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DR. ARTHUR JANOV   

PRIMÄRTHERAPIE -

EINE THERAPIE DES FÜHLENS

Warum Worte nicht genügen

und 

Wie der Zugang zu tief verborgenen Gefühlen Ihre Gesundheit verbessern kann

   

    

Die amerikanische Originalausgabe  mit dem Titel "PRIMAL HEALING" erschien anno 2007 bei  The Career Press, Franklin Lakes, NJ.   

© Copyright 2007 Dr. Arthur Janov

aus dem Amerikanischen von Ferdinand Wagner

Es gibt zurzeit keine deutsche Übersetzung auf dem Buchmarkt

Über dieses Buch (vom Übersetzer)

Der weltbekannte amerikanische Psychotherapeut Dr. Arthur Janov (geb. 1924) ist Begründer der Primärtherapie und Autor mehrerer Bücher. Sein erstes Buch Der Urschrei, in dem er seine revolutionäre Therapie und die ihr zugrunde liegende Primärtheorie vorstellt, wurde zu einem internationalen Bestseller.

In dem vorliegenden Buch, das 2007 unter dem Titel „Primal Healing“ erschien, stellt Dr. Janov Fachleuten und interessierten Laien die Grundbegriffe seiner Primärtheorie vor und erklärt, warum konventionelle Psychotherapie zwar hilfreich sein kann, aber letztlich nicht in der Lage ist, dauerhafte Veränderung zu erreichen.

Die Psychotherapie der Zukunft muss eine Therapie des Fühlens sein, argumentiert Dr. Janov, sie muss dem Patienten Zugang zu tieferen Gehirnebenen verschaffen, wo sich frühe Traumen/Überlastungen eingeprägt haben. Es ist dieser systematische fühlende Zugang, der die Auflösung dieser frühen Einprägungen ermöglicht und letztlich dazu führt, dass alle Ebenen des Gehirns und alle Systeme des Körpers wieder zu normalem, gesundem Funktionieren zurückkehren können.

 

Dr Janov vergleicht ein frühes Trauma mit dem Urknall des äußeren Universums. Überall in unserem inneren Kosmos finden sich die Spuren dieses Ereignisses – Symptome aller Art, wie zum Beispiel Migräne, hoher Blutdruck, Herzattacken, Phobien, Zwänge, Depression und Ess-Störungen. In der modernen Psychotherapie geht es zu oft darum, abweichende Gedanken zu korrigieren. So kann ein Therapeut seine Patienten auf  der Gedankenebene „normalisieren,“ während die auf tieferen Gehirnebenen eingeprägten Kräfte unangetastet bleiben und weiterhin die verschiedensten Symptome erzeugen können. Im Grunde, so Dr. Janov, unterstützt konventionelle Psychotherapie aufgrund der typischen Therapie-Situation (väterlicher Therapeut/mütterliche Therapeutin) die Verdrängung. Sie vergrößert die Kluft zwischen den Ebenen des Bewusstseins und verbannt  alte Gefühle und Erinnerungen tiefer ins Unbewusste – im Grunde das, was ein Beruhigungsmittel auch leistet.

 

Wenn wir uns nicht mit trügerischer und vorübergehender Besserung zufrieden geben wollen, dann, so sagt Dr. Janov, müssen wir die Sprache des Limbischen Systems und des Hirnstamms erlernen. Wir müssen jene überlastenden Ereignisse - Gefühle, Empfindungen und Körperreaktionen - wiedererleben, die sich von frühestem Beginn an in unser System eingeprägt haben. Heilung ist untrennbar mit dem geordneten, systematischen Zugang zu tieferen Gehirnebenen und mit dem Wiedererleben eingeprägter schmerzvoller Erinnerungen verknüpft. Und genau das muss die Therapie der Zukunft ihren Patienten anbieten können. Für die Psychotherapie bedeutet das einen radikalen Wandel. Sie darf sich nicht mehr damit begnügen, Erscheinungen zu korrigieren, Symptome zu lindern, Gedanken und Verhalten in eine andere Richtung zu lenken, sondern sie muss den Patienten ermöglichen, fühlend und erlebend zu den Ursachen seiner Beschwerden zurückzugehen. Es ist nichts Utopisches daran, auf eine tiefere Bewusstseinsebene hinabzusteigen und ein altes Trauma wiederzuerleben. In Dr Janovs Primal Center geschieht es jeden Tag. Es erfordert etwas Mut und ein geeignetes therapeutisches Umfeld. Eine Utopie ist es nur dann, wenn Therapeuten und Patienten Worte und Gedanken als Mittel und Endziel des Therapie-Prozesses betrachten.  

 

TEIL II

 

KAPITEL 5

DAS LINKE UND RECHTE GEHIRN: DER MENSCH IM GLEICHGEWICHT

Im Gehirn sind mehrere Hauptsysteme im Einsatz. Diese Systeme verlaufen von unten nach oben (wir erörtern das später) und von rechts nach links. Das Gehirn hat zwei Seiten, eine linke und eine rechte. Jede Seite oder Gehirnhemisphäre hat andere Funktionen. In groben Zügen könnte man sagen, dass die rechte Seite für Fühlen verantwortlich ist, während die linke Seite denkt, plant und entwirft. Die linke Hemisphäre verwaltet die Außenwelt, während das rechte Gehirn unser Innenleben verwaltet. Das eine ist der Wissenschaftler und das andere verwickelt sich oft in Mystizismus. Das rechte Gehirn formt einen Großteil unserer Persönlichkeit, steuert viele unserer biochemischen Prozesse und lenkt unser Leben in weit größerem Maße, als die meisten von uns wahrnehmen. Das bedeutet, dass Gefühle unsere Entscheidungen, Interessen, Berufe, Partner und Liebschaften regieren. Das linke Gehirn befasst sich weitgehend mit der Quantität der Dinge; das rechte mit der Qualität.

Wenn wir von "Lebensqualität" reden, befassen wir uns mit dem Fühlen. Also haben wir ein Gehirn, das fragmentiert ist, und das andere, das das Ganze sieht. Um ganz zu werden, müssen wir es schaffen, die Bruchstücke unseres Lebens zu einem vollständigen Bild zusammenzusetzen; dafür brauchen wir zwei Gehirnhemisphären, die harmonisch zusammenarbeiten. Das ist eine Definition des Bewusstseins und seiner Unterscheidung von Bewusstheit. In der Therapie sehen wir, wie das funktioniert, wenn der Patient nach einem Feeling mit einer Litanei beginnt: "Deshalb habe ich dies getan und deshalb das." Das fragmentierte Verhalten ergibt allmählich einen Gesamtsinn. Es hat einen Gestalt-Zusammenhang: Bewusstsein aus Unbewusstheit.

Die rechte Seite erzeugt Bilder und Reime und stellt räumliche Verbindungen her, wogegen die linke nüchterner ist. Sie schaut in die Zukunft und sieht die Konsequenzen unserer Handlungen. Linksseitige Intellektuelle brauchen Ordnung und Vernunft,
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die ihnen die Welt erklären, während Künstler, die mit dem rechten Gehirn arbeiten, eine solche Ordnung verschmähen. Leute, die einen Witz nicht "kapieren," sind oft eher linkshirnorientiert, weil ihnen die Nuance entgeht, das unterschwellige Gefühl oder der subtile Humor. Sie reagieren auch weniger auf Musik, Rhythmus und Klang. Leute, die die Unehrlichkeit oder den psychologischen Unterton eines anderen nicht "spüren" können, sind eher linkshirngebunden. Sie nehmen Leute oft beim Wort und sind auf Worte fixiert. Im Gegensatz dazu können fühlende Leute, den Ton oder Unterton in dem spüren, was andere sagen. Sie fühlen auch, was ihre Kinder brauchen. Bei ganzen Menschen herrscht ein Gleichgewicht zwischen rechts und links; sie sind sensibel, fühlend und scharfsichtig. Alles in allem meine ich in diesem Zusammenhang "verknüpft," und deshalb bewusst.

Wie ich im vorigen Kapitel bemerkte, gestalten Gefühle der Mutter die Gefühlszentren des Babys. Ein geliebtes Baby wird eine gute Balance zwischen der linken und rechten Hemisphäre entwickeln, gesunden Zugang zu seinen Gefühlen haben und fähig sein, sie zu gebrauchen, um gute Entscheidungen zu treffen. Es wird in der Lage sein, sich selbst "objektiv" zu sehen. Wir sehen das in der Therapie, wenn Patienten, die den rechten und linken präfrontalen Bereich miteinander verknüpfen, freiweg die Fehler sehen, die sie mit ihren Kindern oder Ehepartnern gemacht haben. Ein geliebtes Kind ist auch sensibler für die Gefühle anderer. Die rechte Seite erinnert Liebe und Nichtliebe und versucht, dies der linken präfrontalen Zone mitzuteilen. Sie spricht mit chemischen Begriffen: "Keine Liebe, das ist furchtbar. Schick' die Stresshormone herein." Nähe, Liebe und emotionale Bindung - oder ihr Fehlen - beeinflussen das rechte Gehirn des Kleinkind während der Fötalphase und in den ersten drei Lebensjahren mehr als in einer späteren Phase. Es ist die entscheidende kritische Periode. Aus diesem Grund ist es für die Gesamtgesundheit des Babys so wichtig, von Anfang an - einschließlich der Zeit im Mutterleib - Liebe von der Mutter zu bekommen, weil die Liebe der Mutter die Entwicklung des Babygehirns aktiv reguliert. Ereignisse in dieser Zeit ändern das Gehirn sowohl funktional als auch strukturell.

Wenn wir in Erwägung ziehen, dass das rechte emotionale/limbische Gehirn in den ersten Jahren, wenn Berührung und Liebe absolut entscheidend sind, sich in einer Phase beschleunigten Wachstums befindet, ist es klar, dass deren Fehlen lebenslange Folgen für unsere Emotionen haben wird. Die Neurochemie des Gehirns, der Spiegel von Stresshormonen und anderer aktivierender Substanzen ist weitgehend unter Kontrolle des rechten Gehirns. Wenn diese sich ändern, beeinflussen sie, wie wir uns auf andere und auf uns selbst beziehen.

Was sich zwischen Mutter und Kind abspielt, ist eine Konversation zwischen ihren rechtsseitigen limbischen Systemen. Wenn die Mutter auf die Gefühle des Babys eingestellt ist, befindet sich ihr rechtes limbisches System im Einklang, und sie kann fühlen, was das Baby fühlt und angemessen reagieren. Je mehr elterliche Liebe es gibt,
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umso aktiver sind die Dopamin-Neuronen im rechten Gehirn, die dem Kind ein Wohlgefühl vermitteln. Je wohler sich das Baby in seiner Umwelt fühlt, umso optimaler ist die Dopaminaktivierung im rechten Gehirn. Was geschieht, wenn wir Mutters Liebe bekommen, ist, dass wir uns physiologisch gut fühlen.

Die rechte Hemisphäre ist tatsächlich ein Modell dessen, was mit uns früh im Leben geschah. Wenn wir früh im Leben keine starken emotionalen Beziehungen mit unseren Eltern hatten, wird die rechte Hemisphäre zu einer Schablone, die ständig scheiternde Beziehungen im Erwachsenenleben verursachen kann. Es ist auch das rechte limbische Gehirn, das unsere Anfälligkeit für spätere psychosomatische Leiden bestimmt. Wenn wir anfangs nicht genug Liebe bekommen, werden wir deswegen später leiden; Herzkrankheit ist nur eines von vielen Beispielen. Warum ist das so? Weil sehr frühe Traumen, die im Hirnstamm und in alten limbischen Strukturen registriert werden, direkte Verbindungen zu verschiedenen Organen haben, nicht zuletzt zum Herzen. Eine frühe Einprägung kann das Herz etwas schneller schlagen lassen, was im Lauf der Zeit zu Verschleiß führen und sein Funktionieren beeinträchtigen kann. Spätere Herzkrankheit kann ihr Leben beginnen, bevor wir unser soziales Leben auf Erden beginnen. Liebe lässt nicht nur die Welt sich drehen, sie lässt auch das Gehirn so funktionieren, wie es geplant war. Alles das spielt sich in der kritischen Periode ab, in der Erfahrung das Gehirn auf vielfältige, oft permanente Weise verändern wird.


Das einzig Heilsame besteht darin, tief ins Gehirn hinabzusteigen und den Prototyp wiederzuerleben – die grundlegende Persönlichkeit, die bereits vor der Geburt verankert wurde, die Feuerprobe für den späteren neurotischen Überbau.



Kein noch so großes Maß an Befriedigung kann ein frühes Defizit an Liebe und Zuwendung ersetzen. Das bedeutet, dass kein noch so großes Maß an Zuwendung durch einen Therapeuten beim Patienten tiefgreifende Veränderung bewirken kann. Er oder sie hat die kritische Periode längst hinter sich. Um es zu wiederholen: Man kann Neurose nicht weglieben. Natürlich kann Zuwendung in der Gegenwart als Verteidigungsaktion dienen und die reale Deprivation kurze Zeit in Schach halten; es beruhigt, kann aber nicht heilsam sein. Und man muss die ganze Zeit beruhigen, damit der Schmerz nicht hochwallt. Deshalb suchen viele Patienten ad infinitum eine konventionelle Therapie auf.

Das einzig Heilsame besteht darin, tief ins Gehirn hinabzusteigen und den Prototyp wiederzuerleben - die grundlegende Persönlichkeit, die bereits vor der Geburt verankert wurde, die Feuerprobe für den späteren neurotischen Überbau. Kurz gesagt, die Nicht-Zuwendung
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der Eltern (es gab keine Hilfe) immer und immer wieder zu erleben, bis die Verdrängung dieses Schmerzes behoben ist, und dann die fehlende Hilfe bei der Geburt wiederzuerleben. Dann können wir wieder Liebe hereinlassen und zulassen, dass uns geholfen wird. Je mehr Schmerz das System verlässt, umso weniger braucht man Verdrängung.

Kann man wirklich "Nicht-Hilfe" in einer Situation wiedererleben, in der es keine Worte gab? Man kann die späteren Aspekte wiedererleben, die in der Tat Worte haben: "Mein Vater half mir nie", was dann die Person in eine Zeit zurücktransportiert, in der es die (nicht artikulierte) Empfindung nicht vorhandener Hilfe bei der Geburt oder gleich danach gibt.

Ohne Harmonie zwischen den zwei Seiten unsers Gehirns können wir nicht ganz und integriert sein. Weil der Hirnstamm und limbische Strukturen auf der rechten Seite weitgehend das Unbewusste ausmachen, besteht die Aufgabe darin, das rechte Gehirn in Symmetrie mit dem linken zu bringen. Denken Sie daran, Ereignisse sind unbewusst, weil ein frühes Trauma das rechte Gehirn viel schwerwiegender beeinflusst als das linke, und dieses Gehirn verliert den Kontakt mit dem vollen Bewusstsein. Seine Verknüpfungen werden durchtrennt.

Ich ignoriere nicht Vererbung, Ernährung oder Umweltfaktoren. In der Gegenwartsliteratur gibt es eine Unmenge an Diskussionen über all das. Die Gesundheitsseiten in verschiedenen Zeitungen sind voller diesbezüglicher Diskussionen. Was ihnen fehlt, ist ein Verständnis der Primärfaktoren, über die ich schreibe.

MECHANISMEN, DIE ZUR DURCHTRENNUNG DER VERKNÜPFUNG BEITRAGEN

Eine zentrale Art und Weise, wie Liebe - oder deren Mangel - das Gehirn formt, besteht darin, dass sie bestimmt, wie gut wir mit unseren Gefühlen verbunden sind. Unsere Fähigkeit, mit unseren Gefühlen Verbindung aufzunehmen, hängt von einer Schlüsselstruktur im Gehirn ab, die als Brücke dient zwischen dem Verstehen des Feelings - eine Funktion der linken Seite - und dem Feeling selbst, das vom rechten Gehirn verwaltet wird. Diese Brücke nennt man corpus callosum. Es ist die wichtigste mehrerer Highways , welche das linke und rechte Gehirn miteinander verbinden; 80 Prozent der Gefühlsinformation überquert diese Struktur. Frühe Erfahrung kann diesen Informations-Highway von einer Gehirnhemisphäre zur anderen wirkungsvoll blockieren. Das bedeutet buchstäblich, dass die linke Seite nicht weiß, was sich in der rechten befindet.

Im Fall eines frühen Traumas leidet das Corpus callosum, und seine Fasern sind ausgedünnt und aufgrund einer geringeren Zahl verbindender Nervenzellen weniger wirkungsvoll. Mit weniger Nervenzellen erschwert diese Brücke die normale Interaktion zwischen dem rechten und linken Gehirn. Zum Beispiel kann eine vorzeitige Geburt das Corpus callosum schwächen, so dass die Verbindung später effektiv unterbrochen ist. Andere frühe Traumen neigen dazu, die Zellen buchstäblich zu stutzen, und schaffen damit eine schlechte Verbindung; eine Seite kann die andere nicht hören und hat keine Ahnung, was sie zu sagen versucht. Als
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Ergebnis verlieren wir den Kontakt zu unseren Gefühlen, die dann in der rechten "unbewussten" Psyche begraben werden. Nichtdestotrotz werden wir von diesen Kräften getrieben und gesteuert, ohne dass wir es je wissen. Das linke Gehirn reagiert auf den Druck der Nachricht, wie verstümmelt sie auch scheinen mag. Das große Alleinsein, wenn man sich um ein Neugeborenes unmittelbar nach der Geburt nicht kümmert, prägt sich ein und kann uns später dazu bewegen, dass wir unaufhörlich Freunde anrufen, wenn wir allein sind. Der Grund: Alleinsein kann das verheerende Originalgefühl wieder hochbringen und deshalb zu dem Drang führen, sich mit anderen in Verbindung zu setzen, um das Gefühl in Schach zu halten. Die Person verspürt den Drang zu telefonieren und Leute zu treffen nicht deshalb, weil sie ‚sozial' ist, sondern weil sie sich auf einer wilden Flucht vor dem Gefühl des Alleinseins befindet. Ein anderes Beispiel: Ein Mann hatte einen Lebensanfang, der die Hölle war, und so klammerte er sich an den Kommunismus als Versprechung des Paradieses auf Erden. Seine Überzeugungen - das Verlangen nach einer Alternative zur Hölle - waren in das Gefühl verkrallt. Was seine Überzeugungen bestimmte, war Hoffnung, die sich aus der tiefen Hoffnunglosigkeit ableitete.

Ein wiederholter Mangel an Liebe am Lebensanfang kann die Krankheit erzeugen, die als posttraumatische Stress-Störung (PTSD) bekannt ist. Ein Schlüsseleffekt von PTSD ist der Schaden, der dem Corpus callosum zugefügt wird, und der somit die Fähigkeit eines Menschen reduziert, sich mit seinen Gefühlen zu verbinden; oder buchstäblich die Fähigkeit des linken Gehirns, sich mit dem rechten zu verbinden. In einem Artikel im Scientific American beschreibt Martin Teicher von der Harvard Medical School seinen Befund, das Jungen, die missbraucht oder abgelehnt worden waren, ein signifikant kleineres Corpus callosum hatten als normale Kinder. Bei Mädchen, so fand man heraus, war sexueller Missbrauch mit einer deutlichen Größenreduzierung des mittleren Teils des Corpus callosum assoziiert. Dr. Teicher nennt einen entscheidenden Punkt: "Unser Team begann die Forschung mit der Hypothese, dass früher Stress ein toxisches Agens sei, das den normalen, geschmeidig orchestrierten Fortschritt der Gehirnentwicklung beeinträchtigt. Stress-Ausgesetztheit erzeugt molekulare und neurobiologische Effekte, welche die neurale Entwicklung auf eine adaptive Weise ändern, die das erwachsene Gehirn darauf vorbereiten, in einer gefährlichen Welt zu überleben und sich zu reproduzieren." 1 Dr. Teicher fügt hinzu, dass ein kleineres Corpus callosum zu "weniger Integration zwischen den zwei Gehirnhälften" führt, was unsere klinischen Beobachtungen bekräftigt. Die Person "bekommt sich nicht zusammen", im wahrsten Sinne des Wortes.2 Ob sich das Corpus callosum im Anschluß an Primärtherapie zu normaler Größe auswachsen kann, ist ein Forschungsbereich, den wir hoffentlich fortsetzen können. Schaden am Corpus callosum ist eine entscheidende Beeinträchtigung des Gehirns und beeinflusst Lernen, Koordination und emotionale Stabilität. Wir werden später sehen, wie die linke Seite normal "agieren" kann, während die rechte Seite völlig durcheinander ist.

Zweifelsohne verändern Stress und Vernachlässigung am Lebensanfang das Gehirn. Deswegen wachsen wir mit einem anderen kognitiven Apparat auf, der nicht so fähig ist wie
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"normale" Gehirne. Wir denken, dass dieses Gehirn fehlangepasst sei, aber tatsächlich hat es sich geändert, um sich an ein frühes Trauma anzupassen, das sich jetzt im unteren Gehirnsystem eingenistet hat. Der resultierende Spalt zwischen der linken und rechten Hemisphäre des Gehirns - ich betone das - ist buchstäblich eine schlechte Verknüpfung im Gehirn, ein Maß für die Disharmonie im System. Das linke Gehirn ist nicht auf das rechte abgestimmt.

Diese Durchtrennung oder Nicht-Verknüpfung ist adaptiv in dem Sinn, dass sie uns davor schützt, blockiertem Schmerz qualvoll ausgesetzt zu sein. Dennoch muss man auf den Druck seiner Botschaft reagieren. "Du wirst nicht geliebt" treibt uns dazu, dass wir uns Liebe vorstellen, wo sie nicht existiert. Der Glaube an einen liebenden Gott ist ein Beispiel. Das linke Gehirn fabriziert alle möglichen Vernunfterklärungen für sein Verhalten. Genau das geschieht in Split-Brain-Studien. Zum Beispiel kann eine komische Szene, die einem abgetrennten rechten Gehirn gezeigt wird, die Person zum Lachen bringen. Wenn man die Versuchsperson fragt, warum sie lachte, bemerkt sie, ohne sich des komischen Materials bewusst zu sein, das der rechten Seite zugeführt wurde, dass der Doktor einen komischen Mantel anhat. Kurz gesagt fabriziert und rationalisiert die linke Seite Input, dessen man sich nicht bewusst ist. Das ist ein Paradigma für Neurose. Es gibt Input von unten, der zum rechten frontalen Kortex aufsteigt aber die Callosum-Brücke nicht überqueren kann. Die Person fabriziert einen Grund für ihr Verhalten. "Ich würde nicht verrückt, wenn du mich das nicht hundertmal fragen würdest" mag sie auf eine harmlose Frage entgegnen, während der Ärger tatsächlich von tieferen Gefühlen stammt, zu denen sie keinen Zugang hat. Jemand, der ständig von seinen Eltern mit der Forderung schikaniert wurde, seine Hausaufgaben zu erledigen, wird nicht freundlich reagieren, wenn ein anderer darauf besteht, dass er eine bestimmte Aufgabe erledige. Das linke Gehirn ist im Großen und Ganzen der Interpret der Erfahrung. Wenn wir einen wahrheitsgetreueren Bericht wollen, müssen wir uns an das rechte wenden.

Die gefährliche Welt, von der Dr. Teicher spricht, ist, so behaupte ich, die Gefahr eingeprägter Feelings, die von dem "toxischen Stress" (Trauma) hinterlassen wurden, den er erwähnt. In seiner Arbeit fand er heraus, dass bei missbrauchten Patienten die rechte Hemisphäre voll entwickelt war, die linke aber hinterher hinkte. Er fragt sich, ob misshandelte Kinder verstörende Erinnerungen in der rechten Hemisphäre speichern. Aus Sicht unserer klinischen Erfahrung und nahe zu aller jüngsten Forschungen scheint das richtig zu sein.

Teichers Arbeit ist wichtig, weil sie verifiziert, dass früher Stress eine "unauslöschliche Einprägung" hinterlässt und eine "Kaskade molekularer und neurologischer Effekte" induziert, "die die neurale Entwicklung irreversibel verändern." Wie wir sehen, ist die Einprägung kein theoretisches Gespinst, sondern eine neurophysiologische Tatsache. Die Einprägung ist die alles überspannende Tatsache. Die Veränderungen in der neuralen Struktur und Biochemie sind Aspekte dieser Tatsache; der Zusammenhang, der ihr Sinn verleiht.
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Der Neurologe Dr. Bessel van der Kolk hat auch Beweise geliefert, dass ein verdrängtes Trauma spezifische neurale Schaltkreise im Gehirn hat.3 Ein Trauma gleicht einem Ereignis, das in einem nonverbalen neuralen Strom "blitzartig eingefroren" wird. Wenn es einmal zeitlich eingefroren ist, sondert es als Reaktion auf inneren Terror Stresshormone ab. Unser Ziel ist es, Erinnerungen von den nonverbalen zu den verbalen Zonen des Gehirns zu bringen, sie zu verknüpfen und integrieren. Hilflosigkeit ist ein gutes Beispiel und "Ich schaff'es nicht" ist noch eins. Ein Patient fühlte, dass er es in der Schule nicht schaffen würde, bis er "Ich schaff' es nicht" im Originalzusammenhang fühlte. Der Patient konnte dem unaussprechlichen Gefühl Worte verleihen. Diese Worte erklärten das Gefühl auf allen drei Bewusstseinsebenen.

DAS PROBLEM MIT LINKSHIRN-ZENTRIERTER PSYCHOTHERAPIE

Leider tendieren wir dazu, Linkshirn-Aktivitäten unter Vernachlässigung des rechten zu glorifizieren. Wir erwarten vom linken Gehirn, dass es unsere Schlachten schlägt, besonders gegen die inneren Feinde. Wir machen das, ohne in Betracht zu ziehen, dass die Linkshirn-Entwicklung viel später in der Evolutionsgeschichte und in unserem persönlichen Leben in Gang kam als das rechte Gehirn, zum Teil als Methode, um uns von der anderen Seite abzukoppeln. Die eine Art von Gehirngewebe kann nicht die Arbeit eines anderen machen. Das linke Gehirn entwickelte andere Fähigkeiten, um Redundanz zwischen rechtem und linkem Gehirn zu vermeiden. Die Aktivität des linken Gehirns hilft, uns zu besänftigen und zu beruhigen. Sie erlaubte und erlaubt uns weiterhin, dass wir uns gegen Gefühle verteidigen, die zu intensiv waren, als dass man sie ertragen hätte können. Wir benutzen die linke Hemisphäre, um eine Verletzung oder eine Beleidigung zu rationalisieren, so dass sie nicht soviel Schmerz erzeugt. Oder weil wir Bedürfnissen ausgeliefert sind, deren wir uns vielleicht nur verschwommen bewusst sind, kann das linke Gehirn alle möglichen Bedürfnisse auf ein romantisches Objekt verfrachten und sich vorstellen, dass sie wundervoll sei, nur um zwei Jahre später auf der ganzen Linie enttäuscht zu sein, weil das linke Gehirn nicht die Wahrheit wahrgenommen hat. Es hörte nicht auf das rechte, weil die Kommunikation entweder reduziert oder nicht-existent war. Wenn die Wahrnehmung von Bedürfnis und Gefühl losgelöst ist, nehmen wir falsch wahr. Wenn wir zum Beispiel einen starken Beschützer brauchen, übersehen wir die Schwächen der Person und ignorieren ihre Fehler. Wir "sehen" Schutz, wo vielleicht keiner existiert, oder wir erhalten Schutz, der mit totaler Beherrschung einhergeht.

Der linke frontale Bereich ist auch der Ort, wo wir Glaubensüberzeugungen heraufbeschwören oder annehmen. Einsichten, die uns ein Therapeut gibt, sind letztlich Glaubensüberzeugungen, die Schmerz besänftigen und erleichtern sollen.
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In der Tat können die Worte eines Therapeuten unsere Qualen besänftigen, egal ob sie richtig oder falsch sind. Es ist nicht nur der Inhalt dessen, was der Therapeut sagt, sondern einfach der besänftigende Ton in seinen Worten. Eigenartigerweise beeinflusst dieser Ton das rechte Gehirn, nicht das linke. Der Inhalt der Einsicht verbleibt im linken. Wir können uns zu dem Glauben verleiten lassen, dass es der Inhalt einer Einsicht ist, was uns besser fühlen lässt, aber in Wirklichkeit ist es die ganze Zeit der beruhigende Ton. Er dämpft rechtsseitigen Schmerz - den Schmerz über einen Vater, der sich nie kümmerte, nie sanft war und dessen Tonfall unerbittlich hart war. Die Gegenwart des Therapeuten sagt: "Ich bin jetzt da. Alles wird gut." Einfach in seinem Büro zu sein kann bewirken, dass wir uns besser fühlen. Anders gesagt gestattet uns die linke Seite, dass wir uns selbst gegenüber teilweise blind sind. Das ist besonders krass, wenn es um Psychotherapie geht, die seit mehr als 100 Jahren traditionell linkshirnzentriert ist.

Es lässt sich schwer erkennnen, was auf Menschen zutrifft, wenn wir allein Worte  als Zeichen der Realität nehmen.



Aufgrund neuer Forschungsergebnisse, die in Hülle und Fülle vorhanden sind, ist jetzt klar, dass Psychotherapie sich mit dem rechten Gehirn befassen und in Erwägung ziehen muss, wie sie Rechts-Links-Gehirnverknüpfungen beeinflussen kann - weil Gefühle auf diese Weise integriert werden. Psychotherapie muss so funktionieren, dass sie nicht nur unserem psychischen Zustand hilft sondern unserem gesamten neurophysiologischen System. Das ist der Unterschied zwischen dem Gebrauch von Worten (linkes Gehirn) und dem Gebrauch von Bildern, Szenen und Gefühlen (rechtes Gehirn). Ersteres geschieht, wenn wir über unsere Vergangenheit "reflektieren," während echtes emotionales Wiederfinden, das für Integration und echte Heilung nötig ist, Zugang zu den Gefühlsstrukturen des rechten Gehirns erfordert. Wiederum sehen wir, dass es nicht möglich ist, Vorstellungen und Gedankenprozesse zu benutzen, die buchstäblich erst Millionen Jahre später in der Gehirnentwicklung auftraten, um zu beeinflussen, was tiefer im Gehirn steckt und sich Millionen Jahre früher entwickelte.

Die unterschiedlichen Funktionen des linken und rechten Gehirns sind offensichtlich, wenn wir sagen: "Ich versuche mich selbst davon zu überzeugen, das Rauchen aufzugeben." Welche Selbsts sind das? Das linke versucht, das Bedürfnis auf der rechten Seite zu ersticken, ist aber nie so stark wie beide zusammen. Das rechte Gehirn kennt nur sein inneres Universum. Es "sagt" dem linken in einer verschlüsselten Botschaft, es solle zur Zigarette greifen, und das linke gehorcht. Es befiehlt dem linken, an Reinkarnation, Vorleben und andere übernatürliche Ereignisse zu glauben, und das linke gehorcht. Es befiehlt von seiner
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Festung herab, die aus den Traumen der Vergangenheit errichtet ist - Verlassenheit in der frühen Kindheit, schreckliche Isolation, Einsamkeit und Angst. Hier sehen wir, wie unsere Wirklichkeit Unwirklichkeit konstruiert, eine Unwirklichkeit, die der Valenz oder Kraft der verborgenen Wirklichkeit entspricht. So können der Wissenschaftler und der wahre Gläubige zur selben Zeit in derselben Person existieren, ein nahtloses Miteinander der zwei Hälften des Gehirns, und jede ist sich der anderen unbewusst oder ihr gegenüber wenigsten gleichgültig. Das Teuflische am Glauben an vergangene Leben ist, dass daran etwas Wahres ist - ein reales vergangenes Leben, das den Kortex dazu treibt, Glaubensvorstellungen zu erfinden. Die Person hat einfach die Realität übersprungen, aufgrund deren hoher Valenz. Jeder von uns bekommt nur ein Leben, aber wenn Todesgefühle drohen, entscheiden wir uns für mehr Leben. Es ist möglich, dass es in einer Kultur eine Vergiftung durch Gefühle und Glaubensvorstellungen gibt, welche die Art von Glauben umschreibt, den man annehmen wird. Der Inhalt bedeutet wenig, weil das Gehirn den Unterschied zwischen Allah, Buddha und Gott nicht erklären kann. Es muss einfach glauben. Der präfrontale Kortex beschwört Glaubensvorstellungen herauf, um sich an das Bedürfnis anzupassen. Das Gefühl jedoch im Inneren des Glaubens ist Hoffnung - auf ein besseres Leben, Führung und Schutz.

Die grundlegenden Naturgesetze, die sich auf Gefühle anwenden lassen, existieren: unsere Aufgabe ist es, sie zu entdecken. Das wird sehr schwierig, wenn wir keinen Zugang in die Tiefe des rechten Gehirns haben. Noch schwieriger, wenn wir uns der Einprägungen nicht bewusst sind, ist die Entschlüsselung, wie und wo sie verankert werden. Es ist doppelt schwierig, wenn wir uns der unterschiedlichen Funktionen der zwei Hemisphären nicht bewusst sind. Wir müssen keine intellektuellen Theorien über menschliches Verhalten erfinden; wir müssen Naturgesetze entdecken. Das sollte unsere Aufgabe leichter machen, wenn wir erst einmal das Intellektuelle hinter uns lassen. Es lässt sich schwer erkennnen, was auf Menschen zutrifft,wenn wir Worte allein als Zeichen der Realität nehmen.

Wenn ein Tier die Schmerzlaute seines Nachwuchses hört, springt das rechte Gehirn in Aktion. Viele Mütter berichten, dass sie Spannung in ihren Warzen oder ein Fließen von Brustmilch erleben, wenn sie irgendein Baby schreien hören. Der ganz frühe Schmerz, den wir im Mutterleib erfahren, wird weitgehend auf der rechten Seite registriert. Somit brauchen wir, um die Unaufrichtigkeit von anderen oder die verborgene Bedeutung hinter ihren Worten zu verstehen (Denken Sie an Politiker), rechtsseitigen Zugang, genau wie wir ihn brauchen, um Sarkasmus oder den Humor in einem Witz zu verstehen. Wenn wir einen guten Therapeuten wollen, muss es vor allem jemand sein, der versteht, was Leute heimlich fühlen. Er muss das Unausgesprochene in Verhalten und Bekundungen der Menschen sehen. Die rechte Seite gibt uns einen Überblick über unsere innere/emotionale Welt; die linke Seite ist weitgehend auf die kognitive Welt beschränkt. Die Anhänger der kognitiven Therapie bleiben auf der Ebene des Offenen und Offensichtlichen und vernachlässigen das Unbewusste und seine Kräfte.  In der Freudschen
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Welt wird das Unbewusste wenigstens anerkannt, aber es gibt keinen Königsweg dorthin. Weil den "Kognitivisten" tendenziell der Zusammenhang der Ereignisse entgeht und weil sie das augenscheinliche Problem als das Problem behandeln, sind ihnen die Ursachen für immer genommen. Das ist prima für die Beratungstherapie, wenn ein Paar gewissen Rat braucht - und ich verweise oft Paare zur Beratungstherapie - aber es ist nicht prima, wenn es um die Behandlung tiefer Probleme geht.

Wir brauchen die Zusammenarbeit der rechten und linken Seite, um auseinanderliegende Teile so zusammenzufügen, dass Symptome für uns einen Sinn ergeben. Tiefe Ängste können eine Phobie erzeugen, sagen wir, vor geschlossenen Räumen. Wenn die eingeprägte Originalerinnerung linksseitig bewusst gemacht worden ist, kann die Angst ihre Ableitung in Phobien beenden und sich mit dem vollen Bewusstsein verbinden. Phobien sind hier Ableitungen, Wegstationen und Umleitungen, weil die Angst nicht dorthin gehen kann, wohin sie sollte.

Es gibt Körpertherapien, die Alexander-Bioenergetik-Methode und die sogenannte Gefühlstherapie der Gestalt-Schule, die sich auf unkortikale Weise nur auf Fühlen konzentriert; und dann gibt es die Kognitivisten, die sich auf kortikale Art auf Gedanken und Überzeugungen konzentrieren. In einer geeigneten Psychotherapie sind beide Gehirn-Bereiche wesentlich, weil wir aus zwei Hemisphären bestehen, nicht aus einer. Wir brauchen Text und Kontext, Vergangenheit und Gegenwart, Fühlen und Verstehen. Wenn wir etwas davon vernachlässigen, kompromittieren wir jede Therapie, die wir ausführen.

Eine akribische Person ist in der Regel linksseitig dominant. Leute, die später im Leben Sprachen leicht erlernen, haben Rechtshirn-Zugang; sie spüren die Nuancen und Unterschiede im Klang und fühlen mehr. Sie fühlen den Rhythmus und die Akzente einer Sprache. Das heißt nicht, dass sie "normaler" sind. Rechtsseitler können hysterische Chaoten ohne linksseitige Kontrolle sein. Sie können Wutanfälle haben, um die Wette schreien und ausagieren und völlig ohne (linksseitige) Kontrolle sein. Die Linksseitler lernen die Worte, sonst aber wenig, und gewöhnlich lernen sie nie den Akzent und Klang einer Sprache. Nichtdestotrotz sind linkshirnige Leute wahre Kanonen in grammatischer Hinsicht. Noch einmal, es dreht sich alles um die Feinheiten in anderen und in der Sprache. Es geht darum, was uns zu guten Eltern macht - keine Kindererziehungs-Handbücher sondern Gefühle, die Bedürfnisse des Kindes spüren, weil man selbst mit seinen eigenen in Berührung ist. Was in einigen Rechtshirnlern geschieht, ist, dass sie mit Input von unten geladen sind, so dass sie, wenn zuviel Input von außen kommt, überwältigt sind und oft hysterisch werden. Die erste Ebene sprudelt hervor, und sie sind ganz in Gefühlen aufgelöst. Somit kann äußere Stimulation (zum Beispiel zu viele Leute auf der Party) in Kombination mit der inneren Stimulation viel zu viel werden. Sie schreien, explodieren im Zorn und so fort. Das ist
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Teil der Grundlage für Sozialangst. Die Notwendigkeit, Input von außen zu vermindern, um sich selbst im Gleichgewicht zu halten.

Wichtig ist, dass rechtsdefiziente Leute sich nicht in Zusammenhang mit der Veränderung verändern können. Sie agieren in der Gegenwart weiterhin die Vergangenheit aus und tun sich schwer, sich an das Neue anzupassen. Sie sind deshalb (im Allgemeinen) rigider in ihren Methoden. Veränderung droht. Es gibt Leute in der Neurowissenschaft, die diesen Punkt verstehen, dennoch aber eine Variante der kognitiven Therapie benutzen, wenn der Patient einmal Gefühle diskutiert. Es gibt dennoch diese Ausrichtung aufs Diskutieren, diese Konzentration auf die Beziehung zwischen Patient und Arzt anstatt auf die Beziehung zwischen dem Patient und seinem Selbst. Wir gehen zur kognitiven Therapie, um die Armee der Worte gegen die Reihen der Gefühle aufzustellen. Wenn wir das verstehen, können wir sehen, wie vergeblich es ist, bei der Behandlung der Auswirkungen tief eingegrabener Traumen Gedanken zu benutzen. Es sind nicht nur Gedanken, die in die Therapie involviert sind. Der Therapeut ist nicht nur Gedankenlieferant sondern auch Erfüller von Bedürfnissen (symbolisch), und somit können wir auch nur symbolisch gesund werden; Therapie ist nur eine andere Form des Ausagierens. Real ist das ungelöste Kindheits-Bedürfnis des Patienten und die (psychophysischen) Verzerrungen, die es vor langer Zeit verursacht hat. Keine gegenwärtige therapeutische Zuwendung kann Kindheits-Deprivation ungeschehen machen.

Denken Sie daran, dass Einsichten ein Satz von Glaubenssystemen sind. Sie sind verschieden bei den Jungianern und den Freudianern. Was ein Therapeut dem Patienten mitteilt, ist oft Teil seiner eigenen apperzeptiven Masse, seiner eigenen Überzeugungen, die der Patient annehmen muss. Einsichten sind nicht neutral; sie sind auf vielfache Weise festgelegt. Hinter ihnen steht ein theoretischer Bezugsrahmen, ein Glaubenssystem, das dem Patienten eingeschärft wird. Oft benutzt der kognitive Therapeut Worte, um den linken präfrontalen Bereich des Patienten zu aktivieren, wodurch er die Abwehr verstärkt. Die Freudianer nennen es nicht kognitiv, aber sie verlassen sich schwer auf Worte, um ihr Ziele zu erreichen. Sie wollen den Patienten wieder auf vernünftigere Denkweisen ausrichten. Somit haben wir hier ein Paradox: Die Worte des Therapeuten stärken die Linkshirn-Abwehr, während der Tonfall das rechte Gehirn beruhigt; zusammen scheinen sie zu helfen. Es ist aber nicht der Inhalt der Einsichten, die ein Therapeut gibt, sondern die Tatsache der Einsichten an sich, was hilft; Gedanken anbieten als Balsam für jene inneren Wunden, die nicht bluten.

Was ist die Bedeutung oder der Unterton in den Einsichten des Therapeuten? "Ich kümmere mich. Ich höre zu. Ich will helfen. Ich rede mit dir voller Empathie. Du bist es wert, dass man mit dir redet." Das alles ist der "heilsame" Unterton, der symbolisch ist. Was immer unsere Abwehr verstärkt, bewirkt tendenziell, dass wir uns besser fühlen. Es streicht eine Salbe aus Gedanken/Vorstellungen über die Verletzung, so dass wir sie nicht fühlen, wenngleich es doch das Gegenteil ist, das stattfinden muss. Keine Psychotherapie kann unsere ungelösten Kindheitsbedürfnisse
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und das Ausagieren ändern, das sie in Gang halten, wenn sie einmal besiegelt sind. Wir können Rauchen oder Trinken durch Schläge oder Ermahnungen entfernen, aber die Kraft, die diese Gewohnheiten hervorruft, bleibt. Oder wir können zur Psychotherapie gehen, wo der Therapeut uns ermutigt, unsere Eltern zu verstehen und ihnen ihre Schwächen zu vergeben, während unser System aufgrund der Deprivation große Qualen leidet. Es ist das linke Gehirn, das verzeiht, während das rechte leidet, und Vergebung wird dieses Leiden niemals ändern. Vergebung ist eine religiöse Auffassung, keine wissenschaftliche. Vergebung überlässt man am besten der Kirche.

Wir neigen zu dem Glauben, dass Gedanken unser Verhalten ändern, wenngleich es tatsächlich unsere Gefühle sind. Es ist bedeutungslos, ob unsere Gefühle bewusst sind oder nicht; sie beeinflussen dennoch alle unsere biologischen Mechanismen, einschließlich Hormone, unser Kreislaufsystem, Muskeln und so fort. Linkshirn-Einsichten, die wir Jahrzehnte später in der Therapie haben werden diese physiologischen Einprägungen, unsere Erinnerungen, unsere entscheidende Rechtshirn-Geschichte nicht ändern, weil sie mit dieser Geschichte nicht direkt verknüpft sind. Tatsächlich sind sie von dieser Geschichte abgetrennt.4 Die wirkliche Herausforderung in der Therapie liegt darin, wie man sich ohne Worte an das rechte Gehirn eines anderen Menschen wendet. Die rechte Seite sagt immer die Wahrheit, weil die Einprägung ihr keine Wahl lässt; nichtsdestotrotz zwingt diese Wahrheit die linke Seite oft zu lügen, meistens uns selbst zu belügen. In der Oktober-2005- Ausgabe des British Journal of Psychiatry gibt es eine Studie, die erkennen lässt, dass die Fähigkeit oder Anlage für zwanghaftes Lügen - was nicht überraschen kann - im präfrontalen Kortex liegt, weit weg von der Gefühlsebene.


Wir gehen zur kognitiven Therapie, um die die Armee der Worte gegen die Reihen der Gefühle aufzustellen.



Ohne Rechtshirn-Zugang werden wir viele körperliche Probleme nicht lösen, ganz zu schweigen von den psychischen Problemen, die Abkömmlinge von frühen verborgenen Gefühlen sind. Jedes psychische Problem hat sein somatisches Gegenstück. Wir können sie zu Studien- und Behandlungszwecken voneinander trennen, aber letztlich sind wir organische Wesen. Und so gehen wir zu drei verschiedenen Spezialisten wegen der drei verschiedenen Arten, mit denen wir auf ein und dasselbe frühe Trauma reagieren. Der Internist befasst sich mit Geschwüren, wie er es sollte; die Psychologin befasst sich mit Phobien, wie sie es sollte; und der Psychiater befasst sich mit einer verzweifelten Gemütsverfassung, indem er Beruhigungsmittel anbietet, die manchmal notwendig sind. In der Primärtherapie befassen wir uns mit der ganzen Person, beobachten, wie die Auflösung des Traumas Symptome auf jeder
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Repräsentationsebene zu zerstreuen scheint. Das soll nicht heißen, dass man nicht jedes Symptom behandeln muss. Man muss. Fordauernde Symtome stellen immer eine Gefahr dar. Wenn wir die Wahrheit hinter dem Verhalten eines Menschen wollen, müssen wir nur auf das Unbewusste zugreifen, auf die tiefen rechten Bereiche des limbischen Systems und der Amygdala, und wir werden sie finden.

So viele unserer Patienten hatten vor der Therapie alle möglichen Symptome, die ihnen ein Rätsel waren, nicht zuletzt Depression. Wenn die Verbindung erst hergestellt ist, sind diese Symptome kein Rätsel mehr; darüber hinaus existieren sie gar nicht mehr.



Um das Gleichgewicht wieder herzustellen, müssen wir zu den Ereignissen zurückkehren, die das Ungleichgewicht verursachten. Glücklicherweise können wir die Person dorthin zurückbringen, wo einige der Schaltkreise umgeleitet und neu verdrahtet wurden. Die rechte Seite gibt uns eine Chance, unsere Vergangenheit zu rekapitulieren, sie wiederzuerleben und zu verändern; eine Herkules-Aufgabe, aber durchaus möglich. Wir müssen uns nicht auf Theorien der linken Seite verlassen um zu verstehen. Vor allem müssen wir unsere Theorien nicht mehr unseren Patienten aufzwingen; wir können unsere Theorien aus dem Munde unserer Patienten entwickeln. Ihre Gefühle erklären, was wir wissen müssen. Zurückzugehen und sich von den eigenen Eltern ungeliebt zu fühlen ist heilsam. Es ist die beste Chance auf Liebe, die wir haben, weil es bedeutet, dass wir emotional nicht mehr verschlossen sind; wir haben uns uns für unseren Schmerz und unsere Emotionen geöffnet, und das wird hoffentlich etwas von dem Schaden gutmachen.

Wenn eine bessere Verknüpfung besteht, werden sich unsere Beziehungen verbessern; vielleicht gibt es weniger Scheidungen, weil alle von uns die Realität sehen und weil wir aufhören, unsere Bedürfnisse auf andere zu projizieren. Wir werden nicht aus den falschen Gründen heiraten, weil wir einen schärferen Blick für unsere Bedürfnisse haben. Scharfsichtig zu sein bedeutet, dass wir unsere Gefühle integrieren und in Kontakt mit unserem intuitiven Selbst stehen. Gute Verknüpfungen zum rechten präfrontalen Bereich unserer Erinnerungen helfen uns, dass wir über unser Innenleben gut informiert sind, so dass wir nicht überrascht sind, wenn wir mit zunehmenden Alter ein blutendes Geschwür entwickeln oder in eine Depression fallen. Tatsächlich wird nichts davon geschehen, weil wir verstehen, woher unsere Stimmungen kommen, mit ihnen Verbindung aufnehmen und sie deshalb kontrollieren können. Das setzt voraus, dass es solche unerklärten Stimmungen überhaupt gibt.
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Will ich sagen, dass wir diese Symptome nicht haben werden, wenn wir verknüpft sind? Zwar nicht immer oder nicht in jedem einzelnen Fall, aber in der Mehrheit der Fälle - offensichtlich ja. So viele unserer Patienten hatten vor der Therapie alle möglichen Symptome, die ihnen ein Rätsel waren, nicht zuletzt Depression. Wenn die Verbindung erst hergestellt ist, sind diese Symptome kein Rätsel mehr; darüber hinaus existieren sie gar nicht mehr. Wenn wir mit Ereignissen auf Leben und Tod bei der Geburt verknüpft sind, die Herzklopfen in Gang setzten, und mit 40 Jahren diese Ereignisse durch ein Wiedererlebnis (Primal) voll erfahren, wird es solche Symptome nicht mehr geben.

Wenn wir erst verstehen, dass nur der Patient sich selbst transformieren kann, dann können wir über den Versuch hinausgehen, ihn zu etwas zu machen, was er nicht ist. Die Realität liegt in ihm, nicht im Kopf des Therapeuten. Wir müssen ihm helfen, diese Realität zu finden.

FALLSTUDIE: NATHAN

Neulich war ich am Rand der Verzweiflung. Tatsächlich war ich dabei, mich zu verlieren, aber mit gutem Grund. Jeder konspiriert gegen mich, sogar die Therapeuten. So ging ich am Dienstag in meine Sitzung. "So, du glaubst also, ich rauche wieder "Dope" und du hast es allen Therapeuten gesagt, und jeder hasst mich jetzt." Valerie (meine Therapeutin) reagierte nicht sonderlich, außer dass sie sagte: "Wie fühlst du dich dabei?" Ich bin immer der Dumme; irgendeiner ist immer darauf aus, mich zu kriegen. Für irgendwas gibt man mir immer die Schuld, und es läuft immer darauf hinaus, dass mich jeder hasst aus dem einen oder anderen Grund. Wie ich das sage, spüre ich einen Spannungsknoten in meinem Magen und eine tiefe Traurigkeit. Meine Augen werden allmählich verschwommen und das Reden fällt mir schwer. Was geschieht? Valerie sagt, dass ich fühle, dass ich nicht gut genug bin, nicht genug tun kann und nichts, das ich tue, je genug sein wird! Ich kann nicht jedem gefallen. Ich kann nicht perfekt sein! Ich fange an zusammenzubrechen und zu weinen.

Dieses Gefühl durchdringt mich weiter, und mein Weinen wird ernst. Ich verliere jedes Zeitgefühl und dann, wie aus heiterem Himmel, platzt diese Rückblende in meinen Kopf. Ich bin auf der Highschool in der Computerklasse, verberge mein Gesicht in meinen Armen und gebe vor zu schlafen, während jeder fleißig seine Aufgaben macht. Damals ging es mir miserabel, und ich verbrachte meine Tage in der Klasse gewöhnlich schlafend oder tat so, als würde ich schlafen.Die Lehrerin rief mich zu sich an ihr Pult und ich dachte "Oh, Scheiße,ich krieg' schon wieder Ärger", oder vielleicht würde sie mich fragen, ob etwas nicht stimmt. Ich wollte, dass sie mich fragt: "Stimmt etwas nicht, Nathan? Was ist los? Kann ich dir helfen? Du kannst mit mir reden. Ich hör zu." Aber nein, sie stellte mir eine blöde
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Frage über meine Hausarbeit, ich antwortete und ging an mein Pult zurück und schlief.

Jetzt fließen die Tränen in Strömen, weil niemand sehen kann, wie sehr ich leide, weil niemand mir helfen will, niemand sich kümmert und ich mich wertlos fühle! Meine Muskeln beginnen sich zusammenzuziehen, und ich fange zu husten an.Ich huste und huste und huste bis an den Punkt, wo ich das Gefühl habe, gleich kotzen zu müssen. Ich kotze aber nicht. Nach diesen Hustenanfällen scheint der Druck nachzulassen, und ich liege einfach schlaff und tränenüberströmt da. Ich beruhige mich ein bisschen und Valerie sagt: "Bitte um Hilfe."

"Nein, ich will nicht!"

"Bitte."

"Nein, ich will nicht; sie hätten etwas sagen können. Sie hätten sehen können, wie schlimm mein Schmerz war, wie sehr es mir weh getan hat."

"Bitte."

"Helft mir! Bitte helft mir! Ich brauche Hilfe!" Und ich bin wieder drin, volles Weinen, Krämpfe, Muskelanspannung und Husten. Es geht so weiter, bis ich mich an das Telefongespräch erinnerte, das ich geführt hatte.

Erst vor ein paar Tagen, am Muttertag, eher aus einem Schuldgefühl heraus, rief ich meine Mutter an. "Alles Gute zum Muttertag," sagte ich. Aber alles was ich von ihr hörte, war, welche tollen Sachen mein Bruder macht. Er hat gerade ein neues Motorrad gekauft, hat gerade einen neuen Hund bekommen, gerade dies und das gemacht. Und ich fühle mich beschissen, weil mein Leben beschissen ist und ich es nicht in die Reihe kriege. Sie reibt mir das einfach unter die Nase, macht, dass ich mich wertlos fühle. Nichts, was ich tue, ist gut genug. Ich kann nichts richtig machen; ich bin so eine Enttäuschung! Hier kommen wieder die Tränen. Ich erkenne, dass diese Gegenwartsgefühle von daher stammen. Diese Erinnerungen, mein ganzes Leben lang vernachlässigt und manipuliert worden zu sein. Aber nicht nur das, als die Sitzung sich weiter abspult, sagt mir meine Therapeutin, dass sie nicht dachte, ich rauche "Dope" und dass sie den anderen Therapeuten nichts dergleichen gesagt hat. Es war alles in meinem Kopf! Die Feindseligkeit ist nicht real, die Verschwörung ist nicht real, jeder gegen mich ist nicht real. Es war alles nur ein Feeling, ich hab ein Feeling ausagiert. Und für mich ist das die härteste Sache. Erkennen, dass meine Gefühle die Realität so sehr verzerren, dass ich nicht einmal mehr sagen kann, was wirklich ist, und dann zu erkennen, dass es in meinem ganzen Leben so war.Wieder und immer wieder diesen Teufelskreis zu wiederholen. Ich überlege, wie viel Zeit ich damit vergeudet habe, diesen falschen Vorstellungen nachzujagen. Alle die unwahren Dinge, die ich geglaubt habe, weil meine Gefühle mich dazu verleitet haben, und wie das mein Leben völlig durcheinander gebracht hat.
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Aber ich fühle mich erleichtert, wenn die Sitzung endet, als ob eine gewisse Last gerade von mir genommen worden sei. Und das macht diese Therapie so erstaunlich. Das macht diese Therapeuten so erstaunlich. Sie können diese Dinge aus dir herausziehen, Dinge von denen du gar nicht wusstest, dass sie da sind, und die du nicht nur erkennst sondern auch fühlst, so dass du sie ändern kannst und dein Leben neu aufbauen kannst - ein reales Leben!


 

KAPITEL 6

KOGNITIVE THERAPIE: WARUM WORTE NICHT GENÜGEN

Ich habe viel über meine Perspektive der kognitiven Therapie geschrieben. Um Ungerechtigkeit zu vermeiden, sollten wir von den Fachleuten auf unserem Gebiet hören, die sie praktizieren.

Ein Fallbuch für die klinische Praxis aus dem Jahr 1996 erörtert viele Aspekte der kognitiven Therapie. Ein Kapitel über die Aufrechterhaltung des Gesundungsprozesses von D.F. O'Connell und Henry O. Patterson betont, dass wie beim rational-emotiven Ansatz von Albert Ellis "mehrere dsyfunktionale Überzeugungen für den Patienten identifiziert worden sind. Wir bieten diese den Patienten an, um ihnen zu helfen, die folgenden Überzeugungen aufzulösen, und ihnen zu helfen, sie durch rationalere zu ersetzen: <<Ich brauche die Zustimmung anderer, um zu beweisen, dass ich angesehen bin.<<  <<Ich habe nicht die Macht zu bekommen, was ich will.<< " Im Weiteren sagen sie, wie man diesen Überzeugungen durch positivere Gedanken entgegenwirken kann, die an ihre Stelle treten.1

Nun, warum fühlt sich jemand so - machtlos und wertlos? Ist das eine Laune oder ist es das Ergebnis der Lebenserfahrung? Kein wirklich geliebter Mensch fühlt sich entweder machtlos (es sei denn, er ist in einer gegebenen Situation mit der IRS) oder bedürftig nach der Zustimmung anderer. Aber hier haben wir in der Therapie wieder einen guten Papi oder eine gute Mami, die sich um uns kümmern und uns ermutigen. Natürlich sorgt das dafür, dass man sich besser fühlt - für gewisse Zeit.

Die Autoren behaupten, dass Substanzen missbrauchende Individuen oft diese Überzeugungen hegen. Hat man diese Überzeugungen einmal an die Oberfläche gebracht, so sagen sie, dann kann der Therapeut " das volle Spektrum kognitiver Interventionen einsetzen, um sie in Frage zu stellen und sie durch rationalere Annahmen zu ersetzen." Im Grund meinen sie mit kognitiven Interventionen, dass sie Gedanken und Verhalten eine neue Richtung geben. Sie ersetzen alte Gedanken mit neuen, aber es sind noch immer Gedanken.
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Ich nehme nie an, dass ich rationaler sei als meine Patienten. Glücklicherweise muss ich es nicht sein. Ihre Überzeugungen die, wie ich den Leser erinnern möchte, adaptiv sind, sind rational und folgen ihren Gefühlen. Sie sind nur im Gegenwartskontext irrational, weil neurotische Vorstellungen deshalb als neurotisch definiert werden, da die Reaktionen aus dem Zusammenhang gerissen sind. Paradoxerweise sind es die Gefühlszentren des Gehirns, die rational bleiben, während das sogenannte rationale, denkende Gehirn oft irrational ist. Der Drang zur Rationalität ist ein Überlebensmechanismus - die Wirklichkeit zu sehen und sich mit ihr so, wie sie ist, zu befassen.

Das Problem ist, dass der Therapeut nicht wissen kann, wie beschaffen diese Gefühle sind, wenn er nicht direkt zu den Ursprüngen geht. Der linke Kortex des Therapeuten versucht genau so emsig wie der linke Kortex des Patienten, etwas herauszukriegen, das sich in den rechten limbischen Strukturen oder in denen des Hirnstamms versteckt. Es ist ein Ratespiel, ziemlich anspruchsvoll, aber nichtsdestotrotz ein Ratespiel. Die Vertreter der kognitiven Therapie "ersetzen" schlechte Gedanken durch gute. Aber ersetzen sie auch das schreckliche Bedürfnis nach einem Vater, der starb, als das Kind 5 Jahre alt war? Oder das Bedürfnis nach einer Mutter, die die Kinder verließ, um mit einem anderen davonzulaufen? Ersetzen sie den eingeprägten Schrecken, wenn jemand miterleben musste, wie die Eltern bei einem Autounfall starben? Es ist nicht notwendig, diese Gedanken zu ersetzen. Gedanken kommen aus einem Gesamtsystem und nicht nur aus einem Neokortex.

Diese Autoren fahren fort: "Nur die Gegenwart ist real, die Vergangenheit ist vorbei, und die Zukunft ist noch nicht da." Da haben wir's; es gibt keine Vergangenheit, mit der man ringen müsste. Der Patient ist ahistorisch. Das vereinfacht die therapeutische Aufgabe gewiss. Und darum geht es übrigens bei der neuen Ego-Psychologie, dem Lieblingskind der Versicherungsgesellschaften. Das Hier-und-Jetzt zählt und muss erörtert werden, und das muss in ganz wenigen Sitzungen vollbracht werden. Vergesst Inzest, Waisenhäuser, zerbrochene Elternhäuser und alkoholsüchtige Mütter. Die widerspiegeln sich in inneren Zuständen - Erinnerungen, die man nicht direkt sehen kann.

Das Problem ist, dass die Kognitivisten Reaktion im Sinne von "Verstandes"-Reaktion sehen, nicht als totale physiologische Reaktion. Wenn wir also in unserer ganzen Kindheit von einem tyrannischen Vater geschlagen werden, ist es einfach so, wie wir es sehen - die Gedanken, die wir darüber haben? Nicht die Realität und der schreckliche Schmerz, der darin liegt?

Die Drogensüchtigen, die ich gesehen habe, haben oft den fürchterlichsten Lebensanfang. Ich denke gerade an einen meiner Patienten, der auf einer Armeebasis geboren wurde, wo sich seine Mutter unmittelbar nach der Geburt selbst umbrachte. Der Vater wurde versetzt, und ihn überließ man in den ersten drei Lebensjahren einer kalten und gleichgültigen Pflegemutter. Er hatte in dieser Zeit effektiv keine Eltern. Der Vater, ein Major, war lieblos. Dieses Kind litt schrecklich. Als Jugendlicher und Erwachsener brauchte er Drogen, um den Schmerz abzutöten; es war nicht einfach
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seine Wahl. Sein System drängte ihn dazu, das Gleichgewicht zu wahren und zu versuchen, es im Leben zu schaffen, in einem Job zu funktionieren. Diesen Menschen zu überzeugen, dass er keine Drogen brauche, ist eine fragwürdige Wendung. Er wird mit den Drogen aufhören und leiden. Wo liegt der Sinn im Leiden? Aha, ich habe die falsche Frage gestellt, weil religiöse Lehren in Verzicht und Leiden eine Tugend sehen. Theoretisch bildet es den Charakter. Leiden bildet auch Elend.

Aber das ist seine Wahl, sagen sie; "Der Homosexuelle wählt seinen Lebensstil." Ich habe mehr als 100 Homosexuelle behandelt, Männer und Frauen; es ist nie einfach eine Wahl ihrerseits. Tatsächlich wären einige nicht homosexuell, wenn sie die Wahl hätten. Ihr Lebensanfang bestimmte es. Die Ansicht, dass es keine Realität gibt, für die wir nicht verantwortlich sind, hat verschiedene Richtungen eingeschlagen. Werner Erhard und sein "Est" befürworteten diese Idee. Die Ansicht wurde so engstirnig, dass sie die Wirklichkeit verzerrte.

Dieser Ansicht nach wählen wir unsere Gefühle und können sie deshalb wieder "abwählen." Nach Einschätzung der Kognitivisten sind Gefühle ihrem Wesen nach launenhaft. Das kommt der Position der Anti-Darwinisten gleich, die glauben, es gebe keine Evolution. Diese Therapeuten verleugnen die Evolution und ihre Wirkungen sowohl in phylogenetischer als auch ontogenetischer Hinsicht; somit gibt es keine Gehirnevolution. Der denkende Kortex ist alles, was zählt. Sie fangen mit ihm an und hören mit ihm auf.

Therapeuten fungieren immer noch als freundliche Eltern, machen Vorschläge und bieten ihre Gedanken an. Der Unterton lautet: "Ich kümmere mich um dich. Ich will, dass du erfolgreich bist." Die Sache ist sehr persönlich. Der Therapeut ist zu intellektuell, als dass er offen " Ich liebe dich" sagen würde, aber sein Verhalten vermittelt es sehr wohl. Wenn die Eltern uns liebevoll in die Augen schauen, aufmerksam zuhören und sich sorgen, nennen wir das Liebe. Dasselbe geschieht bei einem Therapeuten. Meine Vermutung ist, dass, wenn der Patient jeden Tag in der Woche käme und der Therapeut jeden Tag sehr besorgt wäre aber keine Einsichten von sich gäbe, das Ergebnis dasselbe wäre. Es ist nicht das Bedürfnis nach Einsichten, das einen Menschen in die Einsichtstherapie treibt; es ist das Bedürfnis nach Liebe. Einsichten sind der Preis, den man zahlt.

Die Verdrängung des Fühlens scheint die denkenden, glaubenden Bereiche als eine Art defensives Manöver zu aktivieren.



Einsichten, die Währung vieler aktueller Therapiemarken, sind eine Form von Glaubensüberzeugungen. Sie fördern die Sekretion der inhibitorischen Nervensäfte, die dafür sorgen, dass wir uns besser fühlen, indem sie innewohnenden Schmerz unterdrücken. Weil niemand
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wirklich weiß, was im Unbewussten eines anderen liegt, müssen Einsichten persönliche Konstrukte sein - Glaubenssysteme, die der Therapeut vermittelt. Eine der basalen Einsichten, zu denen Therapeuten ihre Patienten ermutigen, besteht darin, die negativen Gedanken zu identifizieren, "die man zu sich selbst sagt." Die Idee ist die, die negativen Gedanken herauszupicken und ihnen dann mit vernünftigeren Gedanken entgegenzuwirken. In der kognitiven Therapie zum Beispiel soll der Patient mehr Lorbeeren für das Gute, das er getan hat, in Anspruch nehmen. Denke die guten Gedanken! Wie ich früher bemerkt habe, welches Selbst trägt welchem Selbst wiederholt negative Sätze vor und was bedeutet das? Wer überzeugt wen von was? Das linke Gehirn muss auf Gefühle auf der rechten Seite antworten und versuchen, die rechte von ihren Irrwegen zu überzeugen. Das rechte Gehirn versucht dem linken von seinen Gefühlen zu erzählen, dass es nie geschätzt, immer kritisiert und heruntergesetzt wurde, und sagt: "Nichts, was ich tue, ist was wert."

"Unsinn," sagt das linke, "du suhlst dich nur in negativem Denken. Ich helfe dir, diese Gedanken in positivere umzuwandeln."

"Nicht so schnell," behauptet die rechte Seite, "ich tue nur, was meine Gefühle wollen. Ich bin nicht irrational; im Gegenteil - ich reagiere wahrheitsgetreu auf diese Gefühle, die du nicht einmal sehen kannst. Du bist irrational. Du willst, dass ich meine innere Wahrheit verleugne. Das kann ich guten Gewissens nicht tun. Weil wir gerade von Gewissen reden: Ich überlasse es dir, diese Funktion auszuüben. Ich habe es hier mit Impulsen zu tun, um die ich mich kümmern muss."

Die rechte Seite wendet sich wieder an die linke: "Schau', ich bin um einiges älter als du, und ich hab' mehr Ahnung davon, was da drinnen los ist. Ich bin unseren Gefühlen verpflichtet. Ich meine, es sind unsere, weißt du. Ich bin Bindungen und Verpflichtungen eingegangen, aus denen ich nicht heraus kann. Du denkst, du kannst dich frei entscheiden, weil du mehr Freiheit hast, in der intellektuellen Landschaft herumzuwandern, aber so ist es nicht. Deine Freiheit ist illusorisch; ich kontrolliere das Spiel. Auch wenn ich Probleme nicht so wie du lösen kann, werde ich schließlich die Oberhand gewinnen. Ich bestimme dein Leben. Du bist dir des ganzen Zeugs draußen in der Welt bewusst, aber du hast keinen Schimmer, womit ich mich die ganze Zeit befassen muss. Wenn du dich mir gegenüber öffnest, können wir beide ausspannen. Wir müssen öfter zusammen sein. Bist du einverstanden, wenn ich dir nach und nach die Wahrheit erzähle?"

Es gibt jetzt experimentelle Beweise dafür, wie verdrängte Gefühle ihre Energie zum orbitofrontalen Kortex (OBFK) durchlassen, was in allen möglichen Glaubensüberzeugungen und sonderbaren Vorstellungen resultiert.2 In einem Experiment, in dem Gefühle stimuliert wurde und die Versuchsperson dann aufgefordert wurde, das Gefühl zu unterdrücken, verringerte sich der Output der Amygdala nahezu vollständig, während die Aktivität des linken OBFK beträchtlich anstieg. Kurz gesagt scheint die Unterdrückung des Fühlens
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die denkenden, glaubenden Bereiche als eine Art defensives Manöver zu aktivieren. Nahezu jedes defensive Manöver zielt darauf ab, Bewusstsein zu schützen. Das bedeutet, dass wir nicht zu sehr bewusst werden wollen, wenn der Schmerz auf der Lauer liegt. Man muss es in kleinen Zuwächsen erreichen; deshalb ist Rebirthing oder der Gebrauch halluzinogener Drogen so gefährlich. Es gibt keine Wochenend-Erleuchtung, wo man eine neue Art Bewusstsein erlangen kann.

Jetzt sehen wir, wie jemand Schnaps und Drogen aufgeben und Gott finden kann. Gefühle beginnen aufzusteigen und Gedanken übernehmen die Regie, um unsere innere Drogenfabrik in Gang zu setzen. Wenn der Süchtige eine Strafpredigt über das Teuflische an Drogen erhält, sinkt die Aktivität in der Amygdala, während gleichzeitig die Aktivität im OBFK nach oben geht, da er auf die Worte und Überzeugungen des Vortragenden reagiert. So setzen sich die Gedanken vor die Gefühle und unterstützen die Verdrängung. Es ist eine sine qua non, dass man, wenn man die Sucht aufgeben will, sich eine Reihe von Glaubensvorstellungen aneignen muss, die eine andere, genauso hartnäckige Sucht bilden, welche innere Schmerzkiller ankurbelt. Es ist nicht so, dass man eine Droge für Vorstellungen aufgibt; es ist so, dass man eine äußere Droge für ein und dieselbe innere Droge aufgibt.

Worauf dieses Experiment und unsere klinischen Beobachtungen hindeuten, ist, dass Energie von weiter unten die präfrontale Zone des Gehirns erreichen kann und Obsessionen, einen rasenden Geist, der nicht schlafen kann, ständige Besorgtheit oder glühenden Glaubenseifer antreibt. Der Druck muss irgendwo hin, und wenn wir ihn im limbischen System blockieren, geht er zur nächsten evolutionären Stufe - zum präfrontalen Kortex. Es ist wie ein Fluss, der in einem Lauf blockiert ist und sich dennoch einen anderen sucht. Abwehrmechanismen bilden eine Hierarchie; Schmerzen der ersten Linie können vom limbischen System mit seinen Bildern blockiert werden und werden dann auf höherer Ebene von Gedanken, Überzeugungen und Auffassungen blockiert. Jede Ebene hat ihr eigenes Schleusensystem, aber wenn es ins Wanken gerät, übernehmen die Schleusen höherer Ebenen.

WAS MACHEN DIE KOGNITIVISTEN WIRKLICH?

David Burns, M.D., ist ein wohlbekannter Autor und Praktiker der kognitiven Therapie. In seinem Massenmarkt-Bestseller Feeling Good: The New Mood Therapy und in anderen Büchern erklärt er kurz und bündig das Leitmotiv seines Ansatzes. Sinngemäß: Nummer 1: Du fühlst dich, wie du denkst; du wirst entdecken, dass negative Gefühle wie Depression, Angst und Wut nicht wirklich von den schlechten Dingen herrühren, die dir passieren, sondern von der Art, wie du darüber denkst. Nummer 2: Die meisten schlechten Gefühle kommen von unlogischen Gedanken. Nummer 3: Du kannst ändern, wie du dich fühlst, indem du änderst, wie du denkst.3
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Im Grunde gibt es keine Realität; es gibt nur das, was du gedanklich für Realität hältst. Die Wirklichkeit ist, was immer du aus ihr machst. Es ist alles eine Sache der Interpretation. Ändere die Interpretation und ergo wird alles gut sein. Das ist im Grunde die Essenz jeder kognitiven Therapie, einschließlich der Einsichtstherapie. Die Kognitivisten wollen, dass der Patient auf die Wirklichkeit reagiert, wenn er es doch bereits getan hat. Man kann es nur nicht sehen.

Auf der Rückseite eines seiner Bücher wird Burns wie folgt zitiert: Sie können sich größerer Glücklichkeit, Produktivität und Intimität ohne Drogen oder langwierige Therapie erfreuen." Er sagt das, weil er den Schmerz in allen seinen frühen Manifestationen einschließlich Inzest nicht gesehen hat. Er nennt sie "negative Gefühle," obgleich es reale Gefühle sind. Wir müssen über die Auffassung von "negativen" Gefühlen hinwegkommen. Unsere Gefühle stimmen mit Schlüsselrealitäten überein; sie sind weder negativ noch positiv. Sie sind, was sie sind. Der Schlüssel liegt darin, die sogenannten negativen Einstellungen in den ursprünglichen Zusammenhang zu bringen, der sie ins Leben rief, und nicht, sie zu verleugnen und zu verändern.

Es ist nicht logischer zu denken, dass Gedanken Instinkte, ein Überlebenssystem, ändern können als zu glauben, eine einfache Änderung der Gedanken könne Gefühle, ein anderes Überlebenssystem, verändern.



Ein Kind, ein Mädchen, das früh im Leben nicht geliebt wird, wird ein fest verankertes Gefühl haben: "Mit mir stimmt etwas nicht." Das ist ein wiederkehrendes Thema unter den meisten meiner Patienten. Sie weiß nicht, dass sie ungeliebt ist; da sie von Beginn ihres Lebens an nie geherzt und geküsst wurde, weiß sie nicht, dass ihr etwas fehlt. Sie entscheidet sich nicht dafür, so zu fühlen oder zu denken; sie reflektiert die Realität auf einer unbewussten Gefühlsebene. (In unserer Therapie bleibt es ein Geheimnis - bis sie eines Tages fühlt : "Sie lieben mich nicht.") Wenn sie älter wird, hat sie das nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmt oder etwas mit ihr nicht stimmt. Sie geht zur kognitiven Therapie, um sich ihre Gedanken neu ordnen zu lassen; man hilft ihr, auf die helle Seite zu schauen, weil man glaubt, das diese "negativen" Gedanken sie herunterziehen.

Therapeuten können das verkleiden, aber es ist immer noch die "Macht des positiven Denkens." Es sind YMCA-Ratschläge, die in wissenschaftlichem Patois geschrieben sind. Es ist "Setz deinem Gesicht ein Lächeln auf, und du wirst dich glücklicher fühlen." So vereinfachend das klingt - es ist im Wesentlichen das, worum es bei Verhaltens- und Kognitionstherapie geht: Verhalten verändert Gefühle im Gegensatz dazu, dass Gefühle Verhalten steuern.
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Ja, die Kognitivisten können versuchen, Patienten eine positivere Einstellung entwickeln helfen, aber das Gesamtsystem des Patienten kann sehr wohl in eine pessimistische verstrickt sein, die sich seit der Geburt eingeschliffen hat - eine eingraviert Physiologie des Pessimismus. Das Schlimmste geschah bereits ganz früh, und das Schlimmste zu erwarten ist bei dieser gegebenen Geschichte eine natürliche Einstellung. Nichtsdestotrotz kann auch vorübergehende Hilfe und Ermutigung angesichts katastrophaler Krankheit hilfreich sein. Und wenn sich die Leidtragenden einmal in der Woche treffen - umso besser. Nichtsdestotrotz ist Pessimismus nicht einfach eine Einstellung; es ist ein physiologischer Zustand, der  am laufenden Band Einstellungen produziert. Wir können versuchen, diese mit Unterstützung in der Gegenwart zu ändern, aber diese Anstrengung muss man ständig weiterbetreiben. Wenn wir diese Unterstützung bekommen können, können wir wenigstens funktionieren. Es hilft im menschlichsten Sinne. Aber wir kämpfen gegen Ereignisse in der kritischen Periode. Deshalb müssen die Anstrengungen kontinuierlich sein. Wenn ein Ereignis einmal in der kritischen Periode versiegelt worden ist und zu einer Einprägung führt, ist Veränderung unwahrscheinlich.

Erinnern Sie sich, wir fühlen schon lange, ehe wir Gedanken haben. Gefühle gehen Gedanken in der Evolution und in der Struktur des Gehirns voraus. Es ist nicht logischer zu denken, dass Gedanken Instinkte, ein Überlebenssystem, ändern können als zu glauben, eine einfache Änderung der Gedanken könne Gefühle, ein anderes Überlebenssystem, verändern. Letzteres muss automatisch und unmittelbar funktionieren, um uns dabei zu helfen,  uns anzupassen und Gefahr zu vermeiden . Ja, es ist zeitweise möglich, sich über Gefühle hinwegzusetzen, aber das kann kein dauerhafter Zustand sein. Und es kann in der Tat gefährlich sein und das Überleben bedrohen. Wir können die Anzeichen einer drohenden Herzattacke oder eines Schlaganfalls ignorieren, und es gibt oft solche Zeichen, die uns sagen, dass etwas mit uns nicht stimmt, aber das wird die Katastrophe nicht verhindern.

Es gibt ein Buch mit dem Titel The Blank Slate von Steven Pinker. Dr. Pinker ist ein wohlbekannter Autor über Gehirnangelegenheiten. Seine Spezialität ist kognitive Neurowissenschaft. ("Kognitive Neurowissenschaft" scheint ein weiteres Oxymoron zu sein. Wenn sich Neurowissenschaft auf das Studium des denkenden Gehirns beschränkt, wird der Rest des zentralen Nervensystems und seine Wechselbeziehungen mit dem denkenden Bereich wahrscheinlich ignoriert.) Pinker behauptet in seinem gesamten Werk, dass Erziehung und Umwelt nie der Natur, der Vererbung gewachsen sei. Er weist darauf hin, dass Kriminelle selten rehabilitiert werden, was, wie er glaubt, beweist, dass kriminelle Tendenzen vererbt werden müssen. Was er nicht in Betracht zieht, ist erstens der Einfluss des frühen Lebens bei der Formung späterer Krimineller und zweitens, dass vielleicht unsere Behandlung von Kriminellen falsch ist, besonders wenn er ein Advokat des kognitiven Ansatzes ist, der bei Kriminellen zwangsweise scheitern muss. Die Logik setzt sich dann fort: Wir können den Kriminellen deshalb nicht gesund machen, weil es eine vererbte Tendenz ist. Natürlich stellt diese Überlegung seinen therapeutischen Ansatz nicht in Frage.
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Wenige Fachleute, falls überhaupt welche, haben die Tiefen des Unbewussten gesehen und den dort eingeprägten Schmerz beobachtet. Deshalb können sie nicht wissen, was Erziehung wirklich ist und was sie uns antun kann. Das ist doppelt wahr, wenn die Monate der Schwangerschaft und die ersten Monate der Kindheit ignoriert werden. Weil es in den ersten drei Lebensjahren kaum nennenswerte Kognition gibt, ignoriert man, wenn Kognition der Brennpunkt ist, zwangsweise die entscheidensten prägenden Zeiten im Leben.

Gedanken werden fabriziert, um uns vor Gefühlen abzuschirmen wie: "Meine Mutter war nie für mich da." Man könnte das Gefühl rationalisieren: "Sie hatte so viel zu tun." Aber das Bedürfnis/ der Schmerz bleibt. Das Ergebnis ist: "Ich bin bedeutunglos." Wenn wir etwas über sogenannte "Selbstachtung" erfahren wollen, können wir es hier finden. Die Mutter hatte viel zu tun, aber für ein Kind ist es vernichtend. Wenn das geschieht, ändern die dem Neokortex ihres Kindes eingeprägten Gedanken der Mutter niemals die Gefühle oder Bedürfnisse des Kindes. "Sie hatte soviel zu tun" überdeckt jetzt das Bedürfnis. Ich habe nie einen Patienten über "Achtung" weinen gehört. Das ist die Vorstellung eines anderen von uns, kein richtiges Gefühl. Es ist sonderbar: wir können uns unwichtig (ungeliebt) fühlen, aber nicht wichtig. Wenn wir für unsere Eltern wichtig waren, werden wir uns gesund, gut und fähig fühlen, aber nicht wichtig, weil das kein Gefühl ist; es ist die Vorstellung eines anderen darüber, wer und was wir sind.

Was Albert Ellis in der rational-emotiven Therapie seinen Patienten eigentlich sagte, war: "Wer sagt, dass es wichtig ist, dass du immer geliebt werden musst? Du sagst ständig zu dir selbst ‚Ich brauche Liebe, ich brauche Liebe.' Stattdessen musst du einen anderen Satz immer und immer wieder sagen: ‚Nein, ich kann nicht die ganze Zeit von allen geliebt werden, eine solche Liebe brauche ich nicht wirklich." Er glaubt, dass wir jetzt erwachsen sind und keine Kinder und dass wir uns immer noch anderen gegenüber so verhalten, als wollten wir sie dazu bringen, dass sie uns lieben. Ich glaube, das tun wir. Aber es sind nicht die Sprüche, die wir aufsagen; es sind die übriggebliebenen Bedürfnisse aus der Kindheit - das verzweifelte unerfüllte Bedürfnis nach Liebe. Wir agieren dieses Bedürfnis jeden Tag auf jede Weise aus, und es wird nicht verschwinden, bis wir fühlen, wie sehr wir Liebe brauchten. Wir mögen alt werden, aber unsere Gefühle werden es nie. Auch wenn wir leugnen, dass wir Liebe brauchen, geht das Ausagieren vielleicht weiter.

Das Problem mit allen wissenschaftlichen Daten sind die Kriterien, auf denen sie basieren. Wenn ich sechs Monate lang mit dem Trinken aufhöre und das ein Kriterium für den Fortschritt in der Behandlung von Drogensucht ist, bin ich dann gesund? Es kann ein erster Schritt sein, aber es bedeutet nicht, dass man gesund ist. Ein ganzes neurophysiologisches System steckt hinter diesem Verhalten. Forschungsergebnisse können sich abhängig von den Kriterien, die man benutzt, ändern. Auch wenn der Süchtige seit fünf Jahren von seiner Droge weg ist, ist er dann gesund? Es ist unbedeutend, wie lange er weg ist, wenn er die treibende Kraft nicht aufgelöst hat. Er befindet sich in einer Warteschleife und wartet auf seinen nächsten Absturz. Er wird abstürzen, vielleicht weil sich sein Bedürfnis nie ändert und weil er es nie voll erlebt; das
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Bedürfnis, das ihn dazu treibt, nach Schmerztötern zu suchen. Es sind unter Schmerz stehende Leute , die Schmerztöter brauchen, so offensichtlich das auch scheinen mag. Es ist schwer zu glauben, dass ein Ereignis, das bei der Geburt geschah, im Alter von 30 Jahren den Impuls zu trinken auslösen kann, aber es ist so. Es ist das bestgehütete Geheimnis in den 12-Schritt-Methoden. Es ist ein wechselseitig unbewusster Pakt; niemand von uns will die Auswirkungen der Geburt bezeugen; deshalb ist sie ein Nicht-Ereignis. Wenn wir die Einprägung anerkennen, wissen wir, dass sich die Erfahrung überall in unseren Systemen einquartiert hat und dass Ergebnisse in der Therapie auch in systemische Begriffe gefasst werden müssen. Ja, es ist sehr wichtig, mit Drogen aufzuhören, aber es lässt den Menschen voller Schmerz zurück; um dieses Bedürfnis muss man sich kümmern.

Kognitive Therapie ist massive Ablenkung. Der Patient fühlt sich manchmal besser, fühlt sich sogar oftmals besser, aber Selbsttäuschung ist keine Therapie; es ist Gehirnwäsche. Verleugnung ist ein netter temporärer Notbehelf; sie macht das Leben erträglich, aber der Preis kann später hoch sein - möglicherweise vorzeitiger Tod oder frühe Krankheit und die Rückkehr zu Symptomen. Dennoch funktioniert Verleugnung für einige, wenn nicht zuviel Schmerz da ist. Es gibt Schmerzebenen; die auf den tiefsten Ebenen des Nervensystems verzeichnen den höchsten Belastungswert. Zum Beispiel können wir, unmittelbar bevor jemand Zugang zu einem Feeling hat, ein Fieber von 103 Grad (F) sehen. Das System behandelt die Einprägung genau wie ein Virus als fremden Eindringling. Alle Systeme beteiligen sich an dem Kampf gegen das Fühlen. Der Kampf - man glaubt es kaum - richtet sich dagegen, dass das Gefühl Eingang ins volle Bewusstsein findet. Wir erkennen das auch aufgrund des radikalen Absinkens der Körpertemperatur unmittelbar nach der Verknüpfung des Feelings.

Die Los Angeles Times brachte auf ihren Gesundheitsseiten einen Bericht über den Kognitionspsychologen Martin Seligman.5 Seligman will einen Entwurf vorlegen, um " uns selbst glücklicher zu machen." Dazu, so glaubt er, müssen wir wissen, "wie wir von Moment zu Moment auf unsere Gedanken achten. Und wie wir uns selbst ganz vergessen." Er schlägt vor, dass wir katastrophalen Gedanken entgegenwirken, zuerst, indem wir den verzweifelnden Gedanken erkennen, und dann, indem wir ihn mit den realen Gegebenheiten vergleichen. Die Verzweiflung wird als gegeben hingenommen (woher sie kommt, weiß keiner), und dann bieten die Kognitivisten Techniken an, um diesen Gedanken zu entgegnen. "Indem Sie mit sich selbst diskutieren, können Sie Glauben und Tatsache auseinanderhalten und viele pessimistische Annahmen zerstreuen, indem Sie sie der Logik und den offensichtlichen Gegebenheiten entsprechend bearbeiten." Ich glaube, das Kennzeichen der Neurose ist, dass wir "uns selbst ganz vergessen." Seligman zitiert dann Studien, die zeigen, dass deprimierte Leute, die lernen, diese Art von reflexivem Pessimismus zu erkennen und zu entwaffnen, sich von Gefühlen der Wertlosigkeit, Erschöpfung und anderen Symptomen befreien können. Sie sind nicht mehr deprimiert, behauptet er. Sie haben sich aus ihrem tiefen Loch herausgezogen. Die Grundidee ist die, dass wir uns aus dem Pessimismus herausargumentieren, indem wir auf die offensichtlichen Gegebenheiten achten. Aber wir achten auf innere Gegebenheiten und sind im Hinblick auf unsere Geschichte zwangsweise pessimistisch.
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Die modernen Kognitivisten haben anscheinend Vieles von der Kirche übernommen; ihre Ermahnungen sind die gleichen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass man es Therapie und nicht Religion nennt. Aber es ist Religion im Namen der Therapie. Tatsächlich geht es in wirklicher Therapie nicht darum, Individuen aus der Tiefe herauszuziehen sondern sie darin einzutauchen, denn dort liegt die Basis der Depression. Sie werden erst wissen, wie gut das Leben sein kann, wenn sie sich von ihrem tiefen Schmerz befreit haben.

Die Therapie der heutigen Zeit sagt im Wesentlichen: "Betrachte das Leben von der heiteren Seite," oder "Komm einfach darüber hinweg." Das haben uns unsere Eltern gesagt, als wir Kinder waren: "Hör' auf zu jammern und mach' weiter. Sieh's nicht immer von der trüben Seite. Alles hat auch seine positive Seite. Wenn du in Pessimismus versinkst, wirst du krank. Schlafende Hunde weckt man nicht." Kognitivismus/Einsicht ist eine populäre Therapie, weil es keine Therapie ist; sie ist eine Ansammlung von Moralpredigten, die in einer intellektuell-ausgeklügelten Sprache zusammengefügt sind. Sie passt perfekt zum Zeitgeist.

Das Problem bei der Psychotherapie war bis heute, dass es die Psychologie des Verhaltens und nicht des Fühlens war. Wenn der Therapeut jemanden sah, der in einem Konzentrationslager gewesen war und sich sehr gut anpasste, war das gut genug; ein Zeichen, dass es ihm gut ging. Wenn wir jetzt Psychotherapie in eine echte neurobiologische Wissenschaft umändern - was sie auch sein muss - dann werden wir diesen Fehler und diese Fehlkalkulation nicht wieder machen. Wir werden ein Auge haben auf den Kortisol-, Oxytozin-, Dopamin-, Noradrenalin-Spiegel und so fort; anders gesagt werden wir die ganze Person betrachten, nicht nur eine entleibte Psyche, die handelt und denkt.

Der Schlüsselspruch lautet hier wie in allen Einsichtstherapien: "intellektuelle Bewusstheit der Gefühle." Wenn sie vorhanden ist, sollen die Gefühle sich ändern. Wir haben gesehen, dass sie es nicht tun und auch nicht sollten. "Intellektuelle Bewusstheit und Gefühle liegen auf verschiedenen zerebralen Planeten. Aber das Leitmotiv jeder intellektuellen Therapie lautet, dass Bewusstheit uns hilft, Fortschritte zu machen. Ich gestehe zu, dass Bewusstheit hilft; aber voll bewusst zu sein heilt.

Es ist kein Zufall, dass sich in unseren zahlreichen Hirnforschungsstudien eine Veränderung der Lateralität in den Gehirnen unserer Patienten abzeichnete; das Gehirn war harmonischer, verteilte die Gefühlslast gleichmäßig auf beide Seiten des Gehirns. Die kognitive Therapie erzeugt ein einseitiges, links-dominantes Gehirn. Wir streben ein ausgeglichenes an.

Das Ideal in der kognitiven Therapie besteht darin, die Gedanken zu kontrollieren, um diesen schwerfassbaren „gesunden Zustand“ zu erreichen.


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Eine weitere kognitive Technik ist die, dem Patienten zu helfen, dass er seine Eltern versteht und ihnen verzeiht. "Schließlich taten deine Eltern ihr Bestes. Sie hatten auch eine ziemlich harte Kindheit." "Oh ja, ich verstehe. Sie hatten es schwer und ich vergebe ihnen," ertönt es von der linken Seite. Dennoch schreit natürlich die rechte Seite ihre Bedürfnisse und ihren Schmerz hinaus, und wir machen den Rest unseres Lebens mit ihrem lautlosen Schrei weiter. Um das Bedürfnis kommt man nicht herum. "Vergebung" ist ein Gedanke, der in der Therapie keinen Platz hat. Wir sind nicht dafür da, um Eltern zu verzeihen; wir sind dafür da, um uns mit den Bedürfnissen der Patienten zu befassen und damit, was fehlende Befriedigung ihnen angetan hat.

Leider muss ich sagen, dass es bei einem Großteil der gegenwärtigen Therapie und besonders der kognitiven Therapie um eine moralische Position geht; gut verborgen, in Psychojargon gekleidet, aber im Grund ist es Moralisieren. Der Therapeut wird zum Richter über korrektes Verhalten. Letztlich versucht der Therapeut, das Verhalten des Patienten in Richtung eines vorgefassten Ziels zu verändern. Dieses Ziel hat eine weltabgeschiedene Moralposition: Du sollst keine Drogen nehmen, deine Frau nicht anschreien, nicht zu viel essen, keinen Groll gegen deine Eltern hegen und so fort. Wir helfen dir, das zu ändern. Kognitive Therapie bedeutet im Wesentlichen Gedankenkontrolle. Das scheint vielleicht wie eine Übertreibung, aber überlegen Sie, dass wir unseren Gedanken nicht trauen können. Andere sagen uns, was wir denken sollen. "Sie" wissen es besser. Ich denke, dasselbe trifft auf den Zustand des Menschen zu. Gedankenkontrolle (oder welchen Euphemismus wir ihr anheften - eine totalitäre Auffassung) unterdrückt Grundbedürfnisse in Ehrerbietung vor einer Idee oder einem Ideal. Das Ideal in der kognitiven Therapie besteht darin, die Gedanken zu kontrollieren, um diesen schwerfassbaren "gesunden Zustand" zu erreichen. Immer wenn Bedürfnisse aus dem theoretischen Schema weggelassen werden, sei es das des Staates oder das des Individuums, muss die Antwort reaktionär sein. Die Person wird zu kompensatorischem Verhalten gezwungen, genau wie die Gesellschaft neue Krankenhäuser und Kliniken bauen muss, um diejenigen zu kontrollieren, deren Bedürfnisse außer Kontrolle geraten. Sowohl die Therapie als auch der faschistische Staat müssen danach trachten, die Ausbrüche von Bedürfnissen zu kontrollieren anstatt sie zu befriedigen. Es ist immer gefährlich, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen. Und es ist zwecklos, ihnen zu sagen, wie sie sich fühlen sollen.

Gedankenkontrolle funktioniert auf subtile Weise in der Familie. Ein kleiner Junge vermisst und braucht seinen Papi. Man sagt ihm, dass Papi arbeiten muss und die meiste Zeit nicht da ist. Der Junge versteht und bekommt ein bisschen "Liebe" dafür oder wenigstens Zustimmung für sein Verständnis. Er bekommt, was als Liebe gilt, einen Gedanken, eine Vorstellung, aber keine reale Liebe. Der Junge "vermisst und braucht" seinen Papi nicht mehr. Man hat ihm gesagt, wie er denken soll, wenn auch ziemlich subtil. "Ja, sie taten ihr Bestes. Mein Vater musste seine Kinder ernähren." Das Bedürfnis ging verloren, und mit ihm ein Teil der Menschlichkeit.
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Das Verbrechen verdoppelt sich, wenn der jetzt Erwachsene zur Therapie geht und man ihm wieder die Vernunfterklärung gibt: "Sie taten ihr Bestes." Oder schlimmer noch, im Fall von Albert Ellis: "Wer sagt, dass du überhaupt Liebe brauchst?" Das bedeutet eigentlich, dass man sagt: "Gib die Liebe auf. Du brauchst sie nicht." Wie könnte jemand das tun, dem oder der die Eltern jahrelang Bedürfnisbefriedigung versagt hatten? Wir können ein Bedürfnis nicht aufgeben. Es ist fest eingebaut und eine Überlebenssache. Ja, das Bedürfnis liegt damals in der Kindheit zurück, aber vergessen wir nie die Einprägung. Ein Bedürfnis, das in der kritischen Periode nicht erfüllt wird, dauert an.

Immer wenn Bedürfnisse aus dem theoretischen Schema weggelassen werden, sei es das des Staates oder das des Individuums, muss die Antwort reaktionär sein.



Gedankenkontrolle ist eine Methode, den Patienten zu zwingen, das Leben des Therapeuten zu führen. Zum Beispiel einem Patienten zu sagen, er brauche keine Drogen, wenn sein ganzer Körper danach schreit, weil er von Schmerzen getrieben wird, die abgeschieden unterhalb der Erkenntnisebene liegen. Oder zu versuchen, jemanden vom Ladendiebstahl als schlechte Gewohnheit abzubringen, wenn er oder sie immer für Liebe und Anerkennung von den Eltern arbeiten musste und jetzt etwas umsonst will. "Liebe mich bedingungslos. Lass' mich nicht um jedes Stückchen Liebe kämpfen." Natürlich soll man es nicht billigen, aber wir müssen die Dynamik dahinter erkennen. Warum wirken Gedanken und Abraten nicht gegen Ladendiebstahl, wenn die Person doch jedes Mal Gefängnis riskiert? Weil das Wissen über das Risiko und die Bewusstheit von der Gefahr keine ebenbürtigen Gegner sind für alte Bedürfnisse.

Therapeuten können anderen Menschen keine Wahrheiten verleihen. Für jeden von uns gibt es präzise Wahrheiten. Jede Wahrheit kann nur vom Patienten entdeckt werden. Der Gedanke, dass wie in der Traumanalyse jedes Symbol eine universelle Bedeutung hat, stimmt nicht. Patienten können abhängig von ihren Lebenserfahrungen sehr ähnliche Träume mit ziemlich unterschiedlicher Bedeutung haben. Patienten müssen mit ihrer Vergangenheit kommunizieren, nicht mit dem Therapeuten, oder wenigstens zweitrangig mit dem Therapeuten. Zuerst müssen sie sich selbst konfrontieren.

Lassen Sie mich ein Beispiel anführen. Eine Geschichte in einem Magazin erinnert an einen Mann, der eine "Bekehrungserfahrung" hatte. Dieser berichtete, dass er in der Nacht mit großem Druck auf der Brust aufwachte; ein kleines Männchen saß auf seiner Brust, strangulierte ihn und ließ ihn nicht atmen. Er hielt seine Arme fest und band seine Füße zusammen. In diesem Augenblick wusste er, dass er
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von einer ausserirdischen Macht besucht wurde. Bringen wir das alles in den richtigen Zusammenhang; während der Geburt gab es Sauerstoffmangel und ein Strangulierungsgefühl mit dem damit einhergehenden Druck auf der Brust. Die Arme waren in der fetalen Position fixiert und die Beine waren geschlossen, wie sie es in einem Geburtsprimal sind. Das Gefühl war befremdend, also wurde es dann als fremde Kraft projiziert - Aliens, Ausserirdische. Kein Therapeut kann dieses Erlebnis interpretieren. Wir wüssten nicht einmal, wo wir anfangen sollten.

Ich muss hier gleich eine Warnung anbringen. Nahezu jede auf Kognition/Einsicht beruhende Gesprächstherapie erfüllt die Bedürfnisse des Patienten symbolisch. Der Patient - sagen wir eine Frau - agiert neurotisch in der Hoffnung, gesund zu werden. Sie ist eine gute, kluge, hilfreiche Patientin. Der Therapeut konzentriert sich nur auf sie. Wie lange ist es her, dass jemand ausschließlich ihr seine Aufmerksamkeit widmete? Und eine ganze Stunde lang! Ist es ein Wunder, dass ihre Therapie sie süchtig macht; die Einsichten sind eine kleine Beigabe zu dem Ganzen. Entscheidend ist die Aufmerksamkeit. An anderer Stelle weise ich darauf hin, dass die Wahl der Therapie oft ein weiteres Ausagieren ist. Die Patientin kommt zurück wegen Liebe, Zuwendung und Zustimmung. Sie bekommt sie, und es ist ein weiterer symbolischer Akt, und deshalb verstärkt sich ihre Neurose. Der Therapeut gibt uns genau das, was wir von unseren Eltern brauchten; leider ist es 20 oder 30 Jahre zu spät. Es ist ein Fass ohne Boden, das keiner füllen kann.

Einsichtstherapien sind ein Ableger altertümlicher Religion, in der der Prediger uns vom lauernden Teufel erzählt und wie wir ihn vermeiden müssen. Wir lernen von Therapeuten, wie wir bei dem Versuch, uns selbst zu verstehen, denken müssen. Wir werden zu gehorsamen Novizen. Es ist wieder ein Elternteil, ein wohlwollender, der uns Kindern sagt, was mit uns nicht stimmt und wie wir uns benehmen sollten. Und wir hören zu, weil wir "gute" Kinder sind und geliebt werden wollen. Und sie sind die Autorität, die freundliche, sanfte Autorität, aber sie tragen die Macht. Sie wollen wirklich, dass wir gute Kinder sind, die die guten Gedanken denken.

Elend ist ein Seinszustand. Es sollte nicht Aufgabe der Therapie sein, die richtigen Worte zu finden, die uns Wohlbehagen schenken, sondern die richtigen Gefühle zu finden, die uns unser Elend fühlen lassen - so dass wir mit ihm fertig werden. Jedesmal, wenn die Macht in der Therapie außerhalb unserer selbst liegt, kann diese Therapie nicht erfolgreich sein. Führung - ja, Beratung - ja. Aber keine tiefe Therapie. Der Preis dafür, dass wir innere Macht an andere abtreten, ist mehr Rauchen, Trinken und Tranqilizer, weil der Körper weiß, dass er sein eigenes Leben führen sollte und nicht das eines anderen. Ja, wir können also eine Zeit lang oder sogar dauerhaft von Drogen loskommen, weil unsere Ärzte darauf bestehen, aber unsere Bedürfnisse haben sich nicht geändert.
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DIE BIOLOGIE HINTER SICH LASSEN: FLUCHT IN PSYCHOLOGISCHES WIRRWARR

Von einem neurowissenschaftlichen Standpunkt aus besteht das Problem bei den kognitiven Therapien darin, dass sie die Patienten so weit in die linke frontale Zone verschieben, dass diese effektiv gegen ihre Wahrheiten und Feelings versiegelt sind. Der ganze Vorstoß zielt darauf ab, den Patienten von seiner Geschichte zu entfernen, den Spalt zu vergrößern und die Harmonie im Gehirn zu sprengen. Kein Wunder, dass sie berichten sich besser zu fühlen; kein Wunder, dass der Klient in der Augenbewegungs-Desensibilisierungs-Reaktion (EMDR) berichtet, er oder sie fühle sich gut.

EMDR ist eine Therapie, die ein bisschen Voodoo mit etwas Einsicht und einem sehr ausgefeilten Erklärungssystem kombiniert. Im Grunde involviert sie abwechselnden Input von einer Seite des Gehirns zur anderen. Eine Erklärung lautet, dass sie sowohl die Gefühls- als auch die Gedankenhemisphäre stimuliert und ein neurologisches Gleichgewicht schafft. Patienten sagen, dass der Schmerz nach einer Sitzung nur noch eine entfernte Erinnerung ist, etwas, dessen sie sich entfremdet fühlen. Das bedeutet, dass sie von sich selbst entfremdet sind, von dem Selbst, in dem die Gefühle liegen. EMDR verstärkt die Verdrängung. Das ist keine psychische Gesundheit; es ist Täuschung im Namen psychischer Gesundheit, wobei die linke Hemisphäre geistige Handstandüberschläge ausführt, um sich zu überzeugen, dass die rechten/limbischen Kräfte nicht existieren. Wenn man die Geschichte ignoriert, ist jeder Ansatz eine Illusion.

Direktives Tagträumen oder direktive Vorstellungstherapie ist ein anderer Ansatz, der sich auf Worte, Suggestion und Bilder verlässt. Sie können sich vorstellen, dass Sie entspannt sind, den ganzen Tag auf einer Wolke schweben, und dennoch Angst haben, die tief drinnen wühlt. Wir sind nicht auf einer Wolke und nicht entspannt, ausgenommen in unserem frontalen Kortex. Es ist nicht die Realität. Wie können wir auf der Basis von Irrealität gesund werden? Unser Körper sagt, wir sind in der Hölle, und unser Verstand sagt, wir schweben auf einer Wolke. Es ist ein bewusst-willkürlicher, betrügerischer (Selbsttäuschungs-)Akt, der unter der Anleitung eines anderen und unter dem Deckmantel der Therapie stattfindet. Stattdessen sollte unser Kopf da sein, wo unsere Gefühle sind.

Vor einiger Zeit gab es eine Studie von Nicholas Hall vom George Washington University Medical Center über direktives Tagträumen. Er benutzte positive Bilder, um die Immunsysteme seiner Patienten und die Symptome von Asthma zu ändern. In manchen Fällen war das Bild, das man dem Patienten suggerierte, "kleine Männchen, die mit Hämmern auf die Krebszellen schlugen." Die Lymphozytenzahl erhöhte sich für kurze Zeit, kehrte dann aber zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Worte waren eine Zeit lang hilfreich, aber das System schlug zurück und kehrte wieder zu seiner
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Neurose zurück, indem es die Anzahl zirkulierender Lymphozyten wieder absinken ließ. In der Regel besteht das Problem darin, dass die Anzahl weißer Zellen abstürzt, wenn man aufhört, sich etwas vorzustellen.

Ich beschreibe Krebs manchmal als Verrat - unser Körper wird zu unserem Feind. Ich komme um den Gedanken nicht herum, dass Gefühle zu unserem Feind werden können, wenn sie uns fremd werden. Dann fügen sie uns Schaden zu - aus Versehen. Obwohl es nicht genau dem Thema entspricht, erlauben Sie mir noch eine reine Spekulation. Ich habe in den vergangenen Jahren mehrere Freunde verloren, und in den meisten Fällen war es ein Schlaganfall; meiner Beobachtung zufolge sind es solche verdrängenden Individuen, die sich in ihren Kopf zurückzogen, welche dem Schlaganfall erlagen. Es scheint, als hätte das linke Gehirn zuviel von der Last zu schultern gehabt, die die Unterdrückung von Gefühlen dem System aufbürdet. An einem gewissen Punkt wurde das Gehirn überwältigt und ging zugrunde. Schließlich ist es wahrscheinlich, dass das linke Gehirn ins Taumeln gerät, wenn das rechte großen Druck nach links weitergibt. Wieviel Druck? Wenn man meine Patienten sehen könnte, die nicht besonders kränker sind als die Durchschnittspopulation, wie sie Woche um Woche und Monat um Monat so tief weinen, wie es nur möglich ist, können wir gerade erst anfangen, eine Vorstellung von dem gewaltigen Druck zu bekommen, der in so vielen von uns liegt.

Vorstellungstherapie ist, was immer auch ihr Name besagt, ein Gedankenspiel, das kurioserweise von innerer Realität wegführt. Es ist EMDR unter anderem Namen: Ablenkung. Direktives Tagträumen, das den frontalen Kortex und limbische Bilder benutzt, kann vielleicht zeitweise ein Symptom wie Obsessionen und Angst überwinden, aber es ist weder von Dauer noch bringt es uns zum Hirnstamm hinab, wo das Geburtstrauma und der Ursprung der Angst liegt. Die Geschichte, die wir in einem Traum oder sexuellen Ritual fabrizieren, ist nur eine Hülle für reale Gefühle; aus diesem Grund bringen wir Patienten in der Gruppe zum Ausagieren, damit sie ihr Ritual benutzen, um zu ihren Gefühlen zu gelangen. Die Bedeutung des Traums und/oder Rituals liegt im Feeling, genau wie es im Leben der Fall ist. Der Traum, in einem eingeengten Raum festzustecken kann ein direktes Bild aus dem Gefühl heraus sein, bei der Geburt steckengeblieben zu sein; ein Gefühl, das sich durch ein Familienleben verschlimmerte, in dem das Kind sich gefangen und "steckengeblieben" fühlt. Individuen können das Gefühl ausagieren, (in einer Ehe, Beziehung oder in einem Job) festzustecken, indem sie versuchen, sich loszulösen. Aber egal, was passiert, wie oft man eine Beziehung verlässt, das Gefühl des Freiseins wird sich niemals einstellen.

Ständig in Bewegung zu sein ist ein gutes Beispiel dieses Ausagierens; eine wilde Flucht vor dem Gefühl, so wie andere, die sich als Versager fühlen, verzweifelt versuchen, sich wie Sieger zu fühlen. Die Definition des Ausagierens ist, wie ich erwähnt habe, Verhalten aus unbefriedigten Bedürfnissen heraus. Unbefriedigte Bedürfnisse betätigen den Gashebel. Sogar bei Depression, die total nach Lethargie und Passivität aussieht, haben wir ein hochaktives System.
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Denken Sie daran, die sich später entwickelnden kortikalen Neuronen sind dafür bestimmt, uns die Wahrheit über unser Innenleben nicht zu sagen, eine Wahrheit, die mit unserer Geschichte begraben wurde. Ich bezweifle nicht, dass es möglich ist sich vorzustellen, dass der Aufzug kein angsteinflößender Raum ist sondern ein Ort der Ruhe und des Friedens, wo man wie auf einem See dahingleitet. Aber unterdessen sagt der Hirnstamm über den Aufzug: "Das ist ein schrecklicher Raum, weil er die alte Angst im Inkubator wachruft." Wir haben also den Spalt zwischen Denken und Fühlen erweitert - eine Handlung, die niemals heilsam sein kann.

Freud schrieb dem Es eine tiefe, unabänderliche, vielleicht genetische Kraft zu, weil er nie sah, was mit uns von früh an geschehen konnte. Er dachte, "früh" bedeutet frühe Kindheit, und die meisten Therapeuten der Gegenwart denken dasselbe. So dachten die Freudianer, mich selbst vor Jahrzehnten eingeschlossen, dass der Patient sich an seine Kindheit erinnern könne, darüber weinen und von uns omnipotenten Seelen Einsichten bekommen könne, und alles sei gut. Die Gefahr rührte wirklich von den Dingen her, die der Patient nicht erinnern konnte.

In der Primärtherapie jedoch würde er oder sie sich erinnern. Der Unterschied besteht darin, dass, obgleich es kein verbales Erinnern früher Traumen und Deprivation gibt, der Körper sich mit seiner Haltung, seinem Gesichtsausdruck, chronischem Husten und ständigen Ängsten sich erinnert. Wir müssen Erinnerung mit dem organischen Gesamtzustand abstimmen. Es ist nicht machbar, wenn der Patient aufrecht in einem hell erleuchteten Raum sitzt und objektiv über die Dinge diskutiert. Es gibt viele Erinnerungssysteme, nicht zuletzt unser Immunsystem, das eine Impfung über Jahrzehnte "erinnert."

Wir können also sehen, dass alles, was sich selbst kognitive Therapie nennt, gelinde gesagt begrenzt ist. Täuschen Sie sich nicht, ich betrachte Psychoanalyse als kognitiven Ansatz, der mit ein paar Tränen besprenkelt ist, um ihn von anderen Methoden abzugrenzen. Es geht immer noch um Einsicht und Gedanken. Über die Vergangenheit eines Patienten zu diskutieren bedeutet, eine Gehirnebene des Patienten zu benutzen, die zu jener Zeit nicht präsent war und somit nicht wahrnehmen konnte, was sich abspielte. Dieses Gehirn ist ein Fremder. Es kann nur raten, was sich drinnen im Unbewussten befindet, und die Vermutung eines jeden anderen ist genauso viel wert. Die Vermutung eines Therapeuten, die aus einer alten Theorie heraus zustandekommt, ist bestenfalls ungültig. Aber sie kann den Klang, die Authentizität einer wohlkonstruierten Theorie haben und deshalb glaubwürdig sein.

In meinen psychoanalytischen Tagen verbrachte ich lange Zeit damit, Träume zu analysieren. Es war ein nettes intellektuelles Spiel, aber ich habe nie gesehen, dass sich daraus Fortschritte ergaben. Die Traumanalyse stellt die Evolution auf den Kopf. Sie benutzt einen sich spät entwickelnden frontalen Neokortex um herauszuknobeln, welche Gefühle sich im limbischen System verbergen - das System, das die Bilder in einem Traum fabriziert. Im Fall von Eva hatten wir es mit sehr frühem eingeprägten Schrecken zu tun, der in ihr Leben und in ihre
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Träume drang. Evas Träume waren oft voller Schmerzbilder. In ihren Träumen fühlte sie sich verletzt, einsam, isoliert und ohne Hilfe. Diese Schmerzschicht lag unmittelbar unter der Gedankenebene. Als sie die Ursache des Schreckens fand und ihn fühlte, gab das ihrem Traum Bedeutung. Um der Evolution zu folgen müssen wir die limbische Sprache sprechen, in die Gefühle des Traums versinken, die immer präzise sind, und die Bedeutung wird sich ganz von selbst aus diesen Gefühlen ergeben. Zwischen verbaler Sprache und Gefühlssprache liegen Welten. Die Bedeutung von Traumbildern ist ein direkter Ableger des Gefühls selbst, das sehr tief im Gehirn liegen kann. Träume haben keine universelle Bedeutung, sondern nur eine persönliche. Die einzige Person, die weiß, was ein Traum bedeutet, ist eben diese Person.

Ich praktizierte Freudsche Einsichtstherapie in den ersten 17 Jahren meiner Praxis und musste immer raten, was sich im Gehirn des Patienten abspielte. Die Vermutung basierte immer auf erhaltenem Wissen - übernommen aus Theorien, die jetzt mehr als 100 Jahre alt sind. Das ist jetzt nicht mehr nötig.

PATIENTEN HELFEN DORTHIN ZU GELANGEN, WO SIE HIN MÜSSEN

Aufzugphobie liefert ein gutes Beispiel, wie Erinnerung funktioniert - und wie Erinnerung schließlich der Schlüssel zur Heilung ist. Wir betreten einen geschlossenen Raum. Wir sind ängstlich. Wir haben keine Gedanken oder Erinnerungen, warum das so ist, aber wir sind sehr nervös. Aber das untere Gehirn "erinnert sich" daran, wie wir zum Beispiel gleich nach der Geburt in einen Inkubator gelegt wurden. Warum sonst sollten wir plötztlich nervös werden? Es ist hier klar, weil die Angst spezifisch, begrenzt und eindeutig definiert ist. Im Allgemeinen haben wir bei Angst nicht so viel Glück. Die Angst ist weitgestreut und nicht auf eine Sache zentriert. Aber ein einzelner Umstand wie ein Aufzug oder eine Höhle können eine Erinnerung und einen Schrecken auslösen, ohne dass man sich der Begebenheit verbal oder gedanklich entsinnen könnte. Es ist eine Körpererinnerung. Wenn der Patient, anstatt dass man versucht, die Phobie mit Vernunfterklärungen wegzuargumentieren oder sie durch eine verhaltenstherapeutische Methode wegzukonditionieren, sich fügt und in diese Angst eintaucht, können wir sie bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen. Es ist ein Prozess des totalen Eintauchens. Oder bei Angst im Allgemeinen helfen wir dem Patienten, indem wir spezielle Techniken benutzen, in den physiologischen Schrecken und dann in seine Einprägung zu gelangen. Es bedeutet, dass man sich der Empfindung hingeben muss.

Wir bemühen uns sehr in unserer Therapie, den Patienten zur Quelle des Wissens zu machen. Es ist die Aufgabe des Primärtherapeuten, historische Realität ausfindig zu machen, wohin sie auch führen mag. Der Therapeut ist ein Katalysator, der dem Patienten folgt und ihn dorthin führt, wohin er gehen muss. Es bedeutet, dass er keine vorgefassten Ideen darüber hat, welche Gefühle der Patient zu fühlen hat, und keine vorgefassten Einsichten.
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Vielleicht bagatellisiere ich die Rolle des Therapeuten in der Primärtherapie, denn schließlich sind sechs Jahre Ausbildung nötig, um die von uns verwendeten Techniken zu erlernen. Auch fortgeschrittene Primärtherapeuten besuchen jede Woche Trainingssitzungen. Und unser Training basiert auf einer unabänderlichen Gleichung: Das Maß an Zugang und Empathie, das wir anderen gegenüber haben, ist ein direktes Ergebnis des Maßes an inneren Zugang zu uns selbst. Je näher wir uns selbst sind, umso näher können wir anderen sein und für sie empfinden. Je mehr wir fühlen, umso mehr können wir die Gefühle in unseren Patienten spüren. Aber in unserer Therapie gehört die Macht mit Recht dem Patienten, nicht einem allwissenden väterlichen Therapeuten. Wir wollen den Patienten nicht seiner Neugier und Entdeckungen berauben. Alles, was er entdecken muss, liegt bereits in ihm und wartet auf Befreiung.

Der linke frontale Kortex kann darüber nachdenken, was mit uns in der frühen Kindheit geschah, aber er hat nicht die Macht, Gefühle auszugraben. Überdies muss Einsicht immer vom Patienten kommen, nicht vom Arzt, und sie muss der Entwicklung des Patientengehirns folgen: erste Linie zuerst, zweite Linie als zweites und Verknüpfung und Einsicht auf der dritten Linie zuletzt. Einsichten müssen aus dem rechten Gehirn kommen, und wir sehen das unter anderem an dem mühelosen Gedankenfluss, nachdem ein Patient ein Feeling gehabt hat. In der kognitiven Therapie wird das nicht ersichtlich. Wir können im Gesicht des kognitiven/analytischen Patienten sein Nachdenken sehen, wenn er versucht, aus dem linken Gehirn heraus eine gewisse Einsicht zu entwickeln. Im Gegensatz dazu scheinen keine Gedankenprozesse abzulaufen bei Patienten, die in einer Primärsitzung gerade aus einem Feeling herausgekommen sind. Ihre Einsichten haben so eine Aura der Wahrheit um sich, und dann sagt der Patient: "Deshalb habe ich das getan." Wenn die Gefühle erst wiedergewonnen sind, kann der denkende Kortex seinen Beitrag an Brillianz dem Gefühl hinzufügen und zurückschauen und sehen, wie dieses unbewusste Gefühl welches neurotische Verhalten und welche Symptome produziert hat. Der Patient findet endlich die Erklärung für sein lebenslanges Verhalten. Ich glaube, es ist vielleicht eines dieser biologischen Gesetze: Wenn wir über eine Einsicht nachdenken müssen, ist es keine wahre Einsicht. Wenn nicht, dann ist sie es. Die Einsicht muss uns von unten treffen, ein "Aha!"-Erlebnis. Ich denke, dass der wesentliche Unterschied zwischen unserer Methode und der kognitiven der ist, dass sie den Kopf des Patienten "frontal gerade" richten wollen und dass wir ihnen ihr Leben zurückgeben wollen. Das bedeutet Gefühle, die der Kern des Lebens sind.

Einsicht muss immer vom Patienten kommen, nicht vom Arzt, und sie muss der Entwicklung des Patientengehirns folgen: erste Linie zuerst, zweite Linie als zweites und Verknüpfung und Einsicht auf der dritten Linie zuletzt.


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Eine unserer Patientinnen fühlte, wie ihre Mutter sie Tag um Tag anschrie und was es ihr angetan hat. Sie kam aus dem Gefühl heraus mit: "Niemand, der so schreit, könnte dich lieben." Und dann fiel sie wieder in das Gefühl, nicht geliebt worden zu sein, und wie sie verzweifelt versuchte jedem zu gefallen, um die Leute davon abzuhalten, dass sie sie anschrieen. Sogar den Versuch gab sie auf, Liebe zu bekommen. Sie verbrachte ihr Leben damit, Schreien und Wut zu vermeiden. Bei jeder Konfrontation gab sie nach. Sie war so niedergeschlagen, dass sie sich sogar in der Schule nicht mehr bemühte. Einfach und doch tiefsinnig. Ihr Verhalten war furchtsam, zögerlich und unterwürfig. Alles, um elterliches Schreien zu vermeiden, und dieses Verhalten und diese Ängste setzten sich bis ins Erwachsenenalter fort.

In der kognitiven Therapie hätte man sie vielleicht ermutigt, mehr positive Gedanken zu haben, sich in der Schule zu bemühen und selbstsicherer zu sein, aber das alles wäre ein vergeblicher Kampf gegen gewaltige Kräfte in ihrer Geschichte gewesen. Sie versuchte verzweifelt, diese Schreie fernzuhalten; diese Schreie waren in ihr. In einem Primal hört der Patient diese wütenden Laute oder Schreie wieder in ihrer ganzen Intensität und Schrillheit. Das kommt zum Teil daher, weil der rationalisierende, filternde frontale Kortex zeitweise außer Betrieb ist. Die Wahrheit ist, dass der Patient auf diese Schreie tatsächlich die ganze Zeit reagiert, mit seiner Furchtsamkeit, seinem Mangel an Aggressivität und seiner Schüchternheit. Das limbische System hört sie die ganze Zeit. Der Patient ahnt eine Reaktion voraus, die bereits in ihm lebt - diese Schreie.

An früherer Stelle erwähnte ich die Bedeutung von Tränen in der Therapie. Wenn schreckliche Dinge mit uns geschehen sind, müssen wir weinen, um den Heilungsprozess in Gang zu setzen. Darüber müssen wir nachdenken, weil Tränen, ergiebige Tränenflüsse, es fertigbringen, den Spiegel menschlicher Wachstumshormone anzuheben, wie die Forschung der Neurobiologen David Goodman und Morton Sobel zeigte. Wachstumshormone spielen eine wichtige Rolle im Heilungsprozess. Goodman und Sobel betrieben vor 25 Jahren Forschungsarbeiten über unsere Therapie und fanden, dass eine Korrelation bestand zwischen Besserung und der Tiefe des Weinens. Kinder genesen schnell, weil sie weinen, sobald sie sich wehtun. Das Problem ist, dass dieses Weinen zu oft unterbunden wird, entweder weil keiner da ist, bei dem man sich ausweinen könnte, oder weil es die Eltern verärgert. Das kann auch im Erwachsenenalter geschehen, wenn wir den Weinreflex des Patienten mit Tranquilizern blockieren.

Wir wissen, dass nicht wir, die Therapeuten, es sind, die über die Tiefe des Weinens entscheiden. Es ist die Erinnerung, die darüber bestimmt; wir lassen es einfach geschehen. Wir schaffen den ruhigen, gepolsterten Raum und die Techniken - die Umstände, unter denen es stattfinden kann. Wir helfen dabei, dass es eine möglichst weiche Landung wird. Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass zwischen dem Weinen, das in der Einsichtstherapie stattfindet und dem tiefen Schluchzen und Weinen,
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das wir in der Primärtherapie sehen, Welten liegen. Weinen in der Einsichtstherapie scheint linker präfrontaler Kortex mit einem Hauch rechter Kortex zu sein, während das, was in der Primärtherapie geschieht, ein totaler Eintauchensprozess auf der rechten Seite ist.

Die Tränen, die von den unteren Ebenen des Gehirns freigesetzt werden, sind sehr verschieden von und weit mächtiger als Tränen, wenn ein Patient "über etwas" weint - das heißt vom Kortex herab weint, als Erwachsener, der seine Kindheit beobachtet. Es ist, als würde ein Fremder eine Tragödie beobachten und darüber weinen. Dieser Fremde ist der linke präfrontale Kortex. Wenn die Verknüpfung durchtrennt ist, könnte er jedem gehören. Es ist dieser Neokortex, der das verletzte Kind beobachtet und Mitgefühl zeigt, aber seinen Schmerz nicht voll fühlt. Der linke frontale Kortex kann erst dann voll begreifen, was dieses Kind im Inneren fühlt, wenn die rechte Seite fühlt, was dieses Kind zu jener Zeit fühlte. Sie muss dann die linke mit ihrer ganzen Leidenschaft informieren, eine Leidenschaft, die sich der linken Seite entzieht. Auch auf diese Weise erkennen wir, dass die Einprägungen auf tieferen Ebenen noch immer intakt sind. Ich habe über Jahre hinweg experimentiert, indem ich versuchte, Patienten dazu zu bringen, dass sie ihr Weinen in der Sitzung vor 15 Minuten duplizieren. Sie können das nie. Es ist, als würde man aus einem Traum erwachen und versuchen, wieder in den Traum zu gelangen. Das geht nicht so einfach, weil sich die Erlebnisse auf anderen Gehirnebenen abspielen.

GIBT ES EINEN PLATZ FÜR KOGNITIVE UND ANDERE EINSICHTSTHERAPIEN?

Ich denke schon, und zwar als Hilfe für Leute mit vorübergehenden Problemen. Es gibt viele ratlose Leute, die nicht wissen, welche Berufsrichtung sie zum Beispiel einschlagen sollen, und sie können sicher von Diskussion und Anleitung profitieren. Sicherlich kann Ehe- und Erziehungsberatung sehr hilfreich sei. Es gibt Leute mit vorübergehenden Depressionen, die einfach mit jemandem reden müssen. Aber wir dürfen ein tiefsitzendes Problem nicht mit etwas verwechseln, das der Beratung zugänglich wäre. Die Verwechslung kommt zustande, wenn wir denken, dass diese Gedanken in einer isolierten, abgeschiedenen Welt existieren. Wenn kognitive Therapeuten Depression als etwas behandeln, das mit falschen Gedanken zu tun hat, sehen sie die langen Fasern aus den Tiefen des Gehirn nicht, die vom Hirnstamm heraufreichen und gegenwärtige Einstellungen und Stimmungen gestalten. Sie sehen die Erinnerung des frühen Liebesmangels und der frühen Traumen in deren ursprünglichen, kristallklaren Form nicht, zurückgezogen hinter einer Barriere von Neuroinhibitoren, voller Angst, ihr Kloster zu verlassen und sich in eine Welt der Bewusstheit zu wagen, unverändert trotz aller unserer späteren Erfahrungen. Sie sehen das verzweifelte Bedürfnis nicht, das um Erfüllung fleht, und die Agonie, wenn diese Erfüllung fehlt. Was für eine eigenartige Sache die Einprägung ist. Erfahrung kann sie nicht durchdringen. Sogar Schocktherapie
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kann sie nicht auslöschen. Es ist nicht sonderbar, dass jemand eine Herzattacke erleidet, während er komfortabel in den Bergen lebt. Seine Erfahrung ist keine der Ruhe. Es ist die innere Angst, die ihn nicht ruhen lässt. Die Einprägung ist die zentrale Erfahrung, auf die er ständig reagiert.

Nicht jeder braucht eine schwere Operation, aber diejenigen, die sie brauchen, müssen aufpassen, dass sie keine kleinen Bandagen verwenden, wenn ernsthafte Therapie vonnöten ist.

FALLSTUDIE: DARYL - DREI NON-FEELING-THERAPIEN

In der kognitiven Verhaltenstherapie konzentrierte sich die Therapeutin nahezu ausschließlich darauf, mich aufzufordern, dass ich "meine negativen Gedanken" in positivere Gedanken " umändere." Zum Beispiel war ich zu der Zeit, als die Therapie stattfand, im Hinblick auf mich selbst sehr negativ eingestellt, und ich sah diese Art von Selbstgespräch in mir ablaufen: "Ich habe in meiner Karriere versagt." Die Therapeutin bat mich, diese Aussage "neu zu formulieren" und zu mir selbst zu sagen: "Ich bin zurzeit in meiner Karriere nicht erfolgreich." Nun, das half überhaupt nicht. Tatsächlich geriet ich nur durcheinander mit den vielen mechanistischen Methoden, mit denen ich versuchte, mit inneren Problemen fertig zu werden; letztlich endeten sie in Frustration und Entmutigung.

Eine andere Schlüsselmethode dieser kognitiven Verhaltenstherapeutin war, dass sie mir eine Liste von 12 "Sollte"-Erklärungen präsentierte, die die Leute gerne verwenden. Dann bat sie mich, die Erklärung zu wiederholen, ohne das Wort "sollte" zu gebrauchen Zum Beispiel lautete eine der Originalerklärungen vielleicht: "Ich sollte kompetenter sein." Sie bat mich, das neu zu formulieren und zu sagen: "Ich bin kompetent." Natürlich half das überhaupt nicht, weil ich nicht tatsächlich kompetenter wurde, indem ich einfach sagte: "Ich bin kompetent." Ein Großteil ihrer Methode drehte sich darum, mich von der Irrationalität meines Verhaltens zu überzeugen, wenn ich diese "Sollte"-Erklärungen benutzte. Sie versorgte mich überwiegend mit einer Regel-Liste und bat mich, diese Regeln zu befolgen. Diese Methode ignorierte die Gefühle unter der Oberfläche völlig, die mich dazu trieben zu fühlen , was ich fühlte, und deshalb auch zu sagen, was ich sagte. Ihre Methode zog das Prinzip der Verdrängung nicht in Betracht.

Diese Therapeutin war zunehmend frustriert, als sie mit mir arbeitete. Tatsächlich hatte sie Vorbehalte gegenüber Gefühlen und verneinte deren Rolle im therapeutischen Prozess. Ich reagierte auf ihre Methode, indem ich frustriert, entmutigt und desillusioniert war, weil ihre Methode bei mir nicht funktionierte.

In der Jungschen Therapie führte mich der Therapeut in die klassischen Begriffe der Jungschen Psychologie ein: Archetypen, Anima, Animus, kollektives Unbewusstes, Person, Schatten, aktives Vorstellen, geführtes
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Bilderleben, das Selbst und Trauminterpretation. Er versuchte auch, bei mir mit seiner therapeutischen Methode innerhalb des klassischen Jungschen Modells zu bleiben. Er selbst war eine sehr intellektuelle Person und für ihn war wichtig, dass ich für diese Hauptbegriffe Verständnis erlangen würde. Deshalb verbrachte er eine Menge Zeit mit mir, indem er mir einfach half, alle diese Jungschen Begriffe und Auffassungen zu verstehen. Er anerkannte und erkannte das Prinzip der Verdrängung, und er sagte, dass die Dinge, die verdrängt wurden, jetzt in "deinem Schatten" liegen. Sein ganzer Ansatz resultierte in einer Heilungsvoraussetzung auf Seite des Patienten: Der Patient muss diese Begriffe, Auffassungen und Prinzipien verstehen können. Seine Prämisse war einfach: wenn der Patient einmal sein Problem und diese Jungschen Auffassungen begriffen hat, findet Heilung auf natürlichem Wege statt. Also bringt Verstehen automatisch Heilung.

Aber in meinem Fall brachte Verstehen keine Heilung. Verstehen brachte mir geistige Gymnastik. Der Prozess, in dem ich  intellektuelles Verständnis erlangte, brachte eine falsche Illusion von Heilung. Ich sagte häufig zu mir: "Nun, da ich ein intellektuelles (intelligentes) Verständnis davon habe, wie die Probleme in mir beschaffen sind, werde ich geheilt werden. Diesen Glauben hatte ich immer wieder, aber er brachte nie wirkliche Heilung zustande. Stattdessen brachte er ein falsches Vertrauen zustande, dass ich "jetzt, da ich das Problem festgenagelt habe," okay sein werde.

Die Jungsche Methode half nur vorübergehend und dann auch nur ein wenig. Jedoch dachte ich wirklich jedes Mal, wenn ich so weit war, dass ich das Problem verstanden hatte, dass ich geheilt wäre. Aber es geschah nie. Das Resultat war, dass ich entmutigt und desillusioniert wurde. Tatsächlich verlangsamte der Prozess des Intellektualisierens den Heilungsprozess, indem er die realen Gefühle überdeckte, die zu fühlen waren.

In der Gestalttherapie vermittelte die Therapeutin anfangs den Eindruck, dass Gefühle in meiner Therapie eine Hauptrolle spielen würden. Tatsächlich taten sie das nie. Gestalttherapie endete für mich irgendwo zwischen kognitiver Verhaltenstherapie und Jungscher Therapie. Meine Gestalttherapeutin verwendete Rollenspiele und versuchte damit, mir zu helfen, Einsicht in mein Verhalten zu gewinnen. Manchmal sagte sie: "Ich will, dass du deinen Vater spielst und dieses Szenario benutzt." Ein anderes Mal bat sie mich, die Rolle des Chefs zu spielen, mit dem ich damals gerade Schwierigkeiten hatte. In allen Fällen bewirkten die Rollenspiel-Szenarien nichts und brachten keine Heilung zustande. Die Therapeutin war sehr beeindruckt von ihrer Methode und von dem, was ihrer Überzeugung nach geschah, aber ich erlebte nichts Signifikantes im Sinne realen Fortschritts. Deshalb war ich nach einer Zeit zwischen sechs Monaten
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und einem Jahr entmutigt und desillusioniert über den Prozess. Tatsächlich verlor ich das Vertrauen in diese spezielle Methode und auch in die Therapeutin. Sie spürte meine Frustration, und das verursachte einen Bruch in unserer Beziehung. Schließlich brach ich meine Therapie mit dieser Therapeutin ab.

Lassen Sie mich als Schlussfolgerung etwas zu dem sagen, was ich als die Notwendigkeit sehe, dass Patienten den Therapeuten bewerten und ihm oder ihr ein Feedback geben. Es wäre so einfach für Therapeuten aller psychologischer Methoden, ein Bewertungs-/Feedbackschema zu entwickeln, um eine gewisse Rückmeldung darüber zu erhalten, wie der therapeutische Prozess verläuft. Was nach Ansicht oder Überzeugung des Therapeuten geschieht, könnte vielleicht gar nicht der Fall sein.


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KAPITEL 7

DER PROTOTYP: WAS UND ZU DEM MACHT, DER WIR SIND

Wenn wir verstehen, wie sich das Gehirn in seiner Evolution gebildet hat, wissen wir, dass das sympathetische Alarmsystem sich zuerst entwickelt hat. Es ist für die schnelle Entwicklung des Nervensystems verantwortlich, das vor Gefahren warnt und von Anfang an optimal funktionieren muss. Das parasympathetische Hemmungssystem, das dabei hilft, die Entwicklung des Gehirns und unserer Gefühle zu kontrollieren, entwickelte sich später. Das parasympathetische ist ein langsamer agierendes System. Die sympathetisch-parasympathetischen Systeme (Sympath und Parasympath, die ich erwähnt habe) sind Systeme, die einander kompensieren; wenn wir eine gute Verbindung zu unseren Gefühlen haben, befinden sie sich in einem ausgeglichenen Zustand. Sie werden vom Hypothalamus gesteuert, weitgehend vom rechten Hypothalamus. Das parasympathetische System, lethargischer und schwerer zu erregen, braucht mehr Input, um in Gang zu kommen. Es hilft dabei, sympathetische Aktivierung abzukoppeln, so dass unsere Atmung wieder zu Normalität zurückkehrt; das gilt auch für Blutdruck, Körpertemperatur, Blasenfunktion und Verdauung.

PARASYMPATHEN UND SYMPATHEN

Die Bedeutung dieses Gleichgewichts besteht darin, dass wir, wenn wir ernsthaft nach der einen oder anderen Seite verschoben werden, nahezu sicher sein können, dass später schwere Krankheit auftreten wird. Es gibt bestimmte Krebsarten, die eher sympathetisch dominant sind und aus einem sympathetisch dominanten System entstehen. Andere nehmen als Ergebnis parasympathetischer Dominanz eine bestimmte Form an. Meiner Erfahrung nach sind Leute, die an Migräne leiden, oft Parasympathen. Ein Mangel an Sauerstoff während der Geburt kann das Blutkreislaufsystem beeinflussen, was auf spätere Migränen hinausläuft. Die Anoxie ist in der Primär-Einprägung von Hilflosigkeit begleitet,
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so dass die Person in einer aktuellen Situation, in der sie ziemlich hilflos ist, eine Migräne entwickelt; das heißt, die gegenwärtige Hilflosigkeit resoniert mit der bei der Geburt, so dass das Blutkreislaufsystem wieder beeinträchtigt wird (massive Dilatation und dann Vasokonstriktion). All das geschieht auf einer unbewussten Ebene und macht das Symptom und seine Erscheinung zu einem Geheimnis.

Um sich zu retten, verlangsamt sich das System des Babys bis zur Leblosigkeit. Diese physiologische Notwendigkeit wir zu einer festen Installation. Das Ergebnis ist, dass die Person schicksalsergeben wird. Die prototypische Persönlichkeit - Passivität - wird zu einem Persönlichkeitsmerkmal, das unser ganzes Leben lang bleibt. Es steckt buchstäblich "in unseren Knochen,"  unserem Blutsystem und unseren Muskeln.

Die Einprägung kann bestimmen, wie wir als Erwachsene sexuell funktionieren. Das parasympathetische Individuum hat nicht die biochemische Ausstattung, um sexuell erigiert, ausdauernd, aggressiv, positiv, optimistisch oder zukunftsorientiert zu sein. Und zwar deshalb, weil das Nervensystem eine globale Wirkung auf sein gesamtes physiologisches System hat. Sein Gesamtsystem kann zu weniger Testosteron, Dopamin, Glutamat und Noradrenalin neigen (deshalb weniger Durchsetzungsvermögen); weniger Serotonin; und höhere Kortisolwerte. Beinahe als Unterstreichung dieses Punktes gibt es einen Bericht von Rudolf Wu, Direktor des Zentrums für Küstenverschmutzung und -bewahrung an der City University von Hongkong, der herausfand, dass die Zahl neugeborener männlicher Zebrafische um das Dreifache höher ist als die Zahl der weiblichen Fische, wenn man den Sauerstoff in ihrem Wasser reduziert. Die wenigen Weibchen, die geboren werden, tendieren zu übermäßigen Testosteron-Mengen in ihrem Körper. Wu merkt an, dass Hypoxie (verminderter Sauerstoff) sich auf die Festlegung des Geschlechts und auf die Entwicklung auswirken kann.1

Das kann auch geschehen, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Schmerzkiller nimmt. Die Droge dringt in den Körper des Babys ein und hat eine lebenslange repressive Wirkung. Der Schmerz der Mutter kann das Baby auch beeinflussen, wenn sie keine Medikamente nimmt, hat aber weniger tiefe Wirkung als Pillen. Dementsprechend prägt eine Mutter, die in der Schwangerschaft raucht, in ihren Nachwuchs ein passives, herunterreguliertes System ein, da Tabak eine Anzahl von Schmerzkillern enthält. Dasselbe gilt für eine Mutter, die schwere Drogen oder Tranquilizer nimmt, oder Beruhigungspillen wie Haldol. Das Neugeborene wird eine parasympathetische Dominanz aufweisen - es wird weniger oft und weniger stark weinen und seine Reaktionen werden schwächer sein. Die Droge der Mutter hat die aktivierenden Neurohormone entfernt, die der Fetus/das Baby braucht, um wachsam und aggressiv zu sein. Es wird passiv und energielos geboren. Es wird ziemlich reaktionsträge sein. Später ist es vielleicht so ein guter Junge, dass wir erst Monate oder Jahre später verstehen, dass etwas nicht stimmt.
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Die Geburtserfahrung unzureichenden Sauerstoffs verstärkt vielleicht eine aufgrund des Rauchens der Mutter bereits vorhandene Tendenz im Fetus, keine Energie zu verbrauchen. Bei der Geburt prägt sich der parasympathetische Prototyp umso stärker ein; das Ergebnis ist ein Individuum, das sich nirgendwo zu sehr anstrengt. Er steckt jetzt in einem starren Tiegel fest, der seine Lebensentscheidungen und -interessen dirigiert. Er wird kein Geschäftsmann oder Sanitäter sein. Vielleicht wird er einen nachdenklichen Beruf wie Schriftsteller oder Poet wählen. Sein Brennpunkt liegt "innen" und nicht "außen."

Wenn eine schwangere Mutter aufgrund eines größeren Traumas (zum Beispiel, wenn ihr Mann die Familie verlässt) schwere Verdrängung erleidet, kann das auf den Fetus abgeladen werden, der vielleicht in diesen (parasympathetischen) Modus getaucht wird und eine lebenslange Tendenz zu Passivität entwickelt. Mit dreißig Jahren ist er vielleicht impotent und kann keine Erektion aufrecht erhalten. Sein Körper spricht die Sprache des parasympathetischen Prototyps: "Ich bin hilflos und schwach. Ich kann nichts tun, um mir selbst zu helfen." Der Erektionsverlust spricht eine Sprache, und wir müssen verstehen, was es bedeutet. Um zu verstehen, müssen wir in der Primärtherapie Worte meiden und die Sprache der Emotionen und Empfindungen sprechen. Wir müssen dieselbe Sprache "sprechen" wie der Patient durch seine Symptome. Es sollte klar sein, dass der Körper spricht. Schließlich befestigen wir Elektroden am Arm einer Person, die der Kriminalität verdächtigt wird (galvanische Hautreaktion), um zu sehen, ob ihr Körper die Wahrheit sagt.

Es gibt viele Forschungen, die darauf hindeuten, dass der Stressspiegel der Mutter während der Schwangerschaft den Sexhormon-Ausstoß des Nachwuchses fürs ganze Leben beeinflussen kann. Das ist eine Zeit, wenn das Sexhormonsystem im Fetus ‚online' geht und seine Soll- oder Ausgangswerte entwickelt. Ein länger anhaltendes Trauma in der Mutter kann einen anderen Sollwert prägen - eine Hypo- oder Untersekretion -, da sich das System auf das Gefühl des Geschlagenseins und der Resignation in der Mutter einstellt. Deshalb leidet der männliche Erwachsene Jahrzehnte später an Impotenz. Es überrascht nicht, dass wir in einer nicht-kontrollierten Studie an unseren männlichen Patienten niedrigere Ausgangswerte von Testosteron bei Männern fanden, die Parasympathen waren. Wir planen eine aktuellere kontrollierte Wiederholung dieser Studie, in die wir Frauen einbeziehen werden. Es gab eine Studie in der Juni-2005-Ausgabe der Biology Letters, die darauf hinwies, dass 34 Prozent der Probleme, die Frauen dabei hatten, einen Orgasmus zu erreichen, genetisch bedingt waren. Auch hier wieder hat man vielleicht die neun Monate Schwangerschaft übersehen.

Umgekehrt zur passiven und "geschlagenen" Prägung des Parasympathen ist "alles geben, was du hast" etwas, das sich durch die Persönlichkeit vieler anderer Individuen zieht. Da gibt es bei der Geburt den Kampf herauszukommen, wenn das Vorwärtskommen schwer wird, ein verzweifeltes Kämpfen und den Einsatz aller Energiereserven,
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um zu leben. Diese sympathetische Dominanz mit allen Systemen volle Kraft voraus wird der Prototyp - Kampf bedeutet Leben oder Tod. Die Person wird dann ihr Leben hindurch in anderen Situationen zu ungestüm vorwärtsdrängen und nicht wissen, wann sie ihre Bemühungen aufgeben muss. Freunde werden zum Sympathen sagen: "Lass es bleiben. Hör auf, dich selbst anzutreiben!" Aber er oder sie kann nicht. Für den Parasympathen ist aufzugeben wirklich eine Überlebenssache am unteren Ende der neuronalen Kette. Aufzugeben kommt für den Sympathen jedoch dem Tod gleich; weiterzuhetzen, getrieben zu werden bedeutet Leben. Das ist eine gute Eigenschaft für Erfolg aber nicht so gut für die Lebensdauer.

Von Tag zu Tag und immer wieder reagieren wir auf der Grundlage des vorherrschenden Prototyps entweder so, dass wir uns bemühen, Befürfnisse zu befriedigen (Sympath) oder so, dass wir leicht aufgeben, ohne es ernsthaft versucht zu haben (Parasympath).



Zum Beispiel betreibt ein Mann mit einer sympathetisch-dominanten Persönlichkeit ein Projekt, das einfach zu viel ist, als dass er damit fertig werden könnte. Er kann nicht klein beigeben. Noch kann er um Hilfe bitten, da ein Teil der ursprünglichen Einprägung bedeutet: "Es gibt keine Hilfe; ich muss das alleine machen." In der kognitiven Therapie lernt er vielleicht, dass er loslassen muss und sich nicht so anstrengen soll, aber weiter unten in seinem Gehirn bleibt die eingeprägte Erinnerung der Notwendigkeit, sich schwer anzustrengen und nie aufzugeben. Er führt sein Leben gemäß dem anfänglichen Muster - dem Nervensystem-Modus - gemäß dem Prototypen, und er treibt sich vielleicht selbst in einen frühen Tod.

Es ist logisch, das herauszusuchen und zu tun, was vorher funktioniert hat. Deshalb läuft in einer lebensbedrohlichen Situation unser ganzes Leben vor unseren Augen ab, da das Gehirn die Lebensgeschichte nach einer Überlebensreaktion durchsucht. Einige von uns treten sprunghaft in Aktion; andere erstarren. Von Tag zu Tag und immer wieder reagieren wir auf der Grundlage des vorherrschenden Prototyps entweder so, dass wir uns bemühen, Befürfnisse zu befriedigen (Sympath) oder so, dass wir leicht aufgeben, ohne es ernsthaft versucht zu haben (Parasympath). Die Nadel hängt ein Leben lang auf der einen oder anderen Platte fest. Und es ist buchstäblich eine Platte, die ad infinitum spielt. Es ist die Platte unseres Lebens; die Hintergrundmusik, zu der wir tanzen, auch wenn wir den Takt nicht hören können. Wir tanzen vielleicht schnell, weil die Musik schnell ist, einen schnellen Stoffwechsel, Gedankendruck und impulsives Verhalten erzwingt. Wir bewegen uns zu einem langsamen Walzer, wenn wir Parasympathen sind und zu eher aufputschender Musik, wenn wir es nicht sind. Auch wenn wir die Musik nicht wirklich hören können, tanzt der Körper dennoch nach ihr. Das Herz tanzt Rock and Roll, während wir uns vielleicht einen Walzer wünschen. Oder die Musik schleppt sich im parasympathetischen Rhythmus dahin,
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und wir haben kaum genügend Energie, um überhaupt zu tanzen. Alles, was wir in der Primärtherapie zu tun versuchen, ist einzuschalten und die Musik bewusst zu machen, damit wir nach unserem eigenen individuellen Beat tanzen können.

Wenn es in den ersten Lebenswochen an Körperkontakt fehlt, lernt Baby Jane vielleicht emotionale Entfremdung als charakteristisches Verhalten. Diese Einprägung würde die bereits früher eingravierte Tendenz verstärken. Es ist jetzt eine Verstärkung im Gang. Es ist nicht unbedingt eine neue Einprägung, sondern die Verstärkung einer früheren. Hier liegt also das Dilemma: Eine Funktion höherer Ebene wie z.B. Gedanke und Konzentration kann von einem primitiven Reptiliengehirn gesteuert werden, zu dem wir im Allgemeinen keinen Zugang haben. Und letztlich ist es ein Zusammenhang, den wir  nicht einmal für möglich halten. Es ist der Hirnstamm, der den Tonus und die Schärfe des frontalen Kortex aufrecht erhält. Der Neokortex braucht eine optimale Menge an Input und Energie, damit er auf Dauer angemessen funktionieren kann, aber wenn der Input übermäßig ist, bricht der frontale Kortex zusammen und funktioniert nicht mehr richtig. Es kommt zu Verwirrung und Konzentrationsmangel und ebenso zu leichter Ablenkbarkeit. Dieser Zusammenbruch ist das Ergebnis eines Inputs aus der Vorgeburts- und Geburtsgeschichte. Solange wir diese Geschichte vernachlässigen, können wir den Zusammenbruch nicht verstehen.

Ein Veteran des Vietnamkriegs erinnerte sich, wie er ein Feld von Verwundeten überschaute und schrie: "Ich kann euch nicht retten." In der Therapie konnte er tiefer zu gehen, zurück zu einer Zeit, als seine Mutter eine Überdosis Drogen nahm und er noch sehr klein war; er fühlte ""Ich kann dich nicht retten, Mama!", artikulierte es aber nicht. Es war die verstärkende Wirkung der Vergangenheit, die den Zusammenbruch im Erwachsenenalter verursachte. Wenn wir nur die Kampfsituation im Krieg betrachten würden, könnten wir schließen, dass sie der einzige Umstand für seinen Zusammenbruch war. Augenscheinlich schien es gewiss so. Aber es gab verkomplizierende Faktoren, die eine weitere Perspektive erforderten.

Urschmerz ist eine Wunde, die nicht wehtut; Verdrängung sorgt dafür. Wir können ihn nicht erleben, eben weil er so wehtut.


Wenn das parasympathetische System der bei der Geburt eingeprägte Prototyp ist, resultiert er vielleicht in dem Bedürfnis des Selbst, sich vom Schmerz zu entfernen und zu dissoziieren. Das heißt, es gab ursprünglich keine anderen Verhaltensoptionen als völlige Verdrängung. Das geschieht, wenn Loslösung die hauptsächliche und einzig mögliche Abwehr bei der Geburt ist, zum Beispiel gegen Strangulierung durch die Nabelschnur. Wenn diese Erfahrung sich durch einen Mangel an Nähe zur Mutter gleich nach der Geburt verstärkt, können wir von uns selbst abgetrennt 
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und emotional distanziert werden, noch ehe wir das Tageslicht erblicken. Der Impuls, uns selbst aus der Erfahrungswelt ‚herauszuziehen', wird zum Prototyp. Wir werden ‚abstrahiert' und zuerst uns selbst gegenüber distanziert und dann anderen gegenüber.

Umgekehrt müssen wir, wenn wir sozialer werden wollen, zuerst uns selbst näher kommen. Das hilft uns, anderen näherzukommen. Der Parasympath handelt mit größerer Wahrscheinlichkeit scheu und furchtsam und zögerlich. Er ist nachdenklicher und weniger impulsiv als der Sympath, dessen Modus "ganz nach außen" gerichtet ist. Als Erwachsener wird der Parasympath zurückscheuen, wenn ihm jemand zu nahe kommt, weil das den Schmerz hochbringen kann, dass er nie die Nähe hatte, die er brauchte. Seine Scheu ist Schutz gegen Urschmerz, ein Schmerz, an den er sich nicht einmal erinnern kann, der aber in jedem Teil von ihm registriert ist: in seiner Haltung, seinem Gesichtsausdruck, Gang, Sprechrhythmus (langsam und methodisch). Das alles sind Aspekte der Erinerung. Er hat den Zugang zu diesen Erinnerungen verloren, aber der Prototyp bleibt als Erinnerung einer Vergangenheit, die schon lange vorüber ist. Wer wir sind, ist leibhaftige Erinnerung.

Der Sympath richtet seinen Brennpunkt nach außen (eine Schlüsselfunktion des linken präfrontalen Kortex), während der Parasympath nach innen schaut, mehr introvertiert und philosophisch ist. Der Sympath ist handlungsorientiert, wie er es seit Geburt war, weil Handeln in seinem Kopf Überleben bedeutet. Im Gegensatz dazu kann der Parasympath nicht spontan reagieren und grübelt ständig über sein Leben. Er oder sie befindet sich biologisch im herunterregulierten Modus. Seine oder ihre Vitalwerte sind einheitlich niedrig. Er oder sie ist depressiv, fühlt sich hoffnungslos und hilflos. Aber manchmal fällt es ihm oder ihr schwer zu weinen, weil die Verdrängung es verhindert. Er oder sie ist schwer zu erregen, sowohl beim Sex als auch bei Emotionen im Allgemeinen.

Der Sympath ist selten, wenn überhaupt, deprimiert. Seine Physiologie neigt nicht in diese Richtung. Er ist ehrgeizig und schaut ständig nach vorne, weil ihm das bei der Geburt eingestempelt wurde. Alles an ihm ist in Eile - er verspürt das Bedürfnis, sich zu beeilen, ist ungeduldig, will es hinter sich und erledigt haben. Er muss die ganze Zeit in Bewegung sein - Pläne, Projekte und Ausflüge. Der Parasympath ist selten so manisch wie der Sympath. Er oder sie ist zu Beginn des Lebens ‚verlangsamt' worden, es prägte sich ein, und er/sie setzt diesen Weg fort. Er/sie ist vorsichtig und nicht mitteilsam, weniger neugierig und abenteuerlustig; er/sie sucht nicht nach dem Neuen und fühlt sich in seiner alten/ihrer Routine wohl.

Der Sympath ist ausdauernd. Er erzwingt Entscheidungen, die er nicht sollte, weil Hartnäckigkeit Überleben bei der Geburt bedeutete. Die unbewusste Geburtsformel lautet für ihn, dass zu wenig Kampf oder Drang den Tod bedeutet. Der Prototyp eines Patienten bei der Geburt war "kämpfen um zu leben", und das setzte sich in seiner ganzen Kindheit mit seiner Mutter fort, die ihm das Leben schwer machte. Er sagte mir, dass er immer nach einem Grund suchte, um zu leben, nach einem Zeichen der Ermutigung, das ihm
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erlauben würde weiterzumachen. Er gab "alles, was er hatte," aber es war vergeblich. Er war zu aggressiv bei seiner Suche nach einem Grund, da er von dem Überlebensbedürfnis bei der Geburt getrieben wurde. Er strengte sich bei Frauen zu sehr an, was dazu führte, dass sie sich abwendeten. Er war immer "heiß" auf Komplimente, da er hoffte, dadurch einen Lebensgrund zu finden. Er sagte mir: "Man kann mich mit einem kleinen Kompliment kaufen."

Sogar die Stimme stellt sich auf das Ungleichgewicht ein. Der Sympath hat vielleicht eine hohe, quietschende Stimme und der Parasympath hat die tiefe, langsame, honigsüße. Bestimmt das Geburtstrauma unsere Sprechweise? Oft ja. Es bestimmt auch den Rhythmus. Die Parasympathin hat es nicht eilig, sich zu erklären. Sie kann ein Sprechmuster haben, das sehr wenig Raum ergreift; ihre Worte füllen keinen Raum; wegen ihres niedrigen Energieniveaus entkommen sie kaum ihrem Mund. Im Gegensatz dazu purzeln die Worte des Sympathen einfach heraus, ein Wort auf das andere gestapelt.

Im Hinblick auf die Gehirnhälften wird der Parasympath von seinen Rechtshirn-Gefühlen überflutet. Der Sympath kann daraus emporsteigen, in sein linkes Gehirn tauchen und sich beinahe ausschließlich nach außen konzentrieren. Er kann nicht nach innen schauen und ist, was nicht überrascht, weniger geeignet, sich in Gefühlstherapie zu engagieren. Wir sehen in der Primärtherapie mehr Parasympathen als Sympathen.

DER PROTOTYP UND UNSEREN PHYSIOLOGISCHEN PROZESSE

Der Prototyp "verbiegt" unsere physiologischen Prozesse global über alle Systeme. Was den Sympathen betrifft, scheint es ein Übermaß an Sekretion zu geben, während der Parasympath im "Hypo"-Modus bleibt, bei dem viele seiner wesentlichen Hormone unter normalem Ausstoß liegen. Wo wir niedrige Testosteronwerte im Parasympathen gefunden haben, war das Gegenteil der Fall beim Sympathen. Als Ergebnis dieser Prototypen und ihrer systemischen Effekte neigt der Parasympath vielleicht zu Impotenz, und der Sympath hat vielleicht ein Problem mit vorzeitiger Ejakulation, eine aggressivere Außenreaktion.

Traumen, die dem Fetus und Säugling zustoßen, veranlassen das sympathetische System hochzuschalten und mehr Adrenalin, Dopamin, Kortisol und Noradrenalin zu produzieren. Die Gefahr ist mangelnde Befriedigung. Und diese Gefahr geht mit übermäßiger Sekretion von Stresshormonen einher. Das ganze System befindet sich im Alarmzustand und ist hyperaktiv, und es bleibt hyperaktiv, solange die Einprägung im System fixiert ist und Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Wenn ein Bedürfnis unerfüllt bleibt, werden wir aktiviert. Unsere Reaktionen auf unerfüllte Bedürfnisse werden nach einiger Zeit zu eingeprägtem Schmerz, der das sympathetische System konstant aktiv hält. Wenn die stimulierenden
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Stresshormone hyperaktiv werden, wie es bei chronischem Schmerz der Fall ist, können sie sich auf Gehirnzellen auswirken und zu Zelltod führen, vielleicht nicht sofort, aber im Laufe der Zeit.

Wir reagieren nicht stückchenweise; das System reagiert als organische Ganzheit. Beim Parasympathen ist Migräne ein Beispiel für die Reaktion. Fehlende Anstrengung war bei der Geburt wegen des relativen Sauerstoffmangels lebensrettend, aber jetzt kann jeder Stress das Symptom aktivieren. Die Person bleibt wegen der Einprägung des Sauerstoffmangels im Energiespar-Modus. Denken Sie daran, dass der Prototyp das erste größere Lebensrettungsmanöver unseres Lebens ist. Jedes gegenwärtige Unglück kann die alte Erinnerung des reduzierten Sauerstoffs und die Migräne auslösen, genau wie jede Situation, in der wir allein sind, eine primäre Verlassenheit aus der Säuglingszeit oder frühen Kindheit auslösen kann.

Mangel an Sauerstoff bei der Geburt kann zur Konstriktion des Blutgefäßsystems führen und reduziert folglich stark das Bedürfnis, tief zu atmen. Alles, was ein Neugeborenes tun konnte, während ihm der Sauerstoff genommen wurde, war, sich zu verschließen und keine Energie zu verbrauchen. Totale Verdrängung war ursprünglich notwendig, weil damals keine Verhaltensoptionen möglich waren. Das wird zu einer Persönlichkeitstendenz, auf der sich spätere Traumen schichten. Die Person wird zum Energiesparer, eine passive Person, die oft deprimiert ist, eine Person, die keine Alternativlösungen für ihre Probleme sieht, weil es am Anfang keine gab. Wir nennen es Depression, bis wir in der Tiefe der Einprägung angekommen sind. Dann ist es, was es war. Warum eine Migräne? Weil jede neue Bewusstseinsebene ausarbeitet, was bereits existiert. Ein schreckliches Unglück in der Gegenwart kann soviel Wirkkraft haben, dass der Schlag über Nervenschaltkreise, die bei der Geburt angelegt wurden, in die Tiefe geht. Eine Migräne kann auftreten, weil der emotionale Schlag in die Zonen des Hirnstamms und limbischen Systems hinabgestiegen ist, die die Vasokonstriktion (Verengung von Blutgefäßen, ein Vorläufer von Migräne) zuerst registrierten und behandelten. In der Minute, in der Gefühle Kontakt mit der ersten Linie/Ebene haben, kommt es zum Kopfschmerz. Kurz gesagt beinhaltet die erste Linie eine Tendenz zu Kopfschmerzen, die nur darauf warten, dass man sie auslöst.

An Halloween kommen alle am Primal Therapy Center als ihr geheimes Selbst, um an ihre Gefühle zu gelangen. Sie kommen in Windeln, in Rüstung, in Clownkostümen, sogar als Registierkassen. Einer kam total eingewickelt, weil er der "Unsichtbare" war. Seine Eltern "sahen" ihn nie. Diese Kostüme repräsentieren in prägnanter Form das Ausagieren. Der Mann zum Beispiel, der als Registrierkasse kam, war eine geldproduzierende Maschine, die seine Eltern erfreute, die immer über Geld redeten. Er wollte ihre Liebe. Er glaubte sie dadurch zu bekommen, dass er Geld machte. Es war sein Ausagieren.
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In der Gruppe agieren Patienten in sicherer Atmosphäre aus. Einer, der davon besessen ist, ekstatische Frauen in pornographischen Magazinen anzuschauen, wird ermutigt, das Magazin in die Gruppe mitzubringen. Das Bedürfnis, bei dem ein Patient anlangte, war: "Freue dich, dass du mich siehst, Mami" In diesem Fall hatte der Junge eine chronisch deprimierte Mutter. Sie freute sich über niemanden, den sie sah, aber er hatte das Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmte, weil sie kein Anzeichen von Freude zeigte, wenn er anwesend war. Er sah große Freude in den Gesichtern der Pornostars in Magazinen. Kein Kind ist objektiv genug, um zu sehen, dass es das Problem der Eltern ist. Wenn wir klein sind, sind Eltern die ganze Welt für uns. Ihre Stimmungen werden zu unseren Gefühlen; ihre Launen - unser Leben.

FÖTALES LEBEN UND DROGEN

Alle psychiatrischen Drogen/Medikamente durchqueren die Plazenta und dringen in das fetale Blutsystem ein. Wenn die Droge erst in den fetalen Blutstrom eingedrungen ist, hat sie leichten Zugang zum Gehirn. Drogen/Medikamente können auch über die Muttermilch auf den Säugling übergehen. Nichtsdestoweniger ist der Säugling weniger als ein Erwachsener fähig, Drogen umzuwandeln, die in seinen Körper eingedrungen sind, ungeachtet ihrer Menge. Einige Wirkstoffe, die eine stillende Mutter einnimmt, wie z.B. Lithium, können das Baby energielos, phlegmatisch und passiv machen. Andere Beruhigungsmittel können den Säugling erregbar machen. Was während des Lebens im Mutterleib geschieht, kann dazu beitragen, die Grundlagen für eine Sucht zu schaffen, die zwei Jahrzehnte später auftritt. Die kritische Periode tritt ein, wenn die Schlüssel-Gehirnsynapsen aufgebaut werden, was bei Menschen mit dem sechsten Schwangerschaftsmonat beginnt und nach der Geburt bis zum Alter von 2 oder 3 Jahren anhält. Wenn die Mutter Medikamente /Drogen einnimmt, können sie eine Einprägung schaffen, die die Sollwerte von Hormonen und physiologischen Substanzen neu einstellt (zum Beispiel fehlt es uns später an Serotonin oder Schilddrüsenhormon).

Eine Studie der finnischen Wissenschaftler M. Huttunen und P. Niskanen untersuchte Kinder, deren Väter entweder während der Schwangerschaft der Mutter oder im ersten Lebensjahr des Kindes starben. Der Nachwuchs wurde über eine 35-Jahres-Periode unter Verwendung dokumentarischer Belege überprüft. Nur diejenigen, die ihren Vater verloren, während sie als Kind im Mutterleib waren, hatten ein erhöhtes Risiko für psychische Krankheiten, Alkoholismus/Sucht oder kriminelles Verhalten.2 Der emotionale Zustand der Mutter wurde zweifelsohne beeinflusst, und das hatte möglicherweise lebenslange schädliche Auswirkungen auf das Kind. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass der emotionale Zustand der schwangeren Mutter mehr Langzeitwirkungen auf das Kind hat als der emotionale Zustand der Mutter in den Jahren nach der Geburt. Und wenn wir Sucht erforschen, müssen wir der Zeit im Mutterleib Aufmerksamkeit zollen.
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Wir wissen aus Tierexperimenten, dass diejenigen, denen gleich nach der Geburt Berührung und Liebe vorenthalten wurden, später zu Alkoholkonsum tendieren, wenn er ihnen angeboten wird, im Gegensatz zu den geliebten Tieren, die ihn verweigern. Es gibt eine gute Studie über Affen, die diesen Punkt demonstriert. Die von früh an gestressteren Tiere tranken später mit größerer Wahrscheinlichkeit Alkohol. Man untersuchte achtzig Rhesus-Affen; die Hälfte wurde nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Diese Gruppe reagierte auf späteren Stress mit einer um 25 Prozent höheren Stresshormon-Freisetzung. Später bot man beiden Gruppen alkoholhaltige Getränke an. Ein Fünftel trank nichts. Unter denen, die Alkohol konsumierten, waren diejenigen mit den höheren Kortisol-Spiegeln vor dem Experiment die schweren Trinker. Diese Affen sagten keine irrationalen Dinge zu sich selbst, wie die Kognitivisten behaupten könnten. Sie reagierten im Sinne ihrer Geschichte. Wir können Alkoholismus zum Teil den Genen zuschreiben, aber diese Studie macht klar, dass diejenigen, die früh im Leben nicht geliebt wurden, zu Alkohol griffen.

Wir wissen aus Tierexperimenten, dass diejenigen, denen gleich nach der Geburt Berührung und Liebe vorenthalten wurden, später zu Alkoholkonsum tendieren, wenn er ihnen angeboten wird, im Gegensatz zu den geliebten Tieren, die ihn verweigern.



Wir sind noch immer diese Primaten, aber mit einem angefügten Kortex; wir haben uns eine Denkkappe aufgesetzt - auf Dauer. Wenn Affen ohne Worte neurotisch sein können, können wir das auch. Wenn sie süchtig werden können, können wir das auch. Weil diesen Affen von Anfang an Liebe vorenthalten wurde, verspürten sie das Bedürfnis, ihren Schmerz zu lindern, und taten dies mit Alkohol. Der Schmerz und die Physiologie zweier Primaten, Menschen und Affen, sind im Grund ziemlich dieselben. Im Grund fühlen wir Schmerz auf dieselbe Weise mit derselben physiologischen Ausstattung. Aus so vielen ähnlichen Tierexperimenten - und es gibt buchstäblich Tausende davon, angefangen mit dem frühen Werk von Harry Harlow bis zur Gegenwart - wird klar, dass Worte bedeutungslos sind und den Schmerz nicht dauerhaft erleichtern können.

Jüngste Forschungen von A. R. Hollenbeck, einem anderen Spezialisten für die Fötalphase, dokumentiert, dass jede Droge, die einer schwangeren Mutter verabreicht wird, das Neurotransmitter-System des Nachwuchses ändert, besonders in der kritischen Periode, wenn sich diese Neurotransmitter-Systeme im Mutterleib bilden. Er behauptet, dass die Anwendung lokaler Anästhetika wie z.B. Lidocain (zur Unterstützung des Geburtsprozesses) während sensibler (kritischer) Perioden in der Schwangerschaft in der Lage ist, dauerhafte Veränderungen im Verhalten des Nachwuchses zu erzeugen.3
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Gehirnsubstanzen wie Serotonin und Dopamin können sich dauerhaft ändern, wenn ein Tier den Geburtsprozess mit einem lokalen Anästhetikum durchmacht. Das wiederum beeinflusst das Schleusensystem.

Je mehr Schmerztöter eine Frau in den Wehen einnimmt, umso wahrscheinlicher wird ihr Kind später Drogen oder Alkohol missbrauchen. Karin Nyberg von der Göteburg-Universität in Schweden betrachtete die Medikation, die den Müttern von 69 erwachsenen Drogenkonsumenten verabreicht worden war, und 33 ihrer Geschwister, die keine Drogen nahmen. Dreiundzwanzig Prozent der Drogenkonsumenten waren in den Stunden unmittelbar vor der Geburt multiplen Dosen von Barbituraten oder Opiaten ausgesetzt. Nur drei Prozent ihrer Geschwister waren in utero derselben Drogenmenge ausgesetzt. Wenn die Mütter drei oder mehr Wirkstoff-Dosen erhielten, betrug die Wahrscheinlichkeit das Fünffache, dass ihr Kind später Drogen missbrauchte.4 Man hat genug Tieruntersuchungen angestellt, die den Befund bestätigen, dass sich die spätere Neigung zu Drogen ändert, wenn ein Individuum im Mutterleib Drogen/Medikamenten ausgesetzt wird.

Es gibt Beweise, dass eine Mutter, die in der Schwangerschaft ‚Downer' nimmt, einen Nachwuchs bekommt, der später amphetaminsüchtig ist, ein Wirkstoff, der als ‚Upper' (Speed) bekannt ist; wogegen eine Mutter, die während der Schwangerschaft Upper nimmt - Kaffee, Kokain, koffeinhaltige Colas - Nachwuchs erzeugt, der später nach 'Downer' süchtig ist - Quaalud zum Beispiel. Und der Grund, warum die Person übermäßige Dosen einnehmen kann, z.B. zwei Tassen Kaffee vor dem Zu-Bett-Gehen trinken und trotzdem leicht und gut schlafen kann, besteht darin, dass ein größerer Mangel an stimulierenden Hormonen - Katecholamine - gegeben ist. Kurz gesagt haben sich im Mutterleib die ursprünglichen Sollwerte für Aktivierung oder Unterdrückung verändert und währen ein Leben lang fort.

Ich habe Patienten behandelt, die enorme Dosen Speed genommen haben und als Ergebnis wenig Anzeichen einer Manie zeigten. Während andere Patienten in früheren Selbstmordversuchen tödliche Dosen an Schmerzkillern genommen hatten - genug, um jeden anderen umzubringen - und dennoch noch Stunden später wachlagen und sich nur leicht benommen fühlten. Die heftige Gehirnaktivierung durch eingeprägten Schmerz widerstand allen Versuchen, das System zu bezwingen.

Je mehr Schmerztöter eine Frau in den Wehen einnimmt, umso wahrscheinlicher wird ihr Kind später Drogen oder Alkohol missbrauchen.

Psychotherapeuten müssen sich die Frage stellen: "Warum beruhigt ein Tranquilizer oder Schmerzkiller, der auf tiefere Gehirnzentren wirkt, den Patienten und
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ändert seine oder ihre Gedanken?" Wir wissen, dass dies oft geschieht. Wir wissen, dass jemand, der eine akute Herzattacke erleidet, sich schrecklich fühlen kann, aber seine Gedanken und seine Einstellung zu der Erfahrung ändern sich, wenn er eine schmerzbetäubende Spritze bekommt. Allein das sollte uns darüber informieren, dass Gefühle Gedanken steuern und ncht umgekehrt.

Wenn sich in der frühen Kindheit Vernachlässigung und emotionaler Schmerz angehäuft haben, tragen die Amygdala und der Hippokampus des limbischen Systems eine schwere Bürde. Sie spüren die Bedrohung und warnen uns vor der Gefahr. Die Warnung erfolgt in der einzigen Sprache, die das System hat - Agitation und Mobilisierung. Was ist die Gefahr? Fehlende Liebe oder die Erfahrung der Todesnähe bei der Geburt. Auf eine diabolische, dialektische Weise verstärken dieselben Traumen und derselbe Liebesmangel, die die Struktur des frontalen Kortex schwächen und seine Synapsen reduzieren, die limbischen Kräfte, die jetzt die Unversehrtheit des Kortex bedrohen. Joseph LeDoux, der anerkannte Akolyth im Studium der Amygdala, glaubt, dass ein Mensch ängstlich und deprimiert wird, wenn emotionale Erinnerung durch das Amygdala-System reaktiviert wird. Seine Forschung zeigt die neuralen Strukturen auf, die in die Reaktivierung emotionaler Erinnerung involviert sind.

Was macht ein kognitiver Therapeut im Wesentlichen? Er stärkt die Kontrolle der linken Hemisphäre beim Patienten, indem er ihn in Gedanken vertieft. In der Primärtherapie arbeiten wir am unteren Ende der Gehirnevolution, indem wir die Wucht der tief eingeprägten Kräfte reduzieren, so dass sie den präfrontalen Kortex nicht mehr dazu herausfordern, ständig Gedanken zu produzieren. Eine Studie in der Science News (2004) untersuchte Personen, die gebeten wurden, unerwünschte Erinnerungen zu unterdrücken; dann scannte man ihr Gehirn. Der präfrontale Kortex dämpfte die Aktivität im Hippokampus dieser Personen und störte so das Wiederauffinden von Erinnerungen. Kurz gesagt verringerten Verdrängung und Schleusung den Zugang zu sich selbst und zur eigenen Geschichte.5

Tranquilizer sind in der Tat Schmerztöter, und einige Tranquilizer kann man in höheren Dosen zur Erzeugung chirurgischer Anästhesie verwenden. Auch hier sehen wir wieder den Austausch zwischen emotionalem und physischem Schmerz. Wenn jemand zum Beispiel Rückenschmerzen hat und monatelang Schmerztöter nimmt und sie dann weiterhin nimmt, nachdem sein Rücken geheilt ist, sieht man ihn als süchtig an. Aber dieselbe Pille, die seinen Rückenschmerz beruhigt, beruhigt auch seine Geschichte - seine Einprägung - und daher rührt das fortgesetzte Verlangen nach der Droge. Die ursprüngliche "antipsychotische" Droge, Thorazin, wurde zuerst von einem französischen Chirurgen verwendet, der feststellte, dass sie Operationspatienten gleichgültig oder apathisch für den Schmerz machten, den sie durchzustehen hatten. Ein Autor bemerkte, dass wissenschaftliche Beweise die Theorie stützen, dass die meisten psychiatrischen Drogen "wirken," indem sie eine Art Anästhesie der Psyche, des Geistes oder der Gefühle erzeugen.
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In einer Arbeit von R. Gaunt setzte man Ratten unter Stress (band sie an ein Brett fest) und gab ihnen dann Tranquilizer. Sie schienen ihrem Problem gegenüber gleichgültig, aber ihre Körper waren es nicht. Die Stresshormone verzeichneten hohe Messwerte. Daran müssen wir denken, wenn wir Tranquilizer nehmen; denn der Verschleiß des Körpers geht weiter, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind.

Beinahe alle von uns sind Gefangene ihres Prototyps - ihres dominanten Funktionsmoduses. Die kognitive Therapie geht davon aus, dass wir jede Menge freien Willen haben. Ich bin mir da nicht so sicher. Wir können innerhalb des Prototyps Entscheidungen treffen, aber er bietet uns einen eher enger Spielraum. Was uns freisteht, ist zurückgehen und herausfinden, wie das alles angefangen hat. Das wird letztlich unseren Entscheidungs-Spielraum im Leben erweitern. Das wird das Blickfeld des Parasympathen erweitern und ihn mehr Chancen ergreifen lassen. Es wird dem Sympathen erlauben, von dem unaufhörlichen Kampf abzulassen, der ihn nie entspannen lässt. Schließlich bringt es unser System wieder ins Gleichgewicht, so dass unser System seine Homöostase findet und ermöglicht, dass wir nicht mehr Gefangene von Medikament um Medikament, Droge um Droge sind. Ein ausgeglichenes System bedeutet, dass sich der chronisch niedrige Testosteron-Spiegel des männlichen Parasympathen normalisiert - was wir nach einem Jahr Therapie festgestellt haben. Es bedeutet, dass er jetzt positiver und weniger deprimiert ist. Ein ausgeglichenes System bedeutet, dass man nicht fünf Tassen Kaffee am Tag trinken muss oder auf koffeinhaltige Cola versessen ist. Es bedeutet, dass man nicht rauchen muss, eine Sucht, die das Leben verkürzt. Es ist die wahre Bedeutung von "frei sein."

Fallstudie: Katherina - Anorexia, Bulimie und Sexualtrauma

(Hinweis: PC ist der Berater des Primal Centers. K ist Katherina, eine Patientin)

PC: Und warum bist du zu uns gekommen?

K: Ich bin gekommen, weil ich kurz an Anorexie litt, als ich 11 und 12 war, und als ich 14 war, litt ich unter Bulimie. Niemand wusste davon, und es ging soweit, dass ich das Gefühl hatte, mich selbst zu zerstören und Hilfe zu brauchen, und dass ich nicht wusste, was ich tun und wohin ich gehen sollte, und Hilfe brauchte, und ich wusste, worauf es sich bezog. Ich brauchte Hilfe.

PC: Beschreibe genau, was Anorexie für dich ist.

K: Anorexie? Als ich 11 war, hörte ich zu essen auf. Ich war in der Schule, meine Mam' hatte wieder geheiratet, eine Menge schwieriger Dinge spielten sich in meinem Leben ab, und ich brauchte meine Mutter; sie sollte sehen, dass ich am Sterben war, dass ich mit all diesen Dingen nicht fertig werden konnte, die mir passierten. Sie sollte sehen, dass ich litt und Hilfe brauchte. Ich war unfähig, sie um diese Hilfe zu bitten und unfähig, es jemanden wissen zu lassen, da ich nicht einmal wusste, dass ich
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Hilfe brauche; ich wollte so dünn wie ein Skelett sein. Ich wollte ihr zeigen, dass ich drauf und dran war zu sterben. Ich wollte allen zeigen, dass ich Schmerzen litt. Es war ein Hilfeschrei. Ich wusste es nicht; ich dachte, dass es nur mit Dünn-Sein zu tun hat und dass meine Freundinnen dünner waren oder dass es mit Essen zu tun hat.

Ich wollte, dass meine Mam' sah, dass ich in ihrer neuen Ehe nicht glücklich war und dass ich all diese Probleme hatte. Ich schließe meinen natürlichen Drang zu essen einfach weg. Ich war so von mir selbst weggeschlossen, dass ich nicht hungrig war. Du denkst, wenn du nicht ißt, bist du hungrig; ich war nicht hungrig. Ich konnte nicht essen; es war unmöglich. Ich wollte einfach sterben. Es war so stark und ich fühlte mich so hoffnungslos. Das war meine einzige Hoffnung, sie zu erreichen.

PC: Du hattest auch Bulimie?

K: Später machte ich Phasen durch, wo ich nicht aß und dann so hungrig war, ziemlich viel aß und dann ausflippte und mich übergab - damit ich es los wurde. Es war ganz einfach. Es war so viel leichter als hungern oder körperliche Bewegung. Wenn ich eine Prüfung hatte oder etwas wirklich Stressiges los war, aß ich und übergab mich, und dann aß ich und übergab mich wieder. Es war wie Masturbation. Es war ein Spannungs-Erleichterer. Dorthin entließ ich meine ganze Spannung und Angst. Ich hatte wirklich niemanden, mit dem ich reden konnte, und so war es meine Art, all diese Spannung freizusetzen und mit ihr umzugehen. Mit ihr umgehen, sie zur Seite legen, damit ich mit meinem Tag weiter machen und in der Schule funktionieren konnte. Ich bekam glatte Einsen in der Schule. Jeder dachte, ich sei die kleine Miss Perfekt; ich hatte diese perfekte Fassade drauf. Wirklich niemand wusste, dass ich mich dahinter selbst umbrachte. Und deshalb war es für mich möglich, so perfekt auszuschauen, weil ich hinter der Bühne dieses heftige Ausagieren hatte.

PC: Welcher Teil der Bulimie war der Spannungserleichterer?

K: Mich übergeben. Essen erleichtert die Spannung auch, aber es verursacht auch Spannung. Weil du dir dann Sorgen machst: "Und dann, wenn ich fett werde, dann wird jeder denken, ich bin okay, und Mam' sieht nicht, dass es Probleme mit mir gibt, also muss ich dieses Essen los werden." Wobei essen sehr befriedigend sein konnte, es gibt dir so eine Art Gefühl, dass du mehr geliebt wirst, als ob du voll bist, etwas hast. Wenn es da zu lange saß, dann musste ich es loswerden, oder es verursachte noch mehr Spannung. Und so würde würde das eigentliche Übergeben.... ich wurde es los und so muss ich mir keine Sorgen machen, dass ich fett werde. Vor allem war es einfach der beste Spannungserleichterer, bis das Feeling wieder Druck machte. Ich musste es wieder tun. Schließlich war es jeden Tag, die ganze Zeit.

PC: Welches Feeling?
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K: Das allgemeine Gefühl in dieser Zeit, dass ich keine Hilfe hatte, ungeliebt war und dass man mir nicht zuhörte; ich war die einzige, die wusste, was mit mir los war. Ich war in einer Teenager-Phase, in der ich mich wirklich unsicher fühlte, wenn ich mit jemanden redete. Das waren die gegenwärtigen Gefühle, die ich durchmachte. Ich wurde sexuell belästigt, als ich 5 ½ Jahre alt war, bis ich 8 war. Was mich wirklich zur Therapie brachte, war, dass ich es herausfand. Ich erinnerte mich immer, belästigt worden zu sein, nichts, das in meinem Kopf implantiert war, es war immer da, aber ich hatte ausgeblendet, dass meine Freundin in diesem 3-Jahres-Zeitraum später von demselben Mann mit mir belästigt wurde. Sie hatte eine Erinnerung daran, aber als ich 15 war und sie mir davon erzählte, brach meine ganze Welt auseinander; ich konnte sie nicht mehr zusammenhalten. Ich übergab mich so oft, dass es mir entglitt, und dann meine beste Freundin, die wie meine Schwester war, ich fand heraus, dass ihr das zustieß, und ich bekam einen Haufen Erinnerungen und ich brauchte Hilfe. Das hat mich hierher gebracht; ich hatte einen Zusammenbruch. Dass ich belästigt wurde, die Art, wie ich belästigt wurde, ich hatte konkrete Erinnerungen. Willst du, dass ich die konkreten Erinnerungen durchgehe?

PC: Was meinst du damit, dass du einen Zusammenbruch hattest?

K: Ich erinnerte mich, dass ich belästigt wurde. Ich wusste es immer. Ich erinnerte mich immer an das erste Mal. Wenn es nur um mich ging, dachte ich, ich könnte damit zurecht kommen. Ich kann stark sein, weißt du; es gibt niemanden, der es versteht, und ich werd' keine große Sache draus machen. Sie war jünger als ich, und als ich herausfand, was er ihr antat, hat es einfach meine Welt auseinandergerissen. Ich hatte nicht nur diesen ganzen Input von ihr, was geschah, was alle meine verlorenen Erinnerungen zurückfluten ließ, sondern dieser Mensch in meinem Leben war mir so lieb, wie meine Schwester; diese schreckliche Sache geschah mit ihr, die ich niemandem wünschen würde. Ich hasste mich selbst, weil ich sie nicht schützen konnte. Ich war älter, und ich konnte nichts tun. Ich würde alles tun, wenn ich verhindern hätte können, dass ihr das passierte, wenn ich sie hätte schützen können. Ich stopfte mich voll eine Nacht nach dem, und ich weckte meine Mam' auf, und ich hatte das Gefühl, mich gleich wieder zu übergeben, als würde ich niemals damit aufhören. Ich hatte einfach einen gewissen Punkt erreicht, und ich weinte und ich weckte meine Mam' auf. Ich sagte: "Mam', ich brauche dich. Du musst mich davon abhalten, dass ich mich übergebe; ich kann's nicht. Und sie hatte keine Ahnung, wovon ich redete. Ich weinte und sagte: "Mam', bleib bei mir, lass' nicht mehr zu, dass ich mich übergebe.

Ich habe mich selbstzerstörerisch ausgetobt; ich war dabei, mich selbst umzubringen. Sie blieb bei mir, und ich weinte und weinte. Ich hatte zu der Zeit wegen meiner Probleme eine Therapeutin aufgesucht, die sich mit diesen Erinnerungen befasste, die von meinen Freundinnen kamen. Ich hasste es. Ich mochte meine Therapeutin wirklich, sie war eine wirklich
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nette Person, aber ich kam da herein und begann zu weinen. Ich war kurz davor, eine Erinnerung zu haben oder gerade ein Feeling zu haben, und sie sagte: "Lass uns eine Liste machen." Sie unterbrach mich. "Und das ist so, weil..." sagte sie gewöhnlich, und dann begann sie, mir das ganze Zeug zu erzählen. Es funktionierte einfach nicht; ich wusste, dass ich mehr tun musste. Ich wusste, sobald sie mich vom Weinen abhielt, würde ich mich schrecklich fühlen, und ich würde mich für den Rest des Tages schrecklich fühlen. Es gab keine Erleichterung. Es musste weitergehen.

Ich sagte: "Mam', ich brauche Hilfe, ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich kann nicht. Die Therapie wirkt nicht. Ich muss jemanden sehen." Ich hatte immer etwas von Primärtherapie gewusst, und ich fragte, ob sie noch die Bücher habe, und ich las ein Buch, und es war genau das, was ich brauchte. Ich wusste, ich musste zu diesen Erinnerungen zurückgehen, und ich wusste, ich musste mich mit ihnen wegen mir selbst befassen, nicht nur wegen meiner Freundinnen, so dass ich aufhören könnte, mir selbst weh zu tun und anfangen könnte, wieder mein Leben zu leben. Mein Leben war so lange unterbrochen.

PC: Was verursachte die Anorexie und Bulimie?

K: Erst einmal weiß jeder, der belästigt wurde, dass es dir die ganze Energie nimmt. Du hast keine Energie. Du verstehst nicht, was los ist; du fühlst dich schmutzig, du fühlst dich fett, du fühlst dich häßlich, du fühlst dich wertlos, du fühlst dich dumm. Es zerstört dich. Und in so einem jungen Alter hast du keine Rationalisierung für das, was vor sich geht. Deine Rationalisierung ist: "Ich muss schlecht sein, oder das würde mir nicht passieren. Ich kann mich nicht ändern. Ich muss das ändern können." In meinem ganzen Leben war ich die Miss "Glatte Eins"; ich war das perfekte kleine Mädchen, ich war gut in der Schule, und es war dieses ständige Bedürfnis, ein besserer Mensch zu sein. Wenn ich nicht perfekt war, dann tat es mir weh. Und wenn es nicht mein Fehler war, was geschah, dann war es der Fehler meiner Mam', oder es war sein Fehler, und ich kann es nicht ändern. Wenn ich mich ändern kann, gibt es Hoffnung. Die Rationalisierung für eine Fünfjährige ist: "Das Problem muss bei mir liegen. Der Fehler muss bei mir liegen, weil, wenn er es nicht tut, dann ist es hoffnungslos; ich kann es nicht ändern. Wenn der Fehler bei mir liegt, kann ich es besser machen, ich kann in der Schule besser werden, ich kann mich ändern und dünner werden, ich kann hübscher sein, ich kann dies sein, ich kann das sein." Wenn also so etwas Verrücktes und Fürchterliches und Erschreckendes mit dir passiert, strebst du danach, besser zu werden.

Ich wurde jeden Morgen belästigt, bevor ich zur Schule gebracht wurde. Meine Mutter lebte mit diesem Mensch zusammen; er war ihr Freund. Wir lebten mit ihm zusammen. Sie ging aufs College. Sie musste früher als ich gehen; meine Schule begann nicht vor 9 Uhr vormittags. Ich wachte auf, und er belästigte mich in der Regel. Das war sehr verstörend. Ich habe ernste Probleme mit der Morgenzeit im Allgemeinen; ich hasse den Morgen. Ich meine, jetzt nicht mehr. Jetzt genieße ich das
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Sonnenlicht am Morgen, aber ich wachte gewöhnlich auf und fühlte mich stundenlang schrecklich und deprimiert.

Wenn du die Situation ansiehst, ich wurde total missbraucht und ging dann zur Schule, wo ich fröhlich sein und Stoff bewältigen und mit diesen Leuten zusammen sein musste, und ich ging durch diese Hölle zuhause. So nahm er mich und belästigte mich, und ich war wach, und dann lass' uns was anziehen und frühstücken. Ich erinnere mich, dass meine Mam' mir keinen Zucker ließ. Einmal hatten wir wir diese Zucker-Zerealien.  Normalerweise ist ein Kind wie: "Zucker!" ,und es ist glücklich. Ich erinnere mich, wie ich über dieser Schüssel mit Smushbeeren oder dergleichen saß und mich nur übergeben wollte. Man erwartete, dass ich mit dieser täglichen Routine weitermachte, nach dem, was gerade geschehen war, und ich sitze über diesem Essen und ein Teil meiner Gefühle wollte sich übergeben, ein Teil sagte: "Was hat es für einen Zweck zu essen?" Es war hoffnungslos. "Was hat es für einen Sinn zu leben? Was hat es für einen Sinn, wenn ich weitermache?"

Nach dem, was gerade geschehen war, hatte ich kein Verlangen zu essen, und ich war so krank, und es war wie "igitt", wenn ich was aß; es war wie Sandpapier. Es ist, als könnte ich das Essen nicht mehr schmecken. Mir wird so, wie wenn ich mich übergebe. Ich schmecke nicht, was ich esse. Ich esse alles, was im Kühlschrank ist, Unmengen davon. Es ist so eine Art dieses Gefühl wiederzuerleben, zum Essen gezwungen werden, wenn du kein Verlangen danach hast. Du schmeckst das Essen nicht. Ich habe es in meinen Hals hinuntergeschoben und dann war mir schlecht. Und ich habe so viel gegessen, dass mir schlecht werden musste. Und an dem Punkt war ein Bissen zu viel, weil ich nicht hungrig war und mir schlecht war. Das ist definitiv eine starke Erinnerung, die ich durchmachen musste. Ich musste durch die Zerstörung durch von dem, was gerade geschah, und ich war nie wieder dieselbe, und ich hatte auch die Traurigkeit, den Verlust, die Verwirrung und den Wunsch, aus dem Haus zu laufen und zu schreien und meine Mutter anzurufen und zu weinen und das Essen auszukotzen.

Die größte Sache war die Bulimie, wie verstärkte Oralkopulation, die jeden zum Kotzen bringen würde. Das war eine Erinnerung, die mir später kam. Ich kam zu einer Sitzung, und ich hatte mich in dieser Phase oft übergeben, und ich hatte gerade gegessen und konnte das Essen in meinem Magen fühlen, und ich sagte meinem Therapeuten: "Ich muss mich übergeben. Ich sterbe gleich. Ich muss das aus mir herauskriegen. Ich sterbe. Ich muss. Es tut mir Leid." Ich unterbrach die Sitzung; ich muss das los werden, es macht mich verrückt. "Ich werde nicht fertig damit. Ich muss mich übergeben. Es ist ein so großer Zwang." Er sagte mir: "Geh mit, bleib dabei." Und ich fing gerade heftig zu würgen an und spürte ganz plötzlich diese Hand in meinem Nacken. Es hatte nichts
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mit Essen zu tun. Ich wurde gezwungen, etwas Fürchterliches zu schlucken. Es brachte mich zum Kotzen.

Wenn ich Nahrung bei mir behalte, kommen alle diese Gefühle hoch, alle diese Erinnerungen und alle Empfindungen, das Bedürfnis, diese Nahrung loszuwerden, so dass ich mich nicht damit befassen muss. Auf diese Weise muss ich mich nicht erinnern. Ich muss mich mit dieser Erinnerung nicht befassen. Die Erinnerung kommt nicht einmal hoch. Ich erschaffe die Situation neu, nur dieses Mal kann ich es loswerden. Ich übergebe mich. Indem ich dieses Essen an einem Tag bei mir behalten habe, hatte ich diese Erinnerung, die eine so große Szene war; sie veränderte mein Leben. Alles, was der Therapeut sagen musste, war "Geh mit." Mein Körper war richtig dort; er erlebte es bereits, reagierte auf diese Nahrung und auf das Gefühl zu essen, als wäre ich 5 gewesen.

Mein Körper war noch immer in dieser Zeitperiode gefangen, wo alle diese Emotionen ungefühlt blieben; sie wollten ganz verzweifelt freigesetzt werden. Das ist die Reaktion meines Körpers und deshalb war es so ein Zwang. Weil, wenn ich aß, aß ich zu viel, oder wenn ich in einem bestimmten Zustand war und aß, war ich genau wieder dort zurück. Die Leute haben zu mir gesagt: "Wie kannst du dir das antun? Es ist ekelhaft; du verletzt dich selbst." So denkst du nicht, wenn du das tust. Du denkst nicht über deinen Körper nach, denkst nicht an deine Zähne, du denkst: "Ich werde sterben, wenn ich es nicht tue. Ich rette mein Leben." Es verhinderte, dass der Schmerz hoch kam.

Mein Denken war nicht rational; es war denken wie diese 5-Jährige. Somit stehen deine Emotionen im Vordergrund und du sagst nicht: "Das ist schlecht für meine Zähne." Genau das ist Zwang. Da ist kein Platz für Rationalisierungen, es sei denn in der Richtung von: "Ich kann mich übergeben, weil ich einen Haufen Käse esse und es sowieso nicht gut für mich war." Du kannst so argumentieren. Jetzt habe ich ein paar meiner Kindheits-Schmerzen wiedererlebt, und ich habe mehr Kontakt zu meinem Körper. Ich kann sagen, wann ich hungrig bin und wann ich nicht hungrig bin, und wenn ich mich beim Essen erwische, wird es sein wie "K, du bist nicht hungrig, du musst jetzt nicht essen; du bist aufgeregt, weil du gerade in einen Streit mit deinem Vater geraten bist", oder was immer. Aber vorher konnte ich damit keinen Kontakt haben. Ich konnte damit keinen Kontakt haben, weil ich nicht klar dachte; Ich habe mein Wissen nicht eingesetzt. Ich war ein Opfer meiner Gefühle.

PC: Wie hilft es dir, wenn du es wiedererlebst?

K: Indem ich durch diese Dinge in meinem Leben gehe, diese Ereignisse, die nicht zu Ende gebracht wurden, und sie in einer sicheren Umgebung wiedererlebe und so reagiere, wie ich es nie konnte. Es war nicht sicher. Es war unmöglich. Indem ich es getan habe, war ich in der Lage zu erkennen, dass es nicht mein
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Fehler ist. Ich hatte keine Kontrolle über die Situation; das sind zwei wichtige Dinge, die ich erkannt habe. Als Kind dachte ich, es sei mein Fehler, und war total verwirrt. Indem ich es wiedererlebte, konnte ich mein Verhalten für mich selbst verstehen, weil, nachdem ich Dinge in einer Sitzung wiedererlebe, setze ich mich auf und es ist wie "Darum habe ich das getan, darum," es war wegen dieses Vorfalls, wo ich über diesen Zerealien sitze und 5 ½ bin und schreckliche Angst habe und dieses Gefühl habe. Deshalb esse ich, wenn ich nicht hungrig bin; deshalb fühle ich Zerstörung. Vorher war es ein unbewusstes Verhalten; jetzt ist es ein bewusstes Verhalten.

PC: Was waren die Gründe für diese Gefühle?

K: Sich hoffnungslos fühlen, sich gehasst fühlen, missbraucht werden, niemanden haben, mit dem man reden kann, nicht reagieren können, sich mit allem befassen müssen, was in mir los war. Das ganze Zeug, das sich abspielt, alles hinnehmen und sich damit befassen müssen, und du hast in diesem Alter nicht einmal die geistige Fähigkeit zu begreifen, was geschieht; du hast keine Ahnung. Und weil ich damit fertig werden musste, habe ich in meinem ganzen Leben nie um Hilfe gebeten, weil ich es nicht konnte. Ich habe bei einer Prüfung nie um Hilfe gebeten, habe bei nichts um Hilfe gebeten. So hatte ich in meinem ganzen Leben diese geheime Seite an mir, die mich zerstört, und es war dieses unbewusste Verhalten, das von all den Momenten gesteuert wurde, als ich Hilfe brauchte und niemand da war und ich nicht darum bitten konnte und nicht einmal wissen konnte, dass ich Hilfe brauchte. Ich wusste nicht, was passierte. Ich wusste nicht, was nicht stimmte.

Ich war bulimisch, ich glaube, weil ich dünn sein wollte. Und jetzt kommt es nur hoch, wenn ich in einem Film eine Vergewaltigungsszene gesehen habe oder in einer sexuellen Situation bin und mich unwohl fühle und nichts dagegen mache; ich halte es nicht auf. Ich muss den erzwungenen Oralsex wiedererleben, dann verschwindet der Drang. Alles, was diese alte Erinnerung auslöst, weckt in mir den Wunsch zu essen und mich zu übergeben; es ist nicht so, dass ich denke "Ich will dünn sein." Ich weiß, dass ich es wegen dieser oder jener Erinnerung tue, die hochkommt; ich weiß, da drin ist noch mehr Erinnerung.

Ich hatte so viele verdrängte Erinnerungen, dass mein Gehirn einfach eine Methode ersann, diesen Schmerz freizusetzen. Es geschah immer durch mein Essen und mein Hungern und Mich-Vollstopfen. Das wieder zu erleben hat mich somit mit dem verknüpft, was die Probleme wirklich sind. Wenn mich jetzt jemand nicht respektiert, weiß ich es. Ich kann sagen, dass sie es tun, und ich kann sagen "Ich mag das wirklich nicht, das ist nicht fair mir gegenüber, mir ist wirklich unwohl dabei, ich muss damit aufhören." Ich kann wütend werden.
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Es hat mir Kraft gegeben, dass ich durch das Wiedererleben dieser Erinnerungen die Vergangenheit mit der Gegenwart verbunden habe, es hat mir meine Macht zurückgegeben, und es hat mir ermöglicht zu wissen, was ich fühle und warum ich etwas tue, und warum ich den Drang habe, das zu tun, was ich tue, und worauf es sich bezieht und warum ich es in der Vergangenheit hatte und wie ich es jetzt beenden kann. Es hilft mir zu kommunizieren und zu wissen, wie ich mich fühle, in Einklang mit meinem Körper zu sein, zu wissen, wann ich hungrig bin und wann nicht. Alles in allem weiß ich mehr von mir selbst und meinem Körper. Das ist wirklich wichtig.
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KAPITEL 8

DURCHTRENNUNG UND DISSOZIATION: DAS SCHLEUSENSYSTEM DES GEHIRNS IN AKTION

Die Leute bezeichnen jemanden, der oder die gut angepasst ist, oft als "gut geerdet" oder "zentriert," oder sie sagen, dass er oder sie "alle beisammen" haben. Vielleicht wäre eine zutreffendere Beschreibung, dass so eine Person "verknüpft" ist, weil ein voll verknüpftes Gehirn genau das ist, was jemand wirklich hat, wenn er oder sie "alle beisammen" hat, und das ist absolut notwendig, wenn man echtes volles Bewusstsein erfahren will. Verknüpfung bedeutet, dass ein vollständiger operativer Fluss zwischen tieferen Gehirnebenen und nach oben existiert, und ebenso vom rechten präfrontalen Kortex zum linken.

Andererseits ist Neurose ein Zustand der Nicht-Verknüpfung; Systeme, die sich miteinander verbinden sollten, tun es einfach nicht. Das trifft auf Psychose doppelt zu, bei der Schmerz viel früher auftritt und viel tiefer ist als bei Neurose. Bei Psychose gibt es radikale Veränderungen in der Anordnung von Nervenzellen, so dass einige Neuronen in limbischen Strukturen auf dem Kopf stehen. Ein Trauma stört die Verbindung ziemlich auf dieselbe Weise, wie statische Elektrizität ein klares Telefongespräch stört: je mehr statische Elektrizität es gibt, umso schwerer fällt das Hören. Beim Gehirn ist das Geräusch umso stärker, je stärker das Trauma ist. Das Gehirn trennt den Schmerz jedes Traumas ab, das zu groß ist, als dass das Gehirn es ertragen könnte, legt ihn beiseite und schafft eine Einprägung, die Myriaden körperlicher und psychischer Gesundheitsprobleme entstehen lässt.

Wenn das Gehirn in der kritischen Periode ein Trauma erlitten hat, dann ist es für das Individuum um so schwieriger - und schmerzvoller - die Verknüpfung wieder herzustellen; man muss den Schmerz des Traumas in seiner ganzen ursprünglichen Intensität wiedererleben und fühlen. Ich sagte nicht "wieder-fühlen", weil dieser Teil der Erinnerung ursprünglich nicht voll erfahren wurde. Erinnern Sie sich bitte, dass ich zu Beginn dieses Werks behauptete, dass nur ein kleines Stück sehr früher Traumen erlebt (gefühlt) werden kann. Der Rest wird gespeichert, bis wir,
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unter der Voraussetzung einer förderlichen therapeutischen Umgebung wieder fühlen können. Was nicht gefühlt wurde, ist die Leidenskomponente, die mit der Erinnerung dieses Traumas weggeschlossen wurde. Leiden ist Teil der Erinnerung, der Gefühlsteil, der durch das Schleusensystem verdrängt wurde.

Es ist nicht möglich, durch einen leichten „Fühl-dich-gut“-Prozess wirklich gesund zu werden, der letztlich das Verkaufsargument ist, das hinter Meditation, Hypnose, Akupunktur und allen kognitiven Therapien steckt. Was sie anbieten, ist zeitweilige Linderung für das Leiden des Patienten, und für gewisse Zeit wenigstens wird der Patient sich besser fühlen. Aber nach Jahrzehnten der Arbeit auf dem Gebiet der klinischen Psychologie kann ich Ihnen sagen, dass es keine Besserung gibt, wenn der Patient in der Therapie nicht leidet. No pain, no gain. Kein Schmerz, kein Gewinn. Unsere Patienten haben ihn als Schmerz beschrieben, der nicht weh tut; in dem Augenblick, in dem man ihn fühlt, wandelt er sich in ein Feeling. Feelings sind natürlich.

Wen man von einem starken Gefühle dissoziiert ist, nenne ich das Nicht-Verknüpfung oder Durchtrennung der Verknüpfung: buchstäblich ein Durchtrennen der Bänder von tieferen Gehirnstrukturen zum präfrontalen Kortex und von der rechten Hemisphäre zur linken. Diese Durchtrennung resultiert aus der Schleusung, ein System innerhalb des Gehirns, das verhindert, dass Schmerz durchdringt. Wir sehen das in der Primärtherapie jeden Tag, weil Patienten, die der Verknüpfung nahe kommen, intensiven Schmerz fühlen, eine Verbindung von Einprägungen tieferer Ebenen mit dem vollen Bewusstsein. Wenn eingeprägte Erinnerung sich ins volle Bewusstsein einzuklinken beginnt, leidet die Person; sie erlebt genau dasselbe Maß an Qualen, das mit dem ursprünglichen Erlebnis auftrat - zum Beispiel dasselbe Muster der Vitalfunktionen. Die Reaktion des Patienten ist exakt; weder über- noch untermäßig. Wenn es darum geht, dass man bei der Geburt beinahe an Sauerstoffmangel gestorben wäre, ist das Leiden unbeschreiblich. Wir sehen die Rolle der Schleusung und Durchtrennung sofort. Wir sehen sie in hohem Blutdruck, beschleunigter Herzfrequenz und erhöhter Körpertemperatur.

Wenn Patienten einen Zustand erreichen, in dem sie dem Fühlen nahe sind, leiden sie; wirkliches Fühlen setzt dem Leiden ein Ende, auch wenn die zu fühlende Erfahrung Schmerz involviert. Dem Fühlen nahe bedeutet, dass die Leidenskomponente Eingang ins volle Bewusstsein findet, die Verbindung aber noch nicht hergestellt hat. Verknüpfter Schmerz ist kein Schmerz mehr; er ist Fühlen und er ist Bedürfnis. (Somit bewirkt das Fühlen des ursprünglichen Schmerzes in einem dialektischen Prozess, dass er sich in sein Gegenteil verwandelt. Wenn man ihn nicht fühlt, bleibt der Schmerz intakt.) Wenn das Feeling vom Hinstamm aufwärts durch die rechte Seite des Gehirns seinen Weg zum orbito-frontalen Bereich geht, gewinnt es an Kraft, was schließlich dazu führt, dass es sich der Kontrolle der linken Seite "entzieht." Nachdem das geschehen ist, eilt es zu seinem Gegenstück auf der linken Seite, um die Verknüpfung herzustellen. Der Kraftzuwachs ist auf den Verstärkungsprozess zurückzuführen - das prototypische Ereignis, über das sich postnatale Säuglings-, Kleinkind- und Kindheitstraumen schichten. Wie der Neurobiologe Dr. David
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Goodman es ausdrückt: "Die Primärtherapie hält die Zügel des Vergangenheits-Schmerzes, der uns steuert, in ihrer Hand." Es gibt ein neues vereinigtes Kommando. Es gibt keine Hippokampus-/Amygdala-Turbulenzen mehr unter der Oberfläche, die uns krank machen.

Gefühle sind dazu bestimmt, dass sie der Evolution folgen, sich in Richtung präfrontal-kortikaler Verknüpfung und Integration bewegen. Gefühle scheinen immer zu versuchen, aus der Falle des Unbewussten zu entkommen, als würde das System erkennen, dass Unbewusstheit letztlich eine Gefahr und kein natürlicher Zustand ist. Gefühle sind ein Anpassungssystem; sie helfen uns, aus einem Gewirr von Input zu selektieren, was wichtig ist und worum man sich kümmern muss. Sie sagen uns, was sachdienlich und relevant ist und was man vernachlässigen kann. Der Besessene kann nicht "vernachlässigen." Er muss sich Dingen zuwenden, denen er sich nicht zuwenden sollte, und wenn er zu tiefen Gefühlen gelangt, hört die Besessenheit auf. Joseph LeDoux glaubt, das emotionale Systeme in der Evolution für Anpassungszwecke erhalten blieben. Gute und schlechte Gefühle helfen uns, dass wir uns entweder auf Stimuli zu- oder von ihnen wegbewegen. Oft wählen wir eine Therapie, die uns gut fühlen lässt, und meiden eine, die Schmerz hervorruft. Unsere Therapie wählen Leute, die bereits Schmerz leiden und ihn die ganze Zeit fühlen.

Es ist nicht möglich, durch einen leichten „Fühl-dich-gut“-Prozess wirklich gesund zu werden, der letztlich das Verkaufsargument ist, das hinter Meditation, Hypnose, Akupunktur und allen kognitiven Therapien steckt.



Jedes System strebt nach Bewusstsein, weil Bewusstsein Überleben bedeutet. Es sind hier zwei Dynamiken in Aktion. Eine ist die Tendenz zum Bewusstsein, und die zweite ist die Tendenz zur Durchtrennung/Unbewusstsein, wenn das Bewusstsein des Schmerzes überwältigend zu werden droht. Wir müssen bewusst sein, aber nicht so bewusst, dass das System, besonders das denkende/navigierende System, in Gefahr ist. Wir müssen uns sowohl der inneren als auch äußeren Gefahr bewusst sein.

DIE EVOLUTION DER GEFÜHLE

Das limbische System ist im Alter von 3 Jahren ziemlich gut entwickelt, wenn der orbitofrontale Kortex online geht und Gefühle auf einer höheren Ebene repräsentiert. Es ist die Zeit, wenn wir anfangen, Sprache zu gebrauchen, um unsere Gefühle zu beschreiben. Wir haben
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in diesem Alter bereits eine ganze Lebenszeit an emotionalen Erfahrungen in unser System versiegelt. Hier schaffen wir die Grundlagen dafür, in unseren Köpfen zu leben anstatt in unseren Gefühlen; wir verlieren den Kontakt mit unseren Instinkten und Körpern. Unsere physischen Körper sind nicht gut koordiniert, und wir werden linkisch. Wir sind im Sport nicht gut, aber besser bei abstrakten intellektuellen Beschäftigungen. Nicht gut in feiner Auge-Hand-Koordination, aber besser in Philosophie. Es ist der rudimentäre Beginn einer Flucht, die von unserer Innenwelt weg und zur Außenwelt hinführt. Es ist klar, warum so viele Intellektuelle beim Sport unkoordiniert sind. Und wie ich anderswo aus der Studie des London Institute of Psychiatry zitiere, folgen uns die Grundmerkmale, die wir im Alter von 3 Jahren entwickeln, durchs ganze Leben.

Das traumatisierte Gehirn hat andere kognitive Fähigkeiten. Es ist nicht so, dass ein Trauma allein das Gehirn beeinträchtigt; vielmehr ist es angehäufter Liebesmangel, der dazu führt. Wenn wir in Betracht ziehen, dass das rechte emotionale/limbische Gehirn in den ersten Jahren, wenn Berührung und Liebe absolut entscheidend sind, sich in einer Phase beschleunigten Wachstums befindet, ist es klar, dass es lebenslange Folgen für unsere Emotionen hat, wenn diese fehlen. Das trifft insofern besonders zu, als das rechte Gehirn mit der linken intellektuellen Seite in Beziehung steht und diese informiert. Zum Ende des zweiten Lebensjahres  kommt es auf der linken Seite des frontalen Gehirnbereiches zu einem Wachstumssprung.

Die Verdrängungskraft entspricht der Kraft des Traumas und setzt das System die ganze Zeit unter hohen Druck.



Wenn Einprägungen einer tieferen Ebene keine Informationen zu höheren Ebenen senden können, ist die Kommunikation schlecht und die Verbindung wird schwierig. Auf eine ziemlich bildliche und oft buchstäbliche Art und Weise trifft zu, dass Neuronen, die nach außen und oben wachsen sollten, um Kontakte herzustellen, dies nicht tun. Es gibt weniger synaptische Verknüpfungen und weniger Dendriten, und das Ergebnis ist ein Zurückziehen oder Schrumpfen von Neuronen, das auf Traumen zurückzuführen ist. Das Gehirn, das "weiß," dass Verknüpfung überwältigend ist, scheint sich einzuschränken und zieht seine Nervenfasern zurück, so dass sie nicht ankoppeln können. Die Distanz zwischen Erfahrung und ihrer Bewusstheit wird größer, und wir haben einen größeren "Janovschen Spalt."

Mangelnde Verknüpfung und/oder mangelnde Integration bedeutet letztlich Zerstückelung psychischer und körperlicher Systeme. Wenn die Energie des frühen Traumas stark genug ist, breitet es sich umfassend aus, und die Symptome sind schwerwiegender. Wenn der Schmerz früh eingetreten und katastrophal ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er zu Symptomen führt,
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die gleichermaßen katastrophal sind. Der Grund dafür ist, dass die Verdrängungskraft der Kraft des Traumas entspricht und das System die ganze Zeit unter hohen Druck setzt. Wenn also das Trauma lebensbedrohlich war, kann es zu Krankheiten führen, die lebensbedrohlich sein werden. Um dem ein Ende zu setzen, brauchen wir Verknüpfung.

Wir verstehen, dass jeder übermäßige Input, sei es Kälte, Wind oder Hitze, Schmerz bereitet. Wenn ein Gefühl erlebt wird, wird es seiner Qualen beraubt und wird einfach zu einer Erinnerung. Das kommt daher, weil das, was man in der Therapie zum ersten Mal erlebt hat, der Agonie-Anteil des Feelings war. Der ist jetzt in das System integriert. Die schwerste Agonie liegt auf der ersten Linie. Wenn wir den Schmerz nicht ‚in voller Blüte' erleben, müssen wir uns offensichtlich Kompensationmechanismen (als Ausagieren bekannt) aneignen, um ihn - vielleicht mit Medikamenten - zurückzuhalten. Das ist der Preis, den wir für das Nicht-Fühlen zahlen. In einigen Fällen benutzen wir Medikamente paradoxerweise als Mittel, um zum Schmerz zu gelangen, nicht um ihn zu vermeiden - um die Kraft der Leidenskomponente auf kleine Gefühlsbrocken in Häppchen-Größe zu reduzieren. Deshalb kann es in der Primärtherapie keine Eile geben; das System lässt jeweils nur ein gewisses Maß an Integration zu. Medikamente verwendet man, um den Zugang zu ermöglichen und nicht, um ihn zu verhindern. Ich möchte mich klar ausdrücken: Wenn ein Feeling überwältigend ist, wie das Gefühl totaler Verlassenheit oder das Schreckensgefühl, wenn man eine Kindheit mit einem gewalttätigen, betrunkenen Vater durchlebt hat, kann man nur ein kleines Stückchen des Feelings erleben. Wir benutzen Tranquilizer wie Prozac und Zoloft ( die Serotonin-Förderer), um den Schmerz zu mäßigen, so dass man einen Teil davon fühlen kann. Das Problem ist, dass jede gegenwärtige Situation, wie z.B. ein tyrannischer Chef, den gesamten frühen Terror wiedererwecken kann, und das Ergebnis ist schreckliche Angst. Die Angst ist reiner Terror, der so katastrophal ist, das man ihn nur global - systemweit - als Angst fühlen  kann,  und nicht als spezifischen Terror vom Lebensanfang, wie zum Beispiel das Geburtstrauma.

Eine Patientin musste vor der Klasse eine Rede halten. Sie hatte überwältigende Angst, und sie stammelte und stotterte. Sie "wusste," sie würde es falsch machen. Wir nahmen die Rede-Situation und die damit verbundenen Gefühle und halfen ihr in ihre Vergangenheit, wo sie von ihrer Mutter ständig kritisiert wurde. Ihre Mutter ließ sie fühlen, sie sei im Unrecht, obwohl es ihre Schwester war, die nicht gehorchte. Von dort ging sie zu der Steißgeburt zurück, bei der alles schiefgelaufen zu sein schien. Eingraviert wurde eine Empfindung oder eine Vorahnung, das alles schiefgehen würde. Später im Leben nahm es eine Bedeutung an: "Es wird schiefgehen."

Nichts am menschlichen System ist launenhaft; die Kürzung oder Straffung von Neuronen gibt es, weil sie eine biologische Funktion hat. Wenn ein frühes Trauma existiert, gibt es auch Neuronen-Straffung (eine radikale Eliminierung) in der Amygdala und
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im orbitofrontalen Kortex, so dass die Verknüpfungen zwischen ihnen weniger robust sind, was Bestandteil des Abwehrsystems ist. Was Straffung in unserem Schema wirklich bedeutet, ist, dass Schmerz aufgrund von Liebesmangel und/oder aufgrund eines Traumas das Gehirn veranlasst, seine Kräfte dort anzuhäufen, wo sie gebraucht werden, und dort zu kürzen oder straffen, wo sie weniger nötig sind. Die Gehirnstruktur verändert sich! Als Ergebnis haben wir ein Gehirn, das aus dem Gleichgewicht geraten ist, ein Gehirn mit weniger kortikaler Kontrolle über Impulse und verringertem Informationsfluss von unten nach oben. Traumen neigen auch dazu, die Rechts-Links-Schaltkreise im Corpus callosum auszudünnen, so dass Verknüpfung viel schwieriger wird. Es ist ziemlich dasselbe, als würde man eine vierspurige Autobahn auf eine einzige Spur reduzieren - der durchlaufende Informationsfluss verringert sich.

Verknüpfung normalisiert jeden Aspekt unseres Seins. Das System ist in Harmonie. In der kognitiven Therapie kann es große Disharmonie geben zwischen dem, was wir fühlen und dem, was wir denken. Zu oft geht die Anstrengung dahin, neu zu arrangieren, was man  über die Gefühle denkt , und das Ergebnis ist mangelnde Harmonie, besonders wenn man weiß, wie beschaffen diese Gefühle sind. Verknüpfung bedeutet ein Fließen zwischen Gefühlen, die dem tieferen Gehirn entstammen, und dem frontalen Kortex auf höherer Ebene, wo Gedanken stattfinden; genauer noch vom rechten Frontalbereich zum linken. Ich habe nie gesehen, dass der Begriff der Verknüpfung in der Kognitions- oder Einsichts-Therapie diskutiert wurde, obwohl er das wesentliche Element der Heilung ist. Wenn unsere Patienten in Sitzungen beginnen, sich tiefen Gefühlen zu nähern, steigt der Herzschlag auf ein gefährlich hohes Niveau. Diese Werte fallen nach der Verknüpfung steil ab. Die Frage, die jeder Psychotherapeut beantworten muss, lautet: "Warum geschieht das?" Es weist wieder auf die Tatsache hin, dass eingeprägte Feelings gefährlich sein können und das Gehirnsystem mobilisieren, um der Bedrohung zu begegnen, als würde es sich um ein Virus handeln.

DER RECHTE OBFK: WÄCHTER ÜBER DIE VERBINDUNG ZU UNSERER GESCHICHTE

Wo also ist das Schwarze, das Ziel, das tiefere Zentren des Gehirns anvisieren müssen, damit richtige Verknüpfung zustande kommt? Es ist der rechte orbitofrontale Kortex (OBFK), eine Schlüsselstruktur, die einem Menschen ermöglicht, volles Bewusstsein zu erleben (das heißt, volles Bewusstsein von Schmerzgefühlen zu haben, deren Kraft zu stark war, als dass man sie hätte fühlen können). Der OBFK, der Teil des Neokortex, der direkt hinter den Augenhöhlen liegt, erreicht zwischen dem 18ten und 24sten Lebensmonat eine gewisse Reife. Der rechte OBFK erhält auf der rechten Gehirnseite Gefühlsinformationen und hilft, sie zu verschlüsseln; er unterstützt die Gefühlskontrolle und ist vor allem daran beteiligt, Gefühlsinformationen wiederzufinden und sie in den linken OBFK zu integrieren. Das ist eine große Aufgabe. Dank dem rechten
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OBFK können wir wissen, was wir fühlen, und fühlen, was wir wissen - wenn er nur den linken präfrontalen Kortex darüber informiert, was er weiß und fühlt. Der linke präfrontale Bereich filtert und reguliert sensorischen Input sowohl von außen als auch von innen. Oft lässt er die Emigration von der rechten Seite nicht zu, die wie ein unerwünschter Alien behandelt werden kann.

Wenn wir volles Bewusstsein wiedergewinnen wollen, müssen wir die orbitofrontale Kortexkarte benutzen, um das nonverbale Gehirn, den rechten limbischen Bereich und den Hirnstamm zu durchsuchen, so dass wir die entferntesten und ältesten Erinnerungen wieder aufspüren können.


Der orbitofrontale Kortex stellt eine Karte unserer inneren Lebensgeschichte bereit und registriert Informationen von weiter unten, von präverbalen Erinnerungen, und liefert dann ein Kodiersystem höherer Ebene, das dem Feeling einen Namen gibt. Es ist wie ein GPS (globales Positioniersystem), dass uns ständig informiert, wer wir sind, wo wir sind und wohin wir gehen. Diese Karte wird in einer neurobiochemischen Sprache verfasst. Ihre Kennfrequenz wird auch verzeichnet. Ein Schlüssel, wie wir Informationen speichern, besteht aus bestimmten Frequenzen, die dann mit höheren Frequenzen resonieren und die Herstellung der Verbindung unterstützen. Es kann sein, dass eingeprägte Gefühle "wissen", dass sie Freunde in höheren Kreisen haben und ihre Bekanntschaft machen müssen. Wichtig am OBFK ist, dass er Repräsentationen aus der Tiefe des Gehirns enthält. Auf diese Weise sind wir uns unseres Innenlebens bewusst, ein Leben, das mit Worten nichts zu tun hat. Wenn ich sage, wir sind uns bewusst, bedeutet das, dass die Information im rechten OBFK zum linken geleitet wird, und genau dort werden wir uns bewusst.

Weil der OBFK eine Karte unserer inneren Umwelt bereitstellt, kann man dort frühesten Missbrauch und Liebesmangel verschlüsselt vorfinden. Weil die rechte Seite sich vor der linken entwickelt, sind viele unserer Erfahrungen auf Leben und Tod im Mutterleib oder bei der Geburt hier verzeichnet. Das macht das Wiederaufspüren durch eine auf das Linkshirn ausgerichtete Therapie (Kognition) nahezu unmöglich. Wenn wir volles Bewusstsein wiedergewinnen wollen, müssen wir die orbitofrontale Kortexkarte benutzen, um das nonverbale Gehirn, den rechten limbischen Bereich und den Hirnstamm zu durchsuchen, so dass wir die entferntesten und ältesten Erinnerungen wieder aufspüren können. Verdrängung und Schleusung verhindern das Wiederaufspüren; dieser repressive Prozess verbraucht kontinuierlich Energie. Wir sehen das bei Depression, wenn es zu einer Art Herzschwere kommt; mühsames Atmen; und mühsame, schwerfällige Bewegungen. Auch
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dadurch erkennen wir, dass Depression schwere Verdrängung involviert; die Energie wird im Dienste der Unterdrückung von Gefühlserinnerungen verbraucht.

Im Großen und Ganzen ist "Bewusstheit" linkes Gehirn, aber das bedeutet nicht unbedingt Sprache. Volles Bewusstsein ist harmonische Zusammenarbeit zwischen rechtem und linkem Gehirn. Nebenbei bemerkt ergab eine Studie zweier Psychologen an der UCLA, Eisenberger und Liberman, dass Leute, die weniger Unbehagen erlebten, mehr präfrontale Kortexaktivität aufwiesen.1 Wieder sehen wir, dass höhere Zentren fähig sind, tiefere Zentren zu unterdrücken und zu beruhigen. Sie fanden auch heraus, dass körperlicher und emotionaler Schmerz dieselben Bahnen im Gehirn benutzen. Kurz gesagt: Schmerz ist Schmerz, ganz gleich, woher er kommt; emotionaler Schmerz ist körperlich. Er ist nicht nur in unserer Psyche, nicht nur psychologisch, und kann nicht allein auf der psychologischen Ebene behandelt werden.

Wir wissen, was geschieht, wenn es in einer Sitzung zu Bewusstheit ohne Verknüpfung kommt - als "Abreaktion" bekannt. Die Vitalwerte steigen und fallen auf sporadische Weise und liegen selten unter den Ausgangswerten. Oft geschieht das in den Pseudo-Primärtherapien, wo man den Patienten sagt, was sie fühlen und wie sie sich fühlen sollen. Hier bewegen sich die Vitalwerte überhaupt nicht. Deshalb messen wir die Vitalwerte vor und nach jeder Sitzung. Wir maßen die Werte eines neuen Patienten, der Pseudo-Primärtherapie gemacht hatte. Er ging durch frühe Gefühle, die real aussahen. Seine Vitalfunktionen änderten sich nie, und das deutete auf Energiefreisetzung hin aber nicht auf Verknüpfung. Solange keine Verknüpfung zustande kommt und keine Verlagerung der Gehirnprozesse von rechts nach links, gibt es keine entsprechenden Veränderungen der Physiologie.

Das darf man nicht mit angemessenen Emotionen verwechseln, mit denen jemand Wut über eine Ungerechtigkeit oder Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen ausdrückt. Das sind angemessene Gefühle, keine neurotischen.

Das rechte limbische Gehirn und der Hirnstamm sind für einen Großteil unserer Erregung verantwortlich, während das linke Gehirn beruhigend wirkt. Wenn es zu übermäßiger Erregung kommt aufgrund unbefriedigter Bedürfnisse und Erinnerungen, die im Hirnstamm und limbischen System gespeichert sind, kann der linke orbitofrontale Kortex dabei helfen, diese Erregung zu dämpfen und ein falsches Gefühl von Ruhe erzeugen. Das ist ein Schlüsselelement der kognitiven Therapie. Wie ich aufgezeigt habe, war ein Grund für die Entwicklung des linken Gehirns tatsächlich der, den Verdrängungsprozess zu unterstützen;  Schmerz ausreichend in Schach zu halten, so dass wir im Alltagsleben funktionieren können.

Der orbitofrontale Kortex kann auch die Erregung hemmen oder dämpfen, die auf Anordnung des Hypothalamus zur Hypersekretion von Stresshormonen führt. Wenn der OBFK angemessen entwickelt und verknüpft ist, kann er Aggressionsimpulse blockieren und Terror kontrollieren. Man hat gezeigt, dass Mörder eine geringere Aktivierung des OBFK aufweisen, wenn ihnen bestimmte
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Aufgaben vorgelegt wurden, und deshalb weniger Kontrolle haben. Das trift auch auf diejenigen zu, die unter Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) leiden. Das ADS-Syndrom deutet im Allgemeinen auf eine Schwächung des linken/rechten präfontalen Gehirns hin. Alle diese vergrabenen Gefühlseinprägungen sind wie die Horden, die über den Graben (das Corpus callosum) gelangen wollen, um nach Hause zu kommen; aber über Nacht hat jemand an der Autobahn gearbeitet und die Spuren beträchtlich eingeengt. Jetzt gibt es einen Stau, und es wird schwierig, sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren, wenn der ganze "Lärm" im Gange ist; der ganze frühe Schmerz balgt sich um Aufmerksamkeit. Alle Gefühle bündeln sich und versuchen gemeinsam durchzukommen. Solange es keine Verknüpfung gibt, wird es immer diesen Lärm geben, weil der Lärm aus diesen unverknüpften Gefühlen besteht.

Ich habe den orbitofrontalen Kortex mit einem Bagger verglichen, der hinabgreift und den Schutt von unten hochbringt. Was er zu Tage bringt, ist oft nicht hübsch - ein vergessener Inzest zum Beispiel, oder die Hoffnungslosigkeit, von den Eltern jemals Liebe zu bekommen; ein enormes Trauma, das wir jeden Tag in unseren Patienten sehen. Wenn wir alte Erinnerungen wieder aufspüren und mit dem rechten OBFK beginnen, "leuchtet" die ganze rechte Seite bis hinab zu Amygdala und Hirnstamm "auf" und wird aktiviert.

Wenn die Verknüpfung zustande gekommen ist, haben Gefühle ein Zuhause gefunden, und das System kann ausruhen. Die Person muss sich nicht mehr mit intensivem Händewaschen abgeben, weil sie sich unbewusst "schmutzig" fühlt. Denken Sie daran, dass die höheren präfrontalen Regulationssysteme Verbindungen zu den Bereichen des Hirnstamms bzw. limbischen Systems haben, wobei Informationen in beide Richtungen fließen. Wir können unser Gefühle fühlen und wir können sie blockieren, wenn sie zu schmerzhaft sind. Wenn der präfrontale Kortex schwächer ist und mit Input nicht gut fertig werden kann, haben wir von der Amygdala gesteuerte Gefühle, die sich direkt auf unsere höheren Zentren auswirken und uns möglicherweise zu unaufhörlicher geistiger Aktivität treiben. Wenn es je ein universelles Leiden gäbe, wäre es diese unaufhörliche Aktivität. Leute können nicht stillsitzen und entspannen. Bewegung als Einprägung kann bei der Geburt der Weg ins Leben gewesen sein, und sie ist es jetzt als Erinnerung.

Meiner Erfahrung nach ist die Unwirklichkeit des Glaubenssystems umso größer, je weiter der Spalt zwischen tiefem Fühlen und Bewusstheit ist; je entfernter das Feeling ist, umso entrückter ist das Glaubenssystem und umso hartnäckiger hat es uns im Griff. Wir hatten eine Patientin am Primal Center, die auf Aliens fixiert war, die von einem anderen Planeten gekommen waren, um sie zu attackieren. Nach vielen weniger starken Gefühlen fühlte sie schließlich, was diese Aliens wirklich waren - ihre entfremdeten Gefühle; unbekannter Schrecken, den sie in angreifende Aliens umwandelte. Sie musste ihre Furcht rechtfertigen oder rationalisieren. Weil sie so monumental war, entschwebte ihr Glaube in bizarre Sphären.
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VERRÜCKTE GEDANKEN

Sobald Gefühle vom vollen Bewusstsein abgeblockt sind, kann jedes Glaubenssystem den Ansprüchen genügen. Es ist gleich, wie exotisch der Glaube ist; er wird angenommen, wenn er dazu dient, symbolisch alte Bedürfnisse zu erfüllen. Die Flugbahn des Glaubenssystems beginnt tief im Hirnstamm und in alten Teilen des limbischen Systems, wo verheerende Einprägungen gespeichert werden. Der Druck/die Energie bewegt sich aufwärts zu kortikalen Zentren und vorwärts zum orbitofrontalen Kortex.

Der rechte OBFK tut sein Bestes, um den Druck aufzufangen, aber ein Teil entkommt und bewegt sich auf sein Endziel zu: die linke präfrontale Zone. Aber weil das Bedürfnis/Gefühl partiell blockiert wird, kann der tatsächliche Kontext des Schmerzes nicht verknüpft werden. Das Ergebnis ist ein vager Druck durch die Gefühle auf der linken Seite. Sie heckt dann Gedanken über diese Bedürfnisse/Schmerzen aus: "Gott wacht über mich und beschützt mich." Diese Gedanken sind Hüllen für den Schmerz, die für symbolische Erfüllung sorgen. Aus diesem Grund bleibt die genaue Natur des Bedürfnisses/Schmerzes unbekannt. Aber wenn wir die Hülle abstreifen, steigt der Schmerz sofort an die Oberfläche. Der Symbolismus fließt ein, bevor der Schmerz bewusst werden kann. Seine Funktion ist Abwehr, und deshalb kann er "weit daneben" liegen. Es bedeutet, dass man sich mit einer geheimnisvollen inneren Wirklichkeit befasst, ohne zu wissen, was diese innere Wirklichkeit ist. Je tiefer und mächtiger der Schmerz/das Bedürfnis ist, desto abstrakter und abstruser ist die Gedankenbildung und der Glaube. Die Gedanken mögen verrückt sein, aber die Gefühle sind es nicht. Wenn man die Gedanken oder Vorstellungen anzweifelt, verteidigt die Person sie fortlaufend mit einer Rationalisierung nach der anderen - alle dienen dazu, die Realität in Schach zu halten.

Eine Studie von Forschern an der UCLA, Princeton, und am University College, London, über die im Magazin Science berichtet wurde, ergab, dass der Glaube an ein Placebo Gehirnschaltkreise ändert, besonders diejenigen Schaltkreise, die Schmerz verarbeiten und seine Intensität vermindern.2 Eine Studie, über die in der Science News (2005) berichtet wurde, fand heraus, dass allein der Gedanke, dass man eine Behandlung bekommt, ausreicht, dass jemand sich besser fühlt. Wenn man Versuchspersonen neutrale Pillen gab, ihnen aber sagte, es seien Schmerztöter, ergaben sich genau solche Veränderungen im Gehirn, als ob sie wirkliche Schmerztöter erhalten hätten. Es kam zu einem signifikanten Anstieg in der Absonderung von Endorphinen - den schmerztötenden Substanzen in unseren Gehirnen.3 Deshalb fühlen sich Patienten in konventioneller Einsichtstherapie besser und bilden sich ein, sie seien auf dem Weg der Besserung. Tatsache ist, dass sie sich wirklich besser fühlen, und das ist der Grund, warum fast jede Therapie abhängig macht. Es ist identisch damit, dass man zu einem Arzt geht, um eine Morphinspritze zu bekommen (Endorphin ist en Analogon zu Morphin). Das Wundervolle daran ist, dass die Injektion schmerzlos ist und ohne Zuhilfenahme einer Nadel ausgeführt wird. Ein freundlicher, aufmerksamer Blick eines Therapeuten, und schon ergießt sich ein Morphinstrahl
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im Gehirn. Stillschweigend inbegriffen ist die Erwartung, dass der Arzt dafür sorgen wird, dass Sie sich besser fühlen, und natürlich tun Sie das. Sie glauben, die Therapie habe es getan, aber tatsächlich hat der Gedanke, was die Therapie leisten kann, es zustande gebracht. Im Gegensatz dazu ist das, was wir in unserer Therapie anbieten, Schmerz - nicht als Endzweck, sondern als Notwendigkeit, um gesund zu werden.

Die Science News (2005) dikutierte, was positves Denken bewirkt. Man fand heraus, dass viele derselben Areale des Gehirns, die auf Schmerz reagieren, auch auf die bloße Erwartung von Schmerz reagieren.4 Das Ergebnis der Studie war, dass die Erwartung von weniger Schmerz (dass die Therapie Ihnen helfen wird) genauso viel Erleichterung brachte wie weniger Schmerz. Anders gesagt hängt, wie wir auf Schmerz reagieren, zum großen Teil davon ab, wie wir über ihn denken. Placebos wirken auf dieselben Bereiche, die Schmerz verarbeiten. So muss in einer kognitiven Therapie, die die Art verändert, wie man Schmerz wahrnimmt, zwangsweise eine verminderte Reaktion auf ihn erfolgen. So kann man den Schmerz der Kindheit unterdrücken, indem man eine andere Perspektive annimmt.

Placebo-Reaktionen sind ein gutes Beispiel für Verleugnung. Durch die Gedanken und Vorstellungen eines anderen können wir so weit von uns selbst entfernt werden, dass wir ein quälendes Erlebnis völlig verleugnen. Das ist nicht nur bei kognitiver Therapie der Fall; es gibt wieder, wie einige von uns aufwachsen, - in einer Art von kognitivem Milieu. Wir verleugnen Schmerz und machen mit dem Leben weiter. Qual zu verleugnen ist nicht dasselbe wie aus ihr heraus zu sein. Man glaubt - glaubt an Heilung - und dann ergibt sich wirkliche Heilung.

Was wir besonders in neuen Studien immer wieder sehen, ist, wie Glaube die Schmerzerfahrung mindern kann. Wenn jemand Drogen oder Alkohol aufgibt und neue Glaubensüberzeugungen annimmt, stellt sich das Gehirn so darauf ein, als ob die Person noch auf Drogen wäre.

Nach einer Gallup-Umfrage, die 1.200 Amerikaner einbezog, glaubte einer von vier an Geister. Einer von sechs hatte Kontakt mit einem Verstorbenen gehabt und einer von vier gab an, telepathisch zu kommunizieren. Einer von zehn behauptete, einen Geist gesehen zu haben oder die Gegenwart eines Geistes erlebt zu haben. Einer von sieben sagte, ein UFO gesehen zu haben. Einer von vier glaubte an Astrologie und 50 Prozent glaubten an übersinnliche Wahrnehmung.5 In einer anderen Erhebung (Harris) glaubten nur 22 Prozent der Amerikaner, dass wir uns aus früheren Spezies entwickelten. 54 Prozent dachten, dass wir uns nicht aus früheren Arten entwickelten. 48 Prozent glaubten, dass Darwins Evolutions-Theorie nicht korrekt sei. Zwei Drittel der Population glaubten, dass Menschen von Gott erschaffen wurden.6

Anzahl und Art von Glaubenssystemen sind grenzenlos. Solange Glaubensvorstellungen nicht in einem selbst und in den eigenen Gefühlen verankert sind, können sie abheben und
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alle Arten selbstbetrügerischer Auffassungen einschließen. Wenn der präfrontale Kortex von anderen Aspekten der Erinnerung abgetrennt ist (Nicht-Verknüpfung), kann er in die Stratosphäre der Selbsttäuschung entschweben, ohne dass ihm Grenzen gesetzt sind. Das trifft auf die Intelligentesten von uns zu, einschließlich Wissenschaftler, die, obgleich diszipliniert auf ihrem Feld, wenn sie einmal von ihren Gefühlen abgetrennt sind, an die irrationalsten Philosophien und Psychotherapien glauben können, an Methoden, die kein Körnchen eines Beweises an sich haben. Jede Überzeugung ist möglich, wenn sie aus den Gefühlsangeln gehoben worden ist, und Intelligenz hat nichts damit zu tun.

Dr. Martin Teicher bestätigt eine starke Verbindung zwischen Trauma und Gehirn-Schwächung: "Man geht davon aus, dass harte Bestrafung, Herabsetzung und Vernachlässigung eine Kaskade chemischer Substanzen freisetzen, die eine dauerhafte Wirkung auf die Signale erzeugen, die Gehirnzellen untereinander zusenden." Wenn es aufgrund von frühem Liebesentzug weniger Dendriten gibt, ist die Kommunikation zwischen tieferen Gehirnzentren und höheren Kontrollbereichen geschwächt. Später werden wir diese Durchtrennung zwischen tiefen Gefühlen einerseits und der "bewussten" Realität der Gedanken und der Glaubensvorstellungen und des Verhaltens andererseits genauer erörtern; letztere werden vielleicht von ersteren geformt, ohne dass die Person je weiß, was sie "steuert."

Man verstrickt sich leicht in ein bindendes Gedankennetz - je labyrinthischer umso besser-  und von daher erklärt sich die Anziehungskraft der Einsichtstherapie. Man ist jetzt Gefangener dieser Glaubensvorstellungen und geht diese Sklaverei bereitwillig ein, weil diese Sklaverei auch eine wichtige Abwehr ist. Sollte der Faschismus jemals nach Amerika kommen, käme er zweifellos durch Volkswahl, nicht durch autokratisches Edikt. Frohen Herzens würden wir in kritiklosen Gehorsam gegenüber dem Führer schlüpfen, denn es würde uns der Notwendigkeit entbinden, für uns selbst zu denken. Er würde uns vor dem Bösen "da draußen" beschützen. Es erinnert mich an Leute, die in Stahlkäfigen nach Haien tauchen. Sie haben keine Bewegungsfreiheit, aber es ist Tatsache, dass die Haie nicht zu ihnen gelangen können. Ihr Stahlkäfig ist ihre Abwehr und ihr Gefängnis. Chemische Gefängnisse sind genauso stark wie stählerne. Sie lassen nur wenige Verhaltensalternativen zu. Glaubensvorstellungen sind das psychische Äquivalent der Verdrängung. Wir können den Fluss umleiten, aber wir werden die vulkanische Aktivität nicht ändern. Wir können die Explosion mit Gedanken zudecken, aber es besteht immer die Gefahr einer weiteren Eruption; manchmal geschieht es in der Form eines Anfalls, ein anderes Mal findet man sie, wenn jemand von einer plötzlichen Erkenntnis besessen ist - Gott finden und wieder geboren werden.

Der Patient, den ich an früherer Stelle erwähnte, der gerade dabei war, den schrecklichen Inzest-Schmerz zu erleben, sah, wie Gott seine Hand herabreichte, um ihn zu beschützen (und ihn aus dem Feeling herauszunehmen). Er wurde vor sich selbst gerettet. Vor seinen Erlebnissen und Gefühlen. Er wurde von der Gottesidee gerettet, es sei denn, wir glauben wirklich,
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dass jemand da oben zuhörte und wirklich seine Hand herabreichte. Die Idee oder Vorstellung drängte sich in seine Bewusstheit, um die Qual zu beenden. Er wurde sich ihrer bewusst, um volles Bewusstsein zu vermeiden. Die Idee nahm den Platz des Schmerzes ein. Er musste nicht weiter in seine Leidensarchive hineingehen. Mit einem Ruck kam er aus dem Feeling heraus. Er entkam aus seiner Vergangenheit in die Gegenwart; diese Gegenwart verteidigte ihn gegen seine Geschichte. Es kam zu einem plötzlichen, abrupten Wechsel von seinem rechten Gehirn zu seinem linken, vom inneren Brennpunkt zum äußeren. Und der Schmerz erledigte es alles selbst; Willenskraft war nicht daran beteiligt. Anstatt zu sagen "In meinem System ist ein automatischer Wächter, der mich nicht zu viel Schmerz fühlen lässt," glaubte er an eine göttliche Intervention, die sein Leiden beendete. Gott und Serotonin wurden einander austauschbar. 

Das alles vermittelt uns eine gute Vorstellung von der persönlichen Evolution und auch von der Evolution der Spezies. Zuerst gibt es Empfindungen wie Würgen, Husten, Ersticken; dann Gefühle wie unglücklich, traurig, ängstlich; dann Gedanken. Das eine ging fließend in das andere über, als die Spezies sich entwickelte, und ebenso in unserer eigenen persönlichen Entwicklung. Gedanken sind der letzte Rückzugsraum. Wir dehnen sie in absurde Längen, bis wir Psychose erreichen, bei der es kein reales Fundament mehr in der Außen-Realität gibt. Wenn wir den Schmerz mit unseren Migränen und hohem Blutdruck im Zaum halten können, dann sei's drum. Wenn wir es nicht können, dann nehmen wir Glaubenssysteme an. Wenn wir ihn mit Trinken und Drogen abblocken können, sei's drum. Wenn wir es nicht können, suchen wir uns wieder Glaubenvorstellungen. Es ist alles evolutionsbedingt. Wir gehorchen den hartherzigen Befehlen der Gehirnevolution.

Die „Flugbahn“ des Fühlens wird durch die Evolution definiert und folgt ihr vom tiefen Hirnstamm über den rechten limbischen zum rechten präfrontalen Kortex und schließlich zum linken präfrontalen Kortex.



Sogar kleine Kinder können  zur Beruhigung Drogen nehmen, lange bevor sie fähig sind, ein Glaubenssystem zu organisieren. Wenn sie in ihren späten Teenjahren sind, können sie Angst mit Glauben austauschen, von Drogen und Alkohol lassen und in das Reich der Gedanken fliehen. Sobald wir Glaubensvorstellungen als Teil des evolutionären Gehirnprozesses betrachten, beginnt das alles Sinn zu machen. Deshalb sind Zwangsgedanken Stationen auf dem Weg zu bizarreren Problemen der Psychose. Es ist alles Teil eines Kontinuums, in dem man Gedanken benutzt, um den Schmerz zu ersticken. Psychose ist die letzte Station auf dieser Reise. Manchmal ist es schwierig, den Unterschied zu bestimmen: "Wenn ich dieses
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Amulett um meinen Hals hänge, kann mir nichts geschehen." Ist das ein Zwangsgedanke oder psychotische Gedankenbildung?

Die "Flugbahn" des Fühlens wird durch die Evolution definiert und folgt ihr vom tiefen Hirnstamm über den rechten limbischen zum rechten präfrontalen Kortex und schließlich zum linken präfrontalen Kortex. Es hängt alles von der Valenz des Schmerzes ab; je stärker sie ist, umso mehr steht der Ideen bildende Kortex unter Druck, Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen herzustellen. Wenn obsessiver Glaube der Psychose Einhalt gebieten kann - umso besser; in meinen Freudschen Tagen glaubten wir, dass Psychose das Ergebnis der Dekompensation obsessiven Glaubens sei. Obsessiver Glaube setzt einen ziemlich intakten frontalen Kortex voraus. Bei PsYchose ersetzen die erste und zweite Linie die dritte, so dass die Geschichte zum gegenwärtigen Leben wird. Die Vergangenheit nimmt die Gegenwart voll in Beschlag und man kann zwischen den beiden nicht mehr unterscheiden.

Der Körper muss einen Weg finden, die überwältigende Last des Traumas in etwas anderes zu übersetzen, und so mobilisiert er primitive Abwehrmechanismen, die den Schmerz verdrängen. Jeder Schmerz wird mit Verdrängung beantwortet - die Methode des Gehirns, Emotionen zu verbergen. Später im Leben, wenn das traumatisierte Baby - sagen wir, ein Junge - mit der kortikalen Fähigkeit ausgestattet ist, Fühlen durch Gedankenbildung zu ersetzen, wendet er sich an einen Gott, der ihn von seinem inneren Schmerz erlösen soll, auch wenn er nicht weiß, woher der Schmerz stammt oder nicht einmal, dass überhaupt Schmerz existiert. Er wendet sich an einen Gott, der über ihn wachen soll, zusehen soll, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt, einer ist, der ihn nicht im Stich lässt und vor allem einer ist, der ihm hilft, es ins Leben zu schaffen, sowohl wortwörtlich am Lebensanfang als auch im übertragenen Sinn in der Gegenwart. Glaube, Vorstellungen, Mystizismus und Magie sind Methoden, wie wir die von traumatischen Ereignissen hinterlassenen oft präverbalen Einprägungen kanalisieren. Denken Sie daran, dass Einprägungen den Tod zu einer Konstanten in der Psyche der Person machen, weil sie oft Ereignisse auf Leben und Tod beinhalten. Deshalb muss der Glaube ein gewisses Todesmanagement mit sich bringen.

DIE WIEDERVERKNÜPFUNG DES GEHIRNS

Es gibt immer mehr Beweise, dass Gehirngewebe am extrem anterioren (vorderen) Teil des präfrontalen Kortex für die Integration emotionaler Zustände verantwortlich ist. Die jüngste Arbeit eines Yale-Teams, Patricia Goldman-Rakic und Pasco Rakic, in der sie ein Modell der Symmetrie im Gehirn entwickelten, zentrierte sich auf das Corpus callosum (die Brücke zwischen rechtem und linkem Gehirn). Sie behaupten, dass Zellen im Corpus callosum gekennzeichnet sind, so dass sie sich mit Spiegelzellen auf beiden Gehirnseiten verknüpfen. Entweder gibt es eine bestimmte Resonanzfrequenz, die jeder Seite hilft einander zu erkennen oder es gibt vielleicht eine chemische Affinität, die
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Zellen auf einer Seite erlaubt, sich mit Zellen auf der anderen Seite zusammenzuschließen, zu verknüpfen. Wie ich erwähnte, kommt verknüpfte Erinnerung vielleicht zustande, wenn Einprägungen tieferer Ebene mit denselben Frequenzen weiter oben im Gehirn resonieren. Wenn sich der präfrontale Kortex und der Subkortex treffen, scheint es ein Erkennungsmuster zu geben; es ist, als würden sie einen Seelenverwandten finden. Noch wahrscheinlicher ist, dass die Einprägungen tieferer Ebene aufsteigen und sich ihre anderen Hälften höher im Nervensystem suchen. Haben sie sich einmal zusammengeschlossen, bilden sie einen integrierten, vereinten Schaltkreis.

In einem exzellenten Buch von David Darling mit dem Titel Equations of Eternity erörtert der Autor, wie Nervenzellen und insbesonders Axone  sich verhalten. "Verschiedene Axonengruppen müssen in der Lage sein, verschiedene Wegweiser zu erkennen, oder andernfalls würden die meisten Axone im Nervensystem am gleichen Platz wachsen. Die Evolution hat viele unterschiedliche Rezeptor-Moleküle auf der Oberfläche einer Nervenzelle plaziert, von denen sich jedes nur an ein spezielles Molekül heftet." 7 Das Ergebnis ist, dass Nervenzellen einen Führer haben, der sie in Richtung Verknüpfung mit anderen Zellen lenkt. Alles, was für die Verknüpfung erforderlich ist, ist, dass andere Nervenzellen passende Rezeptormoleküle haben. Die Zellen sind fähig, alle anderen nicht-passenden Nervenzellen zu ignorieren.

Darling betont im Weiteren, dass diese Zellen ein "Nervenskelett" errichten, auf das alle nachfolgenden Fasern aufbauen können." Auf diese  Art baut jede neue Bewusstseinsebene auf früheren Ebenen auf und verfeinert sich. Somit wachsen Axone vom Hirngewebe tieferer Ebene auf ihr eigentliches Ziel zu. Darling behauptet, dass diese Zellen "wissen," wann die Verknüpfung zustande gekommen ist, weil man die Rezeptoren auf Axonen nur auf der richtigen Zielnervenzelle findet. Er fährt fort: "Durch stufenartige Entfaltung organisiert und verknüpft sich das Gehirn selbst."8 Schon im Mutterleib, so glaubt er, bereitet sich das Gehirn auf den Augenblick vor, wenn "es ans Tageslicht kommt." Ich zitiere weiter, weil, was er behauptet, genau mit unseren klinischen Beobachtungen übereinstimmt: "Bereits im Mutterleib hat das Individuum die physische Evolution allen Lebens auf der Erde rekapituliert. Jetzt rast es durch die Stufen, auf denen sich das Leben psychisch-geistig entwickelte."9 Die Stufen verlaufen "von Geistlosigkeit zu Schattenbewusstsein zum Bewusstsein von der Welt und zum Bewusstsein des eigenen Selbsts."10 Jede neue Ebene ist eine Ausarbeitung der früheren Ebene, bis wir bei vollem Bewusstsein angelangt sind. Entscheidend ist hier die Auffassung von der Verknüpfung; das Zusammenlaufen verwandter Nervennetzwerke.

Ohne die Verknüpfung zwischen tieferen und höheren Ebenen betrachten wir nur das sich spät entwickelnde kortikale Gehirn und nicht das Gehirn als Ganzes. Darling betont, dass das Gehirn in unserer persönlichen Entwicklung die Stufen der gesamten menschlichen Geschichte durcheilt. In der Primärtherapie rasen wir in umgekehrter Folge durch die Stufen. Nur ist es kein Rennen; es ist eher wie ein Gekrabbel. Niemand kann
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für uns eine Verknüpfung (Einsicht) herstellen; sie muss aus einem Feeling herauskommen, und das muss auf langsame, geordnete Weise geschehen. Wenn der Patient die Verknüpfung hergestellt hat, wissen wir, dass es Zeit ist. Wenn die Einsicht von einem Therapeuten erzwungen wird, ist es gewöhnlich nicht an der Zeit. Sie muss organisch kommen, sonst verstößt sie gegen die Evolution - Gedanken nach Gefühlen und nicht vor ihnen. Darling betont, dass Wahrheit eine "ungebrochene Realität" ist. Neurose schafft es, diese Realität auseinanderzubrechen (Durchtrennung, Nicht-Verknüpfung). Gefühlstherapie stellt diese Gesamtrealität wieder her. Es gibt eine Einheit der Natur, die nur mit Verknüpfung zustande kommt. Neuropsychologische Gesetze existieren. Es liegt an uns, sie zu finden.

Man darf keinesfalls in die Tiefe gehen, ohne zuerst im Seichten zu arbeiten – man kann die Vergangenheit nicht aufsuchen, ohne sich zuerst mit der Gegenwart zu befassen.




Einige von uns verlieren vielleicht auch ihre Koordination, weil innere Fingerzeige (von Propriorezeptoren) es nicht den ganzen Weg nach oben bis zur Integration schaffen. Somit kommt es zu Ungeschicktheit und Kordinationsmangel, weil Körper, Muskelfunktion und höhere Kontrollzentren nicht miteinander verknüpft sind. Der Mensch ist nicht ganz beisammen.

Ein frühes Trauma schwächt die richtige Entwicklung des rechten Gehirns, so dass wir später falsch wahrnehmen, keine Nuancen erkennen können und über- oder unterreagieren. Wir können keine Nuancen erspüren, weil das rechtes Gehirn ist und wir von ihm abgetrennt sind. Somit besteht die Tendenz, dass man wortgebunden und nüchtern ist und die eigentliche Bedeutung in bestimmten Situationen nicht sieht. Schwächung des rechten Gehirns kann auch dazu führen, dass wir unsere Fähigkeit verlieren, Empathie für andere zu empfinden, weil das auch rechte Seite ist. Kurz gesagt fehlt bei Nicht-Verknüpfung alles, was Fühlen einbezieht. Für einen Therapeuten ist es entscheidend, Zugang zum rechten Gehirn zu haben und - noch wichtiger - ein vereinigtes rechtes und linkes Gehirn zu haben. Er oder sie muss über die Worte des Patienten hinausschauen können.

Am Beispiel des Wartens in dem vorherigen Fall wird  klar, dass wir keine vollständige Lösung und Veränderung bekommen, es sei denn, wir steigen die Kette ganz hinab. Wenn wir das Warten in der Kindheit wiedererleben (das Bedürfnis, nach der Schule nach Hause zu gehen), würden wir nur einen Teil des Traumas auflösen. Warten hätte immer noch eine Dringlichkeit an sich, die aber nicht so verzweifelt ist wie zuvor. Was Warten seine Dringlichkeit auf Leben und Tod verleiht, ist das Geburtstrauma, das in der Tat ein Fall von Leben und Tod war. Das ist eine generelle Regel bei jedem Problem oder Ausagieren. Der zwanghaft-obsessive Aspekt wird weitgehend von präverbalen
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Traumen gesteuert, die gewöhnlich reine Impulse  sind. Das ist der Grund, warum sexuelles Ausagieren so schwer zu behandeln ist. Und solange eine Therapie nicht am Prototyp ankommt, lässt sich das Ausagieren nicht voll beseitigen. Das Problem hier ist, dass Traumen der ersten Linie, die dem Ausagieren zugrunde liegen, bereits eine Dringlichkeit an sich haben. Der teuflische Aspekt ist, dass man keinesfalls in die Tiefe gehen kann, ohne zuerst im Seichten zu arbeiten - man kann die Vergangenheit nicht aufsuchen, ohne sich zuerst mit der Gegenwart zu befassen.Wir müssen der Evolution Folge leisten, wenn auch in umgekehrter Richtung.

Beim Rebirthing oder in der LSD-Therapie wird der Patient in frühen, weit entfernten Schmerz geworfen; nur zu oft ist beginnende oder zeitweilige Psychose das Ergebnis. Einer unserer Patienten ging zu einer Wochenend-Meditationsgruppe, die tiefes Atmen praktizierte. (Das geschah ohne unser Wissen. In unserer Therapie ist es aus naheliegenden Gründen verboten.) Er kam kaputt zu uns zurück, war total symbolisch und sprach von kosmischen Kräften und diversen Vorleben. Dieses tiefe Atmen schwächte seine Abwehr und öffnete die Schleusen künstlich. Die Überlastung warf ihn in Symbolismus, da der frontale Kortex darum kämpfte, den befreiten Schmerzen einen Sinn zu geben, die zu fühlen und integrieren das Gehirn noch nicht bereit war.

In der Psychotherapie müssen wir der Evolution und Devolution trauen; wir dürfen keine Stufen überspringen. Wenn wir in der Therapie sofort zu Geburtstraumen gehen, setzen wir uns über die Evolution hinweg. Aber wenn wir uns in eine gegenwärtige Situation einklinken, wie z. B. im Behandlungszimmer eines Arztes zu warten, ist das Gefühl da (wie bei unserem Patienten, der nicht warten konnte). Wir müssen nur den Patienten in dem gegenwärtigen Gefühl festhalten, und es wird ihn von selbst dort hinabbringen, wohin er gehen muss. Aber wir steigen nur in geordneten Schritten hinab, so dass er oder sie nicht überwältigt wird. Fühlen ist ein Vehikel, dass uns die Nervenbahnen hinab zu den Ursprüngen transportiert. Wenn wir den Patienten nicht stören und  ihn nicht über seine Fähigkeit hinaus zwingen, verschließt er sich von selbst, wenn der Schmerz zu groß ist. Wenn der Schmerz exzessiv ist, haben wir alle einen automatischen Wächter, der uns wieder verschließt. Diese Tatsache sollte uns sagen, das Abwehr automatisch durch Schmerz entsteht. Defensiv zu sein ist nichts Schlechtes. Es ist ein notwendiger Überlebensschritt.

Man fragt sich, warum die menschliche Evolution, wenn sie soviel Sinn ergibt, nicht auf natürliche Art für Zugang sorgt, wenn wir erwachsen werden? Nun, die Evolution kam bis zur Verdrängung und hörte dann auf. Ausgehend von der Flucht vor äußeren Feinden entwickelten wir die Fähigkeit, vor innerer Gefahr - vor Gefühlen - zu fliehen. Aber leider brauchen wir Hilfe, um Zugang zu gewinnen. In der Zwischenzeit laufen wir jeden Tag im Überlebensmodus herum - verdrängt.
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Man kann keinem Therapeuten trauen, der auf sein linkes Gehirn beschränkt und von Gedanken und Einsichten eingegrenzt ist.



Es sollte klar sei, dass Dissoziation Bewusstsein einschränkt, nicht aber Bewusstheit, und für die Kontrolle brauchen wir Bewusstsein, nicht Bewusstheit. Ich kann diesem ungeduldigen Individuum in der Therapie die Bewusstheit (linke frontale Zone) vermitteln, dass er schrecklich impulsiv ist und Warten nicht ertragen kann, aber das erzeugt nicht die Unten-Oben-Verknüpfung, die Kontrolle ermöglicht - die Verknüpfung zwischen tiefem rechten Gehirn und linkem präfrontalen Gehirn. Auch bei voller Bewusstheit sendet das rechte untere Gehirn Impulse durch den ganzen Körper, die an verschiedenen Organen nagen. Das Ergebnis kann Kolitis sein (deren Ursprung oft auf der ersten Linie liegt) oder blutende Geschwüre, die sich ohne Zugang zur ersten Linie nicht stoppen lassen. Die Person, die Bewusstheit hat, kann sich all dessen total unbewusst sein. Das Unbewusste hat beim Neurotiker keine Möglichkeit, bewusst zu werden. Neurose bedeutet einen veränderten Bewusstseinszustand. Das beinhaltet einen defekten oder geschwächten Gehirnschaltkreis von ganz unten nach ganz oben. Kurz gesagt ist das Gehirn neu verdrahtet. Ein Erwachsener fühlt vielleicht anstatt des Bedürfnisses nach Liebe und Zärtlichkeit sofort sexuelle Impulse oder den Drang zu essen. Je mehr diese Schaltkreise abweichen und in einer bestimmten Weise feuern, umso mehr verfestigt sich die Neuverdrahtung.

Wir müssen zurückgehen und die Zeiten der ersten Abweichung wiedererleben, wenn wir Fortschritte bei ihrer Auflösung machen wollen. Wir gehen zurück, um die Sollwerte auf normal zurückzusetzen. Deshalb erhöht sich nach einem Jahr Primärtherapie die Menge des natürlich hergestellten Inhibitors oder Verdrängers Serotonin. Die Sollwerte sind neu eingestellt worden. Es ist manchmal möglich, Erleichterung zu erlangen, indem man nur in spätere Kindheitstraumen eintaucht und den Prototyp an Ort und Stelle lässt. Wenn die Symptomschwelle durch diese Methode angehoben wird, umso besser. Es gibt dann keine offenen Symptome, aber die Tendenz ist immer noch da. Somit ist ein Alkoholiker vielleicht nicht mehr zum Trinken gezwungen, wenn er etwas von dem Schmerz wiedererlebt, aber er wird hinterher immer in Gefahr sein. Wenn wir auf totale Persönlichkeitsänderung aus sind, ist dies nicht möglich, ohne sich mit der Einprägung zu befassen. Wenn man glücklich damit ist, keine Symptome zu haben, dann sei's drum. Es ist das Leben des Patienten, nicht unseres.

Ein frühes Geburts- und Vorgeburtstrauma wird im Allgemeinen die richtige Entwicklung des rechten Gehirns und seiner Verknüpfungen mit dem linken stören. Es bleibt so erregt zurück, dass es sogar neutrale Ereignisse "zur Explosion bringen" können. Brauchen wir einen
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Therapeuten, der uns hilft, die äußere Realität zu sehen? Nein. Wir brauchen einen Therapeuten, der uns hilft, die innere zu finden; der Rest erledigt sich selbst. Wir brauchen Zugang zum rechten Gehirn, weil dieses Gehirn (besonders der orbitofrontale Kortex) eine Karte unserer emotionalen Geschichte und unseres inneren Zustands enthält. Wenn wir Zugang haben, müssen wir nicht ausknobeln, was mit uns im Alter von 2 Jahren geschah, wir können es erleben und wissen es dann. Deshalb unterscheidet sich intellektuelles Erinnern so sehr von Wiedererleben. Intellektuelles Erinnern wird vom frontalen zerebralen Kortex bearbeitet. Der gibt Ereignisse erzählend wieder, kann aber nicht wiedererleben. So kann ein Erwachsener von einem Missbrauch erzählen, als er oder sie 4 Jahre alt war, der vielleicht nicht wahr ist - eine Konfabulation. Im Gegensatz dazu ist Wiedererleben systemisch und allumfassend. Beim Wiedererleben können Druckstellen von der Geburt wieder erscheinen (wie z. B. die Fingermale des Arztes auf der Haut des Neugeborenen), oder man beginnt zu würgen und ersticken, wenn man Sauerstoffdeprivation bei der Geburt wiedererlebt. Das ist ein sicheres Ereignis, das man nicht mit Wiedererzählen verwechseln darf. Wiedererleben schließt ein, wie die Lungen reagierten, wie viel Schleim während der Geburt sekretiert wurde - weil er während eines Geburts-Wiedererlebnisses wieder sekretiert wird. Verbales Wiedergeben hat damit nichts zu tun.


Beim Wiedererleben können Druckstellen von der Geburt wiedererscheinen (wie z. B. die Fingermale des Arztes auf der Haut des Neugeborenen), oder man beginnt zu würgen und ersticken, wenn man Sauerstoffdeprivation bei der Geburt wiedererlebt.


Wenn ich Rechtshirn-Kontrolle diskutiere, ist es der orbitofrontale rechte Kortex, der direkte Verknüpfungen mit der Amygdala des limbischen Systems hat. Bei einem gut funktionierenden rechten Gehirn ist die Fähigkeit gegeben, emotionalen Output zu regulieren. Aber wir brauchen auch Rechts-Links-Verknüpfungen, die weitgehend durch das Corpus callosum verlaufen. Es muss Verknüpfung von rechts unten nach rechts oben geben und von rechts oben nach links oben und von rechts unten nach links oben, damit totale Integration zustande kommt. Das mag kompliziert klingen, aber für das gesunde Gehirn ist es ein "Kinderspiel."

Die verschlüsselte Einprägung wird überall im System verzeichnet. Intellektuelles Erinnern behandelt ein eingekapseltes linkes Frontalhirn als Ganzheit für sich - verwechselt dieses Gehirn mit dem ganzen Individuum, und so glauben wir, jemand wird gesund, wenn er oder sie versteht, was geschehen ist. Nur das linke Gehirn wird gesund. Der Rest bleibt krank. Das linke Gehirn, Experte für sonderbare Gedankenkonstrukte, kann wirklich glauben, alles sei gut, während der abgetrennte Aspekt der Erinnerung, die Leidenskomponente, sich in ihrem lautlosen Schrei windet. Es ist die rechte Seite, die uns einen Überblick über unser
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Leben gibt und darüber, wie wir mit ihm zurechtkommen. Die linke Seite seziert und analysiert, aber sie kann das große Bild nicht sehen. Sie kann kritisieren, ist aber nicht kreativ. Jetzt wissen wir, wie Kritik funktioniert. Und die Leute in der konventionellen Einsichtstherapie reden mit einem Gehirn, dass keine Worte hat, und wundern sich, dass die Therapie niemanden heilen kann. Es ist ein Dialog, den Leute, die nicht sehen können, mit Tauben führen.

Individuen der dritten Linie suchen sich andere "Thirdliner" für ihre Beziehungen aus, und sie entscheiden sich für kognitive Therapien der dritten Ebene, um ihre Intellektualität zu verstärken und sich Gefühle vom Leib zu halten. Unsere Therapie wählen Menschen, die leiden, oft zuviel Zugang und nicht genug Kontrolle haben. Therapeuten müssen Zugang zu ihrem Rechtshirn haben, damit sie mit den Patienten mitfühlen können, spüren, was diese gerade fühlen und wissen, wann Schmerz für den Augenblick vermieden werden sollte. Ein Therapeut wird das Vertrauen des Patienten gewinnen, wenn der Patient spürt, dass der Therapeut weiß, was in ihm vorgeht, keine unpassenden Aktionen unternimmt und den freien Fluss der Gefühle zulässt. Einem Therapeuten, der Gefühle unterbricht, der die Bereitschaft eines Patienten nicht spürt, bestimmte Schmerzebenen zu fühlen, kann man nicht trauen. Dieses Misstrauen liegt in der ganzen Situation. Man kann keinem Therapeuten trauen, der auf sein linkes Gehirn beschränkt und von Gedanken und Einsichten eingegrenzt ist. Diese Sensibilität kann man niemandem beibringen. Wir können Fühlen nicht "lehren." Wir können die Verknüpfung mit dem rechten Gehirn nicht lehren; wir können sie nur zulassen.

Weil der Hirnstamm und limbische Strukturen auf der rechten Seite weitgehend das Unbewusste ausmachen, besteht die Aufgabe darin, das rechte Gehirn in Symmetrie mit dem linken zu bringen. Erinnern Sie sich bitte, dass Ereignisse unbewusst sind, weil frühe Traumen das rechte Gehirn weit mehr als das linke beeinflussen und weil dieses Gehirn den Kontakt mit dem vollen Bewusstsein verliert.

WIE DIE ERINNERUNG GEBILDET WIRD

Die Auffassung von Frequenzsignalen wird auf einzigartige Weise in The Field: The Quest For the Secret Force of the Universe von Lynne McTaggart erörtert.11 Inmitten einer langen Diskussion über die Kommunikation unter Molekülen stellt McTaggart fest: "Nach Benvenistes Theorie werden zwei Moleküle dann auch über weite Distanz aufeinander abgestimmt und resonieren zur selben Frequenz." Es scheint, dass alle Moleküle ihre eigene spezielle Frequenz haben.

Der berühmte Neurowissenschaftler Karl H. Pribram fand heraus, dass, wenn das erste Neuron etwas registriert, bestimmte Frequenzen unter Neuronen im Gehirn resonieren, und dies auch unterhalb unseres Bewusstseins. Diese Neuronen senden Informationen an
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andere betroffene Teile des Gehirns und bilden die Erinnerung. Was an dieser ziemlich esoterischen Diskussion wichtig ist, ist, dass das Gehirn Information "in der Kurzschrift von Wellen-Frequenz-Mustern (verarbeitet) und diese über das ganze Gehirn in einem verteilten Netzwerk verstreut." Genau auf diese Weise wird Erinnerung gespeichert und wiedererlangt. Im Wesentlichen ist das Gehirn ein Frequenz-Analysator. Aber wenn die resonierende Information unerträglichen Schmerz bedeutet, wird der Kontakt unterbrochen/durchtrennt. Das linke Gehirn sagt: "Ich will nichts mit jemandem zu tun haben, der mir Leid zufügt." Das rechte bettelt: "He, Dr. Links, ich hab's hier mit einer Höllenlast zu tun; ich frag doch bloß, ob du mir ein bisschen aushelfen kannst." Aber nein, hemmende Neurotransmitter werden auf den Plan und in Aktion berufen, um die direkte Kommunikation mit der rechten Seite zu verhindern. Das alles findet vielmehr auf der subkortikalen Ebene statt als auf der kortikal-kognitiven Ebene. Auch wenn wir Worte haben, gibt es dennoch diese  biochemischen Grundprozesse und diese überaus wichtigen Frequenzen. Warum nennen wir jemanden "Doktor"? Weil er in sein Linkshirn-Intellekt geflohen ist und studierte und studierte, um Gefühle zu vermeiden.

Wir können nicht gesund und psychisch stark sein, solange die Verknüpfung durchtrennt ist; solange Krieg im Gange ist zwischen den zwei Gehirnhälften, ist psychische Gesundheit nicht möglich.


Verschiedene Schlüsselneuronen üben vielleicht eine chemische Anziehungskraft auf ihr Gegenüber aus und koppeln an, wenn sie sich begegnen. Jetzt ist das noch eine Vermutung, aber Tatsache ist, dass, wenn es zur Ankoppelung eines Gefühls oder Bedürfnisses kommt, das System sofort zum kompensierenden Nervensystem wechselt, um ein Gleichgewicht zu erreichen. Das ist der Test für die Verknüpfung; ein Gleichgewicht des Nervensystems mit Vitalwerten, die unter die Grundlinie fallen.

Wir haben vier verschiedene Hirnwellenstudien an primärtherapeutischen Patienten vorgenommen. Patienten, die mit der Therapie beginnen, haben auf der rechten Seite des Gehirns mehr Kraft (hemisphärische Amplitude), aber nach einem Jahr Therapie kommt es zu einer Kraftverlagerung auf die linke. Das impliziert ein ausgeglicheneres Gehirn. Es bestand eine starke Korrelation zwischen Wohlgefühl von Patienten und der Verlagerung im Gehirn. Wir haben eine Zweijahres-Folgestudie an 14 unsere Patienten abgeschlossen. Mit der Zeit verlagert sich die Kraft nicht nur von rechts nach links, sondern auch von der Rückseite des Gehirns zur Vorderseite (höhere Alpha-Frequenzen), wo es mehr Kontrolle gibt. Es gibt höhere Frequenzen im vorderen Bereich, die vielleicht bessere Integration und Kontrolle von
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Gefühlen bedeuten. Ein ängstlicher Patient, der nicht gut verdrängt, kann mit einer höheren Gehirnspannung von 50-150 Mikrovolt bei 10-13 Zyklen pro Sekunde anfangen. Unmittelbar vor einem Wiedererlebnis (ein Primal) kann die Alpha-Amplitude das Doppelte oder Dreifache des normalen Ruhewerts erreichen (300 Mikrovolt). Das sagt uns, wie nahe die Erinnerung/das Feeling dem vollen Bewusstsein ist. Es gibt uns ein diagnostisches Werkzeug zur Hand, um den Zugang in unseren Patienten zu messen.

Die Verknüpfung zwischen linkem und rechtem Gehirn

Verknüpfung bedeutet, dass der rechte fühlende präfrontale Kortex von der Kontrolle durch das linke Gehirn befreit ist. Die linke Seite kann jetzt ihrer wichtigen Integrationsfunktion nachkommen, anstatt zu verdrängen. Und natürlich ist die Entspannung des Patienten und sein Erleichterungsgefühl ein weiteres essentielles Beweisstück. Von größter Wichtigkeit ist, dass Einsichten zu einem wahren Geysir werden, sobald Gefühle angekoppelt haben. Nach einem Feeling entdeckte ein Patient, warum er nie in einem überdachten Restaurant dinieren konnte; er wollte nichts über seinem Kopf haben (der, wie sich in einem Geburtsprimal herausstellte, gegen den Schambogen schlug). Er konnte nie etwas über sich haben, auch symbolisch, wie z.B. einen Chef. Natürlich war sein Vater ein Tyrann; er mied Autorität wie die Pest. So entdeckte man die Gefühlskomponenten der ersten und zweiten Ebene.

Wir können nicht gesund und psychisch stark sein, solange die Verknüpfung durchtrennt ist; solange Krieg im Gange ist zwischen den zwei Gehirnhälften, ist psychische Gesundheit nicht möglich. Neurose bedeutet, dass die Verknüpfung durchtrennt ist. Wir können nicht gesund werden, wenn sich die Kluft erweitert, was bei Hypnose und allen kognitiven Therapien geschieht, wo die linke Seite weiter von ihrem rechten Gegenüber weggetrieben wird.

Verknüpfung hat neurologische Wurzeln. Der schwedische Neurowissenschaftler David Ingvar, der das Gehirn mittels CAT-Scan untersuchte, fand, dass Schmerzwahrnehmung beide Seiten der präfrontalen Zone involvierte, die im Tandem arbeiteten. Wenn emotionaler Schmerz verdrängt wird, würde ich annehmen, dass mehr die rechte Seite involviert ist; die rechte Amygdala nimmt an Volumen zu. Wie ich früher aufgezeigt habe, schwillt die rechte Amygdala im Falle des Fühlens tendenziell an. Somit ist abgetrennter Schmerz auf der rechten Seite aktiver als auf der linken.

Es ist, als gäbe es im Gehirn einen geheimen Untergrund, in dem Nachrichten vor- und zurücklaufen, aber auf der Seite, die bewusst sein sollte, werden sie nicht erkannt. So teilt die rechte Seite der linken unausgesprochen mit: "Schau, ich kann keine Kritik mehr vertragen. Sie bedeutet, dass ich nicht geliebt werde." Und die linke Seite sagt: "Okay, ich verteidige dich dagegen, dass du dich so schlecht fühlen musst.
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Sag mir einfach nicht zu viel. Jedenfalls verdrehe ich die Kritik des anderen , so dass er Unrecht hat." Und die linke Seite springt sofort und automatisch ein, sobald es einen Hinweis auf Kritik gibt. "Keine Sorge, mein Freund vom rechten Flügel, ich halte diese Gefühle von Ungeliebt-Sein und Kritisiert-Werden unter Kontrolle, auch wenn du mir nicht gesagt hast, was für Gefühle es sind." So agiert die linke Seite das Gefühl aus; das Ausagieren ist unbewusst, weil das Gefühl der rechten Seite nicht verknüpft ist. Die linke Seite ist noch nicht voll bewusst.

Wir sehen das ganz klar bei Split-Brain-Operationen (die chirurgische Spaltung von linkem und rechtem Gehirn), wo der Chirurg dem rechten Gehirn Input zuführt und das linke aufgrund fehlender interhemisphärischer Verknüpfung gezwungen ist, ein Feeling zu rationalisieren, das sie nicht einmal erkennt. Der Arzt führt der rechten Seite etwas Komisches zu, während die linke lacht und eine sonderbare Erklärung für ihr Gelächter ausheckt: "Der weiße Mantel, den sie anhaben, ist sehr komisch."Die Tatsache, dass der linke Frontalbereich das Gefühl nicht erkennt, hält ihn nicht davon ab, alle möglichen Erklärungen zu fabrizieren. Kurz gesagt zwingt ihn der Input der rechten Seite, Erklärungen zu schaffen, wie es auch bei Meditation und Neurose der Fall ist, wo die Durchtrennung verstärkt wird.

Es gibt eine Studie im New Scientist (2005), dass bei Leuten, die Meditation praktizieren, eine Verdickung des Nervengewebes im präfrontalen Kortex auftritt.12 Meditation kann durchaus den denkenden, intellektuellen Bereich als Verdrängungshilfe rekrutieren. Die Sachverständigen beraten sich noch darüber, aber zu glauben, dass irgendein Dreh oder Trick, scheint er auch noch so gut überlegt zu sein, funktionieren kann, wenn er die Geschichte ignoriert, ist reine Selbsttäuschung. Anders gesagt ist Meditation eine defensive Operation, um Gefühle ‚unten' zu halten. Deswegen ist es nicht immer die beste Art, Fortschritt in der Psychotherapie zu messen, wenn man den Patienten beim Wort nimmt.

VERNUNFTERKLÄRUNG

Wenn jemand sagt "Da hast du nicht Recht" oder "Da hast du einen Fehler gemacht," sagt das linke Gehirn schnell: "Ja, aber der Grund dafür war...." Das Gefühl ist: "Wenn ich Unrecht habe, werde ich von meinen Eltern nicht geliebt. Ich muss mich verteidigen." Es ist Verteidigung gegen die Gefühle auf der rechten Seite. "Wenn ich im Unrecht bin, fühle ich mich nutzlos, wie ein Nichts, einer, der nichts verdient hat. Keiner Liebe wert." Dieses Gefühl des Ungeliebt-Seins, ich muss es unterstreichen, ist bereits da! Der Auslöser in der Gegenwart lässt es aufleuchten und wirbelt es wieder auf. Man rationalisiert es, weil man kein Quentchen Kritik mehr vertragen kann und nichts mehr von dem schrecklichen Gefühl, das durch diese Kritik ausgelöst wird. Die linke Seite passt sich an und führt die Verteidigungsaktion durch, ohne auch nur zu wissen, warum.
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Neurose ist in vielerlei Hinsicht ein Splitbrain-Zustand, eine Hirnspaltung. Die Essenz von Neurose scheint zu sein, dass man Erklärungen für sein Verhalten ausheckt, das von unerkannten Kräften gesteuert wird. Deshalb kann man ausgeklügelte Rationalisierungen und Erklärungen, die jemand für sein Verhalten hat, nicht durchdringen. "Warum sollte ich das Trinken aufgeben, wenn ich mich dabei immer warm und behaglich fühle?" sagte ein Bekannter. Er hatte keine Kenntnis von der ständigen Spannung, unter der er litt. Solange Gefühle verborgen und verdrängt sind, muss die Abwehr unangetastet bleiben. Wenn der Therapeut in der kognitiven Einsichtstherapie diese Abwehr attackiert und versucht, die Person von ihren Ideen abzubringen, ist es ein vergebliches Unterfangen; er hat den Splitbrain-Effekt übersehen, der wortwörtlich aufzufassen ist.

Rush Limbaugh, der Radio-Kommentator hat gestanden, seit vielen Jahren starke Schmerzkiller zu nehmen. Sein gedankenbildendes Gehirn und seine energischen Philosophien sind in Gefühlen verankert, deren er sich nicht bewusst ist. Es hat nicht mehr Sinn, ihn aus diesen Gefühlen herauszureden, als der Versuch hätte, seine ganze Geschichte zu ändern. Es ist nicht einfach so, dass er "unreale Vorstellungen" hat, es ist so, dass sein durchtrenntes System ihn zwingt, seinen Schmerz sowohl auf der körperlichen Ebene mit Drogen zu unterdrücken als ihn auch mit einer Philosophie zu mildern, die vielleicht mit seinen Gefühlen uneins ist.

EFFEKTIVE VERKNÜPFUNG

In jeder effektiven Therapie ist es die Verknüpfung zwischen dem tiefen rechten limbischen Bereich und der orbitofrontalen Zone, die so viele unserer Probleme lösen wird, angefangen mit Angst, die ein Durchsickern von Schmerz durch ein defektes Schleusensystem ist, bis zu Depression, die Schmerz ist, der gegen rigide, unnachgiebige Schleusen anrennt. Warum? Weil viele unserer späteren Probleme sich von Erfahrungen in den tieferen rechten Bereichen ableiten, die es nie schaffen, sich mit höheren Ebenen zu verknüpfen. Vielmehr richten sie ihren Schaden beständig auf tieferen Ebenen an (zum Beispiel chronisch hoher Blutdruck oder die Unfähigkeit, anderen nahe zu kommen). Ein Bericht in der Science News stellte fest, dass Gefühle der Hoffnungslosigkeit bei Depression "die Wahrscheinlichkeit einer Person, einen Schlaganfall zu erleiden, markant anheben."13 Es wird berichtet, dass Depression in Hinsicht auf das Schlaganfall-Risiko gleichbedeutend damit ist, unter hohem Blutdruck zu leiden. Ich habe herausgefunden, dass Depression oft mit Blutdruckabweichungen einhergeht. Sie bilden ein Ensemble.

Präverbale Schmerzen werden wie ein unerwünschter Gast abgesondert, den wir in der Garage verwahren, wo wir lästige Gegenstände speichern, die wir uns lieber nicht anschauen. Was durchkommt, ist eine vage Empfindung von Unbehagen und Unwohlsein - der Leidensteil. Das Unerwünschte klopft gegen die Schleusentore (nahezu wortwörtlich) und sagt: "Es ist kalt hier draußen. Kann ich nicht hereinkommen und dir Gesellschaft leisten?" Das System
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jedoch hält die Schleusen geschlossen und erklärt stillschweigend: "Tut mir Leid, aber ich kann nicht alles tolerieren, was du mir zu sagen hast. Warten wir auf einen besseren Tag."

Dieser bessere Tag ist gekommen, wenn wir älter sind, wenn die kritische Periode längst vorbei ist und wir fähig sind, das vorher Inakzeptable zu ertragen. Als Erwachsene haben wir eine stabile Umwelt, sind nicht mehr von neurotischen Eltern abhängig, und vielleicht haben wir Liebe in der Gegenwart; alles Elemente, die uns jetzt gestatten, unserer Kindheit gegenüber zu treten. Unterdessen hat das Gehirn sein Bestes getan, um das Feeling zu blockieren, hat für Abstecher vom rechten limbischen Informations-Highway gesorgt, der geradewegs nach oben und links verläuft. Die Blockade ist jedoch nicht komplett, weil das Feeling Formen des Ausagierens in Gang hält. "Niemand will mich" wird zu dem Versuch, jeden dazu zu bringen, dass er oder sie uns liebt - hilfreich, freundlich und unaufdringlich sein. Das Gefühl wandelt sich in körperliches Verhalten. Die Energie, die der Verknüpfung bedarf, ist in unseren Magen abgewandert und erzeugt Kolitis; in unser Herz- und Gefäßsystem mit Herzklopfen oder Migränen; und in unsere Muskeln, so dass wir angespannt und starr sind. Sie macht uns unterwürfig und zaghaft, als wollte uns niemand um sich haben. Bei Männern verursacht es Erektionunfähigkeit. In unserer Therapie versuchen wir, es Gefühlen zu ermöglichen, dass sie auf dem Gefühls-Highway direkt nach oben zum rechten OBFK gelangen und dann nach links abbiegen, um ihren Bestimmungsort zu erreichen.

Verknüpfung ist immer das Hauptziel des Gehirns. Wenn wir nur links abbiegen und nie nach rechts gehen, bringen wir die Verknüpfung nie zustande. Ich glaube, dass das System immer versucht, die Verbindung herzustellen, aber durch Schleusung daran gehindert wird. Wegen des ständigen Drängens auf Verknüpfung neigen Gefühle dazu, in unser Denken einzudringen und es zu stören; daher kommt die Unfähigkeit sich zu konzentrieren. Wenn die Verbindung hergestellt ist, sind solche Ablenkungen, die die Energie aufbrauchen sollen, nicht mehr nötig. Die Energie wandert immer zum schwächsten Glied. "Schwach" meint ein Areal oder Organ, das aufgrund von Vererbung oder wegen eines früher im Leben erlittenen Schadens anfällig ist. Zum Beispiel kann ein Schlag auf den Kopf in der Kleinkindzeit als Epilepsie enden oder eine Allergie-Geschichte in der Familie führt später vielleicht zu Asthma.

Sie finden hier, was Stan, ein Patient, über seine Anfälle schrieb. Ich behaupte nicht, dass wir Anfälle heilen können. Ich sage aber, dass es Neigungen gibt, eine Anfälligkeit im Gehirn zum Beispiel, die sich unter der Voraussetzung anderer späterer Traumen und fehlender Liebe (ein Trauma, wie ich den Leser erinnern möchte) verstärken und in Anfällen (oder hohem Blutdruck, Migräne, etc.) manifestieren. Es ist dasselbe wie mit Leuten, die eine genetische Tendenz zu Migräne oder hohem Blutdruck haben. Vielleicht bedarf es zusätzlicher Traumen, die diese Tendenz verstärken und das Symptom offenlegen.
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FALLSTUDIE: STAN - GRAND MAL-ANFÄLLE

Ich hatte Grand-Mal-Anfälle vor der Therapie, ungefähr einen im Jahr, und ich hatte die ganze Zeit kleinere Anfälle, auch wenn ich schlief. Ich biss meine Zunge durch. Wenn ich aus einem Anfall erwachte, waren meine Muskeln so schlimm, dass ich nicht aufstehen konnte, und mein Magen brannte. Mein ganzer Körper tat weh, und ich war völlig erschöpft und hatte überall Schmerzen. Die Erholungsphase dauerte typischerweise etwa eine Woche. Wegen der geschwollenen Zunge aufgrund des Beißens konnte ich nicht reden. Ich hatte immer dieses Gefühl im Kopf, das ich nicht einmal beschreiben kann. Es war, als sei mein Kopf unter Wasser und als könnte ich nicht klar denken, und so schlief ich gewöhnlich in den ersten paar Tagen nach dem Anfall. Ungefähr eine Woche war ich nachher suizidal. Obwohl ich dazu neigte, mich selbst umzubringen, weil ich so schlimme Schmerzen hatte, war die Sache, die mich weitermachen ließ und der Grund, warum ich mich nicht selbst tötete, dass ich mir immer wieder sagte: "Ich habe mich gestern nicht so schlecht gefühlt, und wenn ich lange genug warte, geht es weg."

Es ist schwer, sich an Details zu erinnern, weil alles hinter einem Schleier lag und klar denken schwierig war. Unmittelbar nach einem Anfall brauchte ich etwa 20 Minuten, um mich zu erinnern, welchen Wochentag wir hatten, aber ich erinnerte mich immer an meinen Namen und wusste, wer ich war. Typisch war, dass mir zwei oder drei Arbeitstage verloren gingen. Nach einem Anfall konnten meine Augen kein Licht aufnehmen. Es war, als sei ich in einem wirklich dunklen Raum und als sei das einzige Licht, das ich sehen konnte, Licht, das direkt vor mir war, als sei ich in einem finsteren Tunnel und als käme ein Zug auf mich zu. Es gab auch andere Vorfälle, zum Beispiel stand ich im Supermarkt vor der Kasse an und wusste nicht, wo ich war. Der Arzt sagte mir, dass es wahrscheinlich eine Art Anfall war, aber nur im Kleinen.

Ich habe keine Ahnung, wieviel Feelings ich hatte. Die ersten eineinhalb Jahre habe ich in der Primärtherapie nicht geweint. Ich könnte sagen, dass Gefühle hochkamen, weil ich mich schlecht fühlte, wogegen ich vor der Therapie gar nichts fühlte. Das wichtigste Einzelereignis in meiner Therapie war, dass ich Klonipin einnahm. Mein sehr früher Schmerz, der von der Geburt, drückte nach oben, während mein Verstand ihn unterdrückte. Meine Gefühlsebene schien kaputt gegangen zu sein. Klonipin ermöglichte mir genug Zugang, um mit dem Fühlen zu beginnen; andernfalls war ich überlastet (und verwundbar für Anfälle).

In Sitzungen fing ich immer kurz zu weinen an, und dann begann ich zu husten und zittern und konnte nicht mehr zu dem Gefühl zurück. Das Klonipin entspannte meinen Körper genügend, so dass ich für längere Zeit weinen konnte
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und von den Dingen, die mich in der Gegenwart quälten, zu denselben Dingen hinabsteigen konnte, die mich in der Vergangenheit quälten. Drei Jahre lang weinte ich zweimal pro Woche ein bis zwei Stunden. Das größte Feeling war, dass alles hoffnungslos ist. Die Hoffnungslosigkeit war, dass Mutter mich nie lieben würde, mein Vater mich nie lieben würde und dass ich in einer beschissenen Welt lebte; dass nichts je besser werden würde. Ich hatte dieses Gefühl, dass mein Leben eine Gefängnisstrafe war, die ich abzusitzen hatte. Ich dachte ständig an Selbstmord, weil es der einzige Ausweg aus dem Gefängnis zu sein schien. Zum Beispiel war ich in der Therapie in einer Szene in dem Haus, in dem aufwuchs, wo ich unten an der Treppe stand, zu meiner Mutter hochschaute, die oben auf der Treppe stand, und weinte, weil ich wollte, dass sie herunterkam und mit mir redete. Sie redete nie mit mir. Ich weinte darüber, dass ich wollte, dass meine Mutter mich hochnahm, mich hielt und mit mir redete.

In dieser Periode gabe es sehr wenige Geburtsgefühle. Ich hatte früher eins, wo ich das Gefühl hatte festzustecken und wo meine Mutter mir nicht half, geboren zu werden. Obwohl ich es nicht sicher weiß, vermute ich, dass ein Anfall eine Explosion ist, die darauf abzielt, mich frei zu bekommen und auf die Welt zu setzen.

Schließlich gelangte ich zu Gefühlen wie "Bitte liebe mich, bitte rede mit mir und hör auf, mich zu ignorieren." Das sind die Gefühle, die meine Epilepsie veränderten. Der Schlüssel zu all dem ist, dass ich das ganze Zeug in meinem Inneren verwahren musste. Mir war nie erlaubt, Emotionen zu zeigen, und ich musste so tun, als sei alles in Ordnung. Nachdem ich also 20 Jahre alles in mir behalten musste, war es wie ein Dampfkocher, und mein Körper konnte es nicht mehr in sich halten, und ich begann, Anfälle zu haben. Jedes Feeling, dass ich in der Primärtherapie habe, reduziert diesen Druck ein klein bisschen mehr.

Als Egebnis jahrelangen Fühlens ist dieser Druck so weit reduziert worden, dass ich keine Anfälle mehr habe. Heute bin ich von allen Medikamenten weg, und ich fühle mich öfters gut als schlecht. Gewöhnlich hab ich mich 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche schlecht gefühlt, aber jetzt fühle ich mich vielleicht noch ein paar Tage im Monat schlecht.

Hier ist ein weiterer Patient, der epileptisch ist. Ich denke, es ist sehr aufschlussreich, wenn man sieht, wie Gefühle dazu neigen, Anfälle zu vermindern.

FALLSTUDIE: SONNY - EPILEPSIE

In den letzten zwei Wochen hatte ich gerade einen neuen Durchbruch in meinem Kampf gegen Epilepsie. Seit meine Anfälle als Ergebnis des Fühlens allmählich von Grand Mal zu Petit Mal abgefallen sind, habe ich ab und an einen Mini-Petit Mal, der mit einer Aura beginnt (nach der Nomenklatur der Neurologen), gefolgt von einem schwachen Schreien, Weinen, Zittern
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das ganz tief aus meinem Magen kommt. Das Phänomen wurde ursprünglich von emotionalen Umständen ausgelöst, mit denen ich nicht fertig wurde. Ich bin beinahe voll bewusst und kann es hinterher beschreiben und darüber reden. Es dauert 10-20 Sekunden. Neulich als es geschah, konnte ich plötzlich vom Beginn dieses Petit Mal zum anwachsenden Klang eines sehr starken Weinens weitergehen. Was für eine Erleichterung!! Ich habe Monate, ja, Jahre darauf gewartet.

Ich hatte über 40 Jahre lang Grand Mals und war ohne Hilfe. Indem ich die Medizin wegwarf, geradewegs in meine Anfälle ging und sie direkt in Primärgefühle umwandelte, habe ich nach und nach die Wurzeln meiner Epilepsie entdeckt, die jetzt nur ein Bruchteil dessen ist, was sie ursprünglich war. Ich weiß jetzt, was es bedeutet, vollen Zugang zu seinen Gefühlen zu haben; er ist mit einer gewaltigen Spontaneität und Kapazität verbunden, das Leben aufzunehmen und zu genießen.

In der Gruppentherapie habe ich gesehen, dass ein epileptischer Patient einen Anfall zu erleben beginnt und ihn mit unserer Hilfe in das Gefühl dahinter umwandelt, gewöhnlich ein Gefühl der ersten Linie. Der Patient hat dann anstatt des Anfalls das Primal. Noch einmal, das geschieht nicht in jedem Fall, aber es kommt vor. Früher sagte ich, dass psychogene Anfälle das Ergebnis defekter Schleusen seien, aber jetzt glaube ich, dass sie auf völlige Verdrängung zurückzuführen sind, so dass das Gehirn kein anderes Ventil mehr hat und sich nicht mehr anders verhalten kann. Oft passiert das in einem hochdisziplinierten Elternhaus, wo das Kind unter strenger Kontrolle gehalten wird. Auch die Sexualität des Kindes wird von religiösen Eltern kontrolliert; sie warnen es vor Masturbation, obwohl neuere Forschung darauf hindeutet, dass häufige Masturbation alle möglichen Probleme vermeiden kann. Freisetzung ist zweifellos wichtig, und Anfälle sind in gewisser Hinsicht ein Freisetzungsfaktor. Schmerztöter und Tranquilizer können die Übermittlung der Schmerzbotschaft verlangsamen und deshalb den Anfall abmildern oder ganz verhindern. Es überrascht nicht, dass neue Forschungen ergeben haben, dass dieselbe Droge, die man verwendet, um Epilepsie zu kontrollieren, auch Migränen kontrollieren und reduzieren kann. Es scheint , als ob Migränen in bestimmtem Sinn Anfälle der Blutgefäße sind, die sich zusammenziehen und dann den Weg frei für Erweiterung machen. Jedenfalls finden mehr und mehr Forschungen heraus, dass Schmerz so vielen unterschiedlichen Symptomen zugrunde liegt. Bei einigen Epilepsie-Typen gibt es ein "Freisetzungs"-Phänomen, wobei die Verdrängung kurze Zeit ins Wanken gerät und es zu einer massiven Zufallsentladung neuraler Energie kommt. Es ist deshalb logisch, dass Tranquilizer, die das Schleusensystem unterstützen, gegen Epilepsie und Migränen helfen.
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DAS LIMBISCHE SYSTEM UND SEINE VERKNÜPFUNGEN

Es ist die rechte Amygdala, die einen sensorischen Zugangsweg bildet, der von Gefühlen und Empfindungen in den tieferen Gehirnzonen zum OBFK hinauf verläuft. Die Amygdala liefert dem OBFK auch emotionale Informationen, der einen Teil der Erinnerung übernimmt und verschlüsselt. Die Amygdala reguliert nicht nur die Erinnerungsbildung, sondern auch das Niveau der emotionalen Kraft. Wenn das Ausmaß an Information überwältigend ist, kommt die Botschaft nicht zum OBFK durch, und es kommt keine Verknüpfung zustande. Die Nachricht kann auf Höhe des Thalamus blockiert und zurückgeschickt werden, so dass die Nicht-Verknüpfung bestehen bleibt. Wir haben dann ein kopfloses Monster, das in den Tiefen des Nervensystems ohne Orientierung herumwühlt.

Leute, die sich in ihrer eigenen Haut unwohl fühlen, spüren dieses wühlende Monster, wissen aber nicht, was es ist. Sie haben nur das Gefühl, dass sie aus ihrer Haut fahren möchten. Es ist nicht schwer, jemanden zu verstehen, der ein "Aus-dem-Körper"-Erlebnis hat. Leute mit schrecklichem Schmerz der ersten Linie haben manchmal "Aus-dem-Körper"-Erlebnisse, wo sie ihren Korpus hinter sich lassen und in eine andere Dimension reisen. Es ist eine weitere Methode, mit der das Abwehrsystem arbeitet; es ist die Flucht vor Schmerz auf der rechten Seite zum linken Gehirn mit seinen Vorstellungskräften. Die Person hat den großen Sprung aus sich selbst heraus getan - aus dem fühlenden Selbst - hin zu einem imaginären Zustand. Wir sehen das Eindringen dieses Monsters wahrhaftig in unseren Sitzungen, wenn ein Patient etwas aus der frühen Kindheit wiedererlebt und plötzlich von einer Hustenorgie befallen wird, wobei Arme und Hände eine fötale Position einnehmen. Hier haben wir Kindheitsschmerz angezapft, der Wurzeln hat, die noch tiefer im Gehirn liegen. Manchmal setzt sich dieses Eindringen oder diese Intrusion fort, wie z. B. das Aussetzen der Atmung, und kommt dem vollen Wiedererlebnis eines Kindheits-Ereignisses in die Quere. Wenn der Patient für eine Erfahrung der ersten Ebene reif ist, können wir dort hingehen. In den ersten Monaten der Therapie ist das selten der Fall. Sanftes Vorgehen ist die Regel: Zuerst gehen wir zu den jüngsten und deshalb weniger starken Schmerzen; wir öffnen das System in geordneter Reihenfolge jeweils ein klein bisschen mehr, so dass jeder Schmerz integriert werden kann.

In einigen Fällen, wenn die Amygdala zuviel Schmerz zu tragen hat, kann der Hippokampus dessen Kraft modulieren. Aber im Fall eines frühen Traumas kann der Hippokampus seiner Aufgabe nicht nachkommen. Leider reagiert diese Struktur (der Hippokampus) sehr sensibel auf den Langzeit-Ausstoß von Stresshormonen. Stress, auch vor der Geburt, der die Sollwerte von Stresshormonen anhebt, kann sich allmählich auf den sich noch entwickelnden Hippokampus auswirken. 50 Jahre lang sehen wir vielleicht von diesen Auswirkungen nichts; dann beginnt das Gedächtnis nachzulassen und schwerer Gedächnisverlust setzt ein. Hier stellen wir fest, wie wichtig die veränderten Sollwerte sind. Sie bedeuten, dass die
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Einprägung unser Leben lang Sekretion von Kortisol erzeugt, die höher als normal ist; das hat alle möglichen physiologischen Verzweigungen. Mit der Zeit kann es zu einem gewissen Gehirnschaden kommen, weil einige Strukturen wie z.B. der Hippokampus sehr empfindlich auf hohe Kortisol-Spiegel reagieren. Später im Leben kann das ernste Krankheit bedeuten, nicht zuletzt vielleicht Alzheimer oder Parkinson.

Für meine Position gibt es neue Beweise: Ein Bericht in der Science News (2005), der bestätigt, dass früher Stress bei Tieren " gehirnverändernd und gedächtnisschwächend" sein kann.14 Die Implikation lautet, dass frühes Trauma später im Leben zu ernstem Gedächtnisverlust führen kann und dass der Hippokampus mit dem Problem zu tun hat. Auf Grundlage unserer klinischen Erfahrung mit Menschen geht es nicht zu weit, wenn man diesen Befund auf unsere Mitmenschen anwendet. Was die Forscher aufzeigen, ist, dass unzulängliche Pflege und mangelnde Liebe jungen Tieren gegenüber "dem Gehirn einen verzögerten Schlag verpassen." Eine andere Studie im Scientific American (2005) fand heraus, dass eine Wirkungsweise von Tranquilizern im Gehirn darin besteht, dass sie die Schmerz verarbeitenden Strukturen (Hippokampus und Amygdala) dämpfen.15 Mit anderen Worten: Während Adrenalin uns aufputscht und die Kontrolle von Gefühlen schwierig macht, machen die Drogen, die Adrenalin unterdrücken (Tranquilizer), die Erinnerung an alte Traumen schwieriger. Je näher alte Traumen (fehlende Liebe) dem Bewusstsein sind, umso mehr leiden wir.

Es ist das rechte fühlende Gehirn, das für einen Gutteil der Endorphin- und Serotonin-Sekretion verantwortlich ist. Frühe Prägungen/Einprägungen können diese Sollwerte ein Leben lang verändern.

DER IRRGLAUBE DER "ANPASSUNG"

Die Schwäche des OBFK sehen wir oft an unseren gestörten Patienten, die Ereignisse der ersten Linie oder Ebene in den ersten Therapietagen wiedererleben. Wir erkennen daraus, dass sehr wahrscheinlich Vorgeburts- und Geburtstraumen stattgefunden haben. Kinder, die gleich nach der Geburt in Heimen aufwuchsen, erleben diese Traumen in der Therapie ziemlich bald wieder. Die direkte von der Amygdala ausgehende Wirkung auf den präfrontalen Bereich kann die Art verändern, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen, weil eine andere aufdringlichere innere Wirklichkeit unsere Wahrnehmung beeinflusst. Die Kognitivisten versuchen vielleicht, sich mit diesen Wahrnehmungen zu befassen, aber wenn sie die tieferen Kräfte übersehen, ignorieren sie die Macht, die diese Wahrnehmungen aufbaut.

Die hemmenden Neurotransmitter wirken auch dahingehend, dass sie Informationen hindern, sich über das Corpus callosum zum linken präfrontalen Areal zu bewegen. So erlangen wir vielleicht Bewusstheit von einem frühen Trauma wie "Meine Mutter
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gab meine Puppen weg" oder "Sie schickte mich auf ein Internat," aber der schmerzvolle Anteil wird verdrängt: "Ich brauche meine Mami!" Es ist die Leidenskomponente, die unbewusst auf der rechten Gehirnseite verbleibt; es ist dieser Teil, der leider vergeblich versucht, den linken frontalen Bereich zu informieren. Wir haben ein paradoxes Bedürfnis: den Schmerz zu fühlen und den Schmerz nicht zu fühlen; vor erschütterndem Schmerz geschützt zu werden und gleichzeitig, uns mit ihm zu verbinden und ihn zu überwinden.

"Psychische/geistige Krankheit" bedeutet die Repräsentation tieferer Kräfte in unseren psychischen, rationalen und logischen Prozessen. Das Gehirn ist so gut darin, diesen Schmerz zu tarnen, dass die meisten von uns nicht einmal wissen, dass wir ihn haben; und wenn ja, dann wissen wir nicht, wie beschaffen er ist oder woher er kommt. Schlimmer noch, wir wissen nicht, wie wir ihn los werden können. Es ist eine teuflische Sache, weil wir uns vielleicht sehr gut anzupassen scheinen - wir lachen, unser Job läuft gut, wir sind glücklich verheiratet und so fort. Dennoch brodelt weiter unten die Primärhölle und wartet auf ihre Chance, uns krank zu machen und unser Leben zu ruinieren. Bis das geschieht, haben wir keinen Hinweis auf unseren Urschmerz. Ist er von Bedeutung, wenn wir behaupten, uns gut angepasst zu fühlen? Nur wenn wir die Folgen kennen; dann ist es Entscheidungssache. Es mag stimmen, dass wir ein blutendes Geschwür haben, aber es wurde durch Medikamente unter Kontrolle gebracht und so nehmen wir an, dass es keinen Grund gibt, sich weiter zu sorgen. Dieses Geschwür kann das Ergebnis davon sein, dass die Schmerzenergie einen Boxenstopp in den Eingeweiden gemacht hat, genau wie "psychische/geistige Krankheit" ein Zeichen ist, dass sie weiter oben gelandet ist. Medikamente für das Geschwür beruhigen vielleicht den Schmerz, aber weil die Ursache des Schmerzes sich im Symptom - dem Geschwür - verbergen kann, unterdrücken die Schmerzkiller vielleicht beide Schmerzen zugleich. Genau genommen ist es nicht so, dass der Schmerz abgetötet wird; er wird maskiert. Und es ist dieselbe Medikation, die bei psychischer Krankheit und psychosomatischen Symptomen hilft. Warum? Weil sie vielleicht den gleichen Ursprung haben. Es sind nur verschiedene Arten, wie wir denselben Schmerz manifestieren. Kognitive Einsichtstherapien sind im Nachteil, weil sie nicht erkennen, dass sie es mit einem geschwächten Gehirn zu tun haben, das auf normale Vernunftargumente nicht reagiert. Das traumatisierte Gehirn hat andere kognitive Fähigkeiten.

Die wahre Bedeutung optimaler psychischer Gesundheit ist Harmonie und Balance. Das ist auch die Bedeutung von emotionaler Intelligenz, die unseren Gefühlen ermöglicht, dass sie uns zu einem gesunden, intelligenten Leben führen und nicht zu einem, das von zerbrochener Liebe, Drogen, Alkohol, Tabak und esoterischen intellektuellen Bestrebungen erfüllt ist. Harmonie und Balance ermöglichen uns, nicht nur ein intellektuelles Leben zu führen, sondern ebenso ein gesundes und intelligentes, das nicht von Zwängen und der Unfähigkeit zu entspannen gelenkt wird.
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DER TANGO DER ZWEI HEMISPHÄREN

Zum Tango braucht es zwei: Wir brauchen den Gefühlsaspekt einer Erfahrung, und wir müssen sie verstehen. Das ist das Kennzeichen eines integrierten Feelings. Sobald sich ein Feeling eingeklinkt hat, wechselt das System sofort zum kompensierenden Nervensystem, um ein Gleichgewicht herzustellen. Das ist der Test für die Verknüpfung - die Balance des Nervensystems mit Vitalwerten, die unter die Ausgangswerte fallen. Verknüpfung bedeutet die Befreiung des rechten fühlenden präfrontalen Kortexes von der Kontrolle durch den linken. Der linke kann jetzt seine wichtige Integrationsfunktion erfüllen, anstatt Unterdrückung auszuüben. Und natürlich ist die Entspannung des Patienten und sein oder ihr Erleichterungsgefühl ein weiteres wichtiges Beweisstück. Es ist nicht nur ein entspanntes Gehirn; es ist ein entspanntes menschliches Wesen. Diese Ausgeglichenheit spiegelt sich im Gesundheitszustand wider und wirkt sich letztlich auf die Lebensdauer aus. Ohne wirkliche Verknüpfung, ein richtiges Zusammenschalten, gibt es keine signifikante Änderung im sympathetisch-parasympathetischen, rechten und linken Gehirnsystem.

Es gibt eine Möglichkeit, die Verknüpfung von Gefühlen zu messen; denn es ist allein Verknüpfung, die qualitative Verbesserung bei Patienten zulässt. Das alles bedeutet, die Geschichte mit der Gegenwart und tiefe Rechtshirn-Prozesse mit höheren Linkshirn-Prozessen zu verbinden und von seinem Unbewussten befreit zu werden. Eigentlich bedeutet es, den Sinn des Lebens zu finden, denn Sinn oder Bedeutung liegt im Fühlen. "Dem Leben etwas abzugewinnen" bedeutet zuerst, das Leben in uns zu spüren. Freude liegt nicht "da draussen"; sie liegt "hier drinnen."

Die Neurowissenschaftler Leonid Goldstein und Erik Hoffman von der Rutgers Universität fanden in einer Untersuchung an Patienten des Primal Centers heraus, dass nach der Verknüpfung die Neigung des Systems in Richtung Linkshirn nachgelassen hatte. Die linke Seite war nicht mehr " für sich allein" - ohne von den Gefühlen der rechten Seite zu wissen. Sie war jetzt integriert - ein Gleichgewicht der Kräfte auf beiden Seiten. Das bedeutet, dass der linke präfrontale Bereich mit der Entfernung der Gefühlsblockaden die Initialzündung erhielt, seiner eigentlichen Aufgabe nachzukommen. Die Projektionen von Nervenfasern tieferer Ebene aus dem Bereich des Thalamus, limbischen Systems und Hirnstamms konnten sich nach oben mit den präfrontalen Zonen verbinden. Die Schmerz-/Gefühlsbotschaft verbreitete sich dann auf beide Gehirnseiten.

Ein Grund für die Evolution des linken frontalen Kortexes war, ein Gehirnsystem zu produzieren, das sich von den anderen Bereichen des Nervensystems distanzieren konnte, wo schmerzvolle Gefühle lagen - eine Methode, um nicht von dem überwältigt zu werden, das weiter unten liegt, so dass wir mit dem Leben weitermachen und uns mit Alltagsproblemen befassen können. Es ist ein System, das die Abwehr stützen und uns aus übermäßigem Schmerz heraushalten kann. Ein anderer wichtiger Grund für die Evolution der linken Hemisphäre besteht darin, dass sich der linke frontale Kortex mit dem Gebrauch von Werkzeugen entwickelte. Es ist der linke Frontalbereich, der mit präzisem Werkzeuggebrauch zu tun hat; zum Beispiel
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einen Nagel mit dem Hammer einschlagen. Präzision wurde zur Domäne des linken Frontalbereiches. Wenn wir einen guten Chirurgen suchen, sollten wir einen finden, der linkshirndominant ist. Wir können uns sicher sein, dass er oder sie präzise arbeitet. Wenn wir einen Therapeuten wollen, der fühlen und die Dinge erspüren kann, möchten wir vielleicht eine rechtshirndominante Person; aber natürlich ist jemand mit einem ausgeglichenen Gehirn immer das Nonplusultra.

DER WEG ZU PSYCHISCHER GESUNDHEIT

Wir dürfen die Bedeutung der Gefühle und ihrer Verknüpfung nicht abstreiten. Ferner dürfen wir jemandem nicht unbesehen glauben, der offensichtlich gut anpepasst ist und Zufriedenheit bekundet. Weil wir alle zu oft durch das nach außen orientierte linke Frontalhirn gebunden sind, neigen wir dazu, uns auf das Augenscheinliche und Beobachtbare zu konzentrieren. Wir müssen über Statistiken, Fakten und "Beweise" hinaussehen und uns auf den Subtext, auf das eigentlich Gemeinte konzentrieren - auf Gefühle, die allen diesen Fakten einen Sinn verleihen. Es gibt (Rechtshirn-)Wahrheiten jenseits von (Linkshirn-)Fakten, die eine andere Art von Sprache involvieren. Aber wir müssen der Sprache des rechten Gehirns Vertrauen schenken. Andernfalls sind wir durch das linke Gehirn gebunden; wir sehen die Noten, hören aber die Musik nicht und können die Wahrheit einer Ebene nicht fühlen, die eine ganz eigene Sprache hat. Zu oft befasst sich Forschung mit äußerlich messbarem Verhalten und neigt dazu, Gefühle zu vernachlässigen; geschickt auf dem linken Gehirn und ungeschickt auf dem rechten.

Wenn ein Patient in unserer Therapie der Verknüpfung nahe ist, steigen die Vitalwerte radikal. Es ist ein Zeichen, das Schmerz im Aufsteigen begriffen ist. Das Einzige, das dieses Ansteigen aufhalten kann, ist Verknüpfung. Andernfalls kommt es einfach zu einer Energieentladung. Entladung fühlt sich momentan gut an; deshalb kann man sie mit Verknüpfung verwechseln. Den Schmerz, den ich erörtere, sieht man in der konventionellen Therapie so gut wie nie. Die konventionelle Theorie lässt ihn nicht zu. Urschmerz ist als Schmerz bezeichnet worden, "der nicht weh tut". Wie ich betont habe, tut er nur weh, wenn wir ihn zu blockieren versuchen. Ich verstehe, warum man das auf unserem Fachgebiet nur langsam akzeptiert. Solchen Schmerz habe ich in meiner Berufspraxis nie gesehen, bis ich mit Primärtherapie begann. Intellektuelle bezweifeln und bestreiten die Bedeutung des Fühlens in der Psychotherapie vielleicht. Ein prominenter Psychologe sagt, dass die Einprägung unwichtig oder sogar nicht-existent sei, weil er Leute kenne, die in Konzentrationslagern interniert waren und sich später sehr gut angepasst haben. Diese Leute sprechen nicht die rechte (wortwörtlich) Sprache. Sie sind an ein Gehirn gebunden, das dem Augenscheinlichen und Beobachtbaren verpflichtet ist, welches ihr Evangelium ist. Die Kognitivisten wollen Statistiken sehen, um ihren Standpunkt zu bekräftigen. Aber wenn Wahrheiten jenseits der Fakten angeboten werden, Wahrheiten, die eine andere Art von Sprache beinhalten, lässt man sie fallen,
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weil ihnen angeblich Genauigkeit und "Objektivität" fehle. Linkshirn-Leute wünschen und beziehen sich auf statistische Wahrheiten, während  wir meistens biologische anbieten.

Wir dürfen keine Angst davor haben, mit unseren Patienten tief ins Unbewusste zu gehen, wenn wir wissen, was 'tief' bedeutet und wie man dort hinkommt. Es hat damit zu tun, dass man das Selbst zurückgewinnt, das Selbst, das tief in den unteren Registern des Gehirns vor dem vollen Bewusstsein verborgen wird. Das gibt uns dann Empathie und Sympathie, die Fähigkeit, im Inneren das Leiden anderer zu fühlen, weil wir unser eigenes gefühlt haben. Es hat über 30 Jahre gedauert, die Techniken für diese unterirdische Reise zu verfeinern, aber ich glaube, wir haben unser Ziel erreicht.

FALLSTUDIE: FRANK - FEHLENDE VERKNÜPFUNG UND GLAUBENSVORSTELLUNGEN

Ich wurde in eine Fundamentisten-Familie in einer Kleinstadt in Oklahoma hineingeboren. So vieles wurde als Sünde betrachtet: Kino, Fernsehen, jede Art von Weltlichkeit, Tanzen, Makeup, Schmuck, Trinken. Ich musste dreimal pro Woche in die Kirche gehen und lebte mit der schrecklichen Bedrohung, als Krimineller aufzuwachsen und auf dem elektrischen Stuhl zu landen, wenn ich meinen Eltern nicht gehorchen würde.

Ich hatte nie das Gefühl, irgendwo hineinzupassen, und wurde von anderen Kindern, einschließlich verwandten, verspottet und gequält. Meine Kindheitserinnerung ist, dass ich fast immer gelitten habe.

Ich füllte die Leere meines Lebens damit auf, dass ich von Wissenschaft und Chemie besessen war. Als ich 12 Jahre alt war, entdeckte ich die Evolutionstheorie und versuchte sie meinen Eltern und anderen Verwandten zu erklären. Sie waren entsetzt über das, was ich ihnen sagte und bestritten seine Richtigkeit. Ich war verwirrt und hatte das Gefühl, dass man mich mied. Aber wissenschaftlicher Atheismus tröstete mich ein wenig über die unbegreifliche Religion meiner Eltern und über mein schmerzvolles Leben hinweg.

Meine wissenschaftliche Besessenheit brachte mich durchs Leben, bis meine Frau starb und mein Kartenhaus in eine alptraumhaften Alkoholhölle zusammenzustürzen begann. Ich versuchte, mich in das Studium der Psychologie zu flüchten. Ich behielt meinen Atheismus bei und wurde mit 23 Therapeut. Zu der Zeit war ich von Drogen (einschließlich acht LSD-Trips) abhängig geworden, von Alkohol, Zigaretten, Essen und falschen Beziehungen. Ich entwickelte auch eine Abhängigkeit von einem neuen Glaubenssystem, das meinem qualvollen Leben Sinn zu geben und mein Leiden zu lindern schien.

1973 sagte mir ein bekannter Amateur-Psychologe, dass ich etwas machen könne, was noch nie zuvor gemacht worden sei. Dass ich einer Menge Leute helfen würde, aber dazu müsse ich "das Unbedeutende freisetzen und das Alte loslassen." Es war eine kryptische Botschaft, aber Nahrung für mein Ego. Ich hatte das Gefühl, aus mir könnte etwas werden.
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Obwohl ich im Kern immer noch ein wissenschaftlicher Atheist war, erlag ich der Idee, eine kleine Dosis LSD zu nehmen und mit meinem besten Freund Baba Ram Dass aufzusuchen, ein früherer Harvard-Psychologe, der zu einem umherreisenden Yogi wurde und öffentliche Vorlesungen hielt. Da ich im Gebrauch von LSD ein Veteran war, brachte mich der Drittel-Schuß, den ich setzte, nicht zum Halluzinieren. Ich bemerkte nur, dass ein Bereich einer weißen Wand ein bisschen heller zu sein schien als der Rest. Dennoch war ich erfreulich ‚high'. Nachdem er klangvolle Musik gespielt, eine Weile religiöse Gesänge von sich gegeben und eine geheimnisvolle Rede gehalten hatte, begann Ram Dass die Geschichte zu erzählen, als er aufgebrochen war, um einen Guru in Indien zu sehen. Der Guru hatte seine Hand über den Kopf von Ram Dass gehalten, so dass ein kreisförmiges bläuliches Licht auf seiner Hand spielte. Das Licht wandelte sich dann in ein plastisches menschengemachtes Medaillon mit dem Bild des Gurus darauf.

In diesem Moment dachte ich: "Ja, ich glaube, das ist dir passiert oder du glaubst wenigstens, dass es dir passiert ist, aber nie passiert mir so etwas." Plötzlich fühlte ich unter meiner linken Hand (mit der ich mich abgestützt hatte, als ich auf dem Boden saß) einen Gegenstand. Voller Erstaunen ergriff ich ihn. Es war eine perlenartige blaue Kugel, offensichtlich von Menschenhand gefertigt, ohne ein Loch darin, also kein Teil einer Halskette. Ich dachte: "Es muss gerade aufgetaucht sein. Nein, jemand muss es fallen lassen haben." Ich hielt sie hoch. Die Leute um mich herum sahen sie an und lächelten. Keiner beanspruchte sie für sich. Ich dachte: "Vielleicht hat Ram Dass sie fallen lassen. Vielleicht hat er sie auf den Boden gelegt und genau das soll jetzt geschehen; es ist ein Teil der Show." Dann erkannte ich, dass ich nicht wirklich wusste, was geschehen war, und es mit dem Verstand nicht herauskriegen konnte.

In der Pause zeigte ich sie Ram Dass. Er sagte: "Es ist eine blaue Perle. Swami Muktananda schrieb ein Buch namens Guru über die Lehre von der blauen Perle. Liebe sie, aber sei nicht fasziniert von ihr."

Weil ich mich wichtig fühlen wollte, saß ich nach der Pause mit anderen neben Ram Dass auf der Bühne. Zusätzlich zu meiner Arbeit in einer Beratungsklinik lehrte ich an einer Universität Psychologie. Im Publikum konnte ich einige meiner Studenten und Patienten sehen. Wie verrückt das aussehen musste. Ram Dass machte Zeigebewegungen über meinem Kopf, als wolle er sagen: "der da." Später, als ich Ram Dass eine Frage stellte, sagten wir beide gleichzeitig dieselben Worte. Es schien, als seien wir ein und dieselbe Person.

Am nächsten Tag fühlte ich den Zwang, ihn in einer Radiostation aufzusuchen. Ich sagte: "Segne mich, Baba." Er hielt mich an seine Wange und signierte sein Buch für mich. Ich war verwirrt, und ich wunderte mich über alles, was geschehen war - fragte mich, was wirklich geschehen war und was es zu bedeuten hatte.
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Ich las das Buch, das Ram Dass erwähnt hatte. Es war nichts Bemerkenswertes. Aber ich hatte beschlossen, meinen Studenten und Patienten Lebewohl zu sagen und nach Los Angeles umzuziehen. Ein Mann war in der Gruppe, von dem ich mich nicht verabschieden konnte, weil ich das Gefühl hatte, ihn wiederzusehen.

Einige Monate später sah ich entlang des Santa Monica Boulevards Plakate mit der Aufschrift: "Kommen Sie zu Swami Muktananda." Obwohl sein Buch nicht wirklich viel für mich getan hatte, zog es mich dazu hin, einen weiteren Guru zu sehen. Ich suchte Muktanada auf und fragte ihn, was mit mir und mit dem LSD, Ram Dass und der kleinen blauen Kugel geschehen war. Er sagte: "Meditiere einfach weiter, und du wirst verstehen." Ich berührte seinen Arm und ging mit ihm und den andern. Ich sang. Sein Bild auf einer Karte, die man mir gegeben hatte, schien bewusst zu werden. Ich dachte, er befähige Leute, Trips ohne LSD zu haben.

Einige Monate später besuchte ich meine Familie in Oklahoma. Nach ein paar Wochen war es für mich Zeit abzureisen. Aber aus irgendwelchen Gründen konnte ich mich nicht aufraffen. Ich dachte, es würde helfen, meiner Universität Lebewohl zu sagen. Ich fuhr zum Campus und parkte auf dem einzigen Platz, der in dem Block frei war. Da vor mir war ein Poster, das Swami Muktanandas Ankunft für den nächsten Tag ankündigte. Ich dachte: "Deshalb also konnte ich nicht abreisen." Ich hatte keine bewusste Kenntnis davon gehabt, dass er hier sein würde. Als ich ihn aufsuchte, war unter vielen anderen im Publikum der Mann, von dem ich mich nicht verabschieden konnte. Wir lachten zusammen und riefen aus: "Wir wussten es. Wir wussten es." Ich dachte, es sei alles voller Bedeutung, nicht einfach eine Reihe von Zufällen.

Später im Sommer, nachdem ich nach Los Angeles zurückgekehrt war, war ich wie immer von tiefer Einsamkeit befallen. Aber da ich keine Bars mehr mochte, ging ich zu einem lokalen Yoga-Treffen. Dort sagte ich einem Gesinnungsfreund, dass ich Swami Muktanada gerne wiedersehen möchte. Er sagte: "Nun, er kommt." Ich dachte: "O ja, so arbeitet er. Wo immer ich hingehe, taucht er auf." Genau so schien es sich abzuspielen.

Und wieder besuchte ich ihn - auf einem amerikanischen Indianer-Festival, an dem er teilnahm. Amerikaner, die keine Eingeborenen waren, lud man ein, an einem großen Tanz um zwei geweihte Speere herum teilzunehmen, die in den Boden gepflanzt waren. Man wies uns an, nicht zwischen den Speeren zu tanzen. Mir fiel auf, dass es mehrere Leute doch taten, und es machte mir Sorgen. Ich erinnere mich, dass ich über etwas weinte, das Muktananda sagte, und seine Dr. Pepper-Flasche als Souvenir mitnahm.

Einige Tage später hörte ich, dass Muktananda im Krankenhaus war, da er einen Schlaganfall erlitten hatte. Einige Tage danach rannte ich in ein Mitglied der Fakultät, eine Frau, die auf dem Indianerfestival gewesen war. Ich erzählte ihr von Muktanandas Schlaganfall. Sie war ganz überrascht und sagte mir, sie wisse von einigen amerikanischen
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Indianern, die Muktanandas Anhänger dafür bestrafen wollten, dass sie zwischen den Kriegslanzen tanzten. Sie sagte, sie seien in den Besitz einiger Fäden aus seiner Kleidung gekommen und hätten damit "irgendeinen Zauber gemacht." Sie wollten Muktananda nicht töten, ihn nur verletzen, um seine Anhänger für ihre Respektlosigkeit zu bestrafen. Ich glaubte, dass sie und ich die einzigen Leute seien, die diese Information hatten. Etwas Furchteinflößendes und Unheimliches war im Gange. Schreckliche Dinge könnten geschehen. Genau so fühlte ich mich.

Anstatt nach L. A. zurückzukehren floh ich nach Oakland und blieb in dem Ashram, wo Muktananda etwa 10 Tage war. Ich war voller Angst und Schmerz. Meistens fühlte ich mich, als sei ich auf einem LSD-Trip, obwohl ich seit beinahe zwei Jahren keines mehr genommen hatte. Ich fühlte unerträgliche Schuld, weil ich meinen Sohn verlassen hatte und selbst ein schlechter Sohn war, indem ich meine Eltern verlassen hatte. Ich hatte das Gefühl, dass ich zu ihnen zurückkehren musste. Es war mir nahezu unmöglich zu schlafen. Ich weinte und sang abwechselnd. Ich fürchtete, dass, wenn ich jemanden sagen würde, was ich getan hatte und was geschehen war, mir etwas Schlimmeres als der Tod zustoßen würde. Ich wollte nicht an die Hölle glauben.

Ich kehrte nach L. A. zurück und fragte meinen Sohn, ob er mit mir nach Oklahoma kommen wolle. Er wollte. Wir gingen nach Oklahoma, wo wir in der Nähe meiner Eltern lebten. Ich arbeitete in einer Besserungsanstalt. Ich meditierte und versuchte zu fühlen. Ich versuchte, ein Vegetarier zu sein. Ich versuchte, zölibatär zu sein. Nichts half. Ich nahm Meprobamat, weil ich nicht schlafen konnte. Ich war allein und flippte innerlich aus.

Eines Abends nahm ich etwas Robaxin, ging in eine Nackt-Bar und trank ein paar Bier. Am nächsten Morgen wachte ich weinend auf und war von der unerschütterlichen Besessenheit erfüllt, dass ich mich umbringen müsse.

Baba Ram Dass kam nach Oklahoma zurück. Ich warf mich zu seinen Füßen und hoffte verzweifelt, einige Worte von ihm zu hören, die mich besser fühlen ließen. Er war der einzige Mensch, dem ich genug vertraute, um ihm den Verdacht mitzuteilen, den nur ich und das andere Fakultätsmitglied hegten. Aber Ram Dass sagte zu mir, ich solle meine finanziellen Angelegenheiten in den Griff kriegen und zu meinem Sohn und meinen Eltern so liebevoll wie möglich sein. Ich vermute, er versuchte mir eine Art praktische Führung zu geben.

Mein Gesundheitszustand verschlimmerte sich rapide. Mein Hausarzt schickte mich zu einem Psychiater, der mir Sinequan verschrieb. Ich nahm eine Tablette, und es wurde schlimmer. Ich hatte das Gefühl, aus der Haut zu fahren. Meine Eltern wollten, dass ich mit ihrem Prediger redete. Ich versuchte sie sehen zu lassen, dass ich wirklich krank war und Hilfe brauchte. Der Prediger redete mir ein, dass ich an jenem Nachmittag gerettet werde. In jener Nacht nahm ich noch eine Sinequan, konnte aber nicht schlafen. Mein Kopf war voller Daliesker Bilder mit Christus in ihnen. Ich hatte fünf Tage kaum geschlafen.
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Ich erkenne jetzt, dass ich mich fühlte, als würde ich aus meiner Haut fahren, weil die Pille den Ansturm meiner Gefühle soweit gemäßigt hatten, dass sie aufsteigen konnten. Sie kamen wirklich aus meiner Haut heraus. Es waren meine ganzen Bedürfnisse, die mich verrückt machten. Anstatt sie zu fühlen lief ich weg - so schnell und weit, wie ich konnte. Ich habe mich entschieden, sie zu fühlen, und als ich sie fühlte, zerstreuten sich diese verrückten Glaubensvorstellungen bald.

DIE BEDEUTUNG DER INTEGRATION

Ich habe durchgehend den Ausdruck Integration der Gefühle oder Auflösung der Gefühle in meinem Buch benutzt. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, näher zu bestimmen, was das bedeutet. Wenn jemand ein integriertes Feeling hat, bedeutet es gewöhnlich, dass dieses Gefühl zu einem Teil von ihm oder ihr geworden ist. Wie geschieht das? Wo war es, bevor es zu einem Teil von ihm geworden ist? Eine schnelle Antwort: Es war abseits von ihm, tief im Inneren des Gehirns - im Unbewussten. Wo sind diese ungelösten, nicht integrierten Gefühle? Sie reverbieren in Schaltkreisen unterhalb der Bewusstseinsebene; richten immer noch Schaden an, beeinflussen immer noch das Herz und lebenswichtige Organe. Wir wissen das, weil beginnende Patienten abweichende Vitalwerte haben und hohe Kortisolspiegel (Stresshormon), die sich radikal ändern, sobald Verknüpfung und Integration zustande kommt. Für mich bedeutet das, dass der Energie-Anteil des Feelings unterhalb der Integrationsebene Schaden anrichtet. Wenn ich "Energie-Anteil" sage, was bedeutet das? Es bedeutet, dass die eigentliche Einprägung eine Kraft oder Valenz hat, die messbar ist. Sie beinhaltet den unverknüpften qualvollen Teil des Gefühls. Es ist "kopflos," wenn Sie so wollen; wie ein dekortifiziertes, entrindetes Tier, dem Richtung und Zweck fehlen. Das frühe Bedürfnis gewinnt an Kraft, solange es unerfüllt bleibt. Die Energie ist das für den Überlebenskampf mobilisierte System. Sie ruft ihren Gegenspieler ins Leben: Verdrängung. Eines Tages, wenn der Agonie-Bestandteil des Feelings zum präfrontalen Kortex aufsteigt und dort integriert wird, wird er verknüpft und richtet keinen Schaden mehr an Körper, lebenswichtigen Organen und Gehirnprozessen an.

Integration bedeutet, dass man Zugang zu seinem tiefen Unbewussten hat, nicht etwas Fremdes oder Entfremdetes. Wir können sehen, wie Nicht-Integration funktioniert, weil ,wenn jemand, der in Urschmerz steckt, einem alten Gefühl näher kommt, er oder sie Fieber entwickelt, das oft 2-3 Grad (F) über Normaltemperatur liegt. Dies geschieht nicht bei einem fühlenden Menschen, der guten Zugang hat. Dieses Fieber ist ein Zeichen für ein fremdes Wesen, das ganz ähnlich einem Virus in das System eindringt. Und der Körper behandelt das frühe Gefühl "Keiner liebt mich. Alles ist hoffnungslos" genau wie ein Virus. Das unter Schmerz stehende System heißt niemanden willkommen und ist in der Tat höchst wachsam. Das Teuflische daran ist, dass die Person sich selten der Ursache des Ausagierens und des dahinter steckenden Gefühls bewusst ist.
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Eine Struktur von vielen, die in das Fühlen von Erinnerung einbezogen ist, ist der Hippokampus. Wenn das fühlende/limbische System und insbesondere der Hippokampus aktiv wird, fordert es den präfrontalen Kortex dazu heraus, sich eifrig um Unterdrückung zu bemühen. Je mehr die präfrontale Zone aktiv ist, umso weniger sehen wir von hippokampaler Agitation; als ob der Kortex emsig übermäßige emotionale Erinnerung unterdrücken würde. Solange das stattfindet, gibt es keine Integration. Das sind die Hörner eines Dilemmas: Wir gehen zu einer Therapie, bei der Worte und Gespräche die Hauptwerkzeuge sind, dieselben Werkzeuge, die die Gefühlsunterdrückung unterstützen. In diesem Sinn verhindert konventionelle Therapie den Zugang zum Fühlen. Kurz gesagt können wir durch keine Therapieform Integration erreichen, in der Worte vorherrschen. Dennoch laufen wir wie besessen zu Therapien, wo Fühlen nicht möglich ist. Kurz gesagt brechen wir auf, um uns unsere Abwehr stärken zu lassen, obwohl wir eine Behandlungs-Modalität brauchen, welche die Abwehr schwächt.

Wenn wir in der Psychotherapie der Evolution folgen und Gefühle vor Gedanken zulassen, dann können wir nicht in die Irre gehen. Wenn wir uns über die Evolution hinwegsetzen und Gedanken vor Gefühlen verwenden, müssen wir uns gezwungenermaßen verirren. Dasselbe gilt für diese Rebirther, die in der Psychotherapie beschließen, Patienten geradewegs in entfernte und verheerende Schmerzen zu tauchen. Es findet keine Integration statt, weil die Schmerzvalenz so gewaltig ist und die Schmerzen außerhalb der Reihenfolge hochgeschleudert werden. Dasselbe trifft auf Leute zu, die Drogen und Halluzinogene benutzen, um an tiefe, frühe Feelings heranzukommen. Das System kann sie unmöglich integrieren (auch wenn Patient und Therapeut oft überzeugt sind, dass Fortschritte gemacht wurden). Integration bedeutet einen langsamen Abstieg von der Gegenwart und vom präfrontalen Kortex auf oberster Ebene zu tieferen limbisch-fühlenden Bereichen und schließlich zu tief verwurzelten und eingravierten Einprägungen um die Zeit der Geburt und frühesten Kindheit. Wir müssen den Boden für schwere Schmerzen vorbereiten. Wenn sie zu plötzlich in die oberste Ebene eindringen, findet zwangsweise Desintegration statt. Wir sehen das bei unserer Forschung über die Vitalfunktionen, wo die Werte sporadisch nach oben und dann nach unten gehen, ohne dass ein Zusammenhang zwischen ihnen erkennbar ist. Das sagt uns, dass keine Integration stattfindet.

Wenn ein Gefühl vom Lebensanfang eingeprägt wird, wird es auch sofort abgetrennt. Teil der Bedeutung einer Einprägung ist, dass es sich um einen überwältigender Stimulus handelt, der nicht sicher mit höheren verarbeitenden Zentren verknüpft werden kann. Also haben wir ein Feeling, das nicht in die vollen Gehirnprozesse integriert ist - es ist unbewusst: "Meine Eltern werden mich nie mögen, berühren, im Arm halten oder Zeit mit mir verbringen wollen." Die Bedeutung wird vom Bewusstsein abgespalten und involviert tiefere Gehirnprozesse, welche eine vom Gesamthirn weggeschlossene Enklave bilden. Was wir zuerst sehen, ist, dass bestimmte neuronale (Gehirn-)Mechanismen nicht mit anderen Schlüsselaspekten der Gehirnfunktion verknüpft sind.
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Sie interagieren nicht mehr mit diesen anderen Teilen und sind kein Teil des Gesamtschaltkreises. Die tieferen Prozesse kovariieren nicht mehr mit Zentren der höheren Ebenen. Sie sind eigentlich unabhängig und nicht integriert. Wenn sie schließlich verknüpft werden, bilden sie eine Gestalt - ein Gesamtsystem, das fest untereinander verknüpft ist. Jetzt kann jede Ebene die andere beeinflussen. Das ist die neurologische Bedeutung von Zugang. Es sollte jetzt ein integriertes Muster feuernder Nervenzellen geben; und wir wissen, wenn Neuronen zusammen feuern, dann verdrahten sie sich miteinander. Das bedeutet, dass jeder Bereich den anderen beeinflussen kann. Sie hängen wechselseitig voneinander ab. Sie bilden einen wechselseitig verknüpften Schaltkreis. Das ist Fühlen! Wenn wir Zugang zu unseren emotionalen Zentren und ihren instinktiven/sinnlichen Verknüpfungen im Hirnstamm haben, sind wir fühlende Wesen. Wenn wir von diesen Zentren abgeschottet sind, haben wir immer weniger Zugang und fühlen weniger. Dann kann das Unbewusste nicht erreicht werden.

Primärgefühle können durchaus unsere Fähigkeit beeinträchtigen, im Leben zu funktionieren. Wenn sie abrupt aufsteigen, vielleicht als Ergebnis der Einnahme eines Halluzinogens oder des Eintauchens in die Rebirthing-Therapie (eine gefährliche Prozedur), können sie die kognitive Funktion stören und unsere Fähigkeit schwächen, einen gewissen psychischen Zusammenhalt im Leben aufrecht zu erhalten. Genau das geschieht bei Psychose, wenn das Abwehrsystem schwach ist und Gefühle aus der Tiefe zu den höheren Ebenen drängen. Das nennt man dann einen "Nervenzusammenbruch", einen Zusammenbruch der Abwehr gegen eben diese Gefühle und das Auseinanderreißen des Zusammenhalts.

Meine Definition von Bewusstsein ist Integration; Integration bedeutet Ganzheit. Sie umfasst den Energieteil eines Feelings, den emotionalen Aspekt und das Verstehen, was es ist und warum es ist. Ohne sie gibt es kein volles Bewusstsein. Wir können unsere Gefühle nicht tief drinnen vergraben, sie abgetrennt vom Bewusstsein ihr eigenes Leben leben lassen und dennoch bewusst/integriert sein. Wir können für unsere Gefühle keinen Nebenvertrag mit einem unabhängigen Wesen abschließen und eine zusammenhängende (psychische) Organisation haben. Wir brauchen keine kortikale Kontrolle, wie es in den auf Gedanken zentrierten Einsichtstherapien geschieht, welche Gefühle ersticken, sondern eine Reduzierung dieser Kontrolle, die es Gefühlen ermöglicht aufzusteigen und an höheren neuralen Prozessen teilzunehmen. Integration ist nicht Willenssache sondern vielmehr ein automatischer Prozess. Wir können kein Ritual vollziehen, um sie zu forcieren. Tatsache ist, je mehr wir Willenskraft, also den Kortex auf höchster Ebene benutzen und damit versuchen, Integration zustande zu bringen, umso weniger Erfolg werden wir haben. Einsichten sind unverknüpfte Funktionen höherer Ebene, die keine tiefere Bedeutung haben, es sei denn, sie entstehen aus einem Feeling. Wir können in der Therapie die Evolution nicht auf den Kopf stellen, Einsichten der obersten Ebene den Gefühlen voranstellen und hoffen, damit erfolgreich zu sein. Gedanken können keine Gefühle ändern, aber sicher ändern Gefühle Gedanken. Denken Sie daran, wir haben es mit Millionen Jahren der
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Evolution des Fühlens zu tun, bevor wir fähig waren, Gedanken zu haben. Wir sehen ganz klar, dass Gedanken meistens benutzt werden, um Gefühle zu blockieren, und nicht, um Zugang zu ihnen zu erlangen.

Wenn Einsichten vor Gefühlen benutzt werden, stellt man sie in den Dienst der Unterdrückung. Sie können nur für kurze Zeit effektiv sein; dann müssen wir wieder in die Therapie zurück, brauchen noch mehr Einsichten, um uns Gefühle auf Distanz zu halten. Während der Therapeut unsere Gefühle analysiert, unterliegen wir einem verstärkten Irrtum: Seine höheren neuralen Prozesse in Verbindung mit den höheren Prozessen des Patienten vereinigen sich nahtlos zu einem soliden Abwehrapparat. Der Nobel-Preis-Wissenschaftler Gerald Edelmann und Giulio Tononi zeigen in ihrem Buch A Universe of Consciousness auf, dass Integration bedeutet, dass plötzlich "viele verschiedene Teile unseres Gehirns in Informationen eingeweiht werden, die vorher auf einige spezialisierte Subsysteme begrenzt waren."16

Das Problem besteht darin herauszufinden, wie man diese ungleichen Systeme miteinander verbindet. Ich erinnere Sie, dass diese Systeme von Natur aus integriert wären, wenn die Kraft der Gefühle nicht so überwältigend wäre. Das Gehirn weiß es besser als alle Therapeuten, die je gelebt haben. Es sagt: "Ich muss mich verschließen, um meine Gesundheit zu wahren." Es muss verrückt werden, um sich vor Psychose zu schützen. "Ich muss bizzare Gedanken aushecken, die an die Stelle der realen treten, die nur Agonie bedeuten können." Also ist Bewusstsein dann nicht mehr als maximierte Interaktion unter Nervengruppen und unterschiedlichen Gehirnebenen. Was wir in der Primärtherapie versuchen, ist, eine Gruppe abgewichener neuronaler Schaltkreise zu nehmen, die miteinander verdrahtet sind, und sie auf eine neue Route nach oben und vorne zu schicken, so dass sie ihre Kumpel treffen können. Ah! Endlich eine Atempause. Alte (neuronale) Freunde, die sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben, erkennen sich sofort wieder. Tatsächlich kann es abseits von neuronalen Aspekten durchaus chemische Affinitäten geben unter Schaltkreisen zwischen dem limbischen System und dem linken präfrontalen Kortex, die sie einander erkennen und sich zusammenschließen lassen. Jetzt bilden die Schaltkreise des Hirnstamms/limbischen Systems keinen geschlossenen widerhallenden Neuronenkreis mehr; Jetzt kommtes zur Öffnung, und die Schaltkreise steigen auf und treffen ihr Gegenüber, das schon lange auf eine solche Begegnung wartet. Und der frontale Kortex sagt; "Jetzt bist du frei, mein Sohn. Deine Knechtschaft ist zu Ende - was dich so lange in dein chemisches Gefängnis verbannt hat, ist vorbei. Jetzt hast du unzählige Verhaltensoptionen. Du musst deine Prägung nicht mehr symbolisch ad infinitum wiederholen. Du musst keinen Alkohol mehr trinken, um die Wärme zu fühlen, die Mutter dir hätte geben sollen." Ist es nicht leichter und effizienter, das Bedürfnis nach Mutters Wärme zu fühlen? Vor allem, wenn es das System wieder normalisiert? Vorher waren die höheren Kräfte ein eingegrenztes, geschlossenes Wesen, und dasselbe traf auf die tieferen
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Kräfte zu, die fest im Zaum gehalten und isoliert waren. Verknüpfung bedeutet, dass sie nicht mehr in diametral entgegengesetzte Richtungen wirken; sie wirken zusammen auf ein gemeinsames Ziel hin: Überleben. Maximale Interaktion unter Gehirn-Nervennetzen bedeutet maximale Integration. Maximale Integration bedeutet Fühlen. Je besser und voller die Interaktion unter Nervenschaltkreisen ist, umso tiefer und voller ist das Feeling. Es ist nicht nur so, dass bessere Interaktion zwischen Gehirnzentren besteht; es ist so, dass diese Zentren ihr körperliches Gegenstück haben, das die Gefühlserfahrung erweitert.

Primärtherapie ist als Therapie des Fühlens bekannt, weil wir Patienten helfen, Zugang zu ihrem Gehirn und Körper zu gewinnen. Wenn das geschieht, fühlen sie mit ihrem ganzen Selbst. Lassen Sie es mich prägnant ausdrücken: Nur volles Wiedererleben mit dem Gehirnsystem, das zur Zeit des Traumas in Funktion war, wirkt auflösend. Wir können nicht das Erwachsenengehirn heranziehen, damit es die Arbeit macht, die die Domäne des Kindergehirns ist. Wenn eine Therapie behauptet, sich mit der Geschichte eines Patienten zu befassen, sich ihr aber vom Standpunkt eines Erwachsenen nähert, muss sie zwangsweise scheitern. Wenn sie das Ergebnis von Aufforderung/Beharren ist, wird sie scheitern. Sie muss einem natürlichen evolutionären Gefühlsverlauf folgen. Integrierte Individuen haben eine Aura um sich - man spürt ihre Ganzheit, das Fehlen von Abgewehrtheit und ihre innere Harmonie. Wollen wir das nicht alle?

TEIL III

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