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DR. ARTHUR JANOV:    

PRIMÄRTHERAPIE -

EINE THERAPIE DES FÜHLENS

Warum Worte nicht genügen

und 

Wie der Zugang zu tief verborgenen Gefühlen Ihre Gesundheit verbessern kann

   

    

 

 

 

 

 

 

 

Die amerikanische Originalausgabe  mit dem Titel   

"PRIMAL HEALING" erschien anno 2007 bei  The Career Press, Franklin Lakes, NJ. 

 

© Copyright 2007 Dr. Arthur Janov

 

aus dem Amerikanischen von

Ferdinand Wagner

 

Es gibt zurzeit keine deutsche Übersetzung auf dem Buchmarkt

Über dieses Buch (vom Übersetzer)

Der weltbekannte amerikanische Psychotherapeut Dr. Arthur Janov (geb. 1924) ist Begründer der Primärtherapie und Autor mehrerer Bücher. Sein erstes Buch Der Urschrei, in dem er seine revolutionäre Therapie und die ihr zugrunde liegende Primärtheorie vorstellt, wurde zu einem internationalen Bestseller.

In dem vorliegenden Buch, das 2007 unter dem Titel „Primal Healing“ erschien, stellt Dr. Janov Fachleuten und interessierten Laien die Grundbegriffe seiner Primärtheorie vor und erklärt, warum konventionelle Psychotherapie zwar hilfreich sein kann, aber letztlich nicht in der Lage ist, dauerhafte Veränderung zu erreichen.

Die Psychotherapie der Zukunft muss eine Therapie des Fühlens sein, argumentiert Dr. Janov, sie muss dem Patienten Zugang zu tieferen Gehirnebenen verschaffen, wo sich frühe Traumen/Überlastungen eingeprägt haben. Es ist dieser systematische fühlende Zugang, der die Auflösung dieser frühen Einprägungen ermöglicht und letztlich dazu führt, dass alle Ebenen des Gehirns und alle Systeme des Körpers wieder zu normalem, gesundem Funktionieren zurückkehren können.

Dr Janov vergleicht ein frühes Trauma mit dem Urknall des äußeren Universums. Überall in unserem inneren Kosmos finden sich die Spuren dieses Ereignisses – Symptome aller Art, wie zum Beispiel Migräne, hoher Blutdruck, Herzattacken, Phobien, Zwänge, Depression und Ess-Störungen. In der modernen Psychotherapie geht es zu oft darum, abweichende Gedanken zu korrigieren. So kann ein Therapeut seine Patienten auf  der Gedankenebene „normalisieren,“ während die auf tieferen Gehirnebenen eingeprägten Kräfte unangetastet bleiben und weiterhin die verschiedensten Symptome erzeugen können. Im Grunde, so Dr. Janov, unterstützt konventionelle Psychotherapie aufgrund der typischen Therapie-Situation (väterlicher Therapeut/mütterliche Therapeutin) die Verdrängung. Sie vergrößert die Kluft zwischen den Ebenen des Bewusstseins und verbannt  alte Gefühle und Erinnerungen tiefer ins Unbewusste – im Grunde das, was ein Beruhigungsmittel auch leistet.

Wenn wir uns nicht mit trügerischer und vorübergehender Besserung zufrieden geben wollen, dann, so sagt Dr. Janov, müssen wir die Sprache des Limbischen Systems und des Hirnstamms erlernen. Wir müssen jene überlastenden Ereignisse - Gefühle, Empfindungen und Körperreaktionen - wiedererleben, die sich von frühestem Beginn an in unser System eingeprägt haben. Heilung ist untrennbar mit dem geordneten, systematischen Zugang zu tieferen Gehirnebenen und mit dem Wiedererleben eingeprägter schmerzvoller Erinnerungen verknüpft. Und genau das muss die Therapie der Zukunft ihren Patienten anbieten können. Für die Psychotherapie bedeutet das einen radikalen Wandel. Sie darf sich nicht mehr damit begnügen, Erscheinungen zu korrigieren, Symptome zu lindern, Gedanken und Verhalten in eine andere Richtung zu lenken, sondern sie muss den Patienten ermöglichen, fühlend und erlebend zu den Ursachen seiner Beschwerden zurückzugehen. Es ist nichts Utopisches daran, auf eine tiefere Bewusstseinsebene hinabzusteigen und ein altes Trauma wiederzuerleben. In Dr Janovs Primal Center geschieht es jeden Tag. Es erfordert etwas Mut und ein geeignetes therapeutisches Umfeld. Eine Utopie ist es nur dann, wenn Therapeuten und Patienten Worte und Gedanken als Mittel und Endziel des Therapie-Prozesses betrachten.

 

TEIL I

 

INHALTSVERZEICHNIS

 

Einleitung              (13)

Kapitel 1:              Das spielt sich alles in Deinem Kopf ab (21)

Kapitel 2:              Wie Liebe das gesunde Gehirn formt (35) – Das Äußere bestimmt über das Innere (37) – Kritische Perioden: Ist es je zu spät für Liebe?  42)                                 – Die Erfüllung der Liebe (48) – Schmerz und Verdrängung (50) – Fallstudie: Stash (52)

Kapitel 3:                Wo Gedanken und Vorstellungen entspringen: Die verschiedenen Sprachen des Gehirns (57) – Die drei Bewusstseinsebenen (59) – Erste Linie: Der Hirnstamm (60) – Zweite Linie: Das limbische/fühlende System (66) – Die Amygdala: Das Fühlen des Gefühls (67) – Der Hippocampus: Der Sitz der Erinnerung (68) – Der Hypothalamus: Der Übersetzer der Gefühle (69) – Der Thalamus: Der Kurier der Gefühle (69) – Die dritte Linie: Der Neokortex – Wie Verdrängung funktioniert (74)

Kapitel 4:                Die Einprägung: Wie sie unser Leben dirigiert (85) – Einprägungen und Neurophysiologie: Wie Erinnerung eingeprägt wird (89) – Einprägungen verbiegen uns physiologisch (91) – Gesprächstherapien: Der Einprägung nicht gewachsen (95) – Widerhall im Gehirn (98) – Depression oder die Physiologie der Hoffnungslosigkeit (104) – Fallstudie: Kiki (105)

Kapitel 5:                Das linke und rechte Gehirn: Der Mensch im Gleichgewicht (107) – Mechanismen, die zur Durchtrennung der Verknüpfung beitragen (110) – Das Problem mit Linkshirn-zentrierter Psychotherapie (113) – Fallstudie: Natan (120)

Kapitel 6:                Kognitive Therapie: Warum Worte nicht genügen (123) – Was machen Kognitivisten wirklich? (127) – Die Biologie hinter sich lassen: Flucht in  psychologisches Wirrwarr (136) – Patienten helfen, dorthin zu gelangen, wo sie hin müssen (139) – Gibt es einen Platz für kognitive und andere Einsichtstherapien? (142) – Fallstudie: Daryl – Drei Non-Feeling-Therapien (143)

Kapitel 7:                Der Prototyp: Was uns zu dem macht, der wir sind (147) – Parasympathen und Sympathen (147) – Der Prototyp und unsere physiologischen Prozesse (153) – Fötales Leben und Drogen (155) – Fallstudie: Katherina – Anorexie, Bulimie und Sexualtrauma (159)

Kapitel 8:                Fehlende Verknüpfung und Dissoziation (167) – Die Evolution der Gefühle (169) – Der rechte OBFK: Wächter über die Verbindung zu unserer Geschichte (172) – Verrückte Gedanken (176) – Die Wiederverknüpfung des Gehirns (180) – Wie die Erinnerung gebildet wird (186) – Die Verknüpfung zwischen linkem und rechtem Gehirn (188) – Vernunfterklärung (189) – Effektive Verknüpfung (190) – Fallstudie: Stan – Grand Mal – Anfälle (192) – Fallstudie: Sonny – Epilepsie (193) – Das limbische System und seine Verknüpfungen (195) – Der Irrglaube der „Anpassung“ (196) – Der Tango der zwei Hemisphären ( 198) – Der Weg zu psychischer Gesundheit (199) – Fallstudie: Frank – Fehlende Verknüpfung und Glaubensvorstellungen (200) – Was Integration bedeutet (204)

Kapitel 9:         Bewusstheit gegen Bewusstsein (209) – Die Evolution der Gefühle (216) – Die Messung von Stress (217) – Die Natur der Sucht (218) – Erscheinung und Wesen (222) – Auf dem Gefährt des Fühlens fahren (231) – Der Patient hat die Macht (233) – Fallstudie: Caryn (236) – Drogen/Medikamente lassen Neurose funktionieren (240)

Kapitel 10:       Warum wir wiedererleben müssen, um gesund zu werden (241) – Die Rolle von Einsichten in der Psychotherapie (244) – Warum Wiedererleben eine totale Erfahrung sein muss (247) – Verborgene Erinnerung aufdecken (248) – Selbstzerstörerisches Verhalten (252) – Was Neurose und Wiedererleben im Gehirn bewirken ( 254)

Kapitel 11:            Eine Therapie des Fühlens: Eine Behandlung für viele Krankheiten (255)

Anhang:                Was ist Primärtherapie? (255)  -    

Anmerkungen und Quellen (267) - Ausgewählte Bibliographie (279) - Index (284)

 

EINLEITUNG

Als klinischer Psychologe mit mehr als 50 Jahren Erfahrung auf dem Gebiet bin ich zu der Einsicht gelangt, dass wir das Beste beider Welten miteinander verbinden und die Disziplin der Neurowissenschaft mit der der Psychologie vereinigen müssen, wenn wir psychische Gesundheitsprobleme wirkungsvoll behandeln wollen. Erforderlich ist ein sich vertiefender Austausch, eine Kreuzbefruchtung des Wissens und der Praxis zwischen diesen zwei Fachgebieten.

In diesem Buch werde ich versuchen, Neurologie, Psychologie und Biologie zu einem organischen Ganzen zu vereinen, so dass wir Menschen nicht mehr zu Studienzwecken in separate Teile zergliedert werden. Das gestattet uns, menschliche Wesen auf eine wirklich ganzheitliche Art und Weise zu erklären, und wir werden sehen, wie Psychologie und Neurologie zusammenwirken, um unser Verhalten und unsere Symptome zu bestimmen. Wenn wir also eine psychologische Diagnose stellen, wird sie auch andere Wissensgebiete einbeziehen, und wir diagnostizieren zugleich, wie unser physisches System mit dem emotionalen zusammenarbeitet. Wir werden zum Beispiel nicht nur über Besessenheit diskutieren, sondern auch erörtern, wo im Gehirn sie auftritt und welches die geschichtlichen Faktoren waren, die sie in Gang setzten. Und sexuelle Impotenz – wie neurologische Faktoren sie beeinflussen und wo in der Geschichte des Kranken Erfahrungen auftraten, die sie vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt hervorgerufen haben könnten. Auf diese Weise werden wir mehrere Fachgebiete durchqueren, damit sie uns verstehen helfen, wer wir sind und wie emotionale Faktoren das Gehirn und den Körper beeinflussen – und umgekehrt. Wir sind aus einem Stück. Wir können unterschiedliche Aspekte unserer selbst zu Studienzwecken abstrahieren, aber es bleibt die Tatsache, dass wir eine organische Ganzheit sind. An einem gewissen Punkt müssen wir alle Stücke wieder zusammensetzen, um ganzheitliche, organische Antworten für die Bedingungen menschlichen Seins bereitzustellen.

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Diejenigen von uns, die umfassend ausgebildet wurden und Primärtherapie an unserem Zentrum praktizieren, glauben, dass wir Psychotherapie zum ersten Mal als Wissenschaft etablieren. Wir zeichnen alle Sitzungen auf Videoband auf und wir besprechen sie. Wird ein Fehler gemacht, wissen wir es sofort, weil die Therapie präzise und geordnet ist. Das war nie der Fall, als ich psychoanalytische Psychotherapie praktizierte. Das bedeutet, dass wir jetzt eine systematische Therapie haben, die den Gesundheitsstatus von Menschen wirklich verbessern kann. Ich zögere, das Wort „Heilung" zu verwenden, weil es einen schändlichen Beigeschmack hat, aber Tatsache ist, dass genau dies in vielen Fällen geschieht. Und zwar deshalb, weil wir in der Lage sind, in die Tiefen des Gehirns und die Antipoden des Unbewussten einzudringen, um traumatische Elemente aufzuspüren, die sich dort seit Jahrzehnten befinden, verborgen und tief, und Schaden aller Art anrichten,  unser Verhalten beeinflussen und mitbestimmen, welche Leiden uns treffen werden. Ich glaube, dass dieses Buch ein Avatar für unser Fachgebiet ist und Sigmund Freuds 1902 verfasster Traumdeutung gleichkommt, die zum ersten Mal die Natur des Unbewussten ausbreitete und darlegte, wie es uns beeinflussen könnte. Wir haben jetzt ein detaillierteres Verständnis dieses Unbewussten, weil wir es in der Therapie jeden Tag sehen. Wir spähen in die Vergangenheit unserer Patienten und sehen, wie sich die frühe Geschichte entwickelte. Wir beobachten jemanden in der Therapie und beginnen die Geschichte der Menschheit zu verstehen. Wir sehen, wie Patienten ihe Vergangenheit wiedererleben und beobachten zugleich unsere uralte Vergangenheit. Wir sehen das Reptilien-Salamander-Gehirn in Aktion, indem wir das Geburtstrauma beobachten, und wir begreifen, was es uns unser ganzes Leben hindurch angetan hat, von Aufmerksamkeitsdefizit-Störung bis hin zu Migränen und hohem Blutdruck. Ohne dieses Verständnis werden wir uns selbst nie verstehen, geschweige denn diese Zustände wirkungsvoll behandeln. Das sagt jetzt ziemlich viel, aber ich hoffe, dass dieses Buch klären wird, was ich meine.

Weil Verhaltens-/Kognitions- und Einsichts-Therapien sich für Diagnose und Behandlung allein auf Verhalten konzentriert haben, ist aktuelle Forschung, die das Gehirn einbezieht, weitgehend unbemerkt geblieben. Obwohl also psychologische Theorien reichlich vorhanden sind, fehlt ihnen die Verankerung in der Neurowissenschaft, und Neurowissenschaft bietet einen Reichtum an Information, der die klinische Praxis unterrichten kann. Ich schlage vor, eine Brücke zwischen beiden zu schaffen.

Mein Versuch ist einer der ersten Schritte auf dieses Ziel hin und keine endgültige, definitive Antwort. Da ich das Privileg vieler Jahrzehnte klinischer Arbeit hatte, habe ich beobachtet, wie sich die Persönlichkeit entwickelt, wo Neurose beginnt, und lernte, worin Heilung liegt. Dank der Neurowissenschaft steht uns jetzt umfangreiches Wissensmaterial zusätzlich zu meinem zur Verfügung, ein tieferes und sichereres Verständnis, wie das Gehirn sich auf Verhalten bezieht. Anders als in vergangenen Jahren wissen wir heute eine ganze 

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Menge mehr über die Natur der Gefühle und über das limbische System. Und was am wichtigsten ist, wir wissen, wie man das System von eingraviertem andauernden Schmerz befreit.

Obwohl sich überall in diesem Buch wissenschaftliche Quellenangaben und Zitate finden, sollten wir die alles überspannende Wahrheit nicht aus den Augen verlieren – Gefühle sind ihre eigene Validation. Wir können den ganzen lieben Tag lang anführen und zitieren, aber die Wahrheit liegt letztlich in der Erfahrung menschlicher Wesen. Ihre Gefühle erklären so viel, dass statistische Beweise irrelevant werden. Die kognitive Therapie sucht statistische Wahrheiten, um ihre Hypothesen und Theorien zu erhärten; diese Theorien sind allzu oft intellektuelle Konstrukte, die tatsächlich statistischer Validation bedürfen. Über mathematische Fakten hinaus sind wir hinter biologischen Wahrheiten her. Die Studien, die ich zitiere, beweisen nichts. Was sie machen, ist, dass sie eine Art von Universalität anzeigen, ein Kontinuum für alle Arten organischen Lebens. Diese Studien sind Folgesätze, keine separaten, unangetasteten Realitäten; eine Art intellektueller Kniefall vor dem linken Gehirn. Aber ohne Kontakt zum rechten Gehirn sind diese Ralitäten auf das Intellektuelle beschränkt. Bei Statistiken kann alles wahr sein, weil sie biologische Realitäten ignorieren. Sie lassen sich auf jegliche Weise manipulieren. Alles das mag denen entgehen, die keinen Zutritt zum Rechtshirn-Unbewussten haben, wo Geschichte und Gefühle liegen. Tierforschung ist interessant, aber wir versuchen nicht, die Psyche von Ratten zu verstehen; wir müssen unsere eigene Psyche verstehen – durch Analogie oder Folgerung. Wer leidet, wer defekte Schleusen hat, hat eine Art unvollständigen Zugang zum Unbewussten. Bei unserer Arbeit haben wir ein Versuchslabor, wo wir das Unbewusste jeden Tag in unseren Patienten sehen. Wir brauchen keine statistischen Wahrheiten. Wir haben biologische.

Leute in der kognitiven Therapie sind in der Lage ,"sich besser zu fühlen," verwechseln das aber mit Genesung, weil sie Sprache und Worte benutzen können, um den Schmerz zu ersticken. Sie benutzen Gedanken, um Gefühle zu betäuben und stellen sich vor und denken, dass alles gut sei.

Es gibt eine Welt des tiefen Unbewussten, die man erforschen muss; ein Unbewusstes aus unserem animalischen Vermächtnis. Dieses Unbewusste kann man in verbaler Sprache niemals verstehen. Wir können nicht mit einem Salamander sprechen und wir können nicht mit dem Salamandergehirn sprechen, das in jedem von uns wohnt. Wenn in einer Theorie kein Platz ist für dieses Unbewusste, gibt es keine Möglichkeit, dass man man von allen möglichen emotionalen Problemen geheilt werden könnte; Probleme, die ihren Ursprung im Nachlass des Reptilienlebens haben mögen. Patienten zu beobachten, wie sie sich auf Reptilienart winden, wenn sie im Griff eines uralten, unentwickelten Gehirns sind, macht das alles klar. Es kann nie klar sein, solange wir auf der kognitiven Ebene bleiben.

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Vergessen wir nicht, dass es in der Welt der Kosmologie die Entdeckung der dunklen Materie gibt, welche die Mehrheit dessen ausmacht, was wir gewöhnlich leeren Raum nannten. Wir sind Teil dieses Universums; unsere dunkle Materie wird als das Unbewusste bezeichnet. Vordem hat sich Psychotherapie nur mit der Spitze des Eisbergs befasst und dabei ein unerforschtes Universum unberührt gelassen. Obgleich sich Kosmologie in der Regel mit dem äußeren Universum befasst, sind wir auch Teil dieses Universums, und die Gesetze, die für externe Kosmologie gelten, müssen auch für uns Menschen gelten. Schließlich besteht der größte Teil unseres biologischen Körpers aus Sternenstaub – Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Eisen und anderen Elementen. Kohlenstoff kombiniert mit Wasserstoff und Sauerstoff bildet organische Verbindungen. Die Gesetze, die eindeutig auf das Universum über uns zutreffen, müssen auch für das Universum darunter gelten. Es gibt keine einfache Trennungslinie zwischen beiden. Die Geschichte des Universums dauert in jedem von uns fort. Nichts geht in unserer Evolution verloren; wir fügen nur hinzu. Wir haben noch immer Anteil an diesem uralten Gehirn, das in unseren Schädeln eingeschlossen ist. Wir sind die fleischgewordene Geschichte des Universums – wandelnde Geschichte – eine Tatsache, die auf dem Feld der Einsichts-Psychotherapie weitgehend ignoriert wird. Je mehr wir über die Gesetze des Universums entdecken, umso mehr werden wir über uns selbst lernen. Der Schlüssel ist hier, dass wir umso präsenter sein können, je weiter wir in unsere persönliche Zeit zurückreisen; denn es ist Tatsache, dass die Vergangenheit in unsere Systeme eingeprägt ist, und wir werden unserer Geschichte verfallen sein, bis wir sie wiedererleben und mit dem Bewusstsein verknüpfen. Je tiefer wir in die Antipoden unseres Unbewussten reisen, umso klarer sehen wir unsere alte Geschichte. Chronisch hohe Körpertemperatur erzählt von unserer Geschichte. Sie schreit ihre Bedeutung hinaus, aber allzu oft bleibt sie unbegreiflich für den gebildeten Intellektuellen.

Wir müssen Primärpsychologie als Zweig der Kosmologie betrachten – als Studium des inneren Universums. Wie können wir etwas über die Gesetze zwischenmenschlichen Umgangs lernen, wenn wir nie in die dunkle Masse des Unbewussten eintauchen? Andernfalls werden wir von Kräften herumgestoßen, über die wir keine Kontrolle haben. Wir entwickeln Symptome aus unbekannten Gründen und werden krank aus ziemlich mysteriösen Gründen. So muss es nicht sein. Das Unbewusste spricht die ganze Zeit in seiner eigenen Sprache zu uns, aber zu oft wissen wir nicht, worum es geht, noch können wir es aussprechen, denn es hat nichts mit Worten zu tun. Eine angemessene Therapie muss nonverbale Sprache benutzen.

Schließlich muss es eine Verbindung geben zwischen dem tiefen Unbewussten und dem präfrontalen Kortex der oberen Ebene. Ohne diese Verbindung gibt es keine Kontrolle des Unbewussten. Es wird seine Kraft kontinuierlich ausüben und unter anderem Sucht, hohen Blutdruck und Schlaganfälle erzeugen. Mit dieser Verbindung lassen sich diese oft normalisieren. Wenn man Verhalten – Sucht – 

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als eine Sache für sich selbst behandelt, bedeutet das nie, das Geheimnis der Neurose zu lösen. Mit dem Alkohol aufzuhören ist keine Heilung; es bedeutet einfach mit dem Trinken aufzuhören. Trinken ist in der Regel keine Krankheit an sich (trotz Anonymer Alkoholiker), es ist das Symptom einer solchen. Wir werden lernen, wie ein basales eingebautes Bedürfnis, wenn es nicht erfüllt wird, zu einem „Bedürfnis nach" Drogen, Essen oder Alkohol wird. Wir müssen uns mit dem Grundbedürfnis befassen und nicht mit dem variablen und vielfältigen „Bedürfnis nach."

In der Kosmologie stellen wir die Fragen „Wie begann das alles? Was hat es entstehen lassen? Wie beschaffen ist das Universum? Wie geschah der Urknall?" Wir müssen nur dieselben Fragen über uns selbst stellen. In der Primärtherapie suchen wir die Jahre mit unseren Eltern wieder auf, eilen zurück zu den Zeiten unserer Großeltern und begeben uns von da (über Monate oder Jahre) hinab zu unseren Primaten-Vorfahren. Von dort reisen wir zu niedrigeren Tierformen – der Salamander wiederum. Und dann zurück zu den Elementen, aus denen wir gemacht sind: die Atome und Moleküle des Sternenstaubs. Natürlich gehen wir nicht bis zu diesem Punkt zurück, aber Patienten gelangen zu dem Salamander-Gehirn, wo sie sich schlängeln und sinusförmige Bewegungen machen, wo es kein Weinen, keine Tränen und gewiss keine Worte gibt, um Feelings zu verdecken. Wir können das. Wir haben diese primitive Sprache erlernt und durch sie erschließen wir unseren Patienten das Unbewusste, vertiefen ihre Identität und erweitern ihren Bezugsrahmen, damit sie sich selbst, ihr inneres Universum und ihr gegenwärtiges Verhalten verstehen.

Je weiter wir ins äußere Universum hinausgehen, umso näher kommen wir unseren Ursprüngen, umso weiter gelangen wir zurück zum Anfang der Zeit. Je tiefer wir in die dunkle Materie des Unbewussten gehen, umso besser verstehen wir unsere Ursprünge und unsere Gegenwart. Dialektisch betrachtet können wir, je weiter wir regredieren, desto eher zukünftige Probleme voraussagen, sei es Angst, Drogensucht oder sexuelle Impotenz. Es existiert zum Beispiel eine Beziehung zwischen Anoxie bei der Geburt und späterer Neigung zum Suizid. Je mehr wir das Geburtstrauma erforschen, umso mehr verstehen wir von unkontrollierter Sucht. Wir können sexuelle Frigidität Jahrzehnte später voraussagen. Über all das lernen wir in den folgenden Kapiteln.

Der Urknall, der unser Universum vor etwa 14 Milliarden begründete, hat eine logische Folge im inneren Universum. Wir sehen unsere uralte Vergangenheit in den weitgestreuten Sternen, die gen Unendlichkeit rasen, und wir sehen unsere persönliche Vergangenheit in den „weitgestreuten" Symptomen unserer Biologie. Wir sehen den Beweis für unsere frühen Traumen in der Messung der Muskelspannung im Augenzwischenraum, und wir sehen das Vorgeburtstrauma in den Kortisol- und Serotoninspiegeln – etwa 30 Jahre später. Das sind die weitgestreuten Folgen früher Einprägungen, unseres persönlichen „Urknalls," wenn Sie so wollen. Wir können die Spur zu diesen frühen

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 Ereignissen von den hohen neurochemischen Werten aus, die wir heute sehen, zurückverfolgen. Diese Werte sind verbunden mit und entwickeln sich aus spezifischen Traumen, die uns schon vor unserer Geburt widerfuhren. Sie erinnern uns daran, was mit uns geschehen ist und halten diese frühen Ereignisse am Leben. Wir dürfen diese Erinnerungs-Bruchstücke nicht einfach mit Medikamenten zurückschlagen, sei es Herzjagen oder hoher Blutdruck; wir müssen sie mit den Dingen verknüpfen, die von ganz früh an geschahen und die Erschütterungen in unserer Biologie verursachten.

Der Zweck der Wissenschaft besteht darin, Vorhersagen zu machen; jedoch ist Vorhersage solange nicht möglich, bis wir die Ursprünge kennen. Sich nur auf die Gegenwart zu konzentrieren ist gleichbedeutend mit Astrologie. Sich auf die dunkle Materie, die Geschichte und die Ursprünge zu konzentrieren ist die Domäne der Astronomie. Letztere ist strikte Wissenschaft. Der Wert einer Wissenschaft ist nur so gut wie ihre Beweiskriterien.Wenn der Beweis in der Psychotherapie die Geschichte ignoriert, wenn sie phänotypisch und in ahistorische Begriffe gekleidet ist (zum Beispiel für sechs Monate mit dem Alkohol aufzuhören), kann sie nicht erfolgreich sein. Sie kann nur gegenwärtige zeitweilige Änderungen produzieren, die nicht von Dauer sein können, weil dunkle unbewusste Kräfte am Werk bleiben. Wir bleiben Gefangene der Geschichte, nicht nur der Geschichte der frühen Kindheit sondern ebenso derjenigen zuvor, wenn Traumen auf Leben und Tod normales Funktionieren erschüttern und abweichen lassen.

Wenn wir je ein volleres Universum entdecken wollen, das menschliche Pathologie erklärt, müssen wir den inneren Kosmos erforschen, das geheimnisvolle Unbewusste, das seine Wahrheiten zögerlich aber verlässlich preisgibt und das Geheimnis beendet, welches das Unbewusste war. Ohne eine Reise ins Reich des Inneren werden wir Depression niemals wirklich verstehen. Woher wissen wir das? Die Neigung zu Depression und oft zu suizidalen Gedanken hält an bis wir die tiefe, entfernte Vergangenheit erforschen und sie wiedererleben. Es ist dieses Wiedererleben, das sowohl Chemie als auch Verhalten normalisiert. Wiedererleben bedeutet, durch die Zeit zu rasen zu einem zeitlosen Zustand, in dem Gegenwart und Vergangenheit miteinander verschmelzen. Ist jemand die Vergangenheit, dann wird gegenwärtiges Verhalten klar: „Ich habe Migräne-Anfälle, weil es bei der Geburt so wenig Sauerstoff gab." Oder: „Ich trinke, weil ich unmittelbar, nachdem ich geboren war, wochenlang keine Mutter hatte." Keine Einsichten nötig. Das Unbewusste erklärt es alles. Betrachten wir unser Feld als das der Primärkosmologie, bei der wir nicht länger damit zufrieden sind, nur auf die Gegenwart zu schauen; wir müssen die Vergangenheit wieder aufsuchen und in sie eintauchen. Nur das wird uns befreien. Es gibt keine Gestalt-Übungen, keine Einsichten, die das leisten können. Es gibt keine Gegenwart ohne diese Vergangenheit.

Primärtherapie ist die erste Psychotherapie, die wirkungsvoll Zugang zu den tiefsten Schichten des Gehirns und des Bewusstseins erlangt. Um Menschen zu helfen, schreckliche Symptome und Leiden loszuwerden und um ihren Depressionen 

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und Ängsten ein Ende zu setzen, müssen wir über das Freudianische und behavioristische Vermächtnis hinausgehen, das sehr viel getan hat um zu helfen, das aber jetzt so einschränkend ist. Wir müssen die Kunst ‚Psychotherapie’ mehr in Richtung Wissenschaft verlagern.

Die Auffassung, dass der Gedanke an erster Stelle steht und das Gehirn an zweiter, welche die intellektuelle Therapie von der Gefühlstherapie unterscheidet, geht auf den alten Disput zurück zwischen den logischen Positivisten des 19ten Jahrhunderts, die den Verstand als primär sahen, und den Empirikern, welche die Erfahrung an erste Stelle setzten. Es geht eindeutig auf die Auffassungen des Sokrates zurück. Die Materie, das Gehirn, ging offensichtlich dem Geist voraus. Es existierten Milliarden Jahre organischen Lebens, bevor es ein denkendes Gehirn gab, das Gedanken ersinnen konnte.

Psychologie kann keine bloße „Verhaltenswissenschaft" mehr sein, sondern muss vielmehr etwas sein, das unser physiologisches Selbst in Betracht zieht, die Kräfte, die Verhalten antreiben, - eine Wissenschaft des Fühlens. Psychologie muss die Wissenschaft von den Bedingungen menschlichen Seins werden; sie muss sie alle umfassen, nicht nur den psychischen Aspekt. Um Psychotherapie zum ersten Mal als Wissenschaft zu etablieren, formulieren diejenigen von uns, die am Primal Center arbeiten, Hypothesen und testen sie. Wir haben vier signifikante Gehirnwellen-Experimente abgeschlossen, ebenso mehrere Doppelblind-Studien, und wir haben Neurochemie und Immunfunktionen von Patienten überprüft. Wir überwachen unsere Patienten jahrelang nach der Therapie, um zu verifizieren, dass ihr Fortschritt von Dauer ist. Wir messen die Vitalfunktionen vor und nach jeder Sitzung. Wir erkennen, dass sich bestimmte Arten von Pathologien offenbaren, wenn besondere Vitalwert-Konfigurationen eintreten. Veränderungen bei diesen Vitalwerten dienen uns als Maß für den Fortschritt. Unsere Techniken, durch jahrelange Praxis verfeinert, sind präzise und messbar.

Ich bin der Forschung treu geblieben, die ich unternommen habe, und ich habe gewissenhaft darüber berichtet, habe bekundet, wann etwas Spekulation und Vermutung im Gegensatz zu unzweifelhaften Tatsachen war. Unsere klinische Arbeit wird nach 33 Jahren, in denen wir 5.000 Patienten aus mehr als 20 Ländern behandelten, akzeptiert und anerkannt.

Ich widme dieses Werk meinen Patienten, die mir durch ihre Verpflichtung zur Behandlung geholfen haben, Gedanken zu formulieren und die den Mut gehabt haben, dorthin zu gehen, wohin kein psychiatrischer Patient je zuvor gegangen ist.

 

KAPITEL 1

DAS SPIELT SICH ALLES IN DEINEM KOPF AB

Ich habe mir eine ziemlich beängstigende Aufgabe gestellt: Ich will zeigen, dass es keiner Therapie, die Worte als vorherrrschende Behandlungsmethode benutzt, gelingen kann, bei Patienten tiefgreifende Veränderung zu bewirken. Das schließt alle Einsichtstherapien ein, die kognitive Therapie, rational emotive Therapie, Hypnotherapie, Psychoanalyse, Biofeedback, Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) und geführtes Bilderleben/Tagträumen. Das kann alles hilfreich sein, aber nichts davon kann eine tiefgreifende Veränderung der Persönlichkeit oder tiefgreifende anhaltende Erleichterung bewirken.

Ich hätte dieser Behauptung widersprochen, als ich ursprünglich vor vielen Jahrzehnten psychoanalytische Einsichtstherapie praktizierte. Meine Patienten erklärten übereinstimmend, dass sie sich nach der Behandlung anders fühlten und glaubten, dass sich ihr Leben wesentlich verändert habe. Jetzt bin ich mehr als skeptisch. Ich habe jetzt gesehen, wieviel mehr möglich ist.Tiefe Persönlichkeitsveränderung ist unmöglich auf der Ebene von Worten oder sogar auf der Ebene von Emotionen; es gibt kein „Sich-Luft-Machen“ oder  „Herauslassen“ wie Weinen und Schreien, das echte oder anhaltende Veränderung zustande bringt.

Wenn echte und anhaltende Veränderung eintreten soll, müssen sich tiefere Gehirnebenen physiologisch verändern, so dass sich Schlüsselstrukturen im Gehirn wieder auf optimale, gesunde Werte einstellen können. Weiterhin wird eine solche Veränderung nur zustande kommen, wenn sich jene Teile des Gehirns, die tief eingeprägte Erinnerungen bergen, neurochemisch mit den Teilen des Gehirns verknüpfen können, welche den eher rationalen, gedanklichen Aspekten unserer Psyche zugrunde liegen, wie z. B. der frontale Neokortex. Kein noch so großes Maß an gesprächsbasierter Therapie wird so eine Verknüpfung zustande bringen, weil es nur zu geringer Aktivierung der subkortikalen Strukturen kommt,

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welche die tief eingeprägten Erinnerungen vermitteln; dennoch ist diese Verknüpfung entscheidend, wenn in der Psychotherapie ein wesentlicher Fortschritt geschehen soll. Auf diesen Seiten werde ich zeigen, wie unsere psychische und ebenso unser physische Gesundheit bestimmt wird von der physiologischen Funktion jener grauen Materie, die wir Gehirn nennen.

Konventionelle Psychotherapie war immer von der Überzeugung durchdrungen, dass gute psychische Gesundheit ein Produkt des Geistes ist – ein Ergebnis des denkenden, logischen, rationalen präfrontalen Kortex; kurz gesagt, dass man sich seinen Weg zur Gesundheit erdenken könne. Die logische Folge ist, dass man im Geiste krank wird; dass man sich eigentlich seinen Weg zur Krankheit erdenkt. Konventionelle Psychotherapie glaubt, dass man seinen Gesundheitszustand ändert, wenn man seinen Geisteszustand ändert. Nichtsdestotrotz ist Neurose, eine körperliche und seelische Abweichung von einem normalen System, im Gehirn nicht als Gedanke sondern als Erfahrung verankert, eine Erfahrung, die eine physiologische Spur hinterlässt. Deswegen kann keine Psychotherapie, die sich auf Worte und Gedanken verlässt, Neurose verändern. In der September-2005-Ausgabe der Science News gibt es einen Artikel, in dem steht, dass positives Denken eine Langzeitwirkung haben kann1. Auch Schmerzerwartung kann von denselben Nervenschaltkreisen im Gehirn verarbeitet werden wie bei wirklichem Schmerz; und das Gegenteil ist auch wahr: an Erleichterung zu denken bringt Erleichterung. Das hat leider viele Fachleute zu der Überzeugung geführt, dass man sich seinen Weg zu Gesundheit erdenken kann. Wir können uns nur unseren Weg zu einem trügerischen Gesundheitszustand erdenken, während weiter unten laut der Schmerz brodelt2. Somit hat der Glaube an Erleichterung eine feste neurologische Grundlage und ist nicht nur eine Laune des „Geistes.“ Das Problem ist, dass es ein Glaube bleibt und kein wirklicher voll physiologischer Zustand. Das ist eine Möglichkeit, wie es zu einer Trennung zwischen Körper und Geist kommen kann: der Geist löst und entfremdet sich von unserem wahren physischen Zustand.

Neurose ist ein signifikantes Maß an Schmerz, das unserem System früh im Leben eingeprägt wird und wesentliche Verzerrungen sowohl geistiger, emotionaler als auch körperlicher Funktionen verursachen kann. In der Psychotherapie dürfen wir die volle physiologische Wirkung der Erfahrung nicht ignorieren, indem wir allein auf den kortikalen, denkenden Geist achten. Das ist offensichtlich, aber dennoch trennen die meisten Therapien der Gegenwart den Geist vom Gehirn und das Gehirn vom Körper, so dass Therapie zu einem fragmentierten Unterfangen geworden ist. Wenn wir den Geist als Reflexion der Gesamtsumme des ganzen Systems sehen, beginnen wir zu verstehen, dass wir nur gesund werden können, wenn wir ihn als integriertes System erkennen.

Wäre „Wellness“ einfach eine Sache dessen, was wir über uns denken (oder was ein Therapeut über uns denkt), dann wären all die religiösen Bekehrungen und sich daraus ergebenden Epiphanien eine genauso berechtigte Neurosen-Behandlung wie jede Psychotherapie. Wenn wir konventionelle Psychotherapie für gut befinden und glauben, dass wir nur mit dem Verstand gesund werden können – mit dem, was über uns denken, -

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dann ist letztlich ausschlaggebend, was in unserem Geist ist, sei es die Vorstellung, von einem Gott gerettet zu werden oder von einer Einsicht gerettet zu werden, die wir vielleicht darüber haben, was unsere Mutter mit uns tat, als wir aufwuchsen.

Weil jedoch der kortikal – denkende – Geist oder Verstand die Fähigkeit zur Selbsttäuschung hat, können wir uns auf die Schlußfolgerungen von Patienten nicht verlassen; noch können wir uns darauf verlassen, dass uns psychologische Tests genaue Informationen über einen Patienten vermitteln, weil sich solche Tests nur mit Gedanken befassen und den Körper, den physiologischen Aspekt ausschließen. Ein treffendes Beispiel: Eine Untersuchung durch eine Gruppe britischer Neurologen fand heraus, dass der Name eines Geruchs sich über die tatsächliche sensorische Erfahrung hinwegsetzte. So etikettierten sie verschiedene Gerüche falsch und fanden heraus, dass die Untersuchungsgruppe vielmehr auf die Bezeichnungen reagierte als auf die Erfahrung. Das bestätigte sich durch Magnetresonanz-Messungen. Kurz gesagt dominierte die Kognition Gefühle und Instinkte. Wenn die Versuchsperson auf den falsch bezeichneten Geruch reagierte, sprachen die Teile des Gehirns nicht an, die zum Beispiel beim Geruch von Käse hätten aufleuchten sollen, weil er ein angenehmeres Etikett hatte. Kurz gesagt können wir Wahrnehmung und Kognition auf beliebige Weise verdrehen, und das kann sich über die Erfahrung hinwegsetzen. Wir werden später sehen, wie wichtig das ist, wenn wir über die kognitive Therapie sprechen.

 

 

 Wenn echte und anhaltende Veränderung eintreten soll, müssen sich tiefere Gehirnebenen physiologisch verändern, so dass sich Schlüsselstrukturen im Gehirn wieder auf optimale, gesunde Werte einstellen können.

 

 

Für echte und anhaltende Veränderung müssen sich tiefere Gehirnebenen physiologisch verändern, so dass sich Schlüsselstrukturen im Gehirn wieder auf optimale, gesunde Werte einstellen können.

Wir müssen bei unserer Diagnose jederzeit präzise sein. Wir würden keine Antibiotika gegen eine Viruserkrankung geben, nur weil die Patientin denkt, sie habe eine bakterielle Infektion. In der Allgemeinmedizin akzeptieren wir die Eigendiagnose des Patienten nicht – wir führen Tests durch, um die Wahrheit zu bestimmen. Dasselbe müssen wir in der Psychotherapie machen. Wir müssen nicht nur die Psyche prüfen sondern ebenso das physiologische System. Die physiologischen Auswirkungen und die Gedanken, die wir über uns selbst hegen, kommen von zwei verschiedenen Gehirnsystemen. Oft ist die Kommunikation zwischen diesen Gehirnsystemen schlecht, so dass ein ziemlicher Unterschied besteht zwischen dem, was wir denken und was wir fühlen.

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Die meisten Therapeuten testen den Patienten nur in Hinsicht auf psychologische Zustände. Ihre Fragebögen zentrieren sich auf psychische Gesundheit. Wenn eine Patientin sagt „Ich weine oft, aber ich fühle mich gut,“ sollen wir das dann glauben? Wenn wir den Stresshormon-Spiegel (Kortisol) der Patientin untersuchen und sehen, dass er hoch ist, müssen wir misstrauisch sein, wenn die Patientin behauptet, dass sie sich gut fühle.

Ich sah eine Frau, die unter etwas litt, was als maskierte Depression bekannt ist; etwas, dessen sie sich nicht bewusst war, aber sie benahm sich nahezu die ganze Zeit „dead and down“ –„am Boden zerstört.“ Die Messwerte ihrer Vitalfunktionen waren zu Beginn niedrig, und ihr Kortisolspiegel (ein Stresshormon, das wir messen, indem wir Mundabstriche – Speichel – nehmen) war ziemlich hoch. Obwohl sie sagte, sich keines tiefen Leidens bewusst zu sein, behauptete sie, unter leichter Unpässlichkeit zu laborieren. Ihre Physiologie „schrie Bände,“ und später tat das auch sie; das heißt, als sie allmählich Zugang zu ihrem Unbewussten fand. Unser Job besteht in gewisser Hinsicht darin, das Unbewusste mit dem Bewussten zu verschmelzen, uns in Kontakt zu bringen mit dem, was unser Körper sagt. Dafür müssen wir die Sprache des tiefen Gehirns erlernen, das ständig zu uns spricht, wenn wir nur aufmerksam wären, und mit dem wir dennoch selten reden können. Wir müssen seine Sprache lernen, was nicht viel leichter ist als Französisch zu lernen. Was noch schlimmer ist – wir können es nicht durch Worte lernen; nie durch intellektuelle Übungen, nur durch Feelings. Wenn wir die Sprache des Unbewussten, die ihre eigene Syntax und ihr eigenes Lexikon hat, nicht sprechen lernen, können wir uns einfach nicht tiefgreifend ändern.

Der schmerzvolle Aspekt einer Erinnerung tritt ein, wenn Feelings gegen die Verdrängung stoßen. Wenn jemand fühlt und es keinen Grund mehr für Verdrängung gibt, tut es so viel weniger weh. Mit den Gefühlen kommt in einer Sitzung auch der Schmerz hoch. Er wird zu realem Leiden, wenn er sich dem vollen Bewusstsein nähert. Und dann plötzlich – Erleichterung. Man befasst sich mit dem Feeling und fühlt es. Die einzige Alternative, die jemand hat, der sich in konventioneller Therapie befindet, besteht darin, den Schmerz mit Medikamenten zu unterdrücken. Oder ihn in einer Flut von Worten und Gedanken zu ertränken. Mir ist klar, dass man viel freier, offener und liebevoller ist, wenn man sich sich selbst öffnet.

Die dreiunddreißigjährige Amy berichtete ihrer Therapeutin am Primal Therapy Center, dass ihre Woche ziemlich langweilig sei. „Obwohl ich ab und zu weine, scheint mit mir alles in Ordnung zu sein.“ Dennoch verriet sie ihr Körper. Auch in einer

 

ModernePsychotherapie verfestigt oft den Spalt oder  die Trennung zwischen dem tiefen Primäruniversum und unserem denkenden frontalen Kortex.

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„langweiligen, ruhigen Umwelt“ war ihr Stresshormon-(Kortisol-)Spiegel hoch. Sie stand eindeutig unter Stress und wusste es nicht, was bei vielen Individuen der Fall ist, die plötzlich an einem blutenden Geschwür erkranken und keine Ahnung haben, warum. Ihr Körper, ihr Unbewusstes kannte die Wahrheit, auch wenn „sie“ sie nicht kannte. Das ist ein wesentlicher Grund, warum wir Zugang zum Unbewussten haben müssen, abgesehen von der Tatsache, dass es uns nicht länger dirigieren soll. Es würde verhindern, dass uns unerklärliche Krankheiten plötzlich befallen. Leute unter Schmerz leiden nicht immer. Ihre Verdrängungs- und Hemmungssysteme funktionieren gut. Leiden ist der gewahre Teil von Schmerz und nicht der bewusste Teil. Damit meine ich, dass wir uns eines gewissen Unbehagens bewusst sein können, uns bewusst sein können, dass wir uns lausig fühlen, aber nicht wissen, warum. Wogegen wir, wenn wir voll bewusst sind, Schmerz fühlen und wissen warum, und woher er kommt. Das ist Wissen als Resultat des Zugangs zu unserem Unbewussten.

Das Leiden bei Depression sollte kein Geheimnis sein.  Es gibt spezielle Ereignisse, die es verursachten, und man kann auf geordnete, folgerichtige Weise darauf zugreifen. Amy fand später, nachdem sie erzählt hatte, wie ihre Mutter sie immer angeschrien hatte, dass niemand lieben kann, der die ganze Zeit so wütend ist. Obwohl sich ihre Mutter sporadisch zu Liebe bekannte, war sie in ihrem Verhalten niemals wirklich offensichtlich. Und Verhalten zählt, nicht nur Worte. Amy trennte sich von ihren Bedürfnissen und von deren Nichtbefriedigung. Klar ersichtlich waren sie in ihrem Ausagieren , wo sie sich an Freundinnen klammerte und die ganze Zeit ihre „Liebe“ und Bestätigung brauchte. Sie war so verzweifelt anhänglich, dass sie einige ihrer Freundinnen vertrieb.

Ein ganzes Universum an Erfahrung liegt so tief im Gehirn, dass die meisten von uns keine Ahnung von seiner Existenz haben. Dieses Universum steuert unser Verhalten und verursacht psychische und physische Symptome. Wir müssen uns ein paar wichtige Fragen stellen: Woher wissen wir von diesem Universum? Wie erlangen wir Zugang zu ihm? Und, was das Wichtigste ist, wie integrieren wir es in unser Bewusstsein, so dass wir nicht von unbewussten Kräften gesteuert werden?

Leider verfestigen viele moderne Psychotherapien den Spalt oder die Trennung zwischen dem tiefen Primäruniversum und unserem denkenden frontalen Kortex. Die Gefühle, die aus dem Primäruniversum nach oben durchsickern, werden von den meisten Therapeuten als Abweichungen behandelt, die Unterdrückung durch unseren Verstand, den Kortex erfordern. Jetzt wissen wir es anders. Dieses Universum existiert nicht nur und ist quantifizierbar (Feelings kann man zusammen mit dem Verdrängungsniveau messen), sondern ist auch entscheidend für unsere Gesundheit.

Der Körper hat eine Stimme, und sie sagt uns, dass er sich, falls der Kortisolspiegel – unser Stresshormon – hoch ist und falls Serotonin – eine Gehirnsubstanz, die andere Gehirnaktivität unterdrückt, - gering vorhanden ist, über alles hinwegsetzen kann, das der Kortex uns gerne glauben machen möchte. Wenn es einen Widerspruch gibt zwischen dem, was wir glauben und was physiologische Tests anzeigen, sollten wir misstrauisch sein.

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Ein Patient begann die Therapie damit, dass er sagte, er komme aus intellektuellen Gründen, weil er an unsere Philosophie glaube. Nach und nach fanden wir heraus, dass er nicht schlafen konnte, ständig agitiert war und sich nicht entspannen konnte. Er organisierte seinen Tag so, dass er immer etwas zu tun hatte und irgendwohin gehen musste. Die Werte seiner Vitalfunktionen waren hoch – eine Herzfrequenz von konstant 95 Schlägen pro Minute und ein Blutdruck von 160 zu 100. Er sah uns nicht aus philosophischen Gründen. Er schämte sich, neurotisch wie jeder andere zu sein, und konnte es nicht ertragen, ein „Spinner“ zu sein. Dieser Mann hatte, was ich undichte Schleusen nenne. Sein hemmendes, verdrängendes System war defekt. Dafür gibt es viele Gründe, wie wir später sehen werden. Ein wichtiger Grund ist das Geburtstrauma, schwere Anästhesie, die verhindert, dass sich der inhibitorische Kortex richtig entwickelt. Er hatte Schwierigkeiten damit, seine Impulse zu kontrollieren, die während des Schlafs vorwärts drangen, ihn aufweckten und ihn zum Grübeln und Nachdenken über jede Menge trivialer Dinge zwangen. Sein Schleusensystem eignete sich nicht für einen richtigen Schlaf.

Wir haben (zusammen mit Open University, Milton Keynes, England) Imipramin-Bindungs-Studien (blind) an Blutplättchen durchgeführt. Blutplättchen weisen ein hohes Maß an Ähnlichkeit mit Nervenzellen auf, einschließlich Neurotransmitteraufnahme und Bindungsstellen. Wir folgerten, dass wir durch das Blut ersatzweise die Serotonin-Produktion im Gehirn messen könnten. Imipramin spielt eine Rolle als Antidepressivum. Es blockiert die Aufnahme von Serotonin, so dass mehr davon übrig bleibt, um bei der Verdrängung zu helfen. Deshalb ist es wichtig, dass sich die Spiegel nach einem Jahr Primärtherapie normalisierten3. Unsere inoffizielle Analyse einer Reihe von Patienten in Europa ergab, dass manische Patienten geringe Bindungswerte aufwiesen. Das hatten wir erwartet, da ihre frontalen Kontrollmechanismen defekt waren. Wir nahmen an, dass ein frühes Trauma die Entwicklung präfrontalen Gehirngewebes kompromittiert.

Innerhalb unseres Gehirnsystems befindet sich der linke frontale Kortex, der eine enorme Fähigkeit zur Selbsttäuschung aufweist. Sobald wir seine Rolle in der Evolution verstehen, sollten wir vorsichtig sein, wenn wir uns  hinsichtlich Richtigkeit und Wahrheit über innere Erfahrung auf ihn verlassen.Wir können dem linken frontalen Kortex trauen, was äußere Wahrnehmung betrifft, weil das seine Rolle ist, aber nicht hinsichtlich inneren Verstehens. Wenn wir etwas über unser primäres Gefühlsuniversum wissen wollen, müssen wir uns an das rechte Gehirn und den rechten präfrontalen Kortex wenden. Leider zwingt er die linke Seite zum Lügen und Betrügen; vor allem das Selbst zu belügen und zu betrügen.

Wir werden sehen, wie Liebe früh im Leben – auch im Mutterleib – die Systeme und Strukturen des Gehirns aufbaut und lebenslange psychische und physische Gesundheit  bestimmt.

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Abbildung 1: Gehirnstrukturen

Jüngste Gehirnforschung (später zitiert) hat herausgefunden, dass es, wenn wir früh im Leben unter fehlender Liebe leiden, weniger Schlüsselzellen gibt, die uns beim Denken, Konzentrieren und dabei helfen, unsere Gedanken mit unseren Gefühlen zu verbinden. Wenn wir erst verstehen, dass verborgenen Gefühle einen Großteil unseres Verhaltens lenken, dann verstehen wir, wie wichtig es ist, unsere Gedanken mit unseren Gefühlen zu verbinden. Ohne Verknüpfung können wir das Verhalten oder die körperlichen Symptome nicht kontrollieren, die aus solchen Gefühlen erwachsen.

In der konventionellen Psychotherapie gelingt es uns durch verschiedene Einsichten und Medikamente, zeitweise das zu erreichen, was hätte stattfinden sollen, wenn wir von Anfang an liebevolle Eltern gehabt hätten. Medikamente und Therapie gestatten uns, wenigstens einen vorübergehenden Zustand der Entspannung zu erreichen, indem sie die Wirksamkeit des Abwehrsystems verstärken. Ich behaupte, dass Kognitions-/Einsichts-Therapie eigentlich ein Tranquilizer ist und die Verdrängung der linken Hemisphäre zum Nachteil des Fühlens verstärkt.

Drogen und Medikamente töten den Schmerz, der daraus resultiert, dass wir früh in unserem Leben nicht geliebt wurden, und lässt uns für eine gewisse Zeit glauben, dass wir geliebt wurden, oder lässt uns wenigstens denken, dass es uns einfach gut geht. Weil frühe Liebe die Menge der repressiven Substanzen optimiert, die wir absondern, leiden wir, wenn Liebe fehlt, unter einem Verlust dieser Substanzen und fühlen uns danach selten wohl in unserer Haut.

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Wenn jemand eine traumatische Geburt hat, ändert sich das gesamte biochemische System, und der Körper kann zum Beispiel weniger alarmierende, wachmachende Substanzen produzieren, was dazu führt, dass ein Mensch träge, passiv und aggressionslos wird. Solche frühen Lebenserfahrungen werden neurochemisch ins Gehirn eingeprägt und beeinflussen unser Leben im Erwachsenenalter.

Die Auffassung der Prägung/Einprägung ist der Schlüssel zu unserer Arbeit und zum Verständnis der Neurose. Wenn eine Erfahrung neurochemisch eingeprägt wird, werden unsere neuralen Verknüpfungen dadurch permanent beeinflusst, was bedeutet, dass sie ein Leben lang in unserem Gehirnsystem bleibt. Jedoch scheint es möglich, die Einprägung zu verändern, indem man die Erfahrung in der Primärtherapie wiedererlebt. Die von der Einprägung verursachte Qual kann vielleicht mit Medikamenten oder Drogen vermindert oder bis zu einem gewissen Grad mit konventioneller Psychotherapie gelindert werden, aber die Einprägung ist unauslöschlich und setzt sich letztendlich durch.

Wie wir sehen werden, setzt sich die Einprägung in jeder Zelle unseres Körpers fest. Sie verzerrt die Organfunktion und reguliert Schlüssel-Sollwerte von Hormonen und neurochemischen Substanzen wie Serotonin neu.  Um sie zu verändern oder zu beseitigen, müssen wir zu den Augenblicken zurückgehen, als sie verankert wurde, die Erfahrung wiedererleben und das System normalisieren. Es gibt keinen Willensakt, kein Bemühen, das uns normalisieren würde; nur wenn wir die Zeit der Abweichung wiedererleben, geschieht dies, und es geschieht ganz aus sich selbst heraus. Deshalb kann ein Depressiver mit einer Körpertemperatur von 96 Grad (F) in die Sitzung kommen, eine tiefe frühe Hoffnungslosigkeit wiedererleben und mit einem normaleren Wert hinausgehen. Warum? Weil die eingeprägte Empfindung/das eingeprägte Gefühl die Abweichung nicht mehr an Ort und Stelle hält. Das bedeutet, dass abweichende Werte ein Produkt der Einprägung sind. Der Körper muss auf schädliche frühe Ereignisse reagieren; er entwickelt niedrige Körpertemperatur nicht aus einer Laune heraus. Sie ist Teil eines im gesamten System wirksamen Reaktions-Ensembles, das die Depression intakt hält. Das ist alles Teil der Erinnerung. Wir können diese Reaktion (Blutdruck und Herzschlag) mit Vitaminen oder New Age–Techniken korrigieren, aber um die ganze Reaktionskaskade zu verändern, müssen wir uns mit dem Zeitpunkt des Primärereignisses befassen.

Wenn wir uns mit Mann oder Frau als Ganzes befassen, erhalten wir einen anderen Reaktionsverlauf, als wenn wir uns hier oder dort mit einem Symptom befassen. Wir wollen nicht das Symptom gesund machen, wir wollen die Person gesund machen, und das Symptom wird sich oft von selbst erledigen. Deshalb kommt es bei unseren Hypertonikern (Patienten mit hohem Blutdruck) nach einem Jahr Therapie zu einem signifikanten permanenten Absinken ihrer Werte. Wir arbeiten nicht direkt am Symptom, wir wissen oft wenig über die Details eines Symptoms. Wir wissen von der menschlichen Bedingung, die Symptome enstehen lässt. Oft wissen Spezialisten immer mehr über immer weniger – mehr über eine spezielle Reaktion (was sehr wertvoll ist), aber oft erklärt das nicht ihren Ursprung und wie man

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sie los wird. Stattdessen haben sie gelernt, wie man sie mit Medikamenten kontrolliert und handhabt.

Eine depressive Patientin kam chronisch erschöpft und energielos in die Sitzungen. Sie erlebte eine Geburt wieder, bei der die Mutter schwere Betäubungsmittel erhielt – sie konnte nicht heraus, gleich, wie sehr sie sich bemühte. Schließlich zog man sie mit der Zange heraus. Aber die Erschöpfung prägte sich ein und ebenso der Energiemangel. Vor der Therapie hatte man bei ihr ein chronisches Erschöpfungssyndrom diagnostiziert und sie mit verschiedenen Medikamenten behandelt. Aber die Erschöpfung war eine Erinnerung, die nur durch Erinnerung behandelt werden konnte – dorthin zurückgehen, wo alles begann, und die Erschöpfung im Zusammenhang fühlen. Daraufhin normalisierten sich ihre Vitalfunktionen und ebenso ihr Energieniveau. Das geschah nicht nach einer einzigen Sitzung, sondern nach vielen.

Während konventionelle Psychotherapie die organische Anordnung des Gehirns ignoriert, besteht in einigen Medizinkreisen ein umgekehrtes Problem, da dort Gesundheitsprobleme rein auf die Gehirnfunktion reduziert und psychologische Faktoren nicht anerkannt werden. So existiert nach dem gegenwärtigen Zeitgeist eine Essstörung wie Bulimie wegen niedriger Serotoninspiegel, ein vom Gehirn produziertes Hormon, wobei viele zu dem Schluss kommen, es handle sich um eine genetische Funktion.

Der Glaube, dass nur physische Faktoren zählen, zeigt sich in einer als Biofeedback bekannten Medizin-Arena, die behauptet, dass wir ein psychisches Gesundheitsproblem wie Angst ändern können, indem wir zum Beispiel Gehirnwellen ändern, dadurch, dass man einen Patient sich Entspannung vorstellen lässt und dann seine Gehirnwellen in den Alpha-Bereich lenkt, den einige Therapeuten mit einem ruhigen Zustand gleichsetzen. Aber ist das ein ausreichendes Kriterium, um festzustellen, ob eine Behandlung erfolgreich war?

Beim Biofeedback wird eher eine bestimmte Auffassung von Normalität auf den Patienten angewandt, als dass man dem System erlaubt, sich durch einen natürlichen evolutionären Therapie-Prozess zu normalisieren. Es ist die Vorstellung des Therapeuten von Normalität. Es bedeutet, ein Stück oder Fragment unserer Psyche zu nehmen und es zu behandeln, als wäre dies das A und O der ganzen Sache. Stellen Sie sich vor, Sie sind an eine EEG-Maschine angeschlossen und versuchen wie bei Biofeedback durch Visualisierung ihre Gehirnwellen in den sogenannten Normalbereich abzuändern. Es ist purer Mystizismus zu glauben, dass man damit die Auswirkungen eines ganzen Lebens mit einer alkoholkranken Mutter und einem gewalttätigen Vater umkippen kann. Ein solcher therapeutischer Prozess hängt davon ab, dass man sich einen normalen Zustand vorstellt, was bedeutet, dass man sich seinen Weg zur Gesundheit erdenkt. Was man erreicht, ist ein illusorischer Zustand; kurz gesagt etwas, das nicht real oder dauerhaft ist.

Um einen Patienten erfolgreich zu behandeln, ist es unbedingt erforderlich, dass wir seine psychologische Geschichte in Betracht ziehen, eine Geschichte, die Inzest, Verlassenheit und Vernachlässigung beinhalten könnte. Was am wichtigsten ist, wir müssen uns die frühe physische und psychologische Entwicklung eines Individuums anschauen und jene kritische Periode von

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der Schwangerschaft durch die ersten drei Lebensjahre prüfen, die, wie die Wissenschaft erst jetzt zu erkennen beginnt, so viel mit Problemen im späteren Leben zu tun hat. Man muss sich unbedingt die Person als Ganzes ansehen und die frühe Geschichte des Patienten berücksichtigen, wobei physiologische Faktoren ebenso wie psychologische in Erwägung zu ziehen sind.

Ich nenne die Kluft zwischen Gefühlen/Empfindungen und ihrem psychischen Gegenstück den Janovschen Spalt. Wir werden sehen, wie wichtig dieser Spalt ist, wenn es darum geht zu ermitteln, wie lange wir leben und wie früh im Leben wir an  allen möglichen Leiden sowohl körperlicher als auch psychischer Art erkranken.

Der einzige Fortschritt in der Psychotherapie besteht darin, wieder ganz zu werden, ein Selbst wieder zu finden, das vor langer Zeit verloren ging, und Gefühle wieder zu erlangen, die wir von Anfang unseres Lebens an abgetrennt haben. Nur eine Therapie, die auf Erfahrung basiert, auf der Gehirnentwicklung des Individuums, kann erfolgreich sein. Man muss bei solchen Therapien das gesamte System des Patienten berücksichtigen, so dass das gesamte System gesund werden kann und nicht nur ein Teil davon.

Symptome sind der Ausdruck einer eingeprägten Erinnerung – Erinnerungen an Erfahrungen, die wir in unseren frühesten Momenten machten und die neurochemisch innerhalb unseres Gehirns und Nervensystems verankert wurden. Genau das liegt im Primäruniversum – monumentale Emotionen eingeprägter Erinnerungen, die in die abgelegenen Bereiche des Gehirns abgesondert wurden. Damit ein Patient gesund wird, ist es notwendig, auf diese Erinnerungen auf sichere Weise zuzugreifen, sie ins volle Bewusstsein zu bringen und schließlich zu integrieren. Wenn das geschieht, harmonisiert sich das gesamte System des Individuums, Schlüsselhormone normalisieren sich und das System kommt schließlich wieder in Ordnung. Nachdem eine Verbindung hergestellt worden ist zwischen Gefühlen/Empfindungen und dem Verstand, wird die Wahrnehmung genauer und man erfährt schließlich ein nie zuvor gekanntes Gefühl von Ruhe und Entspannung.

Wir fühlen uns am ganzen Körper besser, nachdem wir die Verbindung zwischen unserem Verstand und unserem eingeprägten Schmerz hergestellt haben, weil man die Spuren eines Traumas in jedem Teil unseres Systems finden kann. Wenn eine wirkliche Verknüpfung mit der Einprägung und ihrem zugehörigen Gefühl oder Empfindung zustande gekommen ist, sehen wir Veränderungen

 

Nachdem eine Verbindung hergestellt worden ist zwischen Gefühlen/Empfindungen und dem Verstand, wird die Wahrnehmung genauer und man erfährt schließlich ein nie zuvor gekanntes Gefühl von Ruhe und Entspannung.

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der Systemwerte in Gehirn, Biochemie, Hormonen und Blut des Patienten. Solche Fortschrittsmessungen sind in der Psychotherapie möglich und müssen diese verschiedenen Systeme einschließen. Jedoch verschreiben Ärzte oft Medikamente als Methode, diese Systeme zu korrigieren. Ärzte bieten Zoloft, Prozac, Wellbutrin, Paxil an – die Liste wächst ständig – um den Patienten zu helfen, dass sie sich besser fühlen, und manchmal tun sie das. Vielleicht hören sie auf, sich zu betrinken oder vollzustopfen, oder vielleicht sind sie dann fähig, sich zu entspannen. Ist das besser? Natürlich, aber der Patient zahlt einen hohen Preis: Die Medikamente verewigen tiefe Verdrängung, indem sie den Spalt zwischen der eingeprägten Erfahrung und dem Verstand weiten und dafür sorgen, dass der Patient weiterhin seiner Gefühle unbewusst bleibt. Das kann möglicherweise später im Leben zu ernster Krankheit führen.

Der Hauptzweck all dieser oben genannten Medikamente besteht darin, Verdrängung zu unterstützen und Gefühle zu blockieren. Der wirkliche Killer der heutigen Zeit ist Verdrängung; viele Krankheiten entwickeln sich auf dieser Grundlage. Wenn es eine Kraft gibt, die Schmerz unterdrückt, tut das System, was es kann, um zurückzuschlagen. (Damals in den 1970ern schrieb der Psychiater John Diamond darüber, dass der Körper nicht lügt.) Die Energie des Schmerzes muss irgendwohin gehen, und sie wandert zu verschiedenen Organen – Nieren, Leber, Herz oder Blutkreislaufsystem. Wir wissen das, weil Symptome verschwinden und Blutdruck und Herzschlag sich normalisieren, nachdem ein Patient wesentliche frühe Traumen wiedererlebt hat. Die meisten unserer Patienten haben anfangs hohe Stresshormon-Spiegel, und wir wissen, dass langfristig erhöhte Stresshormon-Spiegel zu einer Reihe von Krankheiten führen können,  nicht zuletzt vielleicht zu Alzheimer. Im Klartext: Wenn der real existierende Schmerz nach oben und nach vorne wandern und eine Verknüpfung herstellen würde, würde die Energie nicht zu verschiedenen Organen – zu den anfälligsten – wandern. Aber wenn es keine Verknüpfung gibt, wird lediglich der Energie-Anteil des Feelings freigesetzt und schlängelt sich im System hierhin und dorthin. Der Schmerz hat eine Energiequelle, mit der man sich irgendwie befassen muss. Sie treibt uns an; ganz ähnlich einem Motor, der ständig beschleunigt. Wie ich anderswo erörtere, verringern hohe Langzeit-Stresswerte tatsächlich die Größe des Hippocampus – der Sitz des Gedächtnisses – und beeinträchtigen somit die Erinnerung.

Medikamente vertiefen die Trennung zwischen tiefem Schmerz und dem bewussten Verstand. Das ist kein Weg, um Neurose aufzulösen; im Gegenteil, sie verstärken sie, und die sogenannte Besserung ist künstlich. Wir denken, wir fühlen uns besser, aber der Körper kennt die Wahrheit. Und die Probleme dauern an.

Wenn wir das Verständnis des Gehirns und seiner Systeme vernachlässigen, dann ziehen wir vielleicht Schlüsse über unsere Patienten, die in der physischen Realität keine Basis haben. Wenn wir uns lindernde intellektuelle Ansätze zu eigen machen, Therapien, die sich nur mit der obersten Gehirnebene (dem linken präfrontalen Kortex) beschäftigen,

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nehmen wir vielleicht den kochenden und zischenden Schmerzkessel weiter unten nicht wahr. Und dieser Schmerz wird wahrscheinlich weiterhin psychische und physische Probleme verursachen, bis sich die denkende Psyche - der Verstand - mit ihm neurochemisch verbindet.

Medikamente verewigen tiefe Verdrängung, indem sie den Spalt zwischen der eingeprägten Erfahrung und dem Verstand weiten und dafür sorgen, dass der Patient weiterhin seiner Gefühle unbewusst bleibt, was potentiell später im Leben ernste Krankheit verursachen kann.

Ich schlage für das Feld der Psychologie einen radikalen Paradigmenwechsel vor, basierend auf einem neuen theoretischen Gefüge, das spezifische Techniken verwendet, um Zugang zu den tiefsten Gehirnebenen zu erlangen, so dass wir die Systeme des Gehirns befreien können und ihm gestatten, auf normalem Niveau zu funktionieren. Dazu aber müssen wir verstehen, wie die Struktur des Gehirns und seine organische Funktion unsere gesamte Gesundheit beeinflusst. Zum Beispiel wissen wir, dass das rechte Gehirn – wo das Fühlen vorherrscht – sich vor dem linken - wo das Denken vorherrscht - entwickelt und starken Einflüssen ausgesetzt ist. Effektive Psychotherapie verbindet offensichtlich die zwei Seiten und integriert sie. Das ist die Bedeutung von Integration, von „alle beisammen“ zu haben. Es bedeutet, ganz zu sein; denken, was wir fühlen, und fühlen, was wir denken. Es bedeutet das Ende der Heuchelei.

Wir werden entdecken, wie wichtig die Verknüpfung zwischen dem rechten und linken Gehirn in jeder wirkungsvollen Psychotherapie ist. Wir werden über den vorderen Teil des präfrontalen Kortex lernen und über seine Rolle bei der Verbindung von Gedanke und Gefühl, und wir werden sehen, wie Erinnerung in unserem System eingeprägt und aufbewahrt wird.

Uns sind zum Beispiel Grenzen gesetzt, wenn wir von einem rein intellektuellen Standpunkt zu verstehen versuchen, wie sich das Geburtstrauma auf die Gesundheit eines Patienten auswirkt. Wenn wir aber die Sprache des Hirnstamms verstehen, welcher der tiefste Kanal des Zentralnervensystems ist, können wir tatsächlich lernen, was während Schwangerschaft und Geburt geschah. Wenn wir den Patienten führen können, während er der Spur folgt, die von seinem bewussten Verstand hinab zu den tiefsten Ebenen seines Gehirns führt, um sich mit einer eingeprägten Erinnerung zu verbinden und seine Erfahrung im Mutterleib „wiederzuerleben,“ können wir für eine effektive Behandlung sorgen, die eine ganze Litanei von Gesundheitsproblemen lindert.

Eine Patientin kam zu uns mit chronisch hohem Blutdruck. Immer wieder erlebte sie das Geburtstrauma; sie kämpfte um herauszukommen,

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verbrauchte ihre gesamte Energie in dem Kampf. Der Prototyp für hohen Blutdruck hatte sich zu jener Zeit festgesetzt. Ihr Blutdruck verringerte sich nicht, als sie viele spätere Kindheitsgefühle über Vernachlässigung wiedererlebte. Nach sechs Monaten in der Therapie fiel ihr Blutdruck schließlich von 180 zu 110 auf 135 zu 90. Für sie war Primärtherapie lebensrettend.

Seit mehr als drei Jahrzehnten, in denen wir Primärtherapie praktizieren, sehen wir, dass eine Heilung für Neurose oder sogar ernsthafte psychische Krankheit durch eine sorgfältig geplante Therapie erreicht werden kann, die auf neurowissenschaftlicher Forschung und jahrelanger Erfahrung gründet. Der systematische Prozess befähigt einen Patienten, die Geschichte bewusst wiederzuerleben, indem er sich neurophysiologisch mit vergangenen Traumen verbindet. Es bedeutet, dass der Patient drei Wochen lang die ungeteilte Aufmerksamkeit des Therapeuten hat und täglich gesehen wird. Es bedeutet einen schalldichten Raum mit gedämpftem Licht und ruhiger Umgebung. Es bedeutet keine Unterbrechungen durch Telefone oder Sekretärinnen. Der Patient ist voll und ganz der Mittelpunkt. Danach gibt es Gruppen und fortgesetzte Einzelsitzungen, wenn auch nicht jeden Tag. Alle Patienten werden dem Personal vorgestellt und der Behandlungsplan wird diskutiert, so dass alle Therapeuten in der Gruppentherapie wissen, wie sie an die Person herangehen müssen.

Ein Trauma graviert sich in einen Menschen nicht unbedingt in einem einzigen großen, dramatischen Augenblick ein. Es kann durch einfache Vernachlässigung verursacht werden, die einem über viele Jahre Tag für Tag am Lebensanfang zugefügt wird. Das Baby, das nicht aufgenommen wird, wenn es das braucht, leidet. Wenn dieses Leiden über lange Zeit andauert, wird es zu einem Trauma und prägt sich neurochemisch ins Gehirn ein.

Wenn das Trauma früh im Leben geschieht, ist das Nervensystem noch nicht voll entwickelt, und es kann nur eine begrenzte Menge an Stress verarbeiten, bevor es zu einer Schmerzüberlastung kommt. Diese Überlastung wird vom Körpersystem nicht ignoriert; stattdessen wird sie im Gehirn neurochemisch gespeichert und als eingeprägte Erinnerung aufbewahrt. Später kann diese Erinnerung Ursache für ein Verhalten sein, das ein Selbstbild reflektiert wie: „Sie kümmern sich nicht um mich. Was stimmt mit mir nicht?“ Es wird im Jargon unserer Zeit zu einem Mangel an Selbstachtung. Schlimmstenfalls kann eingeprägte Erinnerung Depression, Angst oder hohen Blutdruck verursachen und ebenso die verschiedensten psychischen und körperlichen Krankheiten.

Es ist wichtig, dass Psychotherapeuten sich auf geordnete Weise mit der Geschichte eines Patienten befassen, dass sie nach und nach Schmerz aufdecken, der als eingeprägte Erinnerung gespeichert wird. In der Primärtherapie fangen wir mit den jüngsten, weniger schmerzvollen Erinnerungen an und machen weiter mit den entfernteren und extremen frühen Traumen, bahnen uns mit der Zeit langsam und methodisch den Weg zu den tiefsten Gehirnebenen.

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Nichts ist so einfach, wie unsere Gefühle zu fühlen, nichts so klärend wie diese Erfahrung und nichts so erleichternd, wie endlich ein vereintes System – Gehirn und Körper - zu haben.

 

Nichts ist so einfach, wie unsere Gefühle zu fühlen, nichts so klärend wie diese Erfahrung und nichts so erleichternd, wie endlich ein vereintes System – Gehirn und Körper - zu haben.


Ein weitverbreiteter Mythos besagt, dass es gefährlich sei, die Psyche aufzuschließen. Diese Überzeugung ist seit den Mahnungen Freuds tief in uns verwurzelt. Ich habe im Gegenteil herausgefunden, dass ein sanftes, systematisches Öffnen der Psyche , das zu allen Ebenen der Gehirnfunktion Zugang hat, die einzige Möglichkeit ist, eingravierte Verhaltensmuster und andauernde unerklärliche Symptome zu beseitigen.

 

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KAPITEL 2   

 WIE LIEBE DAS GESUNDE GEHIRN FORMT 

Unsere Entwicklung lässt sich am besten als Umwandlung des Äußeren zum Inneren verstehen. Wir verinnerlichen unsere Außenwelt-Erfahrungen schon von Anfang an, und unsere Neurophysiologie wird in diesem Prozess neu gestaltet – unsere Erfahrungen werden buchstäblich ein Teil von uns. Wenn wir früh im Leben Liebe erhalten oder ihr Fehlen erfahren, verändert dies dauerhaft das Gehirn. Wenn die Außenwelt hart und lieblos ist, wird das - auch im Mutterleib - verinnerlicht, und diese Umgebung formt das Gehirn.

Frühe Liebe oder deren Mangel hat auf unsere physiologische Entwicklung tiefgreifende Auswirkungen. Wenn wir früh in unserer Entwicklung Liebe bekommen, funktioniert unser Gehirn und Körper auf optimalem Niveau. Das Maß an Liebe, das wir in der frühen Kindheit bekommen, kann bestimmen, wie gut wir mit anderen auskommen, ob wir fähig sind, Liebe zu geben und zu empfangen, wie stabil unsere Beziehungen sein werden, wie intuitiv und empathisch wir sind, wie gut wir lernen und wie gesund wir sein werden. In der Tat verweist man oft auf Oxytozin und Vasopressin als die Liebeshormone, und niedrige Messwerte dieser Substanzen können sehr wohl einen Mangel an Liebe und Aufmerksamkeit früh im Leben anzeigen. Veränderungen bei diesen zwei Hormonen im Erwachsenenalter können uns viel über frühe Verlassenheit sagen. Sie können auch anzeigen, wie sehr wir später in der Lage sind, eine liebevolle Beziehung aufrecht zu erhalten. Die Einprägung von Entfremdung und Anomie bestimmt vielleicht, wie nahe wir anderen sein können. (Eine vollständige Diskussion dieser Hormone erfolgt in Kapitel 4).

Die Persönlichkeit entwickelt sich anders, wenn Liebe fehlt, und ebenso die Physiologie und Lebensweise eines Menschen. Ein Mangel an Liebe bedingt, wie wir über die Welt und uns selbst denken und wie wir fühlen oder nicht fühlen. Er bestimmt, wieviel Schaden die Gefühlsstrukturen  vielleicht zu erleiden hatten.Wem diese Schädigung widerfuhr, der wird nicht seine volle

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Konzentrationskraft haben, keine intellektuelle Ausdauer und kein anhaltendes Interesse. Er oder sie wird nicht so gut lernen wie andere, und das wird ein Leben lang große Auswirkungen haben. Ein Mangel an Liebe wird auch die Produktion der meisten Schlüsselhormone verändern und den Betroffenen lebenslang einen höheren Stresspegel bescheren. Dieser Mangel kann sich darauf auswirken, an welchen Krankheiten die Leute später im Leben leiden, und vor allem, wie lange sie leben.

Nach Allan Schore, Professor der Neuropsychologie an der UCLA, downloadt die Mutter während der Schwangerschaft und in den ersten entscheidenden Lebensmonaten eines Babys ihr limbisches System auf das des Babys. Gefühle der Mutter formen die Gefühlszentren des Babygehirns und schaffen eine Art von Symphonie oder Synchronität. Stimmungsmuster und –rythmen der Mutter, jedes hormonelle Ungleichgewicht, das ihr vielleicht zueigen ist, ebenso übermäßige Erregung oder Depression werden vom limbischen Bereich des Fetus/Kleinkinds erlebt und integriert. Der Download formt die Matrix für die Physiologie und Gehirnentwicklung des Kindes.

Wenn wir ein gesundes, integriertes Gehirn erhalten wollen, womit fangen wir an? Wir beginnen mit Liebe -  Liebe im umfassendsten, weitesten Sinn des Wortes. Liebe ist das einzige und wichtigste Merkmal, das entscheidet, wie sich das Gehirn entwickelt. Sie bestimmt, wie erfolgreich zwischen Schlüsselzentren im Gehirn Verbindungen hergestellt werden und sie hat Einfluß darauf, wieviel Zugang wir in unserem ganzen Leben zu unseren Gefühlen haben werden.

Ein Kind zu lieben bedeutet, seine Bedürfnisse zu erfüllen. Ein Baby hat Bedürfnisse im Mutterleib, bei der Geburt und danach. Das bedeutet, das Kind zu umhegen und dem Baby von der Empfängnis an und besonders während der Schwangerschaft und in den ersten drei Jahren kein Trauma zuzufügen.

Die Entwicklung eines Babys im Mutterleib ist entscheidend, weil das Baby kritische Entwicklungs-Perioden durchläuft. Die Sollwerte für viele physiologische Funktionen werden in den ersten Monaten der Schwangerschaft festgelegt. Liebe zwischen Mutter und Kind drückt sich auf vielfältige Weise aus, einschließlich der Erfüllung der physiologischen Bedürfnisse des Babys wie seines Bedürfnisses nach Sauerstoff und geeigneten Nährstoffen während der Schwangerschaft. Eine liebevolle Mutter wird sich keiner drastischen Diät unterziehen, nur um ihre Figur zu halten, während sie schwanger ist, noch würde sie Alkohol trinken oder rauchen, da sie weiß, dass dies für den Fetus schädlich ist. Sie wird ihr System  - und das ihres Babys - nicht aufputschen, indem sie Koffein in Softdrinks oder Kaffee einnimmt, ganz zu schweigen, dass sie Diätpillen oder Kokain nähme.

Mit Liebe zu gebären bedeutet, dass die Mutter ein Anästhetikum zur Linderung ihrer eigenen Schmerzen meiden wird, weil sie weiß, dass es dem Baby den Sauerstoff entziehen wird und viele Systeme des Babys verschließen oder stilllegen wird. Weil die Geburt oft

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eine Sache auf Leben und Tod ist, prägt sich ein hier zugefügtes Trauma ein und kann ein Leben lang fortdauern. Um ihr Baby nach der Geburt zu lieben, muss eine Mutter es eng bei sich halten und es stillen, so dass sie und ihr Kind eine starke Bindung entwickeln können.

Weit darüber hinaus bedeutet wirkliche Liebe, dass das Baby Nähe zu beiden Eltern erfahren wird und viel warmherzigen körperlichen Kontakt bekommt wie Umarmen, Herzen und Küssen. Zusätzlich dazu, dass man ein kleines Kind umarmt und zärtlich zu ihm ist, bedeutet „lieben,“ dass man es mit liebevollen Augen anschaut, auf seine Stimmungen achtet, ihm zuhört, sich um es kümmert und es beruhigt. Es bedeutet, empathisch zu sein, zu spüren, was das Kind braucht, wenn es Aufmerksamkeit verlangt und auch wenn es das nicht tut, obgleich einige Kinder viel zu viel geherzt, geküsst und geknutscht werden – aus den Bedürfnissen der Eltern heraus und nicht aus denen des Kindes. Liebe bedeutet Ermunterung, Lob - und den Ausdruck von Gefühlen zuzulassen. Es bedeutet Führung und Schutz, um dem Kind zu helfen, dass es sich zu allen Zeiten sicher fühlt.

Wenn das Gehirn reift, entwickeln wir andere Bedürfnisse – wie das Bedürfnis nach intellektueller Stimulierung, Lob und Diskussion – von Seiten unserer Mütter und Väter. Zusammengefasst haben wir körperliche, emotionale und intellektuelle Bedürfnisse, und wir leiden, wenn sie nicht befriedigt werden.

Je mehr diese Bedürfnisse befriedigt werden, umso gesünder wird die Gehirnentwicklung sein, die somit ein gesünderes und glücklicheres Baby produziert. Aber wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden, wenn Liebe fehlt, hat das unmittelbare und dauerhafte Folgen. Wenn eine Mutter nicht liebevoll ist, nicht emotional sanft und warmherzig ist, wenn sie ihr Baby nicht oft herzt, formt sie im Babygehirn eine andere Art von Gefühlsstruktur. Dies gilt insbesonders für das rechte Gehirn des Babys, wo sich die frühesten eingeprägten Erinnerungen festsetzen (dieses Thema wird in einem späteren Kapitel erörtert). Zum Teil besteht Nicht-Liebe auch darin, dass man mit den Stimmungen des Babys nicht übereinstimmt. Ein kleines Kind ist vielleicht übermütig und verspielt, und die gereizte Mutter befiehlt ihm still zu sein und züchtigt es. Oder das Kind ist traurig, und der Vater sagt ihm, es solle aufhören so mutlos dreinzuschauen und solle sich fröhlich benehmen.

DAS ÄUßERE BESTIMMT ÜBER DAS INNERE

Vom Augenblick der Empfängnis an besteht die treibende Kraft in menschlichem Verhalten darin, Schmerz zu minimieren und Wohlbefinden zu maximieren. Zu diesem Zweck haben wir ein ausgefeiltes Schmerztötungs- System, das von Neurotransmittern vermittelt wird, die in die Synapsen zwischen Neuronen eintreten, um die Übertragung der Leidensbotschaft zu höheren Zentren zu blockieren. Unsere Fähigkeit, uns behaglich zu fühlen, hängt von einem optimalen Spiegel des hemmenden Neurotransmitters Serotonin ab und von den Endorphinen, intern produzierten Morphinen des Gehirns und Körpers. Frühe

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Liebe normalisiert diesen Spiegel. Ein Gefühl der Ruhe in der Mutter, während sie das Baby austrägt, und intimer, liebevoller Kontakt zwischen Mutter und Kind in den ersten Lebensmonaten geben dem Baby ein stärkeres Gehirn.

 

Der Seinszustand der Mutter während der Schwangerschaft, ob sie ruhig oder ängstlich, glücklich oder deprimiert ist, ob sie das Baby will oder nicht, beeinflusst den Hormonausstoß, der sich auf die Entwicklung des Babygehirns auswirkt.

 

Liebe reguliert das Opiatrezeptor-System auf solche Weise, dass eine optimale Menge an Endorphinen im System der Mutter dafür sorgt, dass sie sich wohl fühlt, und ihr erlaubt, mit Schmerz jederzeit leichter fertig zu werden. Man könnte das als höhere Schmerzschwelle bezeichnen, was nur bedeutet, dass Verdrängung im gesunden Menschen wirkungsvoller ist. Diese vermehrte Produktion an Endorphinen verleiht dem Kind eine stärkere Fähigkeit, Zufriedenheit und Freude zu empfinden. Das bedeutet auch einen besseren Umgang mit Stress und Widerwärtigkeit auf seinem Lebensweg. Als weiblicher Erwachsener hat das Kind eine Ruhe, die sich auf ihr eigenes Baby überträgt, und die Fähigkeit, auf die Erfahrungswelt des Babys einzugehen. Sie ist auch in der Lage daür zu sorgen, dass sich ihre eigenen Kinder wohl fühlen, wodurch sie sie befähigt, mit Stress fertig zu werden ohne überwältigt zu werden.

Eine Mutter, die zu uns kam, zog ein „Primal Baby“ groß, ein total geliebtes Kind. Das Kind hatte nie Angst vor neuen Erfahrungen noch davor, die Schule zu wechseln oder neue Freunde zu gewinnen oder davor, etwas Neues zu erlernen. Es funktionierte mit seinem ganzen Selbst, und das bedeutet Zugang zu seinen Gefühlen.Weil es nicht die ganze Zeit von innerem Druck überwältigt war, konnte es ein hohes Maß an Stimulation bewältigen. Ein Mensch unter Schmerz ist bereits von innerem Input überwältigt, so dass der geringste zusätzliche Druck zuviel wird. Er scheint unter der Gesamtlast zusammenzubrechen.

Der Seinszustand der Mutter während der Schwangerschaft, ob sie ruhig oder ängstlich, glücklich oder deprimiert ist, ob sie das Baby will oder nicht, beeinflusst den Hormonausstoß, der sich auf die Entwicklung des Babygehirns auswirkt. Immer mehr wissenschaftliche Forschungen bestätigen, dass Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft stressreichen Bedingungen ausgeliefert waren, „eine größere Empfänglichkeit zeigen für ein weites Spektrum von Gesundheitssproblemen einschließlich Diabetes, Fettleibigkeit, hohem Blutdruck und Herzkrankheit.“ 1  Ein Bericht in der Science News vom Oktober 2004 vermerkte Folgendes: „Eine Kindheit voller psychischer oder physischer Härten trägt zum Risiko einer Person bei, Herzkrankheiten zu entwickeln.“ 2  Forscher

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aus Atlanta und San Diego sahen sich die Aufzeichnungen von mehr als 17.000 Erwachsenen an, um die Risikofaktoren für eine Herzerkrankung zu identifizieren. Je mehr Probleme es in der Kindheit gab, umso wahrscheinlicher waren später Herzkrankheiten. Worauf die Forscher nicht achteten, war, wie früh diese Risikofaktoren eintreten könnten. Ein hohes Maß an Angst in der Mutter wird zum Stress für den Fetus beitragen. Eine unruhige schwangere Mutter – die auf ihre Außenwelt reagiert – wühlt den Metabolismus ihres Fetus auf, der auch auf seine Umwelt reagiert. Wenn die Unruhe der Mutter lange genug fortdauert, wird sie im Fetus zu einem permanenten Zustand, und sie wird ihr Kind ein Leben lang verändern. Die Unruhe der Mutter wird den Fetus überstimulieren, sein Nervensystem beeinträchtigen und ein Kind schaffen, dem ein hohes Maß an Stimulierung eingeprägt ist, so dass es sich von jeder Kleinigkeit überwältigt fühlen könnte, die im Leben geschieht. Als weibliche Erwachsene könnte es auf die Bitte des Ehemanns, das Salz auf den Tisch zu stellen, mit einem zornigen „Erwartest du wirklich, dass ich alles mache? Hol’s dir selbst!“ reagieren.

Das Aüßere bestimmt über das Innere. Für den Fetus ist der Mutterleib die äußere Welt. Eine Mutterleib-Umwelt, die den Fetus in einem Alarmzustand hält, wird schließlich Teil des Babys, das zu einem aggressiveren, hyperaktiven Kind wird, das nicht still sitzen oder sich nicht konzentrieren kann. Es wird hyperwachsam aufwachsen. Das mag nützlich sein, wenn es zu einem Hollywood-Agenten oder verdeckten Ermittler wird, ist aber schlecht für seine Lebensdauer. Wenn die austragende Mutter umgekehrt für längere Zeit deprimiert ist, geht ihr Baby in den „Down“-Modus.

Ein weitverbreiteter Mythos besagt, dass es gefährlich sei, die Psyche aufzuschließen. Diese Überzeugung ist seit den Mahnungen Freuds tief in uns verwurzelt. Ich habe im Gegenteil herausgefunden, dass das Öffnen der Psyche auf sanfte, systematische Art – auf eine Art, die zu allen Ebenen der Gehirnfunktion Zugang verschafft – die einzige Möglichkeit ist, eingravierte Verhaltensmuster und andauernde unerklärliche Symptome zu beseitigen. Es ist in der Tat eigenartig, dass die moderne Psychotherapie noch immer die uralte religiöse Auffassung billigt, dass wir von Dämonen bewohnt werden, denen man sich nicht nähern darf. Es ist reiner Mystizismus zu denken, dass das Unbewusste voller phantasmagorischer Wesen steckt, dunkle, unheilvolle  Mächte, die man um jeden Preis meiden sollte. Nichts davon ist wahr. Wir haben unsere Patienten zu den tiefsten Tiefen des Unbewussten geführt und keine mystischen Dämonen gefunden. Erinnerungen sind alles, was wir finden, Erinnerungen unseres Lebens. Schmerzvolle, magenverdrehende Erinnerungen, aber Erinnerungen, mit denen wir leben können.

Ich bezeichne den Prozess der Verknüpfung mit eingeprägten Erinnerungen als „Wiedererleben“ und/oder als „Primal.“ Ohne Wiedererleben fügt der Teil der Erinnerung, der zur Zeit, als das Trauma geschah, nicht integriert werden konnte, unserem System ständigen Schaden zu.

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Aber wir können das erst machen, wenn wir älter, stärker und reifer sind. Als Erwachsene sind wir stark genug, unserem Schmerz gegenüberzutreten.

Trotz einer Überfülle verschiedener therapeutischer Methoden habe ich keinen anderen Ausweg aus der Neurose gefunden als den durch die Verknüpfung – von den unteren Bewusstseinsebenen zu den höheren und vom rechten präfrontalen Gehirn zum linken; all das bedeutet Wiedererleben von Schmerz . Nichts ist so einfach wie unsere Gefühle zu fühlen; nichts so klärend wie diese spezielle Erfahrung und nichts so erleichternd wie endlich ein vereintes System – Gehirn und Körper - zu haben. Indem wir uns zum Beispiel ungeliebt fühlen, lassen wir zu, dass wir wieder Liebe fühlen. Es bedeutet, dass wir endlich fühlen, wirklich fühlen können.

Depression  kann eine niedrige Dopaminmenge im Fetus bedeuten; das wiederum kann später eine Persönlichkeit bestimmen, die phlegmatisch, passiv und nicht-aggressiv ist. Wenn die Mutter einen Cocktail trinkt, wird das Baby davon benommen und betrunken. Wenn sie raucht, erstickt das Baby. Das kann alles dauerhaft werden, da verschiedene Sollwerte ins Nervensystem des Babys eingeprägt werden. Denken Sie daran, dass ein niedriger Dopaminspiegel zur Abhängigkeit von solchen Drogen führen kann, die ihn hochtreiben; zum Beispiel Kokain. Kurz gesagt kann die emotionale Fähigkeit und das physiologische System einer Person zu der Zeit bereits beeinträchtigt sein, wenn sie ins Leben tritt, noch bevor sie Emotionen voll verarbeiten kann.

Wenn es ganz am Anfang des Lebens an mütterlicher Liebe fehlt, wird das Gehirn des Babys weniger hemmende Substanzen produzieren, die dafür verantwortlich sind, Schmerz zurückzuhalten. Wenn ein Säugling nicht gefüttert wird, wenn er es braucht sondern wenn es einer Mutter passt, leidet er. Wenn ein Kleinkind nicht die Nähe, Umarmungen und Küsse bekommt, die es von Mutter und Vater braucht, leidet es. Leiden in jemand anderen zu erzeugen ist kein Ausdruck von Liebe. Die Versagung kindlicher Bedürfnisse geschieht oft unbewusst, wenn man zum Beispiel sagt: „Du weißt, ich liebe dich, aber ich bin einfach nicht gefühlvoll.“  Eltern wollen vielleicht, dass das Kind versteht, warum er oder sie es nicht lieben kann, aber alles, was sein unbewusstes System weiß, ist, dass es an seinen unbefriedigten Bedürfnissen leidet. Ich habe keine experimentellen Beweise gefunden, die genau indizieren, was bei frühem Schmerz in Bezug auf die Serotoninproduktion geschieht, aber es scheint logisch, dass großer Schmerz zuerst einen sprunghaften Anstieg des Seroronin-Ausstoßes verursacht, dem eine schnelle Erschöpfung folgt. Es ist, als sei die Schmerzmenge von der Art, dass die Produktion nicht aufrecht erhalten werden kann, und dann kommt es zur Erschöpfung. Zum Beispiel hat man herausgefunden, dass bei chronischer Depression die Serotoninspiegel niedrig sind. In gewisser Hinsicht gleicht es dem, was im Blutsystem geschieht, wenn frühe Einprägungen zuerst Konstriktion verursachen, der eine Vasodilatation folgt, welche die Blutgefäße erweitert.

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Wenn man am Lebensanfang Liebe bekommt, fördert es die Entwicklung eines umfassenden Dendriten-Netzwerks – die Teile von Nervenzellen, die Information von anderen Zellen erhalten. Neuronen „sprechen“ miteinander über dieses weite Netz zweigähnlicher Dendriten-Verknüpfungen. Je mehr Dendriten wir besitzen, umso besser können unsere Zellen kommunizieren. Das kann vermehrten Zugang zu unseren Gefühlen bedeuten, weil wir buchstäblich mehr Kommunikationsleitungen zur Verfügung haben.

Genau wie positive Erfahrungen früh im Leben Neuronen dazu stimulieren können, neue Synapsen und Dendriten zu entwickeln, die vielfältigere Verbindungen mit anderen Neuronen ermöglichen, werden wir unter Bedingungen, in denen ein früher Liebesmangel gegeben ist, vieler dieser Synapsen beraubt, die wir brauchen, um Fühlen mit dem vollen Bewusstsein zu vereinen. Wir spielen ganz einfach nicht mit allen unseren Murmeln. Wir denken vielleicht, dass ein Geschwister in der Kindheit aufgrund der Gene psychisch stärker sei als das andere, aber es kann durchaus auf die Schwangerschaft zurückzuführen sein, die dem Gehirn des einen Kindes bessere und stärkere neurale Verbindungen als dem anderen brachte. Die Mutter war vielleicht während einer Schwangerschaft ruhiger als während der anderen.

Eine Studie, die in der Oktober-2004-Ausgabe der Science News diskutiert wurde, verglich zwei Gruppen von Mäusen. Eine Gruppe war normal; bei der anderen war ein Gen für Serotonin-Sekretion ausgeschaltet. Sie wurden dann im Alter von 4 Tagen bis 21 Tagen (entspricht dem Alter vom dritten Schwangerschafts-Trimester bis zum Alter von 8 Jahren) mit dem Äquivalent von Prozac (Serotonin-Verstärker) behandelt. Als die Mäuse größer geworden waren, setzte man sie unter Stress (Fuß-Schocks). Die Mäuse, die früh im Leben „Prozac“ bekommen hatten, legten Angst und Depression an den Tag, zeigten weniger Interesse, ihre Umwelt zu erforschen, und brauchten länger, um die Fuß-Schocks zu meiden. Was die Studie erklärte, war, dass Serotonin eine Kardinalrolle bei der normalen Gehirnentwicklung spielt, und wenn wir den Serotonin-Ausstoß am Lebensanfang stören, könnte das später permanente Auswirkungen auf unsere Stimmungen und deren Kontrolle haben.3 Ich meine, dass ein Trauma – auch im Mutterleib – genau das tun kann – jemanden später für Angst und/oder Depression anfällig machen.

Liebe ist besonders für die Entwicklung des präfrontalen Kortex wichtig (die Gehirnsektion, die hinter der Stirn und  den Augenhöhlen liegt), wo wir uns mit unseren Gefühlen verbinden, sie kontrollieren und integrieren können). Mit Liebe entwickeln wir eine größere Zahl von Neuronen, Schlüssel-Nervenzellen, die Information übersetzen und übertragen. Das Wachstum der Synapsen, die für die wechselseitige Verknüpfung zwischen Neuronen sorgen, gedeiht und hinterlässt ein stärkeres Gehirn, vor allem im präfrontalen Kortex/im Kontrollzentrum. Ein Trauma im Mutterleib kann die gesunde Entwicklung dieses Areals schwächen, so dass das Baby

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mit weniger Neuronen geboren wird. Es kann die Entwicklung des präfrontalen Kortex schwächen, was später im Leben in einer Anfälligkeit für Probleme resultiert, die mit Impulskontrolle zu tun haben. Wir können das bei einem Menschen sehen, der nicht warten oder Impulse nicht kontrollieren kann. Das Ergebnis kann Bettnässen bei einem Kind oder vorzeitige Ejakulation bei einem Erwachsenen sein. Es kann zu einer Person führen, die Schwierigkeiten hat sich zu konzentrieren.

Ist der Kortex einmal geschwächt und besitzt er weniger Dendriten, um andere neuronale Nachrichten zu empfangen, und weniger Synapsen, um die Nachricht an andere Neuronen weiterzugeben, wird er im Erwachsenenalter nicht aufblühen. Und Gehirn-Scans bestätigen das. Zum Beispiel gibt es bei bestimmten impulsiven Zuständen weniger Aktivität im präfrontalen Bereich. Kriminelle, die von ihren Impulsen beherrscht werden, haben eine stärkere Tendenz zu impulsivem Verhalten. Daniel Amen, ein Gehirnspezialist, hat SPECT-Scans (Gehirn-Scans) bei Individuen mit den verschiedensten psychologischen Zuständen gemacht. Er fand, dass bei Aufmerksamkeitsmangel-Störungen, wenn der Versuchsperson eine Aufgabe gestellt wird, die Konzentration verlangt, Gehirnenergie sich nach hinten verlagert anstatt zum frontalen Kortex zu wandern, wo sie sein sollte. Das Gehirn ist vorne mangelhaft ausgebildet, wie ich glaube, aufgrund eines frühen Traumas oder toxischer Angriffe, so dass es nicht die notwendige Ausstattung hat für angemessene Konzentration: weder die Verbindungsspalte zwischen Neuronen noch die tatsächlichen Gehirnzellen, um abstraktes Denken zu verarbeiten. Es hat nicht alle seine Murmeln und kann nicht leisten, was andere Gehirne leisten können. Wir können uns nicht leisten, das alles zu übersehen, wenn wir Patienten in der Psychotherapie behandeln. Vielleicht versuchen wir, ein Gehirn zu zwingen, etwas zu leisten, was es neurologisch nicht leisten kann.

KRITISCHE PERIODEN: IST ES JE ZU SPÄT FÜR LIEBE?

Kritische Perioden sind die Zeiten, wenn die Bedürfnisse nach Liebe ihr Maximum erreicht haben und erfüllt werden müssen. Der Schmerz, der ins System eingraviert wird, wenn Bedürfnisse in einer kritischen Periode unbefriedigt bleiben, bleibt ein Leben lang. Es gibt keinen Ersatz, der den Schaden repariert – keine Liebe oder Fürsorglichkeit später im Leben, keinen Erfolg, keine durch Therapie erlangte „Bewusstheit“, keine Drogen oder Alkohol, keinen Glauben an Gott.

Der einzige Weg, den Schaden ungeschehen zu machen, besteht darin, Zugang zu finden zu den neuralen Verknüpfungen, die zur Zeit des ursprünglichen Schmerzes und Traumas festgelegt wurden, so dass man sie modifizieren kann. Weil diese neuralen Verknüpfungen primitive Gehirnregionen einschließlich dieser zugrunde liegenden basalen Emotionen und Überlebensfunktionen einbeziehen, wird ein zerebrales Gespräch darüber, was in der Vergangenheit geschah, wenig Wirkung haben. Stattdessen müssen wir zulassen, dass wir diese frühen schmerzvollen, traumatischen Erfahrungen als Erwachsene, die diese Feelings ertragen können, voll erleben oder vielmehr wiedererleben. Genau das bietet Primärtherapie an.

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Obwohl es zecklos ist, einem sechs Monate alten Säugling eine Extra-Dosis Sauerstoff zu geben, weil er im Mutterleib zu wenig davon bekam, könnte es in der Tat eine Lösug geben. Jedes ernsthafte Trauma während Schwangerschaft oder Geburt wird zu einer Einprägung und besteht vielleicht ein Leben lang fort. Aber wir haben jetzt die Techniken, um in die Geschichte zurückzugehen und die Auswrkungen ungeschehen zu machen. Zum Beispiel können wir zu dem Zeitpunkt zurückgehen, als ein Patient als Neugeborenes während der Geburt unter Sauerstoffmangel litt. Der Patient wird rot anlaufen, weil es ihm in diesem Augenblick an Sauerstoff fehlt, eine Empfindung, die sein Gehirn als Erinnerung gespeichert hat. (Unsere auf Seite 63 erörterte Forschung am UCLA-Lungen- Laboratorium bestätigt das). Weil der Sauerstoffmangel das System in Schieflage brachte, kann das Wiedererleben das Trauma jetzt auflösen und die Abweichungen rückgängig machen, die durch die ursprüngliche Erfahrung ( bewirkt oft Atemprobleme oder Kurzatmigkeit) verursacht wurden. Wir haben alle Kinder gesehen, die unter Stress ihren Atem übertrieben lange anhalten, was oft ein Indikator für Sauerstoff-Entzug bei der Geburt ist.

Die gesunde Entwicklung der Neuronen während des letzten Schwangerschaftsdrittels ist besonders entscheidend, denn wenn in dieser Zeit ein Trauma geschieht, kann sich das in der Entwicklung befindliche Gehirn fürs ganze Leben ändern. Wenn das Neugeborene in den ersten Stunden oder Tagen nach der Geburt nicht berührt wird, kann das Terror und Einsamkeit einprägen, die lebenslang in ihm bleiben.

Mehrere Untersuchungen haben einen Zusammenhang gefunden zwischen dem Pflegevehalten der Mutter und der zukünftigen psychischen Gesundheit ihrer Kinder. Jüngste von Michael Meaney, einem Medizin-Professor an der Mc Gill University in Montreal, Kanada, durchgeführte Tierexperimente, über die Emma Ross berichtet, enthüllten, dass die Art, wie eine Mutter für ihr Baby sorgt, bestimmen kann, wie gestresst das Kind als Erwachsener sein wird; ihre Pflege kann dauerhaft die Art und Weise verändern, wie die Gene des Kleinkinds wirksam werden.4

Meaney machte sich daran zu prüfen, ob Rattenbabys, die mehr geleckt werden, sich als von denen verschieden erweisen, die weniger geleckt und gestreichelt werden, und wenn ja, warum. Diese Studien über den Ursprung von Krankheit bei Erwachsenen testete exakt, ob es wirklich das Verhalten der Mutter ist, das den Unterschied macht, und zeigte, was im Gehirn des Nachwuchses geschieht, um die charakteristischen Merkmale beim Erwachsenen zu erzeugen. Meaney und sein Forschungsteam fand, dass sich Rattenbabys, die von ihren Müttern häufig geleckt wurden, als weniger ängstlich und furchtsam erwiesen, wenn sie ausgewachsen waren, und geringere Mengen an Stresshormonen produzierten als solche, die weniger gestreichelt wurden. „Alle Mütter nähren und pflegen ihre Jungen, geben reichlich Milch, und die Jungen gedeihen perfekt,“ sagt Meaney, „aber es gibt ein Verhalten, das man Lecken und Striegeln nennt, das einige Mütter  viel häufiger betreiben als andere – vier oder fünf Mal so oft. Die Jungen, die mehr geleckt werden, sind weniger furchtsam, sie produzieren weniger Stresshormone, wenn sie provoziert werden, und ihr Herzschlag

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erhöht sich nicht so sehr, so dass sie eine maßvollere Stressreaktion haben als die Jungen, die viel weniger geleckt werden.“

Die Wissenschaftler nahmen die Mütter sogar ganz aus dem Bild heraus und streichelten die Rattenbabys mit Pinseln. Meaney behauptet: „Es bewirkt dasselbe wie mütterliches Lecken.“ Die Änderung in der Produktion von Gehirnrezeptoren war in der zweiten Lebenswoche ersichtlich.

„Das ist eine sehr wichtige Studie,“ sagte Peter Blackmann, ein Professor für pädiatrische und pränatale Biologie an der University of Auckland in Neuseeland, der an der Forschung nicht beteiligt war. Er stellte heraus, dass der Ausdruck der Gene bei Säugetieren sich dauerhaft ändern kann durch die Art, wie Mütter und Babys interagieren, und er zeigte, wie das Langzeiteffekte auf Verhalten und psychiatrische Gesundheit haben kann. Würden diese Rattenbabys Wochen später genau so häufig geleckt , wäre die kritische Periode vorbei, und die lebenslangen Wirkungen wären nicht klar ersichtlich.

Die folgenden Bemerkungen sind aus Monkeyluv vom Biologen und Neurowissenschaftler der Stanford Universität Robert M. Sapolsky. Wir sehen in diesem Forschungsbericht über Mäuse, wie früh die kritische Periode eintreten kann. Wie wir sehen werden, sind nicht nur frühe Kindheitserlebnisse fürs spätere Leben wichtig; noch wichtiger sogar ist das fetale Leben. Sapolsky erklärt, dass genetische Einflüsse nicht das Ein und Alles sind, wie wir manchmal glauben. Lebensumstände sind wichtig, aber vorgeburtliche Einflüsse können entscheidend sein.

 

<<Mäuse der entspannten Rasse [von den Genen her], die von Geburt an von Müttern der ängstlichen Rasse großgezogen wurden, wuchsen genauso entspannt auf wie jedes andere Mitglied ihrer Rasse. Mit derselben Art von Technik, die von Kliniken benutzt wird, welche In-vitro-Befruchtung durchführen, kreuzten die Forscher die Mäuse als Embryos. [Ließen sie eine Mäuserasse eine genetische verschiedene Mäuserasse großziehen]. Sie implantierten Eier der entspannten Rasse in Weibchen der ängstlichen Rasse, die sie bis zur Geburt austrugen. Einige Junge der entspannten Rasse wurden von Müttern der ängstlichen Rasse aufgezogen und andere von denen der entspannten Rasse. Das Ergebnis? Wenn die Mäuse, in denen vermeintlich Entspannung genetisch fest verankert war, die fetale Entwicklung und frühe Kindheit mit Müttern der ängstlichen Rasse durchliefen, wurden sie schließlich genauso ängstlich wie alle anderen Mäuse der (genetisch) ängstlichen Rasse. Dieselben Gene, andere Umwelt, anderes Ergebnis.>>5

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Sarpolsky fährt dann fort: „Umwelteinflüsse beginnen nicht bei der Geburt. Bestimmte Faktoren in der Umwelt einer Maus der ängstlichen Rasse während ihrer Schwangerschaft – ihr Stressspiegel.......beeinflussen das Angst-Niveau und die Lernfähigkeiten ihres Nachwuchses auch im Erwachsenenalter.“ Er betont, dass „Mäuse der entspannten Rasse nicht nur wegen ihrer Gene entspannt sind; ihre fetale und neonatale Umwelt ist ein entscheidender Faktor.“ 6

Ich werde diese frühen Einflüsse erörtern, wobei wir wissen sollten, dass es Material aus der Tierforschung gibt, das meinen Standpunkt zu bekräftigen scheint: geburtliche und vorgeburtliche Ereignisse können unser Verhalten als Erwachsene mitbestimmen; und wenn wir diese Einflüsse übersehen, werden wir nicht voll verstehen, wer wir sind und warum wir so sind, wie wir sind. Des Weiteren werden wir nicht wissen, wie wir alle möglichen Probleme, die wir als Erwachsene haben, behandeln und umkehren sollen. Von der Empfängnis an bilden wir eine Suprastruktur. Wir brauchen für diesen Überbau eine solide Grundlage, so dass wir integrierte Erwachsene sein können, die dem Angriff der Elemente trotzen können. Schlussfolgerung: Vererbung ist wichtig, aber Lebenserfahrung – auch im Mutterleib – kann ebenso wichtig sein, wenn nicht wichtiger. Ob wir hohen Blutdruck, Asthma oder Migräne-Kopfschmerzen offenbaren, hängt nicht nur von den Genen ab sondern auch von unseren frühen Erfahrungen. Wenn wir Erfahrungen im Mutterleib ignorieren, lassen wir kritische Momente aus, die uns lebenslang beeinflussen können.

Vielleicht fragen Sie sich: „Können wir wirklich zurückgehen und fetale Ereignisse wiedererleben?“ In der Evolution schließt jede neue Ebene der Gehirnentwicklung niedrigere, frühere Ebenen ein. Der denkende Neokortex ist eine Art von Erweiterung früherer tierischer Gehirnformen. So gibt es bei der Geburt bereits Empfindungen aus der vorgeburtlichen Zeit, die eine Rolle dabei spielen, wie das Neugeborene auf dieses Geburtstrauma reagiert. Wenn ein Patient ein Geburtstrauma wiedererlebt (falls es eines gab), erfährt er oder sie auch Empfindungen (die Basis der Gefühle), die früher geschahen. Wie wir später sehen werden, können wir auf diese Weise vorgeburtliche Ereignisse wiedererleben, ohne uns bewusst zu sein, dass sie aus einer Erfahrung im vielleicht fünften oder sechsten Monat der Schwangerschaft stammen.

Als generelle Regel gilt: Je früher im Leben ein Bedürfnis nicht erfüllt wird, umso zerstörerischer sind die späteren Wirkungen der Deprivation. Je näher an der „kritischen Periode“ ein Trauma stattfindet, umso schädlicher ist es. Eine Möglichkeit, die kritische Periode zu definieren, ist die irreversible Eigenschaft ihrer Wirkungen. Je mehr Zeit verstrichen ist, nachdem eine kritische Periode vorüber ist, umso größer ist die erforderliche Kraft, um eine Prägung/Einprägung zu erzeugen. Es bedarf nach der kritischen Periode eines gewaltigen Traumas, um eine tiefgreifende und lebenslange Wirkung zu erzielen. Warum bleiben Bedürfnisse unbefriedigt? Aus einer ganzen Reihe von Gründen, aber oft trifft zu, dass Eltern so sehr

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in ihren eigenen unbefriedigten Bedürfnissen (mit dem resultierenden Narzissmus) und Schmerzen versunken sind, dass sie sich um ihr Kind einfach nicht kümmern können.

 

Wir haben aus den Feelings unserer Patienten gelernt – und dies wurde durch Messungen der Vitalfunktionen vor und nach jeder Sitzung unterstützt – dass fehlender Körperkontakt im Alter von 7 Jahren niemals demselben Trauma im Alter von 6 Monaten entspricht.  

 

Ein geschiedener Vater, der seine Familie verließ, als die Tochter 6 Jahre und der Sohn 8 Jahre alt war, kam in das Leben der Familie zurück, als die Kinder in ihren späten Teen-Jahren waren. Er hoffte, die verlorene Zeit wieder gut machen zu können. Es sollte nicht sein. Ihre Beziehung hatte einen schweren Riss, ihr Verlustschmerz hatte sich tief eingebrannt. Um über das Hindernis des früheren Schmerzes hinwegzukommen, müssen die Kinder zu der Zeit zurückgehen, als sie verlassen wurden, den Schmerz fühlen, Papi bitten, dass er nicht geht, und an dem Punkt vielleicht können sie dann ihren Vater ein bisschen besser in der Familie akzeptieren.

In der Tat kann jeder tiefe Schmerz und seine Verdrängung das System verschließen, so dass Liebe kaum noch hinein kann. Schmerz ist der Feind, aber Verdrängung ist sowohl Freund (ursprünglich benötigt, um einen beständigen Kurs zu halten) als auch Feind (wenn wir später lieben wollen). Sie entsteht als Handlanger des Schmerzes. Ist der Schmerz erst aufgelöst, gibt es weniger Bedarf nach Verdrängung.

Wir haben aus den Feelings unserer Patienten gelernt – und dies wurde durch Messungen der Vitalfunktionen vor und nach jeder Sitzung unterstützt – dass fehlender Körperkontakt im Alter von 7 Jahren niemals demselben Trauma im Alter von 6 Monaten entspricht. Zum Beispiel kann fehlende körperliche Nähe in den ersten Lebensmonaten nach der Geburt weniger Nervenfasern bedeuten, die die rechte und linke Hemisphäre des Gehirns verbinden, und als Ergebnis mangelhaften Zugang zu Gefühlen. (Siehe Kapitel 3 für ausführlichere Information). Fehlender enger Kontakt nach dem Alter von 5 Jahren hätte nicht den gleichen Effekt.

Wenn wir ein siebenjähriges Kind nicht liebkosen, hat dies keine verheerenden Konsequenzen, und es geschehen keine kritischen Veränderungen an Gehirnstrukturen. Das Kind leidet, aber sein Hirnsystem als Ganzes ändert sich nicht. Es ist eine schmerzvolle Erinnerung, aber es ist keine Einprägung der gleichen Art, als geschähe es während der kritischen Periode.Traumen in der Adoleszenz sind immer noch schmerzvoll, aber nicht so schmerzvoll wie frühere Deprivation. In der Tat ist der spätere Schmerz gewöhnlich ein Ergebnis dessen , dass er Gefühle auslöst, die mit dem früheren Schmerz verbunden sind, obwohl wir uns dessen völlig unbewusst sein können.

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Im Gegensatz dazu haben Prägungen/Einprägungen, eine spezielle Kategorie der Erinnerung, dauerhafte und weitgefächerte Wirkungen. Sie verändern unsere gesamte Physiologie, bestimmen Sollwerte für Schlüsselstrukturen innerhalb des Gehirns und formen folglich die Persönlichkeit. Somit kann ein Mangel an Berührung immense Folgen für ein Baby haben, wenn es gerade auf die Welt gekommen ist und sich sein emotionales Gehirn noch entwickelt. Wenn es nicht berührt wird, löst dies die Produktion des Stresshormons Kortisol aus, das einen katastrophalen Pegel erreichen und Gehirnstrukturen beeinträchtigen kann. Weil sie sich in kritischen Perioden ereignen, sind Einprägungen per Definition weitgehend irreversibel – es sei denn, sie werden neurophysiologisch wiedererlebt.

Eine Reihe von Tierexperimenten zeigt, dass die Neugeborenen, deren Augen man während der kritischen Periode für die Entwicklung des Sehvermögens verbunden hatte, blind wurden. Zwei Harvard-Wissenschaftler, Torsten Wiesel und David Hubel, verbanden Kätzchen gleich nach der Geburt die Augen. Als die Binden später entfernt wurden, waren die Kätzchen blind. Obwohl ihre Augen funktionierten, hatten ihre Gehirne die Fähigkeit verloren, visuelle Information zu verarbeiten, weil ihnen dieser Input während der kritischen Periode fehlte. Dementsprechend finden Leute, die von früher Kindheit an blind sind aber deren Sehkraft später durch medizinische Techniken wiederhergestellt wird, es zu schwierig, sehen zu „lernen.“

Dasselbe trifft darauf zu, wie Liebe die Entwicklung des Gehirns beeinflusst. Liebe bedeutet, ein Bedürfnis zu erfüllen, wenn es entscheidend ist. Sie können das nicht Jahre später nachholen, so wie eine Mutter, deren Mann sie verließ, als die Kinder klein waren. Während der Baby-Zeit ihrer Kinder war sie deprimiert. Als die Kinder älter waren, wollte die Mutter die aufgrund ihrer Depression verlorene Zeit wieder gut machen, aber leider ging es nicht. Die Kinder gaben den Versuch auf, von dieser allein lebenden, deprimierten Frau, die es jeden Tag kaum aus dem Bett schaffte, Liebe zu bekommen. Das Kind kann der Mutter vergeben, aber das unerfüllte Bedürfnis nach ihr, wenn das Kind klein ist, ist gnadenlos und unversöhnlich. Diese Kinder kamen als Erwachsene zum Primal Center und waren in der Lage zurückzugehen und zu fühlen, mit dem ursprünglichen Kind-Gehirn wie kleine Kinder zu weinen. Wie früher bemerkt, ist das ein Weinen, das man später, nach einer Sitzung, nicht nachmachen kann. Eine merkwürdige Dialektik: den Schmerz zu fühlen bewirkte, dass er verschwand. Warum? Weil er zuvor nie voll gefühlt wurde. Er wird gespeichert, bis der Mensch stark genug ist, um sich ihm zu stellen. Vertraue dem System; es weiß, was zu tun ist.

Wenn Therapeuten einem Patienten sagen, was er tun soll oder wie er sich verhalten soll, impliziert dies im Allgemeinen, dass sie dem System des Patienten nicht trauen. Wir entwickeln nicht grundlos Symptome oder ein bestimmtes Verhalten. Das System ist außergewöhnlich logisch. Wir müssen nur herausfinden, was die Logik hinter einem spezifischen Verhalten oder Symptom ist. In unserer Therapie geht es weder darum, auf Geheiß eines Therapeuten zu schreien,

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noch darum, gegen die Wand zu schlagen, nachdem uns gesagt worden ist, wir seien wütend auf unsere Väter. Es geht darum, dass wir uns zu fühlen erlauben, was – oft tief im Inneren verschlossen – bereits da ist, und dass wir diese Gefühle voll zum Ausdruck bringen. Es geht um eine systematische Reise zu den Antipoden des Geistes, bei der der Patient den Weg weist.

DIE ERFÜLLUNG DER LIEBE

Das Bedürfnis nach Liebe ist ganz genau so wichtig wie das Bedürfnis zu sehen. Wird uns dieses Bedürfnis versagt, verlieren wir einen Teil der Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen. Sagen wir also nicht: “Schau, warum bist du deprimiert? Du hast eine Freundin, die dich liebt.“ Sie kann das Loch niemals zufüllen, und das trägt zu einer endlosen Suche nach dem bei, was fehlte, und manifestiert sich oft in Untreue. Eine Ehefrau oder Ehemann zu haben, die oder der uns liebt, kann nie bewirken, dass wir uns geliebt fühlen, wenn wir uns erst ungeliebt fühlen. Es ist als würde man versuchen, die Einprägung ungeschehen zu machen. Lassen Sie mich konkreter werden: man kann sich mit einem Ehepartner wohl fühlen, aber unter dem Wohlgefühl und der „Liebe,“ die man in der Gegenwart empfindet, liegt das allgegenwärtige Gefühl, das etwas fehlt. Trotzdem zählen die Gefühle, die wir für andere haben oder von ihnen bekommen, eine Menge; es hilft, den Schmerz zu stillen. Hat sich Deprivation einmal festgesetzt, können wir versuchen, sie mit vielen anderen Partnern aufzufüllen, und es funktioniert nie und ist nie voll befriedigend. Die Untreue geht immer weiter. Denken Sie daran, dass sich das Gehirn in der Kindheit noch entwickelt. Ein früher Mangel an Liebe kann diese Entwicklung stören. Wir sehen den Beweis dafür in der Verzweiflung und Paranoia, die jemand mit einem Partner fühlt. In der gleichen Minute, in der die andere Person mit einem anderen redet, setzt Eifersucht ein – dann Wut, Gegenbeschuldigungen und Verdächtigung. Je stärker die frühere Deprivation, umso weniger braucht es in der Gegenwart, um den Schmerz auszulösen. Ein Musiker, den ich sah, verlangte von seiner Freundin, dass sie ihre Augen auf den Boden gerichtet halte, wenn sie auf einer Party waren. Er wollte nie, dass sie einen Mann ansah.

Wenn wir ein kleines Kind nie loben oder wenigsten genau beachten, was es in seiner frühen und späteren Kindheit schafft, können wir eine Einprägung verursachen und die Neurophysiologie des Kindes verändern. Danach wird jede Ermutigung und jedes Lob auf  taube Ohren stoßen oder wenigstens auf ein taubes limbisches System – Gehirnzonen, die unsere Gefühle und Emotionen vermitteln. Die kritische Periode wird gekommen und gegangen sein. Das Bedürfnis nach Lob ist vielleicht im Alter von sechs Monaten nicht essentiell, aber mit fünf Jahren ist es entscheidend. Es ist dann kein Wunder, dass ein Filmstar, der in einem Waisenhaus aufwuchs, nie Befriedigung erlebt, gleich, wieviel Schmeichelei und Liebe sie später im Leben bekommt. Gegenwärtige Liebe hilft; sie schwächt vielleicht den Schmerz, den sie spürt, aber sie ändert nie etwas daran. Täte sie es, dann

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hätte Marilyn Monroe nicht eine Beziehung nach der anderen gehabt auf der Suche nach dieser schwer faßbaren und unzuverlässigen Sache namens Liebe.

Es trifft auch zu, dass der lebenslange Kampf um die Erfüllung dieses Bedürfnisses umso größer sein wird, je tiefer der Mangel an Befriedigung ist, den man in der frühen Entwicklung erfahren hat. Man kann den Beifall von Tausenden bekommen aber dennoch befriedigt es nicht. Könnte man Liebe später im Leben nachholen, würden die Rockstars, die ich in der Therapie sehe, sich wohl fühlen. Das tun sie selten. Mütter, die während der Schwangerschaft von ihren Männern verlassen wurden, haben vielleicht Kinder mit einer größeren Tendenz, homosexuell zu werden. Man hat festgestellt, dass Sexualhormone durch die Stress-Situation der schwangeren Mutter verändert werden können. 7

Zum Beispiel haben Forscher herausgefunden, dass sich weibliche Charakteristika permanent änderten, wenn der Fetus im Mutterleib hohen Mengen an Testosteron ausgesetzt war. Bestimmte widrige Merkmale während der Schwangerschaft maskulinisieren den weiblichen Nachwuchs. Weibliche Ratten zum Beispiel spielen wie Männchen und zeigen Besteigungsverhalten.

Ist Homosexualität eine Wahl? Wahrscheinlich nicht. Würde der Vater nach dem dritten Jahr im Leben des Kindes gehen, wären die Auswirkungen nicht so katastrophal wie in der kritischen Periode, wenn in der Schwangerschaft die Sollwerte der Sexualhormone festgelegt werden. Aber mit einer gestressten Mutter während der Schwangerschaft und späterer Deprivation durch einen Vater, der das Haus verlassen hat, haben wir bei einem kleinen männlichen Kind das mögliche Rohmaterial für offene Homosexualität. Der Verlust väterlicher Liebe verstärkt lediglich die frühen Veränderungen bei den Sexualhormonen und erzeugt vielleicht latente Homosexualität. Das muss nicht unbedingt in jedem Fall zutreffen, aber man sollte sich dessen doch bewusst sein. Andere Tatsachen würden auf ein weibliches Kind zutreffen.

Die kritische Periode für intellektuelle Entwicklung tritt viel später ein als die für physische Liebe. Ein 5 Monate altes Baby fühlt sich nicht dumm, unbedeutend, wie es behandelt wird. Aber wenn später in der Kindheit angemessene intellektuelle Entwicklung stattfindet, ist das Kind empfänglich für emotionale Einflüsse und kann dazu gebracht werden, dass es sich dumm fühlt. Wenn wir uns dumm fühlen, weil das die Art ist, wie wir vom Alter von 6 an bis zum Alter von 15 behandelt wurden, werden wir wahrscheinlich hinterher glauben, dass wir dumm seien.

Inniger Kontakt zwischen Mutter und Kind in den ersten Wochen und Monaten des Lebens reguliert das (schmerztötende) Opiatrezeptor-  System auf solche Weise, dass optimale Mengen dafür sorgen, dass wir uns wohl fühlen. Wenn wir reifen und erwachsen werden, sind wir deshalb in der Lage dafür zu sorgen, dass unsere eigenen Kinder sich ebenso wohl fühlen, und wir befähigen sie, mit Stress fertig zu werden, ohne dass sie überwältigt werden. Eltern, die als Kind geliebt wurden, haben eine Ruhe, die sich dann

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auf ihr eigenes Baby überträgt. Eine angespannte Mutter, die mit ihrem Kind grob umgeht, vermittelt ihm kein Gefühl der Ruhe. Eine Mutter, die verzweifelt Liebe braucht, benutzt vielleicht ihr Baby, um ihre eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, und sie verlangt zu viel von ihm, so dass es nicht es selbst sein kann.

Wir sahen vor kurzem einen jungen männlichen Homosexuellen, dessen Vater nicht das Haus verließ, sich aber emotional verabschiedet hatte. Er war Boxer und ein harter Bursche, der wollte, dass sein Sohn in seine Fußstapfen trat. Seinen Sohn zu herzen und küssen kam nicht in Frage. Sein Männlichkeitswahn erlaubte es nicht. Er boxte und rang mit seinem Sohn, bot aber nie zärtliche Berührung an. Genau das suchte unser Patient im späteren Leben – ein bisschen Zärtlichkeit. Er war sich dessen nie bewusst, als er aufwuchs,  aber sein Körper speicherte das Bedürfnis, bis es sich in einer liebevollen Beziehung mit einem anderen Mann ausdrücken konnte. Die Zeitdistanz zwischen fehlender Liebkosung von seinem Vater und seinem späteren Bedürfnis nach männlicher Liebe war so groß, dass es nicht in Frage zu kommen schien, beides zusammenzufügen. Als er zu uns kam, weinte und schrie er nach dieser Liebe von seinem Vater.

SCHMERZ UND VERDRÄNGUNG

An früherer Stelle sagte ich, dass Mutters Liebe in den kritischen Perioden zu Beginn des Lebens wie eine Droge sei. Aber wenn diese mütterliche Liebe fehlt, leiden wir. Liebesmangel ist Schmerz. Ein Baby kann mit dem Gefühl nicht überleben, dass Mutter nie kommen wird oder dass alles zutiefst hoffnungslos ist. Glücklicherweise muss das Baby solchen Schmerz nicht ertragen. Das Gehirn des Babys wird sich an den Liebesmangel anpassen und durch Verdrängung einen Weg finden, damit fertig zu werden.

Als Überlebensmechanismus gestattet Verdrängung, Gefühle zu blockieren und umzuleiten und dann zu ‚verrücken’, so dass das Baby ein entsetzliches Gefühl wie „Ich sterbe, wenn meine Mutter mich nicht liebt“ nicht mehr empfinden muss. Natürlich werden solche Feelings nie artikuliert, sie werden nur empfunden. Dennoch werden sie ins Gehirn eingeprägt  als Gefühl von „Ich sterbe, wenn sie mich nicht liebt“. Jahre später, wenn aus dem Baby ein Mann geworden ist und seine Freundin ihn verlässt, taumelt er vielleicht in eine tiefe Depression, genau das, was wir gegenwärtig bei einem unserer jungen Patienten sehen. Er war aktiv suizidal – er fühlte, dass er nicht weiterleben konnte und er wollte es nicht. Wir fanden heraus, dass es das gleiche Feeling war, das er hatte, als seine Mutter mit einem anderen Mann davonlief und ihn der Erziehung durch seinen Vater überließ. Die Einprägung löste das Gefühl der Verlassenheit aus („Ich sterbe, wenn sie mich nicht liebt“). Die Verknüpfung zwischen dem Gedanken und dem Gefühl ist buchstäblich eine Reihe aufeinander bezogener Nervennetzwerke, wobei jede Nervenzelle oder jeder Schaltkreis den angrenzenden in Gang setzt; gemeinsam berufen sie dann ein Treffen, eine

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Versammlung ein, und die auslösende Ursache wird enthüllt. Wir müssen bei dieser Versammlung zugegen sein. D.O. Hebb diskutierte die Versammlung der Neuronen vor etwa 50 Jahren.

Obwohl er verdrängt worden ist, klopft der überwältigende Schmerz, der von der fehlenden Liebe am Lebensanfang herrührt, ständig gegen die Tür des Bewusstseins. Das System tut, was es kann, um dieses Bewusstsein zu blockieren, weil es bedeutet, dass man Schmerz fühlt. Aber wenn ein frühes Trauma einige unserer eigenen intern produzierten Schmerzkiller – Neurotransmitter wie z.B. Serotonin -  erschöpft, ist die Fähigkeit des Gehirns, Schmerz in Schach zu halten, geschwächt. Die Person fühlt sich vielleicht gezwungen, zu Drogen oder Alkohol zu greifen, um den Zweck zu erfüllen. Zum Beispiel leisten viele Tranquilizer, was unser eigener Körper leisten würde, wäre seine Fähigkeit, seine eigenen Schmerzkiller zu erzeugen, nicht durch Trauma und frühen Liebesmangel beeinträchtigt worden. Oder jemand wird vielleicht von Substanzen abhängig, die dafür sorgen können, dass er sich gut fühlt, wie z. B. Kokain, das den Dopaminspiegel anhebt (das „Gutfühl“- Hormon) und an Stelle seiner Mutter tritt. Es lässt ihn Stärke und Wärme spüren und gibt ihm ein „Du-kannst-es“-Gefühl, alles das, was seine Mutter am Lebensanfang hätte tun sollen. Anscheinend ist er von Kokain abhängig, aber in Wirklichkeit ist die Droge eine Ersatzmutter, die abhängig macht. Seine Mutter hätte ihm lebenslang einen optimalen Dopaminspiegel geben können. Jetzt ist es zu spät. Also begnügt er sich mit einem Ersatz.

 

Zum Beispiel leisten viele Tranquilizer, was unser eigener Körper leisten würde, wäre seine Fähigkeit, seine eigenen Schmerzkiller zu erzeugen, nicht durch Trauma und frühen Liebesmangel beeinträchtigt worden.

 

Dementsprechend ist die Sorge und Freundlichkeit eines Therapeuten eine zeitweilige Dosis von 20 Milligramm Prozac wert, ein Ersatz für Serotonin. Deshalb werden viele Leute von Therapie abhängig. Wir kehren immer wieder zu ihr zurück, wissen oft nicht, warum, aber dennoch ist es sehr beruhigend, jemanden zu haben, der ausschließlich uns allein zuhört. Was die meisten unserer Drogen machen, ist, dass sie die Substanzen ersetzen, die während der Einprägung verloren gingen oder vermindert wurden. Frühe Liebe sorgt für die optimale Menge an Serotonin in unseren Systemen. Aber Liebesmangel erzeugt Defizite. Prozac schreitet ein und macht, was Mutter hätte machen sollen. Das Bedürfnis nach Heroin und jeden anderen Schmerzkiller ist genau dasselbe frühe Bedürfnis nach Mutter.Es war und ist eine Sache auf Leben und Tod. Kurz gesagt ist Drogen zu nehmen gleichbedeutend mit dem Versuch, einen Mangel wettzumachen.

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Ist Sucht eine schlechte Gewohnheit? Ich behaupte, dass es meistens ums Überleben geht. Sie sollte nicht als Moralurteil verworfen werden. Sollte man damit prahlen, von Drogen weg zu sein? Die Anonymen Alkoholiker denken so, und es ist offensichtlich wichtig, aber man muss wissen, was man nach dem Absetzen zu tun hat. Andernfalls zehrt das System an sich selbst und zerstört Organe, was letztlich unser Leben verkürzen wird. Das Bedürfnis verschwindet nicht. Es bleibt unser Leben lang in ursprünglicher und reiner Form. Es wird von Erfahrung nicht berührt, weil es gegen jede –auch symbolische-  Erfahrung abgehärtet ist, die das Bedürfnis nicht erfüllt. Wir stecken in einer Zeitfalle fest.

Später werden wir sehen, wie die Worte eines Therapeuten, egal ob richtig oder falsch, unsere Qualen besänftigen können. Wir können uns zu dem Gedanken verleiten lassen, dass es die „Einsichten“ sind, die wir  in der Therapie haben, was uns besser fühlen lässt, aber in Wirklichkeit ist es die ganze Zeit der fürsorgliche, beruhigende Ton des Therapeuten. Er dämpft Schmerz, den Schmerz wegen einer Mutter, die teilnahmslos und unaufmerksam war; den Schmerz wegen eines Vaters, der sich nie kümmerte, nie sanft war und dessen Ton unerbittlich hart war. Die Präsenz des Therapeuten sagt: „Ich bin jetzt da. Alles wird gut.“ Einfach dass wir in seinem Büro sind, kann bewirken, dass wir uns besser fühlen.

Es ist schön, sich besser zu fühlen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Aufmerksamkeit, die wir jetzt bekommen, nicht deren Fehlen wettmachen kann, als sie entscheidend war. Die kritische Periode ist vorüber. Wäre dem nicht so, dann würde uns die Zuwendung des Doktors gesund machen. Weil sie aber nach der kritischen Periode geschieht, kann sie nur lindern. Sie kann dazu beitragen, ein wackeliges Abwehrsystem zu stabilisieren, aber es kann das Bedürfnis niemals auslöschen. Ich wiederhole es bis zum Überdruß: Wir können Neurose nicht weglieben. Auch wenn wir Mama wiederauferstehen lassen könnten und sie dazu bewegten, dass sie ihr erwachsenes Kind küsst und herzt, könnte keine noch so große Liebe in der Gegenwart den Schaden ungeschehen machen. Deshalb kann ein freundlicher Therapeut, der besorgt und interessiert ist, in seinem Patienten kein Gleichgewicht wieder herstellen. Keine noch so große Menge an Zuwendung und Einsichten wird eine tiefgreifende Veränderung einleiten. Keine Psychotherapie kann diese Bedürfnisse verändern, noch können es Drogen oder andere von diesen Bedürfnissen gesteuerte Formen des Ausagierens, wenn sie erst einmal besiegelt sind.

Allgemeiner gesprochen müssen wir daran denken, dass es sinnlos ist, Gedanken zu benutzen, um die Effekte tief eingravierter Traumen zu behandeln. Wie wir sehen werden, ist es nicht möglich, Gedanken und Gedankenprozesse, die buchstäblich Millionen Jahre später in der Evolution der Gehirnentwicklung auftraten, zu benutzen, um zu beeinflussen, was tiefer im Gehirn liegt und sich Millionen Jahre früher entwickelte.

FALLSTUDIE: STASH

Ich kam schwach und erschöpft zur Welt. Die Medikamente, die man meiner Mutter gegeben hatte, waren durch ihr System hindurch in meines eingedrungen und versuchten mich umzubringen; genauso empfand ich es, dass etwas versuchte mich umzubringen. Ich wurde wiederholt geschlagen

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und in abwechselnd heißes und kaltes Wasser getaucht, um mich nach dem Kaiserschnitt wiederzubeleben, den man machte, um mich vor dem Tod durch medizinisch eingeführte Drogen zu bewahren.

Ich hatte nie eine Pause; ich hatte nie Gelegenheit, zu genesen und mich zu erholen; man erwartete, dass ich ein normales Baby sei; tatsächlich ein exzellentes Baby, das perfekte Baby, auf das man stolz sein konnte. Ich brauchte Ruhe und eine Menge Pflege, nicht aber, dass ich irgendwelchen Erwartungen gerecht wurde; und warum überhaupt sollte man Erwartungen von jemandem haben, der so neu auf der Welt ist?

Ich habe mich immer in die Vergangenheit zurückgezogen. Die Vergangenheit scheint mir immer, als sei sie besser für mich als die Gegenwart. Ich erinnerte mich, wie ich wahrscheinlich ein Jahr alt war oder weniger und in einem Raum lag, der, wie ich glaube, das Apartment meiner Eltern war. Alles, woran ich mich erinnere, ist, dass ich allein war, in einer Krippe; der Raum war abgedunkelt, aber draußen war es sonnig und warm, Vorhänge wehten leicht von einem großen offenen Fenster oder einer Verandatür. Der wichtige Teil ist, dass ich allein war und mich sehr, sehr allein fühlte. Ich hatte dieses melancholische Feeling, das der Unterbau aller meiner Gefühle in meinem ganzen Leben ist, ein Sehnen nach der Vergangenheit. Stellen Sie sich vor, sich nach der Vergangenheit sehnen im Alter von weniger als einem Jahr! Für mich ist es Gefühl, nach Hause zu wollen; zurückgehen an einen Ort, an dem ich mich okay fühle und wo es keine Melancholie mehr gibt.

Das war der Anfang meiner Depression, und von da an wurde sie nur noch stärker. Ich glaube, wonach ich mich sehnte, war, zurück  im Mutterleib zu sein, wo alles ganz war und reine Zuwendung und – was am wichtigsten ist – wo ich nie allein war. Ich weiß, dass es dennoch nicht ideal dort war, weil meine Mutter Alkoholikerin war und rauchte, aber verglichen mit der völligen Einsamkeit, die ich zu der Zeit fühlte, war es ein viel besserer Ort.

Alles, was ich je wollte, war, so zu sein, wie meine Eltern mich haben wollten, besonders mein Vater. Ich wollte all das sein, was sie von mir wollten, und noch mehr. Die Wahrheit ist, alles, was ich je wollte, war, meinen Eltern zu gefallen, trotz meines Benehmens, als ich älter wurde und rebellisch und zornig wurde.

Das vorherrschendste Thema in meinem Leben, das sich auf unzählige Weise ständig wiederholt, ist, dass ich immer leugnen muss, mich schwach zu fühlen, und dass ich Stärke vorgebe. Schwäche ist für mich unglaublich bedrohlich; ich fürchte immer, die Leute könnten sie in mir sehen und mich deshalb ablehnen. Ich kann mich nie in sie ergeben; ich habe unermessliche Energien aufgewendet, um sie ständig in Schach zu halten. Ich konnte ihr nur gelegentlich nachgeben, konnte sie aber nie herrschen lassen, weil das ein Loch ist, aus dem ich nie wieder herauskrabbeln könnte; für mich ist sie der Tod.

Ich hatte immer das Gefühl, das etwas mit mir nicht stimmte. In doppeltem Sinne, indem etwas Wahres daran ist, und ebenso, indem ich einfach nicht in der Lage war, die Erwartungen meiner Familie zu erfüllen. Ich glaube, Menschen (und Tiere, was

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das betrifft) haben fest verankerte Erwartungen in unsere Gene. Eine davon ist, durch den Geburtskanal auf die Welt zu kommen und das zu erleben, sowohl Mutter und Kind. Wenn das nicht geschieht, wie es sollte, fühlt sich etwas nicht richtig an und wird sich nie richtig anfühlen, bis es aufgelöst und erlebt wird. So hatte ich immer das Gefühl, das etwas mit mir nicht stimmte, weil es wirklich so war; ich wurde nicht so geboren , wie es hätte sein sollen, und fühlte mich nicht so, wie ich mich hätte fühlen sollen. Tatsache war, dass es ziemlich schief lief, und ich fühlte sogar, dass ich nicht hätte geboren werden sollen, dass ich hätte sterben sollen.

Irgendwas zu tun war für mich immer doppelt so schwer wie für andere, die kein solches Trauma hatten. Ich musste nicht nur ebenso gut oder besser als andere sein, sondern ich musste gleichzeitig dieses überwältigende Gefühl von Müdigkeit und Schwäche verdrängen. Man erwartete, dass ich in allen Dingen überragend sei. Weder meine Eltern noch jemand anderer verstanden, dass ich mein Leben mit einem riesigen Defizit begonnen hatte und deshalb Hilfe, Zuwendung, eine Pause, niedrigere Erwartungen, etc. brauchte. So erwartete man von mir, überall zu glänzen, und es gab für sie keinen Grund, warum ich nicht sollte. Schließlich hatte ich in ihren Augen kein Handicap. Und wenn ich mich nicht hervortat, meinte ich also, etwas stimme mit mir nicht, ein doppelter „Hammer.“ Und wenn doch, nun, dann wurde es einfach so erwartet. Keiner hatte eine Ahnung, dass es von  mir doppelt so viel Energie, Herzschmerz und Anstrengung erforderte wie von den meisten Leuten.

So habe ich mein ganzes Leben damit verbracht, dieses unglaublich bedrohliche Gefühl zu bekämpfen, da ich fühlte/dachte, dass etwas mit mir nicht stimmt, dass ich minderwertig sei, etc. Auch der kleinste Fehler war riesig, indem er diese Wurmbüchse öffnen würde. Dennoch versuchte mein System immer Normalität zu erreichen, indem es zu dieser Erfahrung zurückging, um dieses Gefühl zu fühlen und aufzulösen. Und hier habe ich gedacht, ich bin ein Verlierer, ein Versager, nicht wert, dass man ihn kennt oder dass er  zugegen ist, einer, der keine Talente, Fähigkeiten hat, grundsätzlich wertlos ist und einer, dessen man sich schämt, und ich fragte mich, warum  jemand mich mögen sollte oder mein Freund sein wollte. Immer wollte ich einfach die Gelegenheit haben, mir eine Pause zu nehmen, Luft zu holen, ein bisschen auszurasten..... und immer wollte ich die Chance haben, nochmal neu anzufangen und es dieses Mal richtig zu machen.

Ich hatte Drogen- und Alkoholexzesse. Kokain war der Favorit wegen der Energie, Omnipotenz und Betäubung, die es mir gab. Ich stürzte dann auf diesen Partys ab, brachte die Realität mit dem Katerfeeling im Inneren in Einklang und erholte mich dann, bevor ich den Kreis von vorne begann. Das ist genau so, wie meine Geburt verlief, Drogen und alles. Irgendwie schaffte ich es, in dieser Zeit mein eigenes Geschäft zu betreiben und ebenso, mich fast jeden Tag  im Fitnessstudio herauszuarbeiten, in einer Band zu spielen und eine Menge Frauen zu treffen.

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Ich bin also erschöpft. Das ist das Wesen der Depression. Es ist das Gefühl des ursprünglichen ‚hochkarätigen’ Traumas, das ins Bewusstsein kriecht, zusammen mit dem gewaltigen Maß an Verdrängung, das ständig erforderlich ist, um dieses katastrophale Feeling unbewusst zu halten. Man muss sich schwer abtöten, um zu verhindern, dass  das Feeling des Traumas die Macht ergreift. Es gibt jedoch einen Preis dafür, der im Abtöten allen Erlebens besteht, und in einer tiefen Schwermut, die ein Sehnen danach ist, wie die Dinge sein sollten. Wir sind alle mit dieser festverdrahteten Erwartung in uns geschaffen. Komisch, wir wissen, wie wir uns fühlen und wie wir sein sollten, und wenn es nicht geschieht, gibt’s Melancholie; denn das Leben ist nicht ganz so, wie es unseres Wissens sein sollte.

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KAPITEL 3

 

WO GEDANKEN UND VORSTELLUNGEN ENTSPRINGEN: DIE VERSCHIEDENEN SPRACHEN DES GEHIRNS

 

Wenn wir verstehen wollen, warum wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten, und warum wir an verschiedenen Krankheiten leiden, brauchen wir ein grundlegendes Verständnis des Gehirns und seiner Funktionsweise. Wir müssen wissen, wo emotionaler Schmerz seine Wurzeln hat und wie er dort hinkam, bevor wir anfangen können zu verstehen, wie man ihn  erreicht und auflöst. In der Psychotherapie ist dies besonders wichtig, denn, wie jemand einmal sagte, „wenn Sie in den falschen Zug einsteigen, ist jeder Halt, den Sie machen, der falsche.“

Trauma und fehlende Liebe bringen uns von Beginn an auf die falsche Spur. Das trifft wortwörtlich zu, wenn es ums Gehirn geht, denn dort gibt es Nervenbahnen, die aufgrund frühen Schmerzes abgelenkt und umgeleitet werden; es ist wie ein Haus, das nicht korrekt verdrahtet ist, so dass alle elektrischen Schaltkreise zu den falschen Ausgängen oder Steckdosen führen. Wenn wir von einer Abweichung nichts wissen, dann wissen wir auch nicht, wo die Normalroute verlaufen sollte. Und schlimmer noch, weil wir zu dem Gedanken neigen, dass die Abweichung rein „psychologisch“ sei, übersehen wir letztlich das Physiologische als Ganzes; wir denken, dass Gedanken von selbst „losgehen“ oder geschehen, während der Rest von uns beständig und fixiert bleibt.

Wir haben viele Patienten gesehen, die reine Intellektuelle sind, die keine Ahnung vom Universum der Gefühle haben. Unsere Therapeuten müssen wissen, welches Gehirnsystem der Patient benutzt. Zum Beispiel sehen wir vielleicht, was ich als „First-Line-Intrusion“, als „Eindringen der ersten Ebene“ bezeichne: Der Patient beginnt, die Vernachlässigung in seiner Kindheit zu fühlen, und fängt dann gleich an zu husten, erlebt übermäßigen Speichelfluss, würgt, bringt seine Arme in die fötale Position, und so weiter. Wir kennen die Zeichen der Intrusion; das heißt, dass wir verstehen, dass tiefe Gehirn-Einprägungen vorwärts drängen und das Feeling vernebeln, mit dem man sich gerade beschäftigt.

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Wir haben dann die Wahl: entweder befassen wir uns mit der Intrusion oder benutzen Medikamente, um sie eine Zeit lang zu unterdrücken, so dass der Patient seine Gefühle erleben kann. Wir brauchen eine Gestalt/ein neurologisches Verständnis, um unsere Wahl zu treffen. Jedenfalls sehen wir durch diese Intrusion, dass das Hemmungs- und Verdrängungssystem fehlerhaft ist.

Wir haben einen französischen Patienten, der versucht, Ereignisse aus der Kindheit zu fühlen, aber sobald er Zugang hat, kommen die Geburtszeichen hoch und blocken jede Fähigkeit zu fühlen ab. Er läuft rot an, ringt um Sauerstoff, würgt und kann einfach nicht weitermachen mit seinen Kindheitserinnerungen. Hier grub die Kindheitserinnerung – „Ich bin ganz allein, ich existiere für sie nicht“ (die später zu „Ich existiere nicht“ führen kann, anders bekannt als niedriges Selbstwertgefühl) – das primäre Alleinsein gleich nach der Geburt aus, als er drei Tage unter oberflächlicher mechanischer Obhut allein gelassen wurde. Es gibt keine Trennung zwischen Bewusstseinsebenen, so dass sich der Patient  die ganze Zeit überwältigt fühlt. Es gibt gewisse pathognomonische (sichere) Zeichen der Geburtsintrusion, die man genau so wenig vortäuschen kann, wie ein Patient ein Absinken der Körpertemperatur um zwei Grad (F) vortäuschen kann.

Wenn ein Patient zur Psychotherapie kommt, hat er oder sie aller Wahrscheinlichkeit nach ein Verhalten an sich, dass sich so tief eingegraben hat, dass sein Ursprung praktisch unzugänglich ist. Konventionelle Therapien wie Verhaltens- Kognitions- und Einsichtstherapie haben nicht die nötigen Werkzeuge, um die frühen Einprägungen zu finden, die der Ursprung der Neurose des Patienten sind. Wenn ein Patient gesund werden soll, dann muss der Psychotherapeut die Werkzeuge haben, um die Pfade zu den Wurzeln des emotionalen und körperlichen Aufruhrs im Patienten zu finden. Das Gehirn zu verstehen – wie seine Bahnen und Schaltkreise verlegt sind – ist wesentlich, wenn wir unseren Weg zur Wurzel eines Problems finden wollen. Das Therapieziel muss sein, fließende Kommunikationslinien unter den Bewusstseinsebenen einzurichten. Genau das macht volles Bewusstsein aus.

Das Gehirn hat tatsächlich drei, nicht zwei Ebenen des Bewusstseins, von dem die meisten denken, es gebe einfach die bewusste und die unbewusste Psyche. Aber wenn wir die drei Ebenen verstehen, sehen wir schließlich, wie gewisse Erlebnisse abhängig davon, wann sie sich ereigneten und wieviel Kraft hinter ihnen steckte, in spezifische Gehirnebenen eingeprägt werden. Wenn jemand zum Beispiel Drogen oder Tranquilizer nimmt, beruhigt er unterschiedliche Bewusstseinsebenen und die eingeprägte Erinnerung des Erlebnisses, das den Schmerz entstehen ließ.

Die Forschung zeigt, dass es eine große emotionale Antriebskraft geben muss, damit ein Trauma sich in das Gehirn einprägt. Es gibt viele Arbeiten über das Wiederauffinden von Erinnerungen und darüber, welche Gehirnsysteme damit betraut sind.

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Wir werden den Weg entdecken, den das Fühlen im Gehirn nimmt, wie es blockiert wird und was mit uns geschieht, wenn es blockiert worden ist. Wir werden auch herausfinden, warum Gefühle die sine qua non jeder geeigneten Psychotherapie sein müssen.

DIE DREI BEWUSSTSEINSEBENEN

Im Grunde haben wir drei Gehirne in einem: den Hirnstamm, das limbische System und den Neokortex; jedes dieser Gehirne begründet eine Bewusstseinsebene und jedes hat sein eigenes Erinnerungssystem. Wir erinnern uns an Gerüche, Empfindungen, auch an Gespräche, alles auf unterschiedlichen Gehirnebenen, obgleich sie alle miteinander verknüpft sind.

 

 Abbildung 2: Die Bewusstseinsebenen

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ERSTE LINIE (EBENE): DER HIRNSTAMM

Die erste Ebene, der Hirnstamm, ist ein primitives oder reptilisches Gehirn und stellt unser ältestes Gehirnsystem dar. (Ich bezeichne es manchmal als Salamandergehirn, weil das limbische System und der Hirnstamm einen Gutteil des Gesamthirns des Tieres ausmachen). Der Hirnstamm sollte sich als erster entwickeln, und er war der erste Teil des Zentralnervensystems, der sich in der Evolution des Menschen entwickelte. Salamander haben übrigens so ziemlich das limbische System, das wir haben, in primitiver Form. Der herausragende Neuroanatom E.J. Herrick identifizierte sie als wandernden, schwimmenden, lebenden Hirnstamm. Es scheint, dass wir diesen Teil niemals verloren. Wir haben an seinem oberen Ende einfach neues Gewebe hinzugefügt. Wenn Patienten auf dieser Ebene unten sind, gibt es keine Worte und kein Schreien oder Weinen eines Erwachsenen – im Wesentlichen hört man ein Stöhnen.

Der Hirnstamm führt aus dem rückseitigen Boden des Gehirns heraus und hinab durch das Rückenmark. Er befasst sich mit Instinkten, basalen Bedürfnissen, Überlebensfunktionen, Schlaf und basalen Prozessen, die uns am Leben erhalten, wie z.B. Körpertemperatur, Blutdruck und Herzfrequenz. Ich bezeichne es als „First-Line“- oder Überlebensgehirn.

Der Hirnstamm nimmt um den 33sten Tag der Zeugung Gestalt an. Nach dem ersten Monat im Mutterleib haben wir einen ziemlich vollständigen Hirnstamm und mit ihm geht die Fähigkeit einher, Traumen zu verschlüsseln und zu speichern. Neben sehr tiefer Atmung ist der Hirnstamm auch an Geschmack und Hören beteiligt. Wir können  Depression, Angst, Stress, Drogenkonsum, Rauchen oder Trinken einer Mutter speichern. Die Mutter kann auch  durch ihre Hormonveränderungen kommunizieren, durch die unbewusste Ablehnung ihres kommenden Babys, die dann im Hirnstamm des Babys gespeichert wird. Eine solche Erfahrung wird offensichtlich nicht als Gedanke gespeichert, weil wir noch keinen Neokortex haben, der unseren denkenden, intellektuellen Verstand verkörpert. Aber wichtig ist, dass die Einprägungen in diesem Speicher später gewisse Gedanken und gedankliche Irrwege hervorrufen können. Sie werden den Nervenbahnen zu höheren Gehirnzentren folgen, die sich dann mit dem Erlebnis des ursprünglichen Traumas auf verschiedene Weise ausführlich befassen und unser Denken entsprechend  beeinflussen. Auch ohne die oberste Ebene, den denkenden frontalen Kortex, der Schmerz durch Worte ausdrückt, können Tiere und Menschen noch schreien und weinen. Hirnstamm-Einprägungen der ersten Ebene sind so mächtig, dass sie jede spätere Gehirnentwicklung stören können. Die emotionale Entwicklung kann so fragil sein, dass eine Person, auch wenn sie in der Kindheit etwas Liebe bekommen hat, es nie schafft, sich stark zu fühlen, einen Job zu behalten, als Mensch beständig und solide zu sein. Die tiefen Einprägungen können trotz späterer Liebe Bettnässen, Alpträume, hohen Blutdruck und vorzeitige Ejakulation bewirken. Oft waren, was Freud für Hysteriker hielt, einfach First-Liners – von der ersten Ebene dominierte Leute – denen es an Struktur fehlte und die völlig durcheinander zu sein schienen. Diese frühen Einprägungen lenken oft unser Leben – machen uns impulsiv und konzentrationsunfähig, lassen

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uns unter tiefen Mittellinien-Symptomen leiden (wie z.B.Darm- und Atmungsprobleme) und bilden die Grundlage für spätere Migränen.

Es gibt den weitverbreiteten Mythos, dass emotionaler Schmerz sich von körperlichem Schmerz unterscheide. Es gibt eine Studie eines UCLA-Psychologenteams, welche die zwei Schmerzarten erforschten.  Unter Verwendung von MRIs (Magnet-Resonanz-Bildern) zur Überwachung der Gehirnaktivität einer Studentengruppe wurde ein Spiel so manipuliert, dass die Versuchspersonen sich abgelehnt fühlten – ein emotionaler Schmerz. Der Gehirnscan zeigte an, dass der Ort dieser Schmerzart im Zentrum des Gehirns war, in einer Struktur, die als Cingulum bekannt ist, zusammen mit Teilen des rechten präfrontalen Kortex.1 ( Wir werden später im Kapitel über das linke und rechte Gehirn sehen, dass das rechte präfrontale Areal der höhere Verarbeitungsort für Gefühle ist). Das Cingulum hat auch eine Schlüsselrolle in der Verarbeitung körperlichen Schmerzes. Mit anderen Worten unterscheidet das Gehirn nicht zwischen verschiedenen Arten von Verletzung – eine Verletzung ist ungeachtet des Ursprungs eine Verletzung. Eine emotionale Krankheit ist etwas, das wirklich weh tut, und das System verschließt sich, wenn Schmerz einer jeden Variante zu intensiv wird. Eine frühe emotionale Verletzung wird in das physische System eingegraben und dort bleibt sie. Verlassen zu werden, was von Kindern als extreme Ablehnung wahrgenommen wird, ist körperliche Agonie, oft zu heftig, als dass sie gefühlt werden könnte. Einige sagen: „Ah, es ist nur in deinem Kopf. Du wirst darüber hinwegkommen!“ Nicht so schnell. In der Psychotherapie müssen wir daran denken, dass sich mit emotionalem Schmerz zu befassen bedeutet, seine gesamte physiologische Ausstattung zu erfahren. Ein paar Tränen oder Seufzer können den Job nicht erledigen; nicht wenn wir den Schaden emotionaler Deprivation in der frühen und späteren Kindheit ungeschehen machen wollen.

Und warum tun Emotionen so weh? Weil wir eine starke emotionale Interaktion mit unseren Eltern brauchen, wenn wir überleben wollen (siehe Kapitel 2). Tiere mit beschädigtem Cingulum versuchen nicht mehr, ihren Nachwuchs in ihrer Nähe zu halten und die Babys (die ein beschädigtes Cingulum haben) geben keinen Schrei mehr von sich, wenn sie getrennt werden. Das Cingulum ist wichtig, weil dieser Schrei notwendig ist, damit die Mutter zum Kind läuft.

Wenn das Gehirn sich entwickelt, begleitet die Erinnerung seine Entwicklung zu höheren Orten und nimmt innerhalb des neuen höheren Nervensystems Gestalt an. Jedes Trauma, das uns widerfährt, wird zuerst vom limbischen System (Fühlen) absorbiert und dann vom kortikalen Apparat (Gedanke, Logik, Vernunft), der es entsprechend verformen wird.

Im siebenten Monat der Schwangerschaft sind die meisten Hirnstammstrukturen ‚feuerbereit’ und ihre Faserverbindungen sind alle in Ordnung. Auch wenn der frontale Kortex an diesem Punkt durch ein Trauma zerstört würde, würden primitive Hirnstamm-Reflexe wie Saugen, Greifen und Zurückziehen weiterhin funktionieren. Der Fetus kann jedoch nur in der

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Sprache kommunizieren, für die sein Gehirn zu diesem gegebenen Zeitpunkt die Fähigkeit hat: sich winden, stöhnen, sich drehen, gegen ein Hindernis stoßen, aufstoßen und rot anlaufen. Damit einher gehen die zu dem Zeitpunkt ausgelösten Vitalfunktionen, ein schneller Herzschlag und hohe Körpertemperatur zum Beispiel.

In einer Primal-Sitzung können Patienten regredieren und ein Ereignis wiedererleben, das während ihrer Schwangerschaft oder Geburt geschah. In diesem besonderen Fall, wenn der Kortex ruht und sich zurückzieht und tiefere Gehirnzentren die Kontrolle übernehmen, erleben die Patienten Husten und Würgen, wenn sie in Hirnstamm-Einprägungen geraten. Während eines Primal-Wiedererlebisses ist der sich spät entwickelnde frontale Kortex relativ inoperativ, während die tieferen Ebenen aktiviert sind. Deshalb gibt es immer weniger Gedanken, weniger Artikulierung von Worten, wenn der Patient in Gefühle und Empfindungen hinabgleitet und später dann in vorgeburtliche Erinnerungen. Es gibt nie irgendwelche Szenen, die mit diesen Ereignissen einhergehen, nur die physiologischen Reaktionen. Natürlich gibt es nie Worte; das ist für uns eine Möglichkeit zu erkennen, mit welcher Gehirnebene wir es zu tun haben. Diese Reaktionen sind charakteristisch. Man kann schwer glauben, dass es eine wirkliche Erinnerung ist, wenn man die Empfindung eines sich umdrehenden Magens und Atmungsprobleme wiedererlebt , aber es ist eine primitive Erinnerung, die man auf die einzige Art und Weise erlebt, zu der das Gehirn fähig ist.

In gewisser Hinsicht gleicht eine Sitzung sehr dem Traumschlaf. Während des Traumlebens bleibt der präfrontale denkende Kortex relativ inaktiv, während die Gefühlszentren schwer arbeiten. Anders ausgedrückt: Wenn der präfrontale Kortex ziemlich aktiv ist, gibt es weder Traumschlaf noch ein Primal. Nach einer Sitzung hat der Patient in der Regel keine Ahnung, wieviel Zeit er mit Fühlen verbracht hat, genau wie in einem Traum, weil der Zeitwächter der Neokortex der obersten Ebene ist, der sich in dieser Zeit einen Kurzurlaub nahm. Wenn der Patient eine präzise Vorstellung von der in der Sitzung verbrachten Zeit hat, dann kann es tatsächlich deshalb sein, weil er nicht ganz in dem Feeling war. Einige Patienten berichten, dass es nahezu traumgleich sei, wenn sie in Bewusstseinszonen unterhalb der kognitiven Ebene eintauchen. In das Gehirn auf Gefühlsebenen hinabzusteigen lässt dem Patienten wenig Bewusstheit für den Therapieraum; er oder sie wird auf einer tieferen Bewusstseinsebene überflutet. Er oder sie ist vielmehr nach innen als nach außen gerichtet, was meiner Ansicht nach ein wesentlicher Faktor für die Heilung in der Psychotherapie ist; nicht die nach innen gerichtete Orientierung, die vom frontalen Kortex beherrscht wird, der Gefühle diskutiert, sondern diejenige, welche von Teilen des Gehirns beherrscht wird, die innere Bewusstheit kontrollieren (Genaueres darüber später). Zusammengefasst lässt sich sagen, dass während einer Sitzung in ein Feeling zu fallen ziemlich das Gleiche ist,  wie in einen Traumzustand zu fallen; der Unterschied ist der, dass die Gefühle in Träumen symbolisiert werden, um den Hersteller des Traums zu schützen (das bedeutet, den Schmerz abgesondert zu halten, um dadurch den Schlaf zu schützen). In der Therapie wird man unterhalb der Symbolik in Gefühle getaucht; deshalb berichten Patienten, die mit fortschreitender Therapie eine gewisse Zeit gefühlt haben, dass sie weniger symbolische Träume erleben.

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Wir müssen daran denken, dass eine Hirnstamm-Erinnerung eine Hirnstamm-Reaktion bedeutet. Das bedeutet, dass hohe Werte der Vitalfunktionen, die das ursprüngliche Trauma begleiteten, während einer Sitzung wieder in Erscheinung treten müssen, wenn wir primitive Erinnerungen auflösen wollen. Wenn Patienten vorgeburtliche und geburtliche Einprägungen wiedererleben, können alle die erwähnten Empfindungen involviert sein, und sie sollten es, wenn die Erinnerung vollständig ist. Ohne die vollständigen Reaktionen einer Erinnerung ist die Besserung nur partiell, so partiell, wie die Reaktionen es erlauben.

Sie sind Erinnerungen an eine Erfahrung, die man gemacht hat und die vom vollen Bewusstsein ferngehalten wurde. Auf diese Weise kommen Leiden wie Kolitis oder blutende Geschwüre zustande; die Einprägung brodelt auf den tieferen Gehirnebenen weiter, und dennoch haben wir kein volles Bewusstsein von ihr. Einige Formen von Apnoea – Atmungsausfall – können der First-Line-Intrusion zugeschrieben werden.

Wir machten am UCLA –Lungenlaboratorium ein Experiment mit einem jungen Mann in seinen 30ern. Nach dem Wiedererleben einer Geburtssequenz fiel er plötzlich in Apnoea und hörte eine volle Minute zu atmen auf. Das war kein freiwilliger Akt. Er wiederholte, was mit ihm bei der Geburt geschah. Es war ein wortloses Wiedererlebnis, das eine Art nonverbaler Bewusstheit erlangte. Tatsächlich war es eine verknüpfte Empfindung, die sich vordem in seinem Schlaf abspielte, in dem er unter periodischer Apnoea litt. Wenn wir frühen Terror wiedererleben, bevor wir Worte haben, mit denen wir ihn verkleiden können, kann er dennoch ein verknüpftes Ereignis sein. Er hat das Bewusstsein betreten. Danach ist er keine vage, unerklärliche Angst mehr. Es ist, was es ist: Terror.

Ich habe betont, dass der Hirnstamm die Sprache des hohen Blutdrucks, des Herzjagens, der Kurzatmigkeit spricht – die leisen Killer. Er beherbergt viele unserer Instinkte; unseren Schrecken und unsere Ekstase; und unsere basalen primitiven Bedürfnisse. Er beinhaltet die Geheimnisse unserer Geburt und unseres vorgeburtlichen Lebens im Mutterleib. Wenn wir wissen wollen, wie unsere Geburt war, sagt er es uns auf seine Weise. Er wird präzise und unmissverständlich sein. Seine wundervolle Eigenschaft ist, dass er nicht lügen kann und will.Wenn wir behaupten, keine Angst zu haben, aber tief dort unten  unablässiger Terror herrscht, kann es keine Diskussion geben. Ein chronisches Symptom wie Herzjagen bezeugt die Möglichkeit, dass tief im Nervensystem eine alte Einprägung liegt. Eine im Hirnstamm eingeprägte Erinnerung kann ernsthafte Konsequenzen für viele Überlebensfunktionen haben.

 

Chronisch hoher Blutdruck ist ein gutes Beispiel, wie Erinnerung innerhalb unseres Gehirnsystems existiert – er ist ein Ausdruck einer Erinnerung, einer neurologischen Einprägung, die sich physiologisch manifestiert.

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Da die Entwicklung des Hinstamms nach der Geburt einige Monate fortdauert, kann, was mit uns während dieser wenigen Lebensmonate auf Erden emotional geschieht, unsere Herzfunktion beeinflussen, die meisten unserer Überlebensmechanismen und unsere Gehirnentwicklung. Wenn wir später in diesem Buch Atmungs- und Herzprobleme erörtern, müssen wir an den Hirnstamm denken und an die Erinnerungen, die er birgt. Diese Leiden erzählen von präverbalem Trauma und bestimmen deshalb vielleicht, wohin wir in der Psychotherapie gehen müssen. Jedes tiefe Symptom wie ständiges leichtes Fieber oder chronisch erhöhte Körpertemperatur deutet auf den Hirnstamm hin. Um es zu wiederholen: Frühe traumatische Einprägungen haben eine direkte Verbindung zur Herzfunktion. Das Problem mag Jahrzehnte lang nicht sichtbar werden, und deshalb können wir uns nicht vorstellen, wie früh die Herzprobleme eines Menschen anfingen.

Der Hirnstamm prägt die tiefsten Schmerzschichten ein, weil er sich während der Schwangerschaft entwickelt und sich mit Angelegenheiten auf Leben und Tod befasst, bevor wir das Tageslicht erblicken. Nahezu jedes im Mutterleib erfahrene Trauma ist eine Sache auf Leben und Tod. Der Hirnstamm spricht kein Englisch oder irgendeine andere Sprache. Stellen Sie sich vor, Sie versuchen sich mit Worten über den Schmerz des Hirnstamms zu unterhalten, wenn es keine gibt. Die Leute entwickeln Probleme wie hohen Blutdruck oder Kolitis, wenn der Hirnstamm die eingeprägte Erinnerung eines Traumas birgt und versucht, dem frontalen Neokortex von seinem Nahtod-Erlebnis zu erzählen. Der hohe Blutdruck oder die Kolitis ist eine Warnung vor gespeichertem Terror. Der Hirnstamm schreit den Neokortex, das denkende Gehirn an: „Hör mir zu, ich muss dir etwas sagen, das musst du hören. Ich muss eine Verbindung herstellen. Lass mich durch.“ Er schreit mittels hoher Spiegel biochemischer Substanzen wie Noradrenalin, Glutamat und Kortisol – die Sprache seiner Biologie. Und der Kortex sagt: „Tut mir Leid, du hast Informationen, von denen ich nichts wissen will. Versuch’s später!“

„Ja, aber wenn du mich nicht herauslässt, wird mein Blutdruck dramatisch ansteigen.“

„Tut mir Leid.“

Ein gutes Beispiel, wie wir die Spuren einer Hirnstamm-Einprägung sehen können, drückt sich in Schlafstörungen aus. Tatsächlich könnten wir hier das Wort „Fußabdruck“ benutzen, weil eine Hirnstamm-Einprägung weitgestreut ist, viele Hirnfunktionen umfasst und alles beeinflusst vom Essen über Sex bis zum Schlaf. Wir könnten sagen, dass der Grund, warum jemand nicht einschlafen kann, darin liegt, dass er so viele fortlaufende Gedanken hat – ein rasender Geist. Der wahre Grund ist, dass seine Gedanken von Hirnstamm-Einprägungen angetrieben werden, die völlig „geistlos“ sind in dem Sinne, dass Worte keine Bedeutung auf der

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Hirnstammebene haben, obgleich Hirnstamm-Einprägungen den ständigen Fluss wiederkehrender Gedanken in Gang halten. Und zwar dehalb, weil der Hirnstamm weitreichende Nervenbahnen beinhaltet, die direkt zu gewissen Zonen innerhalb des denkenden kortikalen Gehirns verlaufen und folglich einen unaufhörlichen Gedankengang verursachen, auch wenn wir schlafen. Aber das sind keine Gedankenstörungen, sondern das ist das Ergebnis nonverbaler Einprägungen, die unser Leben global beeinflussen.

Schon früh in der Schwangerschaft antwortet der fetale Hirnstamm auf externe Geräusche, sogar auf den Klang der mütterlichen Stimme, mit Kopfdrehen, reflexartigen Körperbewegungen und Änderung des Herzschlags. Wenn die Mutter einen schweren Unfall erleidet, während sie ihr Kind austrägt, beinflusst das zweifellos den Hirnstamm des Fetus und hat möglicherweise ebenso Auswirkungen auf seine Herzfunktion. Das Baby kommt vielleicht fragil und schwächlich zur Welt, wird von ständiger subtiler Angst gequält und ist sehr schreckhaft.

Eine Patientin, die ich sah, erlebte eine Szene wieder, als sie in ihrem achten Schwangerschaftsmonat war. Ihre Mutter fuhr ein Auto und  war nicht angeschnallt, als sie eine Kurve verfehlte, sich mehrfach überschlug und gegen das Lenkrad gepresst wurde. Da lag sie nun – im achten Monat schwanger und für mehr als zwei Stunden eingeklemmt im Inneren des Fahrzeugs. Die Mutter war danach in einem Schockzustand mit ständigen Angstattacken, die anhielten, bis sie Edith zur Welt brachte. Ihr Baby, meine Patientin Edith, wurde als ängstliches Kind geboren, das auf das leiseste Geräusch überreagierte. Sie war voller Spannung, hatte Probleme, einen Job zu bekommen und zu behalten, und war instabil in ihren Beziehungen. Obwohl sie in ihrer frühen Kindheit ein ziemlich liebevolles Elternhaus hatte, hatte sie, als sie älter wurde, vor nahezu allem Angst, besonders vor dem Tod. Als Kind schleppte sie ein Gefühl mit sich, das tief in ihr System eingraviert war, für sie aber keinen Sinn ergab. Sie ging zu vielen Ärzten, von denen keiner den Ursprung ihres Problem auch nur erraten konnte. Als Erwachsene geriet sie in alle Arten von Glaubensystemen und Kulten, um das Gefühl des drohenden Todes abzuwehren und um vor allem das Unerklärliche zu erklären. Sie war in jeder Hinsicht ein zerbrechliches menschliches Wesen. Sie war geprägt von tiefem Terror und der ständigen Aktivierung von Hirnstamm-Mechanismen.

Was macht ein Fetus, wenn er mit einem Trauma konfrontiert wird? Er reagiert viszeral. Wenn ein Mensch diese Art von Trauma gehabt hat, hat er für den Rest seines Lebens eine Prädisposition, weiterhin viszeral zu reagieren. Er entwickelt dann Magenprobleme, Kolitis, Geschwüre, Krämpfe und Atemprobleme und weiß nicht, warum. Deshalb kennen wir in der Primärtherapie oft den Ursprung eines Problems, wenn ein Patient sich uns beispielsweise  mit Kolitis präsentiert. Wenn ein Problem allein und ernsthaft viszeral ist, geht sein Ursprung mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Geburt zurück oder auf die Zeit zuvor. Schau auf den Hirnstamm, und du wirst die Ursache finden. Für

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Edith, die ihr Leben in einem Zustand ständiger Agitation verbracht hat, sind Tranquilizer obligatorisch, um sie zu befähigen, auf täglicher Basis zu funktionieren. Sie hat ihr ganzes Leben gelitten, trotz einer liebevollen Kindheit.

ZWEITE LINIE: DAS LIMBISCHE/FÜHLENDE SYSTEM

Die zweite Bewusstseinsebene ist das limbische System des Gehirns, das für Gefühle und deren Erinnerung verantwortlich ist. Es sorgt für Bilder und künstlerischen Output, verarbeitet gewisse Aspeke der Sexualität und ist teilweise verantwortlich für Wut und Furcht.

Das limbische System besitzt einige Schlüsselstrukturen, die Einfluss auf die Gehirnfunktion haben, einschließlich des Hippokampus, welcher der Wächter der emotionalen Erinnerung ist; die Amygdala, die, wie ich glaube, das „Fühlen“ (die Empfindung) des Gefühls bereitstellt, die viszeralen Komponenten des Fühlens; und der Hypothalamus und Thalamus.

Der Thalamus ist die Relais-Station oder die zentrale Schalttafel des Gehirns und sendet Gefühlsbotschaften nach oben und nach vorne, damit sie verstanden und verbunden werden können. Er kann entscheiden, dass ein Feeling zu stark ist, als dass man es fühlen könnte, und ordnet an, dass die Nachricht nicht weitergegeben wird. Der Hypothalamus arbeitet mit der tieferen Struktur, der Hypophyse, zusammen, um die Freisetzung von Schlüsselhormonen zu überwachen, nicht zuletzt der Stresshormone. Wenn ein Mensch starke Emotionen hat, ist es der Hypothalamus, der seine Reaktion organisiert.

Innerhalb des Hypothalamus liegen zwei verschiedene Arten von Nervensystemen (beide arbeiten automatisch): das sympathische und das parasympathische. Letzteres überwacht Reparatur, Heilung und Erholung. Das sympathische ist dasjenige, das Aggression und Durchsetzungskraft kontrolliert. Wenn es in utero oder gleich nach der Geburt zu einem starken Trauma kommt, wird eines dieser zwei Systeme unser Leben dominieren und bestimmen, ob wir angesichts von Problemen passiv oder aggressiv sein werden. Es trägt dazu bei, unsere Persönlichkeit zu gestalten.

Das limbische/fühlende System ist ein Verwahrungsort emotionaler Wahrheit. Es liegt ungefähr an der Schläfenzone und windet sich an den Seiten des Gehirns zurück wie ein Widderhorn. Dieses fühlende System entwickelt sich wenigstens zwei oder drei Jahre nach der Geburt weiter, obwohl eine seiner Komponenten, der Hypothalamus, voll funktionsfähig ist, wenn wir geboren werden. Deshalb können wir geburtsbedingte körperliche Leiden haben; Kolik kann ein Beispiel für die Auswirkungen von Geburtsstress oder vorgeburtlichem Stress auf den Hypothalamus sein.

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DIE AMYGDALA: DAS FÜHLEN DES GEFÜHLS

Die Amygdala ist eine der ältesten Strukturen des Gehirns und die älteste Struktur des limbischen Systems. Sie wird sowohl in der persönlichen Zeit als auch in der langen Menschheitsgeschichte lange vor dem neuen (neo) Kortex gebildet. Sie kann zusammen mit dem Hirnstamm geschädigt werden durch vorgeburtliche Traumen wie Stress einer ängstlichen oder drogensüchtigen Mutter, durch Geburtsereignisse und ebenso durch frühkindliche Deprivation. Die Amygdala ist der Mittelpunkt des emotionalen Systems; der Zugang zu Gefühlen. Sie gibt uns die Empfindung hinter dem Fühlen, während der sich später entwickelnde Hippokampus diese Gefühle als Fakten registriert. Die hier liegenden Einprägungen tragen dazu bei, das Wachstum des körperlichen Systems zu bestimmen – unserer Knochen, Blut und Muskeln – und die Persönlichkeit.

Es ist möglich, Zugang zu Gefühlserinnerungen  zu haben, ohne das Fühlen des Gefühls auszulösen. Das Gefühl „Ich erinnere mich, wie meine Mutter meinen Hund weggab“ kann vom Hippokampus ohne volle Beteiligung der Amygdala erinnert werden. Wenn das geschieht, kann es in der Therapie keine anhaltende Veränderung geben, weil ein großer Teil der Erinnerung in dem Wiedererlebnis nicht aufgetaucht ist. Unser Job ist, das Wiederauffinden des gesamten Ereignisses zu unterstützen, einschließlich der exakten emotionalen Reaktion, wie sie sich ursprünglich abspielte. Nur dann kann es integriert werden und aufhören, unser Leben zu bestimmen. Weil das ursprüngliche Trauma jeden Teil unseres Systems durchdrungen hat, muss das Wiedererlebnis dasselbe tun. Andernfalls ist es nur ein partielles Wiedererlebnis und nicht heilsam.

Die Amygdala warnt vor einer Bedrohung und sagt uns , dass wir uns auf Gefahr vorbereiten sollen. Sie hilft, uns zu aktivieren und fordert noch mehr Stresshormone an. Frühe traumatische Erinnerung wird von der Amygdala verfestigt. Sie verarbeitet die "Eingeweide" – buchstäblich die viszeralen Aspekte – des Fühlens. Die Amygdala ist bis zum Alter von sechs Monaten in der Verarbeitung emotionaler Information dominant. Die kritische Periode der Amygdala, wenn sie am empfänglichsten  für Einprägungen aus einem Trauma ist,  ist das letzte Trimester vor der Geburt und die ersten paar Monate nach der Geburt, wenn die Entwicklung der Synapsen fortschreitet und die Dendriten des Gehirns reifen. Einprägungen zu dieser Zeit sind entscheidend. Die Amygdala hat eine eher direkte Wirkung auf den Neokortex, indem sie bestimmt, welche Erinnerungen gespeichert werden und auf welche Art und wie stark diese Erinnerungen Gedankenprozesse beeinflussen.

Später können Worte in einer Therapie niemals die Erinnerungen des Traumas verändern, das die Amygdala erlitten hat. Glücklicherweise kann sie, um Schmerz zurückzuhalten, zur Herstellung ihres eigenen Opiums beitragen, wenn es im Leben hart auf hart kommt. Auf diese Weise hilft sie uns unbewusst zu bleiben. Es ist wirklich ein Wunder, dass diese kleine Gehirnstruktur „weiß“, wann sie Schmerz aufhalten muss, und dass sie ein Mohnblumen-Derivat freisetzen kann um zu helfen. Zusätzlich sagt sie anderen Gehirnstrukturen, wieviel

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sie freisetzen und wann sie damit aufhören sollen. Es geht mehr um Kommunikation als um Konversation. Viele Pflanzen machen dasselbe. Wenn zuviel Sonnenlicht da ist und deshalb die Gefahr abnehmender Photosynthese besteht, gibt es eine Tendenz, sich zu verschließen. Das weist darauf hin, dass der Prozess von Überlastung und Verschließen auf das Pflanzenleben zurückgeführt werden kann. Im Fall überwältigender Sonnenenergie betonen zwei Forscher, dass der Blattschaden derselbe wie bei einem Sonnenbrand ist. Pflanzen scheinen ein Warnsystem zu haben, das andere Teile der Pflanze, die noch nicht ausgesetzt sind, in Alarm versetzt.

Was wir in der Therapie oft sehen, ist, dass sich das System nach einem primären Wiedererlebnis automatisch für den Moment verschließt. Als wollte es sagen: „Ich hab’ genug für heute.“ Für den Patienten ist das eine Zeit um auszuruhen und nicht weiter in eine Überlastung hineingestoßen zu werden.

DER HIPPOKAMPUS: DER SITZ  DER ERINNERUNG

Der Hippokampus beinhaltet die Archive früher Erfahrung, vor allem traumatischer Erfahrung, und versetzt auch der Amygdala-Aktivierung einen Dämpfer, so dass unsere Reaktionen selbst nicht zur Gefahr werden; schließlich bedrohen kontinuierlich hoher Blutdruck und Herzschlag die Existenz. Der Hippokampus hat eine hohe Dichte an Stresshormon-Rezeptoren und ist deshalb ziemlich sensibel für Stress. Der Zusammenhang eines Gefühls wird vom Hippokampus organisiert. Er gibt uns einen Anker für unsere Gefühle – eine Zeit und einen Ort – und erlaubt uns, dass wir uns mit unseren Gefühlen in Verbindung setzen.

Der Hippokampus ist nicht so alt wie seine Kollegin, die Amygdala, weshalb ein massives frühes Trauma von der Amygdala ohne eine spezifische Zeit oder einen spezifischen Ort und ohne Begriffe oder Worte, die es verständlich machen, verarbeitet werden kann. Dafür benötigt es den sich später entwickelnden Hippokampus. Sich mit präverbalen Traumen in Verbindung zu setzen ist eine Sache der Bewusstheit spezifischer Empfindungen im Zusammenhang – wie z.B. die Empfindung des Ertrinkens bei der Geburt zu fühlen und ihren Ursprung zu kennen. Wir können Vorgeburts-, Geburts- und Säuglingstraumen durchmachen, können uns aber nicht an sie erinnern, weil ein verantwortliches System (der Hippokampus) noch nicht auf Touren ist. Während wir also diese sehr frühen Ereignisse nicht bewusst erinnern können, wird die „Erinnerung“ oder Einprägung dennoch von der Amygdala registriert, und wir werden von Erinnerungen beinflusst, an die wir uns nicht erinnern können. Wie der Neurophysiologe Joseph LeDoux  feststellt: „Aus diesem Grund kann das Trauma im späteren Leben psychische und verhaltensbezogene Funktionen beeinflussen, durch Prozesse, die dem Bewusstsein unzugänglich bleiben.“ Er glaubt, dass „Erinnerungen unauslöschlich ins Gehirn eingebrannt werden und ein Leben lang in uns bleiben“, was angesichts all der letzten Informationen zu einer ziemlich feststehenden Tatsache geworden ist. 2

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Entscheidend beim Hippokampus ist, dass ein frühes Trauma und fehlende Liebe ein Schrumpfen seiner Dendriten verursachen können, das schließlich zu Gedächtnisverlust führt. Langzeit-Einprägungen beeinflussen den Hippokampus, so dass es nicht überraschend wäre, wenn im späteren Leben Erinnerungslücken auftreten würden.

DER HYPOTHALAMUS: DER ÜBERSETZER DER GEFÜHLE

Der Hypothalamus, auch ein Teil des limbischen Systems, hilft, die Stresshormon-Freisetzung zu organisieren, vor allem Kortisol. Kortisol erhöht die Frequenz und Stärke der Herzkontraktionen und beeinflusst viele unserer metabolischen Prozesse, die auf Stress reagieren. Der Hypothalamus sieht heute ziemlich genau so aus wie vor einer Million Jahren. Er reguliert die Sekretion von Hormonen, kontrolliert Essen und Trinken und steuert Wut. Er sorgt für die physiologische Kraft bei Gefühlen. Er gefasst sich primär mit unserer Innenwelt und wird teilweise von anderen limbischen Strukturen wie der Amygdala kontrolliert. Der Hypothalamus hat Verbindungen zum Hirnstamm und übersetzt Gefühle in biochemische Prozesse. Er hat sehr viel mit einem Übersetzer gemein, nimmt Gefühle und organisiert für sie physiologische Reaktionen.

DER THALAMUS: DER KURIER DER GEFÜHLE

Das Schaltzentrum des limbischen Systems ist der Thalamus, der Gefühle weiter nach oben zum frontalen Kortex schickt, damit sie verstanden und integriert werden können. Wenn der Schmerz zu intensiv ist, wird der Thalamus Gefühle nicht weiterleiten; vielmehr handelt er wie ein Postbote und schickt sie mit dem Vermerk „Adresse unbekannt“ zum Absender zurück. Hier findet man eine der höchsten Konzentrationen an Verdrängungssubstanzen, inhibitorischen Neurotransmittern. Der Thalamus braucht Hilfe, um zu viel Schmerz aufzuhalten, und er bekommt sie. Tatsächlich tut der Thalamus doppelte Pflicht, weil er mit zwei verschiedenen Bahnen verbunden ist: Er sendet Information an höhere Zentren (präfrontaler Kortex) und gleichzeitig zur Amygdala. Die Amygdala erhält die Nachricht und sendet sie zum Hirnstamm, der dann Alarm auslöst und im Körper den Notstand ausruft. Wenn die Amygdala außer Betrieb ist, gibt es keinen Alarmzustand.

Der Thalamus ist die Schalttafel des Gehirns, leitet bestimmte Aspekte des Fühlens zum frontalen Kortex weiter, der sich mit Denken, Ehrgeiz, Planung befasst, mit dem Erkennen von Handlungsfolgen und vor allem mit Verdrängung – mit dem Zurückhalten der Gefühle von voller Bewusstheit. Er ist der letzte Kontrollpunkt, bevor Gefühlsbotschaften zusammenfließen und zum Areal präfrontaler Bewusstheit strömen. Der Thalamus spricht eine geradlinige neurochemische Sprache, eine Sprache, die sich wortlos ausdrückt. Dennoch kann er

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schmerzvolle Botschaften so übersetzen, dass der frontale Kortex sie verstehen kann. Wenn der Schmerz zu groß ist, ist die Nachricht verstümmelt, wenn sie ankommt. Wenn er akzeptabel ist, öffnen sich die Tore und die Nachricht wird klar verstanden. Wir wissen, was wir fühlen.

In groben Zügen definiert Schmerz seine Aufgabe. Bestimmte Neurotransmitter wissen, wann sie  eingreifen müssen. Später in der Therapie wird der Thalamus dem Kortex Nachrichten überbringen, und dann werden wir diesem Prozess endlich Worte hinzufügen. „Liebe mich, Mami. Sag mir, dass du mich nur ein bisschen liebhast!“  Er hat seine eigene Art von Bewusstheit, weil er entscheiden kann, dass emotionaler Schmerz zu groß ist und dass er ihn nicht an höhere Zentren weiterleitet. Der Thalamus schaut auf den frontalen Kortex und achtet darauf, ihn nicht zu überwältigen. Es ist nicht so, dass wir einst bewusst waren und dann das Fühlen unterdrückten. Es ist so, dass emotionale Schlüsselbotschaften es nie bis zum präfrontalen Bereich schafften.

Lassen Sie mich nochmal sagen, dass die emotionalen Zentren aktiv sein können, bevor Bewusstheit einsetzt. Es bedeutet unter anderem, dass sie uns unbewusst steuern. Es ist ein Grund, warum wir nicht erkennen, dass wir durch verborgene Gefühle in Gefahr sind; wir sind uns nur großer Unbehaglichkeit bewusst. Hier ist ein gutes Beispiel, wie man gleichzeitig bewusst und unbewusst ist. Eine neue Patientin ließ ihr Kind immer mit Babysittern allein, die sie wirklich nicht gut kannte, um zu Seminaren über Bewusstheit zu gehen. Während sie Bewusstheit erlangte, handelte sie unbewusst. Wir können etwas sagen, das aus uns herauszuplatzen scheint, bevor wir eine Chance haben darüber nachzudenken. Unsere Gefühle sind aktiv, bevor die Hemmung sich durchsetzt. Wir können jemanden im Zorn anschreien, bevor wir auch nur eine Chance haben zu sehen, welche Wirkung es haben könnte.

DIE DRITTE LINIE: DER NEOKORTEX

Die dritte Linie ist der Neokortex, der Teil unseres Gehirns, der sich als letzter entwickelte und der für intellektuelles Funktionieren verantwortlich ist, für die Erzeugung von Vorstellungen und für das Denken. Der linke präfrontale Bereich befasst sich mit der Außenwelt, hilft uns zu verdrängen und, falls er es kann, Gefühle zu integrieren. Er ‚geht online’ etwa im dritten Lebensjahr. Der rechte präfrontale Bereich ist nach innen orientiert, befasst sich mit unseren Gefühlen und ist dafür verantwortlich, Gefühle in den linken präfrontalen Bereich hinüberzubringen, damit sie verstanden werden. Obwohl er sich in den ersten drei Lebensjahren schnell entwickelt, kommt es unmittelbar vor der Adoleszenz zu einem weiteren Wachstumsschub. Anscheinend gibt es zur selben Zeit, wenn die Hormone zu toben beginnen, eine gößere Menge an frontalem Kortex, um die Impulse zu kontrollieren. Kurz gesagt ist hier der Punkt, wo die Verdrängung wirklich ihr Leben beginnt. Zum Ende der Adoleszenz scheint die Verdrängung volle Kraft zu haben, aber es ist zu spät: Der/die Jugendliche hat

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bereits wild und ohne Kontrolle gehandelt. Zu viele Hormone und zu wenig präfrontaler Kortex.

 

Der Neokortex ist die erste Tür, durch die wir gehen, um unsere Geschichte zurückzuverfolgen und unseren Schmerz zu verstehen.

Der präfrontale Kortex ist insoweit Teil des Gefühlssystems, dass er unseren physiologisch-emotionalen Reaktionen Bedeutung und Verstehen hinzufügt. Der Neokortex dient als Eingangsportal zur Leidenskomponente der Erinnerung; ein Portal, das nicht aus sich selbst heraus funktionieren kann. Er ist die erste Tür, durch die wir gehen, um unsere Geschichte zurückzuverfolgen und unseren Schmerz zu verstehen. Wenn der präfrontale Kortex aufgrund eines frühen Traumas geschwächt oder beschädigt ist, ist es schwer, Gefühle zu blockieren, die von tieferen Gehirnebenen aufsteigen. Wenn er weniger effizient arbeitet, sickert eingeprägte Erinnerung an die Oberfläche durch. Es kommt dann zu Panik, Unpässlichkeit und Angst, alle angetrieben von einer Einprägung, die sich auch in zwanghaftem Grübeln zeigen kann.

In der Psychotherapie ist es sehr wichtig, das Problem zu behandeln und nicht einfach das Symptom, was leider allzu oft geschieht. Zum Beispiel ist sorgenvolles Grübeln nicht ein Problem, sondern es ist das Symptom einer Sache, die sich physiologisch innerhalb des Gehirns abspielt – was das Grübeln verursacht, ist das Problem. Das Grübeln geschieht, wenn frühe Furcht sich gegen den frontalen Kortex stemmt. Furcht ist das Fachgebiet des limbischen Areals; amorpher Terror gehört zu einer tieferen Zone, im Großen und Ganzen zum Hirnstamm. Unnachgiebige Symptome wie z.B. Phobien leiten sich gewöhnlich vom Hirnstamm ab. Sorgenvolles Grübeln quält viele von uns und drückt sich gewöhnlich aus als: „Was ist, wenn dies oder das geschieht?!“ Die ständige Sorge bedeutet, die Katastrophe vorauszuahnen, aber was wir nicht erkennen, ist, dass die Katasrophe bereits stattgefunden hat; wir haben nur keinen Zugang zu ihr. Die präfrontalen Kortices (rechter und linker) sind der Versammlungsraum, wo Aspekte unserer Geschichte sich vereinen und ein Ganzes werden, wo wir getrennte Aspekte unserer Geschichte zusammenbringen. Wenn ein Ziel der Psychotherapie darin besteht, eine Person wieder ganz zu machen, dann muss Erinnerung komplett und untereinander verknüpft sein.

Im Wesentlichen wird Neurose von tieferen Gehirnzentren gesteuert, die mit dem linken Neokortex zu kommunizieren versuchen, es aber nicht können, weil die Verbindung unterbrochen worden ist, eine Unterbrechung verursacht von einer Einprägung frühen Liebesmangels,

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die Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit heißt. Zum Beispiel kann das limbische System, die zweite Ebene des Gehirns, ganz allein reagieren, bevor der Neokortex auch nur beteiligt ist, so dass wir also systemisch reagieren, bevor der frontale Kortex auch nur wahrnimmt, was geschieht. Es sind nicht vom präfrontalen Neokortex kommende Gedanken, die eine Reaktion innerhalb unseres Körpers und Nervensystems steuern, sondern emotionale Prozesse, die sich neurochemisch aus dem limbischen Areal entfalten.

Eine Patientin von mir, Eva, bekam, als ihr von der zuständigen Behörde ihre Pass verweigert wurde,  wegen dieser Frustration – davon abgehalten zu werden, dass sie vorwärts kam -  einen Wutanfall, da dieses Ereignis damit resonierte, dass sie zum einen von ihren Eltern von jedem Wunsch abgehalten wurde und zum anderen während ihrer Geburt am Herauskommen gehindert wurde, als sich ihre Mutter anscheinend nicht öffnen konnte. Diese Wut und dieser Antrieb waren ursprünglich lebensrettend, weil sie signalisierten: „Versuch es ein letztes Mal.“ Sie demonstriert, was ich als „Kampf-und-Scheitern“-Syndrom bezeichne, wo sie sich so sehr bemüht, aufgehalten wird und dann auf unüberwindliche Hindernisse trifft, so dass sie schließlich aufgeben muss. Als Erwachsene hat sie den Drang, erfolgreich zu sein, aber sie lässt sich leicht entmutigen. Sie begann so viele Projekte voller Entschlossenheit und Enthusiasmus, nur um beim geringsten Widerstand aufzugeben. Dann fiel sie gewöhnlich in eine Depression, in ein Gefühl von: „Was hat es für einen Sinn zu kämpfen?“

In Zeiten, die man als ihre „manischen“ Phasen bezeichnen könnte, duplizierte sie ihre eigene Geburtssequenz. Sie wurde vollends angehalten, als ihre Mutter eine massive Dosis Anästhetika erhielt, die auch viele Systeme des Babys stilllegten, nicht zuletzt die Atmung. An diesem Punkt stürzte sie in Scheitern, Verzweiflung und Resignation ; das waren die Prototypen für viele spätere Reaktionen. Man diagnostizierte sie als „depressiv,“ aber jetzt wissen wir, was es wirklich ist. Die injizierten Anästhetika tauchten des Baby in etwas, das ich die „Talsohle“ nenne, was bedeutet, dass das parasympathische System die Regie übernimmt. Die Talsohle ist der Punkt, an dem der Geburtskampf entweder durch eine Nabelschnur um den Hals, massive Anästhetika oder andere Hindernisse blockiert wird. Dadurch bildet sich ein „Kampf-und-Scheitern“-Syndrom und die Gangschaltung des Gehirn wechselt in den Verdrängungsmodus (parasympathischer Modus). Das ist die Bedeutung von Resonanz: Etwas in der Gegenwart löst das mit der zweiten Ebene verbundene Feeling aus und dann das der ersten Ebene, aber nur dann, wenn der Patient bereit ist.

Eva hatte den Drang, sich von dieser Talsohle fernzuhalten, wo der Tod lauerte. Der Tod lag auf der Lauer und „herauszukommen“ – ihr Entkommen – war unmöglich. Das Bedürfnis „herauszukommen“ hatte später im Leben eine Dringlichkeit auf Leben und Tod an sich, der sich in ihrem anfänglichen Drang reflektiert, neue Projekte zu beginnen. Lassen Sie mich hier wiederholen, dass dies kein theoretisches Konstrukt ist sondern eine tatsächliche Beobachtung an Patienten, die mit der Zeit sehr tief in eine weit entfernte Vergangenheit eintauchen.

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Depression ist Leben in der Talsohle, kein Verhalten oder eine Reihe negativer Gedanken. Es bedeutet, in seiner Geschichte versunken zu sein und nicht in der Lage zu sein, aus ihr herauszukommen. Schlimmer noch, es bedeutet, dass man nicht weiß, dass man in dieser Geschichte versunken ist.

Gedanken erschienen Millionen von Jahren nach Instinkten und Gefühlen. Gedanken sind nicht das Problem; sie signalisieren das Problem, sorgen bei all dem für die Worte. Das Leidenssystem ist eines der ältesten im Gehirn. Affen leiden, können es aber nicht mit Worten beschreiben. Menschen können es. Aber Primaten und Menschen leiden auf dieselbe Weise mit ziemlich denselben Gehirnstrukturen. Die Top-Ebene unseres Gehirns – der Neokortex – zeigt nur an, welche Gefühle gerade aufsteigen. Er leidet nicht selbst; er ist sich des Leidens bewusst und redet darüber. Er erinnert sich und denkt über Leben und Kindheit nach, aber der Leidensteil liegt abgesondert in seinem Versteck und wartet auf den geeigneten Moment und auf die geeignete Therapie.

Als alles andere schiefging, unternahm Eva einen Selbstmordversuch. Der Tod war eine Erinnerung, eine Erinnerung an das Ende der Agonie. Wenn sie während des Tages von jemandem provoziert wurde, der sie davon abhielt zu tun, was sie tun wollte, geriet sie manchmal in eine Angstsituation – zurück in die ursprüngliche Geburtssituation, wo sie blockiert und hilflos war. Wir dürfen nicht vergessen, dass es verknüpfte Nervenbahnen gibt, die ein vertikales Nervennetzwerk bilden (Ich erörtere die horizontalen Bahnen einen Augenblick später). Etwas in der Gegenwart löst ein Feeling aus, das dann zu dem prototypischen Nervennetzwerk hinabsteigt. Dort ist das ursprüngliche Empfindungs-Gefühl, das weiter ausgearbeitet wird, wenn wir und folglich unsere Gehirne reifen. Somit ist eine Sitzung De-Evolution, eine Rückreise in die Zeit. Wenn Eva provoziert wurde, konnte das Feeling in einem Alptraum enden. In diesem Alptraum fühlte sie sich hilflos, verängstigt, unfähig sich zu bewegen oder zu schreien, und sie fühlte den Tod nahen. In ihrem Schlaf fabrizierte sie eine Geschichte, um ihre Gefühle vernünftig erscheinen zu lassen – die Essenz der Neurose. Gefühle als Traum oder Alptraum sind nicht launenhaft. Sie sind nicht einfach so aus der Luft gegriffen. Sie gründen auf unserer Geschichte.

Wiederum sehen wir, dass Gefühle Gedanken steuern und nicht umgekehrt. Auch die Gedanken und Bilder in einem Traum werden vom tiefen Unbewussten gesteuert. Die Gedanken folgen der Evolution – Empfindungen zuerst, Gefühle als zweite und schließlich Gedanken. Wenn Eva nicht kämpfen konnte, um etwas in ihrem Leben geschehen zu lassen, wurde sie schwer depressiv. Es brachte sie zurück in eine Zeit, als ihr Geburtskampf nicht funktionierte; als der Tod sie bedrohte. Sie war dort zurück, wo sie sich nicht bewegen konnte um zu leben, und sie war wieder hilflos. Jede Art von Hilflosigkeit bedeutet für sie von Anfang an den Tod; deshalb die Depression. Sie vermied jede Art hilfloser Situation, zum Beispiel in der Bestimmungsgewalt eines anderen zu sein oder einen Chef zu haben. Der Prototyp involvierte Hilflosigkeit und Todesnähe bei der Geburt.

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Sie musste die Verletzung von Beginn ihres Lebens an verleugnen: „Es gibt niemanden, der mir hilft. Ich muss alles selbst machen.“ Als Kind bat sie wegen ihrer Einprägung nie um Hilfe; und bekam tatsächlich nie Hilfe von ihren Eltern, weil sie nie so aussah, als würde sie welche brauchen. Sie war entschlossen in allem, was sie tat. All das verstärkte ihr unbewusstes Gefühl: „Schau, es gibt niemanden, der hilft. Besser, ich mach alles selbst.“ Dieses Bedürfnis fiel Wegelagerern zum Opfer und schaffte es nie  bis zur obersten Ebene, erlaubte ihr nie zu fühlen und zu wissen, dass sie im Leben jemanden brauchte. Sie verließ jeden Jungen, den sie traf, sobald er ihr irgendwelche Anweisungen gab oder sie zu kontrollieren versuchte. Die geringste Forderung eines anderen wurde zu einem faschistischen Diktat, etwas, wogegen man rebellieren musste.

Zu der Zeit, wenn wir ihr Verhalten als Erwachsene beobachten, ist sein Ursprung überlagert und nicht zu erkennen, und so ist es verständlich, dass Therapeuten sich aufs Hier-und-Jetzt konzentrieren. Das Grundgefühl verzweigt und verdreht sich durch spätere Kindheitsereignisse. Das ursprüngliche große Gefühl findet man jetzt in Verhaltensdetails, wie z. B. im Zögern, einen Ober um Wasser zu bitten. Sie konnte keine dauerhafte Beziehung haben, weil sie wegen Liebe nicht von irgendjemanden abhängig sein wollte.  Ihre gegenwärtigen Beziehungen mit Jungen resonierten mit jener Misshandlung und machten sie ängstlich.

WIE VERDRÄNGUNG FUNKTIONIERT

Es gibt ein Schleusensystem im Gehirn, das die Gefühlsbotschaft hemmt oder verlangsamt, wenn sie nicht zu ertragen ist. Wenn der Schleusenmechanismus der Amygdala gegen aufsteigende Gefühle versagt, kommt es zu einer direkteren Einwirkung auf den frontalen Kortex, die ihn aktiviert; ihn rasen lässt; ihn dazu bringt, dass er Gedanken und Glaubensvorstellungen fabriziert; und, ganz allgemein, dass er tut, was er kann, um den Ansturm abzuschwächen. Wenn der Hippokampus mit vielen schmerzvollen Erinnerungen überlastet ist, dann ist er vielleicht hilflos und kann den Hypothalamus nicht informieren, dass er den Gefühlsausstoß der Amygdala abmildern soll. Die Amygdala hat direkte Verbindungen zum frontalen Kortex, so dass Gefühle auch direkt unsere Gedankenprozesse berühren können; und natürlich hat sie Verbindungen zu tieferen Ebenen der Gehirnfunktion. Wenn die Schleusenmechanismen versagen, können Gefühle, die auf tieferen Gehirnebenen verwurzelt sind, wie z. B. Schrecken, der Kontrolle entkommen und zum präfrontalen Kortex aufsteigen, um Gefahr zu signalisieren. Der präfrontale Kortex kann das als Angstattacke etikettieren, und das Individuum ist sich dann großen Unwohlseins bewusst.

Ein kognitiver Psychologe könnte versuchen, diese Angst zu behandeln, als sei sie ein rein kortikales Phänomen, und versuchen, sie durch Gedanken, Vorstellungen, Logik und so fort zu kontrollieren: „Schauen Sie her, Sie überreagieren. Es gibt keinen Grund, so aufgeregt zu sein.“ Dennoch sind Reaktionen fast immer richtig; sie sagen

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uns, was auf tieferen Gehirnebenen wirklich geschieht, auch wenn der ursprüngliche Zusammenhang damit, wie sie eingeprägt wurden, vielleicht nicht zu erkennen ist. Wir sollten Reaktionen nicht verleugnen oder verändern sondern vielmehr ihren Ursprung finden, so dass die Reaktionen Sinn ergeben. Ohne Zugang zu unseren Gefühlen wären wir zu dem Schluss gezwungen, dass ein bestimmtes gegenwärtiges Verhalten irrational sei, weil wir uns seiner Vorgeschichte unbewusst sind; zum Beispiel Phobien.

Wenn man unser Verhalten, unsere eigenen Gefühle antreibt, kann das für uns Gefahr bedeuten, weil sie für die höheren Gehirnebenen zu viel sind, als dass sie diese akzeptieren und integrieren könnten. Das Gehirn hat ein Alarmsystem, das uns vor potentieller Überlastung warnt – mehr Gefühle, als erlebt und integriert werden können. Es sagt „schalt hoch“ für den Schmerzansturm, und das System gehorcht. Aber wenn das Schleusensystem „leck“ ist, lässt es zu viel Schmerz durch. Wenn diese Überlast an Schmerz/Hoffnunglosigkeit ihren Marsch zum Kortex beginnt, gehen die Sirenen los. Kortisol ist eine dieser Alarmsubstanzen. Der Alarm ist jedoch von allgemeiner Art, und viele Systeme sind davon betroffen. Der eigene Hippokampus des Gehirns kann durch zu hohe Kortisolsekretion über zu lange Zeit geschädigt werden, was in einem geschwächten Gedächtnis resultiert. Es ist keine Überraschung, dass jene von uns, die in ihrer ganzen Kindheit ängstlich waren, sich kaum an irgendwas erinnern. Eva erinnerte sich an so gut wie nichts aus ihrer Kindheit;  es war alles ein „schwarzes Loch.“  Sie sagte uns in dem Eingangsinterview, sie glaube, dass ihre Kindheit, obwohl sie ihr unklar sei, doch ziemlich glücklich gewesen sei. Das war nicht ganz der Fall, wie sie in der Therapie herausfand.

Ein gutes Beispiel für Überlastung ist ein kürzlicher Fall, wo eine 40jährige Patientin im Alter von 9 Jahren ein Bad nahm und einen elektrischen Heizlüfter neben der Wanne stehen hatte. Sie griff hinüber um den Heizlüfter zu bewegen und erhielt einen massiven Schlag. Sie wurde sofort bewusstlos, aber die Heftigkeit ihres Zappelns/ihrer Krämpfe zog den Stecker des Heizgeräts aus der Dose und rettete ihr Leben. Sie ging nach unten, um es ihrer Mutter zu sagen, die gerade bügelte. Ihre Mutter sagte: „Oh, zu dumm. Aber du scheinst jetzt okay zu sein.“ Sie machte mit dem Bügeln weiter. Die Bedeutung für ihre Tochter war in diesem Moment, der viele Augenblicke zuvor zusammenfasste: „Sie kümmert sich nicht. Es gibt keine Hilfe für mich. Sie liebt mich wirklich nicht.“

Über mehrere Monate erlebte sie diesen elektrischen Schlag wieder - ein Zappeln und Krampfen, genau so heftig wie damals, als es geschah. (Das ist gefilmt worden.) Sie hatte keine Ahnung, dass  dieser Schock noch da drin war. Es war reine elektrische Energie ohne Inhalt, dennoch verschloß diese Energie sie total. Sie hatte einen rigiden, unbeweglichen Gesichtsausdruck, der erst nach Monaten des Wiedererlebens nachließ und sich schließlich löste. Ihr ganzer Körper gefror zur Zeit des Schocks, und auch heute noch fällt es ihr schwer, leichte, fließende Bewegungen zu machen. Ihr gesamtes System scheint sich permanent kontrahiert zu haben -

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eine totale Überlastung. Ihre „Primals,“ wie wir sie nennen, beziehen sich auf ihre Anfälle und dann auf das Gefühl: „Sie kümmert sich nicht. Es gibt keine Hilfe. Es gibt keinen Ort, wo ich mich hinwenden könnte. Diese Erkenntnis war gewaltiger Schmerz, denn sie war eine Prophezeiung ihre kommenden Lebens. Sie starb beinahe. Ihre Mutter reagierte kaum. Die wichtigste Sache, die sie aus diesen Primals erfährt, ist, dass sie nie fähig war sich auszudrücken. Alles war im Inneren verschlossen;  sie schien tot. Jetzt endlich, da sie den elektrischen Schock ausdrückt, kann sie sich auch selbst emotional ausdrücken. Ihr Gesicht hat jetzt einen Ausdruck, während es zuvor ausdruckslos und unbeweglich war. Sie hatte ständig Angst zu sterben, und das war nicht nur ein Gedanke. Es war eine wirkliche Erfahrung. Ihre Alpträume waren voller Gefahr; in ihnen war sie kurz davor zu sterben. Ich habe viele Patienten gesehen, die diese Ängste hatten, und es war nicht wie etwas Zukünftiges – es war unmittelbar: „Ich sterbe jetzt!“

Wenn sie den Schlag nicht wiedererlebt hätte, hätten wir nie von ihrem Nahtod-Erlebnis erfahren. In der kognitiven Therapie wären ihre Ängste vielleicht als irrationale Gedanken behandelt worden. Der elektrische Schlag in der Badewanne unterscheidet sich nicht von einer Überlastung durch ein Feeling: “Es ist alles hoffnungslos. Niemand wird mich je lieben.“ Das ist auch elektrisch. Aber es hat einen Inhalt. Der Schock hatte keinen. Das machte es so teuflisch schwer, ihn zu entdecken. Es gab keine besondere Szene, auf die man sich berufen konnte. Es war ein „neutrales“ Erlebnis; pure Elektrizität, die uns die Überlastung, und wie sie funktioniert, klar erkennen ließ. Diese Überlastung kann auch den sexuellen Ausdruck hemmen (und sie tat es wirklich), obwohl sie mit Sex nichts zu tun hat.

Traumen können sich während der Schwangerschaft und bei der Geburt, wenn die höchsten Ebenen neurologischen Funktionierens der Hirnstamm und limbische Strukturen sind, in den Eingeweiden festsetzen. Wenn Patienten über viszerale Symptome wie Morbus Crohn klagen, beweist es uns, wie früh das Trauma verankert wurde. Die Anzeichen einer frühen Prägung/Einprägung sind Empfindungen – ein aufgewühlter Magen, Engegefühl in der Brust, Atmungsprobleme, Empfindungen, dass man gedrückt oder zerquetscht wird, und ein generelles Gefühl von Agitation.

Somit können die Amygdala und der Hippokampus die Freisetzung von Stresshormonen kontrollieren. Wenn das System mit Kortisol geflutet wird, kann der Hippokampus zum Beispiel dem Hypothalamus eine Botschaft senden, er solle nachlassen. In gewisser Hinsicht fleht die Amygdala „Lass es raus!“, während der Hippokampus bittet: „Halt es zurück!“ Wir wollen gerade so sehr gestresst werden, dass es reicht, um mit Notsituationen fertig zu werden, aber nicht so sehr, dass wir überwältigt werden. Wir wollen sicher sein, dass das Gefahrensignal nicht selbst zu einer Gefahr wird. Wir geraten nicht aufgrund einer irrationalen Kraft in Panik. Es gibt einen guten Grund dafür; etwas auf tieferen Gehirnebenen steuert sie. Die Panik (und Panik-

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attacken) sind die Reaktion auf einen Alarm, eine Gefahr. Kurz gesagt können Panikattacken ganz rational sein und auf reale eingeprägte Ereignisse reagieren. Zu oft versuchen wir, das Gefahrensignal zu entfernen, während wir die Gefahr intakt lassen. Das passiert oft, wenn die Gefahr unten im Hirnstamm liegt, außerhalb unserer Sichtweite. Solange wir mit Worten und Erklärungen handeln, können wir per Definition nie zu der ursprünglichen Gefahr gelangen.

Panik ist Schrecken aus der frühen Schwangerschaft. Dieser Schrecken selbst hat das verdrängende, schleusende System geschwächt, so dass jedes gegenwärtige Nachlassen der Wachsamkeit ihn auslösen kann. Er tritt lange Zeit vor dem depressiven Leiden auf, weil er sich vor der vollen Entwicklung des Hemmungs- und Schleusungssystems ereignet. Er ist rein körperlich und scheint so ein Rätsel zu sein – bis die Person tiefen Zugang erlangt. Dann ist es kein Geheimnis mehr. Es ist die primitivste aller Reaktionen; Worte werden sie nicht berühren. Sie repräsentiert die höchste Ebene der Gehirnfunktion zu jener Zeit. Betrachten Sie ihre Manifestationen: Kurzatmigkeit, Brustschmerz und –druck, schneller Herzschlag, Würgen oder Erstickungsgefühle, Schmetterlinge im Bauch, Benommenheit, und das Gefühl eines bevorstehenden Verhängnisses. Nichts davon benötigt einen Kortex oder Gehirnfunktionen höherer Ebene. Das ist ein sehr wichtiger Grund, warum Worte diese Reaktion nicht heilen können. Sie ist im Grund viszeral und und subkortikal. Diese Manifestationen sagen uns, dass sie einer sehr primitiven Gehirnorganisation entstammen und einer Zeit, als es für den Umgang mit Traumen nur eine rudimentäre zerebrale Struktur gab (der ein voll entwickelter Neokortex fehlte). Es gibt keine Einsicht, die diesen Terror heilen kann, weil er sein Leben begann, bevor wir Worte hatten.

Es ist, was wir bei niedrigeren Tieren sehen, die von anderen Tieren erschreckt werden. Ihre Reaktionen scheinen wie reine Panik. Wir sehen das bei einigen Individuen, die sich einer Computer-Tomographie unterziehen. In dem Moment, wenn sie in einer Stahl- und Zementhülle eingeschlossen sind, kommt Panik auf. Die Situation kommt dem nahe, was ursprünglich geschah. Es bedarf der Beengtheit einer solchen Maschine, um das primitive Gefühl wieder zu erwecken. Der Patient glaubt vielleicht, es sei die Maschine, die Angst erzeugt, aber es ist die primäre Panik aus einem eingeengten, geschlossenen Raum. Was die Tomographie-Röhre bewirkt, ist, dass sie eine resonierende Erinnerung stimuliert, keine Erinnerung von der Art, wie wir sie uns gewöhnlich vorstellen, weil sie eine körperliche Reaktion auslöst. Wenn wir diese Art von Angst haben, wenn wir einen Magnetresonanz-Scan (MRI) machen lassen, können wir ziemlich sicher sein, dass wir eine schwere Geburt durchmachten; kurz gesagt ist das eine differentielle Diagnostik, um Leute mit gesunder Geburt von solchen mit traumatischer Geburt zu unterscheiden. Ich weise die Techniker an, die MRIs an mir ausführen, dass sie mir in unregelmäßigen Abständen auf die Füße klopfen, so dass ich keine vollentwickelte Angstreaktion organisieren kann.

Es bedarf tatsächlich einer gewissen höheren zerebralen Organisation, um einen Angstzustand zu erzeugen. Die Auffassung von Resonanz ist wichtig, weil Situationen

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in uns unterhalb der Sprachebene resonieren können. Wir können erregt sein, auch wenn wir nicht wissen, womit die äußere Situation resoniert. So kann beim Sex ein nackter weiblicher Körper in einem Mann mit einem frühen Erlebnis mit seiner Mutter resonieren. Vielleicht war sie verführerisch, lange bevor das Kind es verstehen konnte. Ich hatte einen weißen Patienten, der eine sehr verführerische Mutter hatte; sie küsste ihren Sohn auf französische Art. Später konnte er nur Freundinnen haben, die schwarz waren oder Asiatinnen – eine weiße Freundin resonierte mit dieser frühen Verführung und erschreckte ihn. Hier resonierten „weiße“ Frauen mit einer weißen Mutter, die man zu meiden hat. Ich behandelte eine lesbische Frau, die von ihrem (weißen) Stiefvater sexuell belästigt wurde.  Sie konnte nur mit schwarzen Männern Beziehungen haben. Später resonierte jeder Mann mit dem frühen Stiefvater. Sie wechselte zu Sex mit Frauen. Es schien ihr viel sicherer.

Wenn es bei der Geburt zum Beispiel aufgrund von Sauerstoffmangel (Anoxie) zu einem Kampf auf Leben und Tod kommt, wird das existierende Reaktionssystem aktiviert, aber weil es aufgrund der kompletten Schmerzlast nicht voll reagieren kann (es voll zu fühlen würde bedeuten zu sterben oder wenigstens das Bewusstsein zu verlieren), reagiert es innerhalb seiner biologischen Grenzen partiell und gibt den übermäßigen Teil des Schreckens zur Verwahrung weg; es speichert ihn, bis unser System stark genug ist, um ihn zu fühlen und aufzulösen. Er lebt hinter den Schleusen unserer Verdrängung.

Wir reagieren jedoch auf diesen gespeicherten Schrecken ständig mit chronisch hohen Stresshormon-Spiegeln, einem beeinträchtigten Immunsystem, Fehlwahrnehmungen, sonderbaren Vorstellungen, Alpträumen und chronischem Unwohlsein. Dieses hohe Maß an Aktivierung nagt am kardiovaskulärem System, so dass wir mit 55 ernsthaft krank werden, obwohl wir zu der Zeit ein normales, entspanntes Leben zu führen scheinen. Es ist nicht überraschend, dass eine der höchsten Konzentrationen an hemmenden Neurotransmittern – Teil des Schleusenmechanismuses des Gehirns – im Thalamus gefunden wird, der so konstruiert ist, dass er überwältigende Information nicht weiterleitet. Er muss Schmerz aufhalten, wenn Schmerz den frontalen Kortex bedroht. Wenn in einer primärtherapeutischen Sitzung jemand Zugang zu Gefühlen hat und schließlich die Verbindung zustande kommt zwischen dem linken präfrontalen Kortex und tieferen Gehirnzentren, gibt es zuerst großen Schmerz und dann große Erleichterung. In einem Primal-Erlebnis (völliges Wiedererleben frühen Liebesmangels) kommt es zu einem solchen Ansturm von Schmerz, dass das Abwehrsystem zeitweise überwältigt und die Schleusung geschwächt ist, und was dann manchmal durchkommt, ist zwanghaftes Husten, das Gefühl zu ersticken und sehr schnelles Fußzittern (dieses Zittern kann eine halbe Stunde andauern, auch wenn der Patient sich dessen nicht bewusst ist). Es stammt oft aus der Tiefe des Gehirns und ist Bestandteil dessen, was wir als Angst- oder Panikzustand kennen. Es ist ein nichtverknüpfter Zustand.

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Wenn wir unserer inneren Realität nicht gegenübertreten, können wir auch unserer äußeren Realität nicht gegenübertreten, besonders wenn diese äußere Realität die inneren Gefühle auslöst, die wir zu vermeiden suchen. Mit anderen Worten bilden das Äußere und das Innere im Gehirn einen integrierten Schaltkreis. Letztlich ist das Äußere das Innere. Wenn es ein offenes sensorisches Tor gibt, wird Information von innen und von außen akzeptiert und integriert. Wenn das Tor verschlossen ist, sehen wir weder innen noch außen klar. Wir sind von uns selbst abgetrennt. Verdrängung hält das Innere davon ab, nach außen zu gelangen, und das Äußere, nach innen zu gelangen. Liebe hat in diesem Fall keine Chance, Zutritt zu bekommen. Wir leiden dann unter vielerlei psychosomatischen Krankheiten. Die Energie kann nicht verknüpft und integriert werden. Sie richtet weiterhin ihren Schaden an. Stellen Sie sich einfach einen Rammbock vor, der gegen die Tore schlägt. Gefühle sind so stark, und schließlich geben die Tore nach; deshalb kommt es zu Angst und Panikattacken.

 

Wenn in einer primärtherapeutischen Sitzung jemand Zugang zu Gefühlen hat und schließlich die Verbindung zustande kommt zwischen dem linken präfrontalen Kortex und tieferen Gehirnzentren, gibt es zuerst großen Schmerz und dann große Erleichterung.

 

Was die Medizin und Psychotherapie heute meistens beinhaltet, ist die Behandlung von Bruchstücken eines Menschen, Fragmente einer Original-Erinnerung, die ihre Verbindung zum Ganzen verloren hat. So haben wir Hustenanfälle, Druck auf der Brust, Angst, Phobien und das Verlangen davonzulaufen, alles Stücke einer Original-Einprägung. Wir behandeln dann vielmehr verschiedene Ableger einer zentralen Einprägung als die Einprägung selbst; die Behandlung wird dann zu einer endlosen Angelegenheit. Was wir bekommen, ist ein Fortschrittsfragment – eine Änderung der Fragmente früher Erfahrung. Wir behandeln die Phobien, den hohen Blutdruck und das Herzklopfen, manchmal alles mit der gleichen Droge. Warum? Weil alles aus einem Stück ist, Aspekte derselben frühen Erfahrung. Unabsichtlich behandeln wir die Erfahrung, obwohl wir uns deren vielleicht nicht bewusst sind. Zum Beispiel gibt es „erfolgreiche“ Kognitions- und Verhaltens-Therapien für Phobien. Die Phobie ist jetzt „geheilt.“ Aber ihre Ursache ist es nicht; sie wird weiterhin Schaden anrichten.

Der Thalamus und der präfrontale Kortex sind ein wechselseitiger Informationsdienst. Manchmal ist diese nach oben und vorne gesandte Information so überwältigend, dass sie nicht akzeptiert und integriert werden kann. Die Information wird

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an den Absender zurückgeschickt. Es gibt einen bestimmten Kern im Thalamus, der das Zentrum für die Wahrnehmung und Weiterleitung von Schmerz darstellt. Genau in diesem Kern kann Schmerz auf seiner Reise zum präfrontalen Kortex aufgehalten werden. Es ist auch das Areal, das zusammen mit den frontalen kortikalen Zentren die Integration von Feelings unterstützt, um sie verständlich zu machen. Der Thalamus stupst den Kortex an, damit er Gedanken herstellt, die dafür sorgen, dass wir uns weiterhin wohl fühlen. Wenn der Neokortex bereit ist, steigt ein annehmbares Maß an Schmerz auf und wird integriert. Unsere Aufgabe in der Primärtherapie besteht darin, vages Unwohlsein, Panik und Leiden in spezifischen Schmerz umzuwandeln; Integration zu erzeugen. Mit anderen Worten: Harmonie zu erzeugen.

Wenn ein Individuum seit Beginn seines Lebens überaktiviert worden ist, wird es für diese Person zu einem normalen Zustand. Sie denkt dann, sie sei normal. Das ist der Haken an der Sache. Die Person ist vielleicht überaktiv und glaubt, das sei normal, weil sie sonst nichts kennt. Das trifft deshalb besonders zu, weil wir unser Leben um die Einprägung herum organisieren, um sie rational und verständlich zu machen; wir füllen unser Leben mit Projekten und Plänen, um die innere Agitation zu rationalisieren. Wenn wir in der Primärtherapie die Schmerzaktivierung aus dem System herausnehmen, weiß der oder die Betroffene endlich, was „normal“ ist.

Gedanken stimmen mit Gefühlen überein und bilden mit ihnen eine Einheit. Wir reagieren als Gesamtsystem und nicht nur mit Gedanken. Wenn wir voller Wut sind, könnte das als ständiger Sarkasmus aussickern, der jemandem als normales Verhalten scheinen kann. Es ist einfach Teil seiner oder ihrer „Persönlichkeit.“ Wir sagen, dass sie oder er als Charaktermerkmal sarkastisch und zynisch ist, aber diese Eigenschaft ist das Ergebnis von Wut und Zorn, die tief im Gehirn gespeichert sind. Sie steigen empor und beeinflussen, was aus unserem Mund herauskommt, aber wir müssen mehr als das behandeln, was unser Mundwerk macht. Kurz gesagt folgt der Mund der Einprägung.

Wenn wir in unserem System Terror gespeichert haben, dann erscheinen gewisse Phobien für das System normal oder zumindest angenehm. Es gibt zwanghafte Händewascher, die sich damit ganz wohl fühlen und nicht im Traum daran denken würden, sich zu ändern; sie könnten es auch nicht. Das Ritual bindet den Schmerz. Tiefe Gefühle steigen zur Ebene des Verhaltens auf und steuern Zwänge. Ein prominenter Komödiant, der keine Türklinken anfassen kann, sagt, es gehe ihm ganz gut so und er wolle sich nicht ändern. Dieser Zwang (ein Handtuch benutzen, um Türen aufzumachen) beschwichtigt seine Ängste (deren Ursprung er nicht kennt) und bewirkt, dass er sich wohl fühlt.

Edith konnte nie leicht einschlafen. Ihr Gedankensystem aus weit ‚daneben’ liegenden Überzeugungen resultierte aus ständig strömenden Impulsen, die gegen den linken frontalen Kortex stießen, Impulse, die aus dem Autounfall entstanden, als sie in ihrem achten Monat im Mutterleib lag. Es war dieselbe Kraft, die ihren Geist nachts rasen ließ. Sie brauchte diese Vorstellungen/Gedanken, um ihr Wohlbefinden zu wahren.

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Normalerweise ist der frontale Kortex verpflichtet, uns so zu steuern und zu leiten, dass wir mit bestimmten Situationen fertig werden. Aber hier liegt die Gefahr im Verborgenen, so dass der Kortex zwar herangezogen wird um zu helfen, aber nur ohne Ziel und Richtung losstürmen kann. Wenn wir versuchen wollten, diese Gedanken/Vorstellungen mit kognitiver Therapie zu eliminieren, würden wir Schlüssel-Überlebensmechanismen ins Handwerk pfuschen.Wenn wir diese letzten Wochen ignorieren, die Edith im Leib ihrer Mutter verbrachte, können wir den Ursprung ihres Problems nie richtig einschätzen. Sie war seit Anbeginn ihres Lebens verängstigt und zerbrechlich;  sie hatte buchstäblich einen wackeligen Anfang. Für den Fetus ergab das, was bei dem Autounfall geschah, in keiner Weise einen Sinn; folglich wurde sinnloser Schmerz und namenloser Terror zu einer Einprägung. Es ist diese Art von Phänomen, die aufsteigt wenn die Abwehr schwach ist und die Person zwingt, alle möglichen Phobien oder sonderbaren Überzeugungen anzunehmen, die vielleicht für andere keinen Sinn ergeben.

Als Edith diese Erinnerung wieder aufspürte, begann sie mit einer Empfindung, zerquetscht zu werden, was für sie und den Therapeuten ein Rätsel war. Aber die Fährte führte zu höheren Gehirnstrukturen und schließlich zum Thalamus und dann zum Neokortex, wo sie sich des Zerquetschungsgefühls, des Terrors und der Zerbrechlichkeit bewusst wurde. Was fehlte, war das „warum“. Schließlich sagte ihr ihre Mutter, was in ihrem achten Monat im Mutterleib geschehen war.

Es wäre unmöglich, sie zu deprogrammieren, so dass sie von ihren sonderbaren Ideen abließe: sie hatten Wurzeln, die hinabführten bis zu den tieferen Bereichen des Gehirns und zu den Anfängen ihres Lebens. Edith entwickelte eine Phobie, durch die sie ihr Schlafzimmer für lange Zeit nicht verlassen konnte, nicht einmal zum Einkaufen. Ein Ausflug von zuhause weg machte sie ängstlich. Der Terror hatte einen Brennpunkt gefunden, aber es war nur ein Brennpunkt. Sie ging zu einem Verhaltenstherapeuten, der mit ihr nach draußen ging; zuerst einen Block, dann noch einen Block, dann zum Einkaufszentrum. Er hielt ihre Hand und beruhigte sie, als sie immer unruhiger wurde. Er tat, was ein guter Vater von Anfang an tun hätte sollen. Aber zweifellos war es nur eine vorübergehende Lösung, weil der wirkliche Terror so tief verborgen war, wie man es sich gar nicht vorstellen konnte. Nachdem sie ihren Schrecken voll und ganz gefühlt hatte, mussten die kleinen Ängste nicht mehr hier und dort entweichen. Sie verknüpfte sich mit einer verborgenen Erinnerung. Verfehlt man diese Verknüpfung, gehen die Ängste weiter.

Nehmen wir an, diese Ängste wurden in Aufzüge kanalisiert, in eine Angst, eingeschlossen zu werden, als Gegenstand des Schreckens. Der Schrecken ist tiefes Gehirn; der Brennpunkt ist höheres Gehirn. Psychotherapie kann keinen Tiefhirn-Schrecken durch eine Diskussion mit dem höheren Gehirn kurieren; dort liegt die Wunde nicht. Es kann Umstände im Leben geben, die eine solche Phobie erzeugen könnten, wie z. B. als kleines Kind in einem Aufzug oder in einem anderen eingeengten Raum stecken zu bleiben, aber wirklicher Terror – ein Ereignis auf Leben und Tod – leitet sich nur selten von Geschehnissen in der späten

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Kindheit ab. Die Einprägung ist der Ursprung, der Schrecken wird zur Reaktion und die Phobie wird zum Brennpunkt. Wir müssen das auseinanderhalten, damit wir das Problem verstehen, und uns dann der Einprägung mit ihrer Reaktion zuwenden. Die Einprägung erzeugt den ganzen Rest.

Um ihre Ausgeh-Phobie zu kontrollieren, musste Edith dorthin zurückkehren, wo sie sich sicher fühlte – nach Hause. Das rührte von dem Unfall her, aber in der Primärtherapie verschwanden ihre Phobien allmählich mit der Zeit, ohne dass sie je direkt diskutiert wurden. Die Welt war für sie gefährlich, und sie wusste nie warum; sie war gefährlich, noch bevor sie ihren ersten Atemzug machte. Sicherheit lag für sie im Kokon ihres Zuhauses, das der Mutterleib war. Sie fühlte sich wohl, wenn sie nicht ausging. Sie versuchte zu einem sicheren Platz zurückzugehen, wie der Mutterleib es war, bevor der Unfall geschah. Draußen in der Welt zu sein, rief den Unfall und den unbewussten Schrecken wieder wach. Sie hatte immer Angst, dass etwas Schreckliches geschehen könnte, wenn sie von zuhause weg war. Etwas Schreckliches war bereits geschehen; es lag als Erinnerung in ihrem ganzen System. Weil es unzugänglich war, musste sie sich auf die Gegenwart konzentrieren. Sie machte, was Freud als „Projektion“ bezeichnete. Sie projizierte Ängste aus einer frühen Erfahrung auf die Gegenwart.

Unser normaler Bezugsrahmen für das Verständnis der Welt sollten wir selbst sein. Aber wenn wir uns selbst nicht haben, keinen Zugang zu unseren Gefühlen haben, verlieren wir unseren persönlichen Bezugsrahmen und müssen uns auf Außenstehende, Gurus, Therapeuten und so fort verlassen. Solange wir keinen Zugang haben, wird ihr Urteil und ihre Wahrnehmung die unsrige. Sie können ihre Vorstellungen auf unseren frontalen Kortex downloaden und ihre Gefühle auf unser limbisches System. Wir verlieren die Fähigkeit zu sehen, ob das, was sie sagen, sich richtig anfühlt, weil wir den Zugang zu diesem limbischen System verloren haben. Wir richten uns dann nach den Worten und nicht nach den Gefühlen.

Wenn wir keinen Zugang zu unseren Gefühlen haben, neigen wir dazu, den falschen Partner zu wählen, weil wir uns nur an ihrem äußeren Verhalten orientieren und nicht an dem, was darunter liegt. Wir können weder spüren noch sehen, wie Leute wirklich sind. Worte und Verhalten, die Fassade, werden zum Wichtigsten überhaupt.

Im Allgemeinen ist das, was wir in anderen sehen, die Erfüllung unserer Bedürfnisse – jemand, der uns führt, sich um uns kümmert, uns beschützt, freundlich zu uns ist, aggressiv für uns ist, oder der all die sozialen Dinge macht, die wir wir nicht machen können. Wir sehen in anderen die Erfüllung unserer Bedürfnisse.Wir mögen andere Leute, wenn sie uns bieten, was wir brauchen. Wir mögen sie nicht, wenn sie das nicht tun. Ein Narzist zum Beispiel, der ständige Aufmerksamkeit braucht, wird jemanden nicht mögen, der nicht nur nicht zuhört sondern auch die ganze Aufmerksamkeit für sich selbst will. Die meisten von uns verbringen ihr Leben damit, nach symbolischer Erfüllung zu suchen – jemanden finden, der

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kritisch ist, und versuchen, seine Zustimmung zu gewinnen – der wiedererschaffene Kampf mit einem hoffentlich besseren Ausgang. Oder jemanden finden, der kalt ist, wie z.B.unsere Mutter, und versuchen sie warmherzig zu machen. Wir scheinen immer von Null zu beginnen, erschaffen das ursprüngliche Trauma aufs Neu und versuchen, zu der erwünschten Lösung zu kommen. Wir geben den Versuch niemals auf.

Wir dürfen für Erklärungen über Verhalten und Symptome nicht allein Gehirnsubstanzen oder –strukturen überprüfen, und genau so wenig sollten wir uns dafür  allein auf die Psychologie konzentrieren. Gehirn und Körper sind eins. Wir dürfen den Standard für Wellness nicht als kortikale Normalisierung betrachten, ohne andere Sektoren des Gehirns zu berücksichtigen, wie es einige von den Leuten tun, die Gehirn-Biofeedback-Sitzungen durchführen. Umgekehrt dürfen wir uns nicht von der Psychologie abhängig machen, um Normalität zu bestimmen. Das heißt, wir dürfen uns nicht mit Patientenberichten zufrieden geben noch damit, wie sie in psychologischen Tests abschneiden. Unsere Körper sprechen eine Sprache, und wir können diese Sprache verstehen, wenn wir wissen, wo man hinschauen muss und wie man zuhört. Wir müssen weiter und noch tiefer forschen.

 

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KAPITEL 4

DIE EINPRÄGUNG: WIE SIE UNSER LEBEN DIRIGIERT

Einer meiner Patienten hatte Eltern, die ihn von allem abzuhalten versuchten. Von Anfang an wollten sie von ihm nicht gestört werden, und sie befahlen ihm, sich auf seinen Stuhl zu setzen, sich nicht zu bewegen und nicht zu reden. Das war der Deckel auf eine blockierte Geburt, bei der er große Probleme hatte herauszukommen. Diese zwei traumatischen Erlebnisse während der kritischen Periode wurden für ihn zu einer Einprägung, vereinigten sich und führten dazu, dass er nicht zu bremsen war, wenn er einmal außer Kontrolle geraten war. Er wusste es nicht, aber er reagierte auf Ereignisse, die vor langer Zeit geschehen waren. Aufgehalten werden bedeutete ursprünglich den Tod; hätte er bei der Geburt nicht hinausgekonnt, wäre er gestorben. Er musste sich seinen Weg hinaus erzwingen, und wenn er später mit Hindernissen konfrontiert war, wurde er übertrieben aggressiv. Er kämpfte gegen die Geburt und gegen Eltern, die ihn nicht seinen Weg gehen ließen. Seine einzige Problemlösung war vorwärts zu stürmen, wobei er nie wusste, wann er sich zurückzuziehen hatte.

Ein anderer Patient hatte ganz andere persönlichkeitsformende Schlüssel-Ereignisse während der kritischen Periode. Seine Mutter war während der Geburt schwer betäubt. Das Anästhetikum drang in sein System ein und nahm ihm den Sauerstoff. Um sich selbst zu retten, verlangsamte sich sein System und wechselte in einen passiven, abwartenden Modus - eine Physiologie der Niederlage und Verzweiflung, da er nichts an dem ändern konnte, was geschah (die Anästhesie). Das verschlimmerte sich später durch die Art, wie seine Eltern ihn in der Kindheit behandelten, da sie nie zuließen, dass er seine Gefühle ausdrückte oder etwas einzuwenden hatte. Es hatte keinen Zweck, bei der Geburt zu kämpfen und später hatte es keinen Zweck, mit seinen Eltern um irgendwas zu kämpfen, denn das hätte sie nur noch zurückweisender und teilnahmsloser gemacht. In
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beiden Fällen wurde er von äußeren Kräften dominiert, über die er keine Kontrolle hatte, und er hatte keine andere Wahl als nachzugeben und aufzugeben. Passivität war die angemessene und in der Tat lebensrettende Reaktion. Und von da an gab er auf, wenn er auch nur mit kleineren Hindernissen konfrontiert war, wie er es ursprünglich und später bei seinen Eltern getan hatte. Tatsächlich wechselte er immer wieder in einen "Niederlagen"-Modus, genau wie er es von Beginn an getan hatte.

Beide Patienten sind, wie viele von uns, Opfer gewisser Ereignisse. Frühe Erfahrungen während der entscheidenden ersten drei Lebensjahre formen in hohem Maß unsere Persönlichkeit und unsere Gesundheit. Die Katholische Kirche pflegte zu sagen: "Gebt mir ein Kind bis zum Alter von sechs Jahren, und es wird für immer ein Katholik sein." Es stellt sich heraus, dass sie nur die ersten drei Jahre brauchen. Das ist beinahe das Ende der kritischen Periode, wenn wir so ziemlich zu dem werden, was wir für den Rest unseres Lebens sein werden. Wir werden entweder optimistisch oder pessimistisch, konzentriert oder zerstreut, aktiv oder nachdenklich; oder wir versuchen aufzugeben, orientieren uns nach außen oder nach innen, überwinden Hindernisse oder werden von Hindernissen überwältigt, schauen nach vorne oder zurück, sind zielgerichtet oder tappen herum, sind aggressiv oder passiv. Es gibt Leute, die immer hilfreich sind - ihr eigenes Bedürfnis nach Hilfe verleugnen, - im Gegensatz zu Leuten, die ständig Hilfe wollen, - also Hilflosigkeit ausagieren. Denken Sie daran, dass das Ausagieren  automatisch und unbewusst ist, weil auch das steuernde Gefühl so ist. Wenn wir also nie eine Mutter hatten, die uns half, bringen wir andere dazu es zu tun, und dann sind wir nicht einmal dankbar, weil wir es erwarten. Es gibt Leute, die durchs Leben gehen und versuchen, alte Bedürfnisse zu befriedigen, im Gegensatz zu denen, die aufgeben. Das Bedürfnis ist für jeden das gleiche, aber frühe Lebensumstände drehen uns in die eine oder andere Richtung. Weil wir in diesen entscheidenden Jahren weitgehend fühlende Geschöpfe sind, ohne die kognitiven Kräfte, die später kommen, wird der Kern des Selbst in hohem Maß durch "Kette und Schuß" präverbaler und nonverbaler Prozesse gestaltet. Darüber hinaus fangen auch die Krankheiten hier an, die uns befallen werden. Natürlich muss man bei jeder Krankheit genetische Faktoren in Betracht ziehen, aber ich habe herausgefunden, dass in den meisten Fällen Umweltfaktoren vorherrschend sind. Um es zu wiederholen: Weil wir die Zeit im Mutterleib übersehen haben, die wichtigsten neun Monate unseres Lebens hinsichtlich unserer Persönlichkeitsgestaltung, haben wir gezwungenermaßen Schlüsselereignisse ignoriert, die uns veränderten. Deshalb haben wir uns selbst in das genetische Kästchen hineinportraitiert, wo wir fälschlicherweise genetische Faktoren annehmen müssen für etwas, das mit größter Wahrscheinlichkeit durch die Zeit im Mutterleib, die Geburt und frühe Kindheit verursacht ist.

Die Auffassung der Prägung/Einprägung steht seit einigen Jahrzehnten im Mittelpunkt meiner Arbeit. Wenn ein frühes Trauma während der kritischen Entwicklungsperiode groß ist, wird es zu einer Einprägung - ein permanenter Zustand. Die Leidenskomponente, der
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Teil, der nicht integriert werden kann, weil es mehr ist, als man ertragen kann, wird abgeschnitten und gespeichert. Das ist die Einprägung, und sie nimmt in unserem Nervensystem ein Eigenleben an.

Sie wird zu einer fremden Macht, nicht wirklich ein Teil von uns, sie ist abgesondert und sucht dennoch nach Eingangswegen in unser volles Bewusstsein. Es ist diese fremde Macht, die unsere Gedanken und unser Verhalten formt. Einige Leute nehmen "fremde Mächte" in der Welt wahr; die sind nichts anderes als ihr eigener nach außen projizierter Schrecken. Die traumatische Einprägung geschieht aufgrund zweier wichtiger Gründe. Die erste ist eine schwierige Geburt, während die zweite eine fehlende liebevolle Beziehung zwischen zwei Leuten ist - zwischen Mutter und Kind und offensichtlich zwischen Vater und Kind. Jedoch ist es in der Regel die Mutter, die zuhause bleibt und sich um die Kinder kümmert.

Früher diskutierte ich, wie wichtig es ist, dass das mütterliche Gehirn mit dem ihres Kindes in Einklang steht, und sagte, was formt, ist eine Art wechselseitiger zerebraler Resonanz. Je mehr sich die Mutter in Synchronität mit dem rechten Gehirn des Babys befindet, umso besser organisiert ist das rechte Gehirn des Kindes. Wenn ihre Beziehung asynchron ist, sind die Grundlagen geschaffen für eine nachteilige Einprägung.

Es gibt viele Möglichkeiten, das Gefühl einzuprägen, man werde nicht geliebt. Zum Beispiel kann ein männliches Kind in einer Situation, wenn es gleich nach der Geburt keine Zuwendung bekommt, nicht gehalten oder zärtlich behandelt wird, mit "Ich bin ganz allein" geprägt werden, ein Gefühl, das sich erst Jahre später artikuliert. Irgendwann später geht eine Freundin, und er taumelt in eine tiefe Depression. Warum? Sie hat die Einprägung "Ich leide unter schrecklicher Verlassenheit" aus der Zeit unmitelbar nach der Geburt ausgelöst. Wenn er keine Ahnung hat, was nicht stimmt, mag er unter Depression leiden oder fühlt sich inmitten einer Menge entfremdet und von einer unbeschreiblichen Einsamkeit befallen. Das Gefühl totaler Verlassenheit kann jemanden überkommen, der auch nur für einen Nachmittag allein gelassen wird. Er kann nicht allein sein, kann das primäre Alleinsein nicht fühlen, das vernichtend war und ist. Gibt es eine "gute" Einprägung? Es gibt gute Erinnerungen, die uns formen und uns erlauben, dass wir uns normal entwickeln. Sie werden nicht im Unbewussten gespeichert, wie das bei schlechten Ereignissen der Fall ist. Sie sind zugänglich, weil es keinen Grund gab und gibt, sie zu verdrängen. Frühe Liebe wird einfach zu einem Teil von uns, wohingegen schlechte Ereignisse zu etwas Fremdem werden und dann gespeichert werden.

Forschungen an der UCLA und an der University of Toronto kamen zu dem Schluss, dass Depression vielleicht durch Fehlfunktion bestimmter Nervenschaltkreise verursacht wird, die das limbische System mit dem präfrontalen Kortex verbinden. Und natürlich finden wir das auch in unserer Arbeit mit Patienten; nur die Ursachen sind anders. Es ist keine Fehlfunktion, sondern eine entscheidende Funktion, damit wir unbewusst bleiben können. Das heißt, es gibt eine Trennung zwischen den zwei Systemen, die uns dabei hilft,
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dass wir von Schmerz-Input nicht überwältigt werden. Es ist ein Überlebensmechanismus, keine "Fehlfunktion."

Allein nicht zu kommen, wenn ein Kind ruft, übermittelt die Botschaft, dass es unwichtig ist, dass niemand sich kümmert. Ein Baby in der Wiege Stunde um Stunde ausschreien zu lassen, induziert letzlich ein Gefühl der Niederlage: "Was hat es für einen Zweck? Ich kann nicht mehr." Das Feeling kann die bereits bestehende Tendenz zu Resignation und Verzweiflung verschlimmern, die vom Geburtstrauma herrührt. Jede neue Erfahrung baut auf Einprägungen auf und formt die Persönlichkeit. Wir sehen das in der Forschung an Ratten bestätigt. Die Ratten, die von Anfang an nie berührt oder gestreichelt wurden, mit denen man sich in den ersten 21 Tagen nie beschäftigte, erfuhren lebenslange Auswirkungen dieser Deprivation. Sie konnten mit Stress nicht so gut umgehen wie die Ratten, mit denen man sich beschäftigt hatte.

Wenn die Einprägung "ungeliebt" erst existiert, kann niemand je erreichen, dass wir uns geliebt fühlen. Das ist eine Kerntatsache unseres Lebens, die ein jeder von uns in einer irren Jagd zu meiden sucht. Wir versuchen, uns von Freunden, Familie, Kindern (vor allem unseren eigenen Kindern) geliebt zu fühlen, und sogar vom Platzanweiser im Theater. Wenn der aus der Tatsache enstandene Schmerz, dass man in den ersten Wochen und Monaten des Lebens nicht geliebt wurde, sehr tief ist, können wir später einem Kult beitreten und an die bizarrsten Ideen glauben, - alles auf der Suche nach der Liebe, die wir nicht bekommen hatten. Die Einprägung von Hoffnungslosigkeit könnte den Glauben an eine Gottheit oder einen Guru ins Leben rufen, der Hoffnung anbietet. Ein Patient begann einen Inzest-Vorfall wiederzuerleben. Am Gipfelpunkt seines Fühlens setzte er sich auf und sagte, er habe Gott gefunden. Er sagte, er sei von Gott gerettet worden. Tatsächlich wurde er durch die Idee oder Vorstellung eines Gottes gerettet - eine Vorstellung, die ihm half, das schreckliche Feeling zu blockieren, das zu erfahren er im Begriffe war. Er wurde "gerettet" durch die gedankliche Vorstellung, dass er gerettet werde. Hier haben wir die von mir erwähnte Durchtrennung der Verknüpfung zwischen präfrontalen Gedanken und Gefühlen, die das limbische System birgt. Es ist ein Beispiel für die Entwicklung von Glaubensvorstellungen. Schmerzvolle Gefühle einer tieferen Ebene bewirken die Produktion von Gedanken und Glaubensvorstellungen, genau wie in der Evolution der Menschheit widrige Ereignisse die Schaffung eines frontalen Kortexes förderten, der schließlich Vorstellungen entwickeln konnte, um vor innerer Gefahr zu fliehen. Das gründet auf der Annahme, dass die Ontogenese (unsere persönliche Evolution) die Phylogenese (die Evolution der Spezies) rekapituliert. Mit der Entwicklung des präfrontalen Areals konnten wir endlich vor innerer Gefahr fliehen, was wir im Tierleben nicht konnten.

Unsere unbewussten Einprägungen ("Niemand will mich," "Zwecklos, sich um Liebe zu bemühen") haben uns jeden Tag fest im Griff, und unser Verhalten als Erwachsene ist die Entsprechung der Einprägung. Sie steckt in unserer Haltung, unserem Gesichtsausdruck und Gang. Vor allem steckt sie in den Entscheidungen, die wir treffen, in unseren Hobbys, in dem Beruf oder in der Arbeit, die wir wählen, und in den Menschen, auf die wir
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uns einlassen. Die Physiologie der Hoffnungslosigkeit ist das Grundglied einer ganzen Gefühlskette, die letztlich in Depression mündet. Wir können uns besiegt fühlen, lange bevor wir dafür Worte haben. Viele meiner Patienten berichten, dass sie als Resultat dieses Niederlagengefühls ihre schulischen Benmühungen aufgaben. Oder sie gaben den Versuch auf, im Leben einen Partner zu finden, wenn sie auf das geringste Hindernis stießen. Viele Entscheidungen, die wir im Leben treffen, fallen unter den Bereich solcher Paradigmen.

Wenn das verzweifelte Bedürfnis nach der Mutter in den ersten Monaten nach der Geburt vereitelt wird, verzichtet ein Mann vielleicht als Erwachsener auf jede Liebeschance, weil er immer noch im "Ich-brauche-meine-Mutter"-Modus feststeckt. Keine Frau kann ihm das Gefühl von Befriedigung geben, weil die Einprägung darin besteht, dass er sich unbefriedigt fühlt. Er geht von Frau zu Frau, fühlt sich nie befriedigt und denkt ständig, dass eine andere Frau die ideale für ihn sei. Was ist letztlich ein "Womanizer"? Einer, der eine Frau nach der anderen braucht, und es ist nie genug.

Das Fehlen einer liebevollen Mutter hat tiefgreifende Auswirkungen auf das kleine Mädchen, das Jahre später, wenn es erwachsen ist, herausfindet, dass sie die Milch nicht hat, die sie für ihr eigenes Baby braucht. Das kommt daher, dass eine geringere Menge des während ihrer frühen Kindheit produzierten Hormons Oxytozin die Fähigkeit der jetzt erwachsenen Mutter schwer beeinträchtigt hat, ihr eigenes Kind zu lieben und Milch zu produzieren. Es keine Willenssache, die eine Mutter vorzeitig zur Arbeit zurückkehren und ihr Kind vernachlässigen lässt. Sie wird vom gleichen Liebesmangel getrieben, unter dem ihr Baby leiden wird. Es ist so schwer zu glauben, dass das alles von vorgeburtlichen Ereignissen oder den ersten Wochen und Monaten des Lebens stammt. Wir gehorchen einfach diesen Erinnerungen und spulen sie ab, als hätten wir freien Willen; als würden wir uns bewusst entscheiden, so zu handeln. Aber leider ist es sklavischer Gehorsam gegenüber unsichtbaren und unbekannten Primärkräften, die unser Leben an sich reißen. Unser Erwachsenenleben ist größtenteils nur eine Rationalisierung für die Einprägung. Ich hatte eine Patientin, die nie zur Wahl ging, weil sie dachte, was sie wolle, würde niemals zählen. Und das traf bei ihren Eltern zu; die interessierte nicht einmal, was sie zum Mittagessen wollte. Also war sie sich sicher, dass ihre Stimme - wen sie wollte - keine Konsequenzen hatte.

EINPRÄGUNGEN UND NEUROPHYSIOLOGIE: WIE ERINNERUNG EINGEPRÄGT WIRD

Die Konzeption der Einprägung wird durch neue Forschungen bekräftigt, die zeigen, dass ein extremes frühes emotionales Trauma in unser System als physiologisches Ereignis eingeprägt und eingeschlossen wird und fortdauernde physiologische Auswirkungen hat. Aus genau diesem Grund ist ein präverbales Trauma, das sich ereignet, bevor das frontale denkende Areal gereift ist, entscheidend für unsere
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Entwicklung und fährt ein Leben lang fort, unsere Persönlichkeit, Verhalten und Gesundheit zu beeinflussen.

James Mc Gaugh von der University of California in Irvine führt aus, wie im Fall schwerer Emotionen Katecholamine (Alarmsubstanzen, die Neurosäfte der Wachsamkeit) abgesondert werden, die die Erinnerung tendenziell versiegeln; sie also tatsächlich ins Gehirn eingravieren. Sie wird in meiner Terminologie zur Einprägung. Es bedeutet, dass ein extremes emotionales Trauma in unser System als psychophysiologisches Ereignis eingeschlossen wird. Es ist nicht nur psychologisch oder nur körperlich sondern vielmehr beides zugleich, und es kann ein Leben lang andauern. "Keiner will mich" besteht zum Beispiel fort, weil es zu jener Zeit einfach zu viel war, als dass man es hätte fühlen und integrieren können. Die Einprägung verändert unser Gehirn und steuert unser Verhalten.

Forscher haben sowohl den Ort dieser traumatischen Einprägungen im Gehirn identifiziert als auch die Mechanismen, durch die sie permanent eingestempelt werden. Erinnern Sie sich, es gibt eine Kaskade physiologischer Reaktionen, die aus der zentralen Mitte eines Erlebnisses kommen. Die Einprägung setzt sich fort, bis wir in der Lage sind, in dieses Zentrum zurückzukehren, diese Reaktionen wiederzuerleben, sie bewusst zu machen und schließlich zu integrieren. Somit besteht keine Notwendigkeit mehr, physiologische Prozesse zu verzerren oder zu verlagern. Hoher Blutdruck wird durch die Erinnerung an ein Trauma in Gang gehalten, das ursprünglich Veränderungen des Blutdrucks einbezog. Er war Teil des Galvanisierungsapparats, um gegen die Intrusion eines Traumas anzukämpfen - zum Beispiel Strangulierung durch die Nabelschnur. Wenn man das mit Würgen und Ersticken verbundene Ereignis wiedererlebt und integriert, bedeutet dies, dass es nicht mehr nötig ist, das eingeprägte Ereignis zu bekämpfen. Je früher ein Trauma stattfindet, umso mehr wird das junge, rudimentäre Gehirn umstrukturiert und umso schwieriger lässt es sich wieder ändern. Deshalb sind Panikattacken so halsstarrig: sie setzen sich schon früh in der Schwangerschaft fest.

Einprägungen in der kritischen Periode werden in der rechten Hemisphäre des Gehirns und besonders im rechten limbischen System, im "fühlenden" Gehirn, eingraviert. Das rechte Gehirn entwickelt sich früher als das linke. Bei der Geburt ist unter den limbischen Strukturen die rechte Amygdala, die unbearbeitete Informationen bewertet, gemeinsam mit dem Hirnstamm aktiv, dessen Entwicklung von der frühen Schwangerschaft bis zu den ersten sechs Lebensmonaten währt. Der Rest des limbischen Systems wird bald danach aktiv, und das rechte limbische System befindet sich bis zum zweiten Lebensjahr des Babys in einer beschleunigten Wachstumsphase.Der Hippokampus, eine andere limbische Struktur, die als Fakt registriert, was mit uns ganz früh geschieht, ist etwa im Alter von 2 Jahren reif. Wenn es in den kritischen ersten Jahren ein Trauma gibt, helfen verschiedene Gehirnstrukturen, die mit Wachsamkeit zu tun haben, wie z. B. der locus caeruleus, bei der Organisation der chemischen Sekretionen für die Einprägung. Der Hippokampus
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hilft, die eingeprägte Erinnerung zu konsolidieren, während der innere Kern, das Wesentliche des Feelings von der Amygdala bereitgestellt wird. Zum Beispiel ist es die rechte Amygdala und der Hirnstamm, die jeden Unruhe- oder Erregungszustand eingravieren, in dem die Mutter sich befindet. Übrigens ist die Vorstellung vom "Kern des Feelings" meine Vermutung, die auf der Gesamtheit verschiedener Forschungsstudien beruht. Es ist induktive Logik, keine etablierte Tatsache. Vielleicht ist es einfach eine Metapher, aber es scheint keine andere Struktur zu geben, die diesem Anspruch genügen würde. Feelings sind gewiss die Eigenart des limbischen Systems, und die Amygdala vergrößert sich, wenn es ein präverbales Trauma gibt. Sie trägt die Hauptlast des Traumas und scheint aus den Nähten zu platzen.

Man muss sich auch fragen, warum die neurochemischen Alarmsubstanzen bei der Einprägung helfen. Zweifelsohne deshalb, weil man sich an große Gefahr als einen Führer für die Zukunft erinnern muss, als etwas, das man vermeiden muss. Und wenn wir später in Gefahr sind, durchforscht das Gehirn seine Geschichte nach den Schlüssel-Einprägungen und benutzt sie als Wegweiser.

EINPRÄGUNGEN VERBIEGEN UNS PHYSIOLOGISCH

Unsere Emotionen beeinflussen unser System viel eher, als unsere Denkprozesse dies tun. Es ist die rechte Seite, mit der wir von Anfang an Stress bewältigen, und das bestimmt vielleicht, wie das Gesamtsystem reagieren wird. Der Prototyp "verbiegt" unsere physiologischen Prozesse auf globaler Ebene. Es ist das Netz aus rechten limbischen Zellen und Hirnstammzellen, das die Hormonsekretion und andere physiologischen Prozesse beeinflusst; dort werden unsere Gefühle direkt in unsere Biochemie übersetzt. Auf diese Weise können unsere frühen Erlebnisse bestimmen, welche Hormone in zu hohem Maß und welche in zu geringem Maß abgesondert werden und welche Neurotransmitter-Spiegel normal und ausgeglichen sind oder nicht.

Für den (vom sympathischen Nervensystem mobilisierten) "Sympathen" scheint ein Übermaß an Sekretion zu gelten. Jemand ist vielleicht ziemlich oft "aufgedreht" aufgrund einer Übersekretion von Aggressionshormonen - zum Beispiel mehr Noradrenalin aufgrund von Einprägungen der ersten Ebene. Das kann später auch eine Rolle spielen bei der Entwicklung chauvinistischer Attitüden: "Wir müssen diese Bastarde kriegen!"

Vielleicht verursacht Aggressivität nicht mehr Adrenalin, sondern ein frühes Trauma erzeugt Aggression als Stil und zusammen damit einen höheren Spiegel aktivierender Hormone.

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Im Gegensatz dazu bleibt der (vom parasympathischen Nervensystem dominierte) Parasympath im "Hypo"-Modus. Viele seiner wesentlichen Hormone und Neurotransmitter liegen unterhalb des normalen Ausstoßes: Hypothyreoidismus, weniger Testosteron, niedrige Serotoninspiegel und so fort. Obgleich wir bei Parasympathen niedrige Testosteronwerte fanden, war bei Sympathen das Gegenteil der Fall. Als Resultat dieser Prototypen und ihrer systemischen Effekte tendiert der Parasympath vielleicht zu Impotenz; der Sympath hat vielleicht ein Problem mit vorzeitiger Ejakulation. (Bei sechs von uns untersuchten Männern mit Testosteronwerten von mehr als 600 Nanogramm je Deziliter verzeichneten wir nach sechsundzwanzig Therapiewochen ein Absinken zwischen 15 und 35 Prozent. Diejenigen mit niedrigen Startwerten zeigten einen Anstieg zwischen 20 und 35 Prozent.) All das rührt von biochemischen Sollwerten her, die vielleicht weit zurück in der frühen Kindheit oder bereits zuvor festgelegt worden waren. Persönlichkeit und Hormone marschieren im Gleichschritt, sie begleiten einander. Somit haben diejenigen mit hohen Testosteron- und Noradrenalinwerten tendenziell vielleicht eine aggressivere Persönlichkeit. Vielleicht verursacht Aggressivität nicht mehr Adrenalin, sondern ein frühes Trauma erzeugt Aggression als Stil und zusammen damit einen höheren Spiegel aktivierender Hormone.

Frühe Änderungen bei Hormonen und Neurotransmittern sind keine vorübergehende Angelegenheit. Sie gehören zu der Methode, wie Erinnerung eingeschrieben wird. Es besteht eine Gefahr: Mangel an Befriedigung. Und diese Gefahr, dass Bedürfnisse nicht befriedigt werden, wird von einer übermäßigen Sekretion von Stresshormonen begleitet. Ein dem Fetus und Kleinkind zugefügtes Trauma bedingt, dass das sympathische System einen Gang höher schaltet und mehr Adrenalin, Dopamin, Kortisol und Noradrenalin produziert. Wenn das Bedürfnis unbefriedigt bleibt, werden wir aktiviert. Wachsam zu sein ist Überlebenssache; die Flucht erfolgt vor uns selbst, vor unserem vollen Bewusstsein, vergessen Sie das nicht. Das ganze System befindet sich im Alarmzustand und bleibt dort, solange die Einprägung im System fixiert ist und Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Es ist nicht so, dass wir eine Erinnerung haben und dann Hormonänderungen erfolgen; diese Änderungen sind Teil des Erlebnisses. Und die Veränderungen in der Biochemie beeinflussen wiederum unsere Gedanken und Einstellungen und unser Verhalten. Weil Änderungen der Neurosäfte und Hormone Teil der Erfahrung sind, muss die volle ursprüngliche Erfahrung wieder erlebt werden, damit sie sich wiederum verändern können.

Zum Beispiel beeinflussen Gefühle den Hypothalamus, der über den Ausstoß der "Liebeshormone" Oxytozin und Vasopressin wacht. Diese Hormone helfen uns, liebevolle Beziehungen einzugehen, und sie funktionieren auch als partielle Schmerzkiller. Liebe kann das leisten. Liebe ist für ein kleines Kind der Hauptschmerzkiller, und somit ist es kein Zufall, dass unsere "Liebeshormone" im Fall früher Liebe in Hülle und Fülle vorhanden sind. Aber wenn niemand kam und uns früh im Leben liebhatte, als wir einsam waren oder uns vernachlässigt fühlten, werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit chronisch
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unter einem niedrigen Ausstoß dieser Hormone leiden. Das zugrunde liegende Gefühl wird sein: "Niemand will mich" oder "Niemand liebt mich." Es war und ist hoffnungslos. Das Gefühl "Niemand will mich" regiert unser Leben. Es macht uns scheu in sozialen Situationen. Es kann ein Kind auch so zornig machen, dass es gewalttätig wird. Was anderes ist eine Gang als eine wirkliche Familie mit Führern, ein Ort, wo man hingehört und der einen Auslass bietet für den Zorn. Die Gang bietet Brüderschaft, Akzeptanz, Anerkennung und Kameradschaft. Letztlich brauchen wir vielleicht Tranquilizer, um das Gefühl zu unterdrücken, dass "niemand mich will." Dieses Gefühl tut weh - jedes vereitelte Bedürfnis tut weh.

Beweise für das, was ich gerade erörtere, findet man in der Forschung von Johannes Odendall aus Südafrika (Pretoria Technikon), der Tierbesitzer und ihre Haustiere untersuchte, die sich zusammen entspannten, und wo die Tiere liebkost und gestreichelt wurden. Dann nahm man Blutproben von Mensch und Tier. Das Ergebnis: Der Blutdruck fiel, während das Oxytozin sich verdoppelte. Es verdoppelte sich nicht nur bei den Hunden sondern auch bei den liebevollen Menschen! Für mich ist ganz klar, dass frühe Liebe uns zu entspannen hilft - ein Leben lang, und vielleicht macht sie dasselbe mit der Mutter.

Hormon- oder Neurotransmitter-Mangel kann auch Anfälligkeiten begründen, so dass ein späteres Trauma ein voll ausgewachsenes Leiden erzeugt. Wenn das Kind 5 Jahre alt ist, sehen wir keine offensichtliche Krankheit, aber die Saat ist bereits ausgestreut. Später sagen wir vielleicht: "Anorexie wird durch......zuviel Noradrenalin verursacht" oder zu wenig von diesem oder jenem. Aber das sind keine Ursachen; es sind Begleiterscheinungen des ursprünglichen Traumas - Weggenossen eines Traumas, das wir nicht mehr sehen können und uns in einer Person nicht mehr vorstellen können, die 40 Jahre alt ist. Die Einprägung erzeugt Abweichungen der Persönlichkeit und Physiologie, die letztendlich auf spezifische Symptome hinauslaufen. So kann der aggressive Sympath also ein Übermaß an Noradrenalin haben. Es verursacht Anorexie nicht; es ist Teil des Reaktions-Ensembles des Originalereignisses.

Gleichermaßen ist es nicht so, dass jemand, der deprimiert ist, seine oder ihre Wut unterdrückt, wie die Freudianer es gerne hätten. Es ist so, dass bei einem Parasympathen die Substanzen, die für Wut verantwortlich sind, vermindert sind, wogegen diejenigen, welche für Depression verantwortlich sind, erhöht sind, während seine Neurotransmitter im Kampf gegen seinen Schmerz tendenziell fallen. Chronisch Depressive haben zum Beispiel niedrige Serotoninspiegel, und sie verbrauchen wertvolle Vorräte im Verdrängungskampf.

Migräne beim Parasympathen ist ein anderes Beispiel. Mangelnde Anstrengung bei der Geburt war lebensrettend wegen des relativen Mangels an Sauerstoff, aber jetzt kann jeder Stress das Symptom aktivieren. Die Person verbleibt im Energiespar-Modus aufgrund der Einprägung des Sauerstoffmangels. Jede gegenwärtige Widrigkeit kann die alte Erinnerung an reduzierten Sauerstoff und die Migräne auslösen.
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Stellen Sie sich die Einprägung als Dirigent vor. Weil Erfahrung nahezu jedes unserer Systeme von den Muskeln über das Blut bis zu den Gehirnzellen beeinflusst, erzeugt die Einprägung zwangsweise überall ihre Wirkung. Jedes System spielt ein anderes Instrument, aber alle zusammen bilden sie ein vereintes Ganzes. Wenn wir nur der Violonabteilung Aufmerksamkeit zollen, werden wir das ganze Stück nie begreifen, noch sehen wir die wechselseitigen Verbindungen zwischen den verschiedenen Instrument-Sektionen; dasselbe trifft zu, wenn wir nur den Blutdruck untersuchen und den Menschen übersehen, dem die Blutgefäße gehören. Dieselbe Einprägung kann und wird das Zentralnervensystem beeinflussen, das Herz und den Blutzucker, und kann chronische Diabetes erzeugen. Es kann alle Überlebensfunktionen ändern, weil das Überleben auf dem Spiel stand. Wenn sich unser früher Schmerz durch spätere Erlebnisse verstärkt, werden Symptome manifest, hoher Blutdruck entsteht, Diabetes, Migräne-Kopfschmerz, Hypothyreoidismus und/oder Parkinsonsche Krankheit.

Die einfache Tatsache chronisch hoher Kortisolwerte, die die Einprägung etabliert hat, kann sich später im Leben schwer auf das Gedächtnis auswirken, ganz zu schweigen davon, dass es uns anfälliger macht für kardiovaskuläre Krankheiten. Wenn die stimulierenden Stresshormone überaktiv werden, wie es bei chronischem Schmerz der Fall ist, können sie sich auf Gehirnzellen auswirken und zum Zelltod führen - vielleicht nicht sofort aber mit der Zeit. Für das Gehirn ist früh in der Entwicklung erlebter extremer Schmerz wahrlich eine Sache auf Leben und Tod. Nichts alarmiert uns so sehr wie Schmerz - ein Schmerz, den wir nicht fühlen. Interessanterweise fand eine in Neuron veröffentlichte Studie, dass Amyloid-Plaques, ein Schlüssel-Verursacher bei Alzheimer, zunehmend in Mäusen erzeugt wird, wenn es zu einer Überstimulierung von Gehirnneuronen kommt.1 Das trifft besonders auf die Bereiche zu, die mit der Wiederauffindung von Erinnerungen zu tun haben (laut einer Humanstudie, die in der Science News vom Januar 2006 veröffentlicht wurde).2 Es gibt nur ein gewisses Maß an Stimulierung, das jedes Organ einschließlich der Gehirnzellen ertragen kann, besonders wenn diese Stimulierung sich über Jahrzehnte unseres Lebens erstreckt.

Wir haben Kenntnis von der Rolle der Einprägung bei der Orchestrierung von Funktions-Veränderungen bei multiplen Systemen einerseits daher, dass es nach dem Wiedererleben der Einprägung zu entscheidenden und positiven Änderungen bei vielen psychophysischen Systemen kommt - einschließlich der Überlebensfunktionen Herzschlag und Blutdruck. Anders gesagt ist Wiedererleben in vielen Fällen der Schlüssel zum Überleben. In unserer Forschung vor einigen Jahren fanden wir ein dramatisches Absinken der Herzfrequenz nach einem Jahr Therapie. Es scheint, dass das gesamte System im Kampf gegen die Erinnerung hochgefahren worden ist. Wenn es zum Wiedererleben der Erinnerung kommt, muss der Körper nicht mehr mobilisiert werden, und das ist der Grund für das Absinken der Herzfrequenz. Es ist eines von vielen Indizien dafür, wie Erinnerung gespeichert und permanent bekämpft wird. Mir scheint, dass die Verlangsamung des Herzschlags die Lebensdauer in nicht geringem Maße beeinflusst. Angenommen, dass die
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Tendenz für den Herzschlag-Sollwert schon vor der Geburt festgelegt werden kann, müssen wir mehr auf das vorgeburtliche Leben unserer Babys achten. Eine Mutter, die koffeinhaltiges Soda und Kaffee trinkt, wenn sie schwanger ist, stellt die Herzschlaggeschwindigkeit ihres Nachwuchses neu ein.

GESPRÄCHSTHERAPIEN: DER EINPRÄGUNG NICHT GEWACHSEN

Wir haben gesehen, wie das System immer wieder zum Prototypen zurückkehrt, der am bezeichnendsten der Prototyp aggressiven Strebens oder leichten Aufgebens angesichts der Herausforderungen des Lebens ist; wir haben gesehen, wie diejenigen, die emotional von anderen losgelöst sind, mit der Loslösung von sich selbst anfangen; und wie die früh im Leben ins System geschriebene Einprägung lebenslanges Ausagieren steuert wie z. B. wiederholt gescheiterte Beziehungen, Drogenkonsum oder glühender religiöser Eifer. Letztere sind nicht einfach Verhaltensweisen des Erwachsenen, die man in kognitiver Therapie oder Verhaltenstherapie umändern muss; ihre Wurzeln liegen tief in der Geschichte.

Der Prototyp, der während des präverbalen Lebens eingestempelt wird, kann durch verbale Mittel nicht umgekehrt werden. Der Prototyp wird weitgehend mit dem rechten Gehirn eingraviert; die Gedanken des linken Gehirns werden nicht viel helfen , wenn es darum geht, Änderungen herbeizuführen (ausgenommen natürlich, wenn das linke Gehirn an der Verknüpfung teilhat).

Sich besiegt zu fühlen ist real – eine reale Reaktion auf ein reales Ereignis, als man bei der Geburt aufgrund eines schweren Betäubungsmittels, das der Mutter verabreicht wurde,  jeder Chance zu kämpfen beraubt wurde – und keine neurotische Verirrung.

 

Wenn jemand isoliert und distanziert ist, können wir das spüren; wir kommen nicht wirklich zu ihm durch. Seine Abwehr lässt sich nicht durchdringen. Seine offenbare Reserviertheit ist Teil der Einprägung und nichts, das man in der kognitiven Therapie rekonditionieren oder wegargumentieren müsste. Wenn jemand leblos wird - sich verschließt - , wenn er oder sie sexuell erregt ist, ist das etwas, wogegen er oder sie nichts machen kann. Es kann die Analogie einer Geburt sein, bei der es Erregung und Kampf gab, dem unmittelbar die der Mutter (und deshalb dem Fetus) verabreichte Betäubung und die Stilllegung/das Verschließen des Systems folgte. Die Geburtssequenz ist ein Prototyp, der uns das ganze Leben lang auf dem Fuß folgt. In der Therapie sehen wir das an Patienten, die sich in den ersten Minuten der Sitzung schwer abmühen und dann aufgeben und sich hoffnungslos fühlen. Dementsprechend ist es real, sich besiegt zu fühlen, - eine reale Reaktion auf ein reales Ereignis, als man bei der Geburt aufgrund eines schweren Betäubungsmittels, das der Mutter verabreicht wurde, jeder Chance zu kämpfen beraubt wurde -
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und keine neurotische Verirrung! Wenn wir versuchen, diese Einstellung ("Was hat es für einen Zweck, es zu versuchen?") ohne die eingeprägte Erinnerung zu entfernen, schneiden wir lediglich die Spitzen des Unkrauts ab und berauben jemanden der Schlüsselaspekte der Überlebenserinnerung,

Einige Kaiserschnitt-Patienten, die wir gesehen haben, haben dieses Kampf-und-Scheitern-Syndrom, da ihnen nie gestattet wurde, den Geburtsprozess zu beenden. Eine Patientin fühlte sich immerzu "unfertig", als ob sie etwas tun müsste aber nie wüsste was, bis sie das prototypische Erlebnis hatte. Der Prototyp ist diktatorisch. Er erlaubt keine gegenwärtige Gnade, weil er zu Beginn bereits gnädig war, indem er erlaubte, dass Schlüsselschmerzen nicht bewusst wurden. Wir können nicht alles haben.

Im Sinne des prototypischen Bezugsrahmens sind die Scheu, Ängstlichkeit und Passivität des Parasympathen Abwehrmechanismen, keine Launen. Sie waren ursprünglich dafür konzipiert, den Schmerz auf Distanz zu halten Wir sind aus einem guten Grund neurotisch (abgewichen): Anpassung. Beim Parasympathen wendet sich sein ganzes System in Richtung "weniger" - weniger Dopamin, Testosteron, Noradrenalin, Serotonin, Schilddrüsenhormon und so fort. Die parasympathischen Reaktionen stammen im Grunde von der prototypischen "Gefrier"-Reaktion; die Unfähigkeit, voll zu reagieren. Das heißt, Einfrieren war eine Überlebensoption, die vom parasympathischen Nervensystem gesteuert wurde. Von Beginn an neigte das gesamte System zu diesem "Hypo"- Modus als Überlebensmechanismus. Es macht uns nach innen gerichtet, introspektiv, schüchtern, zögernd und konservativ. Die andere Option ist die impulsdominierte Person, die viel riskiert und weit mehr zu Spontanität neigt.

Weil die Einprägung eine Kaskade von Änderungen orchestriert, können wir das Problem mit Schilddrüsenhormonen oder allen möglichen anderen Medikamenten angehen, und sie werden alle helfen. Zum Beispiel kann es gegen Gefühle von Depression und Besiegtsein helfen, wenn man irgendeines dieser Bestandteile dem depravierten System hinzufügt. Deshalb hilft es oft, wenn man einem Depressiven Schilddrüsenhormon verabreicht oder ein Medikament, das die Wirkung von Serotonin verstärkt. Aber das sind keine Heilmittel. Hypnose wirkt bei Rauchen, aber es ist immer noch der Mensch da, der rauchen muss (jemand, der Bedürfnisse hat), und es wird im Anfälligkeitsbereich der Person zu mehr nachteiligen Reaktionen kommen. Hypnose hilft Wünsche zu unterdrücken aber nicht Bedürfnisse. Solche Wünsche sind das Ausagieren von Bedürfnissen. "Ich will eine Zigarette" kann das Ausagieren eines frühen Saug-Bedürfnisses sein. Ganz zu schweigen vom Bedürfnis, Schmerz zu unterdrücken.

Wir haben die Wahl: Symptome lindern oder Leute heilen. Entweder jede physikalische Veränderung neu regulieren (ein bisschen Schilddrüsenhormon hier, eine Prise Prozac dort, ein Nikotinpflaster, um einem Raucher zu helfen, mit der Gewohnheit zu brechen) oder sich mit dem Dirigenten befassen und alle physikalischen Änderungen zusammen verändern.
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Wenn jemand ein chronischer Raucher ist oder depressiv oder ein Stubenhocker, der Leute meidet, informiert sein ganzes System sein Verhalten, und sein System ist eine Funktion der Geschichte. Unsere therapeutische Aufgabe muss immer historisch sein. Die Geschichte ist ein wesentlicher Unterschied zwischen kognitiver und fühlender Therapie. Wenn wir eine Person als ahistorisch behandeln, können wir nur ihr sich gegenwärtig zeigendes Symptom behandeln, nicht ihre Persönlichkeit. Moderne kognitive Psychotherapie hört dort auf, wo auch der gedanklich-mentale Bereich endet. Sie ist auf das linke Frontalhirn begrenzt. Wie wir jedoch sehen werden, ist in der frühen Kindheit das rechte/fühlende Gehirn dominant, und es sind frühe Rechtshirn-Einprägungen, die ständig das Gehirn aktivieren. Genau dort finden wir die "Niederlage." Wir müssen uns daran machen, mit diesem wichtigen Feeling zu kämpfen, dass einen so großen Teil des späteren Lebens regiert. Der einzige Weg, dorthin zu gelangen, führt über das rechte Gehirn und das rechte limbische System und endet schließlich am Gipfelpunkt dieses Systems - am rechten orbitofrontalen Kortex (der rechte vordere Teil des obersten Gehirns).

Die Kognitions-Therapeuten haben die Gehirnhemisphären verwechselt und versuchen, dorthin mit einem Appell an die linke Seite zu gelangen. Wir können von hier aus nicht dorthin gelangen. Der linke frontale Bereich geht erst ‚online', nachdem die Schlüsseleinprägungen auf der rechten Seite verankert sind. Wenn etwas beweisen sollte, dass vielmehr Gedanken den Gefühlen folgen als umgekehrt, so ist es die Tatsache, dass die Gefühls-/Empfindungsbereiche des Gehirns lange vor den Gedanken in Kraft sind; noch dazu marschieren die Gefühle nach oben und vorne und erzeugen resonierende Vorstellungen-Gedanken, die die Gefühle "rationalisieren." Deshalb können wir in einer therapeutischen Sitzung eine gedankliche Vorstellung nehmen und dem Patienten helfen, ihr hinab zu frühen Gefühlen zu folgen. Zum Beispiel wird "Sie mögen mich nicht" zur Mutter, die das Kind verabscheute ("Bitte hasse mich nicht, Mama. Hab mich lieb!"). Die konitive Therapie befasst sich hauptsächlich mit den Wirkungen von Gefühlen auf die linke Seite, während Gefühle auf der rechten uns die ganze Zeit behelligen.

Wir haben die Wahl: Symptome lindern oder Leute heilen.


Wenn das ganze Wesen eines Menschen von dem Gefühl durchdrungen ist, dass "niemand mich will," und das in dem Maße, dass er Drogen braucht, um den Schmerz abzutöten, so ist das nicht bloß ein Gedanke, den wir ändern müssen; es ist ein organischer Teil dieser Person. Gedanken sind nichts, das wir wohl oder übel produzieren. Wir haben nicht einfach Meinungsdifferenzen; wir haben Differenzen in der gesamten Persönlichkeit, die Meinungen entstehen lassen. Wenn dementsprechend der "Unterlassungs"- Modus eines Menschen darin besteht, dass er angesichts von Hindernissen aufgibt, dann reagiert er auf die tief in seinem Gehirn liegende Empfindung namens
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"Was hat es für einen Zweck, es zu versuchen?" Weil sie so tief drin liegt, hat sie eine tiefgreifende Wirkung. Die Worte, mit denen er seinen Zustand beschreibt, sind eine späte evolutionäre Entwicklung. Man darf sie nicht mit dem biologischen Zustand verwechseln; mit der Physiologie der Niederlage.

In der Valenz- oder Stärke-Hierarchie sind Worte die schwächsten, wenn man sie mit der Kraft dieser nonverbalen Einprägungen der ersten Linie vergleicht. Wir dürfen nicht glauben, dass wir tiefgreifende Veränderungen zustande bringen, wenn wir den Patienten mit Worten behandeln und die Etiketten auswechseln. Wir können neue (falsche) Gedanken auf alte Feelings kleben, aber das Feeling ändert sich überhaupt nicht. Alles, was in diesem Fall geschieht, ist, dass die zusätzliche Verdrängung des realen Gefühls mehr Stress für das System erzeugt. Einprägungen kann man nicht besiegen noch kann man sie überzeugen, dass sie sich ändern sollen. Vielleicht können wir jemanden überzeugen, dass er seine Gedanken/Vorstellungen ändert, aber es geschieht nie aus seiner Physiologie heraus. Unsere Aufgabe ist es, Gedanken und Gefühle in eine Linie zu bringen. Ich sollte sagen, es ist die Aufgabe des Patienten, weil seine Gefühle es von ganz alleine erledigen, wenn er sie empfindet.

Kein Patient, der aufrecht in einem Stuhl in einem komfortablen Büro sitzt, kann den Schrecken fühlen, den er nur in einem abgedunkelten, gepolsterten Raum fühlen kann. Es ist gerade diese Rahmenbedingung des Aufrechtsitzens, die den kognitiven Therapeuten davon abhält, Patienten in die Vergangenheit zurückzubringen. Erstens begründet ihre Theorie es nicht und zweitens verhindert es die Büroeinrichtung an sich. Die Organisation eines Büros erfolgt aus der Theorie. Es ist alles dafür vorgesehen, den Brennpunkt in der Gegenwart zu halten - oft auf die Worte des Therapeuten ausgerichtet. Unglücklicherweise kommt eine der größten Gefahren, der wir gegenüberstehen, aus unserer Vergangenheit und aus uns selbst, eine Erinnerung, die uns informiert, dass wir von unseren Eltern nicht geliebt werden, dass es nie so sein wird und dass alles hoffnungslos ist. Das zwingt uns zu allen möglichen Verhaltensweisen, um das Fühlen von Hoffnungslosigkeit zu vermeiden. Die Probleme, die wir haben, sind vielleicht zwischenmenschlich, aber die Lösung liegt im Inneren. Je näher man sich selbst ist, unso näher kann man anderen sein.

WIDERHALL IM GEHIRN

Eingeprägte Gefühle formen reverbierende oder zurückschwingende Schleifen neuraler Netze innerhalb des limbisch/hirnstammlichen Schaltkreises. Jedes Mal, wenn Eva sich in einer Situation hilflos fühlte, packte sie ihre Koffer und machte sich daran abzureisen - so dass sie sich nicht hilflos fühlte; nicht fühlte, dass sie nichts tun konnte. "Hilflos" war ein ständig reverbierender Schaltkreis in ihrem Gehirn. Der Gedanke, an Ort und Stelle zu bleiben und große Frustration zu ertragen, war zu viel für sie. Das Bedürfnis, sich sicher zu fühlen, das aus einem Gefühl der Unsicherheit geboren wurde, könnte uns dazu bringen, dass wir uns als Erwachsene verkrampft, gezwungen und nicht spontan verhalten. Ein Therapeut kann die Person ermahnen, sie solle spontan handeln und kreativ sein, wie es die Gestalttherapeuten machen, aber ihr ganzes System wird dagegen angehen.
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Die Furcht, eine falsche Bewegung zu machen, kann bei der Geburt beginnen und sich danach fortsetzen. Verhalten, das man sich ausdenkt (Gestalttherapie: "Sei frei; benimm dich wie ein Affe"), wird daran nichts ändern. Wir sind schon Affen; wir haben nur den Kontakt verloren. Das Gefühl, etwas Falsches zu machen, steckt so oft hinter der Unfähigkeit zu akzeptieren, dass man einen Fehler gemacht hat. Eine Frau, die per Steißgeburt zur Welt kam, hatte immer das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Sie wusste nie, was, aber es war einfach ein Gefühl, dass die Dinge schieflaufen würden, und sie schaffte es, dass es tatsächlich passierte. Jede Kritik, die ihr sagte, dass sie etwas falsch mache, lag oben auf dieser Geburtserfahrung auf, die durch Eltern verstärkt wurde, die sie gnadenlos kritisierten. Sie lenkte Tadel sofort auf die Umstände oder auf andere ab.

Eine andere Patientin wurde bei der Arbeit leicht kritisiert. Sie wurde ziemlich nervös und fühlte sich plötzlich wie eine Versagerin. Wir halfen ihr in das Gefühl: "Ich schaffe es nicht." Es begann mit einer Kaiserschnittgeburt, wo sie es beinahe nicht schaffte. Das begründete die Physiologie der Niederlage. Darüber schichtete sich die ständige Kritik ihres Vaters. Die Angst aus der leichten Kritik ihres Chefs war Terror der ersten Linie aus dem Geburtstrauma. Er verschlimmerte sich durch ihre Kindheit. Dieses neugeborene Mädchen kam ohne Puls zur Welt und wäre in der Tat fast gestorben. Es war eine unauslöschliche Erinnerung. Somit war die übermäßige Reaktion auf die Kritik nicht irrational. Die leichte Kritk raste die Nervenbahnen entlang, kam unten an und stieß auf den Ursprung, der die Gegenwartsreaktion so groß und exzessiv machte.

Diese Bahnen schleifen sich mit der Zeit ein wie ein gut ausgetretener Pfad, der Gefühle in spezifische Richtungen lenkt. Sie sind dafür verantwortlich, dass ein aktuelles Ereignis ("Bring den Müll hinaus") plötzlich zu prototypischen Grundereignissen bei der Geburt hinunterwandern und das Gefühl "Ich will nicht mehr arbeiten. Ich habe genug getan. Ich mach' es nicht." auslösen kann. Vor allem erklärt das, warum die gegenwärtige Erörterung eines Themas in einer Therapiesitzung plötzlich ein altes Feeling provoziert, das wiedererlebt werden muss. Deshalb kann auch die neutralste Bemerkung urplötzlich eine emotionale Explosion auslösen. Das passiert bei jemanden, der sehr schwache Schleusen hat. Schwache Schleusen sind gewöhnlich das Ergebnis einer schrecklichen Vorgeburtsphase und einer schlimmen Geburt, die sich durch ein liebloses frühes Elternhaus verschlimmerten.

Die Einprägung ist wirklich ein Reaktions-Ensemble, das gleichzeitig in das Gesamtsystem eingeprägt wird.



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Vergessen Sie nicht, dass jede höhere Ebene des Gehirns eine Ausarbeitung von Ereignissen tieferer Ebenen bedeutet. Wenn wir in einer Sitzung mit der Gegenwart beginnen, wird der Patient - vorausgesetzt, wir haben die richtigen Techniken - automatisch in die Vergangenheit getragen. Wenn die Schleusen aufgrund erheblicher Kindheitstraumen und fehlender Liebe schwach sind, geschieht der Abstieg zu plötzlich. Hier müssen wir kurzzeitlich Beruhigungsmittel einsetzen, um die Schleusung zu unterstützen. Bei Psychose versagen die Schleusen, und die erste und zweite Linie durchdringen die dritte. Die Person versinkt in ihrer Vergangenheit und weiß es nicht.

Ein Patient kam zu uns, gleich nachdem ihn seine Freundin verlassen hatte. Er begann sich verlassen zu fühlen und setzte sich dann abrupt auf und sagte, er könne mit der Sitzung nicht weitermachen. Er war zu ängstlich. Man setzte ihn für kurze Zeit auf Tranquilizer, um eine frühe Verlassenheit zurückzuschlagen - seine Mutter lief mit einem anderen Mann davon, als er 5 war. Er blieb bei einem deprimierten Vater zurück, der zu erschüttert war, als dass er in der Lage gewesen wäre, sich mit seinen Kindern zu befassen. Sein Leben war eigentlich an diesem Punkt vorbei. Es war absolut qualvoll; er konnte immer nur ein bisschen davon fühlen. Als seine Freundin ihn verließ, fing er an sie zu behelligen. Sie musste ein Unterlassungsurteil erwirken, um ihn fern zu halten. Er konnte das Verlassen-Werden jetzt und damals nicht hinnehmen und wurde paranoid. Sein präfrontaler Bereich war überwältigt, und er begann sich ein Szenario vorzustellen, das nur ein Produkt seines eigenen Geistes war. Wie es so oft geschieht, kann ein Patient eine gegenwärtige Verlassenheit fühlen, solange es keine große Vergangenheit voller Vernachlässigung gibt.

Die Einprägung ist wirklich ein Reaktions-Ensemble, das gleichzeitig in das Gesamtsystem eingeprägt wird. Es ist eine totale Erfahrung - anders als intellektuelles Erinnern, das weitgehend geistig ist, das heißt, eine Operation des linken frontalen Kortexes. Wir sind vielleicht nicht in der Lage, uns an eine Einprägung intellektuell zu erinnern. Wir können sie nur mit unserem Gesamtsystem erinnern - mit unseren Muskeln, Eingeweiden und unserem Blutsystem - weil alle diese Komponenten eines jeden von uns in die ursprüngliche Erfahrung verwickelt waren; deshalb muss man sie mit allen Systemen wiedererleben, die ursprünglich involviert waren, als sie verankert wurde. Nicht nur das, sondern sie muss mit derselben Intensität wiedererlebt werden, mit der sie eingeprägt wurde, weshalb man sie kaum jemals in konventioneller oder kognitiver Therapie gesehen hat, wo die emotionale Ebene ziemlich unterjocht wird. Aus diesem Grund findet der Patient in unserer Therapie am Anfang selten Erinnerungen von hoher Leben-und-Tod-Valenz wieder. Wir haben einen Weg gefunden, um auf die Tiefen des Unbewussten in einer geordneten, methodischen Weise zuzugreifen, so dass der Patient nicht von Schmerz überwältigt wird. Wir wissen, dass der Schmerz von höherer Valenz tief im Nervensystem liegt, und deshalb umgehen wir am Anfang der Therapie jeden ‚Ausflug' zu dieser Ebene. Ich nenne Primärtherapie "umgekehrte Neurose," weil wir an der Evolutionskette entlang dorthin zurückgehen, wo alles begann. Wir suchen die Vergangenheit wieder in maßvollen Schritten auf:
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Kindheitsereignisse werden vor der Babyphase gefühlt, die Babyzeit vor der Geburt und die Geburt vor der Schwangerschaftsphase. Der Physiker David Bohm bemerkte, dass der Mensch ein Mikrokosmos des Universums sei; deshalb sei das Wesen des Menschen ein Fingerzeig zum Universum.

Das ist genau unser Standpunkt. Was der Mensch ist, ist, was der Mensch war, und im Inneren des menschlichen Gehirns können wir Überreste des Fisch- und Reptilienhirns finden. Das bedeutet, dass das, was wir sind, auf den erfolgreichsten Anpassungen dessen aufbaut, was wir waren. Wenn unsere Patienten in ihrem Wiedererlebnis zu den primitivsten Gehirnen zurückgehen, sehen wir diese uralten Gehirne in Funktion. Und ich könnte hinzufügen, dass es in diesen Wiedererlebnissen nie Worte gibt. Die Rolle des Therapeuten besteht darin, die Sprache des nonverbalen Gehirns zu "sprechen." Lange Zeit ruhig zu sein, während der Patient die Schmerzkette hinabgleitet und in seiner frühen Kindheit aufgeht. Eine Berührung hier oder dort, wenn es angemessen ist, Druck auf den Kopf, wenn die Zeichen da sind. Nervenschaltkreise sind durch Gefühle verbunden. Wenn man also gegenwärtige Verlassenheit fühlt, bringt dies ein früheres Erlebnis hoch und dann vielleicht wieder eines aus der Zeit gleich nach der Geburt, als das Neugeborene stundenlang allein und unbeachtet gelassen wurde. Letzteres Erlebnis ist die Art von Feelings, die gnadenlos eingraviert werden und uns auf eine gegenwärtige Situation übermäßig reagieren lassen. Das Problem ist, dass die Paranoia zu oft einzementiert wird und unnachgiebig gegen alles Bitten von außen ist.

Wir haben einen Weg gefunden, um auf die Tiefen des Unbewussten in einer geordneten, methodischen Weise zuzugreifen, so dass der Patient nicht von Schmerz überwältigt wird.



Wenn wir die Natur des Bewusstseins betrachten, müssen wir die Gehirne in Betracht ziehen, die uns vorausgingen, die Gehirne, die immer noch in uns wohnen. Schließlich mussten die niederen Tiere sich sehr gut dessen bewusst sein, wo Nahrung und Feinde waren. Sicher hatten sie eine Bewusstheit, und diese Art oder Ebene von Bewusstheit existiert noch immer in uns. Diese "Bewusstheiten" machen sicher modernes Bewusstsein aus. Etwas anderes zu denken bedeutet, eine anti-evolutionäre Haltung anzunehmen, zu denken, dass der sich spät entwickelnde Neokortex das Ein-und-Alles menschlichen Bewusstseins sei. Wenn wir den Ursprung des Universums verstehen wollen, sowohl des persönlichen als auch des phylogenetischen (der Menschheit), ist es hilfreich, tief in unsere innere Vergangenheit einzutauchen. Fühlen Tiere? Wir steigen in das alte limbische System hinab, von dem wir einen Teil mit den Tieren gemeinsam haben, und finden heraus, dass sie tatsächlich fühlen. Fühlen Hunde? Absolut.
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Wir richten und korrigieren nochmals die Abweichungen, die uns von frühen Traumen aufgezwungen wurden, indem wir die Ereignisse wiedererleben, welche die entscheidenden Abweichungen verursachten. Die Einprägung ist das Problem und die Lösung. Sie ist eine unentrinnbare Kraft. Die Saat der Auflösung liegt im Schmerz und nur dort. Zurückgehen und uns von unseren Eltern ungeliebt fühlen bedeutet, dass wir fühlen; erst wenn das getan ist, können wir Liebe hereinlassen. Limbisch festgehaltene Ereignisse erlauben uns, unsere Kindheit wieder aufzuspüren - Vaters Aftershave riechen, spüren, wie sich sein Bart anfühlt, unser Kindheits-Zuhause sehen und uns erinnern, wie wir uns zuhause beim Essen fühlten. Wir sehen die Szenen von Familienkämpfen, von früher Angst und frühem Schrecken. Wenn wir auf tiefere limbische Ebenen hinabsteigen, sehen wir deutlich die Farbe des Teppichs, wir sehen den Ausdruck in Vaters Gesicht, und wir spüren Mutters Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit. Wir sind wieder das verletzliche, sensible Kind. Patienten in einer primärtherapeutischen Sitzung können sich bis ins kleinste Detail an Szenen erinnern, als sie 6 Jahre alt oder jünger waren, Szenen, an die sie sich andernfalls nie hätten erinnern können. Alles, was draußen war, ist drinnen; es gibt Zugang zu allem, was Patienten fühlen müssen. Ich finde es erstaunlich, dass irgendwo in diesem Gehirn der Geruch von Vaters Pfeife steckt und unser Kindbedürfnis danach, dass er sich uns zuwendet und nur eine Minute mit uns spricht; eine gewisse Anerkennung , dass wir existieren und für jemanden wichtig sind. Wenn es nie geschah, hören wir auf zu erwarten, dass es geschieht. Wir machen uns wieder an unsere lieblosen Geschäfte.

Es reicht nicht, in der Therapie Schmerz zu fühlen, denn wir müssen verstehen, dass innerhalb des Schmerzes das Bedürfnis liegt, das Bedürfnis, das sich anfangs zu Schmerz wandelte, als es nicht erfüllt wurde.



Am bemerkenswertesten in unserer Therapie ist, dass biologisch kein Unterschied zu sein scheint, ob man das Kind von Beginn an liebt oder ob man den Liebesmangel später wiedererlebt. Es kommt zu einer Normalisierung des Systems. Was in primärtherapeutischen Sitzungen geschieht, ist eine Analogie unserer evolutionären Geschichte. Wenn ein Patient in die Tiefen der Hoffnungslosigkeit taucht, hinab auf den Grund seiner tiefen Depression, kommt es zu einem Wechsel, und es dominiert das sympathische System mit häufigem Urinieren, hohem Blutdruck, schnellem Herzschlag, Magenkrämpfen und Muskelspannung. Das System reagiert auf den eingeprägten Schmerz und ist in höchster Erregung. Das erwachsene System kann jetzt mit dem Schmerz fertig werden, wozu das System des Kleinkinds nicht fähig war. Der Schmerz kann jetzt erlebt werden, weil die kritische Periode vorbei ist.

Es reicht nicht, in der Therapie Schmerz zu fühlen, denn wir müssen verstehen, dass innerhalb des Schmerzes das Bedürfnis liegt, das Bedürfnis, das sich anfangs zu Schmerz wandelte,
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als es nicht erfüllt wurde. Es ist ein Bedürfnis, das letzlich voll erlebt werden muss. Zum Beispiel ist das Saugbedürfnis da - unartikuliert - sobald wir geboren sind. Wenn Mutter die Brust anbietet, gibt es Befriedigung und Entspannung. Ohne Befriedigung bleiben wir vielleicht in einem sympathetisch dominanten Zustand mit beschleunigten Funktionen zurück und haben immer noch das Bedürfnis zu saugen. Es gibt nichts in der Umgebung, das dem parasympathischen Nervensystem erlauben würde einzuschreiten und dieses Bedürfnis zu zerstreuen. Bedürfnisse sind fest installiert; sie beinhalten immer Überleben. Sie sind nicht dafür gedacht, sich zu ändern; noch sollten sie das. Das Ausagieren, das in diesem Fall vielleicht involviert, Frauen zu bekommen, die uns von vorne bis hinten bemuttern, sich um jede Hausarbeit kümmern, zur rechten Zeit Mahlzeiten auf den Tisch stellen, erinnert uns ständig daran. Wenn das Bedürfnis nicht erfüllt wird, agieren wir es symbolisch aus. Weil die Erfüllung symbolisch ist, ist es nie befriedigend oder lösend. Bei der kognitiven Therapie geht es darum, den Symbolismus zu behandeln. Das Bedürfnis zu rauchen ist ein Symbol des realen Bedürfnisses. Zu oft befasst man sich mit dem falschen Bedürfnis. Und wenn das falsche Bedürfnis in der Therapie abgewendet oder unterdrückt wird, wird das als Erfolg angesehen. Denken Sie daran, dass wir das Bedürfnis nie überwinden, egal, wie alt wir sind.

Das Bedürfnis zu fühlen ist die Grundlinie, weil es sich als Warnung in Schmerz verwandelt. Das Bedürfnis zu fühlen bedeutet, das Bedürfnis nach Sauerstoff zu fühlen, wenn er aufgrund von Anästhesie bei der Geburt fehlte. Die Patientin keucht und würgt vielleicht in dem Wiedererlebnis und läuft rot an. Sie erlebt das Bedürfnis wieder, ohne ein Wort zu reden. Das genügt. Der Schmerz lässt nicht locker, ehe das Grundbedürfnis nicht gefühlt ist. Ja, somit müssen wir Schmerz fühlen, aber dies ist nur eine Wegstation zum Bedürfnis. Wenn man "Hilf mir, Mama" immer wieder fühlt, beendet es das Ausagieren, dass Frauen uns bemuttern sollen. Wir können es nicht nur einmal fühlen und Veränderungen erwarten; wir müssen es oft fühlen und mit der Stärke der Deprivation zu jener Zeit. Um mich deutlich auszudrücken: Wir erleben jeweils nur ein kleines Stückchen des Leidens wieder, so dass es sich integrieren lässt. Wenn ein Patient versuchte, es alles auf einmal zu machen, würde er überwältigt werden und in die symbolische Stratosphäre abheben - in vergangene Leben zum Beispiel. Es ist dieselbe Erinnerung, aber es sind verschiedene Aspekte des Schmerzes.

Wir müssen die Gefühle mit der Kraft der Einprägung erleben; es gibt keine Abkürzung dahin. Das Bedürfnis wurde uns versagt und diese Deprivation verstärkt sich Jahr um Jahr. Es wird beinahe monolithisch. Wenn jemand versucht, es durch den Gebrauch von Drogen in seiner Gesamtheit zu fühlen, scheitert er nahezu sicher. Das System ist nicht dafür eingerichtet, sich mit überwältigenden Schmerz zu verknüpfen. Es ist dafür vorgesehen, ihn beiseite zu schieben und ihn in Symbolismus umzuwandeln; folglich wird eine Freundin zur Mutter.

Nach der Verknüpfung, nach dem Fühlen von "Niemand will mich. Sie wollten mich nie" kann das System zu einem parasympathisch-dominanten Zustand wechseln. Schließlich
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kann das System jetzt ausruhen, weil die Gefahr Vergangenheit ist (und in die Vergangenheit gehört sie). Wenn wir uns mit der Leidenskomponente der Erinnerung in Verbindung setzen und die fremde Kraft integriert wird, beginnt die "Kaskade" von Abweichungen in multiplen Körpersystemen sich zu normalisieren. Wenn man Schmerz und Bedürfnis voll wiedererlebt, bedeutet das, ein physiologisches System zu schaffen, das so funktioniert, als wäre dieses Bedürnis schon immer befriedigt worden. Es wird die Parasympathin befreien, so dass sich ihr Vorstellungsvermögen erweitert und sie mehr Chancen wahrnimmt. Es wird dem Sympathen erlauben, in seinem unaufhörlichen Kampf nachzulassen, der ihn nie entspannen lässt. Schließlich bringt es unser System wieder ins Gleichgewicht, so dass es wieder zur Homöostase finden kann. Wir sind nicht mehr Gefangene von Medikament um Medikament, Droge um Droge. Ein ausgeglichenes System bedeutet, dass der chronisch niedrige Testosteronspiegel des männlichen Parasympathen sich normalisiert - was wir nach einem Jahr Therapie gefunden haben. Es bedeutet, dass er jetzt positiver und weniger deprimiert ist. Ein ausgeglichenes System bedeutet, dass man keine fünf Tassen Kaffee am Tag trinken muss oder süchtig nach Cola ist. Es bedeutet, dass man nicht rauchen muss, eine Sucht, die letztlich unser Leben verkürzen wird. Das ist die wahre Bedeutung von "frei sein."

Wir sind beinahe alle Gefangene unseres Prototyps. Die kognitive Therapie geht davon aus, dass wir ein üppiges Maß an freiem Willen haben. Ich bin mir nicht so sicher. Wir können Entscheidungen innerhalb des Prototyps treffen, aber das ist eher ein enger Spielraum. Wir haben aber die Freiheit zurückzugehen und herauszufinden, wie alles begann. Genau das wird schließlich unseren Entscheidungs-Spielraum im Leben erweitern.

DEPRESSION ODER DIE PHYSIOLOGIE DER HOFFNUNGLOSIGKEIT

Depression ist ein Beispiel für die Wirkung der Einprägung. Reduzierter Sauerstoff bei der Geburt und zuvor (eine schwangere Mutter, die mindestens 10 Zigaretten am Tag raucht, und Anästhesie bei der Geburt) etabliert eine physiologische Aufzeichnung. Diese Aufzeichnung orchestriert eine Vielzahl unterschiedlicher Reaktionen; jede Reaktion ist eine Anpassung an die Bedrohung des Überlebens. Somit kommt es zu einem niedrigeren Sauerstoff-Spiegel, der sich zum Beispiel durch ein chronisches Erschöpfungssyndrom ausdrückt, und zu vielen Phänomenen, die von Hirnstamm-Funktionen gesteuert werden, wie Schmetterlingen im Bauch, Benommenheit und vager Angst. Alle möglichen viszeralen Reaktionen können hier einbezogen sein. Diese Reaktionen werden von unserem primitiven oder uralten Nervensystem kontrolliert. Wenn sich früh im Leben Schrecken festsetzt, hat der Fetus oder das Neugeborene keine kortikale Fähigkeit, seine Auswirkungen abzuschwächen. Die Natur tiefen Terrors oder Schreckens ist so profund, dass man ihn im Wiedererlebnis Jahrzehnte später nur für jeweils kurze Augenblicke fühlen kann.

Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Resignation können durch verminderten Sauerstoff eingeprägt werden; alle diese realen Empfindungen begleiten die
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Erinnerung. Später nennt man es Depression, ein Zustand der sich durch ein diktatorisches Elternhaus verschlimmerte, wo das Kind niemanden hatte, an die oder den es sich mit seinen Gefühlen wenden hätte können. Es ist nicht unbedingt so, dass die Eltern die Gefühle des Kindes unterdrückten, sondern sie waren vielleicht emotional nicht präsent. Das Ergebnis ist das gleiche: Es gibt niemanden, dem wir unsere Gefühle mitteilen können. Wieder sind wir hilflos und hoffnungslos. Keine wesentliche Anstrengung zu machen, nicht für den Erfolg zu kämpfen, weil kämpfen bei der Geburt die Möglichkeit zu sterben bedeutete, ist auch Teil des Anpassungsprozesses - Energie sparen fürs Überleben.

Im ursprünglichen Zusammenhang konnte jeder Kampf - vielleicht gegen eine strangulierende Nabelschnur - fatal sein. Massive Drogen, die der Mutter bei der Geburt verabreicht werden, unterdrücken das System des Neugeborenen, lassen es mit einer physiologischen Erinnerung von Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit zurück. Hoffnungslosigkeit wird dann als Teil eines Überlebenssyndroms installiert und durch kalte, distanzierte Eltern verschlimmert. Vielleicht erhält sie jahrzehntelang keinen Begriff. Wir können uns ohne ein Etikett hoffnungslos fühlen, aufgeben, ohne einen Begriff dafür zu haben, und von ihr dominiert werden, bevor wir erkennen, was es ist. Ich erinnere mich, dass ich in meinen psychoanalytischen Tagen Patienten sagte, sie hätten eine "maskierte Depression," weil sie nicht einmal wussten, dass sie sich deprimiert und hoffnungslos fühlten. Aber sie wussten es doch. Jetzt muss ich den Patienten gar nichts sagen. Sie finden es selbst heraus. Sie fühlen die frühe Hoffnungslosigkeit, die sich fast immer durch eine sehr niedrige Körpertemperatur ankündigt, und sie kommen langsam aus ihrer Depression heraus. Jetzt freuen sie sich auf ein fühlendes Leben.

FALLSTUDIE: KIKI

Als ich 15 war, hatte ich eine Operation. Eine Zyste wurde aus meinem rechten Eierstock entfernt. Als ich nach der Operation erwachte, war mir so kalt. Ich zitterte, und die Decken, die mir die Schwestern brachten, konnten es nicht beenden. Die erste Nacht nach meiner Operation hatte ich Angst, mich zu bewegen,weil mein Bauch sich offen anfühlte, als hätten sie vergessen, mich wieder zuzunähen. Ich hatte das Gefühl, sollte ich mich je bewegen, dann würden alle meine Eingeweide aus mir herausfallen. Ich vergaß die Operation.Sie wurde zu  einem weiteren dieser schwarzen Löcher.

Nach zwei Monaten in der Primärtherapie verschlimmerten sich meine vorher sehr schmerzvollen Perioden.Der Schmerz war diffus in meinem Becken mit gelegentlichen scharfen abdominalen Schmerzen. Obwohl der Schmerz nahezu unerträglich war, unternahm ich keine ernsthafte Anstrengung, ihn mit Schmerzmitteln zu lindern. Ich durchlitt ihn Monat um Monat, bis etwa ein Jahr in der Primärtherapie vergangen war. Dann begann ich Primals über meine Operation zu haben. Die Operationserinnerungen werden ausgelöst, wenn ich mich von Leuten extrem abgelehnt fühle, denen ich in meinem gegenwärtigen Leben nahestehe.Sofort beginnt meine Narbe zu schmerzen, mein Uterus verkrampft sich und ich fange an zu bluten.
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Wenn ich in das Feeling hineinfalle, habe ich Empfindungen darüber, wie im Inneren meine Organe grob angefasst und zur Seite geschoben werden. Ich spüre, wie etwas sehr Kaltes und Hartes in meine Vagina eingeführt wird. Ich fühle einen Schnitt und dann gewaltige Schmerzen, die sich überall in diesem Bereich ausbreiten. Es fühlt sich an, als ob etwas oder jemand dort gewaltigen Druck auf mich ausübt.Ich habe das Gefühl, als würde Luft in mein Inneres geblasen und als würde ich innerlich gleich platzen.

Ich spüre auch eine schreckliche Atmosphäre um mich herum: die Art von Atmosphäre, die entsteht, wenn Leute sehr gestresst sind und ohne Gespür oder Gefühl für den Menschen arbeiten, an dem sie die Operation vornehmen. Mir ist sehr kalt und ich beginne zu zittern. Das Gefühl ist äußerste Zurückweisung, die schrecklichste, die ich je fühlte. Ich denke, gegenwärtige Ablehnung löst sie aus. Die ganze Zeit habe ich das Gefühl, dass alles, was mit mir passiert, völlig falsch ist und dass ich nichts machen kann. Dieses Feeling "Ich kann nichts machen" agierte ich lange Zeit beim Wiedererleben aus, indem ich nicht einmal auf die Idee kam, dass ich etwas machen könnte, wie Pillen zu nehmen, um meinen Schmerz zu dämpfen.

Meine Haupteinsichten aus den Operations-Primals sind folgende:

1. Wie sehr ich es gebraucht hätte, dass man mich einfach körperlich warm hält (Kleidung oder höhere Temperatur im Operationsraum).

2. Wie sehr ich es gebraucht hätte, dass die Operateure vorsichtig mit mir umgehen, meine Organe im Inneren sanft bewegen.

3. Wie sehr ich jemanden gebraucht hätte, die oder der bei mir wäre, auch wenn ich narkotisiert war. Ich hätte jemanden gebraucht, der oder die mich sanft berührt, sanft mit mir redet und mich beruhigt, indem er oder sie einfach für mich da ist, ganz nah bei meinem Kopf. Ich vermute, in der ganzen Zeit, als ich narkotisiert war, schlief mein Verstand. Aber tief da unten in meinem Gehirn war meine Psyche lebendig, fühlte alles, was vor sich ging, erinnerte es in klaren Einprägungen, die ich jetzt erinnere und die ich liebend gern nie erlebt hätte.

Hier sehen wir, dass alles, was die ursprüngliche kalte Sterilität des Operationsraums auslöste, eine zurückweisende, gleichgültige, kalte Atmosphäre in der Gegenwart, Kikis Operationserlebnis wachrufen konnte, das sie erst nach vielen Monaten in der Therapie wiedererlebte.


TEIL II

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