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Dr. Arthur Janov:        Noch mehr über Depression (1)            

 Montag, 03. Mai 2010, Still More on Depression,  www.arthurjanov.com                                                         

                                                                                                          

Depression war lange Zeit ein Geheimnis, weil wir die Verknüpfung zwischen der Zeit im Mutterleib plus dem Trauma, das mit der Geburt kommt, und späterer psychischer und körperlicher Krankheit ignoriert haben. Würden wir ein Transparent der Charakteristika der Depression über die Auswirkungen des Geburtstraumas legen, fänden wir heraus, dass sie perfekt zusammenpassen. Alles, was ein Mensch damals während des Geburtstraumas fühlte, ist auch eine Beschreibung seiner gegenwärtigen Depression. „Ich kann nicht mehr. Es ist alles zu viel. Ich stecke fest und komme nicht vom Fleck,“ usw.  Und dann das Ausagieren, das auf diesen Gefühlen gründet; ein Therapeut, der keinen Zug machen kann, wenn es in der Therapie erforderlich ist. Der Depressive hat einfach den Kontakt mit seiner Geschichte verloren und das alte Gefühl in die Gegenwart umgewandelt. Es ist nicht so, dass das Gefühl falsch ist; es ist einfach in die falsche Epoche verlagert worden. Die Weltuntergangsgefühle sind real, keine neurotische Verirrung. Das war damals, als es entstand, sehr richtig; nicht richtig ist es in der Gegenwart. Meine Definition von Neurose ist, dass man in der Gegenwart aus Gefühlen der Vergangenheit heraus handelt. Aber für den Augenblick müssen wir wissen, dass die Traumen, die sich im Mutterleib, bei der Geburt und in der frühen Kindheit festsetzen, im Nervensystem verschlüsselt, registriert und gespeichert werden. Sie werden zu einer Schablone für das, was später geschieht.

Würde ich Ihnen sagen, dass Depression und alle seine Symptome von einem einzigen Ereignis stammen, wäre es schwer zu glauben, und dennoch stimmt es in gewisser Hinsicht und stimmt nicht in anderer; nichtsdestotrotz ist das Geburtstrauma eine der Wurzeln der Depression. Das ist keine Theorie, die ich ausgeheckt habe, sondern vielmehr ein Ergebnis der Beobachtung an vielen depressiven Patienten aus vielen Ländern, welche dieselbe Art von Traumen wiedererlebten. Nachdem wir Hunderte Depressiver erfolgreich behandelt haben, Gehirnforschung mit ihnen angestellt haben und sie auch biochemisch untersucht haben, scheint es, dass das Geburtstrauma, das die Erfahrungen im Mutterleib verstärkt, ein ursächlicher Faktor ist. Zur Schwere des Problems trägt bei, dass die Wirkungen des Geburtstraumas dann durch spätere Lebensumstände verschlimmert werden. Jüngere Forschung hat herausgefunden, dass die Depression der schwangeren Mutter oft die beim Nachwuchs erzeugt. Dennoch würde es wahrscheinlich später zu keiner schweren Depression kommen, wenn es keine ernsthaften Abweichungen bei der schwangeren Mutter und keine traumatische Geburt gäbe. Vor allem gäbe es nicht das, was als endogene Depression bekannt ist, etwas, das uns ohne offensichtliche Warnung beschleicht und uns tief in seinem Schlund hilflos zurücklässt. Das heißt nichts anderes, als dass wir unsere Aufmerksamkeit auf das kritische Fenster richten müssen, wo so viele spätere Probleme verankert werden.

Depression (neurotische Depression) ist kein Gefühl oder keine sonderbare unheilbare Krankheit; sie ist ein Zustand von Schmerz und Verdrängung. Depression ist systemweite Verdrängung, die viele Gefühle zudeckt. Sie ist die Geschichte der Erfahrung, die der Körper im Lauf der Zeit gemacht hat und die jetzt ihre Kraft ausübt. Der Ausdruck der Gefühle stellt das Ende der Depression dar; aber zuerst müssen wir wissen, was wir genau fühlen und was wir ausdrücken müssen. Das ist der Haken an der Sache. Denn was da ausgedrückt werden muss, das kann man für gewöhnlich nicht mit Worten machen, weil das Ereignis an sich – das Geburtstrauma – kein Ereignis ist, das sich mit Worten ausdrücken lässt. Die Empfindungen, die ein Baby während der Geburt erlebt, werden in einem Gehirnareal erzeugt, das weit unterhalb der verbalen Fähigkeiten liegt. Dieser Gehirnteil – der Hirnstamm und das limbische System – ist kognitiv ein Analphabet, aber brillant im Sinne seiner eigenen Sprache. Wenn wir erst anfangen, das zu verstehen, werden wir sehen, dass Depression nicht das Geheimnis ist, als das es verstanden worden ist, und dass man sie tatsächlich erfolgreich behandeln kann. Wenn ein frühes Trauma einmal tief drinnen im Gehirn eingeprägt worden ist, schreit es buchstäblich seinen Schmerz hinaus, allerdings nie mit Worten. Wir verlieren, wenn wir es mit Worten erreichen wollen, was die aktuelle Praxis ist, denn es ist ein Dialog unter Tauben. Das Trauma spricht in einer Sprache der Eingeweide, des Blutsystems und der Neuronen. Wir können die Sprache lernen und wirkungsvoll mit ihm reden, wenn wir einmal die Technik besitzen. Genau das bieten wir unseren Depressiven an.

Über die vielen Millionen Jahre hat die menschliche Evolution eine Art Normalität in verschiedenen Aspekten unserer Physiologie geschaffen; eine Art enges Spektrum biologischer Prozesse, die das beste Funktionieren und Langlebigkeit gewährleisten. So hat der Blutdruck genau wie so viele andere Funktionen einen Normalbereich. Aber bald nach der Empfängnis und bevor der Normalbereich endgültig festgelegt wird, geschehen im Mutterleib Ereignisse, die diese Normalwerte dauerhaft abändern. So wird unser Herzschlag jetzt auf ein zu hohes „Normalniveau“ gesetzt. Das neue Niveau scheint normal, weil es schon früh in der Schwangerschaft festgelegt wurde. Aber es ist ein „Neueinstellungswert“, der in unser System eingraviert wurde, bevor die anderen „Normalwerte“ festgelegt wurden. Dieses neue Normal kann zu einer Veränderung in der Funktion unseres Neokortex führen. Vielleicht haben wir dann eine Tendenz, dass wir für angemessene Überlegung zu schnell denken. Oder wir haben eine verminderte Fähigkeit, unsere Impulse zu kontrollieren und zu integrieren. Es ist leicht, das alles der Vererbung zuzuschreiben. Schließlich ist es ein Geschenk von Mutter; aber nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Es geht darum, wer die Mutter ist [NU 1], denn das formt ihr Baby. Die Emotionen des Kindes sind vielleicht schon verzerrt, wenn es auf diese Welt kommt. Es kann lethargisch und passiv sein vom ersten Tag an. Der Download ist entweder Liebe oder Nicht-Liebe, Regulierung nach unten oder nach oben. Er formt die Matrix für die kindliche Physiologie und Gehirnentwicklung und natürlich für seine spätere psychische Verfassung. Hoffnungslosigkeit ist meistens Herunterregulierung und der Vorläufer für spätere Depression.

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner