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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 20/ 20)

Mittwoch, 09. März 2016, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 20/20) www.arthurjanov.com                                                       

        

 

            

                                                                      

Wann ist dieser Zeitpunkt? 

 

Wir können die Persönlichkeit nicht ändern, solange die Prägung bleibt und uns lenkt; und das bisschen Liebe, das wir später bekommen, ist vielleicht nicht genug, um uns eine Richtungsänderung zu ermöglichen. Und darüber hinaus kann das Abschalten, das mit dem Schwangerschafts-/Geburtstrauma einhergeht, so gründlich sein, dass wir hilflos davorstehen. Wir können Liebe nicht mehr hereinlassen; zuerst müssen wir qualvoll fühlen, dass wir von unseren Eltern nicht geliebt worden sind. Wir können uns nicht absichtlich öffnen, weil wir dann offen sind für großen Schmerz. Zuerst muss der Schmerz aus dem Weg geräumt werden.

 

Warum müssen wir uns zuerst ungeliebt fühlen? Weil es eine Erinnerung ist, die dank dem Methylierungsprozess versiegelt und eingraviert wird. Auch diese Chemikalie sorgt dafür, dass die Erfahrung in unserer Erinnerungsbank weiterlebt. Sobald wir uns mit der eingeprägten Erinnerung befassen und dazu beitragen, den Methylierungsprozess rückgängig zu machen, öffnet sich das System ganz von allein. Wir müssen Verdrängung rückgängig machen, damit wir wieder fühlen können. Wenn wir uns ungeliebt "fühlen," beginnen wir erneut zu fühlen. Wenn wir uns zu Beginn jedem Gefühl öffnen, werden wir von Schmerzen überwältigt. Wenn wir mit der Zeit langsam Zugang erlangen zu geringeren Verletzungen, werden wir nicht überwältigt. Dann sind wir auf dem Weg zu vollem Fühlen.

 

Ein Artikel im Journal of Epidemiology and Community Health wirft Licht auf dieses Problem, indem er die Qualität der Interaktionen zwischen Müttern und ihren Kindern analysiert. Forscher von der Duke, Brown und Harvard Universität führten eine Langzeitstudie mit 482 Erwachsenen durch, indem sie Daten aus dem National Collaborative Perinatal Project (NCPP) nutzten, eine auf Rhode Island und New Jersey bezogene Kohortenstudie schwangerer Frauen und ihrer Kinder (Maselko, 2010). Die Forscher beobachteten die Interaktionen zwischen Mutter und Kind im Alter von acht Monaten. Dieser Mutter-Kind-Austausch wurde dann als hochgradig oder wenig liebevolle Interaktion klassifiziert. Jahrzehnte später wurden die Kinder als Erwachsene wieder untersucht. Die Mütter, die als am liebevollsten beurteilt wurden, brachten Nachwuchs hervor, der wenig Angst, Feindseligkeit und wenig allgemeinen Dysstress zeigte. Der Unterschied auf der Angst-Skala zwischen geliebten und ungeliebten Kindern betrug mehr als sieben Punkte, und es gab einen drei-Punkte-Unterschied bei der Feindseligkeits-Bewertung. Ungeliebte Nachkommen sind feindseliger. Kurz gesagt sind die Dysstress-Werte um so niedriger, je größer die Wärme der Mutter ist.

 

Sagt uns das nicht eine Menge? Und es bedeutet, dass frühe Liebe so, so wichtig ist. Ohne sie haben wir eine beschädigte Seele, eine Person, die mit höherer Wahrscheinlichkeit krank wird und geringe soziale Kompetenz aufweist. Dieser Liebesmangel macht uns  unfähig, Jahrzehnte später mit anderen Erwachsenen liebevoll zu interagieren. Zuneigung ist alles, auch wenn wir Schmerz der ersten Ebene hatten. Sie können als Eltern nicht sagen: "Meine Kionder wissen, dass ich sie liebe. Ich kann es nur nicht zeigen." Bedaure, das ist nicht gut genug. Es ist, als würde man sagen: "Ich weiß, mein Kind ist hungrig, aber ich kann es nicht füttern." Es gibt dieses Bedürfnis nach Wärme, das man nicht abschaffen kann. Liebe ist Liebe und es gibt da keinen Kompromiss. Entweder man liebt oder man liebt nicht, und es wird sich Jahrzehnte später in den Gefühlen und im Verhalten der Person zeigen. Wir können eine geliebte Person "riechen;" sie strömen sie aus mit jeder Pore, mit jedem Wort und mit jeder Bewegung.

 

Ich habe über Jahrzehnte die Bedeutung früher Liebe betont für die Verhinderung von Leid, das wir bei so vielen unserer Patienten sehen, die sie nicht bekommen haben. Jetzt hat die Wissenschaft die Mittel gefunden, um diesen Standpunkt zu beweisen. Die Autoren der Mütter-Studie kamen zu folgendem Schluss: "Es ist auffällig, dass eine kurze Beobachtung des Niveaus mütterlicher Wärme in der frühen Kindheit mit Dysstress bei erwachsenen Nachkommen 30 Jahre später assoziiert ist." (Joanna Maselko, PhD, Assistenz-Professorin im Institut für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Duke Universität). "Diese provozierenden Ergebnisse tragen zu den wachsenden Beweisen bei, dass die frühe Kindheit den Weg zu bereiten hilft für spätere Lebenserfahrungen, und unterstützen die Auffassung, dass früh verankerte biologische 'Erinnerungen' psychische und physiologische Systeme ändern können und später im Erwachsenenalter auftauchende latente Anfälligkeiten oder Problem-Resilienz hervorbringen können." (21)

 

Epigentik hat ganz mit Erfahrung zu tun, mit Umwelt über Anlage. Und in einem dialektischen Prozess kann die Umwelt zur Anlage werden; das heißt, das System behandelt den Eindringling der Erfahrung als genetisch und vererblich. Und wir verwechseln die zwei beim Versuch, das zu verstehen. In der Primärtherapie sind wir die Händler in Sachen Erfahrung/Erlebnis, weil wir gesehen haben, was Erfahrung mit uns macht, vor allem sehr frühe präverbale Erfahrung. Wenn man ein einziges Primal sieht, weiß man für alle Zeiten, wie entscheidend Erfahrung im Schema der Dinge ist. Selten ist die Ursache eine Gehirnkrankheit. Das ist eine Antwort, die sich Leute ausdenken, die an Neuronen und Synapsen herumfummeln und nicht sehen, dass das Gehirn auf Erfahrung reagiert. Wenn wir Erfahrung weglassen, sind wir dessen beraubt, was uns Antworten geben könnte. Wir sehen nur das Endergebnis und übersehen die Hälfte des Puzzles. Es ist, als würde man Diabetes betrachten und nie wissen, was die Leute essen. Wenn wir die ersten drei Jahre im Waisenhaus auslassen, können Sie sich dann ausmalen, dass wir nie wissen, was los ist? Zu denken, es sei eine Gehirnkrankheit, ist das Ergebnis einer weiteren ernsten Krankheit: Solipsismus.

 

Und das Problem existiert auch nicht "nur in deinem Kopf," in deiner Einbildung, wie Mindfulness und andere kognitive Therapien uns nahelegen. Wahre Heilung kann nie geschehen mit einer kognitiven Therapie, die nie tief liegende Einprägungen berührt, die das System abweichen ließen und abweichen lassen. Intellektuelle Therapien operieren nie auf den Ebenen, die Abweichungen in Gang setzen. Sie befassen sich mit den Derivaten, mit den Ausdünstungen der frühen Prägungen/Einprägungen wie z.B. Abweichungen in der Wahrnehmung, im Gedankenmuster oder beim Lernen. Das alles zu behandeln bewirkt nie eine tiefgreifende Änderung. Und wer leidet? Der Patient.

 

Aber geht es nicht darum in der modernen Medizin - um die Behandlung von Symptomen? Den Blutdruck senken, Medikamente gegen Allergie verschreiben, Verhalten neu strukturieren. Man nennt es "whack-a-mole." Jedes Mal, wenn sich ein Symptom zeigt, mach' es einfach platt. Und frag' nicht, woher das alles kam? Die Erfahrung sitzt auf den hinteren Rängen, wenn wir in die Tiefen und Details des Gehirn hineinschlittern und nach Antworten suchen, die dort nicht existieren und nie existieren werden.

 

Ich mache einen ziemlich unbescheidenen Vorschlag. In unserer kommenden Gehirnforschung hoffen wir den Prozess der Entmethylierung messen zu können, so dass wir ein quantitatives Maß des Fortschritts und der Verdrängungs-Abschwächung haben. Kurz gesagt werden wir Schmerz messen, und wie er gespeichert wird und wo. Auf diese Weise ist es vielleicht möglich, die treibende Kraft abweichenden Verhaltens und sich manifestierender Symptome rückgängig zu machen. Das heißt, dass wir darauf hoffen, die Primärspuren auf den Genen zu reduzieren, die unser Verhalten die meiste Zeit unseres Lebens gesteuert haben. Um die Unbescheidenheit noch zu vergrößern: Das bedeutet, dass wir die Geschichte umkehren und Einprägungen/Prägungen rückgängig machen, die unser Leben so eingeschränkt haben und unsere Verhaltensoptionen reduziert haben, und es bedeutet, körperliche Leiden zu reduzieren.

 

Wenn unsere Hypothesen unsere Erwartungen untermauern, wird dies, so glaube ich, das Gesicht der Psychotherapie, wie wir sie kennen, verändern. Wir werden die Antwort der Wissenschaft überlassen. Aber ich muss hinzufügen, dass wir in Ergänzung der Wissenschaft nahezu fünfzig Jahre lang genau das getan haben, nämlich die Einprägung umzukehren bei Tausenden von Patienten mit hochsignifikanten Ergebnissen. Auch das ist angewandte Wissenschaft. Wir wenden unsere Theorie auf die Behandlung von Patienten an, so dass wir schließlich das Reich der Theorie verlassen und die Ergebnisse im Fleisch und Blut unserer Leute sehen. Theorie wird greifbar im wortwörtlichen Sinn des Begriffs. Wir sehen es bei unseren Süchtigen, die Drogen weit hinter sich lassen, und wir messen diese "Heilung," durch die reduzierten Trauma-Spuren auf den Genen. Und natürlich sehen wir, dass sich ihr ganzes Leben nach der Therapie ändert. Sie denken nicht mehr an Drogen sondern treffen Entscheidungen im Leben, die nicht von Schmerz gesteuert werden sondern von Wahlfreiheit. Dann und nur dann können wir das Wort "Heilung" benutzen.

 

 

21: Brauser, D. (2010, July 28). High Levels of Early Maternal Affection May Lower Emotional Distress in Adult Offspring. Retrieved from http://www.medscape.com/viewarticle/725920 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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