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Eine „Weltformel“ für die Psychotherapie?

In mehr als hundert Jahren Psychotherapie hat sich außer der Kosmetik sehr wenig verändert“.............sagt Arthur Janov zu Beginn seines neuen Buches. Ich glaube, er hat Recht. Dem Fachgebiet fehlt bis heute eine allgemein gültige und akzeptierte Theorie über die Ursachen psychischer und körperlicher Erkrankungen, aus der sich ein einheitlicher Therapieansatz ableiten ließe. „Life before Birth“ könnte ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu diesem Ziel sein. Auffallend neu an dem Buch ist die Zustimmung akademischer Fachkollegen: „Janov schreibt wie kein anderer über die menschliche Psyche – engagiert, brillant, leidenschaftlich und aufrichtig“.......sagt z.B. Paul Thomson, Professor für Neurologie an der UCLA School of Medicin. Oder Lou Cozolino, Psychologie-Professor an der Pepperdine University: „Dr. Janovs Kern-Einsicht – dass unsere frühesten Erfahrungen späteres Wohlbefinden beeinflussen – wird nicht mehr in Frage gestellt.“

Letzteres ist wirklich wahr. Janovs Primärtheorie und sein Therapieansatz finden inzwischen weit mehr Zustimmung als noch vor einigen Jahren. Das mag auch an den unzähligen Studien liegen, die alle darauf hindeuten, dass wir am Lebensanfang unglaublich empfänglich sind für externe Einflüsse und äußerst leicht die innere Balance verlieren. Janov bringt es auf den Punkt: „Eine einzige Zigarette (in der Schwangerschaft) kann eine (Ein)prägung erzeugen,.........., die zu einem Prototyp werden kann, wie das Kind auf ein späteres Trauma reagieren wird.“

Die Vielzahl wissenschaftlicher Studien ist auch verantwortlich dafür, dass das Buch über weite Strecken sehr technisch wirkt, obwohl es keinesfalls in technischer Sprache geschrieben ist. Das Kernthema des Buches – schädliche Einflüsse und erzwungene Veränderungen im Mutterleib, z. B. veränderte Basiswerte verschiedener Hormone – ist nicht unbedingt neu bei Janov. Er hat darüber bereits in früheren Werken geschrieben. Aber diese frühe Lebensphase ist – wohl ein Ergebnis der zahlreichen diesbezüglichen Forschungsergebnisse – noch mehr in die Kernzone seiner Primärtheorie gerückt. Absolut neu jedoch in der Primärtheorie ist die Erörterung epigenetischer Faktoren – „...wie ganz frühe Ereignisse im Mutterleib und bei der Geburt die genetische Entfaltung verändern können.“ (Teil II, Kapitel 8).  Epigenetik ist ein junges Forschungsfeld, und hier nimmt Janovs Begriff  des „imprints“ – der Prägung/Einprägung – eine neue Dimension an. Neu ist vermutlich auch die Hypothese, dass Sauerstoffmangel im Mutterleib die Primärursache für spätere Demenz sein könnte.Vertraut aus früheren Büchern war mir dagegen die Diskussion bestimmter Neurohormone wie Oxytozin, Vasopressin, Serotonin bzw. die Erörterung spezieller Krankheitsbilder wie z. B. ADD, Angst oder Depression.

Eine deftige Aussage Janovs über Schwerkriminelle möchte ich hier noch anführen, weil sie mir wie ein wuchtiger Hammerschlag scheint. In Kapitel 16 („on the nature of anxiety“) schreibt er: „Wir lernen jeden Tag mehr. Jetzt stellt sich heraus, dass Vergewaltiger, Mörder, Psychopathen und andere, die ich als „ausagierende Impulsivtäter“ kategorisiere, sehr viel Trauma und Schmerz auf der ersten Ebene aufweisen. Aufgrund eines Schwangerschaftstraumas war ihr Kortex niemals richtig entwickelt; dieser Schaden zeigt sich ebenfalls als Rückstand kaum in Schach gehaltener atavistischer Impulse im Hirnstamm. Sind sie also menschlich? Im Grunde sind sie primitive Tiere, denen es an kontrollierendem Nervengewebe fehlt: Eidechsen mit Zusatz.“

 Arthur Janovs neues Buch enthält drei Schlüsselbotschaften:

       1.      Wer die Ursachen körperlicher und psychischer Störungen ergründen will, muss die Decke sehr, sehr weit zurückschlagen.

2.      Wer wirkungsvolle Psychotherapie betreiben will, muss seinen Patienten Zugang zu tief verborgenen (Ein)prägungen verschaffen. Es genügt nicht, mit der neokortikalen Oberfäche des Gehirns zu kommunizieren.

3.      Wer primär-gesunde Kinder haben will, muss sich der Bedeutung der frühen Lebensphasen (Mutterleib, Geburt, erstes Lebensjahr) bewusst sein. Bedürfnisse müssen in der jeweiligen kritischen Periode erfüllt werden (z. B. das Bedürfnis nach Sauerstoff im Mutterleib und nach angemessener Stimulierung bei der Geburt). Versäumnisse können später nicht einfach nachgeholt werden.

Mein Fazit: Ein gelungenes  - auch für Laien gut lesbares - Meilenstein-Buch auf dem (scheinbar unendlich) langen Weg zu einer wissenschaftlich fundierten, wirkungsvollen Psychotherapie und zu einer allgemein gültigen Theorie über die Ursachen psychischer und körperlicher Krankheit.

Zum Schluss noch ein großes Kompliment an den Autor Arthur Janov, der mit seinen fast 88 Lebensjahren ungemein vital wirkt, Artikel und Bücher am laufenden Band produziert und in dieser Verfassung der beste Beweis für die Wirksamkeit der von ihm begründeten Primärtherapie zu sein scheint.