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Primal Mind

 

Dr. Arthur Janov:   ÜDDie Rolle der Evolution in der Psychotherapie DDrängung als Hauptakteur                 

Dienstag, 26. Oktober 2010, The Role of Evolution in Psychotherapy, www.arthurjanov.com                                                         

                                                                                                          

Ich habe über Evolution hinsichtlich der Psychotherapie nachgedacht. Letzte Nacht gab es ein Programm über Evolution; Wissenschaftler aus mehreren Ländern kamen zusammen, um über die mögliche Evolution der Dinosaurier zu diskutieren. Es gab viele Erklärungen, keine davon zufriedenstellend. Eine jedoch schien glaubwürdig. Die Frage war, was zuerst kam, Dinosaurier oder Vögel, weil man Fossilien fand von Dinosauriern mit Federn. Sie untersuchten Vögel, die man in der Nähe dieses Ortes gefunden hatte, welche ähnliche Fortsätze hatten wie Dinosaurier, und filmten sie. Sie fanden heraus, dass diese Vögel nach der Geburt lediglich wussten, wie man läuft; im Verlauf ihrer persönlichen Entwicklung begannen sie zu fliegen. Das war anscheinend ein weiteres Indiz für die Auffassung, dass Vögel an zweiter Stelle kamen und nicht zuerst; dass sich Vögel aus Dinosauriern entwickelten und nicht umgekehrt. Es ist immer noch eine Sreitfrage, aber es brachte mich dazu, über unsere eigene Therapie nachzudenken; eine Primal-Sitzung zu beobachten erklärte so viel über Evolution. Insbesonders über die Vorrangstellung von Gedanken vor Gefühlen.

In einem Wiedererlebnis kommen Gefühle vor Gedanken, wie es in der Evolution der Fall war; und tatsächlich, wenn die Gefühle überwiegen, dann stupsen sie Gedanken und Glaubensvorstellungen an. Diese Gedanken entwickeln sich aus den Gefühlen – während der Geburt zu ersticken führt zu „er engt mich ein“, „es  gibt keinen Raum für mich“, etc. Gelöst wird das nicht durch eine Änderung des Verhaltens oder der Gedanken sondern durch Gefühle; man muss sich mit der Einprägung, mit der generierenden Ursache befassen und sie wiedererleben, weil sie ursprünglich nicht voll erlebt worden war. Bestenfalls wurde sie teilweise erlebt, als sie geschah, und dann aufgrund ihrer Schmerzlast weggeschlossen. Man muss sie voll erleben, verknüpfen und auflösen.

Wenn wir uns die Sitzung ansehen, erforschen wir die Evolution; wir beobachten sowohl Phylogenese als auch Ontogenese. Mein Standpunkt ist, dass es nur Abreaktion und kein verknüpftes aufgelöstes Feeling gibt, solange dem System nicht erlaubt wird, exakt der Evolution zu folgen; das ist der Grund, warum man der Evolution Aufmerksamkeit zollen sollte. Während eines Geburts-Wiedererlebnisses, bei dem wir in die Höhe schießende Werte der Vitalfunktionen finden, kann es kein Weinen wie ein Zweijähriger geben, keine radikalen Bewegungen der Beine und Arme und keinerlei Worte. All dies kommt später in der persönlichen Evolution (Ontogenese). Das alles jetzt zu tun, bedeutet, sich über die Evolution hinwegzusetzen, was gegen die Biologie verstößt und dagegen, wie sie fortschreitet. Wir können uns in der Therapie nicht selbst überholen. Mit der Evolution treibt man keinen Unfug. Wenn wir nicht an sie glauben, dann ist alles verloren, und Therapie ist eine nutzlose Übung.

  In dem Augenblick, in dem eine Patientin, die etwas aus der frühen Kindheit wiedererlebt, Worte benutzt wie „Unterhaltung“, „Befriedigung“, „enttäuscht“ , wissen wir, dass sie sich nicht im Gefühlsgehirn befindet und dass es kein wirkliches Erlebnis ist. Eine Fünfjährige benutzt normalerweise diese Worte nicht. Mit anderen Worten ist Evolution eine Realitäts-Überprüfung dessen, was die Patientin gerade durchmacht. Wenn wir nicht – zumindest - minimal wissen, wie sich das Gehirn entwickelt, dann könnten wir bei der Therapie in die Irre gehen; schlimmer noch, wir könnten die Patientin über ihr Toleranzniveau hinausstoßen, über den Punkt hinaus, den ihr die Evolution im Augenblick erlaubt. Wir könnten sie in ihre Geschichte zurückstoßen, wo massiver Schmerz liegt; und das alles führt zu Überlastung und dann zu symbolischem Ausagieren oder Einagieren. Ein Beispiel: Eine Patientin kam einem Feeling nahe über eine sexuelle Verführung durch ihren Vater. Der Therapeut drängte sie, dorthin zu gehen. Sie erreichte die Kante des Feelings, setzte sich dann auf und sagte: „Ich bin gerettet worden! Gerettet durch den Herrn!“ Sie wurde durch den Gedanken an den Herrn gerettet, weil das Feeling die Gedanken-/Glaubenszentren in Aktion brachte, um sie gegen Gefühle zu verteidigen. Hier griff die Evolution eilends ein, um die Situation zu retten, und sie tat es auf geordnete Weise.

Wenn wir also während einer Sitzung Fortschritt beobachten, sehen wir, wie das Gehirn funktioniert;  welche Funktionen es verwendet, um uns zu beschützen,  wie es Gedanken rekrutiert, um uns gleichzeitig sicher und neurotisch zu machen. Wir sehen, wie Neurose stattfinden kann. Vor allem lernen wir, wie man die Therapie durchführt; welche biologischen Gesetze man nicht verletzen darf. Was wir auch lernen, ist, wie unmöglich es ist, Bedürfnisse zu erfüllen, die lange über ihr Pflichtdatum hinaus sind.

Wenn wir uns die Evolution von Babys anschauen, lernen wir die Gesetze der Fetus- und Kindheits-Evolution; was die Schlüsselbedürfnisse sind und vor allem, wann sie erfüllt werden können. Gegen dieses kritische Bedürfnisfenster kann man nicht verstoßen. Nachdem das Fenster geschlossen ist, ist keine Erfüllung möglich, nur Besserung. Wir können Neurose nicht weglieben. Schmerz ist stärker als das.

Wenn wir einmal anfangen, all das zu verstehen, wissen wir, dass wir keinen sich später entwickelnden Mechanismus – Gedanken – benutzen können, um bei Neurose Veränderung zu bewirken. Gedanken werden dann zu einem Deckmantel für Gefühle und kein Auflösungsprozess. Ein Grund, warum dies keine Urschrei-Therapie ist, besteht darin, dass Schreie in der Evolution nach Grunzlauten kommen. Wenn man unterwegs aus dem Mutterleib ist, aber noch nicht ganz heraus, dann scheint es keine Schreie zu geben. Wenn wir Schreie erzwingen, liegen wir falsch. Wenn wir versuchen, etwas Dramatisches geschehen zu lassen, um zu beweisen, wie schlau und effektiv wir sind, wird der Patient leiden. Wenn wir Patient sind und der Evolution trauen, sind wir auf der richtigen Spur. 

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 Übersetzung: Ferdinand Wagner