auszustechen und meinen Hals durchzuschneiden, so dass mein Kopf zu Boden fällt.

 

Mir ist nicht ganz klar, wie sich Gewaltfantasien auf meine Geburt beziehen. Ich denke, es ist einfach ein Bedürfnis, meinen Schmerz auszudrücken. Bei meiner Geburt wurde ich von der Nabelschnur gewürgt. Es war schmerzvoll, erschreckend, und ich entschloss mich schließlich, den Kampf aufzugeben und auf den Tod zu warten. Irgendwie haben sie mich lebend rausgekriegt. Aber ich hatte beschlossen zu sterben, und das ist die Antwort, die sich mir aufdrängt, wann immer das Leben mich überfordert. Ich entschied mich, einfach aufzugeben und erwartete nie, aufzuwachen und noch zu leben. Ich musste mit meinen Bemühungen aufhören. Hätte ich weitergekämpft, wäre ich bestimmt gestorben.

Etwa eine Woche lang glaubte ich wirklich, dass ich mich sehr bald umbringen würde, wenn mir das Geld ausginge. An jenem Wochenende klammerte ich mich um mein liebes Leben an einer Felswand über einem Wasserfall fest, in den ich gesprungen war. Ein paar Jungs mussten mich retten. Hinterher erkennte ich, dass ich die ganze Zeit nicht ans Sterben dachte sondern ans Überleben, dass ich leben wollte. Es war ein Wendepunkt, an dem ich begriff, dass ich mich für das Leben entscheiden würde.

_______

 

 

Vivians Geburtstraum

 

Eine andere Patientin von mir hatte eine Lebensgeschichte, die veranschaulichte, wie die Ereignisse bei der Geburt und am Lebensanfang später die Art und Weise beeinflussen können, wie sich jemand umbringt.

 

Vivian wurde mitten im Winter in Polen geboren. Ihre tief verdrängende und asxuelle Mutter konnte sich nicht öffnen. Das Baby signalisierte durch die Freisetzung von Hormonen seine Bereitschaft, auf die Welt zu kommen. Die Mutter war jedoch für diese Botschaft nicht empfänglich. Etwas in ihr kämpfte gegen das Unvermeidliche. Das Neugeborene glitt mit offensichtlicher Leichtigkeit den Geburtkanal hinab. Anstatt die Sequenz zu beenden und geboren zu werden steckte Baby Vivian plötzlich fest und begann zu ersticken. Sie fing an zu sterben. (Sie erlebte diese Primärerfahrung in einer Therapiesitzung wieder). Bei einer letzten großen Anstrengung, mit der sie versuchte, geboren zu werden und Luft zu bekommen, kämpfte sie mit jeder Faser ihres Seins. Ihr Überlebensinstinkt nahm die Form einer enormen Wut an, die sie mit aller Macht vorwärtsdrängen ließ. Anfangs scheiterte sie und konnte nicht hinaus, worauf sie mit noch mehr Wut und Anstrengung reagierte, bis sie schließlich Erfolg hatte: Sie war geboren. Von da an entwickelte Vivian ein totales Misstrauen gegenüber ihrer Umwelt. Das artikulierte sich erst viele Jahre später, weil es eine neurophysiologische Einprägung war, die ihren passenden Ausdruck im Alter von 20 fand. Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte sie ein übermäßiges Bedürfnis nach Freiheit, das später auf Unterdrückung im Elternhaus stieß. Nichts sollte ihr im Weg stehen. Das führte zu ständigem Streit  mit ihren Eltern, und ihre Wutanfälle wurden immer bestraft. Es ist keine Überraschung, dass sie in der Schule keine Disziplin akzeptieren konnte. Das Ergebnis waren schlechte Noten. Für Vivian symbolisierte jedes Hindernis den Tod. Das erlebte sie nicht bewusst sondern unbewusst. Dann heiratete sie einen strengen Vorgesetzten, der ihr untersagte, nachts auszugehen, jeden ihrer Schritte überwachte und sie genau beobachtete. Die Einprägung und die Kraft ihrer Geburt zwangen sie, zwischen sich und ihrem Mann eine gewisse Distanz zu schaffen. Sie hatte keine Ahnung, welche Kraft sie trieb.

 

Der andere Aspekt ihrer Geburt, der ihr Verhalten beeinflusste, war, dass sie davonlief, wenn sie das Gefühl hatte, irgendwo festzustecken, sei es im Beruf, in Beziehungen oder sonstwo. Immer wenn sich ein Hindernis in den Weg stellte, bekam sie eine Migräne (die von einer eingeprägten Erinnerung reduzierten Sauerstoffs bei der Geburt herrührte). Ein weiterer Aspekt der Geburts-Einprägung war die Hilflosigkeit und Einsamkeit, die sie ihr ganzes Leben lang fühlte. Jeder Kampf war etwas, das sie aus eigener Kraft bewältigen musste, und dennoch schien alles vergebens. Die Widrigkeiten schienen gewaltig. Ihre Mutter half ihr nicht, auf die Welt zu kommen, und aus dieser Erfahrung erhielt sie die physiologische Lektion, dass kein Mensch für sie da sein würde, wenn sie jemanden bräuchte; auch das alles artikulierte sich erst zwei Jahrzehnte später.

 

Sie erwartete von niemandem was, als sie aufwuchs, und das verstärkte sich durch ihre strengen, lieblosen und unnachgiebigen Eltern. Die Wahrheit war, dass ihre Mutter sie nicht wollte. Ihre Eltern freuten sich nie über ihre Anwesenheit, „schätzten“ sie nie und gaben ihr das Gefühl, dass der einzige Grund ihrer Existenz darin bestand, ihre Befehle entgegenzunehmen. Das Gefühl in ihrer Kindheit war, dass ihre Existenz ein großes Versehen war. Sie wollten sie einfach nicht um sich haben und sagten zu ihr: „Alle wären viel besser dran, wenn sie nicht geboren worden wäre.“ Alles, was sie in ihrem Leben wollte, war, sich geliebt zu fühlen. Wegen dieser Erwartung heiratete sie, um bald darauf enttäuscht zu werden.

 

Vivians Gefühl war, dass sie in dem Augenblick, in dem es in einer Beziehung Kummer gab, „hinaus musste,“ Wenn sie nicht hinaus konnte, war ihr, als müsse sie sterben (so, wie sie sich ursprünglich während ihrer Geburt gefühlt hatte). Sie behauptete, ihr Mann gebe ihr das Gefühl zu ersticken: „Er lässt mir keine Luft.“ In ihrer Ehe ließ sich ihr Mann zu irrationalen Beschimpfungen hinreißen und schlug sie. Sie musste hinausgelangen.

 

Um wegzukommen ging sie zum Beispiel mit ihrer Freundin ins Kino. Aber ihr Ehemann hielt sie auf: „Du gehst nirgendwohin!“ Sie ging zur Tür, und er packte sie und warf sie auf die Couch. Sie war dann hilflos, fühlte sich ungeliebt und allein, und es gab niemanden, der sie verstehen oder ihr helfen konnte. Das waren alles die Originalgefühle und –empfindungen, die sie bei der Geburt hatte und die später in die Emotionen des Lebens einflossen. Was also machte sie? Den logischsten nächsten Schritt:  Sie nahm Tabletten und versuchte sich umzubringen, und dann fiel sie in ein Koma und blieb darin drei Tage lang.

Ihr Mann löste alle frühen Einprägungen aus, und die Sequenz lief ab: „Wenn ich nicht hinaus kann, sterbe ich.“ Das stimmte ursprünglich bei ihrer Geburt. Dann hatte sie unbewusst das Gefühl: „Ich werde sterben wie ursprünglich bei der Geburt.“ Also nahm sie Tabletten, welche die Empfindungen nachahmte, die sie bei der Geburt erlebt hatte: Aussetzen der Atmung, dann Ersticken und Tod. Der Tod sollte das Ende ihrer Qual darstellen. Diese Gleichung blieb als physiologische Einprägung in ihrem System. Wenn sie die Sache nicht mehr im Griff hatte und der Schmerz unerträglich wurde, wollte sie sterben. Die Lösung war dieselbe wie beim Geburtserlebnis. Sie hatte keine Ahnung, welche unbewussten Kräfte sie steuerten. Sie war total auf die Gegenwart konzentriert und dachte, dass ihr Ehemann der einzige Grund von allem war. Er gab ihr wieder das Gefühl, das dickköpfige, schwierige Kind zu sein, das keiner lieben kann. Sie war machtlos gegenüber diesen eingeprägten Ereignissen. Also nahm sie buchstäblich ihr Leben (und ihren Tod ) in ihre Hände.

 

 

Wann die Gefahr am größten ist

 

Oft hören wir den Begriff „suizidale Depression.“ Aber tiefe Depression involviert normalerweise systemweite Verdrängung der Geburt und anderer früher Traumen von solcher Größe, dass sie den Menschen lähmen können. Die Person ist lethargisch, kann kaum atmen, die Arme heben oder herumgehen – alles parasympathische Originalreaktionen, die das Trauma begleiten. Solange tiefe Verdrängung wirkt, ergibt sich daraus tiefe Depression ohne Selbstmord; Erregung wird unterdrückt, und es gibt wenig Handlungsenergie. Tatsächlich ist die Person dann in größter Gefahr, wenn sie sowohl deprimiert als auch agitiert ist. Obgleich tiefe Depression die für den Selbstmord nötige Energie erschöpft, kann Agitation genug Motivation und Energie liefern, um die Handlung auszuführen. Somit wäre „suizidale Agitation“ ein zutreffenderer Begriff. Sie beinhaltet ein Erregungsniveau, das ein gleich großes Eregungsniveau aus dem Geburtstrauma auslöst. Dem chronisch Depressiven widerfährt etwas, das das Trauma ins Bewusstsein aufsteigen lässt und Selbstmordgedanken mit sich bringt. Wenn der Schmerz nur ein bisschen durchbricht und sich ins volle Bewusstsein bewegt, durchdringt Hoffnungslosigkeit die Psyche. An diesem Punkt besteht die Gefahr, dass der Mensch zum Äußersten fähig ist, und der Tod wird zu einer Möglichkeit.

 

Wir haben in unserer Hirnwellenforschung Indikatoren für diese potentiell tödliche Kombination gesehen. Wenn Depression und Agitation zusammenfallen, ist sowohl die Amplitude als auch die Frequenz der Hirnwellen extrem hoch. Wenn in der Primärtherapie die Amplitude signifikant ansteigt, verlangsamen sich die Wellen in der Regel, was anzeigt, dass die Person sich tiefliegendem Schmerz nähert. Wenn aber der Schmerz aufsteigt und die Verdrängung nicht richtig funktioniert, besteht die Gefahr von Selbstmord.

 

Wie ich vorher gesagt habe: Wenn wir einer guten Geburt eine liebevolle Familie hinzufügen, in der die Eltern sich sorgfältig um die Bedürfnisse des Kindes kümmern und ihre Liebe durch eine Kultur zeigen, die den Ausdruck von Gefühlen erlaubt, werden wir die Selbstmordrate reduzieren.

 

Damit der Mensch weiterhin einen Grund findet, um am Leben zu bleiben, und nicht zu suizidalen Gedanken und Plänen zurückkehrt, muss er oder sie schließlich in einer geeigneten therapeutischen Umgebung die Gefühle erleben, die seiner oder ihrer Hoffnungslosigkeit zugrunde liegen. Der Patient muss gegenwärtige Verlustgefühle und Traurigkeit von alten Verzweiflungsgefühlen trennen. Nur Hoffnung zu spenden, ohne dass der Patient die Hoffnungslosigkeit fühlt, ist nicht heilsam. Das mag für den Moment hilfreich sein, aber es ist nur eine vorübergehende Erleichterung, denn die Fähigkeit des Menschen, der Depression und den suizidalen Neigungen ein Ende zu bereiten, liegt im Erleben der Hoffnungslosigkeit.

 

Glücklicherweise liegt ein Körnchen Hoffnung im Herzen der ursprünglichen Hoffnungslosigkeit. Nachdem jemand die völlige Hoffnungslosigkeit aus dem Geburtstrauma gefühlt hat, löst sie sich allmählich auf, sofern er oder sie sich in einem sicheren, warmherzigen Umfeld befindet. Der Mensch ist auf dem Weg zur Gesundheit, wenn es weniger schwer fällt zu leben als sich umzubringen.

 

 

 

 

 

Kapitel 12

 

Medikamente kontra Psychotherapie

 

 

Heutzutage betrifft die größte Meinungsverschiedenheit über Depression die Frage, wie man dieses Monster bändigt und unter Kontrolle bringt. Die Oppositionsparteien sind die Medikamentenbefürworter gegen die konventionelle Psychotherapie. Letztere setzt sich zusammen aus „Gesprächstherapien“ wie Psychoanalyse, bei welcher der Patient „frei assoziiert“ und dadurch zu verstehen versucht, was in seiner Vergangenheit die Depression verursacht hat, und den kognitiven Verhaltenstherapien, die sich auf die Gegenwart konzentrieren, indem sie dem Patienten helfen wollen, seine Gedanken- und Verhaltensmuster zu ändern. Für den Augenblick sieht es so aus, als habe die Pro-Medikamente-Gruppe gewonnen. Heute ist die Psychiatrie unbeabsichtigt zum Arm der Arzneimittelhersteller geworden. Millionen von Amerikanern nehmen Selektive Wiederaufnahmehemmer (SSRI), wie zum Beispiel Prozac, Zoloft und Paxil, die gegenwärtige Goldwährung bei der Depressionsbehandlung, oder ein trizyklisches Antidepressivum wie Imipramin. Einige Untersuchungen zeigen, dass Medikamente alleine genauso wirksam bei der Behandlung von Depression sind wie Gesprächstherapie. Tatsächlich drehte sich ein berühmter Gerichtsprozess (Osheroff gegen Chestnut Lodge) um die Weigerung einer Klinik, den Patienten Antidepressiva anzubieten.

 

Eine Psychologin, die Depression und ihre Behandlung erforscht, Ellen Frank von der Medizinschule der Pittsburgh-Universität, kommt zu folgendem Schluss:  „Die Dosis eines Antidepressivums, die Sie gesund macht, lässt Sie auch gesund bleiben.“ Sie zitiert eine Studie, bei der von 53 Teilnehmern, die bei Imipramin blieben, 41 über die gesamten drei Jahre frei von Depression blieben. Diese Studie fand auch heraus, dass Psychotherapie plus Drogen keinen Vorteil gegenüber Medikamenten alleine hatte – kein besonders gutes Zeugnis für die Wirksamkeit der Psychotherapie. (Science News, Jan. 26, 1991, Seite 57). Ähnliche Resultate ergaben sich beim Gebrauch von SSRIs, Medikamente, die oft auf unbestimmte Zeit verschrieben werden.

 

Paradoxerweise kann jemand suizidal werden, wenn er oder sie Antidepressiva verabreicht bekommt, und das nicht wegen der Medikamente sondern weil, wie ich gerade erklärt habe, die Medikamente mehr Zugang zu unbewusstem Schmerz ermöglichen. Die Medikamente, die eigentlich verdrängen sollen, entlasten in Wirklichkeit das System, das bisher alles auf sich allein gestellt erledigen musste, von der Aufgabe der totalen Verdrängung, so dass jetzt Gefühle hochkommen. Tranquilizer können die Einprägung so weit dämpfen, dass der Schmerz nicht durchdringen kann. Je mehr Schmerz vorhanden ist, umso größer muss die Dosis sein. Ich habe Patienten gesehen, die Selbstmord begehen wollten, indem sie eine Dosis einnahmen, die für nahezu jeden Menschen tödlich gewesen wäre, die aber daraufhin lediglich 12 Stunden schliefen. Sie hatten so massive Mengen an gehirnaktivierendem Schmerz, dass die Medikation nicht zum Tod führen konnte.

 

Was den Einsatz von Psychotherapie zur Behandlung von Depression betrifft, gibt es diese Auffassung der kognitiven Psychotherapie-Schule, dass der Depressive in „selbstvernichtenden“ Gedanken eingeschlossen ist und dass er identifizieren muss, welche dieser Gedankenmuster „verzerrt“ sind. Danach müssen wir uns auf dem Weg der Vernunft und Logik eine andere Denkart einfallen lassen, welche „rational“ und selbstbewusst ist anstatt selbstzerstörerisch. Diese Lösungsmethode oder dieser Lösungsversuch findet sich heute neben den Antidepressiva an der vordersten Behandlungsfront. Er kommt in der Regel von solchen Leuten, die glauben, dass wir uns den Ausweg aus Problemen oder den Weg zur Gesundheit erdenken können. Für solche Therapeuten existiert Schmerz nur in der Psyche. Man könnte fragen: „Wo sonst sollte er sein?“ Versuchen wir’s mit dem Körper.

 

So etwas wie selbstzerstörerische Gedanken gibt es: „Ich tauge nichts. Ich kann nichts tun.“ Aber diese Gedanken haben eine Grundlage; es sind nicht einfach in der Luft hängende Gedanken, die man zurücknehmen muss und durch neue Gedanken ersetzen muss. Sie sind in physiochemischen Realitäten im Inneren verankert, mit denen man sich befassen muss. Außerdem – was und wer ist dieses „Selbst“,  dass man zerstört? Und welches Selbst richtet die Zerstörung an? Gibt es folglich zwei Selbsts?

 

Das reale Selbst ist dasjenige, das schreckliche Traumen durchgemacht hat und leidet und sich aufgrund realer früher Lebenserfahrung hoffnungslos und ungeliebt fühlt. Es sendet Nachrichten nach oben zu den Denkzentren, die auf die Idee kommen, dass man ungeliebt sei, und das, obwohl Frau und Kinder da sind, die dem Opfer in Liebe ergeben sind. Und ein kognitiver Therapeut lässt sich nicht lange bitten und weist auf all das hin: „Sie werden doch geliebt, warum also fühlen Sie sich so ungeliebt? Sie müssen Ihre negativen Gedanken ändern.“

 

Wir müssen das klarstellen. Der Depressive hat keine verzerrten Gedanken, und es ist auch keine Frage von Feindseligkeit, die gegen das Selbst gerichtet ist, wie Freud es auffasste. Die „negativen“ und „selbstzerstörerischen“ Gedankenmuster des Depressiven stammen direkt von tiefliegenden Einprägungen und stehen mit der inneren physiochemischen Realität des Körpers in Einklang. Das Problem ist, dass sie nicht mit der gegenwärtigen Außenrealität in Einklang stehen. Wie ich betont habe, kommt das daher, dass die innere Wirklichkeit immer Vorrang vor der äußeren hat und die sogenannten „verzerrten“ Gedanken, die nach Aussage der kognitiven Therapeuten von deren Patienten bekämpft werden müssen, nur Symbole für den zugrunde liegenden Schmerz sind. Diese innere Wirklichkeit kann Jahrzehnte an Erfahrung repräsentieren und dieselben wenigen prototypischen Gefühle verstärken: „Niemand will mich. Ich stehe im Weg. Sie hassen mich.“ Der Prototyp sagt es in seiner besonderen physiologischen Sprache, die bis jetzt keine Worte hat (weil er bei der Geburt oder bald danach festgelegt wird): „Ich bin erschöpft vom Kampf. Ich will mich nur ausruhen. Ich will nicht aufstehen und losmarschieren. Ich sehe keine Alternativen. Der Tod ist die einzige Lösung für mein Problem.“ Es stimmt, dass man Mut machen und auf Alternativen hinweisen kann, dass man den Depressiven aktivieren und motivieren kann, aber das alles bedeutet, dass man noch immer gegen den Prototyp kämpft, der viel stärker und mächtiger als Worte ist und letztlich gewinnen wird. Nach und nach fällt der Mensch wieder in die Depression zurück. Der Versuch, den Prototyp zu besiegen, bedeutet eigentlich, seine eigene Physiologie besiegen zu wollen – eine unlösbare Aufgabe.

 

Leider kann Gesprächstherapie bei tiefer Depression selten wirken, weil tiefe Depression tiefe Verdrängung ist, die noch so viele Einsichten und neue Denkweisen nicht erreichen können. Gedanken und Einsichten wirken an der oberen Front auf der linken Gehirnseite – im kognitiven Teil des Gehirns – während die wirklichen Gefühle tief auf der rechten Seite des Gehirns registriert und verschlüsselt werden, so dass die traumatische Einprägung unterhalb der Verdrängungsbarrieren unangetastet bleibt. Und deshalb erreichen Einsichts- und Gesprächstherapie niemals die Basis einer Depression. Andererseits beruhigen Medikamente den Schmerz biochemisch. Beide Methoden trennen Gedanke und Gefühl voneinander. Sie unterdrücken auch die einzige Sache, die uns gesund machen kann: unsere Geschichte.

 

Ob sie es nun bevorzugen, Depression mit Medikamenten oder Psychotherapie oder einer Kombination von beiden zu behandeln – die meisten Psychotherapeuten auf dem Fachgebiet halten an der Auffassung fest, dass die Unterdrückung der Depression dasselbe sei wie sie zu heilen. Gewiss ist es möglich, Symptome zu unterdrücken, dem Patienten Erleichterung zu verschaffen und ihm zu helfen, dass er besser funktioniert und das Leben mehr genießt. Aber das Grundproblem bleibt, was sich in der Tatsache widerspiegelt, dass die Symptome gewöhnlich zurückkehren, wenn die Behandlung aufhört, und viele chronisch Depressive entscheiden sich dafür, dauerhaft auf Medikation zu bleiben, um ihre Symptome auf unbestimmte Zeit zu unterdrücken.

 

Das Dilemma bei der heutigen Psychiatrie und Psychotherapie besteht darin, dass beide auf der Ebene sich zeigender Symptome bleiben. Das macht Medikamente notwendig und sorgt dafür, dass die Behandlung nur lindert und nicht heilt. Die Idee, Symptome mit Medikamenten zu unterdrücken, funktioniert vielleicht, aber letztendlich verfehlt sie das Ziel, weil Symptome einfach das sind: Symptome eines unbewussten Schmerzes, der ihnen zugrunde liegt. Wenn man die Geschichte nicht sondiert, kann man nur Erscheinungen (Phänotypen) anstatt Ursachen (Genotypen) behandeln. Jedenfalls sollte man an Depression nicht herumpfuschen, ohne dass man zuerst ihre Rolle als Abwehr gegen etwas Drastischeres verstanden hat.

 

Um Depression wirkungsvoll zu behandeln, müssen wir unser Denken neu ausrichten. Wir müssen erkennen, dass uns das „Warum“ fehlt. Warum ist der Patient deprimiert? Was ist Depression wirklich und woher kommt sie?

 

Depression ist eine Abwehr gegen die totale Integration von Schmerz. Sie ist eine Schutzvorrichtung, die uns unbewusst bleiben lässt oder vielmehr verhindert, dass das Unbewusste bewusst wird. Durch ihre Dienerin, die Verdrängung, unterdrückt sie alle katastrophalen Gefühle und Empfindungen, welche die Unversehrtheit des Bewusstseins bedrohen würden. Sie ist die äußerste Überlebensstrategie. In diesem Sinn befindet sich der oder die Depressive in einem chronischen Leidenszustand, weil er oder sie diese spezifischen frühen Gefühle nicht erleben kann. Der Organismus scheint zu sagen: „Besser ein dumpfes und taubes Gefühl als das zu fühlen, was darunter liegt und dabei verrückt zu werden.“ Wir haben die Wahl: Entweder den Patienten mit Medikamenten behandeln oder tief ins Unbewusste eintauchen. Die Geschichte liefert uns die Antwort; die Geschichte ist die Ursache und die Geschichte ist die Retterin.

 

Wenn jemand das prototypische Trauma fühlt, ist er oder sie der Lösung für die Depression auf der Spur. Zudem muss man all die Lieblosigkeit, Härte, übermäßige Disziplin, Gleichgültigkeit und fehlende Fürsorglichkeit in der Familie fühlen und alle Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken, die in diesen Jahren zurückgehalten worden sind. Das alles mit den darin verwickelten Originalgefühlen auszudrücken ist der Grund, warum der Prozess so kraftvoll und schrecklich traurig ist. Der große Unterschied ist der, dass es nicht der Erwachsene ist, der ein paar Tränen vergießt; es ist das Baby und Kind, das seine unerfüllten Bedürfnisse mit qualvollem Schluchzen und Schreien beklagt. „Sei nett zu mir! Halte mich! Gib mir keine Befehle! Schätze mich. Ich bin dein Sohn! Lass mich mich selbst sein. Ich bin dein Fleisch und Blut. Zeige mir, dass du mich willst. Lass’ mich ausdrücken, wie ich mich fühle!“ Das sind die Bedürfnisse. Wenn man das alles in einem Primal-Wiedererlebnis physiologisch nochmals erlebt, ist Depression kein Geheimnis mehr. Und erst wenn das alles - einschließlich des Geburtstraumas, wenn die Zeit reif ist - über Monate hinweg wiedererlebt worden ist, wird sich die Depression dauerhaft auflösen. Je mehr man also von dem fühlt, was das Verschließen des Systems verursacht hat, umso sicherer wird es für das System, sich zu öffnen. Schließlich kann Liebe hinein.

 

 

 

Kapitel 13

 

Schlussfolgerung: Die Depression besiegen

 

 

Ich habe versucht, mir ein paar akademische Formulierungen für die Schlussfolgerungen zu diesem Buch auszudenken, aber es gibt keine kultiviertere Ausdrucksart dafür, was meine Patienten so gut erklärt haben. Depression ist ein schrecklicher Zustand. Sie fühlt sich entsetzlich an, aber glücklicherweise muss das nicht länger so sein. Es gibt einen Ausweg, und dieser Ausweg ist der Weg hinein. Aber wir brauchen eine Wegkarte; andernfalls sind wir verloren. Wir sorgen für den Zugang zu uns selbst, nicht mehr, nicht weniger. Aber das ist eine ganze Menge, denn es bedeutet das Ende der Depression. Der Grund, warum so viele Therapeuten glauben, sie sei außer mit Medikamenten nicht zu behandeln, besteht darin, dass sie bis jetzt keine Methode haben, um die inneren Tiefen ihrer Patienten zu erforschen. Und darin liegt das Problem. Bei Depression scheint es, als sei sie ein Gegenwartsproblem; aber in Wirklichkeit ist es die Vergangenheit, die den Menschen verschlingt und ihn zwingt, sie ständig zu wiederholen. So offensichtlich das auch scheint - für Fachleute ist es dennoch nicht so offensichtlich, wie es sein sollte. Wir helfen dem Patienten, die Vergangenheit in die Geschichte zurück zu versetzen und ihn somit – jetzt lastenfrei -  in die Gegenwart zu bringen. Wir können unsere Vergangenheit nicht durch Willensanstrengung hinter uns lassen, und sei sie auch noch so groß. Tatsächlich ist jeder Versuch, das mit Willenskraft zu machen, garantiert zum Scheitern verurteilt. Wir müssen von diesem starken Willen loslassen und uns in unsere Gefühle versenken.

 

Ich verwende für meine Therapie die Begriffe ‚radikal’ und ‚revolutionär’ mit Vorsicht; dennoch glaube ich, dass sie das ist, und ich werde erklären warum. Sie ist in Form und Inhalt revolutionär, eine radikale Abkehr von den meisten Psychotherapien. Die involvieren gewöhnlich einen auf Einsicht versessenen Plausch zwischen zwei ungleichen Partnern, der eine mit Wortwissen und unfehlbarer Moralhaltung ausgerüstet, der andere ein williger Novize, der psychisch auf die Knie fällt, um das zu lernen, was der Wortgewaltige verabreicht, und sich dabei in das Äußere fügt anstatt in das Innere. Ich weiß es. Ich war dort, habe viele Jahre lang Einsichtstherapie praktiziert. Die Majestät all dessen ist berauschend für den Therapeuten. Die Macht, über das Leben eines anderen zu bestimmen, ist verführerisch – und falsch!

 

Wir sollten nicht über das Leben anderer bestimmen, ihnen sagen, was falsch und richtig ist. Das ist die Aufgabe eines Priesters, nicht die eines psychologischen Wissenschaftlers. Unsere Aufgabe nennt man Selbstbestimmung - anderen helfen, dass sie ihren eigenen Weg finden, ihre eigenen Einsichten finden, indem sie dem Gefährt ihrer Gefühle zu einer eingeprägten Vergangenheit folgen, die unverfälscht und von nachfolgenden Erlebnissen unbeeinflusst daliegt. Sie wartet auf ihre Freiheitschance: darauf, das volle Bewusstsein zu erreichen und endgültig integriert zu werden. Genau das befreit: Bewusstsein. Wenn wir das in der Psychotherapie übersehen, leidet der Patient, denn dann pfuschen wir nur an der Abwehr herum, während wir den Schmerz unangetastet lassen.

 

Wiedererleben scheint einen Gefühlsansatz einzubeziehen, der anscheinend dem widerspricht, an das viele Therapeuten glauben, nämlich an die übergeordnete Bedeutung von Gedanken, Einsichten und Glaubensüberzeugungen bei der Bewertung von Fortschritt in der Psychotherapie. Sie nehmen dafür den Patienten beim Wort. Das sollte das letzte sein, was wir tun sollten, denn die intellektuelle Linkshirnseite und der linkshirndominante Depressive können alle möglichen Heilungen und Offenbarungen ersinnen, während der Subtext, das Unbewusste, von Qual bebeutelt wird. Wir können Menschen nie beim Wort nehmen, wenn sie praktisch vom Rechtshirn abgetrennt sind. Bei der konventionellen Therapie verstärken wir diese Durchtrennung durch endlose Diskussionen und Einsichten.

 

Wenn wir in der Psychotherapie nichts Besseres leisten als religiöse Offenbarungen, haben wir nicht viel gewonnen. In religiösen Zuständen fühlen sich Menschen oft viel besser; sie sind optimistischer und funktionsbereit. Wenigstens hat unser Fachgebiet ein paar wichtige Fortschritte beim Verständnis der lebenslangen Auswirkungen früher nonverbaler oder präverbaler Ereignisse auf das Erwachsenenverhalten gemacht.

 

Wir brauchen eine Theorie und Technik, die in die Tiefe geht, und vor allem brauchen wir die dazu passende Behandlungszimmer-Struktur: einen ruhigen, schalldichten Raum mit gedämpftem Licht und einer bequemen Matratze. Keine Ablenkung. Kein „Geh aus und besuche Freunde.“ Ein in Depression versunkener Mensch kann das nicht machen, weil ihm dafür keine Energie bleibt und weil es oft den Schmerz verschärft, wenn er Leute besucht.

 

Wissenschaftliche Sitzungskontrollen sind wesentlich. Jede Sitzung eines jeden Patienten wird hinsichtlich der Vitalfunktionen kontrolliert, die uns einen Maßstab für die Integration und Auflösung von Gefühlen zur Hand geben. Die Körpertemperatur kann während eines Primals – ein totales Wiedererlebnis – binnen Minuten um mehrere Grad ansteigen, und sie steigt entsprechend der Valenz des eingeprägten Schmerzes. Je mehr Schmerz vorhanden ist, umso höher liegen die Vitalwerte.

 

Umgekehrt kann der Patient mit einer Körpertemperatur von 95 bis 96 Grad (F) in eine Sitzung kommen, die sich nach der Sitzung auf 98 Grad normalisieren kann. Hier muss man die Therapie fein nuancieren, denn sobald der Patient in ein schweres Feeling fällt, werden die ursprünglichen Abwehrmechanismen wieder lebendig. Unsere Aufgabe besteht darin, die Abwehr zu blockieren, so dass ein Teil des Gefühls erlebt werden kann. Das kann man nicht unter eigener Regie machen, und es ist gefährlich in untrainierten Händen; jemand kann die Abwehr einreißen, und die Person ist dann einem Übermaß an Schmerz ausgesetzt.

 

Was also ist beim Wiedererleben so wichtig, was ist in der Tat die sine qua non jeder wirkungsvollen Psychotherapie? Und was ist am Bewusstsein so überaus wichtig? Es bedeutet, die Evolution des Gehirns anzuerkennen. Das scheint nun klar, aber stillschweigend behandeln die meisten aktuellen Therapien den Patienten dennoch auf ahistorische Weise – als habe er keine Geschichte. Das ist Kreationismus als Wissenschaft verkleidet. Machen das nicht die Kreationisten? Wenn die Geschichte nicht das Primärziel der Psychotherapie ist sondern eher als Beigabe zum Gegenwartsleben des Patienten gesehen wird, dann kann es ihm unmöglich besser gehen. Was heißt überhaupt besser? Ich sage, es heißt, dass wir uns selbst zurückbekommen. Es gibt kein wirkliches „besser.“ Es gibt nur mehr und mehr von uns selbst unter unserer Kontrolle, mehr und mehr Bewusstsein und und immer weniger Unbewusstheit. Psychotherapeuten verneigen sich vor der Geschichte, aber nur symbolisch. Dennoch ist die Geschichte, die Vergangenheit des Patienten, Medizin, und sie ist die einzige Medizin, die heilt. Die Vertiefung in die Vergangenheit ist Pflicht für den Therapeuten; ohne sie sind wir wieder bei der alten Psychotherapie der frühen 1900er Jahre.

 

Wenn ich von Evolution rede, meine ich, dass sie die sine qua non  jeder korrekten Therapie ist. Darin inbegriffen ist die Evolution des Menschen und die Evolution der Menschheit als ein und dasselbe. Wenn wir Patienten ihr Leben seit ihren Tagen im Mutterleib wiedererleben lassen, werden wir zugleich Zeuge der Menschheitsevolution über die Jahrtausende. Die persönliche Evolution ist wirklich die Rekapitulation der Menschheitsgeschichte. Wir sehen die delphinähnlichen Bewegungen unserer uralten Vorfahren im Wiedererlebnis ganz frühen Lebens. So etwas kann man nicht nachmachen. Wir haben versucht, diese Bewegung in Experimenten auf Verlangen nachzuvollziehen, aber als Willensakt ist es nie gelungen.

 

Eine neue Psychotherapie bedeutet, die Evolution des Gehirns, und wie sie Depression ausspeit, zu verstehen. Wenn wir diese Evolution nicht in Betracht ziehen, werden wir nicht begreifen, dass es in der Persönlichkeitsentwicklung Zeiten gibt, in denen wir ein weit offenes sensorisches Fenster mit engen kritischen Perioden haben, während derer bestimmte Bedürfnisse erfüllt werden müssen, Bedürfnisse, für die es keine spätere Wiedergutmachung gibt. Einmal beraubt, immer beraubt, und der Schmerz der Entbehrung wird auf verschiedenen Gehirnebenen mit unterschiedlicher Stärke registriert. Die Einprägung kann dann alle biologischen Funktionen und Hirnwellenmuster fehlregulieren, ganz zu schweigen von der Persönlichkeit. Nichts kann das Bedürfnis erfüllen. Nun, es gibt etwas, eine der stärksten Kräfte auf Erden, die Menschen unaufhörlich antreiben kann. Diese starke Kraft ist Erinnerung, die in den emotionalen Speicherzonen des Gehirns auf Abruf bereit steht, die Kraft, die ein Leben lang an uns nagt, später ernste Krankheit hervorruft und Ursache von Albträumen, Überarbeitung und vorzeitigem Tod bei denjenigen ist, die sich zu Tode arbeiten. Erinnerung heilt auch bei Depression, Angst, Phobien, Obsessionen, Impulsivität und Wut. Das hört sich nach Großmaul an, aber es stimmt. Fangen wir also ganz von vorne an.

 

Wenn wir, wie ich sagte, die Evolution des Gehirns nicht verstehen, sind wir wenig mehr als Kreationisten, die glauben, dass das Unbewusste in uns von irgendeiner Kraft eingerichtet wurde – von Gott, der Natur oder was auch immer – und dass wir nichts dagegen tun können. Deshalb rühren wir es nicht an und trauen uns nicht in seine Nähe aus Angst, die Dämonen wachzurütteln, die zuerst von den Religionsführern dort hingesetzt wurden, um den Glaubensgenossen Angst zu machen und sie somit unter Kontrolle zu halten. „Wenn du dich nicht anständig benimmst und nicht genug betest, werden dich diese Dämonen kriegen.“ Die Freudsche Wendung lautet: „Wenn du darauf bestehst, in die Vergangenheit zu gehen, werden dich die Dämonen einholen und deine Psyche zerstören.“ Es ist eine Rückkehr zur alten religiösen Auffassung der 1800er Jahre. Das ist ein Grund, warum Therapeuten sich vom Unbewussten fernhalten. Aber sollten sie diese Warnung je missachten und Patienten in ihre Vergangenheit schlüpfen lassen, würden sie sehen, was im Unbewussten liegt. Was sie fänden, ist nichts anderes als unsere Geschichte, ordentlich dargelegt von der Gegenwart bis zur frühesten Vergangenheit, einschließlich der Geburt und des Lebens im Mutterleib. Und es wäre keine Näherungslösung; es wäre eine präzise Angelegenheit mit Erinnerungen, die auf Lager liegen und darauf warten, dass sie an die Reihe kommen und mit dem vollen Bewusstsein verknüpft werden. Und da wir gerade beim Thema Bewusstsein sind, gestatten Sie mir zu sagen, dass ein zentraler Unterschied zwischen dem Primal-Ansatz und anderen Einsichtsmethoden die Bewusstseinsfrage ist. Sie argumentieren, dass das Unbewusste nicht von speziellen Ereignissen in unserem Leben herrührt sondern aus genetischen Quellen stammt, die nie allzu spezifisch sind. Ja, es gibt genetische Kräfte, aber verwechseln wir nicht neun entscheidende Lebensmonate im Mutterleib mit genetischen Kräften. Ohne Fundament in der Evolution können wir nie verstehen, wie sich Neurose entwickelt und wie eine geeignete Psychotherapie umgekehrte Neurose ist, indem sie sich mit den schmerzvollen Einprägungen in der umgekehrten Reihenfolge befasst, in der sie angelegt worden war. Es geht nicht nur um Schmerz aus unserer Kindheit sondern auch aus unserer Babyzeit und, was am wichtigsten ist, auch aus unserer Zeit im Mutterleib. Und es geht nicht einfach darum, sich mit diesen Ereignissen vom Standpunkt eines Erwachsenen zu befassen, sondern  - weitaus wichtiger -  darum, diese Ereignisse mit dem Gehirn wiederzuerleben, das damals die höchste Ebene neuraler Organisation war. Wir hatten im Mutterleib ein Gehirn, dass in der Lage war, schädliche Ereignisse wie Schmerz aufzuzeichnen, zu verschlüsseln und einzuprägen und sie ein Leben lang zu behalten. Und diese Ereignisse bestimmen Jahrzehnte später unser Leben.

 

Wenn wir einmal ein festes Verständnis von Geschichte und ihrer Evolution haben,  werden wir wissen, dass sich mit psychischer Krankheit zu befassen nicht bedeutet, sie einfach zu verstehen sondern in sie einzutauchen, uns in unsere Geschichte und ihre Gefühle zu versenken, ihrer Macht zu weichen, bis Worte nicht mehr ausreichen. Worte können die Aufgabe schlichtweg nicht erledigen; Worte sind tatsächlich die Antithese der Heilung, denn sie schaden jedem therapeutischen Fortschritt, so seltsam das klingen mag. Da liegt der Haken. Denn es bedeutet, sich über die Freudsche Warnung hinwegzusetzen, dass man Patienten nicht ins tiefe Unbewusste versenken solle, ein Unbewusstes, von dem die Freudianer sagen, dass es unwiderruflich die Psyche zerrüttet. Und es ist diese Warnung, die zusammen mit vielen anderen gleichermaßen falschen dafür gesorgt hat, dass die Praxis der Psychotherapie im Mittelalter verharrt, weil man glaubt, dass es dunkle Mächte gibt, die uns hierhin und dorthin jenseits unserer Kontrolle treiben. Dafür muss man selbst Augen haben; Ich habe viele Jahre lang Psychotherapie Freudscher Richtung praktiziert. Ein Hauptgrund, warum ich das gemacht habe, war, dass es so gut wie keinen anderen Weg für die Praxis dynamischer Psychotherapie gab. Zumindest postulierte Freud ein Unbewusstes, und würde er heute leben, wäre er kein Freudianer, da bin ich mir sicher.

 

 

Ein neues Paradigma für die Psychotherapie

 

Ich habe gesagt, dass wir nur dort gesund werden können, wo wir verletzt worden sind. Wir wissen jetzt, dass emotionale Wunden tief im Gehirn außerhalb des Bewusstseins liegen. Sie werden weit unten ins Gehirnsystem eingeprägt, lange bevor wir Worte haben, um sie zu beschreiben. Wir können diese Wunden heilen, wenn wir sie direkt angehen können und nicht durch ein Wortlabyrinth reisen müssen.

 

Theorien haben eine Entwicklung. Bleiben wir nicht in der Vergangenheit und in einer zeitlich eingefrorenen Theorie stecken, die sich nicht grundlegend verändert hat oder vorangekommen ist. Die Freudsche Theorie hat in 100 Jahren sehr wenig Änderung erlebt. Der Versuch, eine aktuelle Theorie zu nehmen und sie einem vergangenen Bezugsrahmen anzufügen, bedeutet, eine neue Wissenschaft zu nehmen und sie einer alten Theorie anzufügen, die keine Gültigkeit mehr hat. Das ist kein Fortschritt. Wie ich vorhin gesagt habe, bezweifle ich, dass Freud ein Freudianer wäre, würde er heute leben. Können wir uns einen anderen Medizinzweig vorstellen, der noch immer im Griff der Wissenschaft der 1920er Jahre ist? Freud schrieb sein Hauptwerk, Die Traumdeutung, zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Gewiss hat es seitdem ein wenig Fortschritt gegeben.

 

Primärtherapie ist eine Rückfahrkarte zum Startpunkt unseres Lebens, während die meisten anderen Therapien nur einfache Fahrkarten sind, die uns nur sehen lassen,  wo wir hingegangen sind, und nicht, wo wir gewesen sind. Mit der Primärtherapie können wir „wieder nach Hause fahren“. Die Unterdrückung von Gefühlen führt zu Depression; ihr Ausdruck, nicht unbedingt mit Worten, führt zum Leben. Halten wir also die Depression an, bevor sie uns anhält.

 

Vernachlässigen wir nicht die Vergangenheit im Bemühen, die gegenwärtige Praxis zu modernisieren. Öffnen wir die Seiten unseres persönlichen Archivs, spüren wir die Dämonen auf, die jetzt einen Namen haben, lassen wir sie Freiheit schnuppern, nehmen wir die Schmerzfesseln ab und machen wir mit unserem Leben weiter.

 

 

 

Ende

 

 

 

 

 

Buchübersetzungen                    Artikel und Buchauszüge                            Home