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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 1 / 20)

Samstag, 17. Oktober 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 1/20) www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Das ist der erste Teil einer Reihe, die ich über Epigenetik und Primärtherapie schrieb. Der ganze Artikel wird bald im "Activitas Nervosa Superior" Journal der World Psychiatry Association veröffentlicht (http://www.activitas.org/)

 

 

Manchmal wird mir klar, dass ich "wissenschaftslastig" werde, aber was gegenwärtig geschieht, ist so aufregend, besonders weil es untermauert, was ich seit ungefähr 50 Jahren schreibe. Es scheint, dass nahezu jede Woche Wissenschaftler neue Forschungsergebnisse verkünden, die einen Großteil der Primär-Position bestätigen. Das trifft besonders auf das sprießende Fachgebiet der Epigenetik zu, auf die Wissenschaft, die untersucht, wie Erfahrung den genetischen Kode eines Individuums ändert, der früher als unveränderlich galt. Ein Artikel, der die bahnbrechende Pionier-Arbeit von Forschern der McGill Universität in Montreal zusammenfasst, verkündete, dass "das aufkommende Fachgebiet der Epigenetik die Erforschung psychischer Gesundheit revolutioniert - und die Ansicht in Frage stellt, dass die DNA Schicksal sei"(1).

 

Darüber hinaus lassen die neuen Entwicklungen hinsichtlich der Wissenschaftsgeschichte die gegenseitige Annäherung der ehemals getrennten Fachgebiete Psychologie und Biologie vorausahnen. In einem Bericht über eine Forschungsarbeit, die eine Verbindung zeigt zwischen Widrigkeiten am Lebensanfang und Veränderung der genetischen Aufmachung, kamen die kanadischen Forscher zu dieser dramatischen Schlussfolgerung: "Epigenetik könnte als Brücke dienen zwischen den Sozialwissenschaften und den biologischen Wissenschaften und ein wirklich integriertes Verständnis menschlicher Gesundheit und menschlichen Verhaltens ermöglichen." (Mc Gowan & Szyf, 2010, p.71). Kurz gesagt wächst das Verständnis, dass psychische Gesundheit eine entscheidende physische Komponente hat, was von Anfang an ein Grundsatz der Primärtheorie war. Wir haben immer daran festgehalten, dass Neurose eine Störung von Psyche und Körper ist. Und in unserer Behandlung müssen sowohl Psyche und Körper involviert sein, um Heilung zu erlangen. Jetzt zeigt uns die Wissenschaft, wie das auf der Zellebene möglich ist. Anders als bei genetischen Mutationen, so stellen die Forscher fest, "sind epigenetische Änderungen potentiell reversibel." (Mc Gowan & Szyf, 2010, p.66). Und das ist das vielversprechendste Ergebnis von allen.

 

Ich habe Epigenetik in meinem Blog und in meinen Büchern erörtert, habe darüber geschrieben, wie frühe Widrigkeiten die Schalter für Schlüsselgene ändern, was dann dazu dient, Verdrängung oder Hemmung zu verstärken. Diese Schalter schalten die Gene an oder aus, und tragen somit dazu bei, das in Gang zu bringen, was wie genetische Veränderungen erscheint. In Begriffen der Primärtheorie ist es der Mechanismus, der die Schleusen des Fühlens schließt oder öffnet. Und es gibt verschiedene chemische Substanzen, welche die epigentischen Ereignisse begleiten, zum Beispiel Methyl- und Acetylgruppen. Die entscheidende Arbeit auf diesem Feld zeigt, wie Prägungen über Generationen weitergegeben werden können - von den Eltern an die Kinder und Enkelkinder - hauptsächlich durch die chemischen Prozesse, die als Methylierung und Acetylierung bekannt sind. Wir müssen jedoch unterscheiden zwischen gesunder und ungesunder Methylierung. Unter normalen Umständen ist Methylierung ein notwendiger und natürlich auftretender Prozess, der den Ausdruck der genetischen Aufmachung eines Individuums regulieren hilft. Aber exzessive Methylierung wird pathologisch und führt zu Krankheit. Der Prozess läuft schief, wenn das Individuum ein körperliches oder psychisches Trauma erleidet, besonders im Mutterleib und in der frühen Kindheit. Es scheint, dass es bei jedem einzelnen Schmerz, den wir während der Schwangerschaft und bei der Geburt ertragen müssen, zu einer Änderung der Chemikalien kommt, die Schmerzverdrängung steigern. Wenn der Schmerz oder die Widrigkeit länger andauert, wird das System überfordert, und wir haben jetzt den Mechanismus durchlässiger Schleusen; das heißt, aufgrund Überlastung durch chronischen Schmerz beginnt die Verdrängung zu taumeln.

 

Es ist die Beständigkeit des Schmerzes, welche die Überlastung verursacht. Es gibt ein Limit, mit dem das Gehirn umgehen kann. Jenseits dieser Grenze werden die Schleusen anfällig und funtionieren nicht gut. Danach braucht es sehr wenig Trauma, um ein Symptom zu erzeugen wie ADS, Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Die chemische Methylgruppe wird rekrutiert, wenn ein traumatisches Ereignis stattfindet, und sie unterstützt die Verankerung dieser Erinnerung. Es scheint, wenn es zu einem Anstieg von Methylierung kommt, dann hängt sich ein Teil davon an Cytosin an, eine der vier  Nucleinbasen der DNA. Die Einprägung des Schmerzes ist jetzt Teil der DNA und blockiert den Ausdruck verschiedener Gene. Gleichzeitig können Methyl- und Acetylgruppen, die an die Histone (Proteinstrukturen, die der DNA ermöglichen sich zusammenzurollen) angehängt werden, das rechtzeitige Auf-oder Abwickeln der DNA stören. Das unterbricht den richtigen Ausdruck bestimmter Hormone und anderer neurochemischer Prozesse. Das ist zum Teil der Grund, warum es so leicht ist, Genetik mit Epigenetik zu Verwechseln; unsere Stimmungen und Persönlichkeiten werden schon früh geformt, und so glauben wir, dass psychische Störungen über die Blutlinien weitergegeben werden. Wenn beide Eltern blaue Augen haben, ist es schließlich kein Geheimnis, dass ihr Kind auch blaue Augen hat.

 

Aber wenn es um Verhalten und Gefühle geht, ist es eine andere Sache. Aufgrund der Kontrolle des Epigenoms kann der  genetische Ausdruck durch Erfahrungen eingeschränkt werden, die der Fetus im Mutterleib macht. Und genau hier lässt sich vielleicht ein Teil des Krebsgeheimnisses aufdecken; denn es könnte sein, dass sich Krebszellen als normale Zellen entwickeln würden, wäre da nicht die physiologische Kraft der Verdrängung, die durch mütterlichen Stress hervorgerufen wird. Das erzeugt lebenslangen chronischen Stress beim Nachwuchs. Es mag sein, dass gutartige Zellen von ihren Bestimmungsorten abgeblockt werden, während sie entlang vorherbestimmter Pfade vorwärts drängen. Sie werden dann "zermalmt" oder abgeknickt und können nicht mehr sie selbst sein; sie verlieren ihre Identität und werden tödlich.

 

Eine Studie legt nahe, dass das biologische Fundament der bipolaren Affektstörung in erster Linie  nicht genetisch ist sondern epigenetisch (Rutten und Mill, 2009). Sogar die Gewaltneigung eines Individuums, die man einst für eine Gehirnstörung hielt, hat erwiesenermaßen epigenetische Wurzeln. In der Forschung mit Ratten fanden Wissenschaftler der Ecole Polytechnique Federale de Lausanne in der Schweiz heraus, dass Tiere, die in der Kindheit einem Trauma ausgesetzt waren, Veränderungen in zwei Teilen des Gehirns aufwiesen - im orbitofrontalen Kortex und in der Amygdala (Marquez et al., 2013). Diese kombinierten Änderungen senkten die Schwelle aggressiver Impulse und schwächten die Fähigkeit, sie zu kontrollieren. (Ein die Ergebnisse zusammenfassender Bericht wurde auch von der Schweizer Forschungsuniversität veröffentlicht unter dem Titel "Kindheitstrauma hinterlässt ihre Spuren im Gehirn." (2) Die Ergebnisse hatten überraschend viel Ähnlichkeit mit den Änderungen, die man in den Menschengehirnen traumatisierter Kinder fand, die zu gewalttätigen Erwachsenen heranwuchsen. Zusätzlich fanden die Wissenschaftler auch Veränderungen in Genen, von denen man weiß, dass sie mit aggressivem Verhalten assoziiert sind. Laut Prof. Carmen Sandi, Vorsitzende des Swiss school's Laboratory of Behavioral Genetics und Direktorin des Brain-Mind-Instituts fanden die Forscher hier heraus, dass der von den Ratten erlebte psychische Stress eine Veränderung der Art und Weise verursachten, wie diese Gene ausgedrückt wurden, insbesonders eine Zunahme des Levels der MAOA-Gen-Expression im präfrontalen Kortex. Die Forscher konnten das Aggressionsniveau mit Antidepressiva senken, insbesonders mit einem MAOA-Gen-Hemmer. Kurz gesagt erzeugte Kindheitsstress epigenetische Änderungen, welche die Gewaltneigung erhöhten. Medikamentöse Behandlung unterdrückte später die Gewalttendenz, indem sie die Langzeitwirkung frühen Traumas aufhob. In unserer eigenen Arbeit haben wir herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit von Wut und Gewalt größer wird je tiefer Patienten die Bewusstseinsebenen hinabsteigen.

 

Bis vor kurzem war die Rolle epigenetischer Mechanismen bei der Trauma-Übertragung über die Generationen bei Tieren nachgewiesen, aber nicht bei Menschen. Eine neue Studie, die Holocaust-Überlebende und ihre Kinder einbezieht, zeigt zum ersten Mal, wie die epigenetische Auswirkung von Stress, die zellulären Veränderungen, auch unter Menschen von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden kann (Yehuda et al., 2015). Forscher fanden, dass Holocaust-Überlebende häufig ängstliche Kinder zur Welt brachten. Zuerst dachten sie, es sei, weil die Eltern den Kindern schreckliche Geschichten erzählten, aber später entdeckten sie, dass die Angst über die genetische Kette kam, wie wir in Kürze im Detail sehen werden. Der springende Punkt ist, dass der genetische Effekt von Kriegsstress mittels Epigenetik von der Physiologie der Mutter abstammte. (Mehr über diese Studie sogleich).

 

Ich werde die klinische Bedeutung der Forschung in der zweiten Hälfte dieses Artikels erörtern. Jetzt sei nur gesagt, dass pharmakologische Behandlung vielleicht nicht der einzige Weg ist, um epigenetische Änderungen umzukehren. Wir schlagen vor, dass die Effekte der Methylierung - als Agent der Verdrängung - umkehrbar sind durch Primärtherapie, welche die traumatischen Ereignisse wieder aufsucht und auflöst, die den Beginn des chemischen Verdrängungsprozess getriggert haben. Die wirkliche Revolution liegt in der Möglichkeit, dass die Leute nicht mehr mit ihrem genetischen Erbe leben müssen sondern tatsächlich die Regie übernehmen und es durch Primärtherapie ändern können. Wir glauben, dass wir vielleicht die Methode haben, um die schädlichen Langzeitwirkungen der Epigenetik aufzuheben, und wir unternehmen neue Forschung, um diesen Punkt zu untersuchen.Wenn es Lebenserfahrung ist, die Veränderungen in der Biochemie und in neuronalen Schaltkreisen verursachte, dann heben wir es nicht mit unkorrigierbaren Gebilden zu tun. Sie lassen sich ändern; die Art und Weise, wie man das machen kann, ist das Wiederauffinden und Wiedererleben von Schlüssel-Einprägungen, wie ich darlegen werde. Vererbung ist irreversibel, Epigenetik aber nicht. Sie lässt sich umkehren, was wir, wie ich vorschlage, seit beinahe 50 Jahren machen.

 

(1) McDevitt, N. (2006, Fall). The nurture of things. Headway. Abgerufen von http://www.mcgill.ca/research/files/research/headway-fall-06.pdf

 

(2) Childhood trauma leaves its mark on the brain. (2013, January 15). Ecole Polytechnique Federale de Lausanne Abgerufen von http://www.sciencedaily.com/releases/2013/01/130115090215.htm

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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