Neue Beiträge

 

Buchbesprechung eines kanadischen Lesers auf goodreads

 

In Life Before Birth behauptet Janov mit einigen überzeugenden wissenschaftlichen Beweisen, dass ein Trauma vor der Geburt (im Uterus) aufgrund verminderter Sauerstoffzufuhr (Hypoxie), erhöhter Stresshormone (wie Kortisol) und Serotoninmangels sich später im Leben auf Menschen auswirken kann. Er behauptet, dass in utero empfundener Stress (oder was er als „Urschmerz“ bezeichnet) in den grundlegendsten Aspekten unserer Zellen verschlüsselt wird und dass chemische Markierungen (Methylierung) bleiben. Er geht so weit, dass er sagt, im Mutterleib fänden „irreversible Änderungen statt, Änderungen, die alles bestimmen vom Persönlichkeitstyp bis zu den Drogen, die man später nimmt.“

 

Ich habe einige Quellen Janovs überprüft, vor allem jene, die am Karolinska Institut vorgenommene Untersuchungen betreffen, welche nahelegen, dass Schmerzmittel, die einer Frau während der Wehen verabreicht werden, ihr Kind auf spätere Sucht einstellen kann (Studie 1990) und dass ein Kaiserschnitt vielleicht in Verbindung steht mit einer Prädisposition für Immunkrankheiten wie Diabetes und Asthma (Studie 1990). Ich fand heraus, dass die an solchen Studien beteiligten Wissenschaftler mit ihren Schlussfolgerungen vorsichtig waren, nahelegten, dass genetische Änderungen mit Umweltauslösern kombiniert werden müssten, und meistens wiesen sie darauf hin, dass weitere Untersuchungen erforderlich seien. Aber im Ganzen betrachtet ergibt Janovs Erörterung dieser Studien eine wertvolle, interessante und provokative Lektüre.

 

Weit weniger sicher bin ich mir über die meisten anderen Behauptungen Janovs. Der Hauptteil seines Buches betrachtet die Auswirkung von Umwelt-Bedingungen im Mutterleib auf das spätere Psycho-Profil eines Individuums. Im Weiteren verbindet er lange, anstrengende Wehen mit Zorn und Aufsässigkeit, Frühgeburt mit Zögerlichkeit und einem Gefühl, nicht bereit zu sein, und Kaiserschnitt-Geburt mit dem Gefühl von Unvollständigkeit im späteren Erwachsenenleben. Depression, Angst, Konzentrationsmangel und sogar Alzheimer – alles wird mit stressiger pränataler Erfahrung verknüpft. (Ein Problem jedoch ist, dass die meisten keine Erinnerung an ihr Pränatal-Leben haben und dass die Mütter, die uns etwas über ihre Schwangerschaft sagen könnten, nicht mehr am Leben sind. Klinik-Aufzeichnungen sind vielleicht nicht verfügbar. Was uns also wirklich bleibt, sind Spekulationen darüber, was sich vielleicht abgespielt hat. Janov jedoch könnte argumentieren, dass der Körper oder das primitive Gehirn es weiß und es dem Therapeuten und Patienten in der Therapie zeigen kann.)

 

Janov glaubt, dass das Fachgebiet der Psychotherapie zu sehr auf die Gesprächs-Behandlung und auf die Funktion des Neokortex (des höheren Gehirns) ausgerichtet ist und dass man zum früheren Gehirn (Reptilien-Gehirn, Stammhirn) reisen muss, um die tieferen Wurzeln von Depression, Angststörungen, Aufmerksamkeits-Defizit und Schizophrenie anzugehen. Er sagt, niedrige Körpertemperatur, erhöhter Blutdruck, kalte Extremitäten etc. sind Hinweise auf ein tieferes Vorgburtstrauma und dass Primärtherapie, die darin besteht, dass man die im Mutterleib erlebten Gefühle wieder aufsucht/ wieder erlebt, die Möglichkeit bietet, diese zu integrieren und sogar physiologische Basiswerte neu einzustellen. Das sind ziemlich hohe Ansprüche, und Janov sagt nicht wirklich, wie so eine Therapie ausgeführt wird, außer dass sie die (zeitweise) Überwachung des Herzschlags, der Gehirnwellen, des Blutdrucks und der Körpertemperatur involviert. Er behauptet, dass nach einem Jahr Therapie chronisch niedrige Körpertemperatur von 96 Grad (Fahrenheit) auf 98 Grad normalisiert wird und dass - ziemlich bizarr- Füße, Brustkorb und Busen von PatientInnen wachsen können. Ein Ergebnis kann sogar sein, dass Weisheitszähne absinken! Oft sagt er, dass Patienten von solchen körperlichen Änderungen „berichten.“ Es fehlen jedoch Details überzeugender wissenschaftlicher Studien.

 

Trotz einiger absonderlicher Behauptungen und manchmal ziemlich verstümmelter, verwirrender Zusammenfassungen wissenschaftlicher Studien fand ich Janovs Buch provokativ und interessant. Ich habe den Eindruck, es stimmt, dass weder die Bekämpfung von Angst oder Depression mit Medikamenten noch das Reden darüber und der Versuch, ihnen einen neuen Rahmen zu verpassen wirklich der Frage auf den Grund geht, warum diese Gefühle zuerst einmal existieren, aber das Buch konnte mich nicht überzeugen, dass man ein pränatales Erlebnis wirklich wiedererleben, es ins Bewusstsein integrieren und schließlich frei von hinderlichen Symptomen sein kann.

 

Mein Wissen über Primärtherapie war sehr oberflächlich, bevor ich dieses Buch las, und ich kann jetzt nach Lektüre des Buchs nicht viel mehr darüber sagen (abgesehen von ihren angeblichen Zielen – die Reptilien-, Säugetier- und Mensch-Anteile des Nervensystems für optimale Gesundheit zu integrieren). Das Buch ist ziemlich technisch; teilweise ist es schlecht geschrieben, und die Begriffe sind schlecht organisiert, und es gibt einige krasse Druckfehler. Gleichwohl – wenn Ihnen der Sinn nach Provokation steht, Sie an pränatalem Leben oder Psychologie interessiert sind und gerne spekulieren möchten, wie ihre Erlebnisse im Mutterleib Sie später beeinflussen könnten, dann könnte dieses Buch genau richtig für Sie sein.

 

Ich danke dem Herausgeber, dass er mir diesen Text und seine Broschüre über ähnliche Titel in Bezug auf die frühe Kindheits-Entwicklung  zugesandt hat.

 

Original-Text hier: Goodreads. com