Home    Artikel und Buchauzüge      Übersetzungen aus A. Janovs Webseite     Neue Beiträge       Primärtheorie und Primärtherapie         Buchübersetzung: Bücher von A. Janov  

20 Kernthesen der Primärtheorie und Primärtherapie        ArthurJanov.com         Facebook          Studien und Statistiken            Primalpage                Emak              Primaltherapy.com

Primal Mind

 

 

Dr. Arthur Janov:             Oxytozin (Teil 1 - 5)       

14. März 2009 - 11. April 2009, Oxytocin (1 - 5), www.arthurjanov.com                                                         

                                                                                                          

(1) Fühlen ist das zentrale Organisationsprinzip menschlichen Verhaltens. Sie können Fühlen im Gehirn, in der Körper-Biochemie, in der Muttermilch, im Speichel und in Lumbakpunktionen messen. Wir können es in Gehirnsubstanzen wie Serotonin, Oxytozin, Vasopressin und Dopamin messen. Gefühle sind allumfassend, und Liebe ist das zentrale Gefühl im Umgang zwischen Menschen. Man kann sie überall im System finden, weil es überall Fühlen gibt. Ausgenommen – ausgenommen dort, wo es blockiert und versteckt wird. Dann haben wir einen Hinweis auf Schmerz und Verdrängung. Somit kann eine Substanz wie Oxytozin ein Zeichen für Liebe sein. Allgemein gesagt kann sie anzeigen, wo und wann Furcht und Schmerz von ganz früh an den Platz von Liebe eingenommen haben. Liebe wird allgemein definiert als Bedürfnisbefriedigung in zeitgerechter Weise; das bedeutet, es gibt auch bereits im Mutterleib -während der Schwangerschaft- Bedürfnisse, die erfüllt werden müssen.Wenn das nicht geschieht, kann es Auswirkungen auf alle Arten biologischer Prozesse einschließlich Oxytozin geben. Wenn ich sage, dass ein Baby eine ruhige Umwelt braucht, schließt es die Schwangerschaft mit ein. Eine deprimierte/ängstliche Mutter stellt keine ruhige Umwelt bereit; der Fetus reagiert neurochemisch sensibel auf ihr Stressniveau und auf ihre Reaktionen.

Liebe ist wichtig, weil sie das Überleben der Spezies gewährleistet; es ist eine Art Garantie, dass der Nachwuchs gesund und sexuell wird, dass weiterhin eine Spezies heranwächst, die im Umgang mit Widrigkeiten Stärke zeigt. Liebe übersetzt sich auch in psychische und körperliche Gesundheit und sorgt für die besten Überlebenschanchen des Nachwuchses. Sie ist kein flüchtiger, mystischer Begriff, der über uns in irgendeiner Traumwelt schwebt. Sie ist messbar; die Prozesse der Liebe lassen sich quantifizieren. Liebe macht, dass wir uns gut fühlen. Sie ist auch ein wirkungsvoller Schmerztöter – nicht für kurze Zeit, sondern ein Leben lang. Wenn es folglich genug Liebe bereits im Mutterleib gibt, spiegelt sie sich als Prägung des Oxytozin-Spiegels wider, die uns durchs ganze Leben folgt. Wenn dieser Spiegel hoch ist, haben wir lebenslang die passende Menge Schmerztöter in unserem System. Wenn er niedrig ist, können wir den größten Teil unseres Lebens ängstlich sein und unter Schmerz stehen und nie wissen warum. Wir überreagieren vielleicht auf Ereignisse, weil unser Ruhespiegel so hoch ist, dass nahe zu alles ihn auslösen kann. Und wir haben keine Mittel mehr, um den Schmerz zu blockieren.

Oxytozin bedeutet „schnelle Geburt.“ Ein synthetisches Oxytozin, das als Pitozin bekannt ist, gibt man Müttern, die Stimulierung für ihre Wehen brauchen. Ich vermute, dass einige Mütter, die zur Beschleunigung des Geburtsprozesses Oxytozin brauchen, vielleicht eine persönliche Geschichte voller Schmerzen hatten, die ihren Spiegel absenkte und somit das Gebären schwierig macht. Die Statistik weist darauf hin, dass Mütter, die durch Kaiserschnitt gebären, niedrigere Oxytozinspiegel haben. Wenn Müttern Oxytozin verabreicht wird, um den Geburtsprozess zu erleichtern, verstärkt es außerdem auch die Liebe, die sie für ihr Kind empfinden; sie stillen besser und sind entspannter mit dem Baby. Im Gegensatz dazu kann eine ängstliche Mutter ihrem Nachwuchs einen niedrigen Oxytozinspiegel hinterlassen, der dazu beiträgt, dass das Kind später im Leben Probleme hat, sich zu binden und Beziehungen einzugehen, und der ebenso eine latente Tendenz zur Sucht birgt. Somit übersetzt sich früher Liebesmangel in Chemikalien, die für Bindung nicht ausreichen und einen Teufelskreis des Elends schaffen –unglückliche Beziehungen, schlechte Sexualfunktion und gescheiterte Ehen mit Qualen und verlassenen Kindern, welche die Hauptlast von etwas tragen, dessen Ursachen in der Kindheit der Mutter wurzelten.

Liebesgefühle werden auf den Fetus durch die Biochemie und den Oxytozinspiegel der Schwangeren übertragen und später dann durch Körperkontakt, der wiederum den Oxytozinspiegel erhöht. Wenn wir von früh an nicht geliebt, angeschaut, berührt, angehört, liebkost und bewundert wurden, folgen uns diese biologischen Veränderungen – obgleich sie subtil sein können – durch unser ganzes Leben. Doch eine Mutter, die gut auf sich selbst aufpasst, nicht deprimiert oder ängstlich ist, keine Drogen nimmt und sich angemessen ernährt, wird ein liebesfähiges Kind erzeugen.

Wenn die Traumen der Geburt, Vorgeburt und frühen Kindheit das System überschwemmen, kommt es schließlich zur Überlastung und zum Zusammenbruch der neuroinhibitorischen Verdrängungssysteme – Serotonin und ebenso Oxytozin. Es gibt viele Chemikalien, die in den Spalten zwischen Nervenzellen, Neuronen leben; einige weisen die Schmerzbotschaft zurück, andere erleichtern die Übermittlung. Sie sind entweder Informationsblockierer oder –verstärker. Die Vorräte der Neuroinhibitoren werden mit der Zeit im Kampf aufgebraucht, Schmerz zu unterdrücken. Diese Vorräte sind nicht unerschöpflich. Es sind die allerfrühesten Schmerzen, welche die höchste Valenz haben und das höchste Maß an Hemmung erfordern.Diese Biochemikalien werden im Kampf gegen emotionale Deprivation gebraucht. Das System wird letztlich weniger sexuell sein, da die Hormone der Liebe für die Aufgabe zweckentfremdet werden, den Schmerz zu unterdrücken.

Oxytozin ist entscheidend dafür, eine starke emotionale Verbindung mit anderen herzustellen. Oxytozin ist ein Schlüsselhormon der Liebe. Wenn der Oxytozinspiegel niedrig ist, gibt es weniger emotionale Bindung, weniger Interesse an sozialem Engagement, weniger Fürsorge und Bindung und weniger Berührung....kurz gesagt weniger Liebe. „Weniger Liebe“ hat eine physische Basis. Weniger Liebe in unserem Lebensanfang lässt sich in einer Einprägung finden, die viele Systeme beeinflusst. Diese Wirkungen sind messbar. In gewisser Hinsicht ist Liebe eine messbare Einheit. Die Einprägung beeinflusst die Sexualität, besonders wie Schlüsselgehirnstrukturen wie Amygdala und Hippokampus Schmerz in Sexualverhalten übersetzen. Oxytozin wird von der Hirnanhangdrüse abgesondert, direkt unterhalb des Hypothalamus. Und es reflektiert, wie viel Liebe wir gehabt haben und wie viel Liebe wir zu geben haben. Und in der Tat, wenn wir Liebe machen (Männer und Frauen), steigen die Spiegel radikal an. Sex und Liebe begegnen sich hier oder sollten sich zumindest hier begegnen.

(2) Oxytozin findet man nur in Säugetieren. Wenn die Werte hoch sind, erlebt man ein Gefühl von Entspannung, Ruhe und Wachstum, Erholung und Heilung, liebevolles Verhalten und emotionale Bindung. Liebe und Pflege zu Beginn unseres Lebens sind für optimale Gesundheit notwendig, und ohne sie kann keine gesunde Gehirnentwicklung stattfinden. Es ist nicht nur so, dass niedrige Oxytozinspiegel ein Indikator für frühe Vernachlässigung und fehlenden Körperkontakt sind, sondern sie weisen auch auf eine Dysfunktion des Gesamtsystems hin und dienen als Prophet unserer späteren psychischen und körperlichen Gesundheit. Die Gegenwart von Oxytozin sagt: „Ich wurde geliebt und konnte mich normal entwickeln“; sein Fehlen sagt: „Ich wurde nicht geliebt und mein System ist ‚verdreht’. Genau das meine ich mit „Zeichen.“

Auf dieselbe Weise, wie wir vielleicht bei männlichen Individuen den Sexualtrieb mit Testosteron-Injektionen steigern, kann es durchaus sein, dass wir Leuten „Liebe injizieren“ können oder zumindest ein Hormon, das dazu ermuntert- den Leuten sozusagen eine Liebesspritze verpassen können. Diese Spritze kann uns helfen, mit anderen anzubandeln und uns mit Partnern zu binden, sie ermöglicht uns, dass wir anderen nahe sind, ihre Gefühle und ihren Schmerz mitempfinden. Bindung ist ein starkes emotionales Band, das uns dabei hilft, mit anderen sein zu wollen, untereinander zu helfen und zu beschützen, einander zu berühren und sexuelle Beziehungen einzugehen. Hohe Oxytozinspiegel steigern und stärken Bindungsverhalten. Weil frühes Trauma und früher Liebesmangel den Ausstoß dieses Hormons beeinflussen, wird die spätere Fähigkeit, Beziehungen einzugehen und guten Sex zu haben, schon vor der Geburt und unmittelbar danach bestimmt.

Jemand kann schwören, voller Liebe zu sein, und dann doch herausfinden, dass er oder sie sehr niedrig dosiert ist mit dem essentiellen Liebeshormon – Oxytozin. Es ist tatsächlich eine gute Nachricht, dass „zu wenig Liebe“ eine physikalische Grundlage hat, denn wir können vielleicht chemisch etwas tun, um diesen Zustand zu ändern, und wir können bestimmt auch psychologisch etwas tun, um ihn zu ändern. Irgendwann in der Zukunft sind wir vielleicht in der Lage, durch die Messung verschiedener Hormone zu bestimmen, was richtige Liebe eines Elternteils zu einem Kind ist.

Man hat nachgewiesen, dass frühe Elternliebe ein dauerhafter Schmerztöter ist. Ratten, die sich Schmerztöter selbst verabreichen konnten, indem sie einen Hebel drückten, taten das nicht, wenn man ihnen Oxytozin gab. Oxytozin (OT) verhindert die Entwicklung einer Drogentoleranz z.B. bei Morphium und mindert auch die schmerzvollen Entzugssymptome, die auftreten, wenn diese Drogen abgesetzt werden. Der Grad der Abhängigkeit lässt sich anhand der Schwere der Entzugssysmptome messen, doch Oxytozin mindert die Schwere dieser Symptome. Liebe macht dasselbe, aber frühe Liebe kalibriert das System fürs Leben. Eine gegenwärtige Liebesspritze, wie z.B. jemand, der oder die uns umarmt und küsst, kann den Spiegel zeitweise ändern. Wenn wir den Bauch eines Tieres reiben, steigt der Oxytozinspiegel sofort an, aber wenn die anfängliche kritische Periode in der Systementwicklung vorüber ist, wird jede Veränderung, die wir bewirken können, vorübergehend sein. Wenn wir einmal im Erwachsenenalter angekommen sind, sind die Oxytozinwerte ziemlich festgelegt. Man kann eine Spritze davon bekommen, aber es hat keine Dauerwirkung, denn wenn einmal ein niedriger Oxytozinspiegel oder ein hoher Stresshormonspiegel früh im Leben registriert sind, dann ist es schwer, wieder normale Sollwerte einzurichten. Nachdem die kritische Periode, um Liebe zu erhalten, vorbei ist, besteht die einzige Möglichkeit das System zu normalisieren darin, die frühen Ereignisse, welche die Sollwerte verrückt haben, neurochemisch wiederzuerleben. Wir müssen uns wieder „ungeliebt“ fühlen mit der ganzen Agonie, die dazugehört, wenn wir je eine Chance auf Normalisierung haben wollen; und diese Agonie hat zahlreiche biochemische Komponenten, die messbar sind. Erinnern Sie sich an die Wirkung der Resonanz. Schmerz in der Gegenwart zu fühlen kann verwandten Schmerz auslösen, der den ganzen Weg bis in den Mutterleib zurückreicht. Dieser frühe Schmerz kann sich dem gegenwärtigen Gefühl anschließen und ins System aufgenommen werden, was letztlich zur Verknüpfung und Auflösung führt. Dadurch werden die Schleusen der Verdrängung angehoben und den Gefühlen wird ermöglicht, durch das ganze System zu fließen.

Ein anderes Schlüssel-Neurohormon, Dopamin, hilft, ein optimales Niveau an Gehirnstimulierung aufrecht zu erhalten. Wie bei Oxytozin kann frühe Erfahrung die Sollwerte dieses Hormons ändern. Zum Beispiel kann eine schwangere Frau, die Beruhigungsmittel nimmt, den Dopaminausstoß in ihrem Fetus blockieren. Später im Leben kommt das Bedürfnis nach einem Stimulans wie Kokain auf,  wenn die Dopaminvorräte chronisch erschöpft sind; Kokain erhöht künstlich das Dopamin in den Synapsen zwischen Gehirnnervenzellen. Man kann süchtig nach Kokain sein, um sich aggressiver und kontaktfreudiger zu fühlen, um mehr Freude und Spaß im Leben zu erfahren; vorübergehend kann es größeres Selbstvertrauen erzeugen und eine Fähigkeit, andere zu konfrontieren.

Dopamin tötet auch Schmerz in dem Sinne, dass es ein Wohlfühl-Hormon ist. Das alles wäre geschehen, wenn man eine gesunde Schwangerschaft und eine warmherzige, liebevolle frühe Kindheit gehabt hätte – dann wäre es undenkbar, dass jemand nach Kokain süchtig würde. Kokain kann den Liebesmangel zeitweise ausgleichen, aber das kann nicht von Dauer sein. Kokain wirkt nur dann, wenn frühe Liebe fehlt; es nimmt einen Teil der Furcht aus dem System und schafft eine „Ich-kann–es“-Einstellung. Nun, aber genau das hätte Mutters Liebe getan! Warum entwickelt man dann eine Sucht? Weil man immer wieder zu der Droge zurückkehren muss, um das gute Gefühl zu produzieren. Wir sind abhängig vom Bedürfnis und dann abhängig von Drogen, die dieses Bedürfnis symbolisch erfüllen. Wir haben das ursprünglich unerfüllte Bedürfnis in ein „Bedürfnis nach“ umgewandelt. Und wenn wir Erfüllung im symbolischen Bedürfnis suchen (Sex oder Drogen oder Spielen), raten Sie, was passiert – der Dopaminspiegel steigt.

Es gibt viele verschiedene Hormone, die bei Liebe und Sex mitspielen; ich wähle diese zur Erörterung aus und um zu zeigen, wie frühe Erfahrung das Verhalten des Erwachsenen beeinflusst. Vor vielen Jahren untersuchten wir Testosteron in unseren männlichen Patienten. Wir klassifizierten auch diejenigen mit niedrigen Testosteronwerten als Parasympathen – Leute, die vom passiven, nachdenklichen, heilenden Nervensystem dominiert werden. Jene mit hohen Testosteronwerten neigten dazu, Sympathen zu sein, was bedeutet, dass sie aggressiver, zielstrebiger, optimistischer und ehrgeiziger waren (nach vorne schauend, eine Analogie zum Geburtsprozess). Nach einem Jahr Primärtherapie zeigten diejenigen mit niedrigen Testosteronwerten eine Tendenz nach oben, während jene mit sehr hohen Werten tendenziell etwas herunterkamen; kurz gesagt normalisierten sich ihre Systeme.

Wenn es um Liebe geht, ist Oxytozin jedoch bei weitem das wichtigste Hormon. Die Frage, der wir uns jetzt stellen, ist, was zuerst kam: niedrigere Oxytozinwerte und dann die Unfähigkeit zu lieben und sich zu binden, oder das Fehlen früher Liebe, das die Sollwerte des Oxytozins senkte? Ich würde Letzteres wählen. Weil Hormone so sensibel auf frühes Trauma reagieren, müssen wir darauf achten, dass wir hohe oder niedrige Spiegel nicht genetischen Faktoren anlasten.Wir dürfen die entscheidenden neun Monate des Lebens im Mutterleib nie vergessen.

(3) Bindung ist der positivste Aspekt menschlicher Beziehungen.Wie man sich im Erwachsenenalter emotional bindet, lernen wir durch frühe Bindung in der Kindheit, so simpel das auch klingt. Man kann es nicht lehren! Und bestimmt kann man es nicht im späteren Leben lehren. Bindung wird so ziemlich in unserer Kindheit verankert. Es ist nichts zum Lernen; es ist etwas, das wir fühlen. Es ist auch etwas Biochemisches. Wer von ganz früh an mit seinen Eltern keine Bindung eingehen konnte, kann durchaus ein Leben lang zu zerbrochenen, fragilen, heiklen Beziehungen verdammt sein. Das kann zum großen Teil auf Defizite in der hormonellen Ausstattung wie z.B. Oxytozin zurückzuführen sein. Der Oxytozinforscher und Wissenschaftler des National Institute of Mental Health, Thomas Insel, hat geäußert, dass „viele der Gefühlsbindungen zur Mutter, die man postnatal (nach der Geburt) beobachtet, durch pränatale Erfahrung festgelegt werden könnten.“ Das Leben im Mutterleib kann das Leben außerhalb des Mutterleibs für die kommenden Jahrzehnte bestimmen. Es ist ein Kontinuum, keine zwei separaten beziehungslosen Ereignisse.Wenn das frühe Verhältnis zu den Eltern distanziert, entfremdet und eisig war, kann das ein Vorbote der Liebesbeziehungen sein, die wir später im Leben haben oder nicht haben. Je früher die Entfremdung von den Eltern, umso mehr Kummer kann es später in Beziehungen geben. Ich habe es bei Hunderten meiner Patienten gesehen. Es kommt einem biologischen Gesetz nahe – wenn die Erhebung unter meinen Patienten als Index gelten kann.

Bei bestimmten Gebirgsnagetieren wie der Rocky Mountain-Wühlmaus, eine Spezies, die ein isoliertes Leben führt (im Unterschied zur Prärie-Wühlmaus, die sozialer ist), erwies sich eine Oxytozinspritze als förderlich für Bindung und Paarung unter den Nagern. Nach wiederholten Injektionen stellte sich eine lange andauernde Anti-Stress-Wirkung ein, die das Gesamtverhalten beruhigte und eine starke Tendenz zur Bindung entstehen ließ. Das weist wieder darauf hin, dass frühe Liebe zu Ruhe und Gelassenheit beiträgt. Diejenigen Menschen, die fähig sind, sich mit anderen zu binden, haben hohe Oxytozinwerte. Liebe scheint der ultimative Schmerztöter zu sein und nach dazu von Dauer. Sie bereitet uns auf die Herausforderungen des Lebens vor und ist das ultimative Überlebenswerkzeug.

Alle unsere Hormone reagieren empfindlich auf die Umwelt; wenn sie feindlich ist und gefährlich, „zieht sich das System zurück“, und das schließt auch den Oxytozinspiegel mit ein. Eine gebärende Mutter, die unter Stress und großem Schmerz steht, wird weniger Oxytozin haben (ein Grund, warum es bei Injektion die Kindgeburt unterstützt). Wir müssen annehmen, dass eine Mutter, die in der Schwangerschaft chronisch gestresst ist weniger Oxytozin beim Nachwuchs bewirkt. Es scheint in einer Art Schaukelbewegung zu funktionieren – mehr Adrenalin (Stress: die Kampf-oder-Flucht-Reaktion auslösend), weniger Oxytozin.

Das bedeutet, dass wir in der Kindheit, wenn uns von unseren Eltern Liebe angeboten wird und später, wenn sie uns von Liebhabern angeboten wird, sie nicht fühlen können. Die Verdrängung hat unsere Fähigkeit blockiert, Input zu empfangen, auch wenn dieser Input Liebe ist. Die Verdrängung ist kurz gesagt der späteren Liebe eines Elternteils zuvorgekommen und hat ihren Input blockiert. Verdrängung kann sich folglich vor der Geburt etablieren, wenn eine chronisch ängstliche Mutter dem Baby ihre Furcht eingeflößt und den Oxytozinspiegel beeinträchtigt hat. Und dann wundern wir uns, warum unser Baby so zappelig ist und sich nicht herzen lässt.

Es gibt genug Beweise, die zeigen, dass Herzschlag, Körpertemperatur und Atmungsfrequenz eines Neugeborenen von der Mutter gesteuert werden; wenn sie liebevoll und pfleglich mit dem Baby umgeht, das sie austrägt, stellt sich ein positiver Effekt auf das Baby ein, und die Sollwerte für Herzschlag und Blutdruck werden normal. Jede Vernachlässigung, die sie zufügt, verändert die Biochemie des Babys, und das vielleicht für immer. Ihre Angst und Depression während der Schwangerschaft können die Sexhormonwerte des Fetus sehr wohl verändern. Wir wissen zum Beispiel, dass Angst bei der Mutter den Sexhormonspiegel des Fetus verändert und männliche Kleinkinder verweiblichen kann. Was wir also sehen, ist, dass ein männliches Individuum verletzlich ist, wenn es erst feminisiert worden ist, verletzlicher für Liebesmangel während der Säuglingszeit und Kindheit. Vielleicht wird er homosexuell als Ergebnis eines kalten distanzierten Vaters, während derjenige, der nicht verletzlich ist, heterosexuell bleibt. Wir müssen verstehen, dass ein bestimmtes Maß an Verletzlichkeit, Stress, Trauma oder Schmerz eine Überlastung hervorrufen und sie in ein Symptom kanalisieren kann. In diesem Sinn könnte man Homosexualität als Symptom betrachten, in dem Sinn, dass es eine latente Tendenz gibt, eine Verweiblichung, die nur aufgrund eines Traumas zu offenem homosexuellen Verhalten wird, das heißt, durch das Fehlen väterlicher Liebe. Wenn die Vaterliebe da ist, kann es bei einer latenten Tendenz bleiben.

Die weibliche Präriemaus zeigte zunehmend männliches Verhalten wie z.B. Besteigen, wenn sie gleich nach der Geburt mit Steroiden/Stresshormonen behandelt wurde. Den meisten von uns muss man keine Stresshormone injizieren; Stress im Mutterleib und gleich nach der Geburt leistet dasselbe und kann tatsächlich weibliche Individuen vermännlichen. Es scheint, was immer im Mutterleib geschieht, hat lebenslange Konsequenzen; während Ereignisse nach der Geburt Kompensationsmechanismen hervorzurufen scheinen, die ihre Auswirkungen zunichte machen. So haben Drogen/Medikamente, die man einer schwangeren Mutter gibt, Dauerwirkung auf den Nachwuchs, während Drogen/Medikamente, die man einem Kleinkind gibt, die Sollwerte vielleicht nicht neu einstellen. Je früher dies geschieht, umso dauerhafter die Prägung und ihre physiologischen Effekte.

Obwohl wir vielleicht denken, eine Injektion sei etwas Besonderes, findet derselbe chemische Prozess auf natürliche Weise statt. Wir können Oxytozin injizieren oder wir können das Tier massieren und auf diese Weise die Oxytozinwerte erhöhen. Wir können einer schwangeren Frau Stress bereiten oder sie mit Steroiden injizieren – der psychologische Effekt ist genau derselbe wie von einer Nadel. Eine Mutter kann freundlich und liebevoll sein und den Serotoninspiegel in ihrem Nachwuchs anheben, so dass er besser mit Widrigkeiten umgehen kann, oder ein Arzt kann dem Nachwuchs Serotonin injizieren und eine zeitweilige beruhigende Wirkung erzeugen, die sich nicht von der unterscheidet, die durch einen lievevollen Blick von der Mutter geschaffen wird. Eine Mutter kann durch ihre Milch, die große Mengen des Hormons enthält, Oxytozin in ihr Baby „injizieren.“ Liebe oder was so aussieht kann man injizieren. Wenn sie natürlich und zur richtigen Zeit „injiziert“ wird, wird sie einen lievevollen Menschen produzieren.

Ein Therapeut kann uns fragen „Wurdest du geliebt?“ und wir mögen steif und fest behaupten „Ja, wirklich!“, und dennoch werden wir von unserem Oxytozinspiegel verraten, der viel zu niedrig ist, und von unserem Stresshormonspiegel, der viel zu hoch ist und auch von unseren anderen Hormonwerten, die vielleicht ziemlich abgewichen sind. Die reden auch. Der Körper und seine Physiologie lügen nicht. In der Tat sind wir vielleicht nach der Geburt geliebt worden, haben aber im Mutterleib schwere Traumen erlitten, die uns völlig unbewusst bleiben.

(4)Ein anderes Hormon,Vasopressin, trägt zur männlichen Pflege des Nachwuchses bei – es sorgt für fürsorgliche Väter. Es hat auch schmerztötende Effekte und trägt dazu bei, dass Tiere sich mehr herauswagen und erkundungsfreudiger sind. Wenn Vasopressin blockiert wird, gibt es sofort weniger väterliches Verhalten. Wenn es direkt in einen Gehirn-Abschnitt männlicher Wühlmäuse injiziert wurde, steigerte Vasopressin deren väterliches Verhalten. Ohne das Hormon konnten sie keine liebevollen Väter sein. Vasopressin ist ein Gegengewicht zu Oxytozin, indem es mehr Aggression und Territorialität bei Tieren erzeugt.

Wissenschaftler nahmen vor kurzem Mäuse, die Einzelgänger waren, und injizierten ihnen ein Vasopressin-Gen. Dieses wurde der Prärie-Wühlmaus entnommen, die als gesellig und partnertreu bekannt ist. Ergebnis: Sie wurden sozialer, kümmerten sich mehr um ihre weiblichen Partner und verbrachten mehr Zeit mit ihnen. Sie waren grundsätzlich nett zu ihnen.

Sowohl Vasopressin als auch Oxytozin spielen eine Rolle bei der Gehirnreifung. Wenn in der Gehirnentwicklung ein frühes Trauma eintritt wie z.B. im Mutterleib, wird die Gehirnreifung behindert. Daher kommt das alte Sprichwort „Wir haben nicht alle Tassen im Schrank“. Ein Gehirn, das eine solche Schwächung erleidet, ist ein anderes Gehirn, zum Teil dank dieser zwei Neurohormone. Wenn Synapsen organisiert und neuronale Netzwerke eingerichtet werden, ist es entscheidend, dass ein angemessenes Gleichgewicht zwischen diesen Neurohormonen herrscht, um eine gesunden Prozess der Gehirnentwicklung zu fördern.

Vasopressin und Oxytozin, die in ihrer Molekularstruktur ähnlich sind, kann man Millionen von Jahren durch die Evolution zurückverfolgen. Wir sehen daraus, dass Liebe und Bindung für Säugetier-Organsimen immer wichtig waren und eng mit Sex und Reproduktion verbunden waren. Sexuelle Aktivität erhöht die Oxytozinmengen. Bei sexueller Erregung erreicht Vassopressin Spitzenwerte, während Oxytozin bei der Ejakulation den Höchstwert erreicht. Vasopressinzellen sind in der Amygdala konzentriert, in den Gefühlszentren des Gehirns. Es ist Liebe, die uns zu Reproduktion und Sex motiviert. Wenn es wenig Oxytozin gibt, gibt es wenig Bindung. Wenn es keine Bindung gibt, gibt es keine Liebe. Wenn es keine Liebe gibt, steht das Überleben auf dem Spiel. Folglich ist Liebe ein zentraler Überlebensmechanismus und spielt deshalb eine so wichtige Rolle im menschlichen Sozialleben. Sie ist der erste Schritt zum Überleben der Spezies.

Männliche Ratten, die während der ersten Lebenswochen mit Vasopressin behandelt wurden, waren später gegenüber Fremden aggressiver. Vasopressin, das freigesetzt wird, wenn das System unter Stress steht, kann mit Oxytozin bekämpft werden. Das scheint vielleicht sonderbar, wenn sie sich molekular so ähnlich sind und dieselben Rezeptoren benutzen können. Vasopressin spielt eine Rolle, den Vorzug bei der Partnerwahl zu bestimmen und fördert bei einigen männlichen Tieren die Auswahl spezifischer weiblicher Partner. Es ist ein wesentliches Element der Paarbindung bei Tieren. Es ist auch mit Testosteron verknüpft, das den Vasopressinspiegel erhöht.

Wenn wir „lieben,“ gibt es eine chemische Komponente. Es ist meine Hypothese, dass der Oxytozinspiegel umso höher ist, je intensiver das Liebesgefühl ist. Und umgekehrt mag es auch stimmen – je höher der Oxytozinspiegel ist, umso mehr Liebe kann man geben. Um es klar auszudrücken, Liebe verändert das Gesamtkörpersystem und lässt sich in allen möglichen Systemen messen. Das ist nur eine andere Art zu behaupten, dass die Liebe, die wir früh im Leben erhalten, unsere Fähigkeit fördert, zu lieben und später gesunden Sex zu haben. In all dem steckt jedoch eine verborgene Konsequenz: Obwohl wir schwören können, dass wir jemanden lieben, können uns unsere Biochemikalien verraten. So folgt hier die zweite Lektion: Stress, Schmerz und Angst sind alle Feinde der Liebe; sie erschöpfen unsere chemischen Vorräte, die wesentlichen Elemente der Liebe.

Wie ich bemerkt habe, hat die Forschung gezeigt, dass, wenn der Bauch von Tieren gestreichelt wird, nicht nur mehr Oxytozin ins System sekretiert wird sondern auch der Blutdruck sinkt. Am wichtigsten ist, dass es zu einem Wechsel von sympathischer zu parasympathischer Dominanz kommt, wenn das Entspannungs-, Rast- und Reparatursystem übernimmt, um Überleben und gute Gesundheit zu fördern. Liebe beruhigt und normalisiert. Während Oxytozin zu niedrigerem Blutdruck beiträgt, wird er durch Schmerz erhöht. Das bedeutet, dass fehlende Liebe den Blutdruck erhöht, was wir bei unseren Patienten sehen; nach einem Jahr Wiedererleben von Schmerz fällt der Blutdruck innerhalb der Gruppe im Schnitt um 24 Punkte. Oxytozin hemmt bei Tieren die Sekretion von Stresshormonen, die als Glukokortikoide bekannt sind. Wenn sich das System im Alarmzustand befindet, sinken die Oxytozinwerte und das Angstsystem erhöht sich. Oxytozinfreisetzung ist ein wichtiger Aspekt der Serotonin-Sekretion. Sie arbeiten harmonisch zusammen, um uns bei der Schmerzverdrängung zu helfen.

Muttermilch beinhaltet große Mengen an Oxytozin. Das ist ein Grund, warum Brustmilch so wichtig für die Kindernährung ist. Es wird direkt ins Säuglingsgehirn geleitet und sorgt für Ruhe und Entspannung. Die Forschung zeigt, dass Mütter, die stillen, ruhiger und kontaktfreudiger sind, mit Stress und Monotonie besser umgehen und mehr Haut-an-Haut-Erfahrungen mit ihrem Baby haben. Man hat herausgefunden, dass, wenn ein Neugeborenes kein Geburtstrauma erfahren hat und gleich nach der Geburt an der Mutterbrust saugen kann, die sanfte Massage durch Mund und Hand des Säuglings den Oxytozinspiegel der Mutter erhöht. Dadurch verstärkt sich die Mutter-Kind-Bindung und es entsteht eine noch engere Nähe. So haben wir einen Anstieg der Milchproduktion und stärkere Muttergefühle, alles wunderbar fürs Baby. („Alternatives.“ Sept. 2001. The Numbing Down of America. Seite 21)

Wenn wir bei einem Jungtier die Oxytozinproduktion verhindern, gibt es keine Präferenz und Nähe zur Mutter. Es findet keine Bindung statt. Wenn es keine Nähe gibt, leidet das Baby vielleicht ein Leben lang. Bindung ist ein Grundbedürfnis. Es ist eine Straße mit Gegenspur: Vermindertes Oxytozin im Baby verhindert, dass es sich den Eltern nahe fühlt. Es wird zu einem Baby, das es nicht mag, wenn es geherzt wird, das sich windet, wenn man es hält.  Wenn die Mutter gebiert, steigen ihre Oxytozinwerte dramatisch an und bieten ihr dadurch die Mittel, ihr Baby tief zu lieben. Ein Teil davon überträgt sich aufs Baby. Diese Biochemie sagt uns, dass Liebe essentiell ist. Im Mutterleib ist sie bereits durch die Tatsache der Liebe für ihr Baby übertragen worden. Diese Liebe, auch wenn das Baby noch nicht geboren worden ist, hat chemische Wurzeln. Ja, das Baby kann sich im Mutterleib geliebt fühlen. Nicht im Sinne von Begreifen sondern im Sinne der Biologie. Deshalb kann die Biologie Bände sprechen, sogar unseren Gedankenprozessen widersprechen, die viel später in der menschlichen Evolution auftauchten.

In einem Experiment wurden Mütter ermutigt, ihre Babys gleich nach der Geburt an die Brust zu legen. Je früher der Kontakt erfolgte, umso körperlicher war die Mutter später mit dem Neugeborenen. Bei früher Bindung sehen wir mehr liebevollen Kontakt. Milchbildung und Stillen sind ein Ausdruck der Liebe zum Baby. Die beste Präventivmedizin – seelisch und körperlich – ist Liebe und ihre Hormone.

Oxytozin ist für die meisten Ejakulationen verantwortlich, einschließlich der „Ejakulation“ der Muttermilch zum Baby und sexueller Ejakulation bei Männchen. Eine Mutter, die als Kind geliebt wurde, hat mehr Milch und ist geeignet, ihr Baby zu stillen; und der Mann, der von Beginn an geliebt wurde, hat als Erwachsener aktiveres Sperma. Wenn man früh im Leben nicht geliebt wurde, kann das durchaus die Spermienproduktion einschränken.

Wie ich angedeutet habe, erleichtern Oxytozin-Injektionen bei Tieren das Einsetzen mütterlicher Gefühle. Natürlich würde frühe Elternliebe diese Notwendigkeit eliminieren. Wenn man einem weiblichen Schaf dieses Hormon gibt, nimmt sie andere Kinder als Mutter an, wogegen sie ohne dieses Hormon dazu neigt, die Jungen von Fremdtieren zurückzuweisen. Wenn Tiere saugen, haben sie höhere Oxytozinwerte. Bei Rhesusaffen, die Oxytozin erhielten, gab es mehr Berührung, Lippenschmatzen und die Mütter passten besser auf ihre Jungen auf. Primatenverhalten ist eine Parallele zu menschlichem Verhalten und zum menschlichen Gehirn; es ist deshalb ziemlich wichtig für das Verständnis menschlichen Verhaltens.

Wie wir uns fühlen, unsere Einstellung zu Liebe, Elternschaft und Bindung kann durchaus durch unseren Hormonstatus diktiert werden und der wiederum kann bestimmt werden durch die Sollwerte unserer Hormone aus Erfahrungen, die bis in den Mutterleib zurückreichen. Diese Sollwerte werden durch das Maß an Liebe oder ihr Fehlen früh im Leben festgelegt. Frühe Liebe verleiht uns die Kapazität für spätere Liebe. Das bedeutet Eltern, die ihr Kind liebevoll ansehen, die auf seine Stimmungen eingehen, sanft berühren und streicheln und ohne Ablenkung zuhören. Vielleicht können wir unsere Einstellung zur Liebe durch Ermahnung von anderen ändern, aber wir werden unseren Hormonstatus nicht dauerhaft ändern.  

(5) Es ist mein Therapieziel, Patienten zu helfen, dass sie lieben können und die Fähigkeit haben, Liebe zu empfangen; alles andere ist zweitrangig. Liebe macht uns stark für unsere Nachkommenschaft. Wir brauchen Sex, um Liebe zu verstärken, Nachkommen zu haben und umgekehrt. Sie sind das natürliche Ergebnis der Liebe. Was wir zu oft verwechseln, ist Liebe und Bedürfnis. Diejenigen, deren Bedürfnisse am Lebensanfang nie erfüllt worden waren, werden weiterhin nach Befriedigung suchen, und sie werden glauben, es sei Liebe, wenn es allzu oft nur sexuell ist. Solange jemand bedürftig ist, wird er oder sie dieses Bedürfnis mit Liebe verwechseln.

Wenn man einmal ungeliebt ist, bleiben das Gefühl und die damit verbundenen physiologischen Werte bestehen. So ergibt sich jetzt ein Teufelskreis; sich ungeliebt zu fühlen veranlasst jemanden, auf eine Weise zu handeln, die zu weiterer Entfremdung und Nicht-Liebe führt: Gescheiterte Beziehungen, Ehen, usw., die jemanden schließlich daran verzweifeln lassen, jemals geliebt zu werden. Die Folgen können Depression und Selbstmordgedanken sein Warum? Weil uns die Einprägung „ungeliebt“ fordernd, reizbar, disstanziert, wütend, kalt und teilnahmslos machen kann. Man hat lange geglaubt, dass das aggressive Alarmsystem – das sympathische Nervensystem – der Überlebensmechanismus sei; die Funktion dieses Systems sei, nach Gefahr Ausschau zu halten und den Kampf-oder-Flucht-Impuls einzuleiten. Die Forschung zeigt jetzt, dass das sympathische Nervensystem sich letztlich ganz verschließen kann, wenn es zu lange Zeit im Alarmzustand ist. Es gibt jedoch ein Stütz-System für Hyperwachsamkeit; es ist der Hemmungsmechanismus, der dabei hilft, das Überleben zu sichern. Überstimulierung ist für das System gefährlich.

Vielen fällt es vielleicht schwer zu glauben, dass wir Liebe wirklich injizieren können, wenn auch nur für kurze Zeit. Denken Sie daran, dass Tiere die meisten Hormone mit uns Menschen gemeinsam haben. Wir können jungfräuliche Weibchen nehmen, ihnen Oxytozin spritzen und innerhalb dreißig Minuten werden sie mütterlich. Ja, somit können wir Liebe injizieren, wenn wir sie vorsichtig definieren. Wir können Leuten helfen, zeitweise etwas zu fühlen, das sie normalerweise nicht fühlen könnten. Zumindest können wir die Eigenschaften der Liebe injizieren und stärkere Bindung, mehr Berührung und Fürsorge verursachen. Der entscheidende Punkt hier ist, dass wir durch die Änderung von Hormonspiegeln das Verhalten in Richtung Liebe verändern können. Und als Folgerung können wir vielleicht, wenn wir eine Therapie machen können, welche die Sollwerte dieser Liebeshormone ändert, die Fähigkeit anbieten, dauerhaft zu fühlen und Liebe zu geben. Darin inbegriffen ist das Verständnis, das Hormonfluktuationen das Verhalten ändern. Der Umkehrfall ist nicht unbedingt wahr – Psychotherapie beeinflusst das System durch Verhaltensänderung nicht.

Tierstudien sind extrem wichtig für unser Verständnis als Menschen. Das neue Genom-Projekt hat herausgefunden, dass Menschen nicht so sehr viel mehr Gene als Ratten haben. Es gibt sogar Ähnlichkeiten in der genetischen Struktur zwischen uns und dem niederen Wurm. Was auf Tiere zutrifft, hat also eine gute Chance, auch für Menschen zu gelten.

Die Biochemie-Forscherin Susan Carter hat darauf hingewiesen, dass Oxytozin „von der Entwicklungsgeschichte eines Organismuses“ beeinflusst wird. Wenn es im Mutterleib hohe Steroidspiegel gibt aufgrund des Stressniveaus der Schwangeren, kann die gesamte Entwicklung des Fetus sich ändern, einschließlich der Absenkung des fetalen Oxytozinspiegels. Jahre später hat eine Mutter vielleicht keine Milch für ihr Neugeborenes, doch niemand kann verstehen warum. Oxytozin beeinflusst die Menge der Muttermilch. Die Mutter beharrt vielleicht darauf, gleich nach der Geburt wieder zur Arbeit zu gehen und begründet das damit, dass ihre Karriere sehr wichtig sei. Sie versteht vielleicht nicht, dass ihre eigene Erfahrung frühen Liebesmangels ein Absinken in der Produktion ihrer mütterlichen Liebshormone geschaffen hat, während dieser Liebesmangel gleichzeitig ihren Stresshormonspiegel erhöht hat, der sie jetzt ständig sehr aktiv sein lässt.

Das alles drängt sie jetzt, zur Arbeit zurückzukehren; sie hat keine Ahnung, was hinter diesem Drang steckt. Die fehlenden Chemikalien für Liebe treiben sie dazu, ihr Baby zu verlassen. Ihre Prioritäten sind nicht das Ergebnis ihrer Einstellung sondern vielmehr ihrer Neurochemie, die sie motiviert. Sie ist weniger mütterlich und kann die Bedürfnisse ihres Babys nicht fühlen, oder wie sehr es sie braucht. Ihre Gesinnung, Interessen und Gedanken können Rarionalisierungen sein für ihren physiologischen Hormonstatus. Sie hat seit ihrer Kindheit die biochemische Ausstattung für Mütterlichkeit nie gehabt. Ihre Mutter, die nicht mütterlich war, hat es durch ihren eigenen Mangel an Körperkontakt mit ihrem Baby bewerkstelligt, die mütterlichen Hormone in ihrer Tochter zu verringern. Somit wird die Tochter es übel nehmen, selbst Mutter zu sein, und ihre Kinder werden es zu spüren bekommen. Ihr niedriger Oxytozinspiegel kann bereits den Fetus im Mutterleib beeinflussen. Ich würde die Hypothese wagen, dass das Kind mit Defiziten in der Liebesabteilung geboren wird. Ich habe geschildert, wie ein Mutterleibstrauma zu verringerten Serotoninwerten führt; ich spekuliere, dass dasselbe für Oxytozin gelten kann. Man ist versucht, viele unserer Veränderungen der Genetik zuzuschreiben, aber wir dürfen die neun Monate nicht übersehen, die wir im Mutterleib verbringen, wo sich Gehirn und Körper formen.

Es gibt Psychopathen, die menschlich aussehen, die aber nie irgendeine liebevolle Beziehung mit anderen zustande bringen. Sie hinterlassen eine Spur menschlicher Trümmer in ihrem Kielwasser. Sie beziehen sich nur auf das, was sie bekommen können. Sie verstehen sich nur aufs Manipulieren. Ihr falscher Charme erlaubt ihen manchmal damit durchzukommen. Doch sie waren in der Kindheit Opfer ungenügender Menschlichkeit und Liebe seitens ihrer Eltern. Gleich unterhalb ihres scheinbar menschlichen Charmes liegt eine leere Hülle. Man kann nicht gut zu ihnen sein, weil sie es nicht fühlen können. Sie wollen einfach mehr.

Liebe bedeutet richtiges hormonelles Gleichgewicht und angemessene Gehirnentwicklung. Sie bedeutet, dass alle Sexualhormone und Anlagen gut funktionieren. Die Liebe einer Mutter für ein Kind reguliert seine Gehirnentwicklung, seine Lern- und Gefühlsentwicklung. Sie spiegelt sich in der Neurophysiologie des Nachwuchses wider. Ein geliebtes Kind wird später die besten Chancen auf ein normales Sexleben haben, und das bedeutet, die Spezies wird die besten Chancen auf Fortbestand haben. Wir können Liebe messen, wenn wir sie vorsichtig definieren. Es ist wichtig, Liebe zu messen, weil so viele Sexualproblemevon ihrem Fehlen herrühren. Wir müssen wissen, wie tief die emotionale Deprivation eines Menschen geht, wie lang sie dauerte und welche Wirkung sie auf die Neurophysiologie hatte.

In der Primärtherapie ist die Tatsache, ein wenig Liebe in der Gegenwart zu bekommen, auch wenn wir nur in einer Sitzung die Hand eines Patienten halten, der unter schrecklichem Schmerz steht, genug Motivation für Patienten, in eine Zeit zurückzureisen, als sie ungeliebt waren. Sie öffnen sich für diesen Schmerz, was bedeutet, dass sie sich überall öffnen. Um Liebe zu fühlen, müssen wir zuerst fühlen, wie wir ungeliebt waren. Und Schmerz zu fühlen bedeutet, unsere sexuelle Gesundheit zu befreien und uns selbst, weil Sex sich ganz um Empfindungen und Gefühle dreht, und Verdrängung steht dem im Weg.

Das Ziel der Verdrängung ist, den Zugang zu diesen Empfindungen einzuschränken. Wenn wir im Mutterleib oder während des Geburtsprozesses ein Trauma erlitten haben, wird Verdrängung früh einsetzen. Wir können den Schmerz dann nicht fühlen und wir können auch sonst nichts voll fühlen – wir können nichts mehr erleben. Das ist der Zweck der Verdrängung: Externe Stimulierung davon abzuhalten, das innere Boot zu schaukeln. Verdrängung stumpft nicht nur die Wirkung dessen ab, dass man in der Kindheit nicht berührt oder dass man ignoriert wurde; sie ist global und beeinflusst jeden Aspekt unseres Seins. Verdrängung ist nicht selektiv und beschränkt sich nicht auf ein einziges Trauma. Sie funktioniert auf globale Weise und beeinflusst uns systemweit einschließlich unserer sexuellen Gesundheit.

Wenn wir andere Primaten betrachten, können wir anfangen uns selbst zu verstehen. Gefangene Primaten in einem Zoo sind weniger sexuell und weniger geneigt sich fortzupflanzen als in ihrem natürlichen Habitat. Ihre Physiologie und ihre Hormone wissen es besser, als in eine solche Umwelt Nachkommen zu setzen, und so ändert sich ihr Endokrinsystem. Es spricht in der Sprache des Überlebens. Das System sagt: „Wir wollen unsere Babys nicht in Käfigen aufziehen.“ Je mehr ihre Instinkte unterdrückt werden im Interesse, sie zu „zähmen,“ umso weniger sexuell werden sie. Je mehr Freiheit sie im Gegensatz dazu haben, umso sexueller sind sie. Die Unterdrückung ihrer Freiheit hat die Überlebensmechanismen der Spezies ‚verdreht.’  

_________________

 

  Übersetzung: Ferdinand Wagner