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Primal Mind

 

 

Dr. Arthur Janov:    Ein neues Paradigma für die Psychologie: Revolution in der Psychotherapie                

 Freitag, 15. August 2008, A New Paradigm for Psychology: Revolution in Psychotherapy, www.arthurjanov.com                                                                                                                          

                                                                                                          

  In über hundert Jahren Psychotherapie hat sich außer der Kosmetik sehr wenig geändert. Es ist immer noch die Fünfzig-Minuten-Stunde, das Gespräch, bei dem man sich aufrecht gegenübersitzt, mit einer Fülle von Einsichten, die in die sanften und beruhigenden Töne eines besorgten Therapeuten gewickelt sind. Es gibt noch immer die Ausrede vom Unbewussten als Ort unzulänglich definierter Dämone – etwas, das man um jeden Preis meiden sollte. Niemand spricht es aus, aber es ist darin inbegriffen, dass man den Patienten sorgfältig in die Gegenwart und weg von der Vergangenheit lenkt. Die Freudianer nennen es jetzt Ego-Psychologie, aber es ist noch immer Psychoanalyse mit einem etwas anderem Brennpunkt; eine Verkleidung – antike Ausstattung mit einer modernen Fassade. Leider haben sie sich im Namen des Fortschritts von der Vergangenheit entfernt und sich auf einen mehr gegenwartsbezogenen Ansatz zubewegt. Dasselbe gilt für alle kognitiven und Verhaltenstherapien. Es findet eine Vergötterung der Gegenwart statt, des Hier-und-Jetzt, und ein Abrücken vom Einzigen, das heilt, – von der Geschichte. Wir sind historische Geschöpfe, neurophysiologisch geprägt von unserer Vergangenheit. Jede angemessene Behandlung muss sich mit dieser Geschichte befassen.

Wir haben bis jetzt mit dem falschen Gehirn geredet! Leider spricht dieses Gehirn nicht, versteht kein Englisch und versteht tatsächlich überhaupt keine Worte. Das richtige Gehirn ist eines, das unsere Geschichte enthält, unseren Schmerz; das untere Gehirn, das unsere tiefen Gefühle verarbeitet, die uns endlich befreien können. Es versteht Gefühle; wir müssen diese Sprache sprechen – eine ohne Worte. Niemand kann geheilt werden, solange wir den tiefreichenden Unterbau emotionaler und psychischer Krankheit nicht verstehen. Worte sind das Fachgebiet des Neokortex auf der obersten Ebene, der sich viel später entwickelte als das fühlende Gehirn. Unter dieser obersten Ebene liegt ein ganzes Leben voller Erfahrung begraben, das unser Verhalten und die Entwicklung von Symptomen bestimmt. Das ist der Haken an der Sache. Denn es bedeutet, sich über die Warnung hinwegzusetzen, Patienten ins tiefe Unbewusste einzutauchen, in ein Unbewusstes, so beschwören sie uns flehentlich, das die Psyche unwiderruflich zerstören wird. Und es ist diese Warnung, eine von vielen gleichermaßen falschen, welche die Praxis der Psychotherapie im Mittelalter festgehalten hat, und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn man glaubt, es gebe finstere Mächte, die uns hierhin und dorthin außer Kontrolle geraten lassen.

Psychotherapeuten verneigen sich oft vor der Geschichte, aber sie tun es nur symbolisch. Dennoch ist die Geschichte, die Vergangenheit des Patienten, Medizin, und es ist die einzige Medizin, die heilt. Die Vergangenheit ist für den Therapeuten ein Pflicht; ohne sie sind wir wieder in der alten Psychotherapie der frühen 1900er Jahre. Können wir uns einen anderen Zweig der Medizin vorstellen, der noch immer im Griff des Wissens von 1920 ist? Freud schrieb sein Hauptwerk „Die Traumdeutung“ zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Seitdem gab es sicher ein paar kleine Fortschritte.

Wenn wir einmal die Geschichte und ihre Entwicklung sehr gut verstanden haben, wissen wir, dass es bei psychischer Krankheit nicht einfach darum geht, sie zu verstehen, sondern darum, ihn sie einzutauchen; versunken in unserer Geschichte, in ihren Gefühlen, ihrer Kraft nachgebend, bis Worte (unsere oberste Gehirnebene) nicht mehr ausreichen; nur Gefühle können jetzt den Zweck erfüllen. Worte tun es einfach nicht mehr. Tatsächlich sind Worte die Antithese der Heilung, schädlich für jeden therapeutischen Fortschritt – so sonderbar das klingen mag – weil sie zu oft als Abwehr benutzt werden. Tatsache ist, für viele Situationen gilt, dass die Gefühlszentren umso unterdrückter sind, je aktiver das intellektuelle Gehirn ist.

Ich habe Freudianische Psychotherapie viele Jahre praktiziert. Ein Hauptgrund war, dass es für die Praxis der dynamischen Psychotherapie so gut wie nichts anderes gab. Wenigstens postulierte Freud ein Unbewusstes, und ich bin mir sicher, würde er heute leben, wäre er kein Freudianer.

Lassen Sie mich mit meiner ersten wichtigen Beobachtung in der Therapie beginnen. Ein junger Mann in der konventionellen Gruppentherapie erzählte von einem Besuch, den er New York abstattete, um Raphael Ortiz im Absurden Theater zu sehen. Er sagte, dass Ortiz die Bühne auf und ab marschierte und „Mama“ rief! Und er lud das Publikum ein, es ihm gleich zu tun. Als sie das taten, begannen viele Leute im Publikum zu weinen und schreien. Ich ermutigte diesen jungen Mann, dasselbe zu tun. Er weigerte sich, aber ich bestand darauf. Schließlich fing er an, „Mama!“ zu schreien, fiel vom Stuhl und wand sich unter Qualen auf dem Boden. Das ging so eine halbe Stunde – ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Als er da raus kam, berührte er den Teppich und sagte: „Ich kann fühlen!“ Er fühlte sich anders. Ich nahm diese Sitzung auf Band auf und hörte sie mir  hinterher jahrelang an, um zu sehen, welches Geheimnis dahinter steckte. Ich versuchte es auch erneut mit anderen Patienten - mit ziemlich genau dem gleichen Ergebnis. Ich wusste, dass ich etwas sah, das Therapeuten praktisch nie zu Gesicht bekommen, aber ich wusste nicht, was es bedeutete. Erst Jahre später fand ich endlich heraus, was es bedeutete. Ich versuchte zu erkennen, was diese Patienten gemeinsam hatten. Es waren Gefühle – Zugang zu Gefühlen, was den Unterschied ausmachte. Es sollte weitere fünfundzwanzig Jahre dauern, um herauszufinden, was im Inneren der Person und in ihrem Gehirn vor sich ging; aber ich hatte da eine grundlegende Wahrheit entdeckt. Das Ergebnis, glaube ich, ist ein neues Paradigma in der Psychotherapie; und es ist nicht bloß ein Glaube.

Offensichtlich können wir so viel lernen, wenn wir Patienten gestatten, ohne intellektuelle Störung tief in ihre Vergangenheit zu gehen. Dort liegt eine abgeschiedene Wirklichkeit, von der in unserem Fachgebiet keiner geträumt hat. Und dort liegt die Heilung. Mit „Heilung“ meine ich, bei den ultimativen Ursachen anzukommen. Wenn wir ein ums andere Mal sehen, dass Leute mit Migräne oft Sauerstoff-Entzug bei der Geburt wiedererleben, fangen wir vielleicht an zu begreifen, dass Sauerstoff-Entzug vielleicht ein Grund für spätere Migräne ist. Besonders wenn diese Migränen nach vielen Wiedererlebnissen zu verschwinden beginnen. Und das  ohne fixierte theoretische Geisteshaltung. Dasselbe trifft auf viele Symptome zu. Solange wir in der Therapie die Beziehung zwischen hohem Blutdruck und traumatischen Ereignissen um die Geburt nicht sehen, können wir ihn nicht signifikant verändern. „Heilung“ bedeutet, sich mit der ultimativen Ursache unseres Verhaltens und unserer körperlichen Probleme zu befassen und sie wiederzuerleben. Das können wir erst tun, wenn wir anerkennen, dass sehr frühe Ereignisse – auch solche, die vor der Geburt geschehen- eingeprägt werden und lebenslang fortbestehen; dass wir, um ernsthafte oder sogar lebensbedrohliche Symptome zu beseitigen, zurückgehen und jene Leidensaspekte einer Einprägung wiedererleben müssen, die wir ursprünglich aufgrund ihrer Schmerzlast nicht erleben konnten. In meinem Buch Primal Healing dokumentiere ich die vielen, vielen Studien, welche die dauerhafte Macht früher Prägungen bestätigen.

Es gibt kein Jungsches Unbewusstes oder Schattenkräfte, die uns blind machen für die Realität des Patienten, kein ‚Es’ und auch keine anderen geheimnisvollen Begriffe. Wir können beobachten und später können wir vielleicht einige Schlüsse ziehen. Diese Schlüsse würden unseren Beobachtungen folgen. Das Problem ist die Notwendigkeit, aktuelle Beobachtungen in eine Art vorinstallierter Theorie zu integrieren, um ihnen einen Sinn zu geben. Einige Vergangenheits-Traumata  machen keinen „Sinn“ im gewohnten Schema der Dinge, es gibt keine Worte oder Szenen, die man ihnen zuordnen könnte. Ich sah monatelang Geburts-Wiedererlebnisse und sagte meinen Patienten, dies sei absoluter Unsinn, weil mir die neurologische Abteilung der lokalen Universität mitteilte, dass es nicht möglich sei. Aber sie dauerten an und ich musste mein Denken neu orientieren. Nicht nur, dass es möglich ist, sondern wir haben es jetzt bei Hunderten von Patienten aus vielen Ländern der Welt gesehen einschließlich bei jenen Individuen, die in meinen Büchern nie davon gelesen haben. Es ist ein messbares Ereignis. Und wir haben es im UCLA Lungenlaboratorium und in mehreren Hirnwellen-Studien erforscht.

Thomas Kuhn schrieb, dass es in der Evolution der Wissenschaft periodische Wechsel oder Sprünge gibt, die größere Richtungsänderungen in einer speziellen Wissenschaftsdisziplin darstellen. Er bezeichnete diese Sprünge als Paradigmenwechsel. Aus unserer Sicht stellen Primärtherapie und Primärtheorie einen bedeutenden Paradigmenwechsel in der Wissenschaft der Psychologie dar. Und im Verlauf dieser neuen Perspektive möchte ich demonstrieren, wie ein Gehirnsystem, das dazu bestimmt ist, uns unter Stress funktionieren zu lassen, tatsächlich die Wurzel unserer psychischen Probleme ist. Es ist die Geschichte der Evolution des Gehirns und der Gefühle. Und Evolution kann man bei der Therapie von Menschen nicht ignorieren. Nehmen wir als Beispiel tiefe Depression. Es gibt jetzt moderne Techniken, um sie zu bessern – von Tranquilizern und Schmerztötern bis zu Löchern, die man ins Gehirn bohrt, um es tief drinnen zu sondieren. Der Grund, warum wir Medikamente und Chirurgie benutzen mussten, ist, dass es bisher keine Therapie gibt, die tief genug gehen kann, um die Areale zu beeinflussen, die besonders an der Verarbeitung psychsichen Schmerzes beteiligt sind. Wir können das und wir machen das. Deshalb können wir das Wort „Heilung“ benutzen.

Uns Fachleuten und Patienten fällt es vielleicht schwer, eine Gefühlsmethode zu akzeptieren, die dem zu widersprechen scheint, was wir für richtig halten. Nämlich dem Wert von Gedanken, Einsichten und Glaubensüberzeugungen für die Einschätzung von Fortschritt in der Psychotherapie. Therapeuten nehmen den Patienten dafür beim Wort. Das sollte das Letzte sein, was wir tun sollten; den die intellektuelle linke Gehirnseite kann sich alle möglichen Heilungen und Erleuchtungen vorstellen, während der Subtext, das Unbewusste, voller rätselhafter Agonien steckt. Neurose ist nicht auf einen Mangel an Einsichten zurückzuführen noch kann sie durch diese geheilt werden. Was heilt, ist eine Erfahrungstherapie und keine kognitive.

Wen das, was wir in der Psychotherapie machen, nicht besser ist als religiöse Erleuchtung, haben wir nicht viel erreicht. In religiösen Zuständen fühlt sich die Person tatsächlich oft besser, sie ist optimistischer und funktionsbereiter. Unser Fachgebiet hat zumindest einige wichtige Fortschritte gemacht beim Verständnis der lebenslangen Auswirkungen früher nonverbaler oder präverbaler Ereignisse auf das Erwachsenenverhalten. Und wir müssen diese präverbalen Ereignisse mit nonverbalen Methoden messen; diese Maschinen und Bluttests, die uns sagen, was in den tiefen Schlupfwinkeln des Gehirns hinterlegt worden ist.Jede Woche bringt eine neue Bestätigung unserer Position: eine Studie mit neugeborenen Ratten, die einfach eine kleine Reihe schmerzhafter Stiche erhielten, ergab größere Alkohol-Präferenz bei erwachsenen Tieren. Nichts davon ist noch ein Geheimnis. Es bleibt die Frage, was wir damit machen sollen. Mit „damit“ ist die Einprägung gemeint. Was wir machen müssen, ist verstehen, dass die Leidenskomponente frühen präverbalen Schmerzes niemals gefühlt und integriert wurde; vielmehr wurde sie verschlüsselt und gespeichert und wartet auf ihre Chance, sich mit präfrontalen Gehirnzellen zum  Zwecke der Integration zu treffen. Wir müssen in der Therapie langsam zu Ereignissen zurückgehen (umgekehrte Neurose), die eine solche Schmerzlast tragen, dass man jedes Mal nur Teile davon erleben kann; genau das ist notwendig. Wie ich erwähnte, ist es umgekehrte Neurose, eine Umkehrung, bei der wir keine Stufen überspringen dürfen, wenn wir die Evolution nachvollziehen. Wir können nicht direkt zum Geburtstrauma zurückgehen.

Was anscheinend ganz früh geschah, ist, dass der Geburtschmerz oder der Schmerz, gleich nach der Geburt stundenlang allein gelassen zu werden oder in den ersten Lebensmonaten nicht berührt zu werden, großen Schmerz verursachte. Die Leidenskomponente dieses Schmerzes wird abgeschnitten und aufbewahrt, während die präzise Erinnerung daran vielleicht woanders gespeichert wird. Deshalb kann ein Patient ein Ereignis in Einzelheiten erinnern („Sie gaben meinen Hund weg“) und dennoch Monate brauchen, um den Schmerz darin zu fühlen. Wir fangen den verborgenen Schmerz wieder ein - den Teil, der abgeschnitten wurde – und helfen dem Patienten, ihn nach und nach zu erleben. Nie in einer Sitzung sondern in vielen Sitzungen über Monate und Monate. Alles andere widersetzt sich der Evolution und dem Verständnis der Valenz des Schmerzes, der auf den tiefsten Ebenen des Unbewussten residiert.

Eine Studie der finnischen Wissenschaftler M. Huttunen und P. Niskanen untersuchte Kinder, deren Väter entweder starben, während die Mutter schwanger war, oder während des ersten Lebensjahres des Kindes. Der Nachwuchs wurde über einen Zeitraum von 35 Jahren überprüft, indem man dokumentarische Beweismittel benutzte. Nur diejenigen, die ihren Vater verloren, während das Kind im Mutterleib war, hatten ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, Alkoholismus/Sucht oder kriminelles Verhalten. Die emotionale Verfassung der Mutter war beeinträchtigt, und das hatte womöglich lebenslange schädliche Wirkung auf das Kind. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass der psychische Zustand der schwangeren Mutter mehr Langzeit-Effekte auf das Kind hat als der psychische Zustand der Mutter während der Jahre, die auf die Geburt folgen. Und wenn wir Sucht erforschen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf das Leben im Mutterleib richten.

  Solange es keine Wissenschaft der Psychotherapie gibt, eine, die sich mit moderner Neurowissenschaft vereinigt, wird es menschliches Leiden geben ohne reale Chance auf Erleichterung und Heilung. Depressionen, Angst, Phobien und Zwänge werden ad infinitum weitergehen. Wir brauchen eine Neuorientierung für unser Tun, um unseren Bezugsrahmen zu öffnen. Wir müssen von der Sichtweise wegkommen, die den Menschen als entrindetes Gehirn sieht, das eines Körpers und seiner Hormone beraubt ist. Wir müssen Psychologie mit Neurologie und Biologie zusammenführen, sodass der Mensch nicht für Studienzwecke in kleine Stücke zerlegt wird. Und einmal zerlegt wird jeder Aspekt zum Gegenstand statistischer Analyse, die Psychotherapie als Wissenschaft anscheinend nicht vorwärts bringt. Wir brauchen ein radikal neues Paradigma in der Psychologie und Psychotherapie; eines, das auf Evolution, Gefühlen und eingeprägter Erinnerung gründet. Überall, wo wir hingeschaut haben, bei Tausenden von Patienten aus etwa zwanzig Ländern haben wir Schmerz als Grundlage von all dem gefunden.

Die Frage lautet: Wie werden wir den Schmerz los? Bis jetzt war unser einziger Rückhalt, ihn mit Tranquilizern zu unterdrücken oder ihn mit Myriaden Einsichten tot zu reden. Wir wissen jetzt, dass die Aufgabe nicht darin liegt, diesen unbewussten Schmerz zu vermeiden, sondern darin, in ihm aufzugehen. Zuerst müssen wir zurückgehen und die Vergangenheits-Erinnerung der Reihe nach wiedererleben, jedes Mal ein Stückchen, wie sie abgelegt worden war. Wir müssen in alte schmerzvolle Gefühle versinken und zulassen, dass sie uns einen Augenblick kontrollieren, und dann - dialektisch - können wir sie kontrollieren. Die inbewusste Kraft, die unser Verhalten und unsere Symptome steuert, gibt es dann nicht mehr. Es gibt einen Weg, die unbewussten Kräfte loszuwerden, die uns Alpträume, hohen Blutdruck und unzählige Varianten des Ausagierens bescheren, nicht zuletzt der sexuellen Art. Wir müssen dieses Unbewusste an die Oberfläche steigen lassen, zulassen , dass es uns schüttelt, zum Weinen und Schreien bringt inmitten von Wellen aus Schmerz, und dann, wer hätte das gedacht, sind wir frei! Und diese Freiheit, diese Fähigkeit zu fühlen ist unbeschreiblich. Wir können es messen und haben es tatsächlich im Blut, im Speichel und im Gehirn gemessen. Und natürlich ist es durch das Verhalten des Patienten offensichtlich. Aber die Bezeugung von Patienten ist nur ein Aspekt dessen, was wir uns anschauen.

Wenn wir uns aus tiefster Seele von unseren Eltern ungeliebt fühlen, öffnen wir schließlich die Kanäle, um Liebe zu akzeptieren – weil wir fühlen können. Bis dahin wird die Einprägung Abwehr mit einschließen und Gefühle daran hindern,  hinaus oder hinein zu gelangen. Wenn wir verborgenen Schmerz und seinen Kontext – seinen Ursprung - fühlen können, geben wir den Patienten ihre Gefühle zurück, die wichtigste Gabe, die ein Therapeut ihnen anbieten kann. Das kann nicht geschehen, wenn wir glauben, das Unbewusste sei eine unveränderliche Kraft, die in den dunklen Antipoden des Geistes lauert und darauf wartet, uns zu zerstören; eine gedankenlose, übelwollende Macht des Bösen. Wenn man schließlich dieser sogenannten Theorie die Verkleidung herunterreißt, ist sie einfach eine weitere mystische Auffassung ohne jegliche Realität. Auf der Grundlage von Mystizismus werden Patienten niemals gesund.

Ich habe meine Patienten so tief und weit wie möglich in ihre Vergangenheit gebracht, und ich habe nie einen Dämon oder eine dunkle teuflische Macht gefunden. Alles, was ich je gesehen habe, ist abgeschiedener Schmerz. Alles, was dort liegt, ist reines Bedürfnis, das aus der frühen Kindheit stammt, in der diese Bedürfnisse hätten erfüllt werden sollen. Sie sind hier, weil sie damals nie erfüllt und aufgelöst wurden. Jetzt steuern sie uns als Erinnerung an einen wahren Mangel an Befriedigung am Lebensanfang. Wir agieren jetzt aus und versuchen Befriedigung zu finden, aber alles, was wir finden können, ist symbolische, hohle Erfüllung, die am realen Bedürfnis nichts ändert.Wir müssen zurückgehen und dieses Bedürfnis in seinem ursprünglichen Zusammenhang und in seiner ursprünglichen Form fühlen; nur dann werden wir von ihm frei sein. Wir haben dann das „Bedürfnis nach“ (Drogen, Essen, Sex) in das reine frühe Bedürfnis nach Liebe umgewandelt, als es eine Angelegenheit des Überlebens an sich war.

Wie können wir einen Feind bekämpfen, wenn wir nie wissen, wie er aussieht? Sind Gefühle ein Feind? Ihre Kraft ist es. Sie bleiben eine femde Macht, weil sie zu jener Zeit nicht integriert werden konnten; ihre Valenz war viel zu stark. Jetzt sind wir älter und stärker und können es bewältigen, ihnen zu begegnen.

Ich gebrauche das Wort „Heilung,“ das man nicht mit Schmach behandeln sollte, sondern vielmehr als Zustand, den man eifrig anstrebt. Wenn wir in der Lage sind, zu den frühesten Lebenstagen zurück- und hinabzureisen und eingeprägte Geschichte ungeschehen und rückgängig zu machen, dann können wir den Begriff „Heilung“ benutzen. Wir sind bei den ultimativen Ursachen angekommen. Wenn wir nicht zu den fernen Bereichen des Unbewussten zurückreisen, können wir den Begriff „Heilung“ nicht benutzen. Wir überfliegen nur die Oberfläche und lassen eine massive dunkle Kraft unangetastet. Wir müssen auf dem Ziel der Heilung und auf den Wegen beharren, die uns dorthin bringen. Einsichten in der Therapie bringen uns nie dorthin. Neurose wird nicht durch einen Mangel an Einsichten verursacht und nicht dadurch geheilt, dass man sie fördert. Es reicht nicht zu bekunden, dass wir für unsere Patienten Heilung wollen; wir müssen den Beweis sehen, nicht nur in ihren Aussagen sondern in den verschiedenen Änderungen bei den Hormonen, in anderen biologischen Veränderungen und in der Gehirnfunktion. Kurz gesagt dürfen wir den Körper nicht aus der Gleichung weglassen, was bei der modernen Psychotherapie zu oft passiert.

Was also ist so wichtig am Wiedererleben, was ist in der Tat die sine qua non jeder effektiven Psychotherapie? Es bedeutet, die Evolution des Gehirns anzuerkennen. Es bedeutet, die Rolle von Gefühlen in der Therapie in Betracht zu ziehen. Wenn das auf systematische Weise über viele Monate gemacht wird, ist es überhaupt nicht gefährlich. Aber dann ist das Problem, dass die psychoanalytische Sicht des Unbewussten eine Hinwendung zu der alten religiösen Auffassung der 1800ter Jahre ist – dunkle und dämonische Mächte (auch bekannt als ‚Es’ oder Schattenmächte), die auf Ebenen jenseits unserer Reichweite marodieren. Das ist ein Grund, warum sie sich vom Unbewussten fern halten. Aber wenn sie je diese Warnung missachten und dieses intellektuelle, einsichtsvolle Gehirn umgehen sollten und die Patienten in ihre Vergangenheit gleiten lassen, würden sie sehen, was im Unbewussten liegt. Sie würden nicht mehr als unsere Geschichte finden, ausgelegt in der richtigen Reihenfolge von der Gegenwart zu den entferntesten Ereignissen einschließlich Geburt und Leben im Mutterleib. Und es wäre keine ungefähre Methode; sie wäre präzise; Erinnerungen, die auf Lager liegen und darauf warten, dass sie an die Reihe kommen und sich mit dem vollen Bewusstsein verknüpfen können. Wir müssen verstehen, dass die Leidenskomponente von frühem präverbalen Schmerz nie gefühlt und integriert wurde; vielmehr wurde sie verschlüsselt und und gespeichert und wartet jetzt auf ihre Chance, sich zur Integration mit präfrontalen Gehirnzellen zu treffen. Wir müssen in der Therapie langsam zurückgehen - Neurose und Evolution rückwärts – zurück zu Ereignissen, die eine solche Schmerzlast tragen, dass man jeweils nur ein Stück davon erleben kann. Genau das ist nötig. Genau das heilt.

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Übersetzung: Ferdinand Wagner