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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 4/ 20)

Mittwoch, 28. Oktober 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 4/20) www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Neurose wird vererbt

 

Die Leute schwitzen aus jeder Pore ihres Seins aus, wer sie sie sind. Ich meine das wörtlich. Eine verklemmte, angespannte Mutter strahlt ihre Verdrängung aus. Ein zorniger Vater strahlt seine Wut aus. Sie müssen nichts "tun;" einfach sein. Aber es ist viel schlimmer. Wenn sich ihre darunterliegenden Gefühle zeigen, spüren wir instinktiv, dass wir sie meiden sollten oder sehr vorsichtig um sie herum. Sie verdrehen unsere Worte, lenken unsere natürlichen Bewegungen um und missbilligen fast alles, was wir tun, und zwar nicht mit Worten sondern mit diesen Blicken. Und was noch schlimmer ist, wenn sie keine Emotionen zeigen, wissen wir, dass wir Gefühle für uns behalten. Der springende Punkt ist, dass ein Kind ein Leben voller Erfahrung durchmacht, noch ehe es Worte gibt. Und je früher die Erfahrung, umso wirkungsvoller ist sie. Es sollte offensichtlich sein: Die frühen Erlebnisse, die Atmung, Verdauung und Ausscheidung direkt beeinflussen, werden viel Schaden anrichten und lebenslang andauern.

 

Unsere Gene bilden die Matrix für das spätere Leben; so weit sind wir uns einig. Aber unsere durch ernsthafte Erfahrungen transformierten Epigene bilden eine neue "genetische" Basis, die die Entwicklung unseres genetischen Kodes ändert oder verzerrt. Diese neuen veränderten Eigenschaften werden dann "vererbt." Wie ich angemerkt habe, verwechseln wir das zu oft mit unserem genetischen Erbe, das für spätere Ereignisse weitgehend unempfindlich ist. Der Mensch wird zu einer Mischung aus Genen und Epigenen - durch Erfahrung geformte Erbsubstanzen. Anstatt zu sagen "sie sieht wie ihre Mutter aus und benimmt sich genau wie ihre Mutter" müssen wir sagen "ihre Mutter wurde mit Neurose 'infiziert', die sich ins System des Nachwuchses einprägte, und jetzt ist sie genau so hyperaktiv und auf ADS wie ihre zerstreute und hyperaktive Mutter." Anders gesagt hat sich das kleine Kind, während es ausgetragen wurde, etwas eingefangen, was eine fatale Krankheit sein könnte: Neurose - dieselbe, die sich in der Mutter befindet. Das Baby wird das Innenleben der Mutter reflektieren und genau das wird sich ihm einprägen und ein Leben lang fortbestehen. Warum? Weil genau das gelernt worden ist, um sich anzupassen. Keine Worte, kein Tadel, keine soziale Vernachlässigung ist erforderlich, nur ihr So-Sein bringt das alles zustande.

 

Forscher an der Universität von Kalifornien in San Francisco untersuchten, was sie als Synchronie bezeichnen, die nichtverbale Kommunikation zwischen Mutter und Kind (Waters, West & Mendes, 2014). In einem Phänomen, das sie "Stress-Ansteckung" nennen, lernt das Baby, wie es mit dem hereinkommenden Stress der Mutter umgehen kann. Sie unternahmen Studien mit mehreren unterschiedlichen Müttern, die ein Referat hielten vor unterschiedlichem Publikum - ein zustimmendes, ein neutrales und ein missbilligendes. Stellen Sie sich vor, die 14 Monate alten Babys reflektierten, was geschah! Es gab Unterschiede bei der Herzfrequenz und eine größere Stressreaktion bei den Kindern, deren Mütter Missbilligung erlebt hatten. Die Kinder lernten durch eine Art Osmose. Sie waren mit dem emotionalen Zustand der Mutter 'geimpft.' Die leitende Forscherin Sara Waters vermerkte in einem Artikel auf der Webseite der Association for Psychological Science, welche die Forschung veröffentlichte: "Ihr Baby ist vielleicht nicht fähig, Ihnen zu sagen, dass Sie gestresst scheinen, oder Sie zu fragen, was nicht stimmt, aber unsere Arbeit zeigt, dass es, sobald Sie es ihm Arm halten, die körperlichen Reaktionen mitbekommt, die Ihren emotionalen Zustand begleiten, und anfängt, in seinem eigenen Körper Ihre negative Emotion zu fühlen." (6) Nun stellen Sie sich vor, dass das Baby und die Mutter eins sind, nämlich wenn das Baby im Inneren der Mutter lebt. Die Einflüsse sind weitaus wuchtiger.

 

Was also wird übertragen? Geruch, Gesichtsausdruck,Gefühllosigkeit, Körperbewegungen und so fort. Alles vom Elternteil wird auf das Kind übertragen. Sogar Vorlieben für bestimmte Lebensmittel können im Mutterleib eingeprägt und über Generationen weitergegeben werden. Wenn Sie Süssigkeiten lieben und nicht wiederstehen können, könnte das der Zeit im Mutterleib zuzuschreiben sein. Anders gesagt wird der Zwang der Mutter zu Ihrem Schicksal. Das kann einen beachtlichen Prozentsatz der Fettleibigkeit bei Kindern erklären. Schlechte Essgewohnheiten fangen im Mutterleib an, genau wie so viele andere Zwänge. Meistens sehen die Leute nur die sichtbaren Manifestationen dieser verborgenen Kräfte. So fragen sie zum Beispiel: "Warum isst dieser Mensch so viel?" Wir wissen, dass nicht allein die Gegenwartskultur der Grund ist; es könnte auch sein, dass die Mutter maßlos war und zwanghaft aß. In seiner Zeit im Mutterleib lernt das Baby viel über seine Welt und was es von ihr zu erwarten hat; folglich ist ein Haufen Nahrung von einer maßlosen Mutter zu erwarten. Es häufen sich Beweise, die zeigen, dass dieser frühe Beginn vorzeitige Erkrankung und eine verkürzte Lebensspanne vorausbestimmen kann. (7) Der Fetus nimmt in der Schwangerschaft nicht nur einen bestimmten Geschmack und bestimmte Gerüche  in der Mutter wahr, sondern diese Erinnerungen können ein Leben lang andauern und  später viele unserer Interessen beeinflussen. Zum Beispiel hatten Mütter, die während der Schwangerschaft Karottensaft tranken, Kinder, die ihn bevorzugten.

 

Forscher an der Emory Universität in Atlanta, Georgia, fanden heraus, dass sogar die Erinnerung eines bestimmten Geruchs vererbt werden kann (Dias & Ressler, 2013). Die Wissenschaftler trainierten männliche Mäuse darauf, den Geruch von Kirschblüten mit einem Stromschlag zu assoziieren, sodass sie Angst davor bekamen. Sie befruchteten dann Weibchen mit dem Sperma dieser Mäuse und fanden, dass die Jungmäuse ebenfalls Angst vor dem Kirschblütenaroma hatten. Sogar die Enkel-Mäusekinder erbten die Angst vor diesem besonderen Geruch. Wie wurde diese Geruchs-Eigenschaft über Generationen weitergegeben? Forscher schreiben es der Epigenetik zu und vermerken, dass die DNA der Großvater-Mäuse und ihrer Kinder epigenetische Markierungen auf dem  als M 71 bekannten Gen zeigte, das den Rezeptor für diesen spezifischen Geruch kodierte. Anders ausgedrückt kam diese Vererbung durch Erfahrung zustande und nicht nur durch Gene. Wie ihre traumatisierten Großväter reagierten die Enkel-Mäusekinder sensibler auf das Aroma von Kirschblüten, weil ihre Rezeptoren akut darauf abgestimmt waren, mehr als bei Kontroll-Mäusen. "Die Forschung liefert bislang mit den besten Beweis, dass Erinnerungen oder entwickelte Eigenschaften vererbt werden können," so sagt ein Bericht über das Experiment, der im New Scientist veröffentlicht wurde. (8)

 

"Das Wissen, wie die Erlebnisse der Eltern ihre Nachkommen beeinflussen, hilft uns psychiatrische Störungen zu verstehen, die vielleicht eine transgenerationale Grundlage haben, und möglicherweise therapeutische Strategien zu entwickeln," sagt der Chef-Autor Kerry Ressler, MD, PhD, Professor der Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Emory School of Medicine. (9)  2013 hielt Ressler, der auch Forscher am Emory's Yerkes National Primate Research Center ist, eine Stockholm Psychiatrie-Vorlesung am Karolinska Institut in Stockholm über die Biologie der Angst. Die Stunden-Vorlesung mit dem Titel "Neural circuits mediating fear, risk and resilience: from Pavlov to PTSD" kann man sich online ansehen. (10)

 

Werden wir also ängstlich geboren? Könnte sein. Wir können schreckhaft, nervös und fahrig sein, alles auf Grund von Epigenetik. Es geschieht so früh, dass es genetisch zu sein scheint, aber wahrscheinlicher ist es epigenetisch, der Zustand der Mutter (und des Vaters) in der Schwangerschaft. So fragen Sie sich selbst: "Habe ich die Verrücktheit meiner Mutter geerbt?" Die Antwort könnte "Ja...." sein, "aber nicht im üblichen Sinne von Vererbung." Vielmehr hinterließ ihr So-Sein, als sie schwanger war, -hyperaktiv oder deprimiert - in Ihnen ein neurotisches Erbe, das noch immer ihr Leben formt. Das sollte uns etwas über Erinnerung mitteilen;  denn Erinnerungen aus der Schwangerschaft können Jahrzehnte andauern und Verhalten lenken oder kanalisieren. Wir "wachsen" nicht einfach "aus ihnen heraus."

 

 

 

6) For Infants, Stress May be Caught, Not Taught. (2014, February 3). Association for Psychological Science. Retrieved fromhttp://www.psychologicalscience.org/index.php/news/releases/for-infants-stress-may-be-caught- not-taught.html

(7) See the work of Keith Godfrey, Professor of Epidemiology and Human Development, and others at the University of Southampton in England.
http://www.southampton.ac.uk/medicine/research/groups/human_development_and_physiology_research_group.page

(8) Geddes, L. (2013). Fear of a smell can be passed down several generations. New Scientist, 220(2946), 10. doi:10.1016/s0262-4079(13)62827-4


(9) Mice can inherit learned sensitivity to a smell. (2013, December 2). Retrieved from
http://news.emory.edu/stories/2013/12/smell_epigenetics_ressler/campus.html

(10) 
https://www.youtube.com/watch?v=gz2yDSsSOkg

 

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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