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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 2/ 20)

Donnerstag, 22. Oktober 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 2/20) www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Vererbung auf den Kopf gestellt

 

Lassen Sie uns darauf achten, dass wir diesen Epigentik-Begriff richtig verstehen, weil er in den kommenden Jahren wahrscheinlich eines der wichtigsten Forschungsgebiete in der Wissenschaft sein wird. Wie ich erwähnt habe, besteht ein Grund für die Vorrangstellung der Epigenetik darin, dass viele ernste Krankheiten, die wir für genetisch halten, tatsächlich epigenetisch sind und somit umweltlich bedingt und möglicherweise heilbar. Das ist jetzt eine feststehende Tatsache in der Entwicklung des Menschen. Frühe Entdeckungen auf dem Fachgebiet vor knapp einem Jahrzehnt waren jedoch so erstaunlich, dass sie sogar die wissenschaftliche Welt überraschten.

 

Die Macht der Epigenetik wurde schon früh in einem Experiment an der Duke Universität demonstriert. Diese Studie zeigte, dass sich das Fell-Pigment beim Nachwuchs völlig änderte, wenn weibliche Mäuse mit methylreicher Nahrung gefüttert wurden; anders gesagt funktionierte das Methyl wie genetische Vererbung, obwohl das nicht der Fall war. Es war das Ergebnis von Erfahrung, etwas bis dahin auf dem Fachgebiet der Genetik völlig Unerwartetes. Ein Resultat dieser Studie war, dass zwei führende Wissenschaftler aus Kanada, Michael Meaney und Moshe Szyf, sich dachten: Wenn das stimmt, warum sollte es nicht auf andere Erfahrungen zutreffen wie eine schlechte Mutter oder gleichgültige Eltern? (3) Nun, es traf zu, und die epigenetische Forschung explodierte. Überlegen Sie sich das: Traumatische Ereignisse in der ganz frühen Kindheit hinterlassen eine Markierung  auf einem Gen, die uns quasi auf ewig beeinflusst. Genau das bezeichne ich als Einprägung, die psychische Prägung, die durch schädliche Ereignisse während Schwangerschaft und früher Kindheit eingraviert und lebenslang ins System eingebrannt wird. Wir verstehen jetzt, dass die Einprägung unterstützt und begünstigt wird durch den Prozess der Methylierung, wobei die chemische Methylgruppe dem Genom angehängt wird, um seinen Ausdruck einzuschränken. Mit anderen Worten wird die Einprägung zum Teil durch eine Veränderung in der Zelle verankert, da bestimmte chemische Reaktionen stattfinden - Wasserstoff-Entfernung, Methyl-Infusion und so fort.Methylierung hinterlässt eine vererbliche Prägung, die sogar von den Großeltern auf ihre Enkelkinder übertragen werden kann, wie die Forschung gezeigt hat. Was wir also immer für genetisch hielten, kann durchaus das Resultat sehr früher Erfahrung sein, die das genetische Erbe umgelenkt hat. Kurz gesagt können die Erfahrungen unserer Vorfahren fortbestehen und entlang der genetischen Kette weitergegeben werden - die Vererbung erworbener Charaktereigenschaften. Genau das hielt  die Wissenschaft  vor nicht langer Zeit noch für unmöglich.

 

In einem anderen Experiment verglichen die Mc Gill-Genforscher zwei Rattengruppen: eine Gruppe bestehend aus dem Nachwuchs normaler Mütter, die ihre Babys oft leckten, ihren Nachwuchs aber in der Schwangerschaft gestresst hatten, und eine zweite Gruppe von Rattenjungen, die auch unter Stress standen aber nicht geleckt wurden (Meaney, Aitken, Bodnoff, Iny & Sapolsky, 1985). Es überrascht nicht, dass die Babys, die intensiv geleckt wurden, sich als die normalsten und am besten angepassten herausstellten. Eine Überraschung jedoch ist, wie sehr das Leben im Mutterleib zählt; was die Wissenschaftler herausfanden, ist, dass die richtige Dosis Lecken und Fellpflege von Beginn an den Nachwuchs im Erwachsenenalter weniger reaktionsbereit für Stresshormone machte. Das wissen wir alle: dass frühe Liebe uns stärker macht und weniger ängstlich. Aber es stellt sich heraus, dass diese Erfahrung auch weitergegeben werden konnte, wenn die Mütter schon früh in ihrem Leben geleckt und gestreichelt wurden; die Stresshormon-Gene ihres Nachwuchses konnten durch die Methylgruppe (und auch durch andere Chemikalien) günstig modifiziert werden. Eine gute Geschichte der Mutter ergibt eine gute Kindheit für die Kinder. Je mehr Mutterliebe, umso weniger Methylierung beim Kind. Wie wir in Kürze sehen werden, bedeutet Liebe im Mutterleib, sich angemessen zu ernähren, ruhig zu sein und nicht blindwütig von hier nach da zu rennen, gefährliche und ungesunde Situationen zu meiden. Ich kenne eine Frau, die sich in der Schwangerschaft einer extremen Hitze-Massage-Therapie unterzog, ohne je den möglichen Schaden für das Baby zu begreifen.

 

Nahezu jede Tierform, die geliebt und geleckt wird, ist ziemlich gesund und ohne ernste Krankheit aufgewachsen; und in meiner therapeutischen Erfahrung sind Kinder, die schlechte und traumatische Geburten mit ungesunder Schwangerschaft hatten, diejenigen, welche als Erwachsene am meisten leiden. Zu oft kommt ein katastrophaler Lebensanfang katastrophaler Krankheit später im Leben gleich.

 

Um sicher zu stellen, dass diese Änderungen bei den Rattenjungen aus Erfahrung resultierten und nicht aus Vererbung, ließen die Forscher normal stabile und von aufmerksamen Müttern großgezogene Rattenjungen von neurotisch nachlässigen Müttern aufziehen. Und das Ergebnis war dennoch dasselbe: nicht-gestresste Babys. Diese Babys hatten biologische Mütter, die ein normales Maß an Methylierung in ihrem Genom hatten. Somit konnten Ratten, die von liebevollen Müttern aufgezogen wurden, das an den Nachwuchs weitergeben, auch wenn die Adotivmutter nicht liebevoll war. Die Gene für den Stresshormon-Ausstoß hatten minimale Methylierung; anders gesagt wurde Liebe entlang der genetischen Kette weitergegeben. So hatten normale Babys, die von nachlässigen und unaufmerksamen Müttern aufgezogen wurden, dennoch geringe Methylmengen in ihrem Hippocampus. Die Babys begannen ihr Leben mit einem Vorsprung; ein guter Lebensstart trotz schlechter Kindheit.

 

Bei Tiermüttern ist Lecken gleichbedeutend mit dem Umarmen und Streicheln bei Menschen. Und genau wie wir es bei den Ratten sehen, kann eine Frau, die in der Schwangerschaft unglücklich oder deprimiert ist, ihr Knd ein Leben lang beeinflussen, auch wenn sie sich später normalisiert und besser fühlt. Ich glaube, dass Änderungen in den Genen, Methylierung und Acetylierung sehr früh geschehen müssen, wenn sich das Gesamtnervensystem entwickelt. Bevor wir also feststellen können, was Depression oder Angst verursacht, müssen wir das Wirken der frühen Epigenetik beobachten. Noch einmal: Von schlechten Müttern geborene aber von liebevollen Müttern großgezogene Rattenjunge schienen normal und relativ unmethyliert.

 

Hier ist noch ein Grund, warum diese Forschung wichtig ist: die Wissenschaftler fanden heraus, dass lieblose Mütter von Nagetieren Methylierung der Östrogen-Rezeptoren beim weiblichen Nachwuchs verursachten. Wenn sie dann eigenen Nachwuchs hatten, wies dieser Nachwuchs Östrogenmangel auf, der diese Mütter weniger aufmerksam und weniger liebevoll zu ihren eigenen Babys machte. Bis jetzt wissen wir nicht, wie viele chemische Schlüsselprozesse durch frühen Liebesmangel beeinflusst werden können, und darüber hinaus haben wir keine Ahnung, wie viele Hormone in neurotischen (schwer methylierten) Müttern verändert sind, und wie das unzählige Verhaltenweisen beim Erwachsenen beeinflusst.

 

Heutzutage scheint es in der epigenetischen Forschung ständige Durchbrüche zu geben. Wie ich zu Beginn gesagt habe, haben Forscher festgestellt, dass Epigenetik nicht nur in Tieren wirkt sondern ebenso unter Menschen. In der schon erwähnten Untersuchung von Holocaust-Opfern, die im August im Biological Psychiatry veröffentlicht wurden, überprüfte ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Rachel Yehuda, Professor der Psychiatrie und Neurologie am The Mount Sinai Hospital in New York die Gene von 32 jüdischen Versuchspersonen, die während des Zweiten Weltkriegs ein gewisses Maß an Traumatisierung erlitten hatten. Sie wurden entweder in Konzentrationslagern gefangen gehalten, gefoltert oder waren gezwungen, sich zu verstecken. Die Forscher untersuchten auch die Gene von 22 erwachsenen Kindern dieser traumatisierten Überlebenden. Die Ergebnisse wurden dann verglichen mit einer Kontrollgruppe jüdischer Familien (acht Eltern und deren neun Kindern), die während des Krieges außerhalb von Europa lebten.

 

 Laut Elisabeth Binder, Direktorin am Max Planck Institut für Psychiatrie  in München, die die Molekularanalysen leitete, konzentrierten sich die Forscher auf ein ein spezifisches Gen, FKBP5, von dem man weiß, dass es das Stresshormonsystem reguliert und bestimmt, wie gut eine Person Stress bewältigt. Die Studie fand heraus, dass das Kriegstrauma das Methylierungsniveau einer spezifischen Stelle innerhalb dieses Gens (Bin 3/Site 6) sowohl bei den Holocaust-Überlebenden als auch bei deren Nachwuchs verändert hatte. Das Ausmaß der Methylierung war an dieser Stelle bei den Holocaust-Überlebenden im Vergleich zu den Kontrollpersonen größer. Beim erwachsenen Nachwuchs der Überlebenden war das Maß der Methylierung an dieser selben Stelle paradoxerweise im Vergleich mit Kontrollpersonen niedriger. Dennoch kamen die Forscher zu dem Schluss, dass "das Methylierungs-Niveau bei exponierten Eltern und ihrem Nachwuchs signifikant korreliert war."

 

Die Forschung hat schnell zu einer praktischen Echtwelt-Anwendung geführt. Im August berichtete die Zeitung Londons Guardian in etwa zur gleichen Zeit, als die Studie veröffentlicht wurde, dass jüdische Aktivisten in Schottland eine Initiative gestartet hatten, um den Enkelkindern von Holocaust-Überlebenden zu helfen, die unter Depression, Angst, Sucht und Ess-Störungen litten. Der Artikel vermerkt epigenetische Studien, welche "die intergenerationellen Effekte des Holocaust" dokumentieren, indem sie zeigen, dass "die Gräueltaten die DNA der Opfer-Nachfahren veränderten." Ausgestattet mit diesem Wissen forderten die Aktivisten "eine psychische Gesundheits-Versorgung, um vererbtes Trauma zu behandeln." (4)

 

Obwohl Kritiker sagen, die Zahl der Versuchspersonen sei in dieser Studie zu klein - sie reflektiert die geringe Zahl noch lebender Holocaust-Opfer - ist die Verbindung klar. "Die Gen-Änderungen bei den Kindern schienen nicht durch Widrigkeiten vermittelt, die sie in ihrer eigenen Kindheit erlebten, sondern konnten nur der Holocaust-Aussetzung der Eltern zugeschrieben werden," sagte Yehuda in einer Stellungnahme des Max Planck Instituts (5). "Umwelteinflüsse wie Stress, Rauchen oder Ernährung können die Gene unserer Kinder beeinflussen."

 

Mit anderen Worten gesagt wird das genetische Schicksal eines Babys noch vor der Empfängnis zumindest teilweise durch die Lebenserfahrungen seiner Eltern bestimmt und nicht nur durch ihren existierenden genetischen Kode. Das ist Epigenetik in Aktion.

 

 

(3) Hoag, H. (2011, Summer). Are your genes your destiny? (Not if your mom has anything to say about it). Retrieved from http://publications.mcgill.ca/mcgillnews/2011/06/01/are-your-genes-your-destiny-not-if- your-mom-has-anything-to-say-about-it/

(4) West, J. (2015, August 3). Holocaust survivors' grandchildren call for action over inherited trauma. The Guardian.


(5) Holocaust survivors pass on trauma to their children’s genes. (2015, August 25). Retrieved from 
http://www.mpg.de/9375728/holocaust-trauma-epigenetics

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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