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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 6/ 20)

Montag, 02. November 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 6/20) www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Epigenetik und Gehirnentwicklung

 

Obwohl das Studium der Epigenetik ziemlich komplex werden kann, liegt einer der Schlüssel für das richtige Verständnis darin, in Betracht zu ziehen, wie sich das Gehirn in der Fötalperiode entwickelt. Die thalamo-kortikalen Schaltkreise (Denken/Fühlen) werden erst sehr spät in der Schwangerschaft aufgebaut. Erst nach ihrer Entwicklung und nach Etablierung der amygdala-kortikalen Schaltkreise ist es uns möglich, den Schmerz, in dem wir stecken, psychisch wahrzunehmen. Vorher können wir Schmerz erleben, ohne ihn zu erkennen. Somit wird Schmerz unbewusst verankert, ohne Worte, die ihn erklären oder definieren. Es gab eine im britischen Journal Nature veröffentlichte Studie (Garcia, Vouimba, Beaudry & Thompson, 1999), in der die Forscher feststellten, dass, wenn Babys Bedrohung erleben, die Amygdala ein Signal an den präfrontalen Kortex sendet und dadurch den Ausdruck von Angst im Verhalten auslöst. Der Kortex wird gleichsam zum "Entscheider", der die Handlungen plant. Als Bestandteil dieser Studie trainierten die Forscher Mäuse darauf, einen bestimmten Klang mit einem begleitenden Schock zu assoziieren, der immer erteilt wurde, wenn der Klang ertönte. Immer wenn die Mäuse den Ton hörten, gab es proportionale Gehirnaktivität im präfrontalen Kortex, die eine Bedrohung signalisierte. Aber wenn sie Amygdala chirurgisch entfernt wurde, gab es keine präfrontale Aktivität mehr; sie konnte der obersten Ebene keine Angst mehr signalisieren. Dasselbe trifft zu, wenn wir diese Struktur medikamentös ruhigstellen: dadurch verringern wir die Kraft, die in die präfrontale Zone aufsteigt. Wie wir früher gelernt haben, können Schleusungsprobleme in der Amygdala zum Teil der Grund sein, warum so viele von uns Schwierigkeiten haben einzuschlafen, durchzuschlafen oder auch sich zu konzentrieren. Einprägungen auf tieferer Ebene drängen aufwärts und vorwärts und halten uns davon ab, auf eine tiefere Ebene der Gehirnfunktion zu gehen, indem sie uns in einen hyper-wachsamen Zustand versetzen, wann immer wir uns zum Entspannen hinlegen. Da ist einfach zu viel Aktivität auf dieser tieferen Ebene, als dass Schlaf möglich wäre.

 

Die ursprüngliche Primär-Prägung involviert das Stammhirn. Phylogenetisch ist das ein uraltes Hirnsystem, das wir mit den Haien gemeinsam haben. Es macht uns hyper-bewusst und hyper-reaktiv. Es ist die Quelle biologischer Grundimpulse - Kampf oder Flucht. Und die Forschung deutet auf diese Schlüsselstruktur als Ursprungsort der Angst hin, was ich seit vielen Jahrzehnten sehe und worüber ich ebenso lange schreibe. Einprägungen beeinträchtigen hier das Serotonin-System, das eigentlich helfen soll, Panik einzudämmen, aber es kann nicht. Was machen wir also Jahre später mit der Panik? Wir bieten Serotonin an in Form selektiver Wiederaufnahmehemmer. Und was bewirken die? Sie füllen die während der Stammhirn-Dominanz erschöpften Vorräte auf.

 

Am wichtigsten aus meiner Perspektive ist, dass die Serotonin-Vorräte sich erschöpfen, wenn das Gehirn von Trauma gezeichnet ist; und wenn das geschieht, haben wir lebenslang das, was ich als "undichte Schleusen" bezeichne. Unsere Verdängungsbemühungen sind dann weniger effektiv. Schmerz trübt das Gehirn. Wir sind durcheinander und können uns nicht konzentrieren oder lernen. Und später im Leben sind wir empfänglicher für psychische Krankheit. Das fanden Forscher in Quebec, Kanada, heraus, die die Serotonin-Synthese-Kapazität von 26 gesunden erwachsenen Männern maßen, welche in eine 27 Jahre währende Langzeitstudie eingebunden waren. Die Ergebnisse wurden dann mit berichteten Geburtstraumen korreliert, insbesonders mit einer Geburt, bei der der Fötus Anzeichen von physiologischem Stress zeigte (Booij et al., 2012). Die Studie kam zu dem Schluss, dass "perinatale Stressoren zu erhöhter Anfälligkeit für psychiatrische Störungen beitragen können, bei denen Serotonin eine Hauptrolle spielt."

 

Vor kurzem haben Forscher herausgefunden, dass Kinder mit Zwangsneurosen (OCD) mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Geburtstrauma erlitten hatten als Kontrollpersonen (Geller et al., 2008). Und die Frage lautet, warum diese Reaktion eingeprägt wird und so lange andauert. Weil es überlebenswichtig ist, dass wir erinnern, was gefährlich ist, und wie wir darauf reagieren sollen. Wir müssen die Fähigkeit haben, den Schrecken zu fühlen und wachgerüttelt zu werden, um sofort reagieren zu können. Dazu gehört, dass die Sekretion von Noradrenalin die Amygdala und Elemente des Stammhirns beeinflusst, die dadurch mobilisiert werden. Wir werden hyper-wachsam und handlungsbereit, und diese Wachsamkeit interagiert mit dem Erinnerungssystem, um unsere Anstrengungen zu lenken.

 

Wenn wir die Fähigkeit hätten, bei der Geburt Worte zu benutzen, würden wir sagen: "Meine Güte, so ein Terror." Aber wir müssen Jahre darauf warten, bis wir diese Worte haben, und dann nennen wir es Angst. Warum? Weil wir die Verbindung zu ihrem Ursprung verloren haben. Jetzt scheint sie wie eine andere Krankheit ohne bekannten Grund. Es ist dieselbe alte Einprägung mit neuem Titel. Dennoch ist sie ein Kraftwerk, und wenn wir später im Leben unsere Untersuchung über die Krebsentwicklung anfangen, erwarten wir, starke Korrelationen zu sehen. Denken Sie daran, Terror - jetzt als Angst bezeichnet - hat einen Zweck: er ist wesentlich für die Erinnerung, um uns bei Gefahr von innen und außen zu alarmieren. Wir versuchen, die Angst mit Pillen zu beseitigen, wenngleich sie ein lebensrettender Mechanismus ist und zur Verfügung stehen muss.

 

Terror wird so tief im Gehirn mobilisiert, dass ein Individuum dessen Ausbruch oft nicht wahrnimmt. So sagen Leute, die Panikattacken erleiden oft, dass sie aus dem Nichts zu kommen scheinen, auch wenn ihre Körper versuchen, frühe Warnsignale zu senden. In einem Experiment befestigten Wissenschaftler an der Southern Methodist Universität in Dallas mobile Monitore an Menschen, die unter Panikattacken litten, und zeichneten rund um die Uhr Messwerte von Vitalfunktionen auf (Meuret et al., 2011). Sie fanden heraus, dass sich die Versuchspersonen der physiologischen Symptome völlig unbewusst waren, die vielleicht eine bevorstehende Panik-Episode angezeigt hätten, die biologischen Vorläufer von offensichtlichen Symptomen wie Brustschmerz, Benommenheit, Zittern oder heißen Blitzen. Die Patienten hatten diese "Wellen physiologischer Instabilität" für mindestens eine Stunde nach dem Einsetzen der Symptome gar nicht wahrgenommen. Plötzlich, wie bei einer Zeitverzögerung, wird sich der Patient bewusst, dass er eine voll entwickelte Panikattacke hat. Es ist, als sei der Schmerz/der Terror im Aufsteigen und wir nehmen ihn nicht wahr, bis er unser Bewusstsein überflutet. (Das Experiment wird auch in einem online geposteten YouTube Video von der leitenden Forscherin Alicia Meuret, Associate Professorin der Psychologie und Direktorin des Angst- und Depressions- Forschungszentrums an der SMU erklärt ) (12). Weil der Terror so früh angelegt wird, haben wir keine Ahnung, woher er kommt. Der Terror beginnt sein Leben sicherlich im Stammhirn und in archaischen Teilen des limbischen Systems Amygdala). Erst wenn die Schleusen nicht mehr dichthalten und der Terror durchbricht, werden wir uns seiner bewusst. ADS bedeutet, dass die Schleusen strichweise Schmerz und Schrecken durchgelassen haben, die unser Aufmerksamkeit und Konzentration ablenken. Das bedeutet, dass wir zu hohen Tribut zollen an eine Menge von Inputs. Es ist kein Defizit; unsere Aufmerksamkeitsprozesse werden überwältigt. Und wie lautet die Botschaft, die sich mitzuteilen versucht? Es ist keine Einzelnachricht sondern eine Vielzahl an Botschaften, und alle rufen: "Ich bin verletzt."

 

 

 

(12) Meuret, A., Ph.D. (2011, July 26). SMU: Out-of-the-blue panic attacks aren't without warning. Retrieved from https://www.youtube.com/watch?v=x3SLGt8smTw

 

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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