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DR. ARTHUR JANOV:    

DIE JANOV-LÖSUNG

Primärtherapie - Ein Weg aus der Depression

   

      

 

 

 

 

Die amerikanische Originalausgabe  mit dem Titel   

"THE JANOV SOLUTION - Lifting Depression Through Primal Therapy" erschien anno 2007 bei  SterlingHouse Books, Pittsburgh, PA 15218. 

© Copyright 2007 Dr. Arthur Janov

 

aus dem Amerikanischen von

Ferdinand Wagner

 

Es gibt zurzeit keine deutsche Übersetzung auf dem Buchmarkt

Über dieses Buch (Text des Original-Covers)

Der Autor des Urschreis bietet an, das Leiden 'Depression' zu beenden.

Dr. Arthur Janovs Buch Der Urschrei ist eines der populärsten Psychologie-Sachbücher, die je geschrieben wurden. Jetzt hat Dr. Janov ein Buch verfasst, das einen Durchbruch im Bereich der psychischen Gesundheit verspricht.

Die Janov-Lösung stellt brilliante neue Techniken vor, um Depression auszurotten und somit das Bedürfnis nach antidepressiven Medikamenten, Elektroschock und sogar Gehirnchirurgie zu reduzieren oder zu beseitigen.

Die Janov-Lösung erklärt in klarer, leicht verständlicher Sprache, wie Primärtherapie uns helfen kann, sicheren Zugang zu den tiefsten Gehirnebenen zu erlangen und die Urerfahrungen wieder zu erleben, die Verzweiflungsgefühle verursachen und antreiben. Somit können wir lernen, Depression für immer zu besiegen.

Die Janov-Lösung ist nichts weniger als ein bahnbrechendes Buch für die Millionen Menschen, deren Leben aufgrund von Depression, Angst und lähmenden Trübsinns vielleicht auf dem Spiel steht.

 

 

TEIL I

 

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort                 (ix)   

Einleitung: Warum keine Anleitungen            (xi)

Kapitel 1: Heil Psychotherapie!        (1)

Kapitel 2: Das Monster namens Depression (7)

Kapitel 3: Die Einprägung und die Entwicklung des Selbst (17)

Kapitel 4: Der Prototyp: Sympathen und Parasympathen (29)

Kapitel 5: Die Chemie der Depression (Wie sich Erinnerung einprägt) (45)

Kapitel 6: Gesprächstherapien sind der Einprägung nicht gewachsen (81)

Kapitel 7: Die Wurzeln der Depression erforschen (Wiedererleben) (91)

Kapitel 8: Wie Depression die Macht ergreift (103)

Kapitel 9: Depression und Angst: Verschiedene Wege, um mit demselben Schmerz fertig zu werden? (115)

Kapitel 10: Vom Selbstmord besessen (123)

Kapitel 11: Du stirbst, wie du geboren wurdest (143)

Kapitel 12: Medikamente kontra Psychotherapie (159)  

Kapitel 13: Schlussfolgerung: Die Depression besiegen (165)

Index (173)

 

Vorwort

    

Einige von uns leben in einem Universum aus Schmerz, in dem wir den Kopf hängen lassen, das Gewicht der ganzen Welt auf unseren Schultern tragen und uns nicht bewusst sind, dass es ein anderes Universum gibt, in dem die Menschen erhobenen Haupts umherwandeln und Liebe in ihrem Herzen tragen, für jeden ein Lächeln haben und sich des Lebens freuen. Andere haben nur sporadische Depressionen, die von Zeit zu Zeit wiederkehren, und sie wissen nie, woher sie kommen; vielleicht denken sie „Was soll’s? Ich kann dem Leben eh’ nicht viel abgewinnen.“

Wir eröffnen unseren Lesern die Erkenntnis eines neuen Universums; das Universum der Freude, der Liebe und des Fühlens – wo Depression nur eine ferne Erinnerung ist, wo Energie die Lethargie ersetzt und Interesse die Teilnahmslosigkeit, wo man aufwacht und freudig den Tag begrüßt, wo das Leben kein endloser Albtraum mehr ist, kein Leben, das man in trübem, grauem Nebel verbringt, sondern vielmehr eines voller Licht und Farbe. Es bedeutet, lebendig zu werden. Mein Onkel sagte einmal zu mir: „Mache nie falsche Versprechungen.“ Ich verspreche, das werde ich nicht tun. Schauen Sie, ob Sie mir zustimmen können.


 

Einführung:

  Warum keine Anleitungen

 

In diesem Buch geht es um Depression und ihre Heilung. Es enthält keine Anleitungen, keine „Wie-man’s“, keine Regeln, die es zu befolgen gilt, und nichts zum Auswendiglernen. Die Frage lautet: Warum gibt es keine Anleitungen? Warum behaupte ich nicht, dass man glückliche Gedanken haben, sich im Freien ertüchtigen, eine Glückspille nehmen oder versuchen muss, Freunde zu treffen? Weil nichts davon funktioniert. Oder vielmehr, nichts davon heilt, aber Heilung ist möglich. Wir werden lernen, dass die Wurzeln der Depression außerordentlich tief liegen und dass diese zugrunde liegenden Wurzeln ungeachtet der Fassade, die wir unserer Depression aufsetzen, unberührt bleiben. Nachdem ich Hunderte Depressiver behandelt habe – die meisten erfolgreich - finde ich einen allen gemeinsamen Zusammenhang: die Geburtssequenz. Allein das mag viele Leser und die meisten Psychotherapeuten abschrecken. Aber lassen Sie mich ausreden. Es ist keine Laune oder Grille, worüber ich diskutiere, sondern es sind biologische Wahrheiten. Jede Anleitung, die in der Verhaltenstherapie gegeben wird, dient nur dazu, die Wahrheit zu überdecken. Wenn man nie gesehen hat, wie die Geburt wiedererlebt wird, dann übersieht man leicht ihre große Wirkung. Wir haben lange genug geforscht, um zu wissen, wie wichtig frühe Erfahrung für späteres Leiden ist.

   

Wenn man zur Behandlung Anleitungen verwendet, dann muss man gezwungenermaßen mechanische Maßnahmen ergreifen und in statistischen Erhebungen nach Beweisen oder Bestätigungen suchen. Eine Anleitung von einem Therapeuten bedeutet, dass es „Sollte“- und „Sollte-nicht“-Regeln gibt. Im Grunde ist es eine Moralposition des Arztes, der dem Patienten sagt, wie er leben soll – so und so oft die Pillen abzusetzen, wenn man arbeiten gehen kann. Wenn wir uns mit Gefühlen befassen, dann können wir die Therapie in Qualitätsbegriffen messen – Lebensqualität und Gefühlsqualität. Ich glaube, dass keine „Sollte“-Regeln nötig sind, wenn der Patient fühlt und Zugang zu seinen tief vergrabenen Gefühlen hat, und niemand muss einem anderen sagen, wie er oder sie leben soll.

   

Das übliche Arrangement der konventionellen Psychotherapie wendet sich gegen die Aufdeckung tiefer Realitäten. Aufrecht sitzen und die Angelegenheit diskutieren bringt uns nie dorthin. Zu Gefühlen zu gelangen ist das Gegenteil von Anleitungen, weil uns der intellektuelle Ansatz weiter von unserem verborgenen Selbst entfernt. Man muss auf intellektuelles Verstehen und Verhaltensratschläge verzichten und der Spur der Gefühle folgen, denn es sind vergrabene Gefühle ganz früh vom Lebensanfang, die bei späterer Depression eine große Rolle spielen.

   

Die Vorstellung, dass mechanische Übungen, wie etwa mehr lachen, ausgehen und Freunde besuchen, die Tiefe der Depression ungeschehen machen kann, ist reine Candide- ("schau’ auf die helle Seite") Pollyanna-Lösung für  Probleme, die von alten historischen Kräften verursacht werden. Regeln helfen dabei, tiefem Schmerz eine andere Fassade aufzusetzen. Und den finden wir bei unseren Depressiven. Wenn man sieht, wie andere glücklich sind, macht es einen manchmal umso deprimierter. Übungen? Die kanalisieren die Schmerzenergie für kurze Zeit. Das Problem mit all den „Wie-man’s“ und mechanischen Übungen ist, dass man sie immer wieder machen muss, weil sie alle flüchtige Notbehelfe sind. Anleitungsbücher gibt es endlos viele, weil sie sich nicht mit Ursachen befassen können und es nicht tun. Stattdessen bieten sie eine unendliche Aufmachung kesselflickender Mechanismen. Das machen sie, weil man, um sich mit Ursachen zu befassen, zu den genauen Gegenpolen des verbalen/expressiven Geistes vordringen muss, um die Ereignisse und dazugehörigen Gefühle ausfindig zu machen, die verankert wurden, bevor wir das Tageslicht auf diesem Planeten sahen und bevor wir ein Wort sprechen konnten. Wir können nicht mit etwas sprechen, das keine Sprache spricht.

   

Es gibt keine 10 Schritte zur Gesundheit; wir können keiner „yellow brick road“ ins Nirwana folgen. Wie wir sehen werden, ist Depression ein Zustand massiver Verdrängung vieler Gefühle und Einprägungen. Sie müssen in zeitlicher Reihenfolge von den jüngsten zu den am weitesten zurückliegenden wiedererlebt werden. Meine Depressiven haben viele Gefühle gemeinsam, und diese stammen aus ähnlichen Geburtsgeschichten. Ich habe diese Idee nicht ausgeheckt und dann auf Patienten angewandt. Ich habe einfach aufgeschrieben, was sie sagten und durchgemacht hatten. Aus meinen Beobachtungen habe ich eine Theorie aufgestellt. Der Grund, dass wir vorher nicht dorthin gegangen sind, besteht darin, dass die Tiefen des Unbewussten niemals erforscht worden sind. Wenn wir nichts über die Tiefen wissen, die es zu ergründen gilt, werden wir keinen Weg finden, um dorthin zu gelangen. Wenn wir auf der verbalen Ebene bleiben, werden wir die Erinnerungen, die tief im Gehirn aufgezeichnet sind, nie erreichen. Wenn zum Beispiel depressive Patienten in die Therapie kommen, kann ihre Körpertemperatur im Zustand tiefer Depression auf 94,5 oder 95 Grad (F) [= 34,7°(C) oder 35°(C)]  absinken. Nachdem jemand eine tiefe Hoffnungslosigkeit wiedererlebt, kann sich seine Körpertemperatur auf 98,6 (F) [= 37°C] normalisieren. Das ist nur eine von vielen Kontrollen, die wir haben. Die Gehirnstrukturen, welche die Temperatur im Körper kontrollieren, befinden sich tief im Gehirn. Die Tatsache, dass die Therapie die Sollwerte der Körpertemperatur ändert, zeigt mir an, dass wir tiefliegende Teile des Zentralnervensystems beeinflusst haben.

     

Der Depressive ist im Großen und Ganzen ein Parasympath – jemand, dessen Gesamtsystem zu diesem Teil des Nervensystems (dem parasympathischen) verschoben ist. Dieser Unterabschnitt des Nervensystems wird vom Hypothalamus kontrolliert. Es ist ein Ruhe-, Entspannungs- und Reparatursystem, ein System, das gewöhnlich Untersekretion erzeugt. Es ist das System, das sich aus der „Gefrier“- Reaktion bei Tieren entwickelt hat, die sich mit der Zeit herausbildete, um die Fähigkeit zu hemmen, auf Gefahr eine unmittelbare und aggressive Reaktion erfolgen zu lassen. Manchmal besteht die beste Abwehr darin, nichts zu tun oder wenigstens einen Augenblick nachzudenken und zu überlegen, bevor man reagiert. Ein Schlüsselmerkmal dafür ist die Körpertemperatur, die fast immer universell niedrig bei diesen Patienten ist und vom parasympathischen Nervensystem kontrolliert wird. Sie erzählt von einem Geburts- oder Vorgeburtstrauma, welches das System in Richtung Passivität, Verzweiflung, Niederlage und Reaktionsunfähigkeit verschoben hat. Danach kontrolliert es unser Verhalten und unsere Symptome. Migräne ist zum Beispiel oft Reaktionsbestandteil dieses Systems: ein Verschließen (Zusammenziehen) der vaskulären Blutzirkulation, dem massive Erweiterung folgt.

 

Wenn man tiefe Gefühle, eingekapselte und ferne Einprägungen, ignoriert, dann übersieht man sie leicht bei der Behandlung von Depression. Dann hat man keine andere Wahl, als Anleitungen oder Vorschriften anzubieten. Dann kann man nur versuchen, die aufwallende Kraft des Schmerzes zurückzudrängen, da Verdrängung von frühem Schmerz zu keiner anderen Alternative führt. „Auf die helle Seite zu schauen“ ist eine religiöse Idee, die man ins Reich der Psychotherapie befördert hat. Die „Kraft des positiven Denkens“ überlässt man am besten der Kirche, weil unser inneres System, so sehr wir auch auf die helle Seite schauen wollen, auf die dunkle Seite schaut. Warum? Weil die eingeprägte Erinnerung dunkel und schmerzvoll ist. Man kann jedoch zu ihr gelangen und sie auslöschen. Ich habe meine Patienten so tief und weit wie möglich in ihre Vergangenheit gebracht, und ich habe nie einen Dämon gefunden oder eine dunkle, teuflische Kraft. Alles, was ich je gesehen habe, ist abgesonderter Schmerz. Alles, was es dort gibt, ist ein reines Bedürfnis, das aus der Kleinkindzeit übriggeblieben ist, als diese Bedürfnisse hätten erfüllt werden sollen.

 

David Laplante und Michael Meaney von der McGill Universität in Kanada schreiben Folgendes: „Wir vermuten, dass ein hohes pränatales Stressniveau, dem der Fetus ausgesetzt ist, insbesondere in der frühen Schwangerschaftszeit seine Gehirnentwicklung beeinträchtigen kann.“ („Stress During Pregnancy Affects General Intellectual and Language Functioning in Human Toddlers.“ David Laplante, Michael Meaney, et al., Pediatric Research, Vol. 56, No. 3, 2004.) Sie untersuchten schwangere Frauen während eines schweren Eissturms in Kanada im Jahr 1998. In dieser Studie vermerken sie: „Prägung bei der Geburt kann Individuen für gewisse Verhaltensmuster prädisponieren, die den größten Teil des Erwachenenlebens maskiert bestehen bleiben.“  K.J.S Anand und seine Kollegen stellen fest, dass bei einer Reihe von gewaltsamen Selbstmorden „die signifikanten Risikofaktoren jene perinatalen Ereignisse waren, die wahrscheinlich Schmerz beim Neugeborenen verursacht haben.“ (Seite 70). Sie zeigen auch auf, dass die schwangeren Frauen, die schwer rauchten, Babys hatten, die später mehr zu Kriminalität neigten. Und Mütter, die während der Schwangerschaft Drogen nahmen, hatten Kinder, die weit mehr zum Drogenkonsum neigten, sowohl zu schweren Opiaten (Morphin) als auch zu Speed (Amphetamin). Es gibt jetzt buchstäblich Hunderte von Studien, welche die Hypothese über frühe Prägungen/Einprägungen untermauern, wie sie andauern und unsere Systeme verändern.

 

Das ist neues Material. Vor etwa 20 Jahren hatte man an solche Forschung größtenteils nicht gedacht. Die meisten klinischen Studien bestätigen, was wir seit beinahe 40 Jahren sagen. Die Beweise dafür werden jetzt von Wissenschaftlern nicht in Frage gestellt. In Frage gestellt wird die Notwendigkeit, das alles wiederzuerleben. Unter uns gibt es kaum einen Psychotherapeuten, der an die absolute Notwendigkeit glaubt, alte Ereignisse wiederzuerleben und ihre Prägungen zu ändern, und dennoch ist es genau dieser Prozess, der heilsam ist. Könnte ich sagen, dass der einzige heilsame Prozess einer ist, der sich mit Geschichte und Erinnerung befasst?

 

  Wenn ich behaupte, dass sich der Patient an seine Zeit im Mutterleib „erinnert“, müssen wir daran denken, dass Erinnerung etwas sein kann, das jenseits verbalen Abrufens liegt. Der Körper erinnert sich an seinen Sauerstoffmangel, seine fehlende Bewegungsfreiheit in körperlichem und anatomischem Sinn, an die Strangulierung durch die Nabelschnur oder sein Empfinden, überwältigt zu werden und von Betäubungsmitteln gelähmt zu werden. Am Anfang gibt es zweifellos keine intellektuelle Erinnerung, sondern es gibt ein tieferes Gehirnsystem, das die Erfahrung aufgezeichnet hat.

 

Einprägungen stehen gewöhnlich nicht im Lexikon des Therapeuten; wenn neun Monate fetalen Lebens übersehen werden, dann gibt es keine Wahl: Regeln und noch mehr Regeln, 10 oder12 Schritte ins Nirwana, etc. Gefühle sind das Gegenteil von Regeln. Regeln sind ein ursächlicher Faktor bei Depression. Zu oft wuchs der Depressive mit Regeln und Vorschriften auf anstatt mit Wärme, Freundlichkeit und Zärtlichkeit. Zu oft gehen sie in eine Therapie, die Regeln hat – bekannt als Verhaltens- oder kognitive Therapie, ein Versuch, das Verhalten zu ändern, welcher Benimmregeln einbezieht. Der Ansatz lautet im Grunde: „Mach’ etwas mit mir.“ Unglücklicherweise macht man in den meisten konventionellen Therapien etwas mit dem Patienten. Es ist, was die Eltern getan haben und was jetzt großgeschrieben wird. Die Person ist Empfänger einer Vielzahl von Manipulationen. Wenn wir Gefühle ignorieren, muss „etwas mit uns gemacht werden.“ Das geschah mit vielen von uns, als wir aufwuchsen,- herumkommandiert werden ohne Rücksicht, wie wir uns fühlen. Das kann so subtil sein wie zum Beispiel ein Kind nie zu fragen, was es zum Essen haben will. Unterschwellig aber lernt es, dass seine Bedürfnisse und Gefühle nicht zählen. Wir wollen diesen Fehler bestimmt nicht verschlimmern.

 

Wenn sich die Auffassung über Depression von der Biologie löst, wird sie flüchtig und vage und eignet sich nur für Verhaltenserklärungen. Diagnose in der Psychotherapie ist zu oft eine Sache der Nomenklatur – eine Diagnose, welche die Neurologie übersieht und den Körper, der das alles beherbergt. Sie wird zu Therapeutenworten, die andere Worte des Patienten beschreiben. Patient: „Ich fühle mich oft niedergeschlagen.“ Therapeut: Er sagt, er fühlt sich niedergeschlagen. Hört sich für mich wie Depression an.“ Fragt er: „Was ist in den tieferen Bereichen des Gehirns und im Unbewussten los?“ Nicht wirklich. Wenn er darüber nachdenkt, antwortet er wahrscheinlich: „Nun, lassen wir das jetzt beiseite.“ Das, was ein Patient sagt, in psychologischem Fachchinesisch wiederzugeben, bringt die Wissenschaft nicht voran noch macht es sie verständlicher. Es übersetzt einfach etwas ziemlich Einfaches in etwas schrecklich Kompliziertes. Es ist, um einen französischen Ausdruck zu gebrauchen, als wolle man das Haar vierteilen. Wenn wir diese Aussage in neurobiologische Realitäten übersetzen können und sie uns zu den Ursprüngen führen lassen, wird sie zur Wissenschaft und wir haben Fortschritte gemacht.

 

In der Primärtherapie wird der Patient zum Therapeut, indem er lernt, wie er Zugang zu sich selbst findet und wie er fühlt. Er hat alle Einsichten und braucht keinen Anstoß oder Anfeuerung von außen. Das ist nicht unsere Rolle. Der Therapeut ist lediglich der Katalysator, der ermöglicht, dass die Heilkräfte in Gang kommen. Der Therapeut „heilt“ den Patienten nicht. Der hat die Macht, es selbst zu tun. Wir entfernen die Barrieren (die Abwehr) gegen das Fühlen, und danach nimmt die Natur ihren Lauf.  Ein Primal zu haben ist ein völlig natürlicher Prozess, der in der frühen Kindheit irgendwie Wegelagerern zum Opfer fiel. Ein Primal ist nur der Prozess, in dem man den Schmerz fühlt, der bereits in unser System eingeprägt ist. Andererseits gibt es für den Therapeuten ein spezielles Verfahren, mit dem er die Abwehr entfernt, ohne den Patienten zu schädigen. Keine Formel. Das Wesen der „Wie-man“-Methode besteht immer darin, das Biest zeitweise zu zähmen. Das Problem ist, dass wir das „Biest“ sind, unsere Neurologie und Biochemie. Es gibt keine bekannte Methode, Depression zu besiegen, es sei denn, man findet einen Weg, den zu besiegen, der wir sind. Depression ist nicht irgendein Monster, ein Teil von uns, den wir herausreißen müssen. Sie ist darin eingebunden, wie unsere Biologie funktioniert – wie Nervenzellen zusammenwirken, wie sich Schlüsselhormone verhalten, und wie viel zirkulierendes Serotonin es gibt. Außerdem können wir niemandem sagen, wie oder was er oder sie zu fühlen hat.

 

„Das Biest zähmen“ ist buchstäblich das, was man in einem Krankenhaus im Osten der USA macht. Wenn sie glauben, dass eine tiefe Depression nicht auf schwere Medikation ansprechen wird, entscheiden sie sich für Gehirnchirurgie – tiefe Gehirnstimulierung, um genau zu sein. Gelinde gesagt ist es ein äußerst drastischer Lösungsversuch. Er involviert, dass man vier Löcher ins Gehirn bohrt (vier Schrauben werden in den Schädel eingesetzt), Elektroden in die Nähe einer Gehirnstelle implantiert, die als Areal 25 (Mittellinie des Gehirns) bezeichnet wird, und ihr einen ständigen Strom elektrischer Impulse zuführt. Sie glauben, dass die für Depression verantwortlichen Schlüsselareale der oberste Hirnstamm und einige alten limbischen Strukturen sind. Die Überlegung geht dahin, dieses vermeintlich in Depression verwickelte Areal zu stimulieren und zu entspannen. Doch stellen Sie sich vor, wir könnten dieses Areal ohne Medikamente oder Operation erreichen und Veränderungen im Schaltkreis zustande bringen (ihn vielleicht neu verdrahten). Es ist möglich, weil wir Wege gefunden haben, um Zugang zu tiefen Gehirnzentren zu erlangen. Bestimmt sollte man natürliche Gefühlsmethoden einer ernsten Gehirnoperation vorziehen. Nach Angaben eines Berichts in der N.Y.Times vom 2. April 2006 („Ein Depressionsschalter?“, von David Dobbs) erbrachte die durchgeführte Operation einen Durchschnittssatz von 80 Prozent aller Patienten, die eine Besserung ihrer Depression spürten. Um das klarzustellen, solange wir keine Wege gefunden haben, die Tiefen des Gehirns ohne Operation oder Medikamente zu sondieren, können wir nicht sagen, es gebe keine Heilung für bestimmte Depressionen. Ich glaube, wir haben das Gegenmittel.

 

    Der Grund, warum wir zu solch drastischen und gefährlichen Maßnahmen Zuflucht nehmen müssen, besteht darin, dass alle bisherigen Behandlungen dem obersten Teil des Gehirns – dem Neokortex – galten, eigentlich der vorderen linken Spitze des Neokortex (präfrontales Areal genannt). Weil wir einen Weg gefunden haben, auf tiefe Gehirnzentren zuzugreifen (dieselben Strukturen, die durch Chirurgie und/oder Tranquilizer beeinflusst werden), können wir bei der Therapie der Depression erfolgreich sein und einen fehlgeleiteten Ansatz vermeiden. Der Beweis: Wir haben viele tiefe Depressionen erfolgreich behandelt und haben unsere Ergebnisse anhand von Gehirnwellen und biochemischen Werten gemessen (siehe mein „Primal Healing“ für eine vollständige Erörterung). Man bezeichnet sie als „tief“, weil sie oft tief unten im Gehirn entspringen. Solange wir keinen Zugang zu diesen Tiefen haben, können wir niemals von Heilung sprechen, oder, um es anders auszudrücken, wenn wir zu diesen Tiefen Zugang haben, dann können wir von Heilung sprechen. Es scheint eine Zwickmühle zu sein. Wir verwenden Therapien, die Depressive nicht heilen können, und schauen dann diejenigen schief an, die behaupten, über eine Heilmethode zu verfügen. „Heilung“ ist kein schändlicher Begriff. Schändlich -ein Grund zur Schande- ist, dass wir sie aufgegeben und zu einem „schmutzigen“ Wort gemacht haben. Denken Sie daran, erst wenn wir Zugang zu diesen Tiefen haben, dann können wir von einer Heilung sprechen, und nicht vorher. „Heilung“ ist kein Begriff, den man im Interesse reiner Wissenschaft vermeiden sollte; es ist ein Zustand, den man eifrig begehren sollte

 

 

 

 

Kapitel 1

  Heil Psychotherapie!

 

  In mehr als hundert Jahren Psychotherapie hat sich außer der Kosmetik sehr wenig geändert. Es ist immer noch die 50-Minuten-Stunde, das persönliche Gespräch mit einer Überfülle an Einsichten, eingewickelt in die sanften und süßen Töne eines besorgten Therapeuten. Es gibt noch immer das Schreckgespenst des Unbewussten als Ort unerklärlicher Dämone – etwas, das man um jeden Preis meiden sollte. Niemand spricht es aus, aber es ist darin inbegriffen, dass man den Patienten sorgfältig in die Gegenwart und weg von der Vergangenheit lenkt. Die Freudianer nennen es jetzt Ego-Psychologie, aber es ist noch immer Psychoanalyse mit etwas anderem Brennpunkt, eine Bekleidung – antike Ausstattung mit einer modernen Fassade. Wir dürfen die Vergangenheit, die den Schlüssel zur Heilung birgt, nicht in dem Bemühen aufgeben, als modern zu erscheinen. Der Hier-und-Jetzt-Ansatz, der in den 1800ern vor der Ankunft der dynamischen Therapie des Sigmund Freud vorherrschte, ist keine zeitgemäße Methode, weil sich der Patient im Dort-und-Damals befindet, nicht im Hier-und-Jetzt.

 

    Leider haben wir uns im Namen des Fortschritts von der Vergangenheit weg zu einem eher gegenwartsbezogenen Ansatz bewegt. Dasselbe gilt für alle kognitiven Therapien und Verhaltenstherapien. Es gibt eine Verherrlichung der Gegenwart, des Hier-und-Jetzt, und ein Sich-Entfernen vom Einzigen, das heilt: die Geschichte. Wir sind historische Geschöpfe, neurologisch geprägt von unserer Vergangenheit. Jede geeignete Behandlung muss sich mit dieser Geschichte befassen. Noch trauriger ist, dass wir seit 100 Jahren mit dem falschen Gehirn reden! Es ist dieses Gehirn, das jede Hoffnung auf eine Heilung emotionaler Krankheit vereitelt. Vor einem Jahrhundert war es gut und schön, mit dem Gehirn zu reden, aber jetzt wissen wir viel mehr darüber, was es beinhaltet; wir können mit dem Gehirn reden, das in seiner eigenen Sprache fühlt. Wir wissen, dass der uns zugefügte Schaden auf tieferen Bewusstseinsebenen eingeprägt ist – weit unterhalb des Orts, wo Worte leben.

 

  Wir müssen eine neue Sprache lernen – die des Unbewussten – mit Worten, die uns helfen könnten, bei Patienten tiefgreifende Veränderung herbeizuführen; schließlich nennen wir es „Geisteskrankheit.“ Und in der Tat sind Worte oft die Abwehr gegen das Fühlen.  Unser Ziel ist es, fühlende Menschen zu erzeugen und keine Geistesgiganten. Ein wichtiger Hinweis zu den Gründen und zur Heilung der Depression ist die Tatsache, dass antidepressive Medikamente und Gehrinchirurgie, wie später erörtert wird, eine Menge dazu beitragen, ihre Symptome zu lindern. Diese Modalitäten wirken oft auf tiefere Gehirnstrukturen – auf das Unbewusste, wenn Sie so wollen. Mit anderen Worten, wenn man auf tiefere Gehirnstrukturen einwirkt, lässt sich Depression zum Teil erfolgreich behandeln. Warum sollten wir das nicht fortsetzen und sagen, dass dann, wenn Psychotherapie auf genau dieselben tieferen Gehirnstrukturen einwirkt, die durch Medikamente beeinflusst werden, sie tiefgreifende Veränderung bei Depression herbeiführen kann. Genau das machen wir.

 

Nun, warum ist das so wichtig? Weil wir nur dort gesund werden können, wo wir verletzt worden sind. Wir wissen jetzt, dass emotionale Wunden tief im Gehirn außerhalb des Bewusstseins liegen. Obgleich das tiefere Gehirn die ganze Zeit mit uns „spricht,“ haben wir nie gelernt, wie man mit ihm spricht. Es redet mit uns in unseren Albträumen, in unserem hohen Blutdruck und unseren Migränen, in unseren sexuellen Problemen und in unserer Unfähigkeit, mit anderen auszukommen. Unsere Geschichte erklärt sich in jedem unserer wachen Augenblicke, und dennoch gehen wir zu Psychotherapeuten, die sich allein auf’s Hier-und-Jetzt und nicht auf die Geschichte konzentrieren wollen. Wenn wir das tun, sind wir in der Psychotherapie gezwungen, das Biest im Inneren mit Gedanken, Einsichten und Medikamenten  zu bezwingen – alles einfach unterdrücken. Das Gegenteil muss man tun: die Schmerzdämonen für alle Zeit aus dem System herauslassen! Sie haben einen Namen; wir können sie auf ihren verschiedenen Reisen erkennen.

 

Wir sind wandelnde Archive, die im Dort-und-Damals leben. Wir haben uns auf die Gegenwart und auf Worte konzentriert, weil sie am leichtesten zu erreichen sind und keine große Anstrengung erfordern. Obendrein haben wir nicht gewusst, wie wir Zugang zur Geschichte und zu den tiefsten Zonen des Gehirns finden können. Wir wissen jetzt, dass wir die emotionale Reise zu unserer Geschichte antreten und den Schaden durch Wiedererleben (was ich als „Primal“ bezeichne) beheben müssen, wenn wir gesünder werden wollen. Dieser Ausflug ist nicht schwierig, weil wir auf dem Gefährt des Fühlens in die Vergangenheit reisen können. Dort beginnen unsere Probleme und dort liegt die Lösung. Zu wissen, wie man auf das Gefährt des Fühlens gelangt, ist ein wenig komplizierter. Wenn wir in den richtigen Zug einsteigen, ist jeder Halt unterwegs der richtige. Wenn wir in den falschen Zug einsteigen, ist jeder Halt der falsche.

 

Woher weiß ich, dass die Vergangenheit lebenslang in unseren Gehirnen eingraviert bleibt? Und woher weiß ich, dass das Wiedererleben unserer Geschichte die Dinge zum Besseren wendet? Es gibt jetzt Hunderte von Studien in der Wissenschaftsliteratur, welche die Auswirkungen von Vorgeburts- und Geburtstraumen auf spätere Symptome und späteres Verhalten dokumentieren. Gestatten Sie mir, dass ich von einem Forschungsexperiment berichte, das wir durchgeführt haben, um meinen Standpunkt zu verifizieren. Es fand im UCLA- Lungenlaboratorium statt. Wir schlossen zwei Patienten an eine Reihe von Instrumenten an, überwachten den Sauerstoff- und Kohlendioxid-Spiegel und nahmen alle drei Minuten Blutproben, während sie, wie sich herausstellte, einen Sauerstoffmangel bei der Geburt wiedererlebten, etwas, das wir überhaupt nicht geplant hatten. Kein Patient beobachtete den anderen, so dass wir ein ziemlich reines Erlebnis bei beiden Männern hatten. Nach dem Wiedererlebnis machten wir ein anderes Experiment, bei dem jeder Patient das Primal auf jede Weise (gleiche Bewegungen und gleiches Atmen) nachmachte, nur dass sie nicht in der Vergangenheit waren. Beide Patienten wurden nach drei oder vier Minuten beinahe ohnmächtig in einem Zustand, der eindeutig ein Hyperventilationssyndrom war (reduziertes Kohlendioxid und radikal erhöhter Sauerstoff, was zu Benommenheit, Ohnmacht, klauenförmigen Händen, kribbelnden Fingern und Schwindel führt). Während sie in der Vergangenheit waren, atmeten sie etwa zwanzig Minuten sehr tief ohne Hyperventilationssyndrom. (Ich nenne das „Lokomotivatmung“, weil es sich genau so anhört und anscheinend von der Medulla herrührt). Was die Forscher fanden, war, dass der Körper Sauerstoff brauchte, als der Patient in dem alten Feeling und in der damit zusammenhängenden Geburtsanoxie war; der Patient war in jeder Hinsicht „zurück im Damals“, nicht zuletzt auf physiologische Weise. Es war der Beweis der Wahrheit des Wiedererlebens, dass Patienten in der Zeit zurückgehen können und dies auch tun. Und sie gehen nicht nur psychologisch zurück, sondern in einem vollständigen biologischen Zustand. Die Folgerung daraus ist, dass das frühe Bedürfnis nach Liebe dasselbe bleibt und sich in unserem ganzen Leben nicht ändert. Wir suchen nach symbolischer Ersatzbefriedigung, aber sie ist nie befriedigend und zwingt uns, immer weiter nach mehr und mehr zu suchen, und immer vergebens. Die kritische Zeit, in der ein Bedürfnis erfüllt werden muss, ist vorüber.

 

Wir fanden bei der UCLA, dass sich das Säure-Basen-Gleichgewicht trotz des anhaltenden schweren Atmens nicht veränderte. Die Schlussfolgerung der Forscher, die nichts mit Primärtherapie zu tun hatten, war, dass kein anderer Faktor als Erinnerung für die Ergebnisse verantwortlich sein konnte. Kurz gesagt war die Erinnerung auf Leben und Tod real. Sie war eingeprägt. Trotz der Tatsache, dass der Blutsauerstoff im Raum normal war, sendete das Gehirn Signale eines großen Sauerstoffmangels, und das schwere Atmen folgte. Es gab kein Hyperventilations- Syndrom, weil das Gesamtsystem zurück in der Geschichte war und ein Schlüsseltrauma und dringendes Bedürfnis wiedererlebte.

 

Das ist von Bedeutung, weil es uns ein ganzes Universum eröffnen kann hinsichtlich der Tiefe des menschlichen Unbewussten. Es bestätigt, dass sehr frühe Erfahrung in uns eingeprägt ist, nicht nur als Erinnerung sondern als Wunde, die nach Heilung verlangt. Sie ist von Dauer. Wiederleben ist ein reales Ereignis; das Baby-Weinen in einer Sitzung kann der Patient nachher niemals wiederholen. Die Male, die ursprünglich während des Geburtstraumas auftauchten, können später in einer Therapiesitzung wieder erscheinen. Das ist eindeutig keine Simulation. Anders ausgedrückt bleibt die Vergangenheit und ihre Neurobiologie in unserem Inneren eingekapselt. Das kann für eine Reihe schleichender Krankheiten im Erwachsenenleben verantwortlich sein. Bemerkenswert ist, dass die Einprägung sich nie ändert; sie ist unempfindlich gegen Erfahrung. Es ist egal, wie viel Beifall ein Schauspieler bekommt; er braucht immer mehr. Deshalb behaupte ich, dass nur das Verweilen im Kontext einer alten traumatischen Erinnerung heilen kann. Bedenken Sie, dass das Gehirn während der Sitzung trotz des angemessenen Sauerstoffgehalts im Raum einen ernsten Mangel signalisiert und dass der Körper entsprechend reagiert. Er schnappt nach Luft – was alles mit dem zu tun hat, das in der Erinnerung eingeprägt ist. Das spricht für sich selbst. Trotz gegenwärtiger Realität reagieren wir ständig auf die alte eingeprägte Erinnerung (Realität).

 

Der Körper raucht, um den Schmerz der Anoxie abzutöten, oder er nimmt Drogen jenseits aller Kontrolle durch die oberen kortikalen Bereiche. Es ist ein Reagieren auf innere Ereignisse. Deshalb nützen Vorträge übers Rauchen herzlich wenig. Das kleine Mädchen in der Frau nimmt Drogen, um ihren Schmerz abzutöten, was wir nie sehen. Es ist etwas, das der Mensch nie sieht, weil er von dieser Jugend und ihren Gefühlen abgetrennt ist.

 

Hier haben wir es anscheinend mit einem Paradox zu tun: Würde ich die früher kalte, gleichgültige Mutter hereinbringen und sie ihren Sohn in der ganzen Sitzung umarmen und berühren lassen, würde absolut gar nichts passieren. Aber wenn der Patient ihre fehlende Liebe wiedererlebt, passiert alles; es kommt zu einer Normalisierung vieler Parameter, und die Depression beginnt sich zu heben! Warum? Weil sich die Verdrängung ebenso hebt, wenn man den Schmerz fühlt. Somit ist das Ergebnis das gleiche, ob die Mutter das Kind nun ursprünglich liebt oder ob es den Liebesmangel jetzt nach 30 Jahren fühlt. Anders gesagt werden wir von der Geschichte beherrscht, und die Methode, Schmerz aufzulösen, besteht darin, wieder in ihn zu versinken. Wir haben wirklich an Tausenden Patienten Untersuchungen der Vitalfunktionen vorgenommen, um diese definitive Aussage machen zu können.

 

Warum müssen wir diesen Bericht dringend beachten? Um unnötiges Leiden zu beenden. Lassen Sie mich ein Beispiel anführen. Ich habe gesagt, dass Gehirnchirurgie eine neue Behandlung für Depression ist, die zur endlosen Zahl verschriebener Antidepressiva hinzukommt. Der Grund, warum einige Psychologen darauf zurückgreifen, ist, dass alle aktuellen Therapien keine Möglichkeit haben, auf die tiefen Zonen des Gehirns zuzugreifen, wo Depression vielleicht organisiert wird; von daher das Verlangen nach einer Operation. Ich wiederhole, dass wir auf diese tiefen Gehirnareale zugreifen und dadurch sehr gute Ergebnisse bei der Behandlung von Depression erzielen können. Wenn das stimmt, dann kann und sollte man Gehirnchirurgie, eine sehr drastische Angelegenheit, vermeiden. Das soll kein Vorwurf gegen die Chirurgen sein. Sie tun ihr Bestes, um Leiden zu lindern. Aber es gibt einen anderen, natürlichen Weg, der weit weniger drastisch ist und ohne Medikamente oder Operation auskommt. Wir müssen viel tiefer gehen, um Gefühle zu sehen und zu erfahren. Das wirkt auflösend. Es bedeutet, elementare Ursachen zu erforschen und zu erfahren. Genau das nenne ich „Heilung.“

 

Solange wir keinen Zugang zu diesen Tiefen haben, können wir niemals von Heilung sprechen; oder um es anders auszudrücken, wenn wir Zugang zu diesen Tiefen haben, dann können wir von Heilung sprechen.



 

  Kapitel 2

 

       Das Monster namens Depression

 

 

Eine Gruppe von 20 meiner depressiven Patienten traf sich letzte Nacht, um über ihre Probleme und den überwältigenden Schmerz, der sie umgibt, zu diskutieren. Während des Gesprächs wurde offensichtlich, dass es zahlreiche Dinge gibt, die sie hinsichtlich ihres Allgemeinzustandes gemeinsam hatten. Als sie auf ihre Lebenserfahrung zurückblickten, identifizierten sie gewisse Symptome und Tendenzen bei ihren Gefühlen und ihrem Verhalten, einschließlich:

 

1.                    Unfähigkeit zu reden

 

2.                    Mangel an Energie

 

3.                   Bewegungsunfähigkeit, eingeschlossen, feststecken in einem dunklen Abgrund

 

4.                   Nichts finden können, wofür man lebt, flache Landschaft im Inneren, eine monotone innere Leblosigkeit

 

5.                   Depressive Stimmung geht immer weiter, Gefühl, dass sich nichts ändern wird

 

6.                   Etwas will heraus

 

7.                   Eine Unfähigkeit, Freude zu spüren, ein Gefühl ständigen Leidens

 

8.                   Konzentrationsprobleme

 

9.                   Extreme Müdigkeit

 

10.                Bewegungsunfähig, paralysiert; das Gefühl, eine Situation nicht ändern zu können, keine Entscheidung treffen oder    etwas nicht aufhalten können

 

11.                Starrheit und schwerfällige, mühsame Bewegungen

 

12.                Wiederkehrender Todeswunsch

 

13.                Gefühl der Isolation

 

14.                In ein schwarzes Loch fallen

 

15.                Nirgendwohin gelangen

 

16.                Eine allumfassende Schwere oder Leblosigkeit

 

17.                Mühe, zu atmen oder auch nur den Arm zu heben

 

18.                An nichts interessiert, kein sexuelles Interesse

 

19.                Verzweiflung, Resignation und aufgeben wollen

 

20.                Was hat das Leben für einen Zweck? Ich will so nicht weitermachen

 

 

Diese 20 Patienten sind zu der Erkenntnis gekommen, dass sie die Empfindungen eines Geburtstraumas beschrieben, der gemeinsame Nenner ihrer Erfahrung. Diese Empfindungen und Gefühle begleiteten das Geburtstrauma in der „Talsohle,“ wie ich es nenne. Während des Geburtsprozesses fanden alle Patienten, dass sie aus einer Vielzahl von Gründen in der sogenannten „parasympathischen“ Phase der Geburtserfahrung steckenblieben. Diese Phase ist dadurch gekennzeichnet, dass das Baby ein Gefühl der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit erlebt, verursacht durch Komplikationen, die entstanden, als das Baby den Mutterleib verließ und sich durch den Geburtskanal bewegte. Ob sich nun das Baby in die falsche Lage gedreht hatte, ob es sich in der Nabelschnur verhedderte, Atmungsnöte hatte aufgrund von zu viel Anästhesie, die der Mutter verabreicht wurde, oder ob es auf Widerstand im Geburtskanal stieß, alle erlebten eine Empfindung, sich nicht frei vorwärts bewegen zu können, nicht voranzukommen. Ein Gefühl von Düsterkeit und Verhängnis setzt ein. Dieses Gefühl kann einen Menschen sein ganzes Erwachsenenleben hindurch verfolgen und ist als Depression bekannt. Das häufigste Problem, auf das ein Baby während seiner Geburt treffen wird, ist, dass sein Nervensystem durch der Mutter verabreichte Medikamente oder Anästhesie unterdrückt wird, wodurch das Baby daran gehindert wird, die nötige Energie aufzubieten, um den Mutterleib zu verlassen und seinen ersten Atemzug zu machen. Geboren werden erfordert Arbeit, und dennoch werden viele Babys durch die Medikation oder Anästhesie der Mutter mehr oder weniger „außer Gefecht gesetzt.“ Aufgrund des fragilen Zustands des Babys und wegen der Tatsache, dass sein Gehirn sich in den folgenden Jahren noch nicht voll entwickeln wird, werden alle Empfindungen, die sich auf seinen Geburtskampf beziehen, physiochemisch in seinem Nervensystem verankert und formen letztlich seine Persönlichkeit und steuern das Verhalten.

 

Depression war lange Zeit ein Geheimnis, weil wir die Beziehung zwischen dem Leben im Mutterleib bzw. dem mit der Geburt einhergehenden Trauma und späterer psychischer und körperlicher Gesundheit ignoriert haben. Wenn wir ein Transparent der Depressionsmerkmale über die Wirkungen des Geburtstraumas legen würden, fänden wir heraus, dass sie perfekt übereinstimmen. Alles, was jemand damals während des Geburtstraumas fühlte, ist auch eine Beschreibung seiner gegenwärtigen Depression. Ich habe vor zu erforschen, warum das so ist. Aber im Augenblick müssen wir wissen, dass die Traumen, die sich im Mutterleib, bei der Geburt und in der frühen Kindheit festsetzen, verschlüsselt, aufgezeichnet und im Nervensystem gespeichert werden. Sie werden zu einer Schablone dafür, was später geschieht.

 

Wenn ich Ihnen sagen würde, dass Depression und alle ihre Symptome von einem einzigen Ereignis stammen, wäre das schwer zu glauben. Dennoch stimmt es in gewisser Hinsicht ist in anderer Hinsicht falsch. Nichtsdestotrotz ist das Geburtstrauma die weitaus wichtigste Ursache der Depression. Das ist keine Theorie, die ich ausgeheckt habe, sondern vielmehr ein Ergebnis der Beobachtung an vielen depressiven Patienten aus vielen Ländern, welche die gleiche Art von Trauma wiedererlebten. Nachdem ich mehrere Hundert Patienten erfolgreich behandelt habe, Gehirnforschung und biochemische Untersuchungen an ihnen vorgenommen habe, kann ich zu keinem anderen Schluss kommen. Was zum Ernst des Problems beiträgt, ist die Tatsache, dass die Wirkungen des Geburtstraumas sich dann durch spätere Lebensumstände verschlimmern. Aber wenn es nicht dieses eine Ereignis gäbe – das Geburtstrauma – dann gäbe es wahrscheinlich keine schwere Depression und insbesonders keine Endogene Depression, die uns ohne erkennbare Vorwarnung beschleicht, verschlingt und uns tief in ihrem Rachen hilflos zurücklässt.


Depression ist weder ein Gefühl noch eine seltsame, unbehandelbare Krankheit; sie ist ein Verdrängungszustand. Depression ist systemweite Verdrängung, die viele Gefühle verdeckt. Es ist die Geschichte der Körpererfahrung, die ihre Kraft ausübt. Der Ausdruck von Gefühlen markiert das Ende der Depression, aber zuerst müssen wir wissen, was genau wir fühlen und was wir ausdrücken müssen. Das ist der Haken an der Sache. Was ausgedrückt werden muss, das lässt sich mit Worten nicht machen, weil das Ereignis an sich – das Geburtstrauma – kein Ereignis ist, dass man mit Worten erlebt. Die Empfindungen, die ein Baby während der Geburt erlebt, werden in einer Gehirngegend erzeugt, die weit unterhalb verbaler Fähigkeit liegt. Dieser Teil des Gehirns – der Hirnstamm und das Limbische System – ist ein kognitiver Analphabet, aber brilliant hinsichtlich seiner eigenen Sprache. Wenn wir das allmählich verstehen, werden wir sehen, dass Depression nicht das Geheimnis ist, als das es ausgemacht wurde, und dass man sie tatsächlich erfolgreich behandeln kann. Ist ein Trauma einmal tief im Gehirn eingeprägt, schreit es förmlich seinen Schmerz hinaus, jedoch nie mit Worten. Wir scheitern, wenn wir versuchen, es mit Worten zu erreichen, was die aktuelle Praxis ist; es ist ein Dialog der Tauben. Es redet in der Sprache der Eingeweide, des Blutsystems und der Neuronen. Wir können die Sprache lernen und wirkungsvoll mit ihm reden, wenn wir die Technik haben. Genau das bieten wir unseren Depressiven an.

 

Die Forschung hat herausgefunden, dass es bei Depressiven in der Physiologie und Biochemie im Vergleich mit gesunden Individuen Unterschiede gibt. Obwohl in seltenen Fällen vielleicht die Genetik zum Teil für Depression verantwortlich ist, sind im Großen und Ganzen das Geburtstrauma und frühe Lebenserfahrung der wesentliche Grund. Während unseres Lebens im Mutterleib kommt es zu Veränderungen in der Physiologie. Die Sollwerte von so vielen Hormonen werden eingerichtet. Vielleicht glaubt man, dass solche Mängel genetisch seien, aber es gibt Ereignisse, die sie verursachen können, und die sind nicht immer offensichtlich. Sie werden erst offensichtlich, wenn der Patient in der Therapie zu den Antipoden des Unbewussten hinabsteigt, wo die entscheidende Erklärung für die Depression liegt.

 

Im Fachgebiet der Psychologie gibt es Übereinstimmung darin, dass Schmerztöter dabei helfen, die Depression zu unterdrücken. Das bedeutet, dass irgendwo die Erkenntnis besteht, dass Schmerz ein Faktor für Depression sein kann.Es gibt auch umfassendes Forschungsmaterial, das auf die Tatsache hinweist, dass Depression ein aktivierter Zustand ist, bei dem die Stresshormon-Spiegel hoch sind, oft ebenso hoch wie bei Angstzuständen. In diesem Buch geht es prinzipiell um unsere Erfahrung mit Depressiven in der Primärtherapie. Es gibt da draußen jede Menge Bücher, die Forschungen zitieren, Korrelationen und statistische Schlüsse anbieten. Was fehlt, ist das Fallbeispiel realer Personen, die depressiv waren, wie sich das anfühlt, und wie sie damit in ihrem Leben zurecht gekommen sind. Darüber hinaus werden wir ein Behandlungsprogramm anbieten, das unserer Überzeugung nach die derzeit effektivste Therapie für Depression darstellt. Wir werden durch deren eigene Worte erfahren, was Depression für meine Patienten bedeutete und, was noch viel wichtiger ist, woher das alles kommt.

 

Verdrängung kann im Mutterleib zu jedem Zeitpunkt während der neun Monate Schwangerschaft beginnen, wenn die Neuroinhibitoren im fetalen System in Kraft treten, um  Schmerz zu unterdücken. Sie hat sich im letzten Trimester der Schwangerschaft größtenteils etabliert. Der Fetus kann Schmerz fühlen, und er kann ihn unterdrücken. Die tiefste und schwerwiegendste Verdrängung geschieht während des Fötallebens und bei der Geburt, weil es fast immer eine Sache auf Leben und Tod ist. (Siehe die Arbeit von K.J.S. Anand für eine vollständige Erklärung dazu: „Can Adverse Neonate Experiences Alter Brain Development and Subsequent Behavior? Biology of the Neonate.“ 2000: 77, 69-82. Co-Autor F.M. Scalzo.) Diese Situationen erfordern vom Fetus extreme Reaktionen. Verdrängung in dieser Zeit wird dann global oder systemweit und beeinflusst jeden Aspekt des fetalen Körpers und der fetalen Entwicklung. Man kann diese Art globaler Hemmung leicht bei jemandem spüren, weil diese Leute eine abgeflachte Emotionalität haben, da sie kein Gefühlsleben entwickelt haben, bevor die Verdrängung einsetzte, und weil der Grund dafür geschah, bevor sie auch nur ihren ersten Atemzug auf der Welt machten. Ein in der Schwangerschaft oder bei der Geburt erlebtes Trauma der Todesnähe verfolgt uns für den Rest unseres Lebens als Einprägung, die innerhalb des Hirnstamms und der limbischen Gefühlszentren festgehalten wird. Also sieht der Körper und das Unbewusste eines Menschen, der deprimiert ist und an Symptomen leidet, die er sich durch frühe Verdrängung erworben hat, den Tod als logisches Ende der Qual; aus diesem Grund erwägen so viele Depressive, sich das Leben zu nehmen.

 

Wann immer es später im Leben Stress gibt, kann dieser Stress beim Depressiven die Originalerinnerung des Traumas auf Leben und Tod auslösen, das er im Mutterleib oder bei der Geburt erlebte, und ein Gefühl drohenden Todes oder Verhängnisses mit sich bringen. Es ist dieses bevorstehende Verhängnis, das den Kopf so vieler Depressiver beugt und sie zwingt, einem Trübsinn zu frönen, dessen sie sich kaum bewusst sind.

 

Es gibt einen Begriff, den wir uns bei der Therapie der Depression anschauen müssen: Resonanz. Es könnte den Anschein haben, dass dem Nervenschaltkreis eine besondere Frequenz zueigen ist, wenn ein Trauma oder fehlende Liebe sich verankert. Es kann sein, dass Gefühle, die sich über dieser Einprägung festsetzen, mit derselben Frequenz resonieren. Somit kann etwas, das in der Gegenwart geschieht, durch seine übereinstimmende Frequenz eine frühe Erinnerung auslösen. Das alles bildet ein ineinandergreifendes Nervennetzwerk. Wenn das Abwehrsystem schwach ist, kann eine mehr oder weniger bedeutende Gegenwartssituation, wie zum Beispiel einen Freund zu verlieren, das ursprüngliche Verhängnis auslösen. Verhängnis und Düsterkeit ist der Inbegriff für Depression. Ich werde das nicht aus statistischen Studien heraus erklären sondern mit den Fleisch-und-Blut-Berichten meiner Patienten. Somit kann uns ein relativ harmloses Ereignis in Verhängnis und Düsterkeit stürzen, weil sich die Gefühle innerhalb eines einzigen Netzwerks aufeinander beziehen. Wenn wir die verursachende Einprägung nicht verstehen und anerkennen, können wir Depression weder verstehen noch uns von ihr befreien. Der einzige Weg, der uns dann bleibt, ist, den Patienten zu beraten, ihm zu schmeicheln und ihn zu manipulieren, indem wir uns mit dem Hier-und-Jetzt befassen. Wie wissen, dass es eine enge Beziehung gibt zwischen hohem Blutdruck und Depression, genau wie zwischen Migräne-Kopfschmerz und Depression. Unser Körper schreit durch seinen hohen Blutdruck, aber alles, was wir tun können, ist, hilflos daneben zu sitzen und dem Patienten Droge um Droge einzuflößen, um seine Symptome zu kontrollieren. Wir haben das Symptom zur Behandlung aus dem Menschen herausgezogen, ansatt zu sehen, dass das Symptom einer biologischen Geschichte entspringt. Wenn wir diese Geschichte nicht verstehen, sind wir auf eine ahistorische Therapie beschränkt. Wir machen dann eher das Symptom „gesund“ als den Menschen.

 

Jetzt zu meinen Patienten. Was Sie lesen werden, sind Geschichten mit zahlreichen Ähnlichkeiten in ihren Berichten: Sie alle wuchsen in sterilen, emotionslosen, tyrannischen Elternhäusern mit wenig Wärme und Freundlichkeit auf; elterliche Autokratie war die tägliche Regel. Denken Sie daran, dass sie keine Litanei wiedergeben, die sie zu meinen Füßen erlent haben. Ich lernte von ihnen und schrieb gewissenhaft auf, was ich beobachtete. Als Kinder wurde von ihnen verlangt, sich der Autorität der Eltern zu unterwerfen; ihre Gefühle wurden von einem oder beiden Eltern zurückgewiesen. Hinzu kommt, dass sie alle eine ähnliche Geburts- oder Vorgeburtsgeschichte hatten. Es war übereinstimmend eine Geburt mit einer Mutter, die schwer anästhetisiert war, und das Ergebnis war ein Neugeborenes, das phlegmatisch, lustlos, passiv war und nicht reagierte. Solche Babys wühlen unmittelbar nach der Geburt nicht naturgegeben und sich selbst behauptend nach der Brust. In der Regel waren sie – gelinde gesagt - keine kuscheligen Babys. Sie waren keine energischen Kinder.

 

Der folgende Ausschnitt aus unserem Gespräch vor der Therapie gibt uns eine gute Beschreibung dessen, wie Depression sich anfühlt.

 

 

Andre

 

Meine Stimmung war immer gedrückt, soweit ich zurückdenken kann. Ich hab’ keine Energie, irgendwas zu machen. Es gibt mehrere Symptome, die mein Leiden zeigen.

 

Ich konnte nie viel essen. Ich war zum Essen zu faul. Ich aß Wackelpudding und Süßigkeiten. Ich vermied es, Fleisch und Kartoffeln zu essen, um keine Energie zu vergeuden. Ich musste sehr langsam essen, und meine Eltern beschwerten sich immer. Ich wollte meinen Mund nicht zu schnell bewegen, weil ich mich so schwach fühlte.

 

Ein anderes Problem war die Konzentration. Ich hatte immer Konzentrationsprobleme. Ich litt so sehr, dass ich meinen Lehrern nicht zuhören konnte. Die Schule war für mich nur Qual. Ich wollte nur schlafen. Meine Eltern gaben mir das Gefühl, dass ich gehen musste, um erfolgreich zu sein.

 

Beim Sport ging mir schnell die Kraft aus. Ich stellte fest, dass ich kaum atmen konnte, wenn ich viele Übungen machte. Es war wie sterben. Es war einfach keine Energie mehr da. „Lasst mich allein“ war alles, was ich je gefühlt habe.

 

Gewöhnlich war ich ganz plötzlich deprimiert, wusste aber nie, warum. Als ich einmal am Flughafen war, um einen Freund abzuholen, konnte ich keinen Parkplatz finden. Ich war aggressiv und wütend und dann plötzlich hilflos und deprimiert. Ich wollte am liebsten sterben, und das alles, weil ich keinen lausigen Parkplatz finden konnte. Ich wollte aufgeben, aber ich konnte es nicht.Anscheinend habe ich immer das Gefühl: „Ich muss wieder sterben.“ Ich möchte, dass jemand zu mir kommt und mich aus dieser Situation rettet. Ich will nicht, dass ich zu jemandem gehen muss.

 

Wenn ich lange schlafe, möchte ich wirklich nicht mehr aufwachen. Ich fühle mich schwach, und es fehlt mir an Energie. Wenn ich an einer länger dauernden Aufgabe arbeite, wie etwa einen Aufsatz für eine College-Klasse zu schreiben, wird es mir zu viel, und alles, was ich will, ist schlafen. Ich möchte für niemanden da sein.

 

Ich bin deprimiert, wenn ich allein sein muss, aber auch die Nähe zu anderen schafft nur Qual. Ich kann nicht gewinnen.

 

Ich habe in meinem ganzen Leben keine Medikamente oder Drogen  genommen. Aber kürzlich fing ich an, Wellbutrin zu nehmen. Es hat mir nichts gebracht. Ich kann nur Süßigkeiten essen. Das ist meine Droge.

 

Ich habe vielleicht bis zu zehn Mal im Monat Selbstmordgefühle. Ich spüre so viel Druck, aber ich weiß nicht, woher er kommt. Also, ich denke, für mich ist es das Beste zu sterben. Ich hab’ kein Gefühl mehr fürs Leben. Ich habe keinen vorüberlegten Plan, wie ich mich selbst umbringen will. Es rührt daher, dass ich mich so hilflos fühle, dass ich sterben will. Ich möchte mich nur zu Tode schlafen. Wenn jemand das letzte Stückchen Energie aus mir heraussaugen würde, wäre ich frei. Es gäbe keinen Kampf mehr. Ich bin zu feige, um von einer Brücke zu springen, und ich kann mir nicht vorstellen, mich zu erschießen. Ich glaube einfach, dass ich meine Augen schließen und sterben möchte.  

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Das ist traurig und tragisch. Es muss nicht länger so sein. Das ist die gute Seite dieser Geschichte.

 

Kapitel 3

  Die Einprägung und die Entwicklung des Selbst

 

  Einer meiner Patienten hatte Eltern, die ihn von allem abhalten wollten. Von Beginn an wollten sie von ihm nicht gestört werden, und sie wiesen ihn an, sich auf seinen Stuhl zu setzen und sich nicht zu rühren oder zu sprechen. Das war der Deckel auf eine blockierte Geburt, bei der er große Probleme hatte herauszukommen. Diese zwei traumatischen Erfahrungen in der kritischen Entwicklungsperiode wirkten zusammen und führten dazu, dass er nicht aufzuhalten war, wenn er einmal außer Kontrolle geriet. Er wurde wütend, wenn ihm jemand ein Hindernis in den Weg legte. Wenn er am Telefon unterbrochen wurde oder wenn er bei einer Behörde gebeten wurde zu warten, während man in seiner Akte nachsah, geriet er in Rage.

 

Er wusste es nicht, aber er reagierte auf Ereignisse, die vor langer Zeit geschehen waren. Aufgehalten werden bedeutete ursprünglich den Tod; er wäre gestorben, hätte er bei der Geburt nicht heraus gekonnt. Er musste sich seinen Weg hinaus erzwingen, und wenn er später mit Hindernissen konfrontiert war, wurde er übertrieben aggressiv. Er kämpfte bei der Geburt, und später kämpfte er gegen Eltern, die ihm nie seinen Willen ließen. Seine einzige Problemlösung war vorwärtsstürmen, und er wusste nie, wann er nachzugeben hatte.

 

Einem anderer Patienten widerfuhren in der kritischen Periode und bei der Geburt ganz andere Schlüsselereignisse, die seine Persönlichkeit formten. Seine Mutter war während der Geburt schwer anästhetisiert. Das Betäubungsmittel drang in sein System ein und nahm ihm den Sauerstoff. Um zu überleben, musste er Energie sparen und durfte nicht zu viel Sauerstoff verbrauchen. Mit anderen Worten, um ihn zu retten, verlangsamte sich sein System zu einem passiven Wartezustand, einer Physiologie der Niederlage und Verzweiflung, weil er absolut nichts ändern konnte an dem, was geschah. Das verschlimmerte sich später durch die Art, wie seine Eltern ihn in der Kindheit behandelten, die nie zuließen, dass er seine Gefühle ausdrückte oder protestierte. Es hatte keinen Zweck, bei der Geburt zu kämpfen und später hatte es keinen Sinn, mit seinen Eltern um irgendwas zu streiten, was sie nur noch zurückweisender und kälter gemacht hätte.

 

In beiden Fällen wurde er von äußeren Kräften beherrscht, über die er keine Kontrolle hatte, und er hatte keine andere Wahl als nachzugeben und aufzugeben. Passivität war die angemessene und tatsächlich lebensrettende Reaktion. Von da an gab er auf, wenn er auch nur auf geringen Widerstand stieß, genau so, wie er ursprünglich und dann später mit seinen Eltern aufgegeben hatte. Tatsächlich wechselte er immer wieder in einen „Niederlagenmodus,“ wie er es von Beginn an getan hatte; erst später wurde das als Depression bezeichnet.

 

Beide Patienten sind Opfer gewisser Ereignisse, wie es viele von uns sind. Frühe Erfahrungen in den entscheidenden ersten drei Lebensjahren formen weitgehend unsere Persönlichkeit und unsere Gesundheit. Die Katholische Kirche sagte immer: „Gebt mir ein Kind bis 6 Jahre, und es wird für immer ein Katholik sein.“ Es stellt sich heraus, dass sie nicht mehr als die ersten drei Jahre brauchen. Das ist fast schon das Ende der kritischen Periode, in der wir so ziemlich das werden, was wir den Rest unseres Lebens sein werden. Genau hier werden wir entweder optimistisch oder pessimistisch, konzentriert/zerstreut, aktiv/bedächtig, wagend/aufgebend, nach außen/innen orientiert, Hindernisse bewältigend/ von Hindernissen überwältigt, vorwärts/rückwärts schauend, zielorientiert oder umhertappend, aggressiv oder passiv. Weil wir in diesen entscheidenden Jahren größtenteils fühlende Geschöpfe sind, die ohne die kognitiven Kräfte auskommen müssen, die erst später kommen, wird das Selbst im Wesentlichen durch Kette und Schuss präverbaler und nichtverbaler Prozesse geformt. Darüber hinaus nehmen die Krankheiten, die uns befallen werden, hier ihren Anfang.

 

Die Konzeption der Prägung/Einprägung ist seit mehreren Jahrzehnten zentraler Punkt meiner Arbeit. Wenn ein frühes Trauma in der kritischen Entwicklungsperiode schwerwiegend ist, wird es zu einer Einprägung, zu einem Dauerzustand. Die Leidenskomponente – der Teil, der nicht integriert werden kann, weil es zu viel ist, als dass das System es ertragen könnte – wird abgetrennt und gespeichert. Das ist die Einprägung, und sie entwickelt in unserem Nervensystem ein Eigenleben. Sie wir zu einer fremden Kraft, nicht wirklich ein Teil von uns, isoliert und dennoch nach Zugangswegen ins Bewusstsein suchend. Bei Depression gibt es einen chronischen Leidenszustand, weil der Mensch vages globales Leiden nicht in spezifischen eingeprägten Schmerz übersetzen kann. Also ist es diese fremde Kraft, die unsere Gedanken und unser Verhalten formt. Einige Leute nehmen tatsächlich „fremde Kräfte“ (Außerirdische) in der Welt wahr, die nichts weiter als ihr eigener nach außen projizierter Schrecken sind.

 

Die traumatische Einprägung geschieht meistens aus zwei entscheidenden Gründen. Der erste ist eine schwierige Geburt; der zweite ist das Fehlen einer liebevollen Beziehung zwischen zwei Menschen – zwischen Mutter und Kind. Wenn ihre Beziehung nicht im Einklang ist, sind die Voraussetzungen für eine nachteilige Einprägung geschaffen.

 

Es gibt viele Möglichkeiten, das Gefühl einzuprägen, dass man nicht geliebt wird. Zum Beispiel kann es in der Situation, wenn man sich gleich nach der Geburt nicht um das Kind kümmert, wenn es nicht zärtlich gehalten wird, zu folgender Einprägung kommen: „Ich sterbe, wenn sie mich nicht liebt.“ Jahre später geht eine Freundin, und der junge Mann taumelt in eine tiefe Depression. Warum? Sie hat die Einprägung aus der Zeit unmittelbar nach der Geburt ausgelöst: „Ich sterbe, wenn sie mich nicht liebt.“ Wenn er keine Ahnung hat, was nicht stimmt, wird er ausagieren und vielleicht versuchen, sich selbst oder ihr Gewalt anzutun; er kann nur glauben, es sei wegen ihr.

 

Allein nicht zu kommen, wenn ein Kind ruft, vermittelt die Botschaft, dass es unwichtig ist, dass sich niemand sorgt. Wenn man ein Baby Stunde um Stunde ausschreien lässt, führt das schließlich ein Gefühl der Niederlage herbei: „Was hat das für einen Sinn? Ich kann nicht mehr.“ Dieses Gefühl kann die bereits bestehende Tendenz zu Resignation und Verzweiflung, die vom Geburtstrauma herrührt, weiter verschlimmern. Jede neue Erfahrung baut auf Einprägungen und formt die Persönlichkeit.


    Wenn die Einprägung „ungeliebt“ einmal existiert, kann uns niemand mehr dazu bringen, dass wir uns geliebt fühlen. Das ist ein Schlüsselfaktor unseres Lebens, vor dem wir alle in wilder Flucht davonlaufen. Wir versuchen, Liebe von Freunden, Familie, Kindern und sogar dem Platzanweiser im Theater zu bekommen. Wenn der Schmerz, der draus resultiert, dass wir in den ersten Wochen und Monaten unseres Lebens nicht geliebt worden sind, sehr tief ist, können wir später auf der Suche nach der Liebe, die wir nicht hatten, einem Kult beitreten und an die bizzarsten Vorstellungen glauben.

 

Unsere Erinnerungen haben uns jeden Tag im Griff, und unser Verhalten als Erwachsene ist das Analogon der Einprägung. Sie findet sich in unserer Haltung, unserem Gesichtsausdruck und Gang. Die Physiologie des Pessimismus ist das unterste Glied einer ganzen Gefühlskette, die letzlich zu Depression führt. Wir können uns besiegt und hilflos fühlen, lange bevor wir Worte dafür haben. Viele meiner Patienten berichten, dass aus diesem Niederlagen-Gefühl heraus in der Schule aufgaben. Oder sie gaben den Versuch auf, im Leben einen Partner zu finden, wenn sie auf das kleinste Hindernis stießen. Viele unserer Entscheidungen im Leben werden innerhalb der Grenzen solcher Paradigmen getroffen.

 

Wenn das verzweifelte Bedürfnis eines Menschen nach seiner Mutter in den ersten Monaten nach der Geburt vereitelt wurde, versäumt er vielleicht als Erwachsener jede Chance auf Liebe, weil er noch immer in dem Bedürfnis nach Mutter feststeckt. Keine Frau kann ihm das Gefühl von Befriedigung geben, weil die Einprägung darin besteht, sich „unbefriedigt“ zu fühlen. Er wird Frau um Frau ausprobieren, ohne jemals zufrieden zu sein; immer glaubt er, dass eine andere Frau die ideale für ihn sei.

 

Das Fehlen einer liebevollen Mutter hat tiefen Einfluss auf das kleine Mädchen, das Jahre später als Erwachsene erkennen muss, dass sie nicht die Milch hat, die sie für ihr eigenes Baby braucht. Das kommt daher, dass ein niedrigerer Spiegel des Hormons Oxytozin aus ihrer Kleinkindzeit die Fähigkeit der jetzt erwachsenen Mutter schwer beeinträchtigt hat, ihr eigenes Kind zu lieben und Milch zu produzieren. Es ist keine Willenssache, die eine Mutter bewegt, vorzeitig an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren und ihr Kind zu vernachlässigen. Sie wird von demselben Liebesmangel getrieben, an dem ihr Baby leiden wird. In der Arbeit von S.D. Pollak, der in rumänischen und russischen Instituten Untersuchungen anstellte, stellte sich heraus, dass Kinder, die in Waisenhäusern aufwuchsen, dauerhafte Änderungen der Blutchemie aufweisen. Sie haben einen signifikant niedrigeren Oxytozin-Spiegel. Wir müssen nicht in Waisenhäusern aufwachsen, um ungeliebt zu sein und einen niedrigeren Spiegel dieses Hormons zu haben. Ein Patient sagte mir, er sei ein Waise mit Eltern. Er wurde nie geliebt. In seinem Erwachsenenleben wurde er von Lustlosigkeit, Verzweiflung und Depression gequält. Diese frühe emotionale Deprivation verfolgte ihn sein ganzes Leben. Wenn wir verstehen, dass Oxytozin entscheidend für menschliche Bindung ist, können wir sehen, wie uns ein frühes Trauma neurochemisch verändert. Entscheidend ist, das Pollak herausfand, dass diese Kinder das Hormon in gewöhnlichen sozialen Situationen nicht produzieren konnten, während diejenigen es konnten, die von früh auf geliebt worden waren. Die depravierten Kinder konnten auf Bindungssituationen nicht normal reagieren. Kurz gesagt erzeugt alles, was mit uns in der Kindheit und vorher geschieht, lebenslange Änderungen in unserem System und unserer Persönlichkeit. Also müssen wir uns ganz klar unser frühes Leben anschauen, wenn wir etwas wie Depression verstehen wollen. Wenn ein depraviertes Kind keine emotionale Unterstützung hat, baut sich lebenslange Furcht auf. Damit einher geht ein erhöhter Spiegel des Stresshormons Kortisol. Solche Spiegel können in unserem Leben schon einsetzen, bevor wir Worte haben, um unsere Gefühle zu beschreiben.

 

Es ist so schwer zu glauben, dass das alles von den ersten Wochen und Monaten des Lebens herrührt. Wir gehorchen einfach diesen Erinnerungen und spulen sie ab, als hätten wir freien Willen, als träfen wir bewusste Entscheidungen. Leider ist es sklavischer Gehorsam gegenüber unsichtbaren und unbekannten Primärkräften. Unser Erwachsenenleben ist größtenteils nur eine Rationalisierung für die Einprägung. Wir können mit ihr reden, ihr Einsichten verleihen, aber sie ist taub für unsere Worte.

 

Das Gehirn hat optimale Vorräte eines Hormons, das als Serotonin bekannt ist, um mit widrigen Gefühlen fertig zu werden, und es hat eine optimale Menge eines anderen Hormons –Dopamin – um den Körper zu entspannen und auf ein normales Aktivierungs-Niveau zu bringen; diese Hormone erzeugen ein umfassendes Wohlgefühl. Das Gefühl „Mir geht’s gut“ reflektiert ein System in Harmonie oder aber ein sehr irregeführtes System, das glaubt sich gut zu fühlen. Ich habe nie einen ausgeglichenen Menschen gesehen, der über Selbstachtung geredet hätte, mit der sich so viele kognitive Methoden tagtäglich befassen. Es gibt keine Persönlichkeitsspaltung, bei der das eine Selbst über ein anderes nachdenkt.  

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Stash

 

Ich kam sehr schwach und erschöpft zur Welt und musste mich von einer unglaublich traumatischen Erfahrung erholen, bei der ich fast mein Leben verlor; als ich gerade dabei war, tatsächlich mein Leben zu verlieren, bewahrte man mich vor dem Sterben. Die Medikamente, die man meiner Mutter gegeben hatte, waren durch ihr System hindurch in meines eingedrungen und versuchten mich umzubringen; genauso empfand ich es, dass etwas versuchte mich umzubringen.

 

Dann nach dieser Zerreißprobe verstand keiner was; niemand wusste, dass Babys solche Dinge fühlen, dass Babys exponentiell mehr fühlen als Erwachsene sich auch nur vorstellen oder sich entsinnen können. Niemand hatte eine Ahnung wie viel Trost und Pflege ich als Ergebnis dieser traumatischen Einführung ins Leben außerhalb des Mutterleibs brauchte. Für sie war es meine Mutter, die durch das Ereignis traumatisiert worden war, nicht ich. So bestand sogar unmittelbar nach der Geburt und nach diesem fürchterlichen Erlebnis, gegen das ich mich nicht schützen konnte (Babys haben keine Abwehr oder Filter, um sich wie Erwachsene  vor einem Trauma zu schützen), die Erwartung, dass ich das perfekte Baby sein würde, dann ein perfektes Kind, und so fort. Ich war unglaublich müde und schwach und traumatisiert. Ich brauchte Ruhe und eine Menge Pflege, nicht aber, dass ich irgendwelchen Erwartungen gerecht wurde; und warum überhaupt sollte man Erwartungen von jemandem haben, der so neu auf der Welt ist? Es übersteigt meinen Horizont, aber in der Regel ist es so.

 

Ich habe mich immer in die Vergangenheit zurückgezogen. Die Vergangenheit scheint mir immer, als sei sie besser für mich als die Gegenwart. Ich erinnerte mich, wie ich wahrscheinlich ein Jahr alt war oder weniger und in einem Raum lag, der, wie ich glaube, das Apartment meiner Eltern war. Alles, woran ich mich erinnere, ist, dass ich allein war, in einer Krippe; der Raum war abgedunkelt, aber draußen war es sonnig und warm, Vorhänge wehten leicht von einem großen offenen Fenster oder einer Verandatür. Der wichtige Teil ist, dass ich allein war und mich sehr, sehr allein fühlte. Ich hatte dieses melancholische Feeling, das der Unterbau aller meiner Gefühle in meinem ganzen Leben ist, ein Sehnen nach der Vergangenheit. Stellen Sie sich vor, sich nach der Vergangenheit sehnen im Alter von weniger als einem Jahr! Für mich ist es Gefühl, nach Hause zu wollen; zurückgehen an einen Ort, an dem ich mich okay fühle.

 

 Das war der Anfang meiner Depression , und von da an wurde sie nur noch stärker. Ich glaube, wonach ich mich sehnte, war, zurück  im Mutterleib zu sein, wo alles ganz war und reine Zuwendung und – was am wichtigsten ist – wo ich nie allein war. Ich weiß, dass es dennoch nicht ideal dort war, weil meine Mutter Alkoholikerin war und rauchte, aber verglichen mit der völligen Einsamkeit, die ich zu der Zeit fühlte, war es ein viel besserer Ort.

 

 Alles, was ich je wollte, war, so zu sein, wie meine Eltern mich haben wollten, besonders mein Vater. Ich wollte all das sein, was sie von mir wollten, und noch mehr. Die Wahrheit ist, alles, was ich je wollte, war, meinen Eltern zu gefallen, trotz meines Benehmens, als ich älter und rebellisch und zornig wurde.

 

Nach der Geburt war ich schwach und erschöpft von den Drogen und von dem Erlebnis der Todesnähe. Ich wurde wiederholt geschlagen und in abwechselnd heißes und kaltes Wasser getaucht, um mich nach dem Kaiserschnitt wiederzubeleben, den man machte, um mich vor dem Tod durch medizinisch eingeführte Drogen zu bewahren.

 

Ich hatte nie eine Pause; ich hatte nie Gelegenheit, zu genesen und mich zu erholen; man erwartete, dass ich ein normales Baby sei, ein exzellentes Baby. Ich weiß, das mag sich sonderbar anhören für Leute, die keine Primärtherapie gemacht haben, aber ich fühle das. Und dieser Faden zog sich durch mein ganzes Leben. Das vorherrschende Thema in meinem Leben, das sich auf unzählige Weise ständig wiederholt, ist, dass ich immer leugnen muss, mich schwach zu fühlen, und dass ich Stärke vorgebe.

 

Schwäche ist für mich unglaublich bedrohlich; ich fürchte immer, die Leute könnten sie in mir sehen und mich deshalb ablehnen. Ich kann mich nie in sie ergeben; ich habe unermessliche Energien aufgewendet, um sie ständig in Schach zu halten. Ich konnte ihr nur gelegentlich nachgeben, konnte sie aber nie herrschen lassen, weil das ein Loch ist, aus dem ich nie wieder herauskrabbeln könnte; für mich ist sie der Tod.

 

Ich hatte immer das Gefühl, das etwas mit mir nicht stimmte. In doppeltem Sinne, indem etwas Wahres daran ist, und ebenso, indem ich einfach nicht in der Lage war, die Erwartungen meiner Familie zu erfüllen. Ich glaube, Menschen (und Tiere, was das betrifft) haben fest verankerte Erwartungen in unsere Gene. Eine davon ist, durch den Geburtskanal auf die Welt zu kommen und den Vorgang zu erleben, sowohl Mutter als auch Kind. Wenn das nicht so abläuft, wie es sollte, fühlt sich etwas nicht richtig an und wird sich nie richtig anfühlen, bis man es auflöst und erlebt. So hatte ich immer das Gefühl, das etwas mit mir nicht stimmte, weil es wirklich so war; ich wurde nicht so geboren , wie es hätte sein sollen, und fühlte mich nicht so, wie ich mich hätte fühlen sollen. Tatsache war, dass es ziemlich schief lief, und ich fühlte sogar, dass ich nicht hätte geboren werden sollen, dass ich hätte sterben sollen.

 

Irgendwas zu tun war für mich immer doppelt so schwer wie für andere, die kein solches Trauma hatten. Ich musste nicht nur ebenso gut oder besser als andere sein, sondern ich musste gleichzeitig dieses überwältigende Gefühl von Müdigkeit und Schwäche verdrängen. Man erwartete, dass ich in allen Dingen überragend sei. Weder meine Eltern noch jemand anderer verstanden, dass ich mein Leben mit einem riesigen Defizit begonnen hatte und deshalb Hilfe brauchte. So erwartete man von mir, überall zu glänzen, und es gab für sie keinen Grund, warum ich es nicht sollte. Schließlich hatte ich in ihren Augen keine Behinderung. Und wenn ich mich nicht hervortat, meinte ich also, etwas stimme mit mir nicht, ein doppelter „Hammer.“ Und wenn doch, nun, dann wurde es einfach so erwartet. Keiner hatte eine Ahnung, dass es von  mir doppelt so viel Energie, Herzschmerz und Anstrengung erforderte wie von den meisten Leuten.

 

So habe ich mein ganzes Leben damit verbracht, dieses unglaublich bedrohliche Gefühl zu bekämpfen, da ich fühlte/dachte, dass etwas mit mir nicht stimmt, dass ich minderwertig sei, etc. Auch der kleinste Fehler war riesig, indem er diese Wurmbüchse öffnen würde. Dennoch versuchte mein System immer Normalität zu erreichen, indem es zu dieser Erfahrung zurückging, um dieses Gefühl zu fühlen und aufzulösen. Und hier habe ich gedacht, ich bin ein Verlierer, ein Versager, nicht wert, dass man ihn kennt oder dass er  zugegen ist, einer, der keine Talente, Fähigkeiten hat, grundsätzlich wertlos ist und einer, dessen man sich schämt, und ich fragte mich, warum  jemand mich mögen sollte oder mein Freund sein wollte. Immer wollte ich einfach die Gelegenheit haben, mir eine Pause zu nehmen, Luft zu holen, ein bisschen zu rasten..... und immer wollte ich die Chance haben, nochmal neu anzufangen und es dieses Mal richtig zu machen.

 

Ich hatte Drogen- und Alkoholexzesse. Kokain war der Favorit wegen der Energie, Omnipotenz und Betäubung, die es mir gab. Ich stürzte dann auf diesen Partys ab, brachte die Realität mit dem Katergefühl im Inneren in Einklang und erholte mich dann, bevor ich den Kreis von vorne begann. Das ist genau so, wie meine Geburt verlief, Drogen und alles. Irgendwie schaffte ich es, in dieser Zeit mein eigenes Geschäft zu betreiben und ebenso, mich fast jeden Tag  im Fitness-Studio herauszuarbeiten, in einer Band zu spielen und eine Menge Frauen zu treffen.

 

Ich bin also erschöpft. Das ist das Wesen der Depression . Es ist das Gefühl des ursprünglichen ‚hochkarätigen’ Traumas, das ins Bewusstsein kriecht, zusammen mit dem gewaltigen Maß an Verdrängung, das ständig erforderlich ist, um dieses katastrophale Gefühl unbewusst zu halten. Man muss sich schwer abtöten, um zu verhindern, dass  die Gefühlserfahrung des Traumas die Macht ergreift. Es gibt jedoch einen Preis dafür, der im Abtöten allen Erlebens besteht, und in einer tiefen Schwermut, die ein Sehnen danach ist, wie die Dinge sein sollten. Wir sind alle mit dieser festverdrahteten Erwartung in uns geschaffen. Komisch, wir wissen, wie wir uns fühlen und wie wir sein sollten, und wenn es nicht geschieht, gibt’s Melancholie; denn das Leben ist nicht ganz so, wie es unseres Wissens sein sollte.  

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Hilda

 

Meine Mutter und mein Vater wuchsen in den 1940ern auf. Meine Mutter wurde als Oberklassen-Katholikin erzogen, wie sie selbst sagte, mit völliger Selbstversagung und völliger Hingabe an andere. Mein Vater wurde als Protestant erzogen, und eine Tracht Prügel war die gängige Strafe in seiner Familie. Sie heirateten in den 1960ern, und sie prallten aufeinander. Mein Vater schlug meine Mutter, die sich nicht wehrte, bis ihre Knochen brachen. Wir waren sechs Kinder mit einem, das noch kommen sollte, und wir hatten vor unserem Vater Angst bis zum Tag, als ich 5 war, als mein Vater mit meiner Mutter stritt. Ich schubste meine ältere Schwester, die sich dabei verletzte; sie rief nach meinem Vater, der es dieses Mal nicht an meiner Mutter ausließ sondern an mir. Er schlug mich, bis er müde wurde. Mutter verteidigte mich nicht; niemand konnte mich vor ihm beschützen. Ich fing an, die Rolle des Familiendeppen zu spielen; obwohl ich schon Geschichten lesen konnte, gab ich vor, dass ich nichts verstand, und zog mich stattdessen nach innen zurück, weil ich begriff, dass mein Vater verrückt war und mich töten konnte und dass meine Mutter mich nicht beschützen würde. Auch verließ meine Mutter monatelang das Haus, so dass wir sie nicht zu Gesicht bekamen. Ich wurde zu einem wandelnden Zombie, und ich war deprimiert.

 

Ich war deprimiert, als ich zu meiner Primärtherapie-Sitzung ging, und verstand nicht, warum, aber ich wusste, dass ich unter großem Schmerz stand. Während der Sitzung, als ich redete, sagte ich „Ich fühle mich so schlecht“ und begann, mich in eine Fötalstellung zu begeben. Ich drängte mich etwas voran, hörte dann eine Zeit lang auf, und so fort, bis sich mein Körper so weit überhitzte, dass ich es nicht aushalten konnte. Ich versuchte mich zu bewegen, aber mein Kopf hämmerte, weil ich Höllenqualen litt. Ich würgte. Mein Mund öffnete sich immer wieder weit und wollte schreien, aber es kam kein Ton heraus. Mir war übel, und ich konnte mich nicht bewegen und fühlte totale Verzweiflung, weil mein Körper das nicht länger ertragen konnte. Mehr als zwanzig Minuten lang hatte ich das Gefühl, langsam zu sterben. Dann bekam ich Kraft von einem unbekannten Ort und drängte mit großer Macht vorwärts. Aber ich scheiterte, und zehn Minuten später passierte dasselbe. Ich fiel in eine Leere. Mein Magen zerrte. Ich hatte Panik, als ich würgte und immer wieder hochhustete, und schließlich war ich geboren.

 

Dieses Erlebnis ähnelt meiner Depression, bei der ich nicht funktionieren kann. Ich kann gar nichts tun. Meine Gedanken sind düster, nahezu suizidal, obwohl ich nie versucht hatte mich umzubringen. Bis ich 5 war, war ich ein Kind, das glücklich war, wenn die Dinge in Ordnung waren, die erste, die lachte und die bis zu jenem Tag immer auf Vaters Schoß kletterte. Obwohl ich diese Geburt hatte, konnte dennoch alles in Ordnung sein mit mir bis zu jenem Tag mit meinem Vater, als er anfing, mich zu schlagen, und das Gefühl der Hilflosigkeit meiner Geburt verstärkte. Danach war ich ständig deprimiert.

 

 

 

Kapitel 4

 

Der Prototyp – Sympathen und Parasympathen

 

 

    Ein frühes Trauma errichtet einen Prototypen oder eine Schablone, welche die Persönlichkeit formt und das Verhalten steuert. Abhängig von der Natur des Traumas wird das Nervensystem typischerweise in eine von zwei Richtungen -sympathisch oder parasympathisch – verschoben und formt eine Matrix für die „Persönlichkeit.“ Dieser Prototyp gilt ebenso in physiologischer Hinsicht.

 

Die sympathisch-parasympathischen Systeme sind automatische Nervensysteme, die sich ausgleichen. Das sympathische Alarmsystem, das sich in evolutionärer Hinsicht zuerst entwickelte, ist für die schnelle Entwicklung des Nervensystems verantwortlich; es warnt vor Gefahr und muss von früh an auf optimalem Niveau funktionieren. Das parasympathische Hemmungssystem, das sich später entwickelte, ist lethargischer und schwerer zu erregen, und es bedarf größeren Inputs, um es in Gang zu setzen. Seine Aufgabe ist, die Abkoppelung sympathischer Erregung zu unterstützen, so dass bestimmte Vitalfunktionen zum Normalzustand zurückkehren, wie zum Beispiel unsere Atmung, Blutdruck, Körpertemperatur, Blasenfunktion und Verdauung.

 

Diese zwei Systeme werden vom Hypothalamus überwacht, zum Großteil vom rechten Hypothalamus, einer Schlüsselstruktur im Gehirn.  Das sympathische und parasympathische System sind im Gleichgewicht, wenn wir eine gute Verbindung mit unseren Gefühlen haben. Aber ein Geburts- oder Vorgeburtstrauma kann diese Systeme zu der Zeit aus dem Gleichgewicht bringen, wenn sie sich entwickeln und voll organisieren, so dass das eine über das andere dominiert. Das kann durch die Natur, Intensität und den Zeitpunkt des Traumas bestimmt sein.

 

Wenn man zum Beispiel heftig kämpft, um Erfolg zu haben und geboren zu werden, wird dadurch das Kämpfen-Erfolg-Syndrom eingeprägt. Das Ergebnis ist eine eher sympathisch dominante, optimistisch gesteuerte Orientierung. Umgekehrt kann eine andere Geburtserfahrung einen parasympathisch dominanten Prototyp  einprägen, der zum Aufgeben und zu Passivität neigt. Das ist der Anfang dessen, was man Persönlichkeitsstruktur nennt; es ist unser Wesenskern. Die Dominanz des jeweiligen Systems hängt von der Art und vom Zeitpunkt des frühen Traumas ab.

 

Noch bevor wir das Tageslicht erblicken, kann unser System eine Niederlage registrieren; es gibt eine sehr reale Physiologie der Niederlage, die innerhalb unseres Nervensystems existiert. Das kann passieren, wenn man einer Mutter während der Geburt Betäubungsmittel verabreicht. Zuerst unternimmt das Baby große Anstrengungen, um geboren zu werden. Um die Wehen der Mutter angenehmer zu machen, wird Anästhesie angewandt, und das Medikament dringt auch in das System des Babys ein und reduziert dadurch den Sauerstoff, der ihm zur Verfügung steht. Das unterbricht die normale instinktive Reaktion, gegen die tödliche Bedrohung bei der Geburt anzukämpfen, weil das die Gefahr erhöhen würde. Energie sparen und nicht zu viel wertvollen Sauerstoff zu verbrauchen wird zu einer biologischen Notwendigkeit. Also verlangsamt sich das Baby-System, um sich selbst zu retten, und steht dann praktisch still.

 

Nicht zu kämpfen ist eine prototypische parasympathische Reaktion, um Energie zu sparen. Ihr psychologisches Äquivalent ist Verzweiflung, Resignation und Niederlage. Diese Niederlage drückt sich im Fetus als nonverbale Empfindung aus; das Baby gibt auf. Aber weil das Gesamtsystem als Überlebensmechanismus zur parasympathischen Seite kippt, kann es den Menschen für den Rest seines Lebens charakterisieren. Es kann zu einer Einprägung von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit kommen: Ich habe alles getan, um zu leben, und alles, was ich tue, ist zwecklos.“ Die Prägung formt, wie er späteren Hindernissen begegnet (indem er schnell aufgibt). Übrigens kann sie auch bstimmen, wie er sexuell funktioniert. Er hat nicht die biochemische Ausrüstung, um hartnäckig, aggressiv, anspruchsvoll, optimistisch, zukunftsorientiert oder sexuell erregt zu sein. Das kommt daher, dass der Prototyp globalen Einfluss auf sein ganzes physiologisches System hat, und die Impotenz, die er bei der Geburt fühlte, ist eine Impotenz, die in späteren Jahren sexuell zur Geltung kommen kann. Sein Gesamtsystem tendiert zu weniger Testosteron, Dopamin, Glutamat und Noradrenalin, zu niedrigerem Serotonin- und höherem Kortisolspiegel.

 

Forscher haben alle möglichen Hormone mit Depression in Verbindung gebracht, sagt ein Bericht im Scientific American (Juni 1998, „The Neurobiology of Depression,“ Seite 4-11). Forscher haben herausgefunden, dass der Spiegel des Monoamins Norepinephrin (Noradrenalin) bei Depression niedrig ist, etwa 30 Prozent weniger als bei  einer normalen Population. Das führt dazu, dass einige Fachleute Depression als „Gehirnkrankheit“ auffassen. Norepinephrin, ein Monoamin, ist im Großen und Ganzen ein stimulierender Nervensaft. Sie wird hauptsächlich von Schaltkreisen hergestellt, die einer Hirnstamm-Struktur entspringen, dem locus ceruleus. Es gibt Projektionen zu anderen Gehirnorten, vor allem ins Limbische System. Es gibt bei Depression nicht genug davon, was zu der falschen Annahme führt, dass dieser Mangel Depression verursacht. Wenn wir in Betracht ziehen, dass Vorgeburts- und Geburtstraumen schwere Wirkung auf den locus ceruleus haben, der in gewisser Hinsicht das Terrorzentrum des Gehirns ist, beginnen wir zu verstehen, warum es zu solchen Mangelzuständen kommt. So kann ein frühes Trauma den locus ceruleus beeinflussen und seinen Ausstoß dämpfen. Es gibt eine andere Forschungsstudie, die herausfand, dass der Hippocampus im Gefühlszentrum des Gehirns bei Depressiven kleiner ist als bei normalen Leuten. Wir wissen jedoch, dass ein frühes Trauma dazu neigt, den Hippocampus schrumpfen zu lassen; dieselbe Bedingung, die Depression erzeugt, lässt kurz gesagt den Hippocampus schrumpfen. Auf einer Konferenz des American College of Neuropsychopharmacology gab es einen Bericht, dass Leute, die durch Selbstmord starben, nur ein Drittel der Anzahl präsynaptischer Serotoninzellen hatte. Ihre Schlussfolgerung war, dass bei Menschen, die Suizid begehen, ein Serotoninmangel vorherrscht; es gibt umfangreiches Beweismaterial dafür, wie das Geburtstrauma sich auf spätere Depression auswirkt.

 

Wir können über die „Gehirnkrankheit“-Hypothese hinausschauen, um zu erkennen, warum bestimmte Neurochemikalien unterrepräsentiert sind. Hier finden wir die Primärplattform für spätere Depression. Das Problem besteht darin, dass die Zeitkluft zwischen Depression im Alter von 40 und einem Geburtstrauma im Lebensalter von einem Tag, das die Sollwerte verändert und Norepinephrin und Serotonin erschöpft, so groß ist, dass es sehr schwierig ist, die beiden in Zusammenhang zu bringen. Und natürlich ist erschöpftes Serotonin, der Neurohemmer, eine weitere Substanz, die in Depression verwickelt ist. Bei chronisch Depressiven ist sie gering vorhanden. Tendenziell wird auch sie in den ersten Lebensstunden aufgrund frühen Liebesmangels oder Traumas aufgebraucht. Wenn man depressiven Patienten ein Medikament gibt, das dabei hilft, Serotonin im Gehirn zu halten, fühlen sie sich besser. Sie sind besser in der Lage, Schmerz zu unterdrücken, und leiden deshalb nicht so sehr. Was Beruhigungsmittel und Antidepressiva  bewirken, ist, dass sie den Serotoninmangel ausgleichen. Das ist bestenfalls von vorübergehender Wirkung. Es gibt eine Möglichkeit, den Mangel dauerhaft auszugleichen: die Ereignisse wiedererleben, welche die ursprüngliche Abweichung verursachten. Das normalisiert, wie so viele unserer Forschungen herausgefunden haben. Mit normal meine ich die Wiederherstellung früherer Normen – der Blutdruck und andere Vitalfunktionen kehren zu Werten innerhalb akzeptierter Grenzen zurück, und die Persönlichkeit, die früher vielleicht getrieben war, verlangsamt sich auf ein moderates Niveau. Auf diese Weise wird der Mensch nicht mehr von unbewussten Kräften getrieben. Im britischen Wissenschaftsmaga­zin New Scientist vom 12. April 2003 findet man unter der Überschrift „The Dreamcatcher“ auf Seite 46 ein Interview mit dem Psychologen Joe Griffin. Er behauptet: „Die Forschung zeigt, dass jede Therapie oder Beratung, die Menschen zur Introspektion über ihre Vergangenheit ermutigt, die Depression unweigerlich vertiefen wird.“ Das steht in einem respektierten Wissenschaftsjournal! Mit diesem Ratschlag kann man sich einzig auf das Hier-und-Jetzt konzentrieren, ohne dass es einem je besser geht. Das ist das Wesen des historischen Solipsismus. Es gibt keine Vergangenheit; nichts in unserer Geschichte beeinflusst uns.

 

Diese prototypische Prägung kann auch stattfinden, wenn die Mutter während ihrer Schwangerschaft Schmerztöter nimmt. Die Droge dringt in den Körper des Babys ein und hat einen lebenslangen Verdrängungseffekt. Ebenso prägt eine Mutter, die in der Schwangerschaft raucht, ein passives herunterreguliertes System in ihren Nachwuchs ein, da Tabak eine Reihe von Schmerztötern enthält. Dasselbe trifft auf eine Mutter zu, die schwere Medikamente wie Haldol nimmt; es führt dazu, dass das Neugeborene eine parasympathische Dominanz entwickelt: Es wird selten - wenn überhaupt - weinen oder stark reagieren. Das unter Drogen stehende System der Mutter hat die aktivierenden Neurohormone unterdrückt, die das Baby braucht, um wachsam und aggressiv zu sein. Haldol unterdrückt die Dopamin­produktion beim Baby, was bedeutet, dass es weniger Energie und Aggressivität entfaltet. Es wird passiv geboren, es fehlt ihm an Energie, und es reagiert nicht. Es ist so ein guter Junge, dass wir erst Monate später zögernd begreifen, dass etwas nicht stimmt.

 

Die Geburtserfahrung mangelnden Sauerstoffs kann die Tendenz verstärken, keine Energie zu verbrauchen, die aufgrund der Tatsache bereits besteht, dass die Mutter während ihrer Schwangerschaft geraucht hat. Aufgrund dessen wird der parasympathische Prototyp umso stärker eingeprägt; das Ergebnis ist ein passives Individuum, das sich nirgendwo zu sehr anstrengt. Dieser Mensch steckt jetzt in einem unbeweglichen Tiegel fest, der seine Lebensentscheidungen und-interessen lenkt. Er wird nicht extrovertiert und gesellig sein; er wird kein Geschäftsmann sein.

 

    Passivität und Niederlage können auch in das Kind einer Mutter eingeprägt werden, die während der Schwangerschaft in einem depressiven, hoffnungslosen Stimmungsmodus ist. Der Fetus kann zusammen mit seiner Mutter in diesem Modus versinken und dann eine lebenslange Tendenz zur Passivität aufweisen. Mit 30 Jahren ist diese Person impotent und kann keine Erektion aufrecht erhalten. Sein Körper spricht die Sprache des Prototypen: „Ich bin hilflos und schwach. Ich kann nichts tun, um mir selbst zu helfen.“ Der Erektionsverlust spricht eine Sprache; es ist eine Sprache, die ständig zu uns spricht, obwohl wir ihre Syntax nicht verstehen. Und was noch schlimmer ist, sie redet die ganze Zeit mit uns, und wir können uns nie für die Gefälligkeit revanchieren.

 

Viele Forschungen weisen auch darauf hin, dass das Stressniveau der Mutter in der Schwangerschaft den Sexualhormon-Ausstoß des Nachwuchses ein Leben lang beeinflussen kann. Das ist die Zeit, in der das Sexualhormonsystem des Fetus in Erscheinung tritt und seine Sollwerte entwickelt. Ein andauerndes Trauma bei der Mutter,  wie zum Beispiel vom Ehemann verlassen zu werden, kann einen anderen Sollwert einprägen – eine Hypo-oder Untersekretion – weil sich das System an das Niederlagen- und Resignations-Gefühl der Mutter anpasst. Deshalb Jahrzehnte später die Impotenz beim erwachsenen Mann. Es ist keine Überraschung, dass wir bei Männern, die Parasympathen sind, niedrigere Testosteron-Ausgangswerte gefunden haben.

 

Im Gegensatz zur ‚besiegten’ und passiven Prägung des Parasympathen steht der „Alles-geben-was-du-hast“-Antrieb, der die Persönlichkeit des Sympathen charakterisiert. Hier finden wir den Kampf ums Herauskommen bei der Geburt, wenn es nur zäh vorwärts geht, ein verzweifeltes Kämpfen und der Einsatz der letzten Energiereserven, um zu leben – das Kampf-und-Erfolg-Syndrom. Diese sympathische Dominanz mit allen Systemen volle Kraft voraus wird zum Prototyp. Der Mensch wird dann in anderen Lebensituationen immer wieder zu hartnäckig sein und nicht wissen , wann er zurückstecken muss. Freunde werden dem Sympathen sagen: „Lass es sein. Hör’ auf, dich selbst anzutreiben!“ Aber er kann es nicht. Wie ich betont habe, ist Aufgeben für den Parasympathen am untersten Glied der neuronalen Kette wirklich eine Überlebenssache. Für den Sympathen kommt Aufgeben dem Tod gleich; weitermachen bedeutet Leben. Das ist eine gute Eigenschaft, um Erfolg zu haben, aber keine so gute für Langlebigkeit.

 

Nehmen wir zum Beispiel an, dass ein Mann mit einer sympathisch dominanten Persönlichkeit ein Projekt betreibt, das für ihn zu groß ist, als dass er es bewältigen könnte. Er kann nicht aussteigen, noch kann er um Hilfe bitten, weil ein Teil der Originaleinprägung lautete: „Es gibt keine Hilfe; ich muss das allein machen.“  In der kognitiven Therapie lernt er vielleicht, dass er loslasssen muss und sich nicht so sehr anstrengen darf, aber tief in seinem Gehirn verweilt die eingeprägte Erinnerung der Notwendigkeit, sich schwer anzustrengen und nie aufzugeben. Er lebt den Prototyp aus, und er treibt sich vielleicht selbst in einen frühen Tod. In der kognitiven Therapie (und Einsichtstherapie gehört dazu) gibt es das Dogma, dass Gedanken Emotionen beeinflussen, so dass wir unsere Gefühle ändern können, wenn wir die richtigen Gedanken denken. Das stimmt nicht und läuft der modernen Neurowissenschaft zuwider, die sagt: „Der Hauptteil des Einflusses geht in die andere Richtung.“ Es sind Gefühle, die Glaubensvorstellungen und Gedanken kontrollieren. (siehe Paul Genova, „Cognitive Therapy’s Faulty Schema,“ Psychiatric Times, Okt. 2003, Vol. XX, Ausgabe 10). Also werden wir niemanden aus seiner Depression herausargumentieren können; noch werden wir depressive Gedanken durch andere gesündere ersetzen können. Und bestimmt werden Einsichten, Teil unseres Denkapparats, Depression nicht ändern.

 

Es ist logisch, das herauszusuchen und zu machen, was vorher funktioniert hat. Das ist der Grund, warum in einer lebensbedrohlichen Situation unser ganzes Leben vor unseren Augen abläuft, da das Gehirn die ganze Lebensgeschichte nach einer Überlebensstrategie durchsucht. Einige werden umtriebig; andere frieren ein. Und von Tag zu Tag reagieren wir immer wieder auf Grundlage des vorherrschenden Prototyps, entweder indem wir nach Bedürfnisbefriedigung streben (Sympath) oder indem wir leicht aufgeben, ohne uns sehr zu bemühen (Parasympath). Die Nadel hängt ein Leben lang auf der einen oder anderen Platte fest. Und es ist buchstäblich eine Platte, die ewig spielt. Es ist die Platte unseres Lebens, die Hintergrundmusik, nach der wir die ganze Zeit tanzen, ohne es zu wissen. Wir bewegen uns zu einem langsamen Walzer, wenn wir Parasympathen sind, und zu „beschwingterer“ Musik, wenn wir das nicht sind. Auch wenn wir die Musik nicht hören können, tanzt der Körper denoch danach.

 

Wenn sich die Einprägung durch fehlende Fürsorge und Berührung in den ersten Lebenswochen bildet, lernen wir emotionalen Rückzug und Entfremdung als charakteristisches Verhalten, und auch das ist bei den meisten Depressiven offensichtlich. Das würde die bereits früher eingestempelte Tendenz bekräftigen, ganz allein und von seinen Eltern emotional distanziert zu sein. Es kommt nun zu einer Verstärkung. Wenn jemand mit einem Gefühl der Entfremdung und emotionalen Losgelöstheit lebt, kann das daher kommen, dass das parasympathische System der bei der Geburt eingeprägte Prototyp war; es reflektiert das Bedürfnis des Selbst nach Rückzug und Dissoziation vom Schmerz. Das geschieht, wenn Abkoppelung das Prinzip und die einzig mögliche Abwehr bei der Geburt ist, zum Beispiel gegen die Strangulierung durch die Nabelschnur. Das kann sich verstärken durch die fehlende Nähe zur Mutter unmittelbar nach der Geburt. Somit können wir uns von uns selbst loslösen und emotional distanziert werden, und das bereits im Mutterleib. Der Impuls, uns selbst aus Erfahrungen herauszuholen, wird zu einem Prototyp. Wir werden distanziert, abstrahiert – zuerst distanziert von uns selbst, dann von anderen. Es ist möglich, dass sich im letzten Trimester der Schwangerschaft ein Teil des Systems von den anderen Teilen abschottet. Das bedeutet, dass Verdrängung einsetzt, um den Fetus von seinen Gefühlen abzuschirmen. Und wenn wir aufgrund früher parasympathischer Einprägungen von uns selbst entfremdet sind, können wir durchaus Partner wählen, die auch von ihren Gefühlen entfremdet sind. Es gibt ein unerbittliches biologisches Gesetz, nach dem wir anderen umso näher sein können, je näher wir uns selbst sind; je entfernter wir emotional von uns selbst sind, umso entfernter werden wir in emotionaler Hinsicht von anderen sein. Und das deshalb, weil die Beziehungen mit anderen letztlich eine innere Erfahrung sind; Offenheit zu uns selbst ermöglicht uns Offenheit zu anderen. Wenn wir also von uns selbst abgeschnitten sind, neigen unsere Beziehungen zu Oberflächlichkeit, sind aber sicher und unbedrohlich und lösen nicht leicht starke Emotionen aus.

 

Der Parasympath zieht sich mit größerer Wahrscheinlichkeit zurück, ist scheuer und furchtsamer und zögert eher. Wahrscheinlich überlegt er mehr und ist weniger impulsiv als der Sympath, dessen Modus ganz nach außen gerichtet ist. Als Erwachsener wird der Parasympath zurückscheuen, wenn ihm jemand zu nahe kommt, weil das den Schmerz darüber hochbringen kann, dass er nie die Nähe gehabt hatte, die er brauchte. Seine Scheu ist Schutz gegen Urschmerz, ein Schmerz, an den er sich nicht einmal erinnern kann, der aber in jedem Teil von ihm registriert ist: in seiner Haltung, seinem Gesichtsausdruck, Gang, Kadenz und Tonfall seiner Sprache. Das sind alles Erinnerungsaspekte. Er hat den Zugang zu diesen Erinnerungen verloren, aber der Prototyp bleibt als Erinnerung einer vergangenen Zeit, und wer wir sind, ist fleischgewordene Erinnerung.

 

Der Sympath konzentriert sich nach außen, während der Parasympath nach innen schaut, poetischer und philosophischer ist. Wie wir später sehen werden, ist die Außenorientierung eine Funktion des linken frontalkortikalen Gehirns, während die nachdenkliche, introspektive, nach innen gerichtete Person tendenziell vom rechten Frontalgehirn beherrscht wird. Und wenn die Verknüpfung durchtrennt wird, ist die Person eher nach außen gerichtet und vernachlässigt, welche Gefühle emotional im Inneren liegen. Der Sympath ist handlungsorientiert, wie er es seit Geburt war, weil Handeln Überleben bedeutet. Er ist ehrgeizig und schaut ständig nach vorne, weil ihm das bei der Geburt eingestempelt wurde. Alles an ihm ist in eiliger Bewegung. Er spürt das Bedürfnis, sich zu beeilen, ist ungeduldig und möchte jede Aufgabe sofort erledigt haben. Er muss die ganze Zeit in Bewegung sein: Pläne, Projekte, Reisen. Er ist ständig aggressiv, lernt, dass ihm das hilft, Erfolg zu haben, und  es verstärkt sich. Er ist selten deprimiert, wenn überhaupt, weil seine Physiologie nicht dazu neigt.

 

Im Gegensatz dazu kann die Parasympathin nicht spontan reagieren und grübelt ständig über ihr Leben. Sie ist ihrem Schmerz nahe und dennoch von ihm getrennt. Sie ist selten so manisch wie der Sympath. Biologisch befindet sie sich im herunterregulierten Modus; sie ist am Lebensanfang verlangsamt worden, es prägte sich ein, und sie macht auf diesem Weg weiter. Ihre Vitalwerte sind einheitlich niedrig. Sie ist depressiv, fühlt sich hoffnungslos und hilflos. Aber manchmal fällt es ihr schwer zu weinen, da die Verdrängung es verhindert. Sie gerät nur langsam in Erregung, was Gefühle allgemein und Sex betrifft. Sie ist vorsichtig und wenig mitteilsam, weniger neugierig und abenteuerlustig; sie sucht nicht nach Neuem und fühlt sich in ihrer alten Routine wohl. Sie ist sesshaft.

 

Der Sympath ist hartnäckig. Er lässt sich auf Auseinandersetzungen ein, die er vermeiden sollte, weil Hartnäckigkeit Überleben bedeutet. Für ihn lautet die unbewusste Formel aus der Geburt, dass fehlender Kampf und Drang den Tod bedeutet.

 

Ein Patient hatte den Geburts-Prototypen, um sein Leben kämpfen zu müssen, und das setzte sich die ganze Kindheit hindurch mit seiner Mutter fort, die ihm das Leben schwer machte. Er sagte mir, dass er immer nach einem Lebensgrund suchte, nach einem Zeichen der Ermutigung, das ihm erlauben würde, weiterzumachen. Er gab  „alles, was er hatte,“ aber es war zwecklos. Er war zu aggressiv bei seiner Suche nach einem Grund, da er von dem Bedürfnis getrieben wurde, bei der Geburt zu überleben. Er bemühte sich bei Frauen zu sehr, was diese abschreckte. Er suchte immer nach Komplimenten, weil er hoffte, einen Lebensgrund zu finden. Er sagte mir: „Man konnte mich für ein kleines Kompliment kaufen.“

 

Sogar die Stimme passt sich an das Ungleichgewicht an: Der Sympath hat die hohe, quickende Stimme, während der Parasympath die tiefe, langsame, honigsüße hat. Bestimmt das Geburtstrauma, wie wir sprechen? Oft ja. Sie bestimmt auch die Kadenz. Die Parasympathin hat es nicht eilig, sich zu erklären. Sie kann ein Sprechmuster haben, das sehr wenig Raum ergreift; ihre Worte füllen keinen Raum, vielmehr entkommen sie kaum ihrem Mund. Im Gegensatz dazu purzeln die Worte des Sympathen geradezu heraus, ein Wort auf das andere gestülpt.

 

Hinsichtlich des linken und rechten Gehirns ist der Parasympath in seinen Rechtshirngefühlen aufgelöst und nach innen zentriert. Der Sympath kann sich daraus erheben, in sein linkes Gehirn eintauchen und sich nahezu ausschließlich nach außen konzentrieren. Er kann nicht nach innen schauen und ist, was nicht überrascht, weniger geeignet, zu einer Gefühlstherapie zu kommen. Wir sehen mehr Parasympathen als Sympathen.

 

Wir sehen an dem folgenden Fall von Timothy, dass er durch Primärtherapie in relativ kurzer Zeit eine Besserung seines Gesundheitszustandes erreichen konnte, weil es allgemein viel länger als sechs Monate dauert, sich von einer schweren Depression zu erholen. (SSRIs wie Paxil senken den Grad der Verdrängung, die den Schmerz zurückhält, und erhöhen den Zugang des Patienten zu ihm, so dass der Patient glaubt, es gehe ihm schlechter, aber in Wirklichkeit hat er mehr Zugang zu dem Schmerz, den er verdrängt hat.)  

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Timothy

 

Ich glaube, ich war ständig deprimiert, sogar als kleines Kind. Ich hatte ein ernstes und betrübtes Wesen ohne spontanes Lächeln oder Lachen, das für kleine Kinder charakteristisch ist. Die meiste Zeit war ich wie ein Roboter, hatte keine wirklichen Freunde und kein Verlangen danach. Mein Äußeres wirkte ungepflegt, und ich schlief nicht sehr viel. Ich war kalt und distanziert, wenn mich Leute anlächelten, und ich verstand es nicht. Ich lächelte nicht zurück, weil mir niemand beigebracht hatte, dass ich das tun sollte.

 

Ich hätte mich selbst natürlich nie als depressiv bezeichnet, weil ich meinen Zustand für normal hielt und alle anderen ihn einfach für einen Teil meines Charakters hielten. Manche Kinder sind glücklich und andere sind traurig; niemand hielt mich für abnormal, und so nahm ich keine Notiz von diesen Dingen. Ich war wirklich nur sehr leicht deprimiert, und es verschlimmerte sich nicht bis zu meinen College-Jahren.

 

Im College wachte ich eines Morgens auf und fand, dass ich gut genug geschlafen hatte, aber dennoch erschöpft war. Ein Schmerz ging durch meinen Körper, und mir war, als hätte ich keine Energie, als hätte ich etwas körperlich äußerst Anstrengendes gemacht, obwohl ich doch überhaupt nichts gemacht hatte. War ich krank? Das dachte ich bei mir, ignorierte es dann aber. Es ließ sich eh’ nichts machen, und ich musste aus dem Bett und zur Schule, ob ich wollte oder nicht.

 

In den nächsten paar Wochen verschlimmerte sich die Lethargie sehr. Ich saß herum und machte überhaupt nichts. Wellen der Erschöpfung liefen durch meinen Körper. Sie begannen an meinen Füßen und bewegten sich nach oben durch Beine und Rumpf, und ich beobachtete sie alle stillschweigend, konnte aber nichts tun. Eines Tages geschah es, dass ich mehrere Stunden bewegungslos in den Fernseher starrte, und der Fernseher war gar nicht an. Ich hatte die größte Abneigung, auch nur einen einzigen Muskel zu bewegen! Ich war so müde, so müde.

 

Ich schlief nur noch unregelmäßig, und Essen wurde sehr schwierig. Manchmal verschluckte ich das Essen im Ganzen, ohne Kauen, und manchmal hatte ich das Gefühl, als wollte ich nicht mehr atmen, weil es jetzt so ermüdend war und ich bereits so erschöpft war. Mein Gedächtnis wurde allmählich schlechter. Mein Äußeres wirkte noch schlampiger, und ich vernachlässigte meine Schularbeiten total.

 

Manchmal versuchte ich, gegen die Depression anzukämpfen. Ich glaubte, wenn ich diese Dinge ignorierte, wenn ich sie bekämpfte und sie unterdrückte und sie zurück ins Innere stieße, dann würden sie mich vielleicht in Frieden lassen. „Genau dann, wenn mir nach Nichtstun zumute ist“, so dachte ich, „muss ich mir selbst einen Stoß geben und nicht dieser Lethargie verfallen!“ Das war ein Fehler, und ich fühlte mich genauso lethargisch wie zuvor.

 

Bald fand ich heraus, dass mir das, was ich früher genossen hatte, keine Gefühle mehr brachte. Ich war ein Bursche, der sehr der Ästhetik zugeneigt war. Ich liebte schöne Landschaften, Kunst, Musik und wunderbar geschriebene Bücher. Das waren die einzigen Dinge, die ich in meinem Leben hatte. Wenn ich jetzt in ein Museum ging oder ein Buch las, gab mir das gar nichts. Das beunruhigte mich, weil es meine einzige Freudenquelle war, und jetzt hatte ich sie nicht mehr. Schlimmer noch, ich hatte allmählich das Gefühl, dass diese Dinge wertlos oder vorgetäuscht waren, dass meine Glücklichkeit nur eine Illusion gewesen war. „Es gibt nichts mehr,“ dachte ich, und ich akzeptierte es mit düsterer Resignation.

 

Bald infizierten schlimme Gedanken meinen Geist. Ich begann zu denken, dass es für mich kein Glück mehr gibt, dass es nie real war und niemand es besaß. Ich glaubte allmählich, dass mein Gehirn sich irgendwie verschlechtert hatte, und das machte mir große Sorgen. Ich begann über all die Leute auf der Welt nachzudenken, die litten: die Kinder, die Armen, die Hungernden und die Gefolterten. Und ich lebte besser als sie, aber ich war dennoch so unglücklich. Das ist uns bestimmt, dachte ich.

 

Bald war ich in Gefahr, das College zu schwänzen, und ich dachte, dass diese Depression mehr als weit genug gegangen war. Ich ging zu einem Psychiater und bat um Medikamente. Er verschrieb Paxil, 20 mg, und fing am nächsten Tag an, es zu nehmen. Die Lethargie ging nach einem Tag weg, und sie wurde durch etwas viel Schlimmeres ersetzt.

 

Die Lethargie verflüchtigte sich und wurde durch schreckliche Gefühle ersetzt. Jeder kennt gelegentliche Traurigkeit oder Trauer, und mir waren diese Dinge nicht fremd, aber dieses Mal war es ganz anders. Ein Gefühl, ein schreckliches Gefühl von Einsamkeit oder Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung traf mich. Es fegte nicht über mich hinweg sondern traf mich wie ein Fels; es packte mich. Ich war entsetzt. Es erschreckte mich. Ich war in einem emotionalen Schockzustand, weil ich nie geglaubt hatte, dass jemand so viel emotionalen Schmerz auf einmal erleben könnte. Ich wusste nicht, dass sowas möglich war. Mein Körper wand sich und verdrehte sich, und mein Kopf schwang zur Seite, als würde ich versuchen, mich aus der Schmerz-Umklammerung zu befreien oder ihn irgendwie aus dem Weg zu räumen. Die Agitation war immens, und mein Herz begann sehr schnell und sehr laut zu schlagen. Tatsächlich schlug es nahezu in meiner ganzen Brust. Ich dachte bei mir selbst: „Gottseidank hab’ ich angefangen, Paxil zu nehmen,weil meine Depression noch viel, viel schlimmer geworden ist!“ An diesem Abend nahm ich ein zweites Paxil. Am nächsten Morgen wachte ich weinend auf, was für mich ungewöhnlich war. Ich hielt es für gesund und ließ es zu, aber bald wuchs es an, und der Schmerz wurde überwältigend. Ich sagte zu mir selbst: „Ich muss dieses Weinen beenden! Es ist zu viel, und ich muss genau jetzt damit aufhören!“ Aber ich konnte nicht aufhören; es war zu spät. Es kam weiterhin aus mir heraus, und ich fing an, meine ganze Energie einzusetzen, um es wegzustoßen. Ich flog aus der Schule. Ich hörte auf, Paxil zu nehmen, weil ich erkannte, dass es meinen Zustand verschlechterte und nicht besserte. Ich verbrachte meine ganze Zeit vor dem Fernseher, nahm Beruhigungsmittel und versuchte angestrengt, jedes Quentchen meiner Aufmerksamkeit auf diesen Fernseher zu konzentrieren, um kein Stück davon für den Schmerz übrig zu lassen. Ich saß da und zitterte, und die Tränen liefen mir über die Wangen, obwohl ich nicht laut weinte und mich auf diesen Fernseher konzentrierte. Lass’ dem Schmerz kein bisschen Raum, konzentriere dich einfach auf den Fernseher.

 

So ging es mir mehrere Wochen. Jeden Tag wachte ich auf und dachte: „Ich kann’s keinen Tag länger aushalten. Ich kann nicht mehr! Ich hab’ endgültig genug.“ Aber jedes Mal schaffte ich es durch einen weiteren Tag. Eine Zeitlang schlief ich viele Tage lang überhaupt nicht. Ich ging ins Bett und lag da stundenlang voller Angst, und ich versuchte zu vergessen, aber ich schlief nicht. Ich bat Familienmitglieder zu kommen und mir vorlesen. Ich versuchte angestrengt, mich auf das zu konzentrieren, was sie mir vorlasen, und den Schmerz zu vergessen. Der Gedanke kam in mir auf, dass ich Selbstmord begehen müsse, dass es keinen anderen Weg mehr gebe. Ich verstieß ihn. Das werde ich niemals tun, dachte ich bei mir selbst. Aber der Gedanke kam zurück und sagte zu mir: „Du musst es tun, du musst dich selbst töten, weil es keinen anderen Weg gibt.“ Eines Tages weinte ich wieder, und der Schmerz verging. Er verging sehr spontan und sehr schnell, innerhalb 24 Stunden. Die Lethargie blieb, aber sie war nicht so schlimm wie zuvor.

 

Kurz darauf begann ich am Primal Center in Santa Monica, Kalifornien, mit Primärtherapie. Ich machte das, weil ich wusste, dass die ganzen Dinge in meinem Inneren waren und ich ihnen niemals entrinnen konnte; ich musste ihnen gegenübertreten. Dieser Gedanke entsetzte mich, aber es gab wirklich keine andere Wahl. In der Primärtherapie kamen diese Dinge stückenweise heraus. Ich konnte über die Einsamkeit ein Weilchen weinen, anstatt dass mich das alles auf einen Schlag traf. Dieses Mal hatte ich nicht das Gefühl, dass ich es die ganze Zeit bekämpfen müsse, dass es so entsetzlich sei. Stückchenweise konnte ich es auf mich nehmen.

 

Ich bin erst seit sechs Monaten Patient. Das Meiste hat sich etwas gebessert, ist aber noch nicht ganz in Ordnung. Die Depression jedoch ist nicht zurückgekehrt. Die Lethargie ist nahezu total verschwunden. Die Angst ist völlig weg. Ich hatte gelegentliche Panikattacken, die mir von einer Panik-Erkrankung als Teenager geblieben sind, was eine ganz andere Geschichte ist, aber sie sind verschwunden. Ich bin noch immer tief unglücklich, und ich werde es wahrscheinlich lange bleiben, aber eines Tages werde ich gesund sein.

 

 

 

Kapitel 5

 

Die Chemie der Depression (wie sich Erinnerung einprägt)

 

 

  Die Konzeption der Einprägung wird durch neue Forschungen bekräftigt, die zeigen, dass ein extremes Gefühlstrauma am Lebensanfang in unser System als physiologisches Ereignis eingeprägt und eingeschlossen wird und fortdauernde physiologische Auswirkungen hat. Aus genau diesem Grund ist ein präverbales Trauma, das sich ereignet, bevor das frontale denkende Areal gereift ist, entscheidend für unsere Entwicklung und beeinflusst unsere Persönlichkeit, Verhalten und Gesundheit ein Leben lang.

James Mc Gaugh von der University of California in Irvine führt aus, wie im Fall schwerer Emotionen Katecholamine (Alarmsubstanzen, die Neurosäfte der Wachsamkeit) abgesondert werden, die die Erinnerung tendenziell versiegeln; sie also tatsächlich ins Gehirn eingravieren. Sie wird in meiner Terminologie zur Einprägung. Es bedeutet, dass ein extremes emotionales Trauma in unser System als psychophysiologisches Ereignis eingeschlossen wird. Es ist weder nur psychisch noch nur körperlich sondern vielmehr beides zugleich, und es kann ein Leben lang andauern. "Keiner will mich" besteht zum Beispiel fort, weil es zum Zeitpunkt des Traumas einfach zu viel war, als dass man es hätte fühlen und integrieren können; es hätte den lebenden Körper getötet. Die Einprägung verändert dann unser Gehirn und steuert unser Verhalten. Primärtherapie macht sich nun daran, wieder normale, gesunde Sollwerte und Gehirnschaltkreise einzurichten. Indem wir die abgewichenen Gehirnschaltkreise voll erleben, können wir Nervennetzwerke nunmehr normalisieren.

Forscher haben sowohl den Ort dieser traumatischen Einprägungen im Gehirn identifiziert als auch die Mechanismen, durch die sie permanent eingestempelt werden. Einprägungen in der kritischen Periode werden in der rechten Hemisphäre des Gehirns und besonders im rechten Limbischen System, im "fühlenden" Gehirn, eingraviert. Das rechte Gehirn entwickelt sich früher als das linke. Bei der Geburt ist unter den limbischen Strukturen die rechte Amygdala, die Roh-Information bewertet, gemeinsam mit dem Hirnstamm aktiv, dessen Entwicklung von der frühen Schwangerschaft bis zu den ersten sechs Lebensmonaten währt. Der Rest des Limbischen Systems wird bald danach aktiv, und das rechte Limbische System befindet sich bis zum zweiten Lebensjahr des Babys in einer beschleunigten Wachstumsphase. Der Hippocampus, eine andere limbische Struktur, die als Fakt registriert, was mit uns ganz früh geschieht, ist etwa im Alter von 2 Jahren reif.

Wenn es in den kritischen ersten Jahren ein Trauma gibt, helfen verschiedene Gehirnstrukturen, die mit Wachsamkeit zu tun haben, wie zum Beispiel der Locus caeruleus, bei der Organisation der chemischen Sekretionen für die Einprägung. Der Hippocampus hilft, die eingeprägte Erinnerung zu konsolidieren, während der innere Kern, das Wesentliche des Feelings von der Amygdala bereitgestellt wird. Zum Beispiel ist es die rechte Amygdala und der Hirnstamm, die jeden Unruhe- oder Erregungszustand eingravieren, in dem die Mutter sich befindet. (Übrigens ist die Vorstellung vom "Kern des Feelings" meine Vermutung, die auf der Gesamtheit verschiedener Forschungsstudien beruht. Es ist induktive Logik, keine etablierte Tatsache.) Vielleicht ist die Rolle der Amygdala einfach eine Metapher, aber es scheint keine andere Struktur zu geben, die diesem Anspruch genügen würde. Gefühle sind gewiss die Eigenart des Limbischen Systems, und die Amygdala vergrößert sich, wenn es ein präverbales Trauma gibt. Sie trägt die Hauptlast des Traumas und scheint aus den Nähten zu platzen.

Man muss sich auch fragen, warum die neurochemischen Alarmsubstanzen bei der Einprägung helfen. Zweifelsohne deshalb, weil man sich an große Gefahr als einen Führer für die Zukunft erinnern muss, als etwas, das man vermeiden muss. Und wenn wir später in Gefahr sind, durchforscht das Gehirn seine Geschichte nach den Schlüssel-Einprägungen und benutzt sie als Wegweiser.

Jules, dessen Geschichte folgt, intellektualisierte gewöhnlich und wälzte das Thema endlos herum, ohne je auf den Punkt zu kommen. In unseren letzten Gruppensitzung sagte ich zu Jules: „Die Grundlinie, Jules.“ Er zögerte einen Sekundenbruchteil, fiel mir in die Arme und rief: „Hilf mir – Ich leide!“ Und so machte er seinen ersten Schritt in Richtung Gesundheit.  

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Jules

Ich bin depressiv, fast soweit ich zurückdenken kann. Als kleines Kind fühlte ich mich die meiste Zeit verloren und leer, als ob etwas nicht stimmte oder fehlte. Es war, als würde ich mich ständig fragen: “Was soll ich tun? Was stimmt nicht?“ Später dann, als ich bemerkte, wie andere Kinder Spaß hatten und vertrauensvolle Freundschaften schlossen, änderten sich die Fragen zu: „Wann werde ich Spaß haben? Warum geht’s mir schlecht? Was stimmt nicht mit mir?" Ich verbrachte eine Menge Zeit damit, mit mir selbst zu spielen, mit imaginären Freunden zu reden oder tagzuträumen. Wenn ich mit anderen Kindern zusammen war, hielt ich mich entweder im Hintergrund oder war der Boss und riss die ganze Aufmerksamkeit an mich, so dass es keine angenehme Mitte für mich gab. Das Leben war erträglich, es sei denn, ich hatte Kummer oder wurde in der Schule schikaniert, wobei ich eine schreckliche Angst in meinen Eingeweiden spürte, wie ein andauernder Magenschmerz.

Ungefähr seit dem dreizehnten Lebensjahr bis vor einigen Jahren hatte ich in meinen wachen Stunden ab und an diese körperliche Angstempfindung. Mit Worten ausgedrückt lautete das Gefühl: „Ich habe Angst. Auch wenn ich keine Angst habe, scheint das Leben sinnlos. Ich wünschte, ich könnte einfach schlafen gehen, aufwachen und mich besser fühlen.“ Zur Schlafenszeit fantasierte ich von einem neueren, helleren Morgen. Tagsüber lenkte ich mich so gut wie möglich ab, um schlechte Gefühle zu vermeiden, wandte mich der Mathematik, Musik, Schach, Puzzles, Science Fiction oder dem Computer zu, den mir meine Eltern auf meinen Wunsch hin gekauft hatten. Ich tagträumte vom Leben anstatt es zu leben. Ich schob alle Hausaufgaben und Pflichten irrsinnig weit hinaus und erledigte sie erst im allerletzten Augenblick.

Meine Eltern waren sehr verdrängte Leute. Sie lebten ein sicheres, langweiliges Leben, hatten nahezu kein Sozialleben, keine Spontaneität oder Freude an irgendwas. Sie waren sich der Leere ihres Lebens erstaunlich unbewusst. Enttäuschungen begegneten sie mit stiller Resignation, eine Reaktion, die sich von früh an in mich eingraviert hatte. Immer, wenn wir zu einem Familienurlaub aufbrachen, wandte sich mein Vater an uns und sagte: „Denkt daran, wir alle werden jetzt eine wirklich schreckliche Zeit erleben, nicht wahr? Dadurch wird keiner enttäuscht sein.“ Er machte nur halbwegs Scherze. Sein Rat war eine selbsterfüllende Prophezeiung, weil er ungeachtet seiner Sorgfalt, mit der den Urlaub zu planen versuchte, immer etwas Wichtiges übersah und in Panik geriet, sobald auch nur das Geringste schief ging. Die Aktivitäten, auf die ich mich am meisten freute, wie Tennisspielen oder hoch in die Berge zu fahren, wurden immer aufgeschoben. Wenn ich zu meiner Mutter ging, nachdem eine meiner Spielsachen zerbrochen war oder mich etwas anderes durcheinandergebracht hatte, tröstete sie mich tatsächlich, aber ihre Haltung sagte: „Es musste passieren. So ist das Leben. Es macht nichts.“ Das verstärkte mein Gefühl, dass das Leben ziemlich sinlos war und dass es nicht viel gab, auf das man sich freuen könnte. Das Schweigen bei den Mahlzeiten ließ mich so unwohl fühlen, dass ich die Leerräume mit trivialem Geplapper füllte.

Ich hatte in der Schule ein paar Freunde, verbrachte aber eine Menge Zeit alleine. Auch wenn ich in einer Gruppe war, fühlte ich mich allein. Ich fühlte mich unwohl in der Nähe meiner Kameraden und wurde wegen einer stattlichen Reihe von „Fehlern“ verspottet, einschließlich körperlicher Schwäche, lausiger Sportleistungen, Katzbuckelei um das Wohlwollen des Lehrers, Vergesslichkeit, Sandwichessen mit abgeschnittener Kruste, Zur-Schule-Chauffiert-Werden (meine Eltern erlaubten mir das Fahrradfahren nicht, und ich war zu faul, um zu Fuß zu gehen), Schüchternheit gegenüber Mädchen, und so weiter. Alle guten Gefühle, die ich hatte, wenn ich in einem Lieblingsfach gute Leistungen zeigte, verschwanden, sobald etwas Schlechtes passierte, wenn man sich zum Beispiel über mich belustigte oder wenn ich dafür bestraft wurde, dass ich eine Hausaufgabe vergessen hatte oder dass ich in der Klasse zu viel redete. Ich wollte verzweifelt, dass man mich mochte, aber die meisten Leute mochten mich nicht. Ich hatte außerhalb der Schule fast kein Sozialleben. Es gab meine Hobbys, Hausaufgaben und den Fernseher, um die Stunden vor dem Schlafengehen auszufüllen. Meine Schwester und ich verbrachten einige Zeit miteinander, aber wir kamen uns nie nahe. Sie schien das Leben immer leichter als ich zu finden, und ich spürte, dass es Zeitverschwendung war, ihr zu sagen, wie ich mich fühlte. Der Gedanke, es meinen Eltern zu sagen, war ähnlich hoffnungslos. Meine Mutter pflegte einfach irgendwas zu sagen, das mich schnell aufmuntern sollte, so dass sie nicht der Tatsache ins Auge sehen musste, dass es mir die meiste Zeit schlecht ging. Einer der Lieblingssätze meines Vaters war: „Wr hat denn eigentlich gesagt, dass das Leben Spaß machen soll?“

Mit der Zeit verwandte ich immer mehr Zeit darauf, zwanghaft über vergangene Fehler zu grübeln und schmerzhafte Unterhaltungen nachzuspielen, wobei ich kluge Erwiderungen gegen die Leute formulierte, die mich verletzt hatten. Anstatt mir beim Einschlafen ein besseres Morgen zu wünschen, kam in mir der Wunsch auf, in der Zeit zurückzugehen und ein paar Dinge zurechtzubiegen, die in meinem Leben schiefgelaufen waren. Auch in meinen Teenjahren hatte ich Angst, dass das Leben an mir vorbeigehen könnte. Ich fing an zu masturbieren und ließ mein Fingergelenke zwanghaft knacken. Ich schob die Dinge immer weiter von mir, hob mir die Hausaufgaben manchmal bis spät nachts auf. Wenn ich jetzt zurückblicke, kann ich sehen, warum ich das getan habe. Nachdem ich eine Aufgabe spät nachts erledigt hatte, konnte ich erleichtert ins Bett sinken, war sogar ein wenig glücklich, anstatt mich elend zu fühlen. Bei der Arbeit fühlte ich mich so einsam, dass ich aufhörte und durch ein Hobby zu entfliehen versuchte; wenn ich nicht arbeitete, konnte ich auch keinen Spaß haben, weil ich mich dafür schuldig fühlte, dass ich nicht arbeitete – eine perfekte Zwickmühle.

Es wurde immer schlimmer. Mit 15 oder 16 begann ich, in der Nacht über Selbstmord nachzudenken. Ich hatte die Vision, mich vom Dach zu stürzen und mit dem Kopf auf dem Gehweg darunter aufzuschlagen. Ich war zu zimperlich, um das auszuführen, aber ich plante es Nacht um Nacht. Wenn etwas Schönes geschah,war es eine Begnadigung für ein paar Tage: „Nun, ich könnte ebenso dableiben, für den Fall, dass das Leben anfängt gut zu werden.“ In meinem letzten Jahr auf der Highschool, verlor ich an jedem Fach das Interesse, mit Ausnahme der Mathematik (das abstrakteste Fach), und meine Noten fielen von gut auf mittelmäßig.

Am College hatte ich eine Menge Hoffnung darin investiert, „mich selbst zu finden.“ Der Gedanke, eine berufliche Laufbahn anzustreben und mich um mich selbst zu kümmern, war entsetzlich, und somit war das College eine große Chance, sich vor dem realen Leben drei oder vier Jahre zu verstecken, Neues zu sehen und zu tun, vielleicht eine Freundin bekommen, und so fort. Mein erstes Jahr am College war ein Albtraum.Ich war das erste Mal von zuhause weg, und meine Einsamkeit war so extrem, dass ich mich verzweifelt an Leute klammerte, die mich erniedrigten (mich betrunken machten und überredeten, Strip-Poker zu spielen). Ich vernarrte mich in ein hübsches Mädchen aus meinem Wohnheim und fragte sie aus. Sie gab vor, mich ernst zu nehmen, während sie mit anderen im Gebäude über mich lachte und mich über Nacht zu einer Witzfigur machte. Ich konnte nicht aufhören, an sie zu denken, gleich, wie oft sie gemein zu mir war. Es ging so weit, dass ich die Psychologie-Abteilung einer Buchhandlung aufsuchte, um die Antwort auf meine Probleme zu finden. Ich fand den Urschrei und war von dem Buch sehr berührt. Aber dann vergingen weitere dreieinhalb Jahre, bevor ich der Tatsache ins Auge sah, dass meine Depression ohne Therapie oder ein Wunder nicht verschwinden würde.

Nach dem ersten College-Jahr wechselte ich in eine ganz andere Studienrichtung und machte einen Neuanfang. Eine Zeit lang schien alles in Ordnung – Ich war mit an der Klassenspitze, war in der Musikgesellschaft aktiv und populär, begleitete den Chor und gab Konzerte. Aber dennoch wusste ich noch immer nicht näher, was ich mit meinem Leben machen sollte, und die Gefühle von Langeweile und Vergeblichkeit kehrten zurück. Es gab Wochen, in denen ich jeden Tag bis spät nachmittags im Bett blieb, weil ich dem Leben nicht begegnen konnte. Die Angst, vom College zu fliegen, drängte mich zu normalerer Routine zurück. Ich gab viel zu viel Geld für Mitnahme-Gerichte aus, weil ich mich erschöpft und elend fühlte, wenn ich mir das Essen selbst zubereitete. Einmal versuchte ich, mit den Süßigkeiten aufzuhören, weil das zu einer Sucht geworden war, aber innerhalb 48 Stunden gab ich auf, weil ich keine Energie hatte und an großen Stimmungsschwankungen litt (zwischen Sterbenwollen und Tötenwollen). Ein oder zwei Jahre lang wurde ich praktisch zum Alkoholiker, weil ich meine glücklichsten Zeiten hatte, wenn ich mit Freunden trank. Allmählich fühlte ich mich von den Leuten allgemein immer mehr bedroht, und so ging ich weniger oft aus dem Haus. Jedes Mal, wenn ich mich gut und entspannt fühlte, ruinierte ich mir den Tag, indem mir ein Unglück passierte oder ich etwas Wichtiges vergaß. Ich gab vor, dass alles in Ordnung sei, wenn ich mit meinen Eltern redete.

 

Die meisten meiner Freunde verließen das College ein Jahr vor mir, so dass ich in meinem Abschlussjahr sehr einsam war. Im Bett begann ich wieder, zwanghaft an Selbstmord zu denken. Dieses Mal war mir danach, mich im Fluß zu ertränken, der durch die Stadt lief. Ich wollte weinen, aber ich konnte nicht. Ich hatte Angst, dass mich beim Versuch, mich zu ertränken, vielleicht ein starker Lebensdrang ergreifen würde, wenn mir die Luft ausging, und der Gedanke, in einem Zustand von Bedauern und Entsetzen zu sterben, war mehr als ich ertragen konnte. Ich betrank mich vor einer wichtigen Abschlussprüfung und schwänzte sie. Ich schaffte den Abschluss mit knapper Not und stand nun vor der überwältigenden Aufgabe, überleben zu müssen.

Zu diesem Zeitpunkt litt ich an Agoraphobie und Paranoia. Ich blieb meistens im Haus, und wenn unsere Eltern nicht da waren, ließ ich meine jüngere Schwester ans Telefon gehen oder zur Haustür, wenn jemand läutete. Wenn ich in der Stadt unterwegs war, fiel es mir schwer, das Gefühl abzuschütteln, dass sich die Leute über mich lustig machten. Nachdem ich es einige Monate später aufgegeben hatte, mich um Jobs zu bewerben, überzeugte ich meine Eltern, mir eine Therapie zu bezahlen. Was mich mehr als alles andere antrieb, war die Angst, eines Tages im Alter von 40 oder 50 aufzuwachen und erkennen zu müssen, dass mein Leben eine tragische Vergeudung war.

 

An meinem ersten Tag in L.A. machte mir alles Angst: Leute, Hunde, Insekten, Autos, wohin ich gehen und was ich in jeder neuen Situation tun sollte, die Dunkelheit und die Einsamkeit. An diesem Abend fing ich an, mit meinem Stofftier (das nur als Maskottchen gedacht war) zu reden wie mit einem engen Freund, was ich nur ein paar Tage vorher für sehr kindisch gehalten hätte. Das Spielzeug, ein Krokodil mit einem hoffnungsvollen, lächelnden Gesicht, genau wie meins als Kind, war seitdem ein wichtiges Symbol in meiner Therapie. Meine Eltern waren sehr reserviert und vermieden es, ihre wahren Gefühle zu zeigen, und so fiel es mir schwer, die Scham zu überwinden, die ich immer fühle, wenn ich kindliche Bedürfnisse ausdrücke. Mit einem Spielzeug zu reden (das die Kindheits-Unschuld repräsentierte, die ich von früh an verloren hatte), ermöglichte mir zu fühlen, dass ich Aufmerksamkeit brauchte, etwas Besonderes sein und Freunde haben wollte als kleines Kind.

 

Ich bin ein ziemlich schwieriger Fall für die Primärtherapie, weil ich gut abgewehrt bin. Es war ziemlich angenehm für mich, isoliert in einem Hotelzimmer zu wohnen, und so ermutigte man mich, auszugehen und der Fußgängerzone einen Besuch abzustatten, mir Freunde zu suchen und das Herumsitzen im Apartment zu vermeiden. Eine Zeit lang berührten mich Filme mehr als mein eigenes Leben. Szenen mit Eltern, die Zärtlichkeit gegenüber ihren Kindern zeigen, oder ein Darsteller, der auf eine glückliche Kindheit zurückblickte, riefen fast garantiert Tränen in mir hervor. Das war sehr willkommen für jemanden, der zwischen dem Alter von 8 Jahren und dem Therapiebeginn vielleicht vier Mal geweint hat!

 

Nach ein paar Monaten begann ich, mich auf meinen „Primärstil“ festzulegen, mein eigener Weg, um in einer Sitzung Zugang zu meinen Gefühlen zu finden. Einfach hinlegen und reden funktioniert selten, weil in mir so viel Wut brodelt. Ich versuche mich zu entspannen, und gewöhnlich kommt die Erinnerung von selbst hoch – eine Zeit, als ich verletzt, erniedrigt oder verschreckt war – und es beginnt in mir zu kochen. „Wenn ich jetzt nochmal dort wäre, würde ich .......sagen“, und ich lasse den Frust heraus, indem ich schreie, auf die Wand einschlage und dabei die Worte gebrauche, die meine Frustration ausdrücken. Das ist bei weitem keine leere Handlung, obwohl es sich die ersten Male, als ich es versuchte, so anfühlte. Ich bin in meinem Leben so sehr verletzt worden, dass ich in einem ständigen Überlastungszustand bin; die Schmerzlast ist zu groß, als dass ich sie fühlen lönnte.Wenn ich etwas von dieser Wut freigesetzt habe (jede Menge Wut!), dann kann ich über den Schmerz weinen, der darunter liegt. Wann immer der Therapeut mir gegenüber Freundlichkeit zeigt (vor allem auf eine spontane Art, die man unmöglich nachmachen kann, denn ich bin sehr misstrauisch), kann ich darüber weinen, dass ich das bekomme, was ich als Kind vermisst habe – was das Primal Center als  „negativen Schmerz“ bezeichnet.

 

Meistens geht es bei meinen Gefühlen um den Kampf, dass ich mich um mich selbst kümmern muss und um meine Zukunftsangst, aber aus den Gründen, die ich gerade beschrieben habe, sind es manchmal eher erfreuliche Ereignisse als schmerzhafte, die ein Feeling ergeben. Lange Zeit war ich süchtig nach Schokoladentrüffelkuchen, den eine lokale Bäckerei verkaufte. Am Abend fühlte ich mich elend, bis ich mir einen kaufte und ihn aß; dann ging es mir gut. Eines Tages redete ich mit meinem Zimmergenossen über die glücklichsten Zeiten in meiner Kindheit, als ich in den  Sommerferien auf den Bermudas lebte. Wir schienen alle Zeit der Welt zu haben, und wir hatten die Freiheit, fast alles zu tun, was wir wollten. Unsere Mutter verbrachte viel Zeit mit uns, und machmal nahm sie uns an einen Ort mit, der Neil’s Bäckerei hieß, und kaufte jedem von uns eine Schoktrüffel. Mitten im Satz begannen die Tränen zu fließen und hörten nicht mehr auf. Eine Weile ging es in meiner Therapie ausschließlich darum, wie sicher und glücklich ich auf den Bermudas war, und wie sehr ich mich wieder so fühlen wollte. Heutzutage esse ich selten Schokolade, und wenn mir nach Süßem zumute ist, entscheide ich mich gewöhnlich für Früchte anstatt für Bäckereiprodukte.

 

Es gab eine fünfmonatige Periode, in der ich Prozac verschrieben bekam, weil ich eine Menge Schmerz erlebte und nicht mehr mit meinem Job zurecht kam. Zu dieser Zeit war es ein echter Kampf, am Morgem aus dem Bett zu kommen. Beim Autofahren war ich sehr ängstlich, und ich holte mir ständig blaue Flecken und ließ alles fallen. Prozac linderte alle diese Symptome und die Depression bis zu einem gewissen Grad, aber wahrscheinlich reduzierte es meinen Zugang zu Gefühlen. Ein paar Wochen, nachdem ich Prozac abgesetzt hatte, war ich dem Selbstmord sehr nahe, denn ich konnte mir kaum vorstellen, dass mein Leben je lebenswert sein würde. Zu der Zeit hatte ich das Gefühl, dass die beste Methode für mich eine Überdosis Schlaftabletten wäre – sanft und langsam. Ohne Primärtherapie hätte ich den Selbstmord wohl durchgezogen, aber dank einiger wichtiger Kindheits-Primals (bis dahin hatte ich noch überhaupt keine Geburtserlebnisse) habe ich keine Selbstmordgedanken mehr, und ich funktioniere ohne Prozac auch viel besser als zu der Zeit, als ich es nahm.

 

Drei Primals treten in meiner Erinnerung hervor. Eines war das erste Mal, das ich ein ein Urerlebnis außerhalb des Primal Centers hatte. Ich sah den Film „It’s a Wonderful Life“. Es war kurz vor dem Ende, als der Charakter, den Jimmy Stewart spielt, die Inschrift in dem Buch liest, das ihm der Engel gibt: „Denke daran, keiner, der Freunde hat, ist ein Versager.“ Ich war in dieser Samstag- Nacht allein, und die Einsamkeit war unerträglich. Ich weinte etwa eine halbe Stunde, tiefer als je zuvor seit jener Zeit, als ich sehr klein war – der pure Kummer eines Kindes, das niemanden hat, der sich kümmert.

 

Das zweite Feeling ereignete sich, als das starke Bild von mir als heimatlose Person auftauchte, die um Hilfe bat, was ich in einer Gruppensitzung ausagierte. (In Halloween-Gruppensitzungen kommt jede Person als sein oder ihr „geheimes Selbst.“ A.J.) Als ich die Tasse in meiner Hand hielt und in der Gruppe in die Gesichter der Leute sah, durchfloss mich ein riesiges Stück des Schreckens, dass ich nicht fähig war, für mich selbst zu sorgen. Es lässt sich schwer erklären, aber stellen sie sich vor, dass sie ohne Job und Geld auf der Straße sitzen, nirgendwo bleiben können, keine Freunde oder Verwandten haben, an die sie sich wenden können. Plötzlich lesen Sie diese Worte nicht mehr, sondern finden sich tatsächlich auf dieser Straße wieder.  Auch wenn Sie sich noch so sehr die Augen reiben oder sich kneifen – es ändert daran nichts. „Nein“, sagen Sie, weil Sie es noch immer nicht glauben. „Das kann nicht mein Leben sein.“ Ihnen ist kalt, Sie sind hungrig und haben Angst. Obwohl Sie sich fürs Betteln schämen, gehen Sie nach einer Weile auf Leute zu und bitten sie um Hilfe. Die ignorieren Sie, und Sie fühlen, wie Ihr Leben dahinfließt. Sie sterben ganz allein, und allen ist es scheißegal. Die Traurigkeit darüber, dass alle Ihre Hoffnungen und Träume den Bach hinunter gehen, und der Schmerz, dass Sie keinen Trost finden, lassen Sie um Ihr Leben weinen.

 

Das dritte und jüngste große Gefühlserlebnis war kurz nach einem Mini-Retreat am Center, ein Ereignis, bei dem Institutsangehörige und Patienten das Wochenende zusammen verbringen. Dieser Samstag war einer der besten Tage meines lebens. Nach einer ziemlich guten Freitag-Nacht-Gruppe erwachte ich aus einem erholsamen Schlaf. Der Samstagmorgen und –nachmittag war uns zur Selbstgestaltung überlassen. Ein paar Leute fragten mich, ob ich an einem Strandspaziergang nach dem Früstück interessiert sei. Ich sagte, ich werde es mir überlegen, aber ich versuchte noch immer eine Entscheidung zu treffen, was ich mit dem Tag anfangen sollte, wenn sie weg waren. Bei früheren Mini-Retreats neigte ich dazu, mich alleine und sogar leer zu fühlen, wenn ich etwas mit anderen Leuten unternahm, wie immer in meinem Leben. (Manchmal fällt es mir schwer, mit anderen zusammen zu sein. Auch wenn ich Gesellschaft brauche, gehe ich allein voran, oder  ich gehe in ein anderes Zimmer, um die Distanz wiederherzustellen, die ich in meiner Familie kannte.) An diesem Tag jedoch trieb mich etwas, nicht defätistisch zu sein, und so schnappte ich mir einen Saft und lief den den Strand hinunter, um die anderen einzuholen. Wir splitterten uns in kleinere Gruppen auf und nach kurzem Zögern schloss ich mich schließlich ein paar Leuten an, die ich ziemlich gut kannte und bei denen ich mich wohl fühlte. Wir gingen und redeten, und nach einer Weile dämmerte es mir, das ich einfach ich selbst war – eine ungewöhnliche Sache zu der Zeit. Alles in Santa Monica schien heller, farbiger und interessanter als zuvor. Ich hatte um 11 Uhr eine Sitzung am Center und begann darüber zu reden, wie lebendig ich mich fühlte. Eine Menge kindlicher Impulse und Gedanken gingen mir durch den Kopf, und es war aufregend und erschreckend zugleich, darüber zu reden. Ich stand so unter Strom, dass ich mich wie ein Verrückter angehört haben muss, aber mein Therapeut hörte einfach zu und stellte ein paar Fragen, genau die richtigen. Ich weinte nicht in der Sitzung, aber ich war erstaunlich entspannt hinterher. Die Tränen flossen in Strömen, als ich am Center den Nachmittagsfilm „Little Woman“ anschaute.

 

An diesem Abend fand eine Talentshow statt; die Leute lasen Poesie, sangen Lieder, stellten ihre Künste und ihr Handwerk aus und spielten Instrumente. Für mich und jemand anderen, der spielen wollte, gab es ein Leihklavier. Ich war zuerst dran und spielte ein ruhiges Stück – ziemlich schlecht aufgrund meiner Nervosität. Ich hatte vor, ein zweites, schwierigeres Stück zu spielen, aber ich hatte zu viel Angst. Mir war schrecklich zumute, und ich wollte sterben, aber wieder hielt mich etwas vom Aufgeben ab, und ich fragte eine Therapeutin, ob sie eine Weile in einem anderen Raum bei mir bleiben könne. Ich weinte einige Minuten lang, fühlte mich wie ein Versager und bat um eine zweite Chance. Ich ging ins Hauptzimmer zurück und fragte David, diese Nacht der Conferencier und Videograph, ob ich später ein anderes Stück spielen könne. Natürlich lächelte er freundlich und sagte ja. Für die nächste Stunde oder so lehnte ich mich zurück und genoss den Rest der Talentshow, die wundervoll war. Einge der Poesielesungen rührten mich zu Tränen. Am Ende spielte ich das schwierige Stück – Granados El Pelele, das ein junges Liebespaar repräsentiert, das spielerisch eine Vogelscheuche oder eine Schaufensterpuppe hin und her wirft. Trotz einiger falscher Noten hier und da erheiterte mich meine Aufführung, weil ich so viel Lebensliebe mit meinem Spiel vermitteln konnte. Was für ein Erlebnis! Der Applaus war lang und laut.

 

Montagmorgen kehrte ich zur Arbeit zurück. Es tat wirklich weh, dass das Wochenende vorbei war und dass die Schinderei wieder begann. Ich fuhr allein mit dem Auto und weinte nach meiner Mutter. Ich scheute mich immer, meinen Job zu machen, aber zum ersten Mal hatte ich darüber spontane Gefühle; ich konnte die tiefen Gefühle ohne einen Therapeuten erreichen. (Das ist das Ziel der Primärtherapie). Jedes Mal, wenn ich mit Leuten zu tun hatte, konnte ich die Tränen unterbinden, aber jedes Mal, wenn ich mit dem Auto davonfuhr, fing ich wieder zu weinen an. Gegen Mittag hörten die Tränen auf, und ich verspürte Erleichterung in meinem Magen. Diesen Nachmittag rief ich einen potentiellen Kunden an (was ich gewöhnlich wie die Pest vermied, da Zurückweisung drohte), machte eine superglatte Präsentation und bekam den Auftrag. Danach war das Leben für einige Tage eine lässige Sache.

 

Wenn ich zurückblicke, wie ich zu Beginn der Therapie war, kann ich erkennen, wie viel sich verändert hat. Ich beginne damit, dass ich über ein Inch gewachsen bin seit meinem 23sten Geburtstag. Allgemein bin ich viel entspannter, kann ausgehen und mein Leben ohne zu viel Angst leben. Ich bin nicht annähernd so menschenscheu, wie ich vorher war, und ich lasse nicht zu, dass mich jemand herumschubst oder ausnützt. Ich bin spontaner und folge meinen Impulsen, wann immer ich das Gefühl habe, dass es sicher und angemessen ist. Ich habe Phasen voller Optimismus und Lebensenthusiasmus, in denen es mir scheint, als hätte man mir eine zweite Kindheit gegeben. In diesen Phasen fühlt sich das Leben gut an, ob ich Sport mache, Musik spiele oder höre, einen Film sehe, mit Freunden rede oder einfach still dasitze und nichts tue. Ich habe mehr Freunde, und ich kann in ihrer Mitte ich selbst sein, anstatt zu versuchen, sie zu beeindrucken oder sie dazu zu bringen, dass sie mich mögen. Ich habe in Stress-Situationen weniger Angst, und ich treffe bei Problemlösungen bessere Entscheidungen. Mein Gedächtnis hat sich verbessert; ich hadere nicht mehr damit, für mich selbst sorgen zu müssen. Ich bin weniger „kopflastig“ und mir mehr bewusst, was sich um mich herum abspielt.(Die Leute hielten mich gewöhnlich für dumm, weil sie etwas zwei oder drei Mal sagen mussten, bevor ich sie hörte). Beim Klavierspiel habe ich eine bessere Koordination, obwohl mir die Praxis fast völlig fehlt, und ich habe entdeckt, dass ich ein ziemliches Talent für Ballsportarten habe. Ich kann jetzt für mich selbst kochen, was eine ganz neue und aufregende Entwicklung ist. Auch schmeckt das Essen anders. Ich musste mein Essen mit Kräutern und Gewürzen eindecken, um ihm Geschmack zu verleihen, während jetzt ein kleine Menge lange vorzuhalten scheint. Von Zeit zu Zeit habe ich Depressionen, aber auch wenn ich mich wirklich schlecht fühle, weiß ich, dass es nur ein Gefühl ist, und ich denke nicht an Selbstmord. Ich bemerke mein Ausagieren und halte es im Zaum. Wenn zum Beispiel mein Job schlecht läuft, verbeiße ich mich in den Gedanken, in der Lotterie zu gewinnen. Wenn es mir schlecht geht, neige ich dazu, von Therapeut zu Therapeut zu springen, weil ich Angst habe, bei derselben Person zu bleiben, für den Fall, dass er oder sie die Geduld mit mir verliert. Gegen meine Ängste anzugehen ist der Weg zu Gefühlen. Am wichtigsten ist, dass ich tief drinnen das Gefühl habe, dass mit mir alles in Ordnung sein wird, was ich vor einigen Jahren nie hätte sagen können.

 

Als Schlussfolgerung würde ich sagen, dass Depression ein Zustand emotionaler Flachheit ist, der aus einem starken Abwehrsystem resultiert. Unterhalb des Bewusstseins gibt es eine Stimme, die sich darüber beklagt, dass alles hoffnungslos sei und das Leben keinen Sinn habe, aber man hört sie nie, weil die Abwehr Überstunden macht. Wie heilt man Depression? Die Plattheiten, mit denen meine Eltern mich fütterten, hatten sicher keinen Zweck, und ich vermute, dass die meisten Selbsthilfesysteme die „Stimme des Untergangs“ nur noch weiter ins Dunkle verdrängen, wo sie letztlich genauso schädlich ist. Die einzigen wirklichen Veränderungen in meinem Leben geschahen nach dem Fühlen und nach  der Verknüpfung mit den Ursachen meines Schmerzes. Die Stimme kann man zum Teil hören; man fühlt  sich nicht traurig ohne offensichtlichen Grund sondern aus einem Grund, der bekannt ist und gefühlt werden kann. Diese zweite Kindheit ist ein großes Geschenk. Ich möchte allen, die das lesen und weit davon entfernt sind, Therapie machen zu können, sagen, dass es wirklich Hoffnung gibt. Findet vor allem Freunde, die euch so akzeptieren, wie ihr seid, und kümmert euch um euch selbst. Ihr verdient das Beste.

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Chloe

Ich bin, was man gemeinhin als „Inkubatorbaby“ bezeichnet. Nachdem ich auf die Welt gebracht worden bin, hielten die Ärzte und Schwestern es für nötig, mich von dem Wesen zu trennen, das für mich am lebenswichtigsten war: meine Mutter. Nur weil meine Fingernägel nicht voll entwickelt waren, legten sie mich in diesen Kasten mit seitlichen Glasfenstern und einer offenen Oberseite, durch die ich die Klinikdecke anstarren konnte. Manchmal müssen Krankenschwestern in meinem Gesichtsfeld aufgetaucht sein, um zu überprüfen, ob die Schläuche in meiner Nase noch an Ort und Stelle waren oder ob meine Windeln gewechselt werden mussten. Sie müssen mich und mein verzweifeltes Bedürfnis nach meiner Mutter vergessen haben. Andernfalls kann ich nicht verstehen, warum sie sie nicht kommen und mich sehen  ließen. Sie ließen sich fünf Wochen Zeit, bis sie den Bitten meiner Mutter nachgaben und mich gehen ließen. An dem Tag, als sie kam und mich aufnahm, sah und hielt sie mich, ihre Tochter, zum ersten Mal und erkannte mich nicht. Ich stehe jeden Tag meines Lebens unter dem Einfluss dieser ersten fünf Wochen.

 

Wenn ich am Morgen aufwache, stehe ich unter Schmerz. Es gibt keinen unmittelbaren Grund für diesen Schmerz, und ich kann ihm keine Worte geben. Ich stehe auf, mache mir eine Tasse Kaffee und lege mich wieder ins Bett, in der Hoffnung, dass der Schmerz verschwindet. Ich denke darüber nach, wie lange ich mich schon so fühle, und ich träume manchmal von einem Morgen, an dem ich aufwachen und aus meinem Fenster sehen und keinen Schmerz mehr spüren werde. Ich träume davon, den Schmerz meiner frühesten Erinnerung zu vergessen, dass ich fünf Wochen jeden Tag aufwachte und meine Mutter nicht da war.

 

Die Leere des Tages fülle ich mit Warten auf. Ich warte, dass der Tag vorbeigeht und sich in das „morgen“ wandelt. Morgen wird alles dasselbe sein. Die Leere füllt mich und lässt keinen Raum für irgendwas oder irgendjemanden. Sie tötet meine Gedanken und meine Gefühle. Ich habe keinen Platz für Menschen, Bücher, Musik, die Sonne oder den Regen, weil ich warte. Ich drehe mich im Kreis, Minute um Minute. Der Kreis dreht sich um nichts, und wenn ich damit durch bin, beginnt er von Neuem, weil nichts ihn aufhält. Nichts hält ihn in Bewegung, und ich wünschte, er würde anhalten, so dass ich hinaus und im Regen spazierengehen könnte, gedankenleer, nur mit dem Gefühl von Regentropfen in meinem Gesicht, die sich nach jahrelangem Warten in Tränen der Verzweiflung wandeln. Wie ich so gehe, wandern meine Gedanken zu dem kleinen Baby, das so lange auf seine Mutter wartete und das nichts hatte, das seinen Schmerz gelindert hätte.

 

Ich habe das Bedürfnis, dass die Leute verstehen, wie sehr ich leide. Wenn Sie mir in die Augen schauen, hoffe ich, dass Sie den Schmerz sehen können. Ich hoffe, Sie sind nicht zu streng mit mir, weil ich schon so leide. Wenn ich schreibe, hoffe ich, Sie können zwischen den Zeilen den Schmerz lesen, den ich jetzt fühle. Jedes Wort, das ich schreibe, ist eine Reflexion meines Schmerzes und voller Hoffnung, dass jemand den stummen Schrei vernimmt, der auf diesem Papier geschrieben steht. Es ist bedeutungslos, worüber ich schreibe. Es könnte alles Mögliche sein: die Wirkung der Inflation auf die Beschäftigungslage, Argumente für oder gegen die Todesstrafe oder der Symbolismus in St.Exuperys „Der kleine Prinz“. Bei allem, worüber ich schreibe, geht es um mich, denn ich hoffe, dass jemand das Baby hören kann, das nach seiner Mutter schreit, die zu weit weg ist, als dass sie es hören könnte. Vielleicht wird der Mensch, der das liest, derjenige sein, der es endlich versteht und ihm seine Mutter bringt.

 

Wenn ich Erleichterung suche, brauche ich nur zur Zigarette zu greifen. Sie macht mich taub und benommen, aber sie unterdrückt meinen Schmerz für ein paar Minuten. Wenn ich auf meiner Veranda sitze, den Rauch inhaliere und exhaliere, starre ich in den Himmel und denke übers Leben nach. Ich denke über mein Leben nach, wie es für mich ist und wie es hätte sein können. Das ständige Leiden hat mich erschöpft. Meine ganze Energie geht da hinein. Nichts anderes hat noch Bedeutung. Ich kümmere mich nicht um die Prüfungen, die ich nächste Woche schreiben muss, und ich kümmere mich nicht um Weihnachten. Ich spüre ein bisschen Traurigkeit, wenn ich an eine Straße denke, die von kleinen warmen Lichtern auf den Bäumen erleuchtet wird und jeden auf die kommenden Freudentage vorbereitet. All diese Dinge scheinen nicht für mich gemacht. Als Zuschauer beobachte ich aus der Ferne, wie anderen Leute ihr Leben leben. Das Leben ist für mich irgendwo da draußen, auf der anderen Seite dieser Glasfenster. Das Leben ist dort, wo die warmen Lichter sind, aber ich kann dort nicht hin, weil jedes Mal, wenn ich danach greife, die Glasfenster im Weg sind.

 

Ich hoffe, Sie verstehen. Das ist mein Leben. Fünf Wochen -  vor 25 Jahren – hinterließen jeden einzelnen Tag in mir ein verzweifeltes Bedürfnis nach meiner Mutter. Aber meine Mutter war nicht da und ist nicht da. (Ihre Mutter starb.) Ich kann schreien, so viel ich will, aber sie hört mich nicht. Wenn Sie sie sehen, können Sie ihr bitte sagen, wie sehr ihre Tochter leidet? Bitte erzählen Sie ihr von meiner Katze, wie ich sie aufnehme und „Baby“ sage. Wie ich ihr ins Ohr flüstere: „Ich weiß, es ist okay.“ Wie ich sie lange Zeit im Arm halte. Vielleicht wird sie dann verstehen, wie sehr ich es brauchte, dass sie mich hochnehmen, im Arm halten und mir ins Ohr flüstern würde: „ Ich liebe dich, Baby. Es ist jetzt alles in Ordnung. Ich bin hier.“ Ich möchte mein Gesicht in ihren Schoß vergraben und über die fünf Wochen weinen, die mein Leben ruinierten. Ich möchte, dass sie die Tränen in meinem Gesicht trocknet und mir das zurückgibt, was ich vor langer Zeit verloren habe. Aber ich muss die Hoffnung aufgeben, dass sie kommen wird, weil sie auch damals nicht gekommen ist. Das ist der Tag, an dem meine Hand das Licht erreichen wird und kein Glasfenster mehr mich vom Leben trennen kann. Das ist der Tag, an dem ich aus Freude und nicht aus Schmerz weinen werde.

 

Meine Depression ist für mich wie ein Faden, der sich durch mein ganzes Leben zieht, manchmal kaum wahrnehmbar und dann wieder so überwältigend, dass ich mich völlig in ihm verwoben fühle.

 

Wie fühlt sie sich für mich an? Das Grundgewebe ist ein Gefühl des Versagens, völligen Versagens. Ich habe es nicht geschafft. Gewöhnlich werde ich mir dieses Gefühls bewusst, wenn ich die Leistungen anderer Leute sehe, die sich gewöhnlich auf Karriere/Bildung beziehen. Ich habe das Gefühl, als hätte ich in meinem Leben nichts geleistet, als wüsste ich nichts. Ich habe einen Abschluss in einem Programm gemacht, das sehr anspruchsvoll war, aber es fühlt sich nie gut genug an – ich fühle mich nie gut genug.

 

Ich weiß nicht, was genau das überwältigende Gefühl der Depression verursacht, das irgendwo zwischen Stunden und Tagen andauert. Es scheint ein Teil des Themas meiner Depression zu sein, dass ich nicht kontrollieren kann, wann sie einsetzt. Dann fühlt sie sich wie ein großes schwarzes gefühlloses Loch an, in das ich falle und aus dem ich nicht heraus kann. Ich fühle mich völlig leer, hoffnungslos und hilflos. Ich habe das Gefühl, dass es mein Fehler ist, dass ich da drin bin und nicht heraus kann. Ich gebe mir die Schuld, dort drin zu stecken. Es ist ein Ort, der mir nahezu unwirklich vorkommt, wenn ich nicht in ihm bin, als würde ich ihn erfinden, als würde ich Lügen über ihn erzählen. Es ist ein Ort, der sich sehr düster und verhängnisvoll anfühlt. Es ist ein Ort, wo ich suizidal bin, wo ich einen suizidalen Traum träume. Es gab Zeiten, als ich mich nicht bewegen konnte, wenn ich an diesen Ort gelangte. Ich fühle mich von allen anderen verschieden, abseits, abgetrennt und entfernt. Mein Gesicht wird zur Maske, und meine Mundwinkel hängen herab. Lächeln scheint mir so fremd wie Lachen auf einer Beerdigung.

 

Mich allein und isoliert zu fühlen macht einen Großteil meiner Depression aus.Gegenwärtig stecke ich so tief in diesem Loch, dass es schwer ist, darüber zu schreiben. Ich bin mit meinem ersten Kind schwanger, das in drei Monaten geboren werden soll, und ich bin überwältigt von der Angst darüber, wie meine Depression, Einsamkeit und Isolation sein Leben beeiflussen wird. Ein Großteil meines Schmerzes wurzelt in der frühen Kindheit, und ich mache mir Sorgen, wie dieser frühe Schmerz meine Mutterfähigkeiten beeinflussen wird. Ich bin sehr besorgt über Wochenbettdepression, weil ich weiß, wenn ich mein eigenes Kind in meinen Armen halte, nachdem es geboren worden ist, und es auf dieser Welt willkommen heiße, dann wird es meinen Schmerz auslösen, nicht gehalten und nicht auf dieser Welt willkommen geheißen worden zu sein. Der Schmerz darin ist so riesig, dass ich in nur in kleinen Stücken ertasten kann. Ich habe immer geglaubt, ich würde ein einziges gigantisches Primal haben, dass auf magische Weise alles wegräumen würde, aber in meinem Fall ist diese Therapie ein langsamer Prozess. Die Bücher, die ich las und die mich veranlassten, mit dieser Therapie zu beginnen, erzählen eine Menge darüber, „den Schmerz“ zu fühlen. Ich glaube, ich habe vergessen, dass Schmerz weh tut, und auch jetzt nach dreißig Jahren kann ich nur so und so viel von ihm ertragen.

 

Warum dann fühlen, wenn es weh tut? Ich bin mir selbst näher, wenn ich den Schmerz fühle. Ich bin unter meinem Schmerz verborgen, und die einzige Möglichkeit mich aufzudecken besteht darin, meinen Schmerz aufzudecken.

 

Wie hat die Therapie mir bei meiner Depression geholfen? Zuerst einmal half sie mir zu identifizieren, dass ich deprimiert bin/werde. Vorher lief ich herum und wusste nicht, was mit mir los war. Wissen hat etwas Tröstliches an sich. Das Wichtigste, das ich für mich entdeckt habe, ist, wenn ich weinen kann, dann hebt sich die Depression früher oder später, es hängt davon ab, wie tief ich hineingefallen war. Der Weg zu den Tränen ist jedoch nicht immer kerzengerade, und solange ich nicht weinen kann, leide ich.

 

Meinen Schmerz zu fühlen hat Raum für neue, gute Gefühle geschaffen, die ebenso lohnend sind, wie der Weg zu ihnen  schwierig ist. Ein Beispiel dafür ist mein 30ster Geburtstag, der vor nicht allzu langer Zeit stattfand. Monate zuvor fing ich an, mich mit dem Gedanken zu quälen, was ich mit diesem Tag wohl machen solle, und je näher der Tag rückte, umso einsamer fühlte ich mich. Es endete damit, dass ich gar nichts machte, da ich von dem Gefühl zu überwältigt war, und einen Großteil meines Geburtstages weinend in dieser Einsamkeit verbrachte. Mein Mann und ich vereinbarten, dass wir zum Essen ausgehen würden – nur wir zwei. Schließlich überraschte er mich mit einem ganz besonderen Abend. Die Freude, das Glück und die Vollkommenheit, die ich an diesem Abend erlebte, war etwas, das ich nie zuvor erfahren hatte, und ich sagte zu ihm, dass das Glück dieses Abends jede Träne wert war, die ich weinte. Sein Geschenk für mich war ein Gefühl, das ich nie zuvor erlebt hatte, und ich schätze dieses Gefühl mehr als alles andere. Die Depression hat mich der guten Dinge beraubt, die das Leben zu bieten hat. Den Schmerz zu fühlen ist ein Weg, um ihnen Raum zu geben.

 

Die andere große Sache ist, dass ich immer noch suizidal sein  kann, aber ich würde das nicht in die Tat umsetzen wollen. Der Selbstmordgedanke liegt am Grund meiner Depression, und ich benutze ihn als Fantasie, die mir erlaubt, ihre Leere aufzufüllen. Es war mein Traum von einem Ausweg. Ich weiß jetzt, dass Gefühle mein Ausweg sind, wie verzwickt und schwierig sie auch manchmal werden können.

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Einprägungen verbiegen uns physiologisch

Unsere Emotionen beeinflussen unser System viel eher, als unsere Denkprozesse dies tun. Es ist die rechte Seite, mit der wir von Anfang an Stress bewältigen, und das bestimmt vielleicht, wie das Gesamtsystem reagieren wird. Der Prototyp "verbiegt" unsere physiologischen Prozesse auf globaler Ebene. Es ist das Netz aus rechten limbischen Zellen und Hirnstammzellen, das die Hormonsekretion und andere physiologischen Prozesse beeinflusst; dort werden unsere Gefühle direkt in unsere Biochemie übersetzt. Auf diese Weise können unsere frühen Erlebnisse bestimmen, welche Hormone in zu hohem Maß und welche in zu geringem Maß abgesondert werden und welche Neurotransmitter-Spiegel normal und ausgeglichen sind oder nicht.

Für den sympathischen Prototyp scheint ein Übermaß an Sekretion zu gelten. Jemand ist vielleicht ziemlich oft "aufgedreht" aufgrund einer Übersekretion von Aggressionshormonen aufgrund von Einprägungen der ersten Ebene; Ereignisse der ersten Linie beziehen sich auf die Schwangerschaftsperiode und beziehen Ereignisse mit ein, die sechs bis acht Monate nach der Geburt geschehen. „Erste Linie“ ist mein Ausdruck für Ereignisse, die während der Schwangerschaft und in den ersten paar Monaten nach der Geburt verankert werden. Wenn ich kritische Perioden erörtere, beziehe ich mich auf die Zeit, in der bestimmte Bedürfnisse erfüllt werden müssen, die später nicht mehr erfüllt werden können. Wenn die kritische Periode vorüber ist, können wir nicht zurückkehren und die von Beginn an fehlende Liebe nachholen. Alles, was wir hinterher tun können, ist, ausagieren, symbolisch reagieren und symbolische Liebe (Applaus) bekommen. Es wird das Grundbedürfnis nie befriedigen. Keine Liebe in der Gegenwart kann eine Depression beseitigen. Sie kann sie nur zudecken. Wenn eine Einprägung einmal an Ort und Stelle festsitzt, besteht sie ein Leben lang, es sei denn, wir befassen uns wieder mit ihr, und zwar mit jedem Teil von uns, der in das ursprüngliche Ereigniss verwickelt war. Kurz gesagt müssen wir es wiedererleben.

Beim Sympathen kann dieses Übermaß später auch eine Rolle bei der Entwicklung chauvinistischer Attitüden spielen: „Wir müssen diese Bastarde kriegen!“ Im Gegensatz dazu bleibt der Parasympath im "Hypo"-Modus. Viele seiner wesentlichen Hormone und Neurotransmitter liegen unterhalb des normalen Ausstoßes: Hypothyreoidismus, weniger Testosteron, niedrige Serotoninspiegel, eine chronisch niedrige Körpertemperatur und so fort. Während wir bei Parasympathen niedrige Testosteronwerte fanden, war bei Sympathen das Gegenteil der Fall. Als Resultat dieser Prototypen und ihrer systemischen Effekte tendiert der Parasympath vielleicht zu Impotenz; der Sympath hat vielleicht ein Problem mit vorzeitiger Ejakulation. All das rührt von Sollwerten für biochemische Sekretion her, die vielleicht weit zurück in der frühen Kindheit oder bereits zuvor festgelegt worden waren. Wir erkennen sofort, dass Persönlichkeit nicht  einfach ein psychologisches Ereignis ist; sie beinhaltet auch Verzerrungen in unserer Biologie. Wir haben nicht bloß abweichende Gedanken. Diese Gedanken sind das Endergebnis einer Gesamtheit psychophysischer Entwicklung.

 

Es ist nicht so, dass wir eine Erinnerung haben und dann Hormonänderungen erfolgen; diese Änderungen sind Teil des Erlebnisses. Und die Veränderungen in der Biochemie beeinflussen wiederum unsere Gedanken und Einstellungen und unser Verhalten. Zum Beispiel beeinflussen Gefühle den Hypothalamus, der über den Ausstoß der "Liebeshormone" Oxytozin und Vasopressin wacht. Diese Hormone helfen uns, liebevolle Beziehungen einzugehen, und sie funktionieren auch als partielle Schmerzkiller. Liebe kann das leisten. Liebe ist für ein kleines Kind der Hauptschmerztöter, und somit ist es kein Zufall, dass unsere "Liebeshormone" im Fall früher Liebe in Hülle und Fülle vorhanden sind. Aber wenn niemand kam und uns früh im Leben liebhatte, als wir einsam waren oder uns vernachlässigt fühlten, werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit chronisch unter einem niedrigen Ausstoß dieser Hormone leiden. Das zugrunde liegende Gefühl wird sein: "Niemand will mich" oder "Niemand liebt mich." Edas Leben war und ist hoffnungslos. Das Gefühl "Niemand will mich" regiert unser Leben. Es macht uns scheu in sozialen Situationen, verleiht uns eine Armesündermiene und eine ‚besiegte’ Körperhaltung. Letztlich brauchen wir Beruhigungsmittel, um das Gefühl zu unterdrücken. Das Ganze wird nicht als Gedanke sondern als Gefühl eingraviert.

Hormon- oder Neurotransmitter-Mangel kann auch Anfälligkeiten begründen, so dass ein späteres Trauma ein voll ausgewachsenes Leiden erzeugt. Wenn das Kind 5 Jahre alt ist, sehen wir keine offensichtliche Krankheit, aber die Saat ist bereits ausgestreut.

Später sagen wir vielleicht: "Anorexie wird durch zu viel Noradrenalin verursacht" oder zu wenig von diesem oder jenem. Aber das sind keine Ursachen; es sind Begleiterscheinungen des ursprünglichen Traumas - Weggenossen eines Traumas, das wir nicht mehr sehen können und uns in einem Menschen nicht mehr vorstellen können, der 40 Jahre alt ist. Die Einprägung erzeugt Abweichungen der Persönlichkeit und Physiologie, die letztendlich auf spezifische Symptome hinauslaufen. So kann der aggressive Sympath also ein Übermaß an Noradrenalin haben. Es verursacht Anorexie nicht; es ist Teil des Reaktions-Ensembles des Originalereignisses. Wenn Patienten frühe Traumen wiedererleben, kommt es zu einer Reaktions-Kaskade, die wieder zurück zur Normalität führt. Das zeigt uns unmissverständlich, wie frühe Traumen ihre Tentakeln durch das ganze System ausbreiten. Wenn wir nicht an das Primärtrauma gelangen, müssen wir jedes Symptom (hoher Blutdruck, Allergie und Depression) für sich mit verschiedenen Medikamenten behandeln. Oft lassen sich diese unterschiedlichen Symptome mit demselben Medikament behandeln. Der Grund: Sie sind alle Ableger desselben Traumas.

Gleichermaßen ist es nicht so, dass jemand, der deprimiert ist, seine Wut unterdrückt, wie die Freudianer es gerne hätten. Es ist so, dass bei einem Parasympathen die Substanzen, die für Wut verantwortlich sind, vermindert sind, wogegen diejenigen erhöht sind, die für Depression  verantwortlich sind, während seine Neurotransmitter-Spiegel im Kampf gegen seinen Schmerz tendenziell fallen. Chronisch Depressive haben zum Beispiel niedrige Serotoninspiegel, weil sie große Mengen dieses Nervensaftes im Unterdrückungskampf gegen den Schmerz aufgebraucht haben.

Migräne beim Parasympathen ist ein anderes Beispiel. Mangelnde Anstrengung bei der Geburt war lebensrettend wegen des relativen Mangels an Sauerstoff, aber jetzt kann jeder Stress das Symptom aktivieren. Somit kann uns etwas Triviales passieren – der Chef „lässt uns keine Luft“ – und es beginnt mit dem ursprünglichen Erstickungsgefühl zu resonieren. Der Chef bereitet uns Kopfschmerzen, weil seine Handlungen den Schaltkreis auslösen. Die Schablone oder der Prototyp verbleibt aufgrund der Einprägung des Sauerstoffmangels im Energiespar-Modus. Jede gegenwärtige Widrigkeit kann die alte Erinnerung an reduzierten Sauerstoff und die Migräne auslösen. Denken Sie daran, dass der Prototyp das erste bedeutende Lebensrettungs-Manöver unseres Lebens ist. Ein Manöver wie dasjenige, das vielleicht mit dem Zusammenziehen von Blutgefäßen gegen Hypoxie aufgrund reduzierten Sauerstoffs bei der Geburt einhergeht, wird ins System eingeprägt. Dem Menschen fehlt es dann im ganzen Leben an Energie,  er neigt zu Depression und leidet unter Migräne. Passivität führt nicht zu Migräne; Sauerstoffmangel bei der Geburt kann zu dem Bedürfnis führen, nicht tief Luft zu holen. Alles, was das Neugeborene tun konnte, war, sich zu verschließen und keine Energie zu verbrauchen; die totale Verdrängung war ursprünglich erforderlich, da  damals keine Verhaltensoptionen möglich waren. Das wird zu einer Persönlichkeitstendenz,  auf die sich spätere Traumen schichten. Die Person wird zu einem Flachatmer, Energiesparer, zu einem passiven Menschen, der deprimiert ist und keine Alternativen oder Auswege aus seinem Dilemma sieht. Oft kann jede Drucksituation – eine letzte Frist – eine Migräne hervorrufen. Der ursprüngliche Druck, herauskommen zu müssen aber blockiert zu werden, resoniert mit der Gegenwart (und umgekehrt) und führt zu Symptomen.

 

Stellen Sie sich die Einprägung als Dirigent vor. Weil Erfahrung nahezu jedes unserer Systeme von den Muskeln über das Blut bis zu den Gehirnzellen beeinflusst, erzeugt die Einprägung zwangsweise überall ihre Wirkung. Dieselbe Einprägung kann und wird das Zentralnervensystem beeinflussen, das Herz und den Blutzucker, und kann chronische Schweißausbrüche erzeugen. Es kann alle Überlebensfunktionen ändern, weil das Überleben auf dem Spiel stand. Wenn sich unser früher Schmerz durch spätere Erlebnisse verstärkt, werden Symptome manifest, hoher Blutdruck entsteht, Diabetes, Migräne-Kopfschmerz, Hypothyreoidismus. Die einfache Tatsache chronisch hoher Kortisolwerte, die die Einprägung etabliert hat, kann sich später im Leben schwer auf das Gedächtnis auswirken, ganz zu schweigen davon, dass es uns anfälliger macht für kardiovaskuläre Krankheiten.

 

Wenn die stimulierenden Stresshormone überaktiv werden, wie es bei chronischem Schmerz der Fall ist, können sie sich auf Gehirnzellen auswirken und zum Zelltod führen - vielleicht nicht sofort aber mit der Zeit. Zellen sterben, wenn sie ständiger und unaufhörlicher Aktivierung ausgesetzt werden. Wenn wir zu viel Stress erleben und zu lange im Überlebensmodus verweilen, wird es uns umbringen. Für das Gehirn ist früh in der Entwicklung erlebter extremer Schmerz wahrlich eine Sache auf Leben und Tod. Nichts alarmiert uns so sehr wie Schmerz, vor allem, wenn wir von Schmerz alarmiert werden, den wir nicht fühlen.

 

Wir haben Kenntnis von der Rolle der Einprägung bei der Orchestrierung von Funktions-Veränderungen bei multiplen Systemen einerseits daher, dass es nach dem Wiedererleben der Einprägung zu entscheidenden und positiven Änderungen bei vielen psychophysischen Systemen kommt - einschließlich der Überlebensfunktionen Herzschlag und Blutdruck. Anders gesagt ist Wiedererleben in vielen Fällen der Schlüssel zum Überleben. Warum wiedererleben?  Weil wir ohne Zugang auf den Agonie-Bestandteil der Erinnerung nie vollständig reagiert haben. In der Therapie reagieren wir jetzt voll auf den Prototypen. Wir bewahren die Erinnerungen nicht länger im Speicher auf, wo sie ihren Schaden angerichtet hat. Wir leiden deshalb nicht mehr unter tiefen Depressionen, die aus dem Nirgendwo kommen, weil wir endlich wissen, wo nirgendwo ist! Es ist gewiss irgendwo.

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Roy

Ich hatte mein ganzes Leben mit Depression zu tun. Damit meine ich, dass ich einen Weg finden musste, damit zu leben. Sie kam über mich wie eine mächtige Krankheit, beeinträchtigte mich emotional, geistig und körperlich.  Es war, als hätte Finsternis Einlass in meinen Blutstrom gefunden. Ich konnte fast nicht mehr geradeaus sehen oder denken. Es fiel mir immer schwer, mich zu bewegen oder zu atmen (deshalb meine wiederholten tiefen Seufzer). Ich verlor meinen Appetit und konnte nachts nicht schlafen. Es gab dafür nie einen offensichtlichen Grund. Es war einfach ein schwarzer Nebel, der über mich kam. Ich erlebte dann ein Gefühl äußerster Sinnlosigkeit. Zuerst ergab ich mich ihm einfach. Es ist erschreckend, wenn du spürst, wie du dir selbst auf diese Weise entgleitest. Du kannst oder willst nicht dagegen ankämpfen, also gibst du eine Zeit lang nach, und du fängst an wegzutreiben. Es ist, als würdest du auf ein schwarzes Loch zutreiben. Und das ging jedesmal tagelang so weiter. Ich machte dann nur das absolute Minimum: zur Arbeit gehen, nach Hause, ein bisschen was essen. Aber mein ganzes Leben schien an mir vorbei zu gehen. Es machte mir Angst, aber ich war hilflos und konnte es nicht aufhalten. An einem gewissen Punkt musste ich schließlich auf einen Willensakt zurückgreifen. Ich musste den Entschluss fassen, mir selbst einen Ruck zu geben – auszugehen, Squash zu spielen, mit Leuten zu reden. Ich musste mir selbst sagen, dass ich vergessen soll, wie mir zumute ist, und mich anschubsen. Wenn ich es nicht tat, fiel ich in dieses Loch und kam nie zurück. Und gewöhnlich funktionierte es in gewisser Hinsicht. Es ließ mich weitermachen. Aber meine Depression kam immer zurück. Und es hatte seinen Preis, mich durch sie hindurch zu kämpfen: Es war ein eigenartiges Gefühl, wenn ich mich zum Handeln gezwungen habe, als ob die weiter ins Innere verdrängte Dunkelheit an mir zehren würde, mich verletzen würde – auch wenn ich mich vorwärts bewegte.

 

Es gibt so etwas, wie sich ziellos vorwärts zu bewegen; es ist eine Vorwärtsbewegung, die dein reales Selbst hinter sich lässt. Ich begann jedoch erst dann mein reales Selsbst zu entdecken, als ich zur Primärtherapie kam. Das mag sich übertrieben dramatisch und naiv anhören, aber es ist absolut wahr. In der Primärtherapie lernte ich, in meinen Schmerz hineinzufühlen, tief zu fühlen. Ich lernte, dass der Schmerz Schichten hat. Hinter der gegenwärtigen Verletzung könnten mehrere alte Kindheitsschmerzen liegen (oder noch frühere). Dieser Gefühlsprozess, der tief in den Schmerz hineingeht, ist ein Prozess, der dich in deine Geschichte führt. Je weiter du gehst, umso mehr siehst du von dir. Was ich prinzipiell lernte, ist, dass ich als Kind viel verletzlicher war, als mir je klar war. Die Dinge hatten große Wirkung auf mich. Dieses verletzte Selbst war mein reales Selbst. Ganz allmählich beginne ich das zu verstehen. Und erstaunlicherweise hat sich herausgestellt, dass meine Depression durch diesen fortdauernden Prozess tatsächlich verschwunden ist. Ich bin jetzt fast nie deprimiert. Ich werde wütend oder traurig. Ich erlebe gewaltige Anspannung in meinem Körper. Und am schlimmsten ist, das ich oft das große Zittern bekomme. Aber ich bekomme nicht mehr die Art von Depression, wie ich sie früher hatte. Diese anderen Dinge – Wut, Spannung, Zittern – kann ich jetzt fühlen. Ich habe die Technik dazu. Diesen Dingen liegen alte Schmerzen zugrunde, sehr alte und sehr tiefe Schmerzen. Soweit ich diese Verletzungen fühlen kann, erfahre ich dramatische Erleichterung. (Mein Zittern hört zum Beispiel auf). Ich bin nicht mehr gelähmt oder gezwungen, mir absichtlich einen Stoß zu verpassen, die Zähne zusammenzubeißen, wie es früher der Fall war. Das Fühlen an sich hilft mir jetzt voran. Ich fühle mich wirklich gut. Ich bin weit davon entfernt, mich selbst zurückzulassen, und mein ganzes Selbst bringt mich auf natürliche Weise voran. Das wirft ein ganz neues Licht darauf, was Depression für mich war.

 

Ich bin jetzt froh, dass ich lebe, dass ich fühlen kann, denn es gibt kein größeres Geschenk. Und das konnte ich nicht sagen, wenn die Depression über mich kam.

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Der Parasympath und Depression

 

Die Symptome der Depression sind im Großen und Ganzen die Charakteristika des Parasympathen:  eine anhaltend bedrückte Stimmung, Energieverlust und Lethargie, fehlendes Interesse an allem, geringe Motivation, Unfähigkeit, den Dingen, die einem selbst passieren, Bedeutung beizufügen oder die eigenen Aktivitäten zu genießen, Schlafverlust oder noch öfters ständige Versuche, einzuschlafen, verminderter Sexualtrieb, Appetitveränderungen, Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme, ein Gefühl der Isolation, Probleme, klar zu denken, Gefühle der Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit und des drohenden Untergangs. Je ernster die Depression ist, umso wahrscheinlicher kommt es zu Gedanken wie „ Was hat das alles für einen Sinn“ und ebenso zu einem Gefühl fehlender Optionen oder Alternativen und zu einer hauptsächlichen Beschäftigung mit Tod und Selbstmord. Zusätzlich kann Depression schwerfällige Bewegungen, seichtes, mühseliges Atmen und abgesenkte Vitalfunktionen verursachen: Blutdruck, Herzschlag und Körpertemperatur.  Die Lösung jenes Originaltraumas bedeutete den Tod. Es bedeutete den Tod und es bedeutet jetzt den Tod – das heißt, das Gefühl des drohenden Untergangs. Der Suizidfall führt die Sequenz zu ihrem logischen Schluss: Tod. In gewisser Weise  errichtet Schmerz einen Wegweiser für eine unvollendete Sequenz, die ursprünlich aufgrund ihrer massiven Schmerz­ladung  unterbrochen wurde. Unser System kehrt ständig dorthin zurück, um das zu vollenden und zu integrieren, was damals zu Beginn nicht integriert werden konnte. Das ist eine wichtige Quelle obsessiv-zwanghaften Verhaltens. Eine Frau, die jahrelang immer einen Tisch neben der Ausgangstür eines Restaurants wählte, begriff das schließlich als das Bedürfnis, bei der Geburt hinaus zu gelangen und als Bedürfnis, aus einem gewalttätigen Elternhaus herauszukommen. Sie brauchte immer einen Ausweg; es war zwanghaftes Verhalten. Eine andere Person weigerte sich zu heiraten, weil sie einen leichten Ausweg wollte, falls die Dinge nicht gut liefen.

 

Wenn wir tief verdrängen und von unseren Gefühlen abgeschnitten sind, spüren wir das Leben in uns nicht; es hat keine Bedeutung. Deshalb ist der Depressive so verzweifelt; nichts bedeutet ihm etwas. Es hat keinen Sinn weiterzumachen, „weil mir das Leben nichts gibt,“ was bedeutet, dass mir mein Innenleben nichts gibt.

 

Sich niedergeschlagen und entmutigt zu fühlen als Reaktion, wenn man den Job verliert oder mit seinem Partner Schluss macht oder den Tod eines geliebten Menschen  erlebt, unterscheidet sich von einer chronischen, endlosen Depression. Ersteres ist vielleicht das, was gemeinhin als „Trauer“ oder „schmerzlicher Verlust“ bekannt ist und einige Wochen oder Monate dauert. Der Mensch reagiert normal: Betrübtheit, Traurigkeit, weinen und sich schrecklich fühlen,  was nach einiger Zeit aufhört. Was geschieht, ist, dass der Mensch mit realen Gefühlen reagiert. „Traurig“ ist zum Beispiel ein Gefühl; Depression ist keines.  Depression kommt zustande, wenn Sie die wirklichen Gefühle nicht empfinden. Deshalb sagt man oft, dass deprimierte Leute „flach“ seien oder nicht darauf reagieren, was sich um sie herum abspielt. Das kommt daher, weil sie von innen her unter Belagerung stehen; es gibt zu viele Gefühle, die alle auf einmal um den Zugang ins Bewusstsein wetteifern.

 

Bei Depression  gibt es das Gefühl der „Schwere“, ein Energiemangel, der so groß sein kann, dass sogar das Aufstehen wie eine monumentale Aufgabe scheint. Und wie wir an einer nachfolgenden Patientengeschichte sehen werden, ist sogar das Kauen fester Nahrung zu viel der Anstrengung. Depression macht alles zu einer Herkules-Aufgabe, so dass sogar sprechen oder den Arm heben zu einer großen Anstrengung werden kann. Es bleibt wenig oder keine Energie für Vergnügen, Freude, Sextrieb oder, wenn wir schon dabei sind, für irgendeinen anderen Trieb als den Wunsch, einen Weg zu finden, um das Leiden zu beenden. Somit geht eine Frau zu einem Therapeuten und bittet um Hilfe. Was sie bekommt, ist Ermutigung und die Hoffnung, dass der Therapeut alles zum Besseren wenden wird, wie einer, der zaubern kann. Sie möchte aus ihrem Zustand „herausgezogen werden“, ein symbolisches Gefühl, das existierte, als das Originalereignis – das Geburtstrauma – stattfand. Die Passivität der Patientin erfordert einen aktiven, durchsetzungsfähigen Therapeuten. Der Therapeut wird zu ihrem „Freund,“ weil sie sich selten hinausgewagt hat, um Freunde zu gewinnen.

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Jane

Ich glaube, ich bin seit Beginn meines Lebens depressiv. Ich wurde zurückgehalten, weil sie den Arzt nicht finden konnten, als bei meiner Mutter die Wehen einsetzten. Seit damals empfinde ich es als vergeblich, irgendwas zu versuchen. Mein Puls ist sehr niedrig und ebenso meine Körpertemperatur. Ich weiß jetzt, dass das alles ein Teil fehlender Energie von meinem Lebensanfang ist. Mein ganzes System schien zu kollabieren, als würde sich mein Körper mühselig von einer Sache zur anderen schleppen. Ich weiß, dass meine chronische Erschöpfung und Niedergeschlagenheit eine Erinnerung ist, die alle meine Vitalfunktionen einbezog. Ich weiß es, denn als ich dieses entsetzliche Erlebnis fühlte, kam ich plötzlich aus meiner Depression heraus und mir war, als wollte ich hundert Dinge tun. Ich weiß, dass mein emotionaler Rückzug begann, als ich mich von Schmerz zurückziehen musste, schon als Fetus, als ich noch nicht einmal wusste, dass Schmerz da war. Bei meinen kalten Eltern war Rückzug dann alles, was ich tun konnte. Ich habe mich nie gefreut. „Was hat’s für einen Zweck“ ist meine Erkennungsmelodie. Wenn nur der Arzt wüsste, welche lebenslangen Auswirkungen er in einem Menschen erzeugte, weil er nicht da war, als sie ihn brauchte.

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Jane war in ihren Wiederlebnissen wiederum erschöpft,  nachdem sie sich so sehr angestrengt hatte, um geboren zu werden. Sie war ohne Sauerstoff und wurde in den parasympathischen Modus geworfen, damit sie ihre Energie sparen konnte. Sie ist dort ein Leben lang geblieben. Die Einprägung wirkte sich lebenslang aus. Sie konnte durch keine Handlung in der Gegenwart  verändert werden, eine Tatsache, welche die Hier-und-Jetzt-Bemühungen der Psychotherapie ignorieren; die Einprägung ereignet sich in einer kritischen Periode, in der es zur Befriedigung kommen muss. Einprägungen werden in bestimmten Hirnnetzwerken gespeichert und verändern diese Netzwerke auch. Sie können bestimmen, wie schwerfällig unser Denkapparat später sein wird, wie scharfsinnig und wachsam oder wie verwirrt wir sind. Diese Patientin hatte das chroniche Gefühl von: „Ich schaffe es nicht.“ Sie brauchte ständigen Ansporn, andernfalls wär sie in Mattigkeit verfallen. Wiederum bildet ein lebensrettender Trick am Lebensanfang (keine Anstrengung, kein Kampf, aufgeben und sich besiegt fühlen) das Grundgerüst für spätere Depression.  Indem sie alle ihre Erwachsenen-Gefühle in ihren richtigen Zusammenhang brachte, war es ihr möglich, die Grundlage für ihre Depressionen zu verstehen und sich von ihen zu befreien. Depression ist kein Gefühl an sich; sie ist ein Gemisch von Gefühlen, die gut abgeschirmt und allzu oft nicht erreichbar sind. Es gibt keine Einzelreaktion, keine einzelne Verhaltensweise, die sie da rausholen kann, genau wie es ursprünglich der Fall war. Die Natur der Depression ist eine Erfahrungs-Fragmentation, eine Entfremdung von Gefühlen. Die Heilung liegt darin, sich hoffnungslos zu fühlen – das Originalgefühl. Der Versuch, normal zu agieren, bedeutet alle Hoffnung aufzugeben, zum Genotyp zu gelangen, zu dem Prototyp, mit dem alles anfing. Freunde oder ein Therapeut können uns ständig auffordern: „Es wird Zeit, dass du dich in Bewegung setzt. Krieg’ dein Leben in den Griff. Bewege deinen Arsch und mach’ etwas.“ Das Problem ist, dass der Depressive nie gelernt hat, wie man das macht. Wenn jemand bei der Geburt durch Anästhesie außer Gefecht gesetzt wird, ergibt sich ein Prototyp, der durch den Verlust des Selbstgefühls gekennzeichnet ist. Es kann damals angefangen haben und sich durch Eltern verschlimmern, die sich nie um die Gefühle des Mädchens kümmern, nie mit ihm reden und somit sein Lebensgefühl verstärken. Kämpfen bringt ihr nichts. Je mehr sie kämpft/sich bewegt, umso schwächer wird sie, weil der Tod lauert. Deshalb vermeiden diese Individuen anstrengende Körperübungen oder alles, was den Metabolismus hochdreht. Rast und  Stille sind der einzige Ort, wo sie sich entspannen können. Wenn das Neugeborene schließlich aus dieser Feuerprobe herauskommt,  fühlt es sich schrecklich allein. Keiner weiß, was es durchgemacht hat. Das Mädchen war nie ein Selbststarter, als sie aufwuchs. Sie war ständig im Überlebensmodus, und das bedeutete, auf den „Kickstart“ zu warten. Sie bemühte sich sich eifrig, alles zu vermeiden, das ihr System an das Geburtsdesaster erinnerte. Sie hat nie versucht „voranzukommen“ - die Geburtsanalogie - und aufgrund ihrer Passivität stritt sie mit ihrer älteren Schwester nie um Aufmerksamkeit. Das Ergebnis war, dass sie sehr wenig davon bekam, was ihre Verdrossenheit und Isolation noch verstärkte.

 

 

 

Der Sympath und Depression

 

Selten findet man einen Sympathen, der deprimiert ist. Sympathen sind dafür viel zu mobilisiert und nach außen orientiert; sie laufen emsig vor ihren Gefühlen davon. Oft haben sie undichte Schleusen im Gehirn, die dazu führen, dass sie mehr von Impulsen getrieben werden. Ihre Verdrängung ist nicht so total und global wie beim Parasympathen. Sie konnten kämpfen, um bei der Geburt herauszukommen. Es gab Alternativen. Der Sympath ist nur dann deprimiert, wenn er nicht ausagieren kann, wenn er sich in Bewegung halten kann, nicht geschäftig sein kann, wenn all sein Flehen ihm die Freundin nicht zurückbringt, wenn seine Alternativen aufgebraucht sind und er ohne Ausweg in die Ecke gedrängt wird. Dann und nur dann wird er an einer zeitweiligen Depression leiden; er hat sich selbst in eine Situation gebracht, die der Ursprungssituation des Parasympathen sehr ähnelt. Er ist blockiert und kann sich nicht rühren.

 

Einer unserer Patienten, ein Langzeit-Depressiver, wurde geboren, nachdem seine Mutter mit Äther narkotisiert worden war. (Er ist ein älterer Patient, und seine Mutter fiel einer Prozedur zum Opfer, die damals allgemein gebräuchlich war.) Das führte natürlich mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Verschließen seines Systems während der Geburt, der Prototyp für ein parasympathisches Muster, das ein Leben lang andauert. Nach der Geburt mussten sie seine Sohlen wund reiben, um ihn wach zu halten. Dann bekam seine Mutter eine Infektion und wurde drei Wochen von ihm entfernt. Er wurde ohne seine Mutter gelassen, war allein und verängstigt. Später im Leben machte ihn das kleinste Problem äußerst hoffnungslos, weil sich ständig wiederholte, was er bei der Geburt und bald danach gefühlt hatte. Wenn ein Freund in den Urlaub fuhr, bekam er Depressionen. Jeder Anflug von Alleinsein löste ein Gefühl massiver Entfremdung aus (jenes katastrophale Alleinsein, als er nach der Geburt keine Mutter hatte). Was alles noch schlimmer machte, war, dass sein Vater seine Mutter verließ und sie fünf Jahre lang in eine schwere Depression verfiel. Was immer er versuchte, er konnte keine Reaktion von ihr bekommen. Schließlich gab er den Versuch auf und befand sich dann wirklich in einem chronischen Zustand von Hoffnungslosigkeit. Er wurde genauso unzugänglich wie sie.

 

Er hatte seine Kindheit mit dem Versuch verbracht, nach irgendwas zu greifen, obwohl er nicht wusste, wonach. Als es ihm schließlich dämmerte, dass er nie die Erfüllung finden würde, die er wollte, resignierte er völlig. Seine späteren Depressionen waren kein Geheimnis. Für ihn war Depression angemessen. Genau wie bei der Geburt und in der Kindheit verhinderte Verdrängung (Unterdrückung aller Reaktionen), dass sein Leben oder zumindest sein Bewusstsein von Schmerz überflutet wurde. Sein Gefühl, von jeder Lebensfreude angeschnitten zu sein – vom Fühlen abgeschnitten zu sein – währte, bis er zur Primärtherapie kam und mit dem ganzen schrecklichen Schmerz, den es mit sich brachte, wieder sein Arme nach seiner Mutter ausstrecken musste ( die eingeprägte Erinnerung war in seinem Nervensystem und in seinen Armen verschlüsselt).

 

Es muss nicht unbedingt ein Geburtstrauma gegeben haben, um Depression hervorzurufen. Gleichgültigkeit und fehlender Körperkontakt von Beginn an reichen, um sie zu erzeugen. Vielleicht ist sie nicht so tief wie bei jemanden, der eine parasympathische Geburt hatte, aber nichtsdestotrotz kann sie vernichtend sein. Es gibt verschiedene Depressionsgrade. Wenn es auf drei unterschiedlichen Ebenen – auf der instinktiven, emotionalen und intellektuellen – ein Trauma gibt, ist die Depression tief und schwer. Die Depression wäre weniger schwer, wenn sie nur auf dem Geburtstrauma mit einer nachfolgenden liebevollen Kindheit beruhen würde. Tatsächlich kann eine liebevolle Kindheit Depression erheblich bessern. Aber Liebe kann nie eine basale prototypische Prägung auslöschen; man kann Depression nicht weglieben. Der Grund besteht darin, dass nach Ablauf der kritischen Periode ein dauerhaftes Loch in der Persönlichkeit bleibt, das nie so gefüllt werden kann, wie es ursprünglich möglich gewesen wäre.

 

 

Rosalind

Ich bin deprimiert, solange ich mich zurückerinnern kann. Es fühlt sich wie tiefes Grauen an, als ob gleich etwas Schreckliches passieren würde, nur dass ich nicht weiß, was. Ich ging jeden Tag mit dem Gefühl in die Schule, dass ich gleich sterben werde. Manchmal tröstete mich der Gedanke, dass ich sterben könnte, dass die Dinge so schlecht laufen würden, dass ich nicht mehr weitermachen könnte. Ich versuchte immer, morgens aufzuwachen, bevor ich aufstehen musste, so dass ich mich darauf vorbereiten konnte, den Tag anzugehen. Wenn ich aufwachte, lag ich im Bett und versuchte, so weit in die Gänge zu kommen, dass ich aufstehen konnte. An Tagen, an denen ich just aufwachte, wenn es Zeit war aufzustehen, befiel mich Panik, und ich fühlte mich völlig unvorbereitet, dem Tag zu begegnen. Ich konnte kaum sprechen am Morgen. Ich fühlte mich so nervös und elend, war aber völlig unfähig, meine Gefühle mitzuteilen. Ich konnte nie frühstücken, aber nach dem Willen meiner Mutter musste ich immer eine Tasse Tee trinken, bevor ich das Haus verließ. Die meisten Nächte weinte ich mich in den Schlaf, fühlte mich total elend und allein. Ich wollte nicht, dass meine Mutter mich weinen hörte, weil sie mich gefragt hätte, was mir fehle, und ich keine Ahnung gehabt hätte, was ich ihr sagen sollte.

Wenn Freitag Nacht gekommen war, brachte mir der Gedanke ans Wochenende und nicht in die Schule gehen zu müssen etwas Erleichterung, aber am Samstag Morgen verschlechterte sich meine Stimmung und am Abend war ich wieder hoffnungslos deprimiert. Jahrelang ging ich Samstag Nacht nicht aus, weil ich mich so schlecht fühlte.

 

Meine Depression schien sich immer mit Angst abzuwechseln.  Ich glaube, meine deprimierten Gefühle und meine Angst gehen bis auf meine Geburt zurück, wegen des Gefühls, sterben zu müssen, und wegen der ständigen Angst, unter der ich litt. Meine Mutter wusste, dass ich Angst hatte, weil ich als kleines Mädchen buchstäblich an ihrem Schürzenzipfel oder an einem anderen Teil von ihr hing. Ich hatte zu viel Angst, um anderen Leuten vorgestellt zu werden, und fürchtete mich vor allem und jedem. Sie sagte mir, dass ich die Schüchternheit ihrer  Schwester geerbt habe und dass ich da rauswachsen werde und dass mit mir alles in Ordnung sei. Unterdessen war mir jeden Tag nach Sterben zumute. Ich hatte niemanden, dem ich meine Gefühle mitteilen konnte, da sie alle unter der Überschrift ‚Schüchternheit’ zusammengefasst worden waren, was alle einstimmig für keine große Sache hielten. Natürlich fragte mich niemand, wie ich mich wirklich fühle, und ich meinerseits habe es nie jemandem gesagt.

 

Als ich ungefähr 12 war, fing ich zu stottern an, und das wurde größtenteils zum Brennpunkt meiner Depression, das heißt, wenn ich nur das Stotter-Problem nicht hätte, dann wäre alles in Ordnung. Am nächsten dran, jemandem zu sagen, wie ich mich fühlte, war ich, als ich als Teenager meine Mutter um Hilfe wegen meines Stotterns bat, und ich saß wirklich auf ihrem Schoß und weinte. Sie konnte mir überhaupt nicht helfen, und ich erinnere mich, wie ich dachte: „Mama kann mir nicht helfen.“

 

Ich glaube, ich habe gewartet, bis ich alt genug war, um die Konfrontation mit der totalen Nutzlosigkeit meiner Mutter ertragen zu können, bevor ich sie direkt um Hilfe bat. Mama behauptete, dass Schüchternheit eine Form von Einbildung sei, dass ich mir einbilde, alle würden mich beobachten, was dazu führen würde, dass ich mich selbst schlechter fühle. Meine Mutter hat es gut hingekriegt, mich zu beruhigen, indem sie mir sagte, ich habe kein Problem, aber sie ließ mich in der Falle meiner Gefühle zurück.

 

Wenn ich rückblickend mein Leben überdenke, sehe ich, dass ich viele bedeutende Entscheidungen über mein Leben selbst treffen musste; zum Beispiel musste ich mich entscheiden, welche Schulfächer ich mit 14 nehmen sollte, ich musste mit 18 versuchen, mich für eine Berufslaufbahn zu entscheiden und ich musste mich für irgendeine Art von Empfängisverhütung entscheiden. Soweit ich mich erinnere, hat mir meine Mutter nie bei irgendwelchen Entscheidungen geholfen. Als die Jahre vergingen und ich nicht starb, begriff ich schließlich, dass es nicht geschehen würde: Ich hatte lediglich dieses Gefühl.

 

Meine deprimierten Gefühle blieben mein ganzes Leben so ziemlich die gleichen. Wenn es ganz schlimm kommt, habe ich immer das Gefühl, gleich sterben zu müssen, oder dass ich langsam sterbe und dass alles hoffnungslos ist. Ich kann nicht dagegen tun. Es gibt keinen Ausweg. Ich könnte ebenso gut aufgeben. Manchmal fühle ich mich, als stecke ich von allen Menschen losgelöst in einer Blase, und dass ich jemanden brauche, der zu mir hereinkommt und mich rettet. Wenn ich deprimiert bin, neige ich dazu, körperlich ganz langsam zu werden, und es fühlt sich an, als würde ich mich in Zeitlupe bewegen. Ich hielt mich für einen melancholischen Menschen, bis ich den Urschrei  las. Ich habe immer gehofft, dass Lebensereignisse, wie vielleicht einen Mann zu treffen oder einen Job zu bekommen, der mir gefällt, dazu führen würden, dass ich mich schließlich besser fühle.

 

Ich war als Kind immer sehr ruhig und drückte meine Depression dadurch aus, dass ich launisch und mürrisch war und mich absonderte. Es überrascht nicht, dass ich in der Therapie Zugang zu meinen Gefühlen dadurch finde, dass ich viel Lärm mache – so viel wie möglich – und mein Inneres nach außen stülpe, was ich zuvor nie tun konnte. Ich habe viel Zeit in der Fantasiewelt von Büchern verbracht. Meine Mutter machte eine große Sache daraus, dass sie mich körperlich nie von sich gestoßen hat, wie es ihre Mutter getan hatte,  aber andererseits hat sie mich auch nie getröstet. Ich hatte Gefühlserlebnisse darüber, dass ich gehalten und getröstet werden wollte, und dass bessert meine Angst. Sie sagte mir auch, dass die einzige Methode, meine Ängste zu besiegen,  darin bestehe,  ihnen gegenüberzutreten, und ich erinnere mich, dass ich mich in meinen späten Teenjahren auf die kolossale Anstrengung eingelassen habe, die erforderlich ist, um sich selbst zu zwingen, die ganzen Dinge zu tun, vor denen man Angst hat, aber ich habe mich dabei immer entsetzlich gefühlt. Wenn ich in den letzten Monaten mit Angst in eine Sitzung gegangen bin, konnte ich die Verbindung herstellen und mich wie ein kleines Baby fühlen, das ganz verlassen und völlig verängstigt ist. Es gibt dabei keine Worte. Eine Kindheitskomponente dieses Gefühls ist, nach meiner Mutter zu weinen, mich an sie zu klammern aber keinen Trost zu bekommen.

 

Wenn ich in meinem Leben ein Problem habe und etwas machen kann und dabei das Gefühl habe, dass ich vorwärts komme, bin ich nicht deprimiert. Sobald ein Plan schief läuft oder ich enttäuscht werde oder mir keine Lösung einfällt, bin ich wieder deprimiert und will aufgeben. Als ich am Anfang, als ich nach L.A. kam, Probleme hatte, an meine Gefühle zu gelangen, war ich deprimiert darüber, dass ich keine Hilfe bekommen konnte, und hatte das Gefühl, als würde mich niemand verstehen. Ich steckte fest. Ich werde auch depressiv, wenn ich das Gefühl habe, dass ich den Leuten nicht zeigen kann, wie schlecht es mir geht, genau wie ich es damals als Kind nicht konnte. Wann immer ich etwas nicht fühlen kann, wandelt es sich in Depression und Hoffnungslosigkeit.

 

Ich war niemals aktiv suizidal, trotz der Tatsache, dass mir oft so zumute ist, als würde ich sterben. Es ist eher so, als würde ich zum Stillstand kommen oder als würde die Erde mich verschlucken oder als würde jemand sagen: „Leg dich in diese Grube, und du wirst keinen Schmerz mehr fühlen.“ Ich stelle mir vor, dass ich es tue, und es ist alles vorbei. Sollte ich versuchen mich umzubringen, würde ich eine schmerzlose Methode wählen, wie zum Beispiel Schlaftabletten, weil ich keinen körperlichen Schmerz mag und weil ich mit Schlaftabletten sanft dahingehen könnte. Meine Einprägung ist aufhören und neu beginnen, weil ich in meinem Leben so bin:  Ich gebe auf, rapple mich wieder hoch und mache weiter.

 

Meine Depression besteht zu einem Großteil aus massiver Hoffnungslosigkeit. Je mehr ich davon fühle, umso weniger Depression gibt es.

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Kapitel 6

 

Gesprächstherapien sind der Einprägung nicht gewachsen

 

 

Wir haben gesehen, wie das System immer wieder zum Prototypen zurückkehrt, der am bezeichnendsten der Prototyp aggressiven Strebens oder leichten Aufgebens angesichts der Herausforderungen des Lebens ist; wir haben gesehen, wie diejenigen, die emotional von anderen losgelöst sind, mit der Loslösung von sich selbst anfangen; und wie die früh im Leben ins System geschriebene Einprägung lebenslanges Ausagieren steuert wie zum Beispiel wiederholt gescheiterte Beziehungen, Drogenkonsum oder glühender religiöser Eifer. Letztere sind nicht einfach Verhaltensweisen des Erwachsenen, die man in kognitiver Therapie oder Verhaltenstherapie umändern muss; ihre Wurzeln liegen tief in der Geschichte. Wenn jemand ausagiert, ist das meistens eine lebensrettende Strategie. Die emotionale Absonderung beginnt ganz früh im Leben, denn andernfalls, wenn sich jemand voll den Geschehnissen aussetzen würde, wäre der Schmerz viel zu groß. Depression ist ein lebensrettender Umstand, weil sie massive Verdrängung einbezieht, um schweren Schmerz dauerhaft zu unterdrücken und zu verbergen. Wenn der Patient sich öffnet, sehen wir die Tiefe dieses Schmerzes, und oft ist er unbeschreiblich. Eine Patientin musste unbedingt raus – aus einem Job, einer Ehe, einem Haus.  Der Prototyp setzte sich bei der Geburt fest, als herauszukommen lebensrettend  war. Er setzte sich als Überlebensstrategie fest. Als es mit ihrem Mann schief lief, ging sie. Sie musste raus und einfach irgendwohin. Das erleichterte den Druck aus dem abgesonderten Gefühl: „Ich werde sterben, wenn ich da nicht raus komme!“ Ihr war nie klar, dass es um dieses Gefühl ging; sie konnte es nur ausagieren. Sie wusste nicht einmal, dass sie ausagierte. Ihr Verhalten war  genauso unbewusst wie ihre Gefühle. Das besagte Gefühl trieb sie ab, bis sie es im Zusammenhang fühlte.

 

Der Prototyp, der während des präverbalen Lebens eingestempelt wird, kann durch verbale Mittel nicht umgekehrt werden. Der Prototyp wird weitgehend mit dem rechten Gehirn eingraviert; deshalb werden die Gedanken des linken Gehirns nicht viel helfen, wenn es darum geht, Änderungen herbeizuführen (ausgenommen natürlich, wenn das linke Gehirn an der Verknüpfung teilhat). Wenn jemand isoliert und distanziert ist, können wir das spüren; wir kommen nicht wirklich zu ihm durch. Seine Abwehr lässt sich nicht durchdringen. Seine offenbare Reserviertheit ist Teil der Einprägung und nichts, das man in der kognitiven Therapie rekonditionieren oder wegargumentieren könnte. Wenn eine Frau leblos wird - sich verschließt - , wenn sie sexuell erregt ist, kann sie dagegen nichts machen – es ist eine Analogie zur ursprünglichen Geburtserfahrung, bei welcher auf die Aktivierung unmittelbar das Versagen folgte. Dementsprechend ist es real, sich besiegt zu fühlen, - eine reale Reaktion auf ein reales Ereignis, als man bei der Geburt jeder Chance zu kämpfen beraubt wurde - und keine neurotische Verirrung! Wenn wir versuchen, das ohne die eingeprägte Erinnerung zu entfernen, schneiden wir lediglich die Spitzen des Unkrauts ab und berauben jemanden der Schlüsselaspekte der Überlebenserinnerung.

Im Sinne des prototypischen Bezugsrahmens sind die Scheu, Ängstlichkeit und Passivität des Parasympathen Abwehrmechanismen, keine Launen. Sie waren ursprünglich dafür konzipiert, den Schmerz auf Distanz zu halten Wir sind aus einem guten Grund neurotisch (abgewichen): Anpassung. Wie ich gesagt habe, wendet sich beim Parasympathen sein ganzes System in Richtung "weniger" - weniger Dopamin, Testosteron, Noradrenalin, Serotonin, Schilddrüsenhormon und so fort. . Von Beginn an neigte das gesamte System zu diesem "Hypo"- Modus als Überlebensmechanismus. Weil die Einprägung eine Kaskade von Änderungen orchestriert, können wir das Problem mit Schilddrüsenhormonen oder allen möglichen anderen Medikamenten angehen, und sie werden alle helfen. Zum Beispiel kann es gegen Gefühle von Depression  und Niederlage helfen, wenn man dem depravierten System irgendeines dieser Bestandteile hinzufügt. Deshalb hilft es oft, wenn man einem Depressiven Schilddrüsenhormon verabreicht oder ein Medikament, das die Wirkung von Serotonin verstärkt. Aber das sind keine Heilmittel. Hypnose wirkt bei Rauchen, aber es ist immer noch der Mensch da, der rauchen muss (jemand, der Bedürfnisse hat), und es wird im Anfälligkeitsbereich der Person zu weiteren nachteiligen Reaktionen kommen.

 

Wir haben die Wahl: Symptome lindern oder Leute heilen. Entweder jede körperliche Veränderung neu einstellen (ein bisschen Schilddrüsenhormon hier, eine Prise Prozac dort, ein Nikotinpflaster, um einem Raucher zu helfen, mit der Gewohnheit zu brechen) oder sich mit dem Dirigenten befassen und alle körperlichen Änderungen zusammen auf den Ausgangspunkt zurückbringen.

Wenn jemand ein chronischer Raucher ist oder depressiv oder ein Stubenhocker, der Leute meidet, erzwingt sein ganzes System sein Verhalten, und sein System ist eine Funktion der Geschichte. Unsere therapeutische Aufgabe muss immer historisch sein. Die Geschichte ist ein wesentlicher Unterschied zwischen kognitiver und fühlender Therapie. Wenn wir eine Person als ahistorisch behandeln, können wir nur ihr sich gegenwärtig zeigendes Symptom behandeln, nicht ihre Persönlichkeit. Moderne kognitive Psychotherapie hört dort auf, wo auch der gedanklich-geistige Bereich endet. Sie ist auf das linke Frontalhirn begrenzt. Wie wir jedoch gesehen haben, ist in der frühen Kindheit das rechte/fühlende Gehirn dominant, und es sind frühe Rechtshirn-Einprägungen, die ständig das Gehirn aktivieren. Genau dort finden wir die "Niederlage." Und dorthin müssen wir gehen, um gegen dieses wichtige Gefühl zu kämpfen, das einen so großen Teil des späteren Lebens regiert. Der einzige Weg dorthin führt über das rechte Gehirn und das rechte Limbische System. Die Kognitions-Therapeuten haben die Gehirnhemisphären verwechselt und versuchen, durch Anrufung der linken Seite dorthin zu gelangen. Wir können von hier aus nicht dorthin gelangen. Der linke frontale Bereich geht erst in Betrieb, nachdem die Schlüsseleinprägungen auf der rechten Seite verankert worden sind. Die konitive Therapie befasst sich hauptsächlich mit den Auswirkungen von Gefühlen auf der linken Seite, während Gefühle uns die ganze Zeit behelligen.

Wenn das ganze Wesen eines Menschen von dem Gefühl durchdrungen ist, dass "niemand mich will," und das in dem Maße, dass er Drogen braucht, um den Schmerz abzutöten, so ist das nicht bloß ein Gedanke, den wir ändern müssen; es ist ein organischer Teil dieser Person. Solche Probleme kann man niemandem durch konventionelle Therapie „ausreden.“ Man muss sie auf der primären organischen Ebene wiedererleben, auf der sie existieren.

Des Weiteren sind Gedanken nicht etwas, das wir wohl oder übel produzieren, sondern der Auswuchs dieser frühen formenden Kräfte. Wir haben nicht einfach Meinungsdifferenzen; wir haben Differenzen in der gesamten Persönlichkeit, die Meinungen entstehen lassen. Wenn dementsprechend der "Unterlassungs"- Modus eines Menschen darin besteht, dass er angesichts von Hindernissen aufgibt, dann reagiert er auf die tief in seinem Gehirn liegende Empfindung namens: "Was hat es für einen Zweck, es zu versuchen?" Weil sie so tief drin liegt, hat sie eine tiefgreifende Wirkung. Die Worte, mit denen er seinen Zustand beschreibt, sind eine späte evolutionäre Entwicklung. Man darf sie nicht mit dem eigentlichen Zustand verwechseln, mit der Physiologie der Niederlage. In der Valenz- oder Stärke-Hierarchie sind Worte die schwächsten Elemente, wenn man sie mit der Kraft dieser nonverbalen Einprägungen der ersten Linie vergleicht. Wir dürfen nicht glauben, dass wir tiefgreifende Veränderungen zustande bringen, wenn wir den Patienten mit Worten behandeln. Einprägungen kann man nicht besiegen, noch kann man sie überzeugen. Vielleicht können wir  jemanden überzeugen, seine Gedanken zu ändern, aber niemals, seine Physiologie zu ändern.

 

Ein Patient, der nur seine Oberfläche glätten will, ist vielleicht mit einer Methode glücklich, die ihn wieder herrichtet und arbeitsfähig macht. Aber er hat nichts weiter über sein inneres Selbst erfahren, das Selbst, das ihn letztlich befreien kann.

 

Kein Patient - einschließlich Tony Soprano - der aufrecht in einem Stuhl in einem komfortablen Büro sitzt, kann den Schrecken fühlen, den er nur in einem abgedunkelten, gepolsterten Raum fühlen kann. Es ist gerade diese Rahmenbedingung des Aufrechtsitzens, die den kognitiven Therapeuten daran hindert, Patienten in die Vergangenheit zurückzubringen. Erstens begründet seine Theorie es nicht und zweitens verhindert es die Büroeinrichtung an sich. Die Organisation eines Büros erfolgt aus der Theorie. Es ist alles dafür vorgesehen, den Brennpunkt in der Gegenwart zu halten. Unglücklicherweise kommt eine der größten Gefahren, der wir gegenüberstehen, aus unserer Vergangenheit und aus uns selbst, eine Erinnerung, die uns informiert, dass wir von unseren Eltern nicht geliebt wurden, dass es nie so sein wird und dass alles hoffnungslos ist. Das zwingt uns zu allen möglichen Verhaltensweisen; es ist ein System, das Verhaltensweisen am laufenden Band produziert. Deshalb ist es einleuchtend, dass Patienten wieder die ‚Talsohle’ aufsuchen müssen, um aus ihren Depressionen herauszukommen. Sie müssen zu dieser wortlosen Zeit zurückkehren, als sie zu nichts anderem fähig waren als zu grunzen, ächzen, sich zu winden, Ersticken und Strangulation zu empfinden; damals gab es keine Worte.

 

Die Persönlichkeit ist nichts Separates sondern integraler Bestandteil des neurophysiologischen Gesamtsystems. Ohne Bezugnahme auf die Einprägung kann es keine dauerhafte Heilung geben. Wenn wir in Betracht ziehen, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, dann können an den Patienten auf ganzheitliche Weise herangehen. Wir müssen uns eingehend mit den tiefliegenden Ursachen befassen, die so viele Aspekte unseres Selbsts verändert haben. Wenn wir der neuronalen Spur zum Prototypen nicht folgen, werden wir mit den Grundtendenzen, die zur Depression führen, nie in Berührung kommen.

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David

 

In der kognitiven Verhaltenstherapie konzentrierte sich die Therapeutin nahezu ausschließlich darauf, mich aufzufordern, dass ich "meine negativen Gedanken" in positivere Gedanken " umändere." Zum Beispiel war ich zu der Zeit, als die Therapie stattfand, im Hinblick auf mich selbst sehr negativ eingestellt, und ich sah diese Art von Selbstgespräch in mir ablaufen: "Ich habe in meiner Karriere versagt." Die Therapeutin bat mich, diese Aussage "neu zu formulieren" und zu mir selbst zu sagen: "Ich bin zurzeit in meiner Karriere nicht erfolgreich." Nun, das half überhaupt nicht. Tatsächlich geriet ich nur durcheinander mit den vielen mechanistischen Methoden, mit denen ich versuchte, mit inneren Problemen fertig zu werden; letztlich endeten sie in Frustration und Entmutigung.

Eine andere Schlüsselmethode dieser kognitiven Verhaltenstherapeutin war, dass sie mir eine Liste von 12 "Sollte"-Erklärungen präsentierte, die die Leute gerne verwenden. Dann bat sie mich, die Erklärung zu wiederholen, ohne das Wort "sollte" zu gebrauchen Zum Beispiel lautete eine der Originalerklärungen vielleicht: "Ich sollte kompetenter sein." Sie bat mich, das neu zu formulieren und zu sagen: "Ich bin kompetent." Natürlich half das überhaupt nicht, weil ich nicht tatsächlich kompetenter wurde, indem ich einfach sagte: "Ich bin kompetent." Ein Großteil ihrer Methode drehte sich darum, mich von der Irrationalität meines Verhaltens zu überzeugen, wenn ich diese "Sollte"-Erklärungen benutzte. Sie versorgte mich überwiegend mit einer Regel-Liste und bat mich, diese Regeln zu befolgen. Diese Methode ignorierte die Gefühle unter der Oberfläche völlig, die mich dazu trieben, zu fühlen , was ich fühlte, und deshalb auch zu sagen, was ich sagte. Ihre Methode zog das Prinzip der Verdrängung nicht in Betracht.

Diese Therapeutin war zunehmend frustriert, als sie mit mir arbeitete. Tatsächlich hatte sie Vorbehalte gegenüber Gefühlen und verneinte deren Rolle im therapeutischen Prozess. Ich reagierte auf ihre Methode, indem ich frustriert, entmutigt und desillusioniert war, weil ihre Methode bei mir nicht funktionierte. Der große Fehler, den sie bei mir machte, war, dass sie ein spezfisches Therapiemodell im Sinne hatte, als sie zu den Therapie-Sitzungen kam, und nicht die nötige Flexibilität besaß, um sich anzupassen, zu verändern oder ihren Ansatz zu modifizieren. Ich wollte immer, dass sie mich regelmäßig Folgendes fragen würde: „Wie wirkt diese Methode bei dir?“ Aber sie hat mich nicht gefragt; hätte sie mich gefragt, hätte sie von mir viele wertvolle Rückinformationen erhalten. Aber mir war klar, dass sie zu unsicher war, um mich um Rückmeldungen zu bitten.

In der Jungschen Therapie führte mich der Therapeut in die klassischen Begriffe der Jungschen Psychologie ein: Archetypen, Anima, Animus, kollektives Unbewusstes, Person, Schatten, aktives Vorstellen, geführtes Bilderleben, das Selbst und Trauminterpretation. Er versuchte auch, bei mir mit seiner therapeutischen Methode innerhalb des klassischen Jungschen Modells zu bleiben. (Carl Jung war ein Zeitgenosse Freuds, der eine andere Auffassung vom Unbewussten hatte als Freud. Er glaubte vielmehr an ein kollektives Unbewusstes, das wir alle miteinander teilen, als an ein idiosynkratisches. Er dachte, dass es Grundarchetypen gebe, die für uns charakteristisch seien und uns voneinander unterscheiden. In der Therapie wurde der Versuch unternommen, unseren Archetyp zu bereinigen. -A.J.) Der Therapeut war eine sehr intellektuelle Person und für ihn war wichtig, dass ich für diese Hauptbegriffe Verständnis erlangen würde. Deshalb verbrachte er eine Menge Zeit mit mir, indem er mir einfach half, alle diese Jungschen Begriffe und Auffassungen zu verstehen; er glaubte, damit das Fundament zu schaffen, das ich seiner Ansicht nach als Grundlage für seine Therapie brauchte. Er anerkannte und erkannte das Prinzip der Verdrängung, und er sagte, dass die Dinge, die verdrängt wurden, jetzt in "deinem Schatten" liegen. Sein ganzer Ansatz resultierte in einer Heilungsvoraussetzung auf Seite des Patienten: Der Patient muss diese Begriffe, Auffassungen und Prinzipien verstehen können. Seine Prämisse war einfach: wenn der Patient einmal sein Problem und diese Jungschen Auffassungen begriffen hat, findet Heilung auf natürlichem Wege statt. Also bringt Verstehen automatisch Heilung.

Aber in meinem Fall brachte Verstehen keine Heilung. Verstehen brachte mir geistige Gymnastik. Der Prozess, in dem ich  intellektuelles Verständnis erlangte, brachte eine falsche Illusion von Heilung. Ich sagte häufig zu mir: "Nun, da ich ein intellektuelles (intelligentes) Verständnis davon habe, wie die Probleme in mir beschaffen sind, werde ich geheilt werden. Diesen Glauben hatte ich immer wieder, aber er brachte nie wirkliche Heilung zustande. Stattdessen brachte er ein falsches Vertrauen zustande, dass ich "jetzt, da ich das Problem festgenagelt habe," okay sein werde.

Die Jungsche Methode half nur vorübergehend und dann auch nur ein wenig. Jedoch dachte ich wirklich jedes Mal, wenn ich so weit war, dass ich das Problem verstanden hatte, dass ich geheilt wäre. Aber es geschah nie. Das Resultat war, dass ich entmutigt und desillusioniert wurde. Im Lauf der Jahre absolvierte ich zahlreiche Jungsche Programme und dachte jedes Mal, dass ich die Antwort in diesem Programm/Workshop finden werde. Das war aber nie der Fall.Tatsächlich verlangsamte der Prozess des Intellektualisierens den Heilungsprozess, indem er die realen Gefühle überdeckte, die zu fühlen waren.

In der Gestalttherapie vermittelte die Therapeutin anfangs den Eindruck, dass Gefühle in meiner Therapie eine Hauptrolle spielen würden. Tatsächlich taten sie das nie. Gestalttherapie endete für mich irgendwo zwischen kognitiver Verhaltenstherapie und Jungscher Therapie. (Gestalttherapie ist im Grunde ein Rollenspiel, in dem das Subjekt in die Rolle seines eigenen Selbsts, seiner Mutter oder seines Vaters schlüpft und dann mit ihnen spricht oder zum Beispiel als Mutter zum Kind spricht. Sie ist im Grunde eine Konfrontationstherapie, die später die Basis vieler Drogen-Rehabilitationszentren bildete. Sie bildet auch die Grundlage für die neueren Holistischen Therapien, bei denen eher globale Veränderungen stattfinden als einzelne analytische.-A.J.) Meine Gestalttherapeutin verwendete Rollenspiele und versuchte damit, mir zu helfen, Einsicht in mein Verhalten zu gewinnen. Manchmal sagte sie: "Ich will, dass du deinen Vater spielst und dieses Szenario benutzt." Ein anderes Mal bat sie mich, die Rolle des Chefs zu spielen, mit dem ich damals gerade Schwierigkeiten hatte. In allen Fällen bewirkten die Rollenspiel-Szenarien nichts und brachten keine Heilung zustande. Die Therapeutin war sehr beeindruckt von ihrer Methode und von dem, was ihrer Überzeugung nach geschah, aber ich erlebte nichts Signifikantes im Sinne realen Fortschritts. Deshalb war ich nach einer Zeit zwischen sechs Monaten und einem Jahr entmutigt und desillusioniert über den Prozess. Tatsächlich verlor ich das Vertrauen in diese spezielle Methode und auch in die Therapeutin. Sie spürte meine Frustration, und das verursachte einen Bruch in unserer Beziehung. Schließlich brach ich meine Therapie mit dieser Therapeutin ab. Jetzt konnte ich einen Schritt nach vorne tun.

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Teil II

 

 

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