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Dr. Arthur Janov:    Epigenetik und Primärtherapie: Die Heilung der Neurose (Teil 8/ 20)

Sonntag, 08. November 2015, Epigenetics and Primal Therapy: The Cure for Neurosis (Part 8/20) www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Das Leben im Mutterleib und das Zwillingsgeheimnis

 

Auf meinem Schreibtisch liegt eine wissenschaftliche Abhandlung, die sich damit befasst, wie der Lebensanfang das Erwachsenen-Dasein beeinflusst. Chris Murgatroyd und Dietmar Spengler (2010), Molekularbiologen am Max Plank Institut in Deutschland haben ziemlich schlüssig gezeigt, dass Lebensereignisse langfristige Veränderungen in unserem Gehirn, unserer Physiologie und unserem Verhalten herbeiführen können.  Früher Lebensstress kann die Übersekretion des Stresshormons Kortisol verursachen, das wiederum unsere Fähigkeit schwächt, uns klar zu erinnern und mit Stress fertig zu werden. (Für die mehr wissenschaftlich Gesinnten beinhaltet der Artikel eine dataillierte Erklärung der Langzeiteffekte der Methylisierung). In ihrer Mäuse-Studie fanden die Forscher und ihre Kollegen heraus, dass die periodische Mutter-Kind-Trennung gleich nach der Geburt ein Hauptgrund von Angst war. Und es ist mein bekundeter Standpunkt im Bezug auf Menschen, dass die Angst umso wahrscheinlicher in verkürzter Lebenserwartung resultiert je früher die Trennung stattfindet. Die veröffentlichten Ergebnisse aus der Studie enden mit einer ziemlich düsteren Feststellung: "Widrigkeiten im frühen Leben können dauerhafte Markierungen auf bestimmten Genen hinterlassen, die vielleicht eine Anfälligkeit für neuroendokrine und verhaltensmäßige Fehlfunktion vorbereiten." Ein weiterer Beweis, dass frühe Ereignisse tiefgreifende Auswirkung auf das spätere Leben haben.

 

Eine dieser verhaltensbezogenen Fehlfunktionen ist vielleicht ADS, dass heutzutage so oft bei Kindern diagnostiziert wird. Es gibt eine ganze Menge Beweise, dass die Hyperaktivität einer Mutter - häufig das Resultat von Drogen wie Kokain und Metamphetamin während der Schwangerschaft - eine Prägung hinterlassen kann, die den Nachwuchs ein Leben lang beeinflusst. Allein dieses frühe Ausgesetzt-Sein genügt, ein Kind "vorzubereiten," dass lebenslang nervös und überdreht sein wird. Natürlich kann das auf mehr als nur auf Drogen zurückzuführen sein, wie wir bei der Studie an Holocaust-Überlebenden gesehen haben. Ich sage, dass ein besserer Ansatz zum Verständnis und zur Behandlung der Aufmerksamkeitsmangel-Störung darin liegt, seinen Ursprung aufzuspüren, zurückzugehen in die Zeit im Mutterleib als auch in die Stammgeschichte eines Individuums.

 

Die konventionelle Psychotherapie lässt diese entscheidenden Erlebnisse aus, aber sie sind Schlüsselmotivationen dafür, wie wir uns verhalten, wie wir lernen und wie und ob wir Liebe machen. Sie spielen auch eine Rolle dabei, ob der Nachwuchs Kinder haben kann oder steril sein wird. Sie können auch mitbestimmen, ob wir fettleibig werden, ganz zu schweigen von psychischer Krankheit. In dieser Phase, wenn sich Körper und Gehirn schnell entwickeln,  ist es keine Überraschung, dass Widrigkeiten so großen Einfluss auf uns - auf Körper und Gehirn- haben.

 

Zusätzlich zur Änderung metaboler Funktion und Umformung unserer Persönlichkeit können traumatische Erlebnisse in den ersten Lebensjahren die Krankheit bekämpfende Fähigkeit des Immunsystems schwächen. Ein Bericht von Forschern an der Universität von Wisconsin zeigte, wie Kinder, die ein von Misshandlung geprägtes frühes Leben hatten oder die lange Zeit im Waisenhaus gelebt hatten, eine beeinträchtigte Fähigkeit aufwiesen, Krankheiten abzuwehren (Shirtcliff, Coe & Pollak, 2009). Auch nachdem man die Kinder aus dem widrigen Umfeld herausgeholt hatte, war der Schaden noch immer offensichtlich. Die Wissenschaftler betonen, dass es von Erfahrung abhängt, wie sich Immunzellen entwickeln und zu einem zuverlässigen zusammenhängenden System werden, obgleich sie bei der Geburt schon einsatzbereit sind. Teil der Studie war, dass die Forscher die Fähigkeit des Körpers, latente Herpes-Viren zu kontrollieren, als Maß für die Immunkompetenz benutzten. Leute mit intaktem Immunsystem können diese Viren in der Regel unter Kontrolle halten. Vernachlässigte und ungeliebte Menschen können das nicht. Somit werden bei Leuten mit schlechter Immunkontrolle oft latent ruhende Leiden wie der Herpes-Virus mit höherer Wahrscheinlichkeit aktiviert. In diesem Fall hatten traumatisierte Patienten eine größere Anzahl an Herpes-Antikörpern, was darauf hindeutet, dass ihre Immunabwehr beeinträchtigt war. Leute, die später in einer stabilen Umgebung lebten, wiesen noch immer eine höhere Anzahl an Herpes-Antikörpern auf.

 

Es bestehen kaum noch Zweifel, dass Stress und chronische Angst der Mutter die HPA-Achse beeinflussen, wie wir gesehen haben. Somit setzt Stress beim Nachwuchs den Grundstein für spätere Angst, was zum Teil durch Methylierung zustande kommt. Stress erhöht die Kortisolspiegel, und chronisch hohe Stresshormonwerte beeinträchtigen später im Leben so viele Funktionen, nicht zuletzt Denken und Erinnerung (Radtke et al., 2011). Viel weiter in der Zukunft kann diese Stresshormone die Entwicklung von Alzheimer und Parkinson fördern. Wichtig ist hier, dass ein Trauma in utero ein Programm für das Verhalten des Erwachsenen begründet, insbesonders was Leiden wie Heroin-Sucht betrifft. Die Person versucht, etwas im Inneren ruhig zu stellen, hat aber keine Ahnung, dass es existiert oder was es ist. Jahre später kann es zu Panikattacken kommen, die aus dem Nichts zu kommen scheinen. Aber sie kommen von irgendwo her; es ist unsere Aufgabe herauszufinden woher. Wenn wir frühe Erlebnisse im Mutterleib ignorieren, werden wir die Ursachen nie entdecken, und wir werden weiter in der Gegenwarts-Umgebung Ausschau nach Antworten halten. Klar ist jetzt, dass einige Leute süchtig nach schweren Drogen werden, um Panikattacken zu vermeiden. Das heißt, ein und dieselbe Einprägung könnte in die Panikanfälle und in die Sucht involviert sein, nur dass der Drogenkonsument einen Weg gefunden hat, um die Anfälle zu blockieren. Sucht ist vielleicht deshalb ein ewiges Rätsel, weil sie von archaischen Einprägungen herrührt, die gemeinsame Sache mit Haifischen machen. Wie kann man diese ganz frühen Ursachen finden? Es gibt einen Weg. Ermöglichen Sie einem Patienten nach einiger Zeit in unserer Therapie, zu tief liegenden Einprägungen hinabzusteigen, die vor Millionen von Jahren organisiert worden waren. Patienten werden nicht dorthin geführt noch werden sie dorthin gezwungen; der Prozess der Resonanz wird das zustandebringen (den ich weiter unten umfassender erklären werde in Verbindung mit neuer Forschung darüber, wie Traumen in das System eingebettet werden). Zur Wiederholung: Wenn wir uns entwickeln, beteiligen sich immer mehr Neuronen. Sie entwickeln sich aus früheren neuronalen Prozessen heraus und beziehen sich auf sie. Somit bestehen wechselseitige Verknüpfungen, die einen Nervenschaltkreis bilden. Jede einzelne Ebene der Gehirnfunktion hat eine Verbindung zu noch höheren Ebenen. Das bezeichne ich als Schmerzkette. Wenn wir bei einem Patienten mit seinem Gegenwartsleben anfangen, wird er schließlich Monate später automatisch auf tiefere verknüpfte Ebenen hinabsteigen. Nach mindestens einem Jahr Therapie kommt er vielleicht mit Stammhirn-Einprägungen in Kontakt. Hier liegen die tiefsten und entferntesten Erinnerungen, auch die verheerendsten hinsichtlich der Kraft des eingeprägten Schmerzes. Später erweisen sie sich als die zerstörerischte aller Einprägungen. Es ist unvermeidlich die Nervenkette, die den Patienten dorthin führt. Wenn wir psychische Krankheit und schwere physiologische Leiden betrachten, müssen wir uns auf diese frühen Erinnerungen konzentrieren. Hier liegt vielleicht der Ursprung unserer mysteriösen Krankheiten.

 

Die Untersuchung von Zwillingen liefert fruchtbaren Boden, um die weitreichenden Auswirkungen des Lebens im Mutterleib darauf zu demonstrieren, wer wir schließlich sein werden und woran wir Jahre später leiden werden. In einer Studie untersuchten Forscher den  verblüffenden Fall identischer Zwillingsmädchen, die mit weit unterschiedlichen körperlichen Bedingungen geboren wurden. Ein Mädchen war normal, während das andere schwere Geburtsdefekte aufwies, mit zwei Vaginas geboren wurde, zwei DIckdärmen und einer Wirbelsäule, die sich in Richtung Gesäß in zwei Säulen aufspaltete. "Wie also konnten Zwillinge, die dieselben Gene teilten, so unterschiedlich sein?" fragte der Autor eines Berichts über die epigenetische Forschung mit dem Titel "Der dritte Faktor: Jenseits von Natur und Erziehung" im New Scientist (13).

 

Wir kennen seit langem epigenetische Markierungen - chemische Aufschriften, die der DNA angefügt werden und die Genaktivität ändern, ohne die Sequenz zu ändern. Im Speziellen heißt das, wenn ein DNA-Strang viele zugefügte Methylgruppen hat, wird die Aktivität von Nachbar-Genen unterdrückt. So sah sich das Team das Axin-Gen in Blutzellen der Zwillinge genauer an. Tatsächlich hatte das Mädchen mit der gespaltenen Wirbelsäule ein ungewöhnlich hohes Maß an Methylierung. Somit glauben die Forscher -wobei andere Ursachen nicht ausgeschlossen werden können-, die wahrscheinlichste Erklärung sei, dass bei einem Zwilling irgendetwas das Ausmaß an Methylierung so hoch getrieben hat, dass das Gen stillgelegt wurde. Geheimnis gelöst? Mitnichten. Was stieß das Methylierungsniveau bei einem Zwilling über eine kritische Schwelle, jedoch nicht bei dem anderen? "Das ist die Millionen-Frage," sagt das Team-Mitglied Nick Martin vom Queensland Institute of Medical Research in Australien.

 

In einer anderen Studie am Cold Spring Harbor Laboratorium in New York - ein privates, uneigennütziges Forschungszentrum, das auf Molekularbiologie und Genetik spezialisiert ist - fanden Forscher ebenso große Unterschiede im Methylierungsmuster identischer Zwillinge (Gordon et al., 2012). Die Forscher schauten sich Nabelschnurgewebe, Nabelschnurblut und die Plazentas neugeborener Zwillinge an und fanden Unterschiede, die eine wichtige Rolle in der individuellen Entwicklung spielen. Und hier ist ihre wichtige Schlussfolgerung: "Das muss auf Ereignisse zurückzuführen sein, die (im Mutterleib) dem einen Zwilling widerfuhren und nicht dem anderen," sagte der Chef-Autor Dr. Jeffrey Craig vom Murdoch Childrens Research Institute in Australien in einer Pressemitteilung des Forschungslabors. (14) Obwohl also Zwillinge sich einen Mutterleib teilen, kann das, was ihnen widerfährt, ganz unterschiedlich sein. Die Studie, die online auf Genom Research veröffentlicht wurde, hat "zum ersten Mal gezeigt, dass die im Mutterleib erlebte Umwelt das epigenetische Profil des Neugeborenen definiert." (15) Und es überrascht nicht, dass die Autoren glauben, dass Ereignisse im Mutterleib tiefgreifendere Auswirkungen haben können als man früher dachte. Sie behaupten, dass diese Entdeckung ein mächtiges Instrument ist, um zukünftige Gesundheit zustandezubringen und um Gefahren einzuschränken.

 

Der leitende Autor glaubt, wir können Gefahren durch Ernährungs-Intervention und andere umweltbezogene Ansätze einschränken. Er sagt nicht, was entscheidend ist:  Wie wäre es, wenn wir während der Zeit im Mutterleib intervenieren und diese Phase gesund und heilsam gestalten würden? Wie wäre es damit, den Mutterleib zu einem großartigen Aufenthaltsort zu machen? Das können wir mit Erziehung machen und auch dadurch, dass wir diese widrigen Mutterleibs-Ereignisse wiedererleben und ihre zerstörerischen Wirkungen ungeschehen machen.

 

 

 

(13) Pilcher, H. (2013). The third factor: Beyond nature and nurture. New Scientist, 219(2932), 44-47. doi:10.1016/s0262-4079(13)62149-1

(14) Cold Spring Harbor Laboratory. "Differences between human twins at birth highlight importance of intrauterine environment." ScienceDaily. ScienceDaily, 15 July 2012. 
www.sciencedaily.com/releases/2012/07/120715193843.htm

(15) Differences between human twins at birth highlight importance of intrauterine environment. (2012, July 16). Retrieved from
http://genome.cshlp.org/site/press/Announcements.xhtml

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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