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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 7/ 20)

Donnerstag, 05. November 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 7/20) www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Ein entscheidender Punkt bei all dem ist, dass physiologische Reaktionen die Grundlage sind, auf der Gefühle aufgebaut werden. Somit wird, was physiologische Reaktionen verzerrt, ebenso psychologische Reaktionen verzerren. Wenn das System aufgrund frühen Traumas hochgradig aktiviert ist, werden wir später wahrscheinlich einen  hyperaktiven Mensch finden, der sich Projekte aussucht, die ihn aktiv und beschäftigt halten. Wenn die Vorräte an Dopamin und an anderen Wachmachern knapp sind, haben wir stattdessen vielleicht jemanden, der passiv und phlegmatisch ist, der sich Gründe ausdenkt dafür, dass er nichts tut, dass er nichts zu Ende bringt. Es ist keine eins-zu eins-Beziehung, sondern die Physiologie dirigiert unsere Psychologie, erst danach kommt die Psychologie zu Wort.

 

Neurowissenschaftler in Italien unternahmen in vielen Datenbanken eine vollständige Literatur-Suche nach Panik-Störungen (Perna, Guerriero, Brambilla & Caldirola, 2014). Ja, das Stammhirn war involviert. Das Stammhirn, das sehr frühes Trauma registriert und den Ton angibt, wie wir später im Leben darauf reagieren. Somit begründet der Drogenkonsum der Mutter und spätere Geburtsanästhesie eine Panikreaktion auf Sauerstoffmangel. Später im Leben werden geschlossene Türen oder Fenster zur Bedrohung und können eine Panikattacke auslösen. Das Resümee der Wissenschaftler war folgendes: "Panik-Patienten zeigen im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen tendenziell abnormale Stammhirn-Aktivierung auf emotionale Stimuli." Seien wir vorsichtig, wenn wir uns auf das Stammhirn konzentrieren ohne das Milieu zu kennen, in dem es lebt. Das Stammhirn ist der Mechanismus für den Prozess, der Terror übersetzt, aber woher kommt der Terror? Durch eine detaillierte Prüfung der Gehirnzellen werden wir das nie herausfinden. Wir finden das heraus, wenn wir den Terror kennen, den die Mutter in der Schwangerschaft durchgemacht hat. Kürzlich sah ich eine Patientin, deren Mutter mit dem Baby im Auto einen schweren Unfall hatte. Dieses Kind litt lebenslang unter Angstzuständen. Ihr Stammhirn reagierte ständig auf die Einprägung.

 

Hier sind meine Fragen an Forscher: Woher kommt dieser Zustand? Was verursacht die Stammhirn-Reaktion? Oder legt das Stammhirn einfach los und macht sein eigenes spezielles Ding? Was ist die genaue Beziehung zwischen bestimmten Erlebnissen und Stammhirn-Aktivierung? Das sind die Fragen, die zu angemessenen Therapien führen, aber durch Forschung allein lassen sie sich nicht beantworten. Warum vor allem ist das Stammhirn so involviert? Vielleicht wird der Schaden dort registriert, weil es in den ersten Wochen oder Tagen des Lebens im Mutterleib dominiert. Und das Stammhirn wird schon früh methylisiert. Und wie ich sage, sind es die frühesten Prägungen, die am schädlichsten sind. Hier muss die Therapie anfangen. Es ist klar, dass wir in die tieferen Zonen hinabsteigen müssen, wenn wir Heilung wollen, in den Innenbereich, um die Notizen aus dem Untergrund lesen zu können. Diese Notizen beinhalten eine äußerst schmerzvolle Botschaft, die man nur abschnittsweise lesen kann. Wenn Sie nicht an Prägungen glauben, dann ist alles verloren und Sie werden nie zu den Ursachen eines Leidens oder Symptoms gelangen.

 

Wann kann ein Fötus erstmals Schmerz fühlen? Eine bessere Frage könnte diese sein: Wann kann der Fötus Schmerz kundtun? Forschung von K.J.S. Anand, ein Professor der Pädiatrie und Neurobiologie an der Universität von Tennessee, legt nahe, dass dies geschieht, sobald die Nervenschaltkreise eingerichtet sind (Anand & Hickey, 1987). Wenn Anand eine Nadel in einen Fötus einführte (in einem Prozess, der als Amniozentese bekannt ist), grimassierte der Fötus vor Schmerz, und seine Stresshormon-Spiegel stiegen dramatisch an. Das Baby hat nicht nur gelitten; von unserem Standpunkt gesehen kann dieses Leiden im Erinnerungssystem kodiert und aufgezeichnet werden und wartet danach auf Verknüpfung. Darum geht es uns in der Gefühlstherapie - um Verknüpfung - um die Wiederherstellung der fehlenden Verbindungen im Schaltkreis. Einige schwere Erkrankungen sind nur auf dem Gebiet der Vererbung betrachtet worden; Muskeldystrophie ist eine von vielen. Die Heilverfahren für diese Leiden kommen meiner Ansicht nach deshalb nur langsam voran, weil unser Hauptinteresse bisher vielmehr vererbten Faktoren galt als den Erfahrungen in utero. Wenn wir die Schwangerschaft nicht als entscheidende Phase betrachten, werden unsere Diagnosen und Behandlungen zwangsweise fehlerhaft sein.

 

Über Schwangerschaft und Geburt hinaus ist die frühe Kindheit ebenso wichtig, wenn man versucht, die Ursachen späterer Lebensprobleme zu identifizieren, da Prägung in den Erlebnissen ganz kleiner Kinder nachweisbar ist. Es gibt eine Studie einer kanadischen Gruppe von der Douglas Mental Health Universität in Montreal, die zu dem Ergebnis kam, dass bei Kindesmisshandlung eine Veränderung im Gen NR3C1 (Glucocorticoid-Rezeptor-Gen) stattfindet, das Einfluss darauf hat, wie das Kind mit der Misshandlung umgeht (Mc Gowan et al., 2009). Die Messwerte der Genfunktion waren viel niedriger bei Misshandlungs-Opfern, die sich schließlich das Leben nahmen. Es scheint, dass Misshandlung in der Kindheit die Genstruktur verändert hatte und das Gen weniger aktiv machte. Und diese Änderungen bestanden das ganze Leben lang bei diesen Kindern fort. Epigenetik hatte die Funktion des Stressapparats beeinträchtigt, der als Hypothalamus-Hypophyse-Nebennieren-Achse bezeichnet wird, ein komplexer Teil des neuroendokrinen Systems, das Reaktionen auf Stress kontrolliert und viele Körperprozesse reguliert einschließlich Verdauung, Immunsystem, Stimmung und Emotionen, Sexualität, Energiespeicherung und Energieverbrauch.

 

Patrick Mc Gowan, einer der leitenden Forscher der Studie, deutet an, dass die Änderungen mehr oder weniger dauerhaft sind; sie ändern die Genaktivität, was später zu Krankheit und zu suizidalen Tendenzen führt. Wenn das NR3C1 Gen wirkungslos ist, kann es nicht die Art alarmierender, wachrüttelnder Substanzen bilden, die uns helfen uns durchzukämpfen. (Ein solches Trauma mindert auch ganz klar die Anpassungsfähigkeit eines Individuums, wie ich weiter unten erörtere). Ein Ergebnis ist, dass sich der Körper verhält, als sei er konstant unter Stress. Darüber hinaus glaubt diese Gruppe, dass Mütter das Schicksal ihrer Kinder beeinflussen können, noch ehe sie geboren werden. Epigenetische Änderungen, die während der Schwangerschaft weitergegeben werden, können zu späterer Depression und Suizidgedanken beitragen. Was also wie Genetik aussieht, ist in Wirklichkeit eine viel komplexere Interaktion zwischen biologischen und umweltlichen Faktoren, eine verzwickte "Wenn-dann-Sequenz", die Generationen umfasst. Das bedeutet vielleicht, dass meine Auffassung von Prägung/Einprägung weit zurückgespult werden muss. Ein genaueres Bezugssystem beinhaltet, dass die Erlebnisse eines Elternteils eine Prägung auf dem Sperma und auf dem Ei hinterlassen. Ein Experiment von Forschern an der Universität von New South Wales wurde mit männlichen Ratten durchgeführt, die mit fettreicher Nahrung gefüttert wurden (Ng et al., 2010). Ihr Sperma schien sich zu verändern - das heißt, viele ihrer Babys hatten als ausgewachsene Ratten Krankheiten, obwohl die Mütter normal waren. Die Kinder hatten häufiger anormale Insulinwerte und abweichende Glukoseresistenz und somit eine Neigung zu Diabetes, obwohl die Väter diesbezüglich keine Krankheitsgeschichte hatten. Was also wie reine Vererbung aussieht, ist tatsächlich eine molekulare Erinnerung der Auswirkung von Erlebnissen auf dieses Erbgut. Die Forschungstiere hatten Defekte an ihren An-/Aus-Schaltern. Diese Prägung besteht fort und beeinträchtigt unsere Physiologie vielleicht lebenslang, sie legt die Saat für spätere nachteilige Auswirkungen auf Nieren, Leber oder Herz. Für Menschen kann das bedeuten, dass die Neigung zu Fettleibigkeit zum Teil darauf zurückzuführen ist, was der Vater vor der Empfängnis aß. Wenn dieser Vater als Kind zuviel gegessen hatte, ist die Wahrscheinlichkeit viel größer, dass sein Nachwuchs fett wird und Diabetes entwickelt.

 

Wir müssen ganz klar unseren Fokus ändern, um zu verstehen, wer wir sind. Unsere Auffassung von Vererbung ändert sich rapide. Es gibt allerlei verblüffende Möglichkeiten. In einem jüngeren Experiment hatten einige Tiere, die in einer angereicherten Umgebung aufgezogen wurden und schlauer schienen, Nachwuchs, der diese Intelligenz zu erben schien (schneller den Weg durchs Labyrinth fand), auch wenn sie nicht in angereichertem Milieu aufwuchsen. Sagen wir es klipp und klar: Wenn die Eltern die Chance hatten, sich intellektuell zu entwickeln, hatte der Nachwuchs eine bessere Chance auf Klugheit. Irgendwo gibt es unauslöschliche und dauerhafte Markierungen auf Spermium und Eizelle.

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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