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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 5/ 20)

Samstag. 31. Oktober 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 5/20) www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Studie um Studie hat gezeigt, dass der Stress einer schwangeren Mutter langfristige Auswirkungen darauf haben kann, wie die Gene im Nachwuchs abgewickelt und ausgedrückt werden, was das Wesen der Epigenetik darstellt. Menschen, die ein liebloses Zuhause hatten - unter Bedingungen von Missbrauch, Hunger, Gewalt, Krieg, Scheidung etc. aufwuchsen - wiesen lebenslange Änderungen in ihrer Entwicklung auf, einschließlich chronisch hohen Kortisol-Spiegeln. Frauen, die von ihren Ehemännern misshandelt wurden, hatten Kinder mit übermäßiger Gen-Methylierung. Und diese Änderung wurde an das Baby weitergegeben, als sei sie vererbt worden. Auf diese und vielerlei andere Art und Weise wird die Angst und Depression der Mutter auf das Baby übertragen. Kurz gesagt wird es gestresst geboren. Später wird das Kind auf spannungsvolle Ereignisse mit erhöhtem Stress-Niveau reagieren.

 

Das ist die Definition der posttraumatischen Stress-Störung oder PTSS. Und der Punkt ist, dass viele von uns dieses latent hohe Stressniveau ein Leben lang mit sich herumtragen. (Wir testeten viele unserer Eingangs-Patienten auf Kortisol-Spiegel, und sie waren zu Beginn allgemein hoch, fielen aber signifikant nach einem Jahr Therapie.) Wenn wir später ein liebloses Zuhause und andere Stressfaktoren hinzufügen, erhöht sich der latente Spiegel übermäßig. So zieht ein Mann ins Gefecht und leidet später unter PTSS; wir denken, dieser Kampf sei die Ursache. Das Gefecht verschlimmerte nur die Reaktion und machte sie offenkundig; sie wurde zu einem offenen Symptom. Er hatte bereits eine PTSS, nur war sie latent. Es gibt eine aktuelle Studie, die diesen Gesichtspunkt beweist, indem sie zeigt, dass Männer, die unter Gefechts-Erschöpfung litten, allgemein unter erhöhter Trauma-Belastung aufwuchsen. (Berntsen et al., 2012).

 

In dieser Studie befragte ein Team aus dänischen und amerikanischen Forschern eine Gruppe von 746 dänischen Soldaten vor, während und nach ihrem Einsatz in Afghanistan. Die Forscher unter Leitung von Dorthe Berntsen von der Aarhus Universität in Dänemark wollten den Ursachen von PTSS auf die Spur kommen und herausfinden, warum einige Soldaten die Störung entwickelten und andere nicht. Sie fanden, dass die große Mehrheit der untersuchten Soldaten mit dem Kriegserlebnis ohne oder mit nur geringem psychischen Schaden fertig wurde. Überraschend stellte sich heraus, dass bei den Männern, die ernsthafte Stress-Symptome entwickelten, die Ursache nicht mit dem Schlachtfeld-Trauma verknüpft war. Stattdessen war der stärkste Prädiktor für PTSS extreme Misshandlung/Missbrauch in der Kindheit und nicht das Kampferlebnis. Die Forscher fanden heraus, dass die unter PTSS Leidenden mit größerer Wahrscheinlichkeit Opfer ernsthafter Züchtigungen, Verbrennungen und gebrochener Knochen waren oder als Kinder Gewalt in der Familie miterlebt hatten. Zusätzlich hatten diese Soldaten Vergangenheits-Erlebnisse, über die sie mit den Forschern nicht sprechen konnten oder wollten. Die Forscher fanden jedoch heraus, dass völlig unerwartet und entgegen herkömmlicher Auffassung einige der bereits gestressten Soldaten - etwa 13 Prozent- sich besser fühlten, nachdem sie in die Schlacht geschickt worden waren. Das waren Männer, die vor ihrem Einsatz Stress-Symptome wie große Angst und häufige Albträume aufwiesen. Aber sobald sie in der Kriegszone waren, besserte sich ihr Stress vorübergehend, nur um wieder zu erscheinen, sobald sie sicher zuhause waren. Die Frage ist: Warum sollten sie sich besser fühlen, wenn sie plötzlich in eine ungewohnte und bedrohliche Situation bebracht wurden? Die Antwort, welche diese Studie nahelegt, lautet, dass der Kriegseinsatz ihnen kurzfristig ermöglichte, ihrem eigenen privaten Schlachtfeld zu entkommen - der Familie.

 

"Anders gesagt zeigten sie als Soldaten nur deshalb Verbesserungen, weil sie im Zivilleben unter so schlechten psychischen Bedingungen existierten," schlussfolgert ein Artikel über die Forschung, der im Scientific American veröffentlicht wurde. "Das Leben in der Armee - sogar das Gefecht- bot ihnen mehr soziale Unterstützung und Lebenszufriedenheit als sie zuhause je gehabt hatten. Diese Soldaten profitierten wahrscheinlich emotional davon, dass sie zum ersten Mal als Individuen wertgeschätzt wurden, und von ihrem ersten authentischen Kameradschaftserlebnis - psychische Vorteile, die sich verringerten, nachdem sie wieder ins Zivilleben zurückgekehrt waren." (11)

 

Um das Leiden PTSS zu heilen, müssen wir uns mit dem Gefechtstrauma befassen und auch mit den Widrigkeiten aus der Kindheit, die die Grundlage dafür geschaffen haben. Mit anderen Worten waren sie Vorläufer dieses Leidens. Heilung findet statt, wenn alle gegenwärtigen und vorausgehenden Faktoren einbezogen und wiedererlebt werden. So kann sich ein Soldat seines Kampftraumas bewusst sein und zugleich unbewusst des zu Grunde liegenden Traumas. Was so viel Schaden anrichtet, ist das, was wir nicht sehen können. Darüber hinaus sind die schädlichsten Traumen diejenigen, die während der frühen kritischen Periode geschahen, wenn das Bedürfnis am größten ist und der Schmerz auf seiner Annäherungslinie liegt. Das bedeutet, dass die versiegelte Einprägung in ihren Auswirkungen bereits irreversibel ist (ausgenommen Primärtherapie). Krieg ist so eine gewaltige Kraft, dass seine Auswirkungen genau wie in einer kritischen Kindheitsphase, wenn das Gehirn so verletzlich ist, eingraviert werden können. Deshalb ergibt sich der Zusammenfluss zweier Traumen: ein offensichtliches und ein anderes, das wir nicht sehen können. Wir dürfen nicht nur das Offensichtliche behandeln, wenn wir sicher gehen wollen, dass PTSS nicht ewig fortbesteht. Wenn wir die Grundprägung/Primäreinprägung unangetastet lassen, bedeutet das immer, dass wir jeden Tag etwas tun müssen, um mit den Symptomen fertig zu werden, die niemals zu schwinden scheinen.

 

Deshalb müssen wir den Begriff der Prägung in jedes Bemühen einbeziehen, menschliches Verhalten zu verstehen, sei es PTSS oder ADS oder alle möglichen Leiden. Es mag so aussehen, als könne eine einzige Misshandlung nicht so schlimm sein, dass sie so dauerhaften Schaden anrichtet; aber es ist eine Misshandlung unter vielen, eine Reihe von Traumen, die eingekapselt und eingeprägt werden mit einer Kraft, die ein Leben lang fortbesteht. Eine Mutter, die andauernd mit ihrem Ehemann streitet, gründet zukünftiges Verhalten beim Nachwuchs. Es regt nicht nur die Mutter auf, sondern es regt auch das Baby fürs ganze Leben auf, indem es sein genetisches Erbe ändert. Wir haben solche Fälle behandelt, und sie sind oft unterstrichen mit häufigen Trips in die Notaufnahme wegen Allergie und Asthma-Anfällen.

 

Wenn ein Baby traumatisiert wird, ist es empfänglicher für späteren Stress. Sein Immunsystem ist beeinträchtigt, und es ist anfälliger für Dinge wie Epstein-Barr-Krankheit oder den Herpes Virus. Wenn anders gesagt ein Virus grassiert, wird das Kind mit höherer Wahrscheinlichkeit krank werden, vor allem wenn es schon im Mutterleib ungeliebt war (d.h. wenn seine Grundbedürfnisse nicht erfüllt worden sind) (Fagundes, Glaser, Malarkey & Kiecolt-Glaser, 2013). Diese Leiden werden nicht als  psychische Krankheit angesehen, aber oft sind sie auf dieselben Einprägungen zurückzuführen, die in ernste psychische Erkrankungen involviert sind. Hier geht es um Fehlregulierung der Immunfunktion, aber es kann ebenso andere Auswirkungen haben. Wollen wir dieses Immunproblem lindern oder heilen? Um es zu heilen, müssen wir die Einprägungen finden. Sie sind da, und wenn man dem Patienten den Zugang ermöglicht, wird er dorthin gelangen. Erinnerungen werden ihn begrüßen. Ja, wir müssen Allergien etc. behandeln, aber das befasst sich nur mit Manifestationen und nicht mit Heilung.

 

Um an "psychischer Krankheit" zu leiden, brauchen wir eine "psychische" Komponente, den kognitiven Apparat, der psychische Abweichung zulässt. Bis zu diesem evolutionären Schritt in der Gehirnentwicklung werden wir unter derselben Prägung körperlich leiden. Manchmal haben wir es nicht mit verschiedenen Krankheiten zu tun sondern mit verschiedenen Entwicklungsstufen unseres Wachstums; unsere Ontologie. Wir können keinen "Aufmerksamkeits-Mangel" entwickeln, solange wir nicht die kognitive Fähigkeit entwickelt haben, aufmerksam und konzentriert zu sein. Und dann ist es die Wucht multipler Prägungen oder einer einzelnen sehr starken Prägung, die ständige Nachrichten an das oberste Gehirn sendet, an den Neokortex, und versucht, ihn über die Probleme auf tieferen Ebenen zu informieren, wobei sie normales Denken beeinträchtigt. Diese Nachrichten sind belästigend und unnachgiebig und halten uns von längerer Konzentration ab. Sie versuchen, uns über Prioritäten zu informieren; womit wir uns unbedingt  befassen sollten.

 

 

(11) Herbert, W. (2012). Embattled Childhood: The Real Trauma in PTSD. Scientific American Mind Sci Am Mind, 23(5), 74-75. doi:10.1038/scientificamericanmind1112-74

 

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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