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Primal Mind

 

 

Dr. Arthur Janov:        Die Regierung als Kult oder der Vertrauenskult            

 Donnerstag, 18. September 2008, Government as Cult or The Cult of Trust, www.arthurjanov.com                                                         

                                                                                                          

  Die Vereinigten Staaten vereinigen sich. Das Volk denkt mehr wie seine Führer, und unsere Führer denken mehr wie das Volk. Es sieht aus wie Einheitlichkeit, aber es hat seine Gefahren. Wir werden zu einer trügerischen Homogenität zusammengeschweißt, bei der die Führer uns ermahnen, dass wir ihnen trauen sollen; die Experten fragen uns dann nach unserer Meinung und finden heraus, dass wir Vertrauen haben; und die Regierung gibt Erklärungen heraus, dass sie den Willen des Volkes ausführt.

Während dies den Anschein funktionierender Demokratie haben könnte, behaupte ich, dass das Ergebnis dieses Vertrauenskults eine hochgradig antidemokratische Situation sein könnte. In jedem demokratischen Land reflektieren die gewählten Politiker letztlich die breite Masse. Sie sind als Einzelperson das verdichtete Symbol dessen, was die Massen angeblich denken. Die Gefahr liegt darin, dass ein Verschmelzen der Einstellungen und Überzeugungen des Volkes mit denen ihrer Führer zu einem verriegelten Konsens wird, wobei jede Seite sich davor fürchtet, nicht im Einklang mit der anderen zu sein. Dieser politische Gleichschritt scheint Stärke zu demonstrieren, aber in Wirklichkeit ist er allzu oft nicht mehr als Angst davor, untreu zu sein. Zögern, Zweifel, Dissens und Treulosigkeit sind im aktuellen amerikanischen Sprachgebrauch zu Synonymen geworden.

Im Namen der Einheit wird die Demokratie untergetaucht unter die Philosophie von „Recht oder Unrecht , es ist mein Vaterland“. Wenn wir uns die Geschichte anschauen, sehen wir an der Hitler- oder Stalin-Ära, wohin blindes Vertrauen führen kann. Die Deutschen und die Russen wollten gut sein, loyale Bürger. Auch damals galt „Recht oder Unrecht , es ist mein Vaterland“, und das Ergebnis war Massenvernichtung, Hunger und Tod. Was die Führer verlangten, war völliges Vertrauen. Was sie meinten, war, dass das Volk jeder Kritikfähigkeit abschwören und passiv allem zustimmen sollte, was immer die Führer beschlossen. Auch jetzt in der Sowjetunion verlangen die Führer bedingungsloses Vertrauen, das auf ihrem Misstrauen gegenüber vergangenen Führern gründet. „Vertraut mir, denn ich bin nicht so wie der Rest.“ Und wir sind uns wohl des Vertrauens bewusst, das die Iraker in Saddam Hussein haben.

In einer Zeit, in der die Demokratie-Funktionen aufgewertet werden, scheinen wir weniger geneigt, sie zu benutzen, damit man uns nicht anklagen kann, die Einheit Amerikas zu erschüttern. Der Kult des Vertrauens ersetzt unabhängiges Denken, und wir bewegen uns auf Umwegen auf eine Demokratie zu, in welcher der Volkswille eher durch Umfragen ermittelt wird anstatt durch die bedeutungsvolle Wählerstimme. Die Meinungsumfrage ist der König, und wenn sie anzeigt, dass die Zeit reif ist für eine Wahl, wird die Demokratie amtlich. Wir können objektiv sehen, was Vertrauen in anderen Ländern angerichtet hat, besonders im Irak, wo sie auf bestem Weg sind, ihr Land der Zerstörung preiszugeben. Was wir so leicht nicht sehen, ist unsere eigene Vertrauensseligkeit. Seien Sie nicht zu vertrauensvoll!

Regierung durch Umfrage wird zur Mode, und wenn man nach einer kürzlichen Umfrage urteilt, stecken wir alle in Schwierigkeiten. Obwohl die Amerikaner einem Bodenkrieg im Irak abgeneigt sind, sind sie nichtsdestotrotz bereit, sich dem Urteil unserer Führer anzuschließen. In einer jüngsten Umfrage stimmten die Leute den Generälen zu, dass sie nicht zu viele Informationen bekommen sollten. Wenn Information fehlt, hält Vertrauen Einzug.

In der CBS „News Special“ in den 1960er Jahren wies Eric Sevareid darauf hin, dass hinsichtlich des Verlaufs, den der Krieg genommen hatte, keiner der Regierungsexperten richtig gelegen hatte. Und jetzt scheint es, dass die Nachrichten in hohem Maß durch Presse-Anweisungen gesteuert werden.

Der Vertrauenskult scheint in umgekehrtem Verhältnis zur erhaltenen Informationsmenge zu wachsen. Je weniger Information die Regierung anbietet, umso mehr müssen wir uns offensichtlich auf Vertauen verlassen. Man sagt uns, dass einige Informationen wegen des „nationalen Interesses“ zurückgehalten werden müssen. Ich behaupte, dass zu viel Vertrauen aufgrund von zu wenig Information in Wahrheit gegen das Nationalinteresse ist, weil die Leute nicht wirklich wissen, was los ist, und sich keine informierte Meinung bilden können.

Es tritt eine Situation ein, in der diejenigen, die mehr wissen wollen, die zögern oder fragen, die beunruhigt sind, weil man uns die Fakten vorenthält, als ‚Ausscherer’ betrachtet und dafür bestraft werden, dass sie „dem Feind Hilfe und Unterstützung gewähren.“ Im Deutschland der frühen 1940er Jahre wurde jeder, der glaubte, Deutschland könne den Krieg verlieren, höchst verächtlich als „Defätist“ bezeichnet. Dieses Etikett konnte eine harte Haftstrafe und sogar den Tod zur Folge haben. Deutschlands Führer forderten Vertrauen, und das, obwohl das Land gerade dezimiert wurde.

Das Problem besteht darin, dass die Wahrung der Demokratie gegenüber der Wahrung eines einheitlichen Gesichts vor der Welt zweitrangig wird. Das ist nicht unbedingt ein bewusster Anschlag geheimer Verschwörer sondern der Gipfelpunkt einer Situation, in der sich das Volk und die Führer unbewusst gegenseitig manipulieren, um eine mystische Stärke zu bewahren. Wir sind im „Konsens-Sack“ gefangen, und keiner scheint frei, um neue Ideen oder neue Schritte zu injizieren.

Es besteht die Gefahr, dass Amerkas historischer Dialog vielleicht zu Ende geht – ersetzt durch einen Exekutiv- Monolog, der einen Konsens orchestriert und Misstrauen sät gegen jene, die nicht in Enklang stehen mit der chauvinistischen Melodie.

 

DER SUPERPATRIOT

 

Vor Jahren veröffentlichte ich das psychologische „Porträt des Kalten Kriegers“ (The Minority of One, April 1963). Es war eine Analyse von dreißig einander ähnlichen Forschungsstudien, aus denen eine Zusammenfassung des Superpatrioten gezogen wurde. Es stellte einen hypothetischen Mann dar am äußeren rechten Flügel, der Gewalt als Lösung für komplexe Probleme beansprucht und der Macht sowohl in interpersonellen als auch internationalen Beziehungen betont. Das Porträt wurde wie folgt zusammengefasst:

„Der Kalte Krieger ist weder gescheit noch einfallsreich. Gleich, wie viel Schutz er hat, er kann nie genug haben, um seine innere Unsicherheit zu bezwingen. Er ist ein ungeduldiger Mensch, der das Gespräch zugunsten der Handlung ablehnt; der bei Problemen eine sofortige und nur eine einzige Lösung will. Er sieht die Welt in Begriffen von schwarz und weiß und misstraut seinen Mitmenschen. Er kann keine kooperativen Problemlösungen sehen und sieht alle Beziehungen in Machtbegriffen – Dominanz oder Unterwerfung. Jeder Versuch anderer, gleichen Status zu erlangen, wird als Bedrohung gesehen. Zuallererst glaubt er an Macht. Er verlässt sich auf Gewalt, um persönliche und soziale Probleme zu lösen. Er ist zynisch, misstrauisch und missdeutet die meisten Züge anderer als aggressiv. Er ist ein feindseliger Mensch, der seine Feindseligkeit damit rationalisiert, dass sie durch die ständige Existenz eines aggressiven Feindes gerechtfertigt sei. Er ist so vom Konflikt zerissen, dass er Friede und Harmonie nicht erkennt, wenn sie über ihm sind. Er lebt von Parolen. Er ist starr unflexibel, emotional isoliert, und es fehlt ihm an persönlicher und sozialer Einsicht. Er macht kritische Inspektion verächtlich, hat wenig Ideale und noch weniger Hoffnung. Er sieht nur die täglichen Sachlichkeiten und lehnt Theoretiker als verschwommene Idealisten ab. Er ist anti-wissenschaftlich, weil er sich eine geordnete und vorhersagbare Welt ohne Chaos nicht vorstellen kann. Er widmet sich nur seinem eigenen Überleben und glaubt, dass alle, die nicht für ihn sind, gegen ihn sind, und alle, die nicht über ihm sind, unter ihm. Er sieht Leute, die den Krieg fürchten, als schwache, neurotische Sonderlinge und glaubt, es sei Verrat, bei einem Gegner Versöhnliches zu finden.“

Im Zeitraum, seit dieses Porträt angefertigt wurde, hat man das, was einst die psychologischen Eigenschaften von Wichtigtuern im Halbschatten des politischen Spektrums waren, zunehmend vollständig in unsere Nationalideologie aufgenommen. Vielleicht sind diese Charakteristika in Kriegszeiten nationale Notwendigkeiten. Vielleicht haben unsere Führer Recht, wenn sie behaupten, dass wir töten müssen, um Leben zu retten. Aber was, wenn sie nicht Recht haben? Es tut nicht weh, diese Möglichkeit für einen Augenblick abzuwägen.

Wir scheinen im Strudel eines synergistischen Prozesses gefangen, in dem jeder zunehmende physische Einsatz an Truppen und Gewehren ebenso eine zunehmende implizite Forderung nach psychischem Einsatz mit sich bringt. Jede Kategorie dieses Einsatzes verstärkt die andere – ein Prozess, der nichts Gutes verheißt. Tatsächlich ergab die Galiup-Erhebung in zwei Umfragen, die drei Monate auseinanderlagen, dass die Anzahl der Leute, die ein größeres militärisches Engagement in Vietnam befürworteten, um 13 Prozent zugenommen hatte. (Los Angeles Times, 21. November 1965.) Diese psychische Veränderung entsprach der großen Zunahme des tatsächlichen Truppeneinsatzes während desselben Zeitraums. Darüber hinaus sank die Zahl derjenigen, die für den Frieden verhandeln wollten, um zwei Prozent.

Eine Gefahr bei diesem Synergismus ist, dass man verinnerlichte Einstellungen und Überzeugungen nicht so leicht abstellt, wie man mit der Bombardierung von Städten aufhören könnte (wie jene allzu gut wissen, die eine deutsche Wiederaufrüstung befürchten). Der Zeitgeist überdauert die Umgebung, in der er gezeugt wurde und bereitet den Boden für zukünftige Kriege.

Eine interessante Studie der Universität von Kalifornien in Los Angeles hilft unser Dilemma zu klären. Man untersuchte emotional entfremdete Personen und fand heraus, dass es eine Beziehung gibt zwischen emotionaler Entfremdung (sozialer Distanziertheit) und Machtlosigkeit. Mit dem Gefühl von Machtlosigkeit einher geht geringeres politisches Interesse, geringeres politisches Wissen und fehlende Motivation, mehr über Politik zu lernen. Eine der Fragen lautete, ob „die Grundentscheidungen über politische und soziale Fragen von Experten getroffen werden sollten.“ Es ist keine Überraschung, dass diejenigen, die sich machtlos fühlten, zu einer zustimmenden Antwort neigten. Wenn sich die Leute machtlos fühlen, ziehen sie Regierung durch Experten der Regierung durch das Volk vor. Kurz gesagt ziehen sie es vor, ihre Machtlosigkeit fortzusetzen.

Die Mehrheit von uns ist sich vielleicht unserer wachsenden Machtlosigkeit nicht bewusst. Man hat uns in dem Glauben bestärkt, dass wir in einer Demokratie leben, die auf der Stärke des Volks beruht. Allzu viele vergessen die Tatsache, dass ihr wachsendes Vertrauen in Führer nur eine Manifestation ihrer eigenen Machtlosigkeit ist. Solches „Vertrauen“ bietet die Möglichkeit, persönliche Verantwortung in Regierungsangelegenheiten zu vermeiden. Und mir scheint, worum es bei Demokratie geht, dass ist doch gerade diese Fähigkeit, die Handlungen unserer Führer zu beurteilen und zu bewerten.

Die Seeman –Studie fand heraus, dass diejenigen, die größeren Wert auf politische Kontrolle durch Experten legten, weniger daran interessiert waren mehr zu wissen und bereitwilliger, den Anweisungen anderer zu folgen; kurz gesagt neigten sie dazu, von der Demokratie zur Autokratie zu wechseln. Es ist dieser Wechsel, der den Leuten gestattet, auf eine persönliche Entscheidung zu verzichten, die Suche nach Information zu meiden und, was am wichtigsten ist, einer persönlichen Moral abzuschwören. Wie die Studie zeigte, fördert dieser Wechsel eine sich vertiefende Unempfänglichkeit für neue Informationen. Was sich in dieser Einstellung widerspiegelt, ist der Kontrollverlust über das eigene Schicksal. Nicht nur geht im Vertrauenskult diese Kontrolle verloren, sondern das Individuum trachtet kaum danach, Kontrolle zu entwickeln, denn damit würde Verantwortung und Entscheidungsfindung einhergehen – Aufgaben, die Leute nicht willkommen heißen können, die wollen, dass andere alle Entscheidungen für sie treffen.

In diesem geistigen Bezugsrahmen entsteht Verlass auf Schicksal und Zufall. Wir glauben, was mit uns geschieht, das liege in den Händen einer höheren Macht, sei es Gott oder die Regierung. Wenn wir der externen Regulierung unseres eigenen Lebens den Vortritt lassen und den Wert persönlicher Bemühungen, auf Probleme Einfluss zu nehmen, minimieren, ist das Ergebnis Herrschaft durch Experten, Regierung durch eine Wissenselite, die am besten weiß, was für uns am besten ist. Der Krieg selbst wird dann von uns dem Schicksal überlassen....und der Elite.

Aber was für uns gut ist, das ist nicht bloß eine Angelegenheit von Fakten, die den Experten bekannt sind. Es ist eine Sache der Moral.  Es ist eine Sache unterschiedlicher Standpunkte. Was uns von unserer Regierung unterscheidet, ist nicht nur die jeweilige Faktenmenge, die uns zur Verfügung steht, sondern ein anderer Bezugsrahmen, um an diese Fakten heranzugehen und sie zu bewerten. Der Unterschied liegt zwischen Humanismus und Machtpolitik.

Wenn eine Regierung ein Volk soweit bringt, dass es in Begriffen von Machtpolitik denkt anstatt in Begriffen menschlicher Bedürfnisse, the people have been had [???]. Nichtsdestotrotz sind wir durch klugen Gebrauch der Massenmedien zu „Experten“ für fremde Diktaturen geworden, jedoch zu umnachteten Kindern, wenn es um die Methoden unserer eigenen Regierung geht. Wenn mir mein Friseur sagt „Wir können uns nicht leisten, Südostasien an die Kommunisten zu verlieren“, glaubt er dann wirklich, ein Besitzinteresse an einem Land zu haben, das er nie gesehen hat, und von dem er wahrscheinlich bis vor wenigen Jahren noch nie gehört hatte? Wenn er zu seinem 85.000-Dollar-Haus heimkommt, steht es dann wirklich ganz oben an der Tagesordnung, dass er seiner Frau sagt, dass sie Asien nicht „verlieren“ dürfen, wenn sie sich Sorgen macht, das Haus nicht zu verlieren?

 

VERTRAUEN PER BEFEHL

Unsere Existenz kann in Gefahr sein genau wegen der starren Idee, dass unsere Existenz ständig in Gefahr sei. So ist der Krieg nötig geworden, um Krieg zu verhindern; Bombardierung notwendig, um Leben zu retten; und Tod ein unglückliches Nebenprodukt des Lebenskampfes.

Die Grundannahme, dass unsere Existenz in Gefahr sei, hat viele logische Folgen. Somit werden Friedensbefürworter und ihre Vorstellungen gefährlich, während sich für den Tod stark zu machen – „Tod dem Feind“ – bedeutet, dass man seinen gesunden Verstand wahrscheinlich bestätigt hat. Es ist eine seltsame Gleichung – Tod und gesunder Verstand, Töten und psychische Gesundheit, Bomben und Demokratie.

  „Töten“ scheint „in“ zu sein in einer Nation, die sich in ihrem Patriotismus und ihrer Rechtschaffenheit zusammendrängt und sich vor allem davor fürchtet, Uneinigkeit zu säen. Drei Universitäts-Professoren wurden während des Vietnamkriegs durch die Ky-Regierung zum Tode verurteilt, weil sie eine Petition in Umlauf brachten, die einen Waffenstillstand forderte. Die Führer hatten den Sprung vollzogen von der Vertrauensbitte zur Vertrauensforderung.

 

 

REGIEREN  DURCH KRISEN UND MONSTER

Von einem psychologischen Standpunkt aus dreht sich die Fähigkeit, Krieg zu führen, um das Vertrauenskonzept. Und das ist nicht nur eine schlechte Sache sondern eine notwendige, um eine Regierung überlebensfähig zu machen.

Die Rationalisierung für das Bedürfnis, unseren Führern zu vertrauen, lautet, dass wir in Krisenzeiten wie ein Mann hinter ihnen stehen müssen. Wenn dein Schiff sinkt, bleibt keine Zeit zu zögern, zu debattieren oder getrennte Wege zu gehen; es ist Zeit für vereintes Handeln. Mehr als irgendjemand vor ihm beherrschte Hitler das Regieren durch Krise.

Die Krise hat eine Reihe psychologischer Funktionen, die dabei helfen, ein Volk linienkonform zu halten. Die Krise galvanisiert, mobilisiert und – am wichtigsten – legitimiert Aufregung. Gewalt gegen den „Feind“ (ob intern oder extern) wird akzeptabel, weil „wir in einer Krise sind.“ Alle Mittel werden akzeptabel.

Indem er sein Land in ständigen Konflikt und Krieg verwickelte, gab es immer eine Krise, immer ein Bedürfnis nach dem Retter und immer eine Rechtfertigung für die Unterdrückung derer, die nicht zustimmten. Das deutsche Volk vertraute ihren Führern, und die deutschen Führer vertrauten ihrem Führer. Was ihnen ermöglichte, sich mit reinem Gewissen unschuldig zu fühlen, war, dass ihre Führer wissen mussten, was sie taten, während sie selbst nur Befehle ausführten. Es herrschte „Einigkeit“. Aber es ist gerade solche Einigkeit, die man am meisten fürchten muss. Das soll nicht heißen, dass wir nie Vertrauen zur Führung haben sollten; schließlich haben wir sie gewählt. Es ist nur so, dass gesunder Zweifel immer wichtig ist.

Das ist derselbe psychologische Mechanismus, der die Leute auf Horrorfilme versessen macht. In einem Horrorfilm wird man in eine Situation wachsender Spannung und wachsenden Schreckens versetzt, aber im Hinterkopf weiß man, dass es in Wirklichkeit nichts zu fürchten gibt. Die Monster auf der Leinwand mobilisieren unsere Ur-Angst. Am Ende wird das Monster getötet und wir sind erleichtert, denn mit uns hat alles gestimmt; das Monster war die Quelle unserer Angst.

Das „Monster“ heutzutage verändert sich ständig. Erst waren es die Chinesen. Jetzt sind sie eine Art Freund. Zuerst waren es die Japaner und Deutschen. Jetzt sind sie unsere engsten Verbündeten und wir sind besorgt, wenn sie zögern, in den Krieg zu ziehen. Nicht gerade die Sorge, die wir früher mit ihnen hatten. Wir kommen zu der Überzeugung, dass wir wieder frei atmen können, wenn unser Feind ausgerottet worden ist. Das Problem ist, dass sich unser Feind ständig ändert.Während des Irak-Iran-Krieges war der Irak unser Freund, den wir bewaffneten. Das ist noch nicht so lange her.

Wir haben ein Problem im Irak, weil wir einen Mann haben, der sich nicht vernünftig verhält. Albert Camus sagte es vor langer Zeit: “Ein Mann, mit dem du nicht vernünftig reden kannst, ist ein Mann zum Fürchten.“ Wer vielleicht versucht, vernünftig mit ihm zu reden, nimmt sein Leben in die Hand. Er fordert Vertrauen. Er fordert es nicht einmal; er erwartet es. Es gibt keinen Volkswillen. Die Progression scheint so zu verlaufen, dass man um Vertrauen bittet, es bekommt und mehr verlangt, bis alle Entscheidungen in den Händen des Führers liegen; und das ist die Gefahr für die Demokratie. Zu viel Vertrauen in „sie“ bedeutet nicht genug Vertrauen in uns selbst. Wenn die Führer dann Sachen machen, die wir nicht mögen, wenn sie wie im Irak vorsätzlich ihr eigenes Land zerstören, kommt das davon, dass die Leute stillschweigend ihren Führern vertrauen. Sie wollen sterben für die Entscheidungen ihrer Führer, wie auch immer sie ausfallen. Auch sie sagen: „Wir haben eine Job zu erledigen, und das werden wir auch tun.“ Den Feind zu töten wird zu einem „Job, den man erledigt.“ Das Töten erfolgt nicht als logisches Ergebnis von Wut, wie man denken könnte. Vielmehr wird kaltblütig getötet – eine weitere Aufgabe, die man zu erfüllen hat. Zorn ist aus dem Tötungsprozess entfernt worden; kalte Berechnung hat seinen Platz eingenommen.

 

  DAS MONSTER GEBIERT HELDEN

Man versucht vergeblich nach etwas anderem außer „töten“ und „Krieg,“ das man sagen könnte, ohne dass es als Unterstützung und Begünstigung des Feindes erachtet würde. Ungeachtet, wie ästhetisch es unser Außenministerium oder die Akademiker der Rand Corporation artikulieren, ist die Botschaft dieselbe: „Unsere amerikanischen Mitbürger haben alle Rechte zu protestieren, aber was sie tun, läuft auf Verrat hinaus.“ Man unterstellt, dass es ihnen an Vertrauen fehlt und dass sie Zwietracht säen. Irgendwie glauben wir, dass irakische Soldaten im Sand die New York Times lesen, nehmen fälschlicherweise an, dass Amerikaner für den Frieden sind, schöpfen Mut und kämpfen umso mehr – also werden noch mehr amerikanische Jungs im Kampf gegen einen zunehmend widerspenstigen Feind sterben müssen. Die Tatsache, dass Hussein Kuwait ohne die Hilfe der New York Times einnahm, übersieht man gewissermaßen.

Niemand bezweifelt, dass Hussein monströs gehandelt hat. Monster muss man bekämpfen. Aber die Vorstellung von einem Monster hilft dabei, die Leute von den Ängsten des Alltags abzulenken. Ihn zu bekämpfen bietet uns eine Unterbrechung der Eintönigkeit unserer alltäglichen Existenz und stellt eine Chance dar für etwas, das Aldous Huxley als „individuelle Edelheit“ bezeichnete. Jeder von uns will edel sein, dazugehören, den Standpunkt der Mehrheit teilen und nicht abseits stehen. Wir wollen die besten Bürger sein. Loyal und ergeben. Wie im Film ist das Monster die Ursache unserer Ängste; merze es aus, und es wird wieder Ruhe einkehren. Und vertraue vor allem darauf, dass dein Führer weiß, wie man mit dem Monster umgeht.

Aber die Bekämpfung des Monsters hilft uns auch dabei, unseren Platz und unsere Bedeutung in dieser komplizierten Gesellschaft zu finden. Es ist etwas, woran wir alle teilhaben können. Wir sind vereint in unseren Opfern und unserer Not, und das scheint viel besser, als individuell unter persönlichen Problemen und privaten Agonien zu leiden. Plötzlich hat der Tod eine Bedeutung in einer Nation des sinnlosen Automobiltodes. Wir können für eine gute Sache sterben anstatt an Umweltverschmutzung – eine ziemllich schändliche Art abzutreten. Der Tod hat Bedeutung, auch wenn das Leben keine hat. Es ist eine Zeit, in welcher der Tod eine der Lebensnotwendigkeiten ist. Diese Notwendigkeit in Frage zu stellen wird disloyal.

Irak ist eine Nation geworden, die auf der Suche nach Verrat ist anstatt nach Vernunft. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in diese Falle tappen. Was immer unser persönlicher Standpunkt zum Krieg ist – denken wir daran, dass wir für die Demokratie kämpfen, und das Kennzeichen der Demokratie ist der Dissens – eine andere Meinung zu haben.

Wir brauchen eine neue Atmosphäre, in der Krieg der wirkliche Feind ist. Nur dann wird man Friedensbemühungen nicht als Verrat einschätzen. Wenn Krieg der Feind ist, liegt der Friede im nationalen Interesse. Was wir heutzutage brauchen, ist ein Kult des Misstrauens und des Skeptizismus. Beherzigen wir die Warnung Andre Gides: „Nimm dich vor dem Mensch in Acht, der die Wahrheit gefunden hat; folge dem, der noch auf der Suche ist.“

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Übersetzung: Ferdinand Wagner