Home    Artikel und Buchauzüge      Übersetzungen aus A. Janovs Webseite     Neue Beiträge       Primärtheorie und Primärtherapie         Buchübersetzung: Bücher von A. Janov  

20 Kernthesen der Primärtheorie und Primärtherapie        ArthurJanov.com         Facebook          Studien und Statistiken            Primalpage                              Primaltherapy.com

Primal Mind                 Epilepticjourney

 

 

Dr. Arthur Janov:    Die Vielschichtigkeit der Primärtherapie           

Dienstag 05. Januar 2016, The Complexity of Primal Therapy, www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

 

Einigen scheint es, als sei Primärtherapie einfach und als müsse man den Leuten einfach zum Schreien verhelfen; das könnte der Wahrheit kaum ferner sein. Sie ist ziemlich vielschichtig, weil es nicht nur Elemente der Neurologie und Biochemie gibt sondern auch solche, die mit der Dynamik der Psychologie zu tun haben. Wir müssen wissen, wie diese Elemente miteinander verknüpft sind und wie sie sich im menschlichen System entwickeln.

 

Die Vielschichtigkeit der Therapie entspricht im allgemeinen derjenigen der menschlichen Spezies. Wir müssen wissen, wie sich die Evolution über die Jahrtausende entwickelt hat und wie das unser Verständnis der Enträtselung der verschiedenen Bewusstseinsebenen beeinflusst. Wir müssen diesen Evolutionsprozess kennen, sodass wir wissen, was es bedeutet, wenn  bestimmte psychologische oder körperliche Zeichen auftreten. Wir wissen, auf welcher Bewusstseinsebene die Einprägung liegt. Wir müssen die Stufen in der Evolution des Gehirns kennen, so dass wir Patienten nicht zwingen, während der ersten Phasen der Therapie zu tief ins Gehirn hinabzusteigen. Wir können nicht von der Evolution getrennt Therapie machen, sondern müssen ihren Bestimmungen präzise folgen. Wenn das nicht geschieht, können wir dem Patienten Schaden zufügen, der vielleicht mit eingeprägtem Schmerz konfrontiert ist, den er nicht integrieren kann. Wir sind aufgewachsen und folgten der Evolution; wir hatten erst einige Zeit nach der Geburt ein denkendes Gehirn. Auch konnten wir mit sechs Monaten noch nicht laufen. Die Evolution bestimmt den Weg und wir bleiben ihre gehorsamen Diener. Auf unsere emotionale Entwicklung trifft das nicht weniger zu.

 

Ich möchte ein kleines Beispiel anbieten, um meinen Standpunkt zu untermauern. Kürzlich sah ich eine Patientin, die seit geraumer Zeit in der Therapie war. Sie fühlte gerade, wie ihre Eltern alle ihre Kinder ruinierten aufgrund ihrer starren Vorstellungen, wie sie aufwachsen und lernen sollten. Ich war in Versuchung, mit ihr zu sympathisieren und zu sagen "Ja, ich vetsehe deine Gefühle." Das war's und da sehen wir einen gravierenden Fehler. Wir können mit einer Patientin mitfühlen, aber nicht, wenn wir spüren, dass sie die Bewusstseinsebenen hinabsteigt zu tieferen und unzugänglicheren Schmerzen. Vielleicht ist sie auf neurologischen Pfaden unterwegs zu den Antipoden des Gehirns, und wir dürfen sie nicht in die Gegenwart versetzen, indem sie mit dem Therapeuten redet, wenn sie tief in sich selbst gehen müsste, um einen Teil ihrer Geschichte wieder aufzuspüren. Und warum ist das ein Fehler? Weil auch nur ein Wort des Verstehens und der Empathie - "Ich verstehe schon"- sie von ihrer Reise zurückholt und die Therapie blockiert. Sie kann nicht dorthin gehen, wo sie hin muss, weil da ein Input von außen ist, mit dem sie sich befassen muss, obwohl sie ihr Bewusstsein von der Außenwelt weitgehend verlieren und zulassen müsste, dass sie von ihren frühen Schmerzen überflutet und auf den tiefsten Ebenen der Gehirnfunktion in Aufruhr versetzt wird. Wenn also ein Anfänger-Therapeut der Patientin Freundlichkeit zeigen will, schadet er ihr; und das kommt von einem unvollständigen Verständnis der Evolution und Neurologie. Und natürlich von fehlenden Schlüsselgefühlen, wo sich die Patientin zu einem beliebigen Zeitpunkt der Sitzung gerade befindet. Wir müssen die Geschichte der Patientin meistern, eine erstrangige Grundvoraussetzung der Primärtherapie. Und in einigen kognitiven Verhaltenstherapien wird sie als letztes betrachtet, weil ahistorische Ansätze in Mode zu sein scheinen. Als hätte Verhalten keine historischen Verankerungen und sei einfach dem Äther entsprungen. Und die bloße Natur gegenwartszentrierter Therapie spricht gegen das Suchen oder Finden tiefliegender Kräfte. Und die schweren Prägungen/Einprägungen finden sich auf tiefen Gehirnebenen; wenn man sie ignoriert, wird der Patient der Schlüsselerlebnisse beraubt, die ihn/sie verändern.

 

Zum Beispiel gibt es entscheidende pathognomische (sichere) Zeichen, wenn sich die Patientin der ersten Linie/ der Hirnstamm-Ebene annähert.Wir müssen diese Zeichen kennen und wissen, ob die Patientin bereit ist, solche tief liegenden Einprägungen zu fühlen. Wenn sie es nicht ist und wir sie ermutigen hinabzusteigen, bekommen wir Überlastung und einen Mangel an Integration. Manchmal ist es für den Therapeuten schmeichelhaft, Patienten so lautstark reagieren zu sehen, aber es kann durchaus zu früh sein.

 

Andererseits kann es sein, dass ein Patient aus seiner evolutionären Verlaufsbahn gerät und Hilfe braucht, damit er in der Spur bleibt. Der Körper zieht den Patienten zum Schmerz, während die Abwehr eingreift, um das Erlebnis zu verhindern. Der Therapeut muss wissen, wann das geschieht und was zu tun ist. Hier ist Hilfe entscheidend, aber....aber. Der Therapeut muss herausbekommen und spüren,  wann er etwas unternehmen muss und wann nicht. Der Therapeut muss die Schlüsselzeichen des Bereitseins für ein Feeling kennen und muss dann dem Patienten helfen und ihn führen. Also gibt es zwei unterschiedliche Strategien, die vom biologischen System des Patienten abhängen und davon, für welche Ebene er vielleicht bereit ist. Das Janovsche Gesetz bedeutet, dass wir nicht mit der Patientin reden, die gerade ein Gefühlserlebnis hatte, solange sie nicht mit uns redet. Weil Primals einen Haufen Gedanken, Einsichten und Erleuchtungen hervorbringen und dieser Prozess eine Weile weitergeht. Dieser Prozess darf nicht dadurch unterbrochen werden, dass der Therapeut schlau sein und Einsichten anbieten muss. Einsichten folgen der Evolution: Gefühle zuerst und später Gedanken und Einsichten; nicht umgekehrt. Die Einsichten helfen die Gefühle zu erklären, die man erlebt hat; und aufgrund dessen, wie sich das Gehirn entwickelt hat, können sie den Gefühlen nicht vorausgehen.

 

So viele Schein-Primärtherapeuten zwingen den Patienten zur Wut. Es sieht wie ein Primal aus, ist aber keines. Wissen wir, ob Wut den Tränen vorausgeht? Kommt das Weinen natürlicherweise nach dem Zorn? Wir müssen das wissen, bevor wir Holterdiepolter-Therapie mit ahnungslosen Patienten machen. Es gibt eine Ordnung bei Gefühlen; einige kommen später als andere; jedes Gefühl zu seiner Zeit. Wenn wir in der Therapie den Patienten zu Gefühlen lotsen, die später kommen sollten, wird es keine Integration oder Auflösung geben. Volles Erleben bedeutet Auflösung, weil es der Einprägung ermöglicht, organisch zu werden - ein integraler Bestandteil von uns. Um einen Begriff von Freud zu übernehmen: Sie muss ego-syntonisch werden. Genau das bedeutet man selbst zu sein.

 

Wann soll man die Patientin berühren? Natürlich braucht sie Liebe und Umarmung, aber zuerst muss sie das alte, tiefe Ungeliebtsein fühlen. "Ich werde nicht geliebt und werde nie geliebt werden." Nur das wird die Gefühlskanäle öffnen und in der Patientin eine Offenheit bewahren, so dass sie sich später geliebt fühlen kann. Kurz gesagt ist auch sich ungeliebt fühlen ein Gefühl. Wir waren ungeliebt lange bevor wir geliebt wurden; wir müssen die Gefühle in der richtigen Reihenfolge nehmen. Wenn wir unsere Patienten "lieben," werden sie nie dorthin gelangen. Nach einem Feeling, wenn die Primär-Einprägung erlebt worden ist, können wir den Patienten halten und herzen, aber nie, wenn wir das notwendige "ungeliebt" durch Liebkosung ersetzen. Noch einmal - Patienten brauchen keine Liebe; zuerst müssen sie sich ungeliebt fühlen. Evolution zuerst.

 

Wann berühren, wann umarmen, wann mit dem Patienten reden, wann Empathie zeigen? Alles hat seinen speziellen Platz in der Therapie, und die neurologische Reihenfolge muss beachtet werden, damit der Therapeut den Patienten führen kann. Ich bin oft versucht, dem Patienten/der Patientin eine Einsicht anzubieten; sie ist so offensichtlich, aber nicht für ihn/für sie. Wenn wir mit Einsichten aushelfen, berauben wir die Patienten ihrer Einsichten und entscheidenden Entdeckungen, die oft so befreiend sind. Aber es muss nach dem evolutionären Zeitplan gehen: Gefühle kommen immer vor dem höheren Verstehen/Einsehen des arbeitenden Neokortex. Die Einsicht sagt uns jetzt, was die Primärgefühle bedeuteten und wie sie das Verhalten beeinflussten.

 

Berauben wir den Patienten nicht seiner Traurigkeit, seines Bedürfnisses zu weinen und schreien, seines Bedürfnisses, Wut zu zeigen;  berauben wir ihn nicht seiner Schlüssel-Entdeckungen über sich selbst. Wir Therapeuten, Lieferanten weiser Einsichten, sind zu oft nicht klug genug, um aufzuhören, klug zu agieren. Fachleute sind es gewohnt, so viel zu wissen; dennoch ist es manchmal eine sehr kluge Sache, sich dumm zu stellen.

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner                                                                                                                                              Artikelauswahl 2016