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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 12/ 20)

Freitag, 20. November 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 12/20) www.arthurjanov.com                                                       

        

Über das Versagen unserer Anpassungsfähigkeit    

                                                                                              

Vor einiger Zeit schrieb ich darüber, dass es der unablässige Input von Schmerz ist, der unsere Anpassungsfähigkeit strapaziert und das Versagen dieser Fähigkeit verursacht. Das Ergebnis ist eine Verwürfelung unserer Gehirnzellen und der Kollaps unserer Anpassungsfähigkeit. Was bedeutet das?

 

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir nicht nur unsere klinische Erfahrung betrachten sondern auch die jüngsten Erkenntnisse der Gehirnforschung. In einer ganz neuen Studie mit dem Titel "Epigenetische Veränderungen im sich entwickelnden Gehirn: Auswirkungen auf das Verhalten" sahen sich Forscher der Rockefeller Universität in New York und der Universität von Cambridge in England an, wie Methylierung bei der Einprägung schmerzvoller Erinnerung funktioniert (Keverne, Pfaff & Tabansky, 2015). Wenn man Methylierung blockiert, verhindert man, dass sich Nervenzellen an Änderungen in ihrer Umwelt anpassen. Neues Lernen kann ohne erfolgreiche epigenetische Programmierung nicht stattfinden. Und da mache ich mir Gedanken über die heimtückischen Effekte dieses Prozesses, wenn so viele Waisenkinder lernbehindert sind, an Legasthenie leiden und nicht gut Sätze bilden können. Wenn tagein, tagaus Vernachlässigung, Gleichgültigkeit und Liebesmangel vorherrschen, ist schwerer Schaden die Folge und die Anpassungsfähigkeit schwindet.

 

Die Forscher stellten fest, dass es zu Schadwirkungen in den Gefühlsarealen des Hippocampus kommt. Kurz gesagt überlastet chronischer, unablässiger Schmerz die angeborene Anpassungsfähigkeit, und wir sehen die Resultate. Auf der Gefühlsebene behauptet der Mensch, es sei alles zu viel. Er gibt leicht auf und kann sich nicht anstrengen, um zum Erfolg zu kommen. Der Schizophrene erklärt es nicht verbal sondern durch seine Lebensweise. Er braucht Hilfe, um durch seinen Alltag zu navigieren. Er kann sich nicht an neue Gegebenheiten anpassen. Das ist das extreme Versagen der Anpassung. Die Anpassungsmechanismen helfen uns, dass wir uns entwickeln können und mit verschiedenen Umständen klarkommen können. Sie sind für unsere Entwicklung entscheidend. Wir können kleinere Rückschläge verkraften, z.B. einen oder zwei Tage allein gelassen werden, aber wenn wir über lange Perioden isoliert werden, erleidet unsere Anpassungsfähigkeit Schaden.

 

Wenn wir zur Bestätigung nach harten wissenschaftlichen Fakten suchen, finden wir sie hier. Forscher des Dana-Farber Krebs-Institus in Boston diskutieren Krebs in Bezug auf Methylierung. Ihre überraschenden Befunde werden beschrieben in einem Artikel mit der Überschrift "Chaos im Gen-Kontrollsystem ist ein bestimmendes Krebs-Charakteristikum", der auf der Webseite des der Harvard Medical School angeschlossenen Dana-Farber Lehr-und Forschungszentrums veröffentlicht ist (18). Ihre Schlussfolgerung: "Das Verhalten einer Krebszelle wird nicht nur von der Genetik diktiert - vom jeweiligen Satz mutierter Gene in ihr - sondern auch von der Epigenetik, dem System zur Kontrolle des Gen-Ausdrucks," erklärt Catherine Wu, M.D., eine leitende Autorin der Studie.

 

Wissenschaftler wissen, dass gefährliche Tumoren aus einer Vielzahl genetischer Mutationen innerhalb vieler verschiedener Zell-Untergruppen bestehen. Wu erklärte, dass die Forscher in dieser Studie herausfinden wollten, ob die dem Krebs eigene genetische Verschiedenartigkeit mit einer entsprechenden epigenetischen Diversität übereinstimmte. Zuerst erwarteten die Wissenschaftler, eine systematische Übereinstimmung zwischen den genetischen und epigenetischen Änderungen zu finden; anders gesagt dachten sie, die genetische Diversität im Tumor würde sich in der Bandbreite der Methylierungsmuster spiegeln. Die Forscher waren dann überrascht, Methylierungsmuster mit einem hohen Maß an zufälliger Unordnung zu finden. "Tatsächlich durchdringt regellose Methylierung den ganzen Tumor," stellt Alexander Meissner vom Broad Institut fest, der sich dem Forschungsteam anschloss.

 

Die online im Journal Cancer Cell veröffentlichten Ergebnisse offenbarten, dass diese Unordnung in der Methylierung eine der bestimmenden Krebs-Charakteristika ist (Landau et al., 2014). Und überraschenderweise, so theoretisieren die Forscher, sei die zufällige Störung der Methylierung kein Problem für die Krankheit sondern könne den Tumoren zu überleben helfen und sogar zu gedeihen, indem sie ihre Fähigkeit stärkte, sich an wechselnde Umstände anzupassen. "Krebs überlebt auf wild erfinderische Art," schlussfolgert Wu. "Methylierungs-Unordnung ist eine der Methoden, wie er die Bedingungen schafft, die ihn zur Anpassung befähigen."

 

Ich postuliere, dass Primär-Einprägungen in hohem Maß für diesen epigenetischen Tumult verantwortlich sind, weil der ganze Anpassungsprozess zusammengebrochen ist. Unter normalen Umständen ist Methylierung Teil der natürlichen Ordnung;  sie ist ein wesentlicher Anpassungsmechanismus. Und ich glaube, dass sie auf die eine oder andere Art verwürfelt wird und ihren Job nicht mehr machen kann. Sie hat ihre Kohäsion verloren. Ich glaube, die Ursache so vieler katastrophaler Krankheiten liegt in dieser Unordnung, weshalb sie so schwer zu behandeln sind. Die Boston Forscher fanden zum Beispiel heraus, dass bestimmte Leukämie-Patienten  kürzere Remissionen hatten, wenn ihr Tumorgewebe Anzeichen hochgradig ungeordneter Methlierung aufwies, die dem Tumor tatsächlich nützt, indem sie ihn weniger empfindlich gegen Anti-Krebs-Medikamente macht. Mit anderen Worten kann die zufällige Unordnung des Methylierungsprozesses die Behandlung der Krankheit erschweren.

 

Eine letzte Bemerkung zu dieser wichtigen Forschung. Die Forscher vom Broad Institut, das der Harvard Universität und der MIT angeschlossen ist, halfen die Technik zu entwickeln, um diese Deregulierung zu messen, indem sie einen als Bisulfit-Sequenzierung bekannten Prozess benutzen, um die Anwesenheit oder Abwesenheit von Methylgruppen auf bestimmten Sprossen der DNA-Leiter zu verfolgen. Sie ersannen auch eine einfache Messung, die sie PDR (Percent Discordant Reads) nennen und die der Quantifizierung ungeordneter Methylierung dient. Ich betrachte das als großen Fortschritt in der epigenetischen Forschung, der in Aussicht stellt, dass wir vielleicht bald in der Lage sind, den Grad des körperlichen und emotionalen Schadens zu quantifizieren, den ein Mensch erlitten hat, und letztlich auch den Grad an Schmerz-Auflösung, den wir in einer Therapie des Fühlens erreichen. Wir bekommen rasch die Werkzeuge, um unsere Ziele zu erreichen.

 

Meiner Meinung nach ist die gefährliche Zeit für permanenten Schmerz, der den Anpassungsprozess bedroht, die Phase im Mutterschoß während der Schwangerschaft. Hier werden chronisches Rauchen, Trinken oder chronischer Pillen-Konsum der Mutter oder ihre ständige Depression oder ihre Angstzustände für den Fetus unausweichlich, und er leidet. Schließlich wird es eingeprägt bleibt ein Leben lang bestehen. Es ist, als lebe er neun qualvolle Monate lang in einer Zwangsjacke und könne keinen Weg finden, um den Input zu beenden. Er geht zu einem Arzt, und der Arzt fragt: "Vor kurzem Stress gehabt?" Ja, es gibt Stress, aber Jahrzehnte bevor irgendjemand einschließlich des Patienten sich daran erinnern könnte. Also schüttelt er seinen Kopf und sagt: "Es ist alles in Ordnung seit einiger Zeit." Diese Prägungen/Einprägungen schreien auf die einzige Art und Weise, die ihnen möglich ist, nämlich durch das Körpersystem - Migränen, Asthma, Angst, Depression und so fort. Er kann sich nicht wohlfühlen in seiner Haut, weil unter dieser Haut ein Gebirge aus Verletzungen, Schmerz und Gefühlserregung liegt, das ihn nicht zur Ruhe kommen lässt. Warum Erregung? Weil der Schmerz eine Nachricht ans Bewusstsein sendet, dass es weiter unten ernsthafte Probleme gibt. Leider hört niemand zu. Und auch wenn da jemand wäre, sie oder er könnte die Nachricht nicht übersetzen, weil sie - äußerst wichtig - nicht auf Englisch ist. Sie ist in einer völlig anderen Sprache verfasst, in der keine Worte existieren. Wir müssen mit dem Patienten zu den inneren Tiefen reisen und selbst sehen. Und da liegt sie, die Agonie, direkt vor unseren Augen: das Ersticken, die Atemnot, die Qual auf dem Gesicht. All das sind endlich beobachtbare Zeichen, welche die Frage "Was stimmt nicht mit mir?" beantworten.

 

Epigenetische Wissenschaft kann dabei helfen, all das zu erklären. Methylierung ist der Agent der Verdrängung, die ihrerseits verhindert, dass der Mensch den Schmerz wegsteckt und weitermacht. Bestimmte Schalter gehen an und aus, um die schmerzvolle Intrusion auszugleichen; wenn ein bestimmtes Niveau erreicht worden ist, versagen die Bemühungen und "normale" Anpassung ist nicht mehr möglich. Das Ergebnis: Abnormalität in der körperlichen Entwicklung und in der psychischen Anpassungsleistung. Der Mensch kann nicht mehr neurotisch normal sein. Jetzt besteht schwere und dauerhafte Pathologie. Die Einprägung dauert buchstäblich ein Leben lang, wobei der Mensch die ganze Zeit versucht, normal zu werden, in der Psychiatrie ein- und ausgeht, diesen Arzt und jenen Psychiater aufsucht, und alles vergeblich. Die Symptome werden auf gegenwärtige Behandlungsmethoden nicht ansprechen, weil der Schaden da nicht liegt. Er ist mit den epigenetischen Schaltern verriegelt, die schon früh überwältigt worden waren und nicht mehr richtig funktionieren. Sie wissen fast nicht mehr, was sie an- oder abschalten sollen. Sie sind so hilflos wie der Patient, weil sie weit außerhalb der Reichweite des Verstehens liegen. Leider ist der Patient verdammt.

 

Aber es gibt einen Ausweg. Wenn er mit uns in die Zeit zurückreisen kann zu den vergrabenen Spuren des eingeprägten Schmerzes und sich mit dem Primär-Feeling verbinden kann, können wir die Strafe umwandeln. Weil die epigenetischen Schalter dann umgekehrt werden können und ein gesunder Zustand erreicht werden kann. Was bedeutet das? Dass wir bald in der Lage sind, entlang der Schmerzkette von gegenwärtigen zu vergangenen Einprägungen zurückzugehen, anhand der Methylspuren zu  beobachten, wie tief der Schmerz ist und zu wissen, wohin wir  gehen müssen, um zuerst die am wenigsten gefährlichen Schmerzen zu finden. Dass wir diese schmerzvollen vergrabenen Gefühle in geordneter Reihenfolge von der Gegenwart zur fernen Vergangenheit fühlen, um schließlich den Methylierungsprozess neu anzusetzen; das heißt, die Biochemie zu normalisieren und den genetischen Schaltern Normalisierung zu ermöglichen, sodass sie ihre Anpassungspflicht erfüllen können.

 

 

18 "Disorder in Gene-control System Is a Defining Characteristic of Cancer, Study Finds." Dana-Farber Cancer Institute | Boston, MA. December 8, 2014.http://www.dana-farber.org/Newsroom/News-Releases/Disorder-in- gene-control-system-is-a-defining-characteristic-of-cancer-study-finds.aspx.

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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