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ARTHUR JANOV:   DIE URSACHEN VON ANGST, PANIKATTACKEN UND WUTANFÄLLEN

ARTHUR JANOV:  THE ORIGINS OF ANXIETY, PANIC AND RAGE ATTACKS

DER ORIGINALTEXT WURDE IM FACHJOURNAL ANS VERÖFFENTLICHT .

FREIER ZUGANG ÜBER SPRINGER LINK

 

The Primal Center, Santa Monica and Claremont Graduate University, USA, 2013

 

 

1. EINFÜHRUNG

 

                  

In meinem früheren Werk habe ich den Unterschied beschrieben zwischen limbischer Furcht und Stammhirn-Terror; das heißt, je weiter ein Patient zurückgeht, wenn er Ereignisse wiedererlebt aus der Kindheit und Säuglingszeit, umso tiefer gelangt er in sein Gehirn. In diesem Prozess steigern sich die affektiven Reaktionen; zum Beispiel wird aus milder Hoffnungslosigkeit suizidale Hoffnungslosigkeit, Furcht wird zu Terror und aus Ärger wird Wut. Die Reaktionen werden primitiver, da sie einem Gehirn entspringen, das primitiver ist, älter und prä-human (Janov, 2011) – das Stammhirn.

Dieses primitive Gehirn in uns stellt alle Reaktionen bereit, die vor Hunderten Millionen Jahren existierten. In gewisser Hinsicht sind wir noch immer dieser gnaden- und erbarmungslose Alligator oder Hai, einfach nur Instinkt. Diese primitiven Reaktionen sind prä-emotional, bevor sich Zuwendung und Anteilnahme von Säugetieren entwickelte, und sie ermöglichen uns zu morden, wenn sie wachgerufen werden. Sie erlauben auch Panikattacken, die sich entwickelten, um das Leben in Situationen zu retten, in denen schnelle und energische Reaktionen Überleben bedeuteten. Ein Mensch, der mit Wut oder schrecklicher Angst reagiert, wird durch die Aktivität seines Stammhirns überwältigt und reagiert genau so, wie der Alligator reagiert (Panksepp, 1998).

Diese Reaktionen werden oft von einem Geburtstrauma verursacht, bei dem eine 130 Pfund schwere Mutter Betäubungsmittel bekommt, die so viele Funktionen eines 6-Pfund-Fetus unterdrückt, einschließlich der Atmung. (Lewit, 2009; Singer, 2004, p141, 215-228). Dies kombiniert mit einer Mutter, die geraucht hat und somit Sauerstoffmangel im Fetus produziert hat. (Cannon, 2008, p.797-802; Fent, 2008, p.138-145). Der Atmungsapparat wird geschwächt; das kann eingeprägt werden und lebenslang andauern. Es ist die Einprägung eines drohenden Todes – schreckliche Angst. Furcht wird zum bleibenden Begleiter. Und Phobien und Zwänge sind vielleicht das lebenslange Ergebnis.

Was ich erörtere, sind Gefahren für das Baby, die sein Leben bedrohen. Sein System reagiert mit Schrecken, weil das zu dem Zeitpunkt die höchste Ebene der Gehirnentwicklung ist und weil diese Ereignisse meistens lebensbedrohlich sind. Biologische Schlüssel-Sollwerte werden verändert und hinterlassen eine Anfälligkeit für spätere Krankheit. (Das beinhaltet Kortisol-Spiegel, natürliche Killerzellen und ebenso Imipramin-Bindung – alles Forschung, die wir unternommen und in meinem Primal Healing erörtert haben) (Janov, 2007).

Diese schwere Dosis Anästhesie für die Mutter während des Geburtsprozesses kann das Atmungssystem des Babys stilllegen und es dem Tod nahebringen. Das ist die Zeit schneller Gehirnentwicklung, in der ein Trauma langandauernde Wirkung haben kann. Es bildet einen Prototyp und kann danach der Ursprung von Migränen und hohem Blutdruck sein, weil das Kreislaufsystem beeinträchtigt wird. So kann spätere Aufregung eine Migräne auslösen, weil sich die Gefäße zusammenziehen als Abwehr und als Erinnerung dessen, was die Gefäße tun müssen, wenn sie unter Bedrohung geraten – sich zusammenziehen. Das ist die gleiche biologische Reaktion, die Pupillenkonstriktion erzeugt, wenn man Horrorszenen sieht. Wir werden das weiter erörtern unter dem Abschnitt „Resonanz.“ (Hodie, 2010, p. 430-437).

Zum Zwecke dieses Artikels werde ich mich auf die unteren Gehirnprozesse konzentrieren und das sehr wichtige Limbische System auslassen. Sie sind das, was ich als first-line bezeichne, als erste Linie oder Ebene, die oft vernachlässigt oder ignoriert wurde. Die zweite Linie/Ebene verarbeitet Gefühle/Emotionen, während die dritte Linie weitgehend kognitiv, intellektuell ist und auch Glaubenssysteme entwickelt. Obwohl sie in hohem Maße miteinander verknüpft sind, hat jede Ebene unabhängige Funktionen.

Wenn ich „tiefer gehen“ erwähne, betrifft das speziell unsere Primal Therapy, wo Patienten über viele Monate tatsächlich tiefer in das Gehirn und in die ferne Vergangenheit hinabsteigen und mit diesen tieferen Gehirnzonen in Berührung kommen (= wiedererleben). Wir sehen, dass Patienten, die sich den Stammhirn-Einprägungen der ersten Ebene annähern, höhere Spitzenpotentiale im Hirnwellenmuster, bei Blutdruck, Körpertemperatur und Herzfrequenz aufweisen; das Maß der Veränderung sagt uns, auf welcher Ebene der Patient gerade funktioniert; radikale Änderungen sind zwangsläufig der ersten Linie zuzuordnen. Nicht nur das – es gibt auch ganz wesentliche Verhaltenseffekte: Aussetzen der Atmung, bestimmte Körperbewegungen einschließlich der Fötalposition, Erbrechen größerer Schleimmengen, offensichtliches Ersticken und mehr. Die Patienten sind im Griff dieser tieferen Gehirnstruktur. (Mehr darüber in meinem Life before Birth, Janov, 2011). Als wir vor Jahren Hirnwellen-Studien anstellten, fanden wir heraus, dass ein Patient, der an der Schwelle zum First-Line-Schmerz stand, hochschnellende Hirnwellen hatte; die Wellen-Amplitude stieg an, da viele weitere Neuronen rekrutiert wurden, um bei der Schmerzbewältigung und Verdrängung auszuhelfen. Die letzte Studie, die vierte, stand unter der Leitung von E.M. Holden (Janov, 1996).

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit der ersten Linie in Berührung zu kommen. Zum einen die, so fragil und abwehrlos zu sein, dass die tiefen Einprägungen ins volle Bewusstsein aufsteigen; oder zum anderen die, dass Patienten mit der Zeit (oft über Monate) langsam hinabsteigen und schließlich auf der ersten Ebene ankommen. Dort unten liegt die Panik, und wir sehen rasch anschwellende Panik, wenn Patienten mit Stammhirn-Prägungen in Kontakt kommen.

Das Panikopfer fühlt sich bedroht, weiß aber nicht, wovor es Angst hat. Oder manchmal nicht einmal, dass es Angst hat. Manchmal fühlt es sich nicht wie Furcht an; es ist ein unbekanntes Schreckensgefühl, das so fremd scheint. Die Patientin ist panisch über etwas, das in ihrem Stammhirn verborgen liegt, was auch immer das sein mag. Die Gründe dafür könnten zahlreich sein: der auf ihr Baby übertragene Schrecken einer Mutter in der Schwangerschaft, Ersticken und Todesnähe, wenn die Mutter während der Geburt eine schwere Dosis Betäubungsmittel bekommt, ein Schrecken wie bei einer meiner Patientinnen, die in ihrem achten Monat in einen schweren Autounfall verwickelt wurde. Als ich auf der Hochschule war, lernte ich über „Vorausgehend-Nachfolgend-Reaktionen.“ Das bedeutete einfach: Wenn es eine Reaktion gibt, hat irgendetwas sie verursacht. Wenn es Wut und Schrecken gibt, werden sie durch etwas verursacht. Das sind keine gewöhnlichen Reaktionen; sie sind primitiv in der vollen Bedeutung des Begriffs. Bis jetzt haben wir nicht gewusst, was das bedeutete. Je mehr wir über den Hirnstamm und die uralten Teile des Limbischen Systems einschließlich der Amygdala lernen, umso besser verstehen wir diese übertriebenen Reaktionen.

Wir lernen jetzt, dass die sogenannte „Zorn-Management-Therapie“ gegen Wut nutzlos ist. Wut operiert auf einer viel tieferen Ebene als die kognitive Therapie, die ihren Brennpunkt weiter oben hat. Wir wollen Gefühle nicht „managen;“ wir wollen sie fühlen. Aber wenn es kein Wissen über tiefere Ebenen gibt, greifen wir auf Management zurück. Einfach noch eine Methode, sie unten zu halten, wenn sie doch ausgedrückt werden müssten.

Das zentrale System - Gehirn und Rückenmark – reift nacheinander: beginnend von der ersten Linie/Ebene (der Schwanz) und dann höher (der Kopf). Und wir wieder-erleben in genau umgekehrter Weise: Kopf vor Schwanz. Umgekehrte Evolution; wir werden gesteuert von den Gesetzen der Biologie.

In der fünften Woche der Schwangerschaft sehen wir, dass Synapsen Nervenzellen verbinden. Wenige Wochen später kann sich der ganze fötale Körper winden und drehen. Mit zehn Wochen kann er seine Finger bewegen. Er bewegt sich allmählich intensiv genug, um von der Mutter etwa mit achtzehn Wochen erkannt zu werden. Das emotionale Gehirn entwickelt sich im letzten Trimester und in den Monaten nach der Geburt. Was dann geschieht, wirkt sich bleibend auf unser Gefühlsleben aus. Schaden in dieser Zeit kann manchmal zu Leuten führen, die keine Gefühle zu haben scheinen, keine Anteilnahme und kein Mitgefühl – Psychopathen (Anand, 2000, p. 69-82; Kaplan, 2008, p. 249-256).

Es stellt sich die Frage, wann wir zum ersten Mal wach oder bewusst werden. Es scheint so um die 24ste Woche der Schwangerschaft zu sein. Das ist die Zeit, wenn der Thalamus und seine Nervenschaltkreise zum Kortex vorhanden sind; der Kortex kann Information von unten bekommen. Das ist vielleicht der Anfang globaler Bewusstheit.

Es gibt drei Gehirne in unserem Kopf. Somit der Begriff „Das Dreieinige Gehirn“, wie ihn Paul D. MacLean, der Großvater der modernen Neurologie entworfen und erklärt hat (MacLean, 1990). Der erste sich entwickelnde Gehirnteil ist der, den ich als „erste Linie“ bezeichne. Auf der ersten Linie liegen alle diese Instinkte und primitiven Reaktionen. Wenn es ein Trauma gibt bei der Geburt oder während der Schwangerschaft, lange bevor wir ein intaktes Emotionalgehirn haben, werden unsere Reaktionen unten auf der ersten Linie gespeichert. Und wenn wir diese Ebene ignorieren, gibt es keine Chance einer Heilung, weil wir nicht tief genug ins Gehirn gegangen sind, ins Unbewusste, um es bei seinem tatsächlichen Namen zu nennen: Terror. Wenn er sich auf den Weg begibt zur obersten Ebene, geben wir ihm einen Namen: Angst. Wir befassen uns dann mit Angstattacken, weil wir uns ihres wirklichen Namens - Terror – oder ihrer tiefen Quelle – der ersten Linie - nicht bewusst sind.

Es gibt viele Ansätze zur Verbesserung in der konventionellen Therapie, was gut ist, aber das Problem ist hartnäckig und wird ein Leben lang andauern – genau wie die Einprägung, welche die Erinnerung im Speicher hält und auch das Symptom im Griff hat und erst loslässt, wenn die verursachenden Quellen erlebt/erfahren werden. Die erste Linie ist die Grundlage für unsere Persönlichkeit.Wenn unsere Persönlichkeit sich entwickelt, formt oder verzerrt die erste Linie die Gefühls- und später die Gedankensysteme.

Gemäß der frühen Arbeit von Melzack und Wall gibt es im Gehirn ein Schleusensystem, das eine spezielle Funktion hat. Unsere klinische Arbeit ergibt, dass das Schleusensystem eine andere Funktion hat als das, was sie beschreiben. Hauptsächlich besteht sie darin, Schmerz und Terror davon abzuhalten, höhere Ebenen des Bewusstseins zu erreichen. Kurz gesagt besteht sie darin, uns weiter unbewusst zu halten angesichts bedrohlicher Einprägungen. (Melzack & Wall, 1965). Ihre Arbeit war der Anfang der Schleusenkontroll-Theorie. Wenn das Baby in diesen frühen Phasen schwere Traumen erleidet, wird das Schleusensystem geschwächt, und wir haben „undichte Schleusen.“ Wenn das Trauma zu stark ist, veranlasst es das Gehirn, größere Mengen an Verdrängungssubstanzen aufzubrauchen, so wie z.B. Serotonin. Dies schwächt das angemessene Funktionieren des inhibitorischen Systems, unseres Abwehrsystems (Teicher et al., 2006). Das Trauma erschöpft nicht nur das Serotonin, es schädigt die Gehirnteile, die es produzieren, und es schädigt auch die Produktion von Dopamin und Epinephrin. Tranquilizer neigen dazu, zu ersetzen, was ursprünglich aufgebraucht wurde; Serotonin findet man in Prozac und in vielen Tranquilizern. Ihre Funktion ist, die Serotonin-Aufnahme zu blockieren, so dass wir mit der Zeit Vorräte beibehalten können. Es scheint, dass diese Tranquilizer einfach das stärken, was im usprünglichen Gefecht aufgebraucht worden war.

Wenn unsere Schmerzpegel hoch sind und wir somit weniger abgewehrt sind, können wir im Alter von dreißig Jahren eine Panikattacke erleiden, die zu einem Geheimnis wird. Und sie ist ein Geheimnis, weil ihr Ursprung tief im Gehirn liegt. Wir können jetzt ihre Herkunft verstehen: ein abgelegenes Nervensystem. Es ist verantwortlich für einen Großteil unseres anomalen Verhaltens und ebenso für schleierhafte und hartnäckige Symptome. Wir sehen jetzt in unserer klinischen Praxis alle diese primitiven Instinkte, die rasch anschwellen, wenn Patienten tief in ihr Nervensystem hinabsteigen. Sie lassen uns die ganze Zeit wachsam bleiben – hellwach, wenn wir zu schlafen versuchen sollten, überreaktiv, wenn es nicht angesagt ist. Freud nannte es Hysterie (Breuer & Freud, 1895).

Wir sehen jetzt, dass wir gleichzeitig zweifach reagieren, wenn wir in der Gegenwart agieren und es tief unten eine Resonanz gibt: Überreaktion. Die Resonanz kann der Terror durch eine schwangere Mutter sein, die geraucht und getrunken hat und die das Baby durch verminderte Sauerstoffzufuhr quasi getötet oder geschädigt hat. Diese und viele andere Konfigurationen verschwören sich und prägen Terror in das Baby ein, der als (Primär-) Erinnerung versiegelt wird. Wenn es zu einer Panikattacke oder Wutattacke kommt, müssen wir zwecks Verständnis und Heilung auf dieses Gehirn bauen. Nur mit diesem Gehirn können wir Ursachen und Antworten finden.

Es ist nicht nur Angst, die offensichtlich ist, sondern ebenso ernsthafte psychische Krankheit; das Ergebnis fürchterlicher und unausweichlicher Erfahrungen im Mutterleib (sehr früh in der Schwangerschaft). Es ist klar, dass die Erfahrung unausweichlich ist, wenn Mutter Drogen in den Fetus einleitet und seinen Sauerstoff absenkt. Patienten unten auf dieser Ebene (und ich weiß, wie lächerlich das vielleicht den Uneingeweihten scheint) legen diesen Terror wieder an den Tag. Sie fühlen sich, als würden sie sterben. In der Tat kommen sie dem Tod nahe. Das ist die Erinnerung, die fortbesteht und sich Jahre später zeigt, wenn die Schleusen bei Panikattacken schwächer werden.

Von größerer Bedeutung ist, dass nach einem Wiedererlebnis alle Schlüssel-Vitalwerte unter die Grundlinie fallen, sofern es ein tatsächliches Wiedererlebnis ist. Das ist nie der Fall bei Leuten, die sich in Abreaktion befinden (Freisetzung der Gefühlsenergie ohne richtige Verknüpfung). Der wichtige Punkt hier für unsere Diskussion ist, dass wir, wenn ein Patient tief hinabsteigt auf die erste Linie (Stammhirn), den Terror und die Wut sehen, die wir nicht sehen, wenn Patienten allein auf der limbischen Gefühlsebene wiedererleben. Hier ist es noch immer Ärger und Furcht; erst wenn wir tiefer gehen, wird daraus primitiver Terror und Wut. Patienten, die wieder auf dieser Ebene sind, befinden sich im Griff des Terrors, vielleicht ringen sie nach Luft und winden sich, bis sie die Verknüpfung zustandebringen. Es ist immer der Ursprung und die generierende Ursache, die letztlich zur Heilung führen können.

Lassen Sie mich schnell einen Punkt hinzufügen, der vielleicht paradox scheint: Es ist ein Schmerz, der nicht so sehr weh tut. Es ist Schmerz und Erleichterung zugleich. Es ist eine große Erleichterung, etwas loszuwerden, das unaufhörlich im Hintergrund unseres Lebens lauert, etwas, das unser Leben formt, unsere Interessen, Entscheidungen und Reaktionen. Wir wissen nicht, was da anwesend ist, aber es hinterlässt in uns ein Unwohlsein und eine chronische Besorgnis, die unerklärlich sind. Weil es präverbal ist, braucht es Zeit, um herauszufinden, was es ist und was man damit machen soll. Wir müssen vorsichtig sein, wie tief wir gehen sollen und wann. Abrupt zu tief zu gehen kann gefährlich sein, wie in der Pseudo-Primal-Praxis des Rebirthing. Genau deswegen werden unsere Patienten niemals auf diese Ebenen „geführt“ oder gezwungen; es geschieht automatisch als Ergebnis der Techniken, die wir über vier Jahrzehnte erlernt haben.

Wenn Gefühle aufsteigen, beginnt der Wiedererlebens-Prozess vielleicht mit quasi psychotischen Aussagen, ehe Patienten voll in der eingeprägten Erinnerung sind. Wenn der Terror ins volle Bewusstsein aufsteigt, haben sie vielleicht den Gedanken: „Ich sterbe! Sie wollen mich töten.“ Und die Heilung involviert Wiedererleben. Warum? Weil das Feeling, wenn es voll aufsteigt, sich mit dem vollen Bewusstsein verbinden kann. Und Verknüpfung ist das summum bonum der Heilung. Der Schmerz und der Terror sind endlich erlebt und ausgetrieben worden. Sie sind keine Bedrohung mehr, und deshalb erleiden fortgeschrittene Patienten keine Angstattacken mehr.

Das Ziel unserer Therapie ist, Erinnerung wiederzufinden, nicht nur Erinnerung der Szene oder des Ortes sondern der Gefühle, die dazu gehören. Diese Gefühle sind verdrängt und abgespeichert worden – der Schmerz und der Terror. Wenn Patienten diese Gefühle erleben, werden sie integriert. Sie sind sich der Gefühle bewusst, auch wenn sie vielleicht nicht genau wissen, wann es ursprünglich geschah. Was zählt, ist das Feeling. Eigentlich meine ich „die Empfindung.“ Empfindungen gehen den Gefühlen Millionen von Jahren voraus. Ursprünglich war ihre Valenz der Anlass, dass sie verdrängt wurden (andernfalls gibt es eine Überlastung) und dadurch zu einer fremden Kraft wurden, die nicht in das übrige System integriert werden konnte. Wenn diese Empfindungen voll gefühlt werden, sind sie jetzt Teil von uns. So verbindet sich die erste Ebene. Kurz gesagt stellen wir die Verbindung her auf der Ebene des Traumas und nur in diesem Kontext. Und wenn das Wiedererlebnis fortschreitet, ergibt sich ein beständiges Absinken der Vitalwerte bis unter die Grundlinie.

Wir dürfen nie Stufen überspringen, jemand zwingen, etwas zu verbalisieren, wenn es auf einer anderen, nonverbalen Ebene lebt. Es gibt auch Verbindung zum Neokortex, wo wir uns des Feelings bewusst sind und wie es uns steuert. Wir sind uns all dessen voll bewusst. Ganz anders als (intellektuelle) Bewusstheit, die allein zur dritten Linie gehört. Zu viele Therapien befassen sich mit (intellektueller) Bewusstheit und nicht mit vollem Bewusstsein. Das ist der Grund, warum Einsichten nur oberflächliche Änderung bewirken.

Weil die erste Linie die Grundlage eines Großteils des späteren Verhaltens ist, liefert sie, wenn sie gefühlt wird, so viel Einsicht in ein breites Spektrum von Verhaltensweisen. Diese Einsichten gründen auf tiefen Strukturen, werden aber letztlich auf der höchsten Ebene verstanden.

Wir können nicht allein auf der kognitiven dritten Ebene Fortschritte machen.Wir können uns bewusst werden, warum wir so oder so reagieren, aber nichts ändert sich biologisch; somit gesunden wir nur in unserem Kopf. Unsere Biologie ist ausgelassen worden in der biologischen Gleichung. Es ist so, als würde man sich eines Virus bewusst, was ihn in der Regel nicht umbringt. Also noch einmal: Verknüpfung bedeutet Freisetzung von Feelings im Kontext. Der letzte Vorbehalt „im Kontext“ ist wichtig. Es gibt Leute, die schreien und winden sich und weinen ohne Kontext, wie bei einer Leibesübung. Sie ändern sich nicht tiefgreifend, aber wenn der Patient langsam im Lauf der Zeit auf tiefe Ebenen hinabsteigt und auf die Stimuli und Ereignisse auf dieser Ebene mit den neurologischen Fähigkeiten jener Zeitphase reagiert, dann ergibt sich Fortschritt.

Volles Bewusstsein bedeutet, dass alle Ebenen des Gehirns fließend und harmonisch arbeiten. Keine Ebene ist von den anderen isoliert. Wir sind „eins“ im neurobiologischen Sinn des Worts. Und das sollte das Ziel seriöser Psychotherapie sein – volles Bewusstsein – nicht bloß intellektuelle Bewusstheit.

Vor einiger Zeit gab es eine Studie über Angstzustände, die Änderungen bei den Lymphozyten des Immunsystems fand, als würde das System angegriffen; und es wurde angegriffen von fremden, nicht-integrierten Kräften. Als die Angst verschwand, kam es zu einer Normalisierung der Lymphozyten. Es scheint, dass verdrängte Gefühle zu einer fremden Kraft werden, zu einer Bedrohung, die wie ein eindringendes Virus bekämpft werden muss. Ist es ein Wunder, dass Leute mit Angst verbreitet unter Immunkrankheiten leiden?

Die Theorie von drei Ebenen wird verdeutlicht durch Paranoia oder bizarre Gedankenbildung, die man oft bei Psychose findet. Wir haben herausgefunden, dass es manchmal zu Paranoia kommt, wenn Gefühle aufsteigen: „Ich sterbe gleich“ Das ist die direkte Entsprechung der frühen Einprägung. Es ist keine bizarre Ideenbildung, wenn es in den richtigen Zusammenhang gesetzt wird. Es ist der direkte Auswuchs einer Erinnerung, was mit uns geschehen war. Bei Paranoia kann es werden zu: „Sie versuchen mich zu töten.“ Ein drastisch geschwächtes Schleusensystem – wie bei chronischem Marijuana-Gebrauch – erlaubt den tiefen Feelings einen zu leichten Zugang zu höheren Ebenen, wo Gedanken und Glaubensvorstellungen das Heft in die Hand nehmen, um das Feeling zu blockieren, zu binden und zu absorbieren. Wir sehen Paranoia oft bei Leuten, die Halluzinogene nehmen. Gefühle werden entfesselt, während das Abwehrsystem geschwächt ist. Paranoia ist oft das Ergebnis. Wir müssen sie uns als Abwehr der dritten Linie vorstellen. Unter Drogen wie LSD oder Marijuana ist es an der Basis immer noch dieselbe Erinnerungs-Einprägung, nur dass der kortikale Verstand jetzt zu einer raffinierteren Mischung gezwungen wird. Tiefe Gefühle und Empfindungen sind freigesetzt worden. „Ich sterbe“ wird zu „Sie wollen mich töten.“ Oft ist da das Leitmotiv ‚Tod.‘ Das beweist uns den Ursprung einiger Psychosen: das Vor- und Hochbranden dieser tiefen Einprägungen (wo der Tod drohte) und der Kollaps der Schleusen. Das zwingt den Neokortex, alle möglichen seltsamen Vorstellungen auszuhecken, um die Gefühle einzufangen und einzukreisen und ihnen eine Art rationale Erklärung zu geben. Anstatt fürchterlichen Schmerz und Terror zu fühlen, brütet das kognitive Gehirn eine ausgeklügelte Fantasie-/Wahnvorstellung aus. (Thomson, 2007, p.85-113). Die Person kann ihre schreckliche Angst gerechtfertigen - „Sie sind darauf aus, mich zu kriegen; sie wollen mich töten“ - anstatt den nackten Terror zu fühlen. Um es zu wiederholen: Es gibt auf der ersten Linie eine Einprägung des drohenden Todes. Sie begibt sich auf den Weg zum Neokortex, wo sie eine kognitive Abwehr provoziert: „Sie wollen mich töten.“ Die Einprägung ist real; die Gedankenbildung nicht. Die Behandlung muss die erste Linie involvieren, nicht nur die paranoiden Vorstellungen. Der Kern dieser Ideenbildung ist nahezu immer das tiefe Gehirn.

Schmerz und Terror steigen auf, aber ehe es vollständige Bewusstheit und eine voll ausgeprägte Attacke gibt, kommt es zu seltsamer Gedankenbildung. Der Kortex wird an seine Grenzen getrieben; die letzte Zuflucht des Abwehrsystems. Wir können mörderische Wut besser verstehen: Wenn es in der Gegenwart ein Trauma gibt, wird die dritte Linie schwächer und von Einprägungen aus der Tiefe des Gehirns durchdrungen. Die Person agiert aus, weil es im Augenblick keine Abwehr gibt. Und wegen der immensen Wut, die wir sehen, wissen wir, dass die erste Linie involviert ist. Bei unseren Patienten steigen die Vitalwerte signifikant an, wenn die Einprägung der ersten Ebene näherrückt.

Bei der Verknüpfung kommt es zu einem wirklichen Wiedererleben der verdrängten Einprägung, und der Schmerz/das Feeling wird integriert; die Vitalwerte fallen im Einklang, nicht sporadisch, wie es bei Abreaktion geschieht, wo keine Verknüpfung stattfindet mit der Einprägung, mit der generierenden Quelle. Dieses Absinken informiert uns, dass ein Feeling in der Sitzung vollständig war. Für den Moment ist die Gefahr vorbei. Die innere, eingeprägte Gefahr ist konfrontiert, gefühlt und integriert worden. Gefühle sind eine permanente Bedrohung, wenn sie übermäßig schmerzvoll und angstbeherrscht sind. Das System wird von ihnen angegriffen, und wenn sie also aufzusteigen beginnen, hören wir: „Sie greifen mich an.“ Es sind nicht „sie.“ Es sind die Gefühle.

Verknüpfung bedeutet volles Erleben. Es kann einzig auf der nonverbalen Ebene (Herzschlag und Blutdruck) oder auf der Ebene vollen Bewusstseins erlebt werden, wo es zu kortikaler Verknüpfung und vollständigem Verständnis des Feelings kommt. Das Fühlen und die Integration der Verhaltens-Ursachen verhindert, dass sie ausagiert werden: „Meine Mutter musste immer wissen, wohin ich ging, also setze ich jetzt keinen Blinker, weil es niemanden was angeht, wohin ich fahre.“ Das Ausagieren ist das, was im Allgemeinen als neurotisches Verhalten bekannt ist. Die Heilung erfordert ein vollständiges Wiedererleben des Ursprungsereignisses, was Verknüpfung bedeutet. Unsere therapeutische Aufgabe ist, Patienten zu helfen, den Schmerz/Terror zu fühlen, d.h., ihn voll zu erleben. Wir können Terror erleben ohne Etikett; aber das Ziel ist, die Verdrängung zu mindern oder zu beseitigen, die die Gefühle festhält (siehe: „EGG-Studie von Amplitude und Frequenz bei Patienten einer Gefühlstherapie.“ UCLA Brain Research Bulletin, Don Walter, 1973).

Eine Möglichkeit, unsere Hypothesen zu kontrollieren ist die Messung der Vitalfunktionen, was wir in jeder Sitzung machen. Den Terror physiologisch zu fühlen kann dazu führen, dass die Vitalwerte von selbst fallen. Mit der Zeit ergibt sich auch ein signifikantes Absinken der Kortisol-Spiegel und eine höhere Anzahl natürlicher Killerzellen (siehe mein Buch Primal Healing ). Die entscheidenden metabolischen Veränderungen beinhalten auch ein permanentes Absinken der Körpertemperatur um ein Grad (Fahrenheit); da die Körpertemperatur ein Faktor für unsere Lebensdauer und für die Arbeit unseres Körpers ist, ist sie ein wichtiger Index. All das bedeutet, dass wir zum Schmerz gelangen und Verdrängung ungeschehen machen.

 

2. RESONANZ

 

Wir haben den Prozess der Resonanz untersucht. Die oberen neokortikalen Ebenen sind neurologisch verknüpft mit den unteren Ebenen und entwickeln sich aus diesen, so dass eine Widrigkeit in der Gegenwart mit verwandten Gefühlen auf diesen tieferen Ebenen resonieren oder diese auslösen kann. Auf dieselbe Weise, wie ein Patient, wenn er sich in dem Primal auf der ersten Ebene befindet, plötzlich ausrufen kann: „Ich habe das Gefühl, dass ich sterbe.“ Das Feeling ist von solcher Größe, dass es plötzlich in die oberste Ebene getrieben wird und verbal ausgedrückt wird. Ein neuer Patient kam in einer Sitzung schrecklichem Schmerz der ersten Linie nahe, setzte sich plötzlich auf und sagte: „Gott hat mich gerade gerettet. Ich bin gerettet.“ Der Neokortex schritt ein, um die Überlastung zu absorbieren und begann mit seiner Abwehrarbeit: „Ich bin gerettet“ oder vielmehr: „Ich habe den Gedanken entwickelt, gerettet worden zu sein, so dass er den Schmerz aufhalten kann.“ Die dritte Linie tut einfach ihre Pflicht. Der Glaube „gerettet“ geschah automatisch, weil Gefühle das kortikale Schleusensystem zwangen, seine Abwehrarbeit zu beginnen. Glaubensvorstellungen sind nicht launenhaft sondern liegen in der natürlichen Ordnung der Dinge. Es ist nicht das therapeutische Ziel, die Gedanken zu ändern, sondern vielmehr, ihre Untermauerung zu fühlen.

Wenn eine Frau das Heim verlässt, verursacht das oft Wut beim Ehegatten. Das trifft ganz sicher zu, wenn seine Eltern sich getrennt hatten, als er ein Kind war, und die Mutter das Haus mit jemand anderem verlassen hatte. Der Resonanz-Faktor, der durch die Scheidung in Gang gesetzt wurde, kann das ursprüngliche Trauma auslösen – die Mutter, die mit einem anderen Mann abhaut. Die alten und neuen Traumen verbinden sich und erzeugen übermäßige Reaktionen. Man kann von solchen Gefühlen und durch Resonanz eingekreist werden und in Wut entbrennen. In einer Erlebnis-Therapie durchlebt der Patient genau diese Gefühle, Zorn und mörderische Wut. Der Unterschied ist, dass er sich in einer sicheren Umgebung befindet, wo er sich voll ausdrücken kann und die alten Traumen fühlen kann, die diese Wut antreiben. Das ist keine einmalige Angelegenheit; Sitzungen erstrecken sich über viele Male, weil der Schmerz und Terror nicht sofort wiedererlebt werden können.

Wir haben die Resultate von Rebirthern behandelt, die genau das gemacht haben, Patienten weit über ihre Fähigkeit zu fühlen hinausgetrieben haben. Der Schaden ist Zerrüttung (der Abwehr), und er ist unbeschreiblich. Die Patienten fangen an, präpsychotische Gedanken zu entwickeln: „Ich bin eins mit dem Kosmos. Ich fühle das Universum in mir,“ etc. Dieselben Gedanken weiten sich manchmal zu offener Psychose aus.

Sobald der Terror im sich entwickelnden Fetus installiert ist, können die genetischen Zellen sich ändern und epigenetisch werden. Diese transformierten Zellen sind die Kuriere des Terrors. Sie steuern neurotisches Verhalten und alle Arten ernster Krankheiten einschließlich Krebs (die Zellen, die das Wachstum von Krebszellen blockieren, sind fast immer schwer methyliert, was auf frühes Trauma hindeutet). Dieser Prägungsprozess wird ausgeführt durch die Methylierung der Zellen; ein Teil der Methylgruppe chemischer Substanzen wir dem Gen hinzugefügt. Die Zellen tragen dann diese „Markierung,“ vielleicht ein Leben lang. Die zeitliche Distanz zwischen jener Prägung und der schrecklichen Angst mit zwanzig Jahren vor einer öffentlichen Rede ist so groß, dass die Quelle nicht einmal in Erwägung gezogen wird. Eingeprägt worden ist der Terror: der Terror des Erstickens, der Strangulierung, des Sauerstoffentzugs und der Hinderung, nach außen zu gelangen. Das sind alles lebensbedrohliche Faktoren, und sie bleiben unser ganzes Leben lang in ihrer ursprünglichen Form, jederzeit bereit, vorzupreschen. So kommt es zu übermäßigen Zorn, wenn jemand versucht, einem anderen etwas zu erklären, der nicht versteht; das Feeling ist: „Ich kann nicht durchkommen – zu dir.“ Es resonierte mit „Ich kann nicht durchkommen, komme nicht raus, kann mich nicht befreien.“ Und das ist verknüpft mit einem Sauerstoffmangel: „Ich werde sterben, wenn ich hier bleibe und nicht hinausgelangen kann.“ So ergibt sich eine große Dringlichkeit durchzukommen. Die erste Linie bricht gerade durch.

Somit ist Angst der Terror, der aus den tiefen Zonen der Neuraxis entspringt; noch präziser aus dem Stammhirn, dass Verdauung, Atmung, Ausscheidung und andere Vitalfunktionen kontrolliert. Tiefe Einprägungen können alle diese Prozesse beeinträchtigen und /oder Anfälligkeiten schaffen für darauf bezogene Krankheiten, von Durchfall bis zu Lungen-Dysfunktion. Eine Einprägung der ersten Linie ruft eine Reaktion der ersten Linie hervor, und das bedeutet Mittellinien-Reaktionen. Daher wissen wir, welche Ebene wahrscheinlich in Kolitis involviert ist. Da Angst in umgekehrtem Verhältnis zu Telomeren steht (diese Kappen auf den Chromosomen, die anzeigen, wie lange wir vielleicht leben), kann es sein, dass das Erleben von Einprägungen vielleicht das Leben verlängert.

Eine schwere Dosis Anästhesie für die Mutter während des Geburtsprozesses kann das Atmungssystem des Babys stilllegen und es dem Tod nahebringen. Das ist die Zeit schneller Gehirnentwicklung, in der ein Trauma langandauernde Wirkung haben kann. Später im Erwachsenenleben kann der Zwang entstehen, zehnmal am Tag die Tür zu kontrollieren, um sich zu vergewissern, dass das Haus sicher ist. Das entsteht aus einem Grundgefühl, dass man „nicht sicher“ ist. Es kann den Zwang ein Leben lang steuern. Oder denken Sie an die Angst vor dem Versagen, ein Gefühl, das so viele Patienten haben. Am Anfang steht die Furcht zu scheitern beim Versuch, ohne großen Kampf aus dem Mutterleib herauszukommen, wobei das Scheitern den Tod hätte bedeuten können. Es ist das Kampf-und-Scheitern-Syndrom, das uns zum Aufgeben veranlasst, wenn wir mit Hindernissen konfrontiert sind. (Gluckman, 2005; Lewit; 2009).

Furcht ist das limbische Eingangsportal zu früheren Einprägungen. Sie öffnet die Tür zum Terror tief darunter, der Teil unseres primitiven Gehirns ist und unserem emotionalen Gehirn Hunderte Millionen Jahre vorausgeht. Terror ist bestimmt für radikales und sofortiges Handeln; eine Schlüssel-Überlebensfunktion. Wenn eine Schwangere ernsthaft erregt ist, aktiviert sie ihr Baby, weil sie Furcht in den Fetus einbringt. Wenn sie trinkt, Tranquilizer benutzt oder ernsthaft durcheinander und ängstlich ist, verbindet sich das mit der früheren Ur-Aktivierung und erzeugt eine verstärkte Reaktion. Wenn der emotionale Zustand der Mutter über längere Zeit andauert, markiert er die genetischen Zellen des Fetus und ändert sie, prägt somit die Schreckensreaktion als dauerhaftes Vermächtnis ein. Und wenn unsere Patienten diese frühen Einprägungen wiedererleben, löst sich die Umhüllung von der Angst und sie wird zu dem Terror/Schrecken, der sie am Anfang war; wir sehen sie jetzt als das, was sie ist und war. Jetzt hat sie einen Kontext, einen Ursprung und einen richtigen Namen. (Mykletun et al., 2009, p. 118).

Wenn Gefühle später im Leben ins volle Bewusstsein durchbrechen, nennen wir es Panik oder Angstattacke. Das ist nicht korrekt; es ist derselbe unverfälschte Terror, der vielleicht Jahrzehnte früher eingeprägt worden war und jetzt durch die Schleusen gefiltert wird. Er kann in verkleideter Form ankommen, als Phobie oder als Zwang, aber an der Basis ist es noch immer dieser Terror. Wenn der Terror neurophysiologisch gefühlt und erlebt wird, fallen die Phobien oft weg, und das gilt auch für Migräne. Wir senken den Blutdruck durchschnittlich um 24 Punkte nach einem Jahr Therapie. Damit assoziiert ist auch das Absinken der Kortisol-Spiegel. (Goldman, 1998, p. 936-940). Wir nehmen den Druck aus dem System und normalisieren die Person.

Wir müssen verstehen, dass die erste Linie die Grundlage unseres Systems ist. Sie formt das Gefühlssystem der zweiten Linie und kann schließlich das Denksystem der dritten Linie verzerren. Um Probleme auf höheren Ebenen zu lösen, müssen wir zu der Grundlage zurückkehren, die sie geformt hat und zu Abweichungen beigetragen hat.

 

3. ÜBER WIEDERERLEBEN

 

Die Frage wird oft gestellt, ob wir Ereignisse im Mutterleib wiedererleben können, als wir ausgetragen wurden? Wenn ein Patient mit undichten Schleusen (die Schleusen, die Bewusstseinsebenen trennen), in einer Sitzung beginnt, ein Trauma über seine frühe Kindheit wiederzuerleben, kommt es manchmal zu einem Durchbruch von Geburtsereignissen. Das Trauma- sagen wir – über verminderte Sauerstoffzufuhr, als der Mutter schwere Betäubungsmittel verabreicht wurden, dringt ein; der Patient würgt und hat Erstickungsgefühle, kann nicht durchatmen. So kommt es mitten in dem Erlebnis, wie es sich anfühlte, als Vierjähriger verhauen oder kritisiert worden zu sein, plötzlich zu einem Erstickungsanfall; der Patient hat buchstäblich ein Todesnähe-Erlebnis. Wir nennen es First-Line-Intrusion, Eindringen der ersten Ebene.Wir sehen das oft bei sehr gestörten Leuten oder bei Drogensüchtigen. Es gibt präverbale Erinnerungen, die eindringen und zentrale Vitalwerte erhöhen können. Die übersteigerten Reaktionen sagen uns, dass es möglicherweise frühe Einprägungen gibt, welche  die Reaktion steuern und erzwingen.

In der Therapie ist der Abstieg ins tiefe Gehirn langsam, methodisch und evolutionär; er ist umgekehrte Evolution. Nach einem Jahr Therapie ergibt sich eine anhaltende Senkung des Blutdrucks, der Herzfrequenz und der Körpertemperatur. Das Schlüsselwort ist „anhaltend.“ Es ist keine Linderung; es ist substanzieller (Hoffman, 1981). Wir werden regiert von den Gesetzen der Evolution und Biologie.

 

4. MEHR ÜBER WIEDERERLEBEN

 

Eine Möglichkeit, sicher zu wissen, dass es sich um ein Wiedererlebnis auf der ersten Linie handelt, ist, dass der Patient alle seine Worte verliert; er kann nicht sprechen und nicht weinen. Er befindet sich auf einer äußerst primitiven Ebene der Nervenentwicklung, lange vor der Fähigkeit zu Worten und Gedanken. Wenn der Patient je ein Wort sagt während seines Geburts-Primals, wissen wir, dass es ein falsches Erlebnis ist. Es geschieht nie, wenn die Therapie richtig durchgeführt wird. Wir sehen es aber bei Menschen, die von Leuten kommen, die behaupten, unsere Therapie zu machen. Sie haben gelernt zu schreien und auf die Wände einzuschlagen und zu sagen: „Ich hasse dich, Papa.“ Neugeborene haben keine Worte.

Es war im Jahr 1965, dass Melzack und Wall den (vorher zitierten) Schleusungsprozess beschrieben. Er bot eine neue Heuristik an für die Schmerzkontrolle und wies den Weg, wie wir Schmerz regulieren. Wenn es viel Misshandlung, Gewalt und Vernachlässigung gibt in der Kindheit, dann leiden die Schleusen. Sie verfügen nicht mehr über die chemische Grundausstattung, um die Einprägung von Schmerz zu bekämpfen.

Wenn die Schleusen geschwächt sind, kann sich die Energie verborgener Gefühle dem vollen Bewusstsein annähern. Das kann uns ängstlich und aufgeregt zurücklassen und dennoch unwissend, was da gerade geschieht.

Undichte Schleusen ermöglichen diesen früh eingeprägten Empfindungen aufzusteigen, ausgelöst durch etwas in der Gegenwart (Scheidung oder Jobverlust), das die ursprüngliche generierende Ursache und dasselbe Feeling hervorruft – Hoffnungslosigkeit. Während wir etwas in der Gegenwart erleben, kann ein altes Gefühl aus der Kindheit durchbrechen und uns beunruhigen. In den letzten Jahren gab es Hunderte von Studien, die auf Traumen im Mutterleib hinwiesen und auf deren spätere Auswirkungen auf unsere Gesundheit und Persönlichkeit. (siehe wiederum: The Fetal Matrix, an anderer Stelle zitiert). Je früher dieses Trauma sich ereignet, umso weiter gestreut und umso zerstörerischer sind die Auswirkungen, einschließlich Krebs und Alzheimer.

(Wir planen ein Forschungsprojekt über Alzheimer unter Verwendung des Fragebogens, der sich hinten in meinem Life before Birth befindet. Vorläufiges Beweismaterial, unbestätigt, deutet auf eine Verbindung zwischen der Krankheit und schrecklichem Trauma im Mutterleib.)

Am Ende einer Sitzung, wenn der Patient Sauerstoffentzug wiedererlebt hat, beginnt er vielleicht mit schnellem Atmen, um den Sauerstoffmangel zu kompensieren, den er während der Sitzung erlebt hat. Oder noch wahrscheinlicher ist, dass ein Patient, wenn er voll in einem Erstickungs-Wiedererlebnis auf der ersten Linie steckt, mit etwas beginnt, das ich als „Lokomotiven-Atmung“ bezeichne, kratzig und heiser und schnell, als wolle der Patient das Erlebnis ausgleichen, indem er nach Luft schnappt. (1992 haben wir darüber Forschungen angestellt, zusammen mit dem Lungenlabor der UCLA. Wegen eines Direktor-Wechsels gingen die Details der Forschung verloren. Das Projekt ist gefilmt worden.)

Schweres Atmen kann viele Minuten andauern, und dann kommt es zu Entspannung. Es kann viele Sitzungen dauern, bis der Grund verständlich wird. Obwohl dieses schwere Atmen bis zu zwanzig Minuten andauert, kommt es nie zu Hyperventilation. Wir haben Experimente angestellt, wenn der Patient nicht in einer Erinnerung ist, und nach drei Minuten wird er/sie benommen und hat das Gefühl, gleich ohnmächtig zu werden. Die Hände verkrampfen und die Koordination lässt nach. Das geschieht konsequent bei Leuten, die sich bemühen, in die Vergangenheit zurückzugehen, ohne voll in der Erinnerung zu stecken.

Um es zu unterstreichen: In einem Feeling der Vergangenheit zu stecken ist ein totaler biologischer Zustand, der tiefes Atmen über eine lange Periode zulässt. Der Patient ist versunken in der Erinnerung aufgebrauchten Sauerstoffs und damals benötigten Sauerstoffs. Das ist einer von vielen Kontrollpunkten, die wir für den Primal-Zustand haben. Die Patienten sind neurophysiologisch tatsächlich in der Vergangenheit. Wir vergewissern uns auch, ob die Vitalwerte in einer Sitzung koordiniert sind, wenn sie nach oben und unten gehen, oder ob es auf sporadische Weise geschieht. Ein wirkliches Wiedererlebnis bedeutet koordinierte Vitalwerte. Deshalb hat ein Patient, der am Rande eines Feelings von hoher Valenz steht, einheitlich hohe Vitalwerte: Hirnwellen, Blutdruck und Herzfrequenz.

Wir achten auf First-Line-Intrusion, weil sie eine Mischung von Ebenen bedeutet, welche die Integration eines einzelnen Gefühls auf einer spezifischen Ebene verhindert. Mit dieser Art eines tiefen Primals können wir zum Schluss Atemstillstand sehen, der eine volle Minute andauern kann; keinerlei Atmung. Wir können nur hypothetisieren, dass es eine letzte Anstrengung ist, Sauerstoff einzusparen. Wenn in einer Sitzung die Vitalwerte nach dem Wiedererleben eines Traumas fallen, deutet es darauf hin, dass Integration stattfindet. Es gibt keine anoxischen Gefühle und auch keine Todesängste mehr; keine Panik mehr.

In gewisser Hinsicht scheint ein Primal ein bewusstes Koma zu sein, außer es ist auch ein partiell bewusstes. Der Patient ist sich in der Zeit, in der er dort in der Vergangenheit zurück ist, schwach der Gegenwart bewusst; es ist ein wahres Wiedererlebnis. Es gibt immer noch ein Randbewusstsein der Gegenwart, aber wenn er dort zurück ist, kann er weinen/schreien wie ein Säugling oder Kleinkind, was er nach der Sitzung nie duplizieren kann. Es sollte heißen „weinen/schreien als der Säugling/das Kleinkind.“ Es ist das Weinen/Schreien eines Kleinkinds.

Wenn die zwei Gehirnseiten in einer Primal-Sitzung besser verknüpft sind, kommt es zu einer Entspannung, die andauert. Fühlen verbindet die Gehirnseiten, während schmerzvolle ungefühlte Gefühle sie auseinander halten.Es scheint zwei Arten der Verknüpfung und Integration zu geben: von rechts nach links (horizontal) und von unten nach oben (vertikal).Wenn das geschieht, haben wir allmählich Normalisierung. Erik Hoffman und ein Kollege von der Rutgers Universität (L. Goldstein) fanden heraus, dass sich die Gehirne unserer Patienten nach einem Jahr Therapie auszugleichen schienen, eine Änderung der Kräfte zwischen anterioren und posterioren Sektionen des Gehirns und ebenso zwischen der rechten und linken Hemisphäre. (Hoffman, 1981).

Durch den Resonanzprozess wird der frühe Schmerz ans Licht geholt, weil er in gewisser Weise mit den Gegenwartsgefühlen verwandt ist. Es hat vielleicht etwas zu tun mit identischen oder ähnlichen Frequenzen. Die Arbeit des späten Mirecea Stereade (1996, Bukarest) hilft, den möglichen Prozess durch parallele Oszillationen von Neuronen zu erklären. Die frühe Erinnerung, die „resoniert“ wird, kann die Form von Hoffnungslosigkeit oder Hilflosigkeit annehmen, wenn die gegenwärtige Situation bewirkt, dass die Person beide Gefühle (hoffnungslos und hilflos) empfindet. Wenn die Sachbearbeiterin in der KFZ-Zulassungstelle ständig den Versuch eines Patienten abblockt, etwas zu erklären, und sie sagt „tut mir leid, da kann ich nichts machen“, kann Wut einsetzen, die vom Neokortex kontrolliert wird. Anscheinend ist es ein Primal über die KFZ-Behörde, in dem Hoffnungslosigkeit gefühlt wird. Das kann die ganz frühe Hoffnungslosigkeit hervorrufen, die gefühlt wurde, als man versuchte geboren zu werden, und dabei durch Betäubungsmittel erstickt wurde – die wahre Primär-Hoffnungslosigkeit. Jahre später, wenn man vergeblich versucht, zu jemandem durchzukommen, setzt diese tiefe Hoffnungslosigkeit ein, und ein Resultat (von mehreren) kann Depression sein. Das Feeling ist: „Ich komme nicht durch --- zu ihnen, und ich kann nichts tun.“

Der erste Teil - „komme nicht durch“ - drückt den frühen Schmerz/die frühe Einprägung perfekt aus. Wir sehen, wie die dritte Linie die unteren Ebenen beherbergt und rationalisiert. Das eingeprägte Feeling „komme nicht durch oder komme nicht hinaus“ bleibt unser ganzes Leben lang in seiner ursprünglichen Form. Solange das Feeling nicht erlebt und erfahren wird, wird es ausagiert. Solange vergrabene Gefühle als fremde Kraft abgeschottet bleiben, ist der Mensch zum Ausagieren gezwungen. Das ist der Punkt, der soviel Kummer macht. Eine Frau, die ihrem Vater nicht trauen konnte, der verführerisch zu ihr war, kann ihrem Freund und seinen Motiven gegenüber misstrauisch sein. Es ist die erste Linie, die das Ausagieren von Ungeduld, Impulsivität, Schrei-Episoden, etc. antreibt. Es ist in der Regel der limbische Input der zweiten Linie, der dem Feeling eine bestimmte Richtung gibt.

Leute, die im Lauf der Zeit in der Therapie Hoffnungslosigkeit wiedererleben, machen ihre Depression rückgängig. Das wird in meinem Werk erörtert (Janov, 2007). Es ist Resonanz, die dem Patienten erlaubt, von einer Ebene ausgehend auf eine andere hinabzusteigen, ein Vorgang, der unglaublich starke Reaktionen ermöglicht. Es scheint immer so unverständlich, wenn ein Kind, obwohl es gute Eltern und eine normale Kindheit hatte, sehr gestört ist. Was ausgelassen wurde, war die so wichtige Kernphase seines Lebens – Schwangerschaft und Geburt. Hier sehen wir extreme Reaktionen, die auf tiefe Schmerzebenen hindeuten. Der Schmerz ist messbar. Im Allgemeinen gilt: Je höher die Valenz ist, umso schädlicher ist die Einprägung. Wenn ein depressiver Mensch eine Therapie in einer kognitiven Klinik macht, erhält er vielleicht die Diagnose „endogene Depression,“ obwohl sie von einer gut angeschotteten Einprägung herrührt.

Die Art, wie wir die Zeit im Mutterleib wiedererleben, kann nur innerhalb der Möglichkeiten liegen, die der ersten Linie zur Verfügung stehen; das heißt, die physiologischen Wirkungen wiederzuerleben, wobei bislang keinerlei Gefühle möglich sind. Auf dieser Ebene können wir nicht schreien oder weinen/schluchzen. Gefühle erscheinen später in der Phylogenese und Ontogenese. Wenn wir also übermäßige Angst haben, während wir etwas wiedererleben, das sich viel später in unserer Kindheit ereignete, weist das auf einen Durchbruch der ersten Linie hin; ein uraltes Gehirn informiert ein höheres Gehirn über seinen Schmerz. Die erste Linie kann, kurz gesagt, nur die primitiv biologischen Reaktionen bereitstellen, wie Herzschlag, Blutdruck, Körpertemperatur und ebenso Veränderungen im Hormon-Ausstoß. (Unsere Patienten, die zu Beginn der Therapie hohe Stresshormon-Spiegel hatten, wurden nach einem Jahr unserer Therapie normal. Siehe dazu Quellenangabe „Hoffman“). Wir können von der ersten Ebene nicht erwarten, dass sie spricht. Sie „spricht“ bereits, und wir lernen diese Sprache jeden Tag. Zum Beispiel gibt es eine bestimmte Fußposition beim Wiedererleben der Geburt; wenn sie nicht da ist, dann ist das Primal fragwürdig. Wenn wir eine Grafik des Geburtsprozesses anschauen, sehen wir immer diese Fußposition (mit Ausnahme der Steißgeburt). Das Gesicht nimmt manchmal fötale Züge an. Es ist ein Ensemble körperlicher Verhaltensmuster, das uns ebenso gut wie Worte informiert. Dieses Verhalten gehört einzig zur ersten Linie, so dass wir kein reiferes Verhalten erwarten dürfen; und natürlich erwarten wir auch in der frühen Kindheit keine Erwachsenen-Worte wie „Rechtfertigung“ oder „sporadisch.“ Sie verraten, auf welcher Bewusstseinsebene der Mensch gerade funktioniert.

Das Eindringen der tieferen Ebene gibt dem Primal viel mehr Kraft, übermäßig viel, mehr als wir erwarten können, wenn zum Beispiel eine Patientin etwas wiedererlebt, als sie acht Jahre alt war. Und wenn sie während der Sitzung mit einem rektalen Thermometer (Thermistor) gemessen wird, sehen wir signifikante Spitzenpotentiale. Das geschieht, wenn das aktuelle Feeling eine starke Komponente der ersten Linie hat. Das kann die Körpertemperatur um zwei Grad erhöhen.

Wir sehen Intrusion oft bei Prä-Psychotikern, die fast immer einen kaum unterdrückten Aspekt der ersten Linie aufweisen. Und deswegen brauchen sie oft Schmerztöter oder Tranquilizer, um die Kraft zu unterdrücken. Das ist nur für eine gewisse Zeit erforderlich. Medikation ist nicht das Ziel der Therapie; sie ist eine temporäre Intervention, die dem Patienten ermöglicht, sich ohne Überflutung mit einem einzelnen Feeling zu befassen. Der Grund, warum wir in seltenen Fällen Medikamente benutzen, ist, weil sie helfen, die Ebenen für einen Moment auseinander zu halten, so dass eine Ebene nicht die Grenze zu einer anderen überschreitet. Die Möglichkeit, Schmerz auf einer Ebene mit Medikamenten zu dämpfen, informiert uns, dass jede Ebene ihre eigene unabhängige Existenz und ihren eigenen Schmerz hat, obwohl diese Ebenen miteinander verbunden sind. Es gibt spezifische First-Line-Blocker wie Alprazolam (Xanax), die die erste Ebene an Ort und Stelle halten, während andere Schmerzmedikamente das nicht können. Bestimmte Medikamente zielen auf die erste Linie ab, während andere mehr limbisch ausgerichtet sind, und wieder andere sind auf den Kortex orientiert. Xanax wird nicht als First-Line-Blocker verkauft; es wir von dem Pharma-Haus als Anti-Angst-Medikament beworben. Und das ist in unserer Übersetzung ein First-Line-Blocker.

Patienten sind sich hinterher oft nicht bewusst, dass sie auf der Ebene der ersten Linie wiedererlebt haben. Erst nach vielen Wiedererlebnissen wird es offensichtlich. Der Fetus ist sich bestimmt nicht bewusst, wo er ist und was seine Umgebung ist, und denoch reagiert er auf sie. In der Sitzung reagiert er auf dieselbe Weise wie ursprünglich, vielleicht mit denselben Vitalwert-Veränderungen. Wir haben festgestellt, dass sich nahezu identische Vitalwerte ergeben, wenn ein Patient ein spezifisches Feeling mehrfach wiedererlebt.

Wenn die Mutter raucht, könnte das zu einem Nachwuchs führen, der seinen Atem unter Stress anhält. Das Ursprungstrauma hat einen prototypischen Abwehr-Apparat eingerichtet. Der Sprössling konserviert wieder Sauerstoff, wenn er gestresst wird. Wenn er oder sie aufgeregt sind, halten sie vielleicht automatisch den Atem an. Es ist wieder die primäre, ursprüngliche Reaktion auf das Ersticken. Auch Migränen können ausgelöst werden als Reaktion auf reduzierten Sauerstoff zuerst im Zimmer, dann im Mutterleib. Vasokonstriktion ist eine von vielen biologischen Mitteln, um Sauerstoff zu konservieren.

Die Abwehr des Körpers ist vorzüglich. Manchmal beginnen Patienten die Sitzung mit einer voll entwickelten Panikattacke; sie sind atemlos, und das Herz schlägt heftig. Sie legen sich hin und gehen geradewegs auf die erste Ebene. Wenn die Sitzung vorüber ist, wissen sie in der Regel, was die Panikattacke verursacht hat und wie sie damit umgehen müssen. Es ist eine Erleichterung zu wissen, dass man nicht mehr in stiller Verzweiflung leiden muss. Es gibt etwas, das man tun kann, und das ist die Botschaft dieses Artikels; zu wissen, dass eine Antwort möglich ist.

Fortgesetzte Angst kann durchaus einen vorzeitigen Tod verursachen, und zusätzlich kann sie das kognitive Gehirn schädigen und dessen Denkfähigkeit später im Leben schädigen. Was sie auch von früh an macht, ist der Input von so viel neuraler Information, dass die Person daran gehindert wird, sich über längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Es kommt so viel Stimulierung von der inneren Einprägung, dass Input von außen kaum zugelassen wird.

Ich nutze die Sequenz meiner Patienten in ihren Wiedererlebnissen als Beispiel. Zuerst fühlen sie amorphen Schmerz und Leiden, dann fügen sie eine Szene hinzu wie „Sie lieben mich nicht,“ (wütend) „Ihr Bastarde, warum liebt ihr mich nicht?!“ Dann bittet der Patient: „Bitte liebt mich.“ Und schließlich: „Es ist alles hoffnungslos.“ Es erinnert uns an den Killer, der derselben Sequenz zu folgen scheint. Oft ist es so, dass die Frau ihn verlassen und die Kinder, die ihm Liebe gaben, mitgenommen hat. Er ist wütend und will töten (im Primal), tötet aber im realen Leben tatsächlich. Dann stellt sich äußerste Hoffnungslosigkeit und Resignation ein (in der Therapie wird der Schmerz/die Wahrheit endlich gefühlt und der Patient von der ihn bedrängenden Einprägung befreit), aber im Leben da draußen verharrt der Killer in Hoffnungslosigkeit und tötet sich selbst. Er ist seinen Zorn losgeworden, aber es ist nichts übrig geblieben, er kann nirgendwo hin mit seinen Gefühlen, und es gibt keine Auflösung. Das Leben hat seine Bedeutung verloren; er steckt fest in Agonie, keine Chance, sich besser zu fühlen, keine Chance auf Liebe, kein Grund mehr, weiterhin zu leben.

 

5. ZORN UND WUT

 

Wie funktioniert Resonanz im Bereich des Zorns? Etwas in der Gegenwart macht jemanden sehr wütend; seine Frau lässt sich von ihm scheiden und versucht, die Kinder zu behalten. Das Geld wird knapp, und sie will noch mehr. Sie weigert sich, ihn zu sehen oder mit ihm zu reden. Sie wendet die Familie gegen ihn. Aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen hat er seinen Job verloren und hat keine Aussicht auf einen neuen Job. Alles scheint trostlos, und es gibt keine Alternative. All das sind Attacken gegen die Abwehr. Es gibt nur ein gewisses Maß, das absorbiert und integriert werden kann. Und das alles beruht auf einem Fundament, das in der Kindheit bereits geschwächt worden ist, wie im Fall einer Mutter, die wegen eines anderen das Haus verlässt. Die Abwehr ist so geschwächt, dass es keine Barriere gibt, die tieferen angehäuften Schmerz zurückhält. Die Person verliert die Kontrolle, und die Folgen können schwerwiegend sein. Klinisch gesehen brechen die unteren Ebenen durch auf die kortikalen Ebenen, sodass Perspektive und kritisches Urteilsvermögen verschwinden; der Mann ist außer Kontrolle, weil das die zentrale Funktion der dritten Linie ist, die jetzt nicht mehr funktioniert.

Hier liegt das Problem auf der Gefühlsebene, wo es machtvolle Emotionen gibt. Zweifellos darf sich die Behandlung nicht ausschließlich auf die kortikale Ebene konzentrieren. Es ist Resonanz, was sich ereignet hat. Die Gegenwartssituation mit der Ehefrau resoniert mit tieferem Zorn, der sich letztlich in Wut und Raserei verwandelt. Somit macht die dritte Linie dem Reptiliengehirn der ersten Ebene Platz, wo Killer-Gefühle residieren. Und für diesen Moment wird das hemmende Gehirn der dritten Linie ersetzt durch das instinktive, primitive Gehirn, und es könnte zu Mord kommen. Vorübergehend wird das tiefste Gehirn zum höchsten funktionsfähigen Gehirn. Das dauert vielleicht nur Minuten. Sobald die Wut ausgedrückt worden ist, sinkt das Schmerzniveau, und ein Teil des reflektierenden Denkgehirns der dritten Linie nimmt seine Funktion wieder auf. Und der Killer kann jetzt sagen: „Ich weiß, was ich getan habe.“ Im Augenblick der Krise wusste er nicht, was er tat; seine Wut übernahm die Regie, und er geriet unter die Kontrolle des Reptiliengehirns.

Das ist ein extremes Beispiel, das nichtsdestotrotz auf siebenundvierzig Jahren klinischer Praxis beruht. Bei geringerer Schmerz-Einprägung kann Resonanz auch einfach zu impulsivem Verhalten führen, wobei jemand ausagiert ohne zu denken. Inhibitorische und verzögernde kognitive Prozesse machen primitiven Impulsen Platz, und wir bekommen das, was ich kürzlich in der Therapie gesehen habe, einen bestens bekannten Football-Spieler, der sich in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt hatte. Er musste sogar noch mehr beweisen, dass er ein Mann war. Die Ursachen hatten hier zwei aktive Ebenen: Ein Kindheitstrauma, in dem er von seinem Macho-Vater als Memme abgewertet wurde, und tieferer Schmerz von einer Mutter, die während der Schwangerschaft trank; nur einen Cocktail nachts, aber der war verheerend. Jedes Mal, als er um Hilfe bat, sagte sein Vater: „Bist du so hilflos, dass du nichts für dich selbst tun kannst?“ Die ganze Angelegenheit wurde in sexuelle Kanäle abgeleitet. Natürlich masturbierte er während seines Ausagierens und fand schließlich Erleichterung. An Stelle des Ausagierens musste er in der Therapie bitten: „Liebe mich, Pappi, halte mich, hab‘ mich gern, setz‘ mich nicht runter.“ Das erzeugte schließlich endgültige Erleichterung.

Ich habe immer und immer wieder Wut gesehen, wenn sehr gestörte Patienten anfangen, auf der emotionalen, fühlenden Ebene wiederzuerleben und plötzlich von den tieferen Ebenen beeinflusst werden. Sie fangen an, mit enormer Heftigkeit auf die Matraze und auf die gepolsterten Wände einzuschlagen; sie können dreißig Minuten lang schreien. In der Therapie können sie die Wut lenken, sich mit ihr verbinden. Der Patient wird von seiner Wut nicht überwältigt. Therapie ist eine kontrollierte Situation und kein Ausagieren. Die Situation wird ausagiert, wenn die Person keine Ahnung hat, dass es tief im Unbewussten Gefühle gibt, und sie nicht kontrollieren kann. Das Unbewusste hat die Kontrolle übernommen. Und die Person tötet vielleicht. Wut liegt auf derselben Ebene wie schreckliche Angst; sie sind unsere primitiven Urahnen, beide Überlebensmechanismen. Wenn wir um unser Leben kämpfen müssen, dann müssen wir zuerst Angst haben und dann wütend werden – rasend vor Wut.

Leute, die drauf und dran sind zu töten, werden oft von Paranoia überflutet. Paranoia ist oft ein Zeichen für das Aufsteigen tiefer Gefühle, die Gedanken vorantreiben: „Sie wollen mich töten.“ In jedem Fall sind diese Gedanken Vorläufer von First-Line-Feelings, die ausgelöst worden sind und jetzt hochsteigen; aber der Mörder fällt nie in diese Erinnerungen/Gefühle. Dafür bräuchte er professionelle Hilfe. Stattdessen tötet er. Er agiert diese Gefühle aus. Und er macht das, weil sein Leben größtenteils lieblos und traumatisch ist: Vater verlässt die Familie, Mutter ist Alkoholikerin. Das sind die täglichen Angriffe in der Kindheit, die das Abwehrsystem schwächen. Sie häufen sich, so dass schwere psychische Erkrankung garantiert ist.

Anti-psychotische Medikamente helfen dabei, das Reagieren der untersten Gehirnebenen zu dämpfen. Medikation unterdrückt Reaktion. Sie tut dies, indem sie oberste Ebene verstärkt, sodass sie aktiver und effektiver ist; und gleichzeitig kann sie hemmende Substanzen haben, die den Schmerz der tieferen Ebenen blockieren; somit bekommen wir einen aktiveren Kortex und einen weniger aktiven Hirnstamm und ein weniger aktives limbisches/fühlendes Gehirn. Oft schließt der Inhalt dieser Medikamente Substanzen ein, die wir selbst produzieren sollten. Aber es geschieht nicht, weil all die frühen Traumen die Vorräte erschöpft haben. Wir können nicht genug herstellen, um den Schmerz zu überdecken. Wenn also unsere innere Apotheke den Job nicht machen kann, brauchen wir Hilfe von der Apotheke um die Ecke. Wir können es antipsychotische Medizin nennen, aber alles, was sie macht, ist, dass sie ausgleicht, was wir nicht mehr selbst herstellen können. Sie ist ein First-Line-Blocker.

Die Lektion, die wir daraus entnehmen können, ist, dass die Abwehr der ersten Linie bereits in geschwächtem Zustand ist, wenn es während der Schwangerschaft und bei der Geburt Deprivation und schweres Trauma gibt. Wir werden dann beschädigt geboren, was vielleicht jahrelang nicht in Erscheinung tritt.

Was Wut anbelangt, so hatte das Kleinkind vielleicht unkontrollierte Tobsuchtsanfälle. Die sind die Vorläufer. Wir können viel dazu beitragen, mörderische Wut zu vermeiden, indem wir gewährleisten, dass es so wenig Trauma wie möglich gibt, wenn wir im Mutterleib leben. Kein Alkohol- und Drogenkonsum der Mutter. Keine Streitereien mit ihrem Ehemann. Keine verrückten Diäten, während sie austrägt. Was wir tun können, um die Gesellschaft zu ändern und Unheil zu vermeiden, ist die Änderung unserer Geburtspraktiken. Keine schweren Drogen/Medikamente mehr, die der Mutter bei der Geburt verabreicht werden. Gewährleisten, dass das Neugeborene gleich nach der Geburt gehalten und liebkost wird. Viel zu diesem Thema wird erörtert in meinem Buch Imprints. Die Schwangerschaft ist unsere wirkliche Kindheit. Was während dieser Monate geschieht, beeinflusst uns ein Leben lang, legt fest, wie wir uns verhalten und welche Krankheiten wir haben werden und letztlich, wie lange wir leben.

Solange Feelings abgeschottet bleiben, verkürzt sich dadurch vielleicht unser Leben. Unsere Hypothese lautet, dass Primals die Telomere (ein Index der Lebensdauer) vor vorzeitiger Verkürzung bewahren. Im Allgemeinen können wir ein umso längeres Leben erwarten, je länger die Telomere sind. Aber das ist eine Variable, die zu messen bleibt.

 

6. ÜBER ERINNERUNGS-EBENEN

 

Zu oft betrachten wir Erinnerung als etwas, das wir verbal erinnern können. Es gibt aber mehrere Arten von Erinnerung; jede Bewusstseinsebene erinnert sich auf ihre eigene Weise. Das emotionale System erinnert sich durch Gefühle. Etwas lässt uns weinen, und wir haben keine Ahnung warum. Wir erinnern uns auf nonverbalen Ebenen auf nonverbale Weise und wiedererleben auf diese Art und Weise.

Epileptische Anfälle können eine andere Form der Erinnerung sein. Wenn Patienten die erste Linie wiedererleben, sehen wir, dass es oft ein epileptisches Äquivalent ist. Später in der Therapie haben sie dann Primals auf der ersten Ebene anstelle eines Anfalls. Wir sind erfolgreich bei Epilepsie, weil wir eine Schmerzebene entfernen, die den Anfall manchmal offensichtlich macht.

Es gibt Ansätze auf der dritten Linie, um Symptome der ersten Linie zu kontrollieren; umschlossene Orte vermeiden, die „Doppelgänger“ eines Lebens im Mutterleib unter Sauerstoffentzug sind. Umschlossene Räume werden von Leuten, die diese Einprägung haben, vermieden, um keine Panikattacke auszulösen. Sie kann von einer Mutter verursacht werden, die sich für die Geburt des Babys nicht leicht öffnen konnte, oder von einer Mutter, die bei der Geburt vom Arzt unter Drogen/Medikamente gesetzt wurde. Nicht der eng umschlossene Raum ist die Gefahr; es ist die Erinnerung, die er hervorruft oder mit der er resoniert. Die Erinnerungsebene, die er provoziert, kann tief sein. So kann sogar ein Raum ohne offene Fenster Angst auslösen. („Ich kann nicht raus.“). Ein Primal kann es bewusst machen, aber auch, wenn es unbewusst bleibt, ist es immer noch eine aktive Erinnerung, die nichtsdestotrotz wühlt und beunruhigt. Wir können Abhilfe schaffen, indem wir die Fenster öffnen, oder besser, indem wir der Sache auf den Grund gehen, wo der Mensch sich umschlossen und eingesperrt fühlen kann. In unserer Arbeit machen wir alle diese Ebenen mit der Zeit zu voll bewussten Erfahrungen; nicht hauptsächlich verbale Erfahrungen sondern bewusste. Wir versuchen nie, eine nonverbale Erinnerung in etwas Verbales und/oder Intellektuelles umzuwandeln. In der konventionellen Therapie kann „sag mir, wie du dich fühlst“ eine irreführende Technik sein, welche die Ebenen durcheinanderbringt. Sie benutzt die dritte Linie, um zu versuchen, die zweite hervorzurufen; aber die eine Ebene von Gehirngewebe kann nicht die Arbeit einer anderen machen. Die dritte Linie ist Spezialistin für Gedanken und Philosophien. Sie kann peinlich genau anlysieren. Sie ist eine Ebene der Präzision, aber nicht vorherrschend emotional.

 

7. DIE KRITISCHE PERIODE

 

Ich habe die kritische Periode nicht erwähnt, aber die Schlüssel-Einprägung findet statt in der Zeitperiode, in der spezifische Bedürfnisse erfüllt werden müssen. Wenn sie zu dieser Zeit nicht erfüllt werden, wird die Einprägung weitgehend irreversibel. (Wir können die Einprägung oft umkehren, weil sich Patienten mit ihr befassen und sie wieder erleben.) Wenn das Bedürfnis seinen Zenit erreicht hat, verlangt es Erfüllung; wenn nicht, gibt es Schmerz. Und der Schmerz wird umso mächtiger, je früher das Bedürfnis auftritt. Wir brauchen ein ruhiges Leben im Mutterleib. Wir brauchen ein Baby, das sofort nach der Geburt Körperkontakt mit der Mutter hat. Wenn es nach der Geburt acht Wochen lang nicht berührt wird (die Mutter ist krank), entsteht bereits großer Schaden, weil die kritische Periode für Erfüllung vorüber ist. Wir können uns vorstellen, welcher Schaden verwaisten Babys zugefügt worden ist. Ja, Berührung ist hilfreich nach der kritischen Periode, aber die Einprägung der Deprivation kann sich bereits im System verankert haben.

In der Schwangerschaft können Depression oder chronische Angst der Mutter Schaden anrichten. Sie darf keine Diät machen, um sich schlank zu halten, weil sie dadurch dem Baby die Nahrung entzieht. Wenn sie es tut, kann es zu einer Ess-Störung kommen, die ein Leben lang andauert. Wenn es eine Erinnerung an Hunger im Mutterleib gibt, dann wird der Nachwuchs, wenn er hungrig ist, zu viel essen; er oder sie isst für jetzt und für die Hunger-Erfahrung, die der Sache einen großen und mächtigen Zwang verleiht. Das ist einer von vielen Prüfpunkten in unserer klinischen Arbeit; die Kraft des Zwangs, sei es Essen oder Drogen. Der Zwang erzählt von schwerer früher Bedürfnis-Deprivation. Auch hier gibt es wieder eine Verschmelzung von Ebenen und nachfolgender Abhängigkeit. Wie immer gibt es viele Faktoren. Ich bitte nur darum, dass wir die Faktoren in Betracht ziehen, die ich kurz dargestellt habe (Meaney & Seckl, 2008). Von der ersten Linie gesteuertes Verhalten ist oft machtvoll und außer Kontrolle, weil es die dritte Ebene zur Kontrolle aufruft, die der Aufgabe nicht oft gewachsen ist.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie schaute sich Justin Feinstein an der Universität von Iowa City Versuchspersonen an, die eine beschädigte Amygdala hatten, das Zentrum des emotionalen Systems. (Feinstein, 2013) Sie hatten keine normalen Furcht-Reaktionen; das heißt, sie verspürten keine Angst, wenn sie Angst hätten haben müssen. Aber wenn die Sauerstoffzufuhr vermindert und die Kohlendioxidzufuhr erhöht wurde, um Ersticken nachzuahmen (erhöhter Säurewert des Bluts), kam es zu Panikattacken. Die Gründe? Bestimmt findet man sie nicht in den üblichen emotionalen Strukturen. Die Forscher glauben, dass die Ursachen das Stammhirn mit einschließen! Weil das Absinken der Sauerstoffzufuhr und die Erhöhung der Kohlendioxidmenge die unteren Strukturen veranlasste, die Gefahr zu spüren und angemessen zu reagieren. Das kommt ziemlich dem gleich, was einem Fetus widerfährt, wenn die Mutter während der Schwangerschaft raucht und dieselben Effekte produziert.

Furcht und Terror sind zwei unterschiedliche Reaktionen, die unterschiedliche Gehirnsysteme einbeziehen und Strukturen entspringen, die in der Evolution Hunderte Millionen Jahre auseinanderliegen, wie es auch bei Ärger und Wut der Fall ist. Jedoch haben die emotionalen Reaktionen gewisse Ähnlichkeiten, die Resonanz zulassen; das heißt, lange genug anhaltende Furcht kann  tief ins Gehirn wandern und diese primitiven Panik-/Terror-Reaktionen auslösen, die ich „First-Line“ nenne. Es ist keine gewöhnliche Furcht; es bedeutet eine lebensbedrohliche Ursache, und die kommt von unserer Zeit im Mutterleib und bei der Geburt, als verminderter Sauerstoff lebensbedrohlich war und Panik einleitete. Wenn das alles ignoriert wird, kann es keine Heilung geben, weil Heilung die generierende Quelle des Verhaltens einbezieht.

Es ist interessant, dass mit Ersticken eine so große Terror-Reaktion assoziiert ist. Bei einer Panikattacke gibt es oft ein Gefühl des Erstickens, man kann nicht durchatmen, das Herz schlägt so schnell, dass es drauf und dran ist, aus der Brust zu springen. Und diese Atemprobleme haben ihren Ursprung wiederum im Stammhirn (einschließlich der Medulla des Stammhirns). Es ist ein Ensemble von Reaktionen, die tief unten entspringen und später den Weg bereiten für viele Arten von Lungenproblemen, Asthma, flaches Atmen und andere Dysfunktionen.

Es ist wichtig, den Albtraum zu behandeln, auch medikamentös oder medizinisch, aber wir können eine Einprägung nicht medizinisch behandeln bzw. ausmerzen; die Einprägung bleibt und verursacht weiterhin Schaden. Also sind Albträume, Panikattacken, Atemprobleme, Lungen-Dysfunktion allesamt Teil eines Ensembles, eine Gestalt, wenn Sie so wollen, die als ein einziges Problem betrachtet werden muss, nicht als viele Probleme. Es gibt viele Symptome, jedes Symptom muss behandelt werden, bis wir zu der generierenden Quelle gelangen, wo sie alle auf einmal behandelt werden: die Einprägung, die unveränderlich ist. Jetzt wissen wir, worauf Freud mit dem „Es“ hinauswollte.

Wenn wir alle einzelnen Aspekte einer Panikattacke in Betracht ziehen, sehen wir, dass die physiologische Erinnerung vollständig mit dem ganzen Spektrum verwandter Feelings hochkommt. Die Atmung, der Kreislauf, die Muskulatur; sie alle reagieren auf eine einzige Einprägung, und das Resultat ist das rasende Herz, der hohe Blutdruck, Atemprobleme, Zittern und Benommenheit.

Oft ist der Terror/Schrecken zu umfangreich und zu groß, als dass er ‚alles auf einmal‘ gefühlt und integriert werden könnte. Deshalb muss er auf langsam und systematisch immer wieder aufgesucht werden, um eine Überlastung zu verhindern.

Es ist zweifellos eine so weit entfernte Erfahrung, dass man sie im Lauf der Zeit erleben kann, sie aber nicht sofort als das begreift, was sie ist. Wir können sie erleben, lange bevor wir sie verstehen; sie zu erleben ist entscheidend für Integration. Das Herz muss wieder rasen und die Körpertemperatur muss wieder so ansteigen, wie sie es ursprünglich getan hat. Und wie ich erwähnt habe, sind die physiologischen Anzeichen in einem Primal die exakten ursprünglichen Reaktionen; dieselbe Herzfrequenz und Körpertemperatur. Es ist ein genaues Wiedererlebnis. Die Einprägung ändert sich nicht und auch nicht das auf ihr gründende Verhalten. Verstehen ist die letzte Stufe der Evolution, während das Fühlen auf der ersten Stufe steht. Die Rebirther behandeln den Schwanz, während die Kognitivisten den Kopf behandeln; beide verfehlen den Rest von uns. Den menschlichen Teil.

Nonverbale Erfahrungen können in dem ihnen eigenen Sinne und auf ihre eigene Art wiedererlebt werden, und sie können nichtsdestotrotz integriert werden. Manchmal kann sich ein Patient erinnern, wie sein Hund starb, als er von einem Auto angefahren wurde. Das ist kortikales Erinnern auf der obersten Ebene. Was erlebt und ausgedrückt werden muss, ist der verdrängte emotionale Aspekt des Erlebnisses. Der Schmerz muss freigesetzt und schließlich gefühlt werden. Es muss auch ausgedrückt werden, wie sich das Erlebnis angefühlt hat.

Befreiung ist das Ziel. Nicht als Übung oder als Technik sondern immer innerhalb eines Kontexts. Die Dringlichkeit der Anerkennung tiefer Gehirnebenen zeigt sich deutlich  in einem aktuellen Artikel von A. R. Brunoni und Kollegen, „The Sertraline Vs. Electrical Current Therapy for Treating Depression.“ (Brunoni, Valiengo, Baccaro, et al., 2013). Sie behaupten, bei Tests mit 120 Versuchspersonen Erfolg bei Depression gehabt zu haben, indem sie das Gehirn mit schwacher elektrischer Stimulierung reizten (trans-direkte elektrische Stimulierung). Die Patienten stehen für zwanzig oder dreißig Minuten unter Anästhesie, während sie kontinuierlicher Stimulierung unterzogen werden. Es geht in Richtung Elektrokrampftherapie, ist aber viel milder. Die Ergebnisse scheinen so gut zu funktionieren wie niedrige Dosen Sertralin, kommerziell bekannt als Zoloft. Also lautet der Schluss, dass die Prozedur „genutzt werden könnte, um medikamentöse Behandlung zu vermeiden.“ (N.Y.Times Feb 12, 2013). Es gibt hier keine Erörterung von Ursachen. Die Annahme ist, dass wir nur zwei Wahlmöglichkeiten haben; keine davon beinhaltet Fühlen.

Um es zu wiederholen: Weil jetzt als erwiesen gelten kann, dass ein vermindertes Sauerstoff-Niveau im Fetus in ihm Panik erzeugt, sollte klar sein, dass eine schwangere Frau, die Drogen nimmt, das Baby schwer schädigt. Kann der Fetus wirklich Schrecken fühlen? Anand machte eine Amniozentese an Feten und fand heraus, dass alle Stresshormone des Fetus anstiegen, wenn die Sonde in den Fötalraum eindrang; der Fetus grimassierte und zeigte Anzeichen von Schmerz. (Anand, 2007)

Wir haben Panikattacken und unkontrollierte Wut erfolgreich behandelt, weil wir uns mit der ersten Linie/Ebene befassen. Sie ist kein Geheimnis; sie gehört zu einem uralten Gehirnsystem, das wir zu lange ignoriert haben. Wenn wir Menschen helfen wollen, die in Gefahr sind auszuagieren, und Menschen helfen wollen, die unter Panik leiden, müssen wir, um unsere Antworten zu finden, zu einem Leben reisen, das in der phylogenetischen Geschichte Hunderte Millionen Jahre zurückliegt, und tief im Gehirn in unserer persönlichen Geschichte verborgen liegt. Und dort sind diese Antworten tatsächlich.

 

 

QUELLENANGABEN

 

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Übersetzung: Ferdinand Wagner

 

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