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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 3/ 20)

Sonntag, 25. Oktober 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 3/20) www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Die Dringlichkeit früher Liebe

 

Wichtig ist, dass wir uns an eine genaue Antwort heranzoomen auf die Frage, die so vielen Leuten beim Studium psychischer Krankheit entschlüpft: Warum? Nehmen wir an, dass Schaden schwere Methylierung bedeutet. Aber was ist dieser große Schaden? Die Antwort ist einfach - fehlende frühe Liebe. Bei Menschen nimmt sie viele Formen an: schlechte Ernährung, Missbrauch, Vernachlässigung, fehlender Körperkontakt (Lecken bei Tieren). Methylierung scheint sowohl bei Menschen als auch Tieren ein wichtiger Marker für fehlende frühe Liebe zu sein. Die neue Forschung kommt zu dem Schluss, dass so viele Krankheiten einschließlich Multipler Sklerose, Diabetes und Herzkrankheit durch Methylierung beeinflusst werden. Diese stehen in Zusammenhang mit Stress und der große Stressor scheint ein simpler Liebesmangel zu sein, das heißt, die Versagung eines Grundbedürfnisses. Nicht überraschend war bei der Ratten-Studie die Tatsache, dass schwere Methylierung in den limbischen /fühlenden Strukturen wie dem Hippocampus stattfand, der mit Fühlen/Erinnerung zu tun hat. Das Fazit ist, dass ungeliebte Ratten empfänglicher für späteren Stress sind, während es denen, die geliebt (geleckt) werden, später im Leben viel besser geht: Sie werden abenteuerlustiger und neugieriger.

 

Denken Sie daran, wenn es im Mutterleib sehr frühen Stress gibt, können die Gene nach oben oder unten reguliert werden, und hier liegt der Ursprung von Depression und Angst. Es wird zum Schmelztiegel für spätere Krankheit. Wenn wir ein späteres Trauma hinzufügen - Missbrauch in der frühen und späteren Kindheit, Pflegeeltern, eine Mutter, die zu krank ist, um für das Kind zu sorgen, etc. - können wir nahezu sicher sein, dass neurotisches Verhalten und Krankheit folgen werden. Das beinhaltet beinahe sicher ADS, Konzentrationsmangel und Lernstörungen. Die DNA ist chemisch modifiziert worden und leitet normale Reaktionen für Verhalten und Krankheit um. Diese Veränderungen sind nicht neurotisch; sie sind oft normale Reaktionen auf schädliches Eindringen von Dingen wie z.B. Rauchen oder Trinken der Mutter. Der Fetus tut sein Bestes, um sich anzupassen. Neurose ist eine Anpassungsreaktion auf Bedrohung. In diesem Sinn ist sie normal. Wenn wir also eine Mutter finden, die nicht liebevoll ist, müssen wir wissen, dass sie vielleicht von ihren Epigenen gesteuert wird; sie ist ein Opfer dieser Veränderungen. Ihr Kortisol-/Stresshormon-Spiegel spricht gegen mütterliche Instinkte; Methylierung schaltet eine Reihe "natürlicher" Verhaltensweisen einschließlich des Mutterinstinkts ab. Eine der hormonellen Kontrollen für Liebe ist Oxytozin, das auf unsere Therapie anspricht; es baut sich auf, wenn der Schmerz abnimmt, und ermöglicht der Person, Liebe zu geben und zu empfangen. Neue Mütter, die keine ausreichende Brustmilch für ihre Neugeborenen geben können, sind in der Regel diejenigen mit wenig Liebe in der frühen Kindheit; oft fehlt es ihnen an Oxytozin. Deswegen bezeichne ich es als Liebeshormon.

 

Wie sich herausstellt, ist Liebe nicht so flüchtig, wie wir vielleicht gedacht haben. Liebe bedeutet eine angemessene Geburt zu haben ohne schwere Anästhesie, welche die Sauerstoffversorgung des Neugeborenen abschaltet. Sie bedeutet - ganz wichtig - eine Mutter, die frei ist von Kummer und Depression; denn ihr physiologischer und emotionaler Zustand ist mehr oder weniger der Zustand des Nachwuchses, nicht nur momentan sondern lebenslang. Tatsächlich entdecken wir, wenn wir die Dokumentation sehen, dass es mindestens so wichtig - wennnicht sogar wichtiger als- Vererbung ist, wie wir im Mutterleib und in unseren ersten Jahren aufgezogen worden sind. Wenn Liebe fehlt, ergeben sich auf Dauer körperliche Konsequenzen. Und das ist der Haken; wir haben es mit Unterlassungssünden zu tun, mit Abwesenheit und nicht mit Präsenz - deswegen lässt es sich so schwer lokalisieren.

 

Tierexperimente haben gezeigt, dass  es schweren Stress erzeugt, wenn ein Baby sporadisch und unvorhersehbar von seiner Mutter getrennt wird, und dasselbe gilt für ein Menschenbaby, das gleich nach der Geburt und in den ersten Lebenswochen nicht berührt wird, wie wir es bei Babys finden, die in Inkubatoren aufgezogen werden. Eine andere Studie zeigte, dass frühes Trauma schwere Methylierung bei solchen Kindern erzeugte, die in Waisenhäusern aufwuchsen (Drury et al., 2011). Und dieser Prozess hatte dann hinsichtlich Gehirn und neuronaler Entwicklung viel größeren Einfluss. Die Auswirkungen dieses Stresses wurden über das Genom vererbbar. Diese Prägung beeinflusst dann viele Aspekte unserer Biologie einschließlich des Erinnerungssystems. Das kann bedeuten, dass ein Zustand wie Alzheimer seinen Anfang bei der Geburt haben kann und sich für weitere sechzig Jahre nicht zeigt. Forschung von D.K. Lahiri und B. Maloney (2010) an der Indiana University School of Medicine deutet zum Beispiel darauf hin, wie das alles funktionieren könnte - zuerst durch die Prägung und dann, so schlagen sie vor, durch die Methylierung, welche die Prägung fortsetzt. Die Prägung ändert etwas daran, wie sich die Vererbung manifestiert. Ohne Verständnis der Prägung/Einprägung ist es unmöglich, das Geheimnis psychischer Krankheit, die sich aus ernster Prägungserfahrung ableitet, zu lösen. Und in Wirklichkeit handelt es sich nie nur um "psychische" Krankheit. Im Kern ist sie neurophysiologisch. Deswegen ist der Gebrauch intellektueller Methoden wie kognitiver Therapie für den Umgang mit tiefliegenden Erinnerungen ein begrifflicher Widerspruch.

 

Was also ist die Prägung/Einprägung? Sie ist eine Erinnerung, ein Ensemble aller Umstände im Umkreis eines zentralen widrigen Ereignisses; eine Erinnerung eines frühen eingekapselten Traumas. Aber es ist nicht einfach eine "Erinnerung" im üblichen Sinn von Rückruf oder aktivem Zurückgehen, um gewollt etwas in der Vergangenheit Vergessenes wiederzufinden. Es ist ein biochemisch versiegeltes Ereignis, das uns in alle Ewigkeit beeinflusst. Es ist deshalb so wichtig, weil es die Persönlichkeit bestimmt, Krankheit, Lebensdauer und viele andere Facetten unseres Lebens. Es steuert unser Verhalten, definiert die Art von Krankheit, an der wir leiden werden, ob Alzheimer oder Krebs. Wenn wir einmal die Natur der Prägung verstanden haben, begreifen wir, dass in der Therapie ohne Änderung der Prägung keine grundlegende Persönlichkeitsveränderung stattfinden kann. Aber Sie können von hier aus nicht dorthin gelangen; Sie können nicht vorsätzlich versuchen, die Erinnerung zurückzugewinnen, weil vorsätzlich das Gegenteil dessen ist, was man braucht. Man muss von kortikalen Prozessen der höheren Ebene loslassen und die Bewusstseinsebenen hinabsteigen zu den Orten, wo die Einprägung existiert. Und dort finden wir, dass wir mit ihr keinen Kontakt aufnehmen können, weil sie eingekapselt ist, umgeben von Aspekten der chemischen Methylgruppe, die sie umhüllt und unerreichbar macht. Wenn also ein Kleinkind ein Trauma erleidet während der kritischen Periode vor der Geburt und direkt am Lebensanfang, hinterlässt die Methylierung den Abdruck dieses Traumas auf den Zellen. Die Methyl-Substanzen scheinen sich an die gene zu hängen und zu kontrollieren, ob der der genetische Schalter an- oder ausgeschaltet ist, und ob er an ist, wenn er aus sein sollte, wie im Fall schwerer Krankheit. Tatsächlich ist es die Methylierung, die in hohem Maße für die Prägung und ihren dauerhaften Einfluss verantwortlich ist.

 

Ein Beispiel: Wenn ein Patient eine traumatische Geburt wiedererlebt, sehen wir manchmal, dass die Fingerabdrücke des Arztes auf den Armen des Neugeborenen wieder erscheinen. Wir haben das fotografiert, weil es für das Auge unmissverständlich ist. Und gleichzeitig so schwer zu verstehen, bis wir begreifen, dass Erinnerung weit mehr ist als zerebral. Darauf zu hoffen, dass man mit zerebralen Methoden heilt, während man die Prägung ignoriert, ist nur eine Fantasie,welche die Realität außer Acht lässt.

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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