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Einsichten in die wichtigsten neun Monate unseres Lebens

„Ein Paradigmenwechsel vollzieht sich gerade“ in dem Sinne, dass wir die Bedeutung unseres Lebens im Mutterleib verstehen. Das war die Einschätzung von Dr. Marti Glenn auf einem kürzlichen Kongress der Association for Prenatal and Perinatal Psychology & Health.

Sie stellte heraus, dass „Forscher zu entdecken beginnen, ......dass die Ereignisse und Umwelt vor der Empfängnis, in der Schwangerschaft, bei der Geburt und in der frühen Kindheit die Schablone festlegen, nach der wir unser Leben leben.“

Obgleich dieser Paradigma-Wechsel für viele Leute neu ist, so ist er doch ein Standpunkt, den Arthur Janov vor Jahrzehnten vorgebracht hat. Dessen neues Buch „Life Before Birth“ erklärt einfach, wie zerbrechlich wir sind in unserem ersten Zuhause. Er glaubt, dass viele – vielleicht die meisten – Kinder viel früher geschädigt worden sind als traditionell anerkannt wird.

Eines der zentralen Themen in diesem Buch ist, dass wir in unseren frühesten Entwicklungsphasen am verwundbarsten sind. Tatsächlich formen unsere Erfahrungen in utero und in der frühen Kindheit buchstäblich unser Gehirn und Zentralnervensystem. Janov erklärt, dass „Prägung“ stattfinden kann, wenn der Fetus „auf die Umwelt im Mutterleib reagiert, indem er seine Vitalfunktionen, Hormone und Neurotransmitter neu justiert, um sich einer neuen Realität anzupassen; er bereitet sich auf das Leben in der Außenwelt vor.“

Anders gesagt lehren frühe Erfahrungen einen Fetus oder ein Kleinkind, wie beschaffen die Welt ist und was zu erwarten ist. Gehirn und Körper des Kindes vollziehen dann Anpassungen, um für die Zukunft bereit zu sein. Wenn seine Erfahrungen gesund sind, wir des auf normale Weise aufwachsen.

Wenn sie aber bedrohlich sind (z.B. eine gestresste Mutter, ein missbrauchender Vater oder Umweltgifte), dann greift der Körper des Kindes zu Abwehrmaßnahmen, die auf Kosten  gesunden Wachstums und gesunder Entwicklung gehen. Das Überleben steht an erster Stelle. Diese Veränderungen können so tief auf die Zellebene eines Kindes hinabreichen, dass sie vielleicht tatsächlich bestimmen, ob seine Gene an- oder abgeschaltet werden. Diese neue Wissenschaft – Epigenetik – erforscht, wie ein Mensch z.B. durch eine traumatische Geburt oder emotionale Misshandlung tief beeinflusst werden kann und wie so ein Schaden vielleicht an seine eigenen Kinder weitergegeben wird.

Janov schreibt, dass Liebe „bedeutet, die Bedürfnisse des Babys zu erfüllen,“ wie z.B. eine gesunde Umwelt im Mutterleib, viele Umarmungen für kleine Kinder und eine sanfte, natürliche Geburt. Letzteres kann entscheidend sein. Er zitiert eine Studie im British Medical Journal, die herausfand, dass „Individuen, die gewaltsam Selbstmord begingen, öfters Komplikationen während der Geburt ausgesetzt waren.“

Janovs klinischer Brennpunkt ist die Heilung von Vergangenheits-Traumen durch seine Primärtherapie (die entgegen  einem weitverbreiteten Missverständnis nichts mit Schreien zu tun hat). Vielmehr liegt der Brennpunkt in der Wiederverknüpfung des Bewusstseins mit tief in den unteren Teilen des Gehirns vergrabenen Traumen. Noch einmal: Früher Schmerz wurde verdrängt, damit das Kind überleben konnte, aber das geschah zu Lasten einer gesunden Entwicklung.

Obwohl Janovs Schwerpunkt die Therapie ist, betont er, dass die wichtigste Aufgabe,  mit der die Gesellschaft konfrontiert ist, darin liegt, die Kinder überhaupt erst vor Schmerz zu bewahren. Obgleich er Eltern eine große Verantwortung zuschreibt, zu ihren Kindern liebevoll zu sein, übt er keine harte Kritik an Eltern. Zum einen sind Eltern selbst auf Gedeih und Verderb das Produkt ihrer eigenen Erziehung. Zum anderen ist klar, dass für die meisten Kinder die Primärfaktoren, die ihre emotionale und körperliche Entwicklung beeinflussen, die sozialen Determinanten der Gesundheit sind, wie Zugang zu Bildung, das Ausmaß an Umweltverschmutzung, Ungleichheit und Armut. Eine Studie ergab, dass Kinder aus „schlechtem sozioökonomischen Umfeld im präfrontalen Kortex eine geringere Reaktion auf unerwartete neue Stimuli zeigten, die der Reaktion von Leuten ähnelte, deren Frontallappen teilweise durch einen Schlaganfall zerstört worden war.“

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Life Before Birth spricht Themen an, die von größter Bedeutung für uns alle sind, für Kinder und ebenso für gewesene Kinder. Obwohl das Buch einen guten Herausgeber gebräucht hätte – vor allem, um zu gewährleisten, dass die manchmal komplexen Gedanken klarer ausgedrückt worden wären – hat Janov wiederum eine Führungsrolle übernommen in der Veranschaulichung dessen, was die Wissenschaft über das Aufwachsen gesunder Kinder herausfindet.

Dieses Buch verdient einen weiten Leserkreis.

 

(Peter Prontzos lehrt Politikwissenschaft und Philosophie und ist Mitglied der Gesellschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Gesundheit.

Der Originalartikel hier:  Vancouver Sun