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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 13/ 20)

Montag, 30. November 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 13/20) www.arthurjanov.com                                                       

        

Das Wunder der Erinnerung

            

                                                                      

Ich  sah mich in meinem Bekanntenkreis um, und mindestens ein Drittel von ihnen hatte die Krankheit, sich ständig bewegen zu müssen: Reisen organisieren, Anlässe finden, um nach hierhin und dorthin zu fahren, und sich ganz allgemein in Bewegung halten. Führt dieses ständige Kommen und Gehen zu Schlaganfällen und Herzattacken? Das glaube ich wirklich. Warum? Weil hinter dieser ganzen Betriebsamkeit ein gigantischer lautloser Schrei steckt, der grausamen Qualen, Ersticken und Feststecken entspringt; zuerst im Mutterschoß mit einer Mutter, die raucht und Drogen nimmt (unvermeidlich für das Baby), und darauf folgend ein Geburtsprozess, bei dem das Baby wiederum stecken bleibt und nicht leicht herauskommt. Deshalb jetzt der ständige Bewegungsdrang. Wenn ich das dem Durchschnittsbürger erzähle, hält er mich für wahnhaft. Aber ich versichere Ihnen, ich bin es nicht.

 

Ich habe Tausende Patienten gesehen, die jegliche Art Trauma wiedererlebt haben: Ein weitverbreitetes Schlüsseltrauma besteht darin, im Mutterleib in der Falle zu sitzen, zu ersticken und nicht entkommen zu können. Gefangen sein, ersticken, sich nicht bewegen können; das sind die beteiligten Schlüsselgefühle.  Sie konnten damals nicht schreien und sie können jetzt nicht schreien, aber wenn sie als Erwachsene in dem Feeling sind, können sie zuerst grunzen und versuchen sich zu bewegen und später bei der Geburt schreien. Es ist nicht das Schreien, das befreit. Es ist das Wiedererleben des wahren Gefühls - steckenbleiben - und dann der Schrei, um die Qual von all dem auszudrücken. Jetzt können wir den Schmerz wirklich beobachten. Wiedererleben verändert die Prägung/Einprägung, reduziert sie und setzt den Auflösungsprozess in Gang - Entmethylierung. Schreien alleine ist nicht das, worauf wir aus sind; es ist die totale Agonie des Wiedererlebnisses und dann die Reaktion - Schreien. Reaktionen allein bewirken nicht viel. Und das ist der Irrtum bei all diesen frühen Schrei-Klubs auf Universitäten, die mit der Veröffentlichung des Urschreis ihren Anfang nahmen. Ja, Schreien erleichtert den Druck, den die Reaktion beinhaltet, ändert aber nichts an der Einprägung. Wir sollten niemals glauben, dass Erleichterung gleichbedeutend mit Wiedererleben ist. Das eine ist Besserung; das andere Heilung.

 

Beim Wiedererleben der Geburt sehen wir lebhaft den zunehmenden gewaltigen Druck  nach dem frühen traumatischen Ereignis; nicht nur das Geburtstrauma sondern auch viele andere Traumen, wenn die Mutter Drogen nimmt oder raucht und trinkt und der Fetus nicht entkommen kann. Er kann seinen Kopf wegdrehen, als wolle er entkommen, aber leider sitzt er in der Falle. Und dieses einem verletzlichen Körper eingeprägte Gefühl bleibt dort als eingravierte Erinnerung und steuert danach sein Verhalten: "Ich muss mich bewegen. Ich muss hier raus." Das ist das Leitmotiv seines oder ihres Lebens. Und es verschwindet nie! Es ist eine chemische Verschwörung, die sicher stellt, dass wir uns nie befreit fühlen. Auch wenn das innere Gefühl darin besteht, gefesselt zu sein, können die Leute es nicht fühlen. Sie sind zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, sich zu entfesseln, agieren den Versuch aus, sich zu befreien.

 

Ich finde es erstaunlich, dass das wirkliche Feeling nicht unmittelbar erlebt wird, wenn es sich ereignet; leider ist es zu schmerzvoll für den Moment, wenn das gesamte Wesen eines Babys so verletzlich ist. Der Preis, den wir zahlen, ist, dass wir unsere Gefühle nie kennen oder nie wissen, woher sie kommen. Oder können Sie sich jemand vorstellen, der zu sich selbst sagt: "Wow, ich bin in einem Mutterleibs-Gefühl gefangen!" In diesem Mutterschoß gibt es offensichtlich keine Worte oder Begriffe oder Szenen. Nur ein Körpergefühl - keine Luft bekommen, stranguliert werden, zerdrückt werden und ersticken. Wie also kann es da eine Erinnerung geben? Es gibt keine Erinnerung, die unserer Auffassung von Sich-Erinnern entspricht, aber der Körper erinnert sich genau. Er erinnert das Gefangen-Sein und Ersticken, weil genau das in einem Primal hochkommt und für uns sichtbar wird. Und im Alltagsleben schleppen wir diese Gefühle wie ein Gewicht mit uns herum, als würden wir ständig einen 10 Kilo-Barren aus Stahl mit uns herumtragen. Wir tragen diese teuflischen Chemikalien mit uns herum, die uns gefangen halten.

 

Und was ändert diese Chemikalien? Wenn Schreien es nicht schafft, was dann? Wie wär's mit Beruhigungsmitteln wie den SSRIs, den Serotonin-Verstärkern? Sie bringen den Schrei zum Schweigen, ändern aber nie, nie die Erinnerung, die Einprägung. Die Erinnerung ist nicht für Veränderung bestimmt. Sie bleibt, um erlebt und befreit zu werden. Das ist das Wunder der Erinnerung. Wir haben die Mechanismen für unsere eigene Befreiung in uns, wenn wir es nur wüssten. Und was ist mit Drogen, die uns beruhigen, sodass wir nicht so viel in Bewegung sind? Das unterstützt nur den Druck-Aufbau. Es verschärft das Problem und erhöht den Bewegungsdrang. Und wenn wir nicht genügend ausagieren können, dann wird sich die ursprüngliche Primär-Einprägung eingraben und Schlüsselzellen des Körpers und Gehirns schwer schädigen. Die Gene wandeln sich vielleicht in Onko-Gene um, und schwere Krankheit nimmt ihren Anfang.

 

Wenn wir also das ständige Sich-Bewegen sehen, verstehen wir, aber wir sehen nie die Agonie. Warum keine Agonie? Weil eifrig ausagiert wird, um die Qualen zu erleichtern, bevor sie gefühlt wird. So können wir sie unmöglich sehen, und der Mensch in Bewegung kann sie nicht fühlen. Der Gedanke ist folgender: Dass die Qual verschwinden möge, bevor sie offensichtlich ist. Jetzt wissen wir, warum Psychotherapie so in Verlegenheit ist. Und jetzt wissen wir, was hinter hohem Blutdruck und Migräne stecken könnte. Ich hatte eine Patientin, der sexuell nie befriedigt war. Wenn sie keinen Sex haben konnte, stieg ihr Blutdruck auf gefährliche Werte an. Medikamente konnten ihr nicht helfen. Was half? Den Druck permanent zu entladen, indem sie das Bedürfnis fühlte - ein Primal. Das half und....heilte. Nicht die Erleichterung des Drucks heilte; es war das Wiedererleben der Gefühle, die den Druck erzeugten. Bei Druckerleichterung gibt es kein Verstehen, sehr viel Verstehen jedoch beim Wiedererleben. Und das ist der entscheidende Punkt: Der Erleichterung folgen keine Einsichten, aber dem Wiedererleben folgen viele Einsichten. Das ist eine Möglichkeit von vielen, um wahre Gefühle ausfindig zu machen.

 

Warum Heilung? Weil die Therapie sich mit dem Ursprung von all dem befasst - mit der ursprünglichen Methylierung und Einprägung. Primals ändern die chemische Komposition - weniger Methylierung, vermindertes Serotonin - und verringern die Erinnerung, so dass wir unser Verhalten  und unsere Krankheitsanfälligkeit wirklich ändern können. Wie in aller Welt können wir Magersucht verstehen, ohne Bescheid zu wissen über die Verbindung zwischen Forschung über frühes Trauma und späteren Ess-Störungen? Die Forschung stellt fest, dass sie weitgehend auf wesentliche epigenetische Veränderungen zurückzuführen sind, die sehr früh in unserem Leben stattfinden und die fetale Programmierung und die Entwicklung des Fetus/Babys ändern. So sehen wir jetzt, warum Hunger oder reduzierte Kalorien im Mutterleib zu späterem übermäßigen Essen führen kann. Der Mensch isst für hier und jetzt und er isst aufgrund der Erinnerung. Das ist auch nicht anders bei dem verzweifelten Bedürfnis nach Wärme und Liebe nach einem Geburtstrauma, bei dem das Kind von einer kranken Mutter sogleich verlassen worden war. Es betrat eine kalte Welt ohne Beistand; keine Küsse oder Umarmungen. Das verzweifelte Bedürfnis beginnt hier und wird eingeprägt. Frühe Deprivation bedeutet, dass man  sie zu bewältigen versucht, indem man seine Bemühungen nach Liebe verdoppelt. Abhängig von anderen Faktoren ist Liebe ausgeschlossen, sobald Verdrängung und Schleusung eingesetzt haben, und zwar aufgrund eines Abwehrsystems, das sie nicht zulässt oder hereinlässt, weil sie alten Schmerz wiedererweckt.

 

Vergessen wir nicht das kritische sensorische Fenster, in dem diese Ereignisse für ein ganzes Leben eingraviert werden. Dorthin müssen wir Therapeuten gehen, zu diesem Fenster, wo das Trauma in das Gehirn und in das Gesamtsystem eingeprägt worden war. Wir müssen da ernsthaft hineinschauen. Wenn wir das nicht tun, können wir bei unseren Patienten Angstzustände oder Aufmerksamkeitsdefizit-Störungen nicht verstehen. Es geht nicht ums Hier-und-Jetzt. Dem Dort-und-Damals muss unsere Aufmerksamkeit gelten, weil das Dort-und-Damals weitgehend das Hier-und-Jetzt bestimmt. Wenn wir das Dort-und-Damals auschließen, würden wir nie wissen, dass das Verlangen meiner Patientin nach Sex seine Wurzeln in einer Einprägung der ersten Ebene hat, in einem Trauma, das auf physischer Ebene ungemein stark war, das aber keine Worte oder Schreie hatte. Hüte dich vor den Iden des Hier-und-Jetzt. Der Hirnstamm, der zu jener Zeit nahezu voll entwickelt war, absorbierte das ganze Trauma und ist deshalb schwer methyliert. Wir werden das nie sehen, es sei denn, wir bringen Patienten auf diese Ebene hinab; das aber könnte Monate dauern, und dann müssen wir wissen, wonach wir suchen sollen. Deshalb habe ich Jahrzehnte gebraucht, um dahinter zu kommen. Es ist nicht offensichtlich.

 

Wenn die Leute also in tiefem Schmerz stecken, warum laufen sie dann nicht schreiend die Straße entlang? Weil das kein akzeptiertes Sozialverhalten ist und zu Verhaftung oder Einweisung in die Psychiatrie führen könnte. Was sie aber tun können, ist, die Qualen via Migräne oder Herzverkrampfung (Angina) hinauszuschreien. Und wir eilen herbei und behandeln das Herzproblem oder die Migräne oder den hohen Blutdruck. Da wird das Problem offensichtlich, aber da liegt es nicht. Es liegt verborgen in der Erinnerung, die in den Lungen und ihrer Umgebung, in dem schmerzenden Rücken und in dem ständigen Sich-Bewegen eingebettet ist. Wir sehen, was wir sehen - das Offensichtliche -, und es entgeht uns, was wir nicht sehen können. Es wäre ideal, nach dem zu suchen, was wir nicht sehen können: Eine Linse, die Urschmerz vergrößert. Leider nicht wahrscheinlich.

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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