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DR. ARTHUR JANOV   

PRIMÄRTHERAPIE -

EINE THERAPIE DES FÜHLENS

Warum Worte nicht genügen

und 

Wie der Zugang zu tief verborgenen Gefühlen Ihre Gesundheit verbessern kann

   

    

Die amerikanische Originalausgabe  mit dem Titel "PRIMAL HEALING" erschien anno 2007 bei  The Career Press, Franklin Lakes, NJ.   

© Copyright 2007 Dr. Arthur Janov

aus dem Amerikanischen von Ferdinand Wagner

Es gibt zurzeit keine deutsche Übersetzung auf dem Buchmarkt

Über dieses Buch (vom Übersetzer)

Der weltbekannte amerikanische Psychotherapeut Dr. Arthur Janov (geb. 1924) ist Begründer der Primärtherapie und Autor mehrerer Bücher. Sein erstes Buch Der Urschrei, in dem er seine revolutionäre Therapie und die ihr zugrunde liegende Primärtheorie vorstellt, wurde zu einem internationalen Bestseller.

In dem vorliegenden Buch, das 2007 unter dem Titel „Primal Healing“ erschien, stellt Dr. Janov Fachleuten und interessierten Laien die Grundbegriffe seiner Primärtheorie vor und erklärt, warum konventionelle Psychotherapie zwar hilfreich sein kann, aber letztlich nicht in der Lage ist, dauerhafte Veränderung zu erreichen.

Die Psychotherapie der Zukunft muss eine Therapie des Fühlens sein, argumentiert Dr. Janov, sie muss dem Patienten Zugang zu tieferen Gehirnebenen verschaffen, wo sich frühe Traumen/Überlastungen eingeprägt haben. Es ist dieser systematische fühlende Zugang, der die Auflösung dieser frühen Einprägungen ermöglicht und letztlich dazu führt, dass alle Ebenen des Gehirns und alle Systeme des Körpers wieder zu normalem, gesundem Funktionieren zurückkehren können.

 

Dr Janov vergleicht ein frühes Trauma mit dem Urknall des äußeren Universums. Überall in unserem inneren Kosmos finden sich die Spuren dieses Ereignisses – Symptome aller Art, wie zum Beispiel Migräne, hoher Blutdruck, Herzattacken, Phobien, Zwänge, Depression und Ess-Störungen. In der modernen Psychotherapie geht es zu oft darum, abweichende Gedanken zu korrigieren. So kann ein Therapeut seine Patienten auf  der Gedankenebene „normalisieren,“ während die auf tieferen Gehirnebenen eingeprägten Kräfte unangetastet bleiben und weiterhin die verschiedensten Symptome erzeugen können. Im Grunde, so Dr. Janov, unterstützt konventionelle Psychotherapie aufgrund der typischen Therapie-Situation (väterlicher Therapeut/mütterliche Therapeutin) die Verdrängung. Sie vergrößert die Kluft zwischen den Ebenen des Bewusstseins und verbannt  alte Gefühle und Erinnerungen tiefer ins Unbewusste – im Grunde das, was ein Beruhigungsmittel auch leistet.

 

Wenn wir uns nicht mit trügerischer und vorübergehender Besserung zufrieden geben wollen, dann, so sagt Dr. Janov, müssen wir die Sprache des Limbischen Systems und des Hirnstamms erlernen. Wir müssen jene überlastenden Ereignisse - Gefühle, Empfindungen und Körperreaktionen - wiedererleben, die sich von frühestem Beginn an in unser System eingeprägt haben. Heilung ist untrennbar mit dem geordneten, systematischen Zugang zu tieferen Gehirnebenen und mit dem Wiedererleben eingeprägter schmerzvoller Erinnerungen verknüpft. Und genau das muss die Therapie der Zukunft ihren Patienten anbieten können. Für die Psychotherapie bedeutet das einen radikalen Wandel. Sie darf sich nicht mehr damit begnügen, Erscheinungen zu korrigieren, Symptome zu lindern, Gedanken und Verhalten in eine andere Richtung zu lenken, sondern sie muss den Patienten ermöglichen, fühlend und erlebend zu den Ursachen seiner Beschwerden zurückzugehen. Es ist nichts Utopisches daran, auf eine tiefere Bewusstseinsebene hinabzusteigen und ein altes Trauma wiederzuerleben. In Dr Janovs Primal Center geschieht es jeden Tag. Es erfordert etwas Mut und ein geeignetes therapeutisches Umfeld. Eine Utopie ist es nur dann, wenn Therapeuten und Patienten Worte und Gedanken als Mittel und Endziel des Therapie-Prozesses betrachten.  

 

TEIL III

 

KAPITEL 9

 BEWUSSTHEIT GEGEN BEWUSSTSEIN

Das Leitmotiv einer jeden intellektuellen Therapie ist, dass Bewusstheit uns dabei hilft, Fortschritte zu machen. Ich gestehe zu, dass intellektuelle Bewusstheit hilft; aber voll bewusst zu sein heilt. Solange wir in der Psychotherapie nicht in der Lage sind, volles Bewusstsein zu erreichen, können wir höchstens Wasser treten, uns der Illusion von Fortschritt ohne seine Essenz hingeben.

Wenn es darum geht, Fortschritt in der Psychotherapie zu messen, ist es von Bedeutung, ob man das ganze System misst oder nur Aspekte der Gehirnfunktion. Bewusstheit entspricht letzterem. Sie hat einen ganz bestimmten Platz im Gehirn - weitgehend im linken Frontalbereich des Gehirns. Ohne intakten präfrontalen Kortex kann man nicht bewusst sein. Im Gegensatz dazu gibt es keinen Sitz des (vollen) Bewusstseins. So banal es scheinen mag, Bewusstsein reflektiert unser Gesamtsystem - das gesamte Gehirn, wie es mit dem Körper interagiert.

Worauf wir aus sind, ist die Bewusstheit des Bewusstseins und das Bewusstsein der Bewusstheit.



Nach den Neurophysiologen Rudolfo Llineas und E. Roy John kann man Bewusstsein als weites Energiefeld sehen, das alle Teile des Gehirns und Zentralnervensystems verbindet. Bewusstsein hat damit zu tun, dass alle Gehirnebenen in Harmonie und mit fließendem Zugang untereinander zusammenarbeiten; die Gesamtsumme aller Systeme, wie sie sich in den Gehirnprozessen widerspiegelt. Es ist ein dauerhafter organischer
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Zustand; intellektuelle Bewusstheit ist das nicht. Bewusstheit ist eine Augenblick-zu-Augenblick-Angelegenheit mit einem bestimmten Inhalt. Es ist unbegrenzt in seiner Zahl. Bewusstsein ist einzig. Es gibt ein einziges Bewusstsein mit vielen Bewusstheiten, aber nicht umgekehrt. Bewusstsein hat keinen bestimmten Inhalt, dennoch wird ihm kein Inhalt vorenthalten. Bewusstsein bleibt auch im Schlaf, während Bewusstheit mit dem Schlaf verschwindet.

Bewusstheit und Bewusstsein sind zwei verschiedene Lebewesen. Bewusstheit und Gefühle liegen auf unterschiedlichen Ebenen. Intellektuelle Bewusstheit ist, was wir oft benutzen, um das Unbewusste zu verbergen - eine Abwehr. Bewusstheit ohne Fühlen ist der Feind des (vollen) Bewusstseins. Worauf wir aus sind, ist die Bewusstheit des Bewusstseins - Bewusstheit der tieferen Bewusstseinsebenen und ihres Inhalts. Bewusstheit der Bewusstheit ist ein Solipsismus der dritten Linie; die linke präfrontale Zone, die mit sich selbst redet. Wenn der Patient sich während der Sitzung unwohl fühlt, nehmen Therapeuten typischerweise die Position ein, dass "wir mehr Einsichten brauchen. Er hat nicht genug Bewusstheit." Aber es ist nicht der Inhalt dieser Einsichten, was hilft; es ist die Tatsache der Einsicht - ein Glaubenssystem, das die Abwehrmechanismen bei ihrem Job unterstützt. Dennoch ist das, was auf tieferen Ebenen der Gehirnfunktion liegt, immun gegen jeden Gedanken. Wir können Angst und Bewusstheit haben aber nicht Angst und (volles) Bewusstsein.

Bewusstsein ist das Ende der Angst. Bewusstsein bedeutet die Verknüpfung mit den Kräften, die uns antreiben. Unverknüpfte Gefühle treiben uns ständig zu Geschäftigkeit und Eile. Ihre Energie findet man in Form von Geschwüren oder Reizdarm, in Phobien und in Konzentrationsunfähigkeit. Sie sind eine allgegenwärtige Gefahr, die ein Parallel-Selbst bildet - eine Persönlichkeit der Abwehrmechanismen und der Schmerzvermeidung; ein Selbst, das für immer in der Geschichte feststeckt. Es gibt tatsächlich ein paralleles Selbst, die irreale Fassade; und das reale Selbst, das fühlt und leidet. Somit gibt es Paralleluniversen, die die menschliche Bedingung ausmachen - das eine fühlt und leidet, das andere bedient sich einer guten Fassade. Letzteres, die Fassade, ist das, womit sich die meisten Psychotherapien befassen: die Psychologie der (äußeren) Erscheinungen versus Essenzen. Es bedeutet, dass man im falschen Universum navigiert.

Bewusstheit bedeutet, dass man sich nur mit der letzten neuronalen Entwicklung der Evolution befasst: mit dem präfrontalen Kortex. Es ist der Unterschied zwischen der obersten Ebene im Gegensatz zum Zusammenfluss aller drei Ebenen, der (volles) Bewusstsein ausmacht. Wenn wir voll bewusst sind, haben wir Worte, um unsere Gefühle zu erklären, aber Worte löschen sie nicht aus, sie erklären. Wir sind schon lange tief verwundet, ehe Worte in unserem Gehirn in Erscheinung treten. Worte sind weder das Problem noch die Lösung. Sie sind der letzte evolutionäre Schritt in der Verarbeitung des Gefühls oder der Empfindung. Sie sind die Begleiter der Gefühle.

Es gibt Bewusstheitstypen, die für unser Überleben wichtig sind. Intellektuelle Bewusstheit einer gesunden Ernährung ist auch bei Abwesenheit von vollem Bewusstsein entscheidend.
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Aber eine Bewusstheits-Therapie im Gegensatz zur Bewusstseins-Therapie hat einen wichtigen Unterschied in Hinsicht auf die globale Wirkung. In der Wissenschaft sind wir auf das Universelle aus, so dass wir unser Wissen auf andere Patienten anwenden können. Eine Therapie der Bedürfnisse lässt sich auf viele Patienten anwenden (wir haben alle ähnliche Bedürfnisse); eine Therapie der Gedanken lässt sich gewöhnlich nur auf einen bestimmten Patienten anwenden. Wenn wir versuchen, den Patienten von anderen Gedanken zu überzeugen (zum Bespiel: "Die Leute mögen dich tatsächlich"), schaffen wir keine universellen Gesetze. Es ist alles idiosynkratisch. Aber wenn wir uns mit den darunter liegenden Gefühlen befasen, können wir Lehrsätze schaffen, die allgemein zutreffen; zum Beispiel, dass entfesselter Schmerz paranoide Gedanken oder Zwänge erzeugen kann. Oder der frontale Kortex kann einfache Bedürfnisse und Gefühle in komplexe Irrealitäten umwandeln, indem er sie in ihr Gegenteil verkehrt.

Es gibt wirklich zwei Bewusstheiten ("Ich brauche niemanden. Ich schaffe es allein."). Eine ist links präfrontal - Bewusstheit unserer äußeren Umgebung. Die zweite ist rechts präfrontal - Bewusstheit unseres inneren Milieus. Wenn man sie zusammensetzt, wird die innere Bewusstheit zu einem Teil des vollen Bewusstseins. Wenn sie sich mit der linksseitigen Bewusstheit vereint, sind wir endlich voll bewusst. Es kommt dann zu einem qualitativen Sprung in Richtung eines inhaltsreicheren Zustands. Letzterer ist für eine radikale neurophysiologische und psychologische Veränderung verantwortlich.

Bewusstsein bedeutet denken, was wir fühlen, und fühlen, was wir denken; das Ende einer gespaltenen, heuchlerischen Existenz.


Eine Mann verdächtigt andere, dass sie ihn verletzen wollen, weil er so sehr von gefühllosen Eltern verletzt wurde; in Dans Fall von einer grausamen Mutter. Er projizierte diese Furcht auf andere, die ihn vermeintlich verletzen wollten. Dan war zu Beginn der Therapie leicht paranoid, stellte sogar die netten Dinge in Frage, die er zu hören bekam. "Hast du das wirklich so gemeint? Ich dachte, du willst mich auf den Arm nehmen." Sein Argwohn wanderte vom Persönlichen und Idiosynkratischen zum Allgemeinen (alle anderen in der Gegenwart). "Sie" versuchen mich zu verletzen. Als wir Dan vom universellen "sie" zurückholten und es in ein persönliches "ich" umwandelten, wurden die paranoiden Gedanken weniger oder verschwanden ganz. Das Allgemeine wurde zum Besonderen, das dann ein allgemeines Gesetz schuf.
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Bedürfnisse sind universell; Verhalten ist idiosynkratisch. In unserer Therapie stellen wir das Verhalten in einen universellen Zusammenhang. Ein Patient, der sich so oft erstickt oder stranguliert fühlt, kann eine Geburts-Einprägung ausdrücken. In der Tat ist eines der Kennzeichen dieser Einprägung das Gefühl des Erstickens in der Gegenwart. Dieses Gefühl, obgleich es spezifisch ist, deutet auf ein universelles Problem hin: Sauerstoffmangel während eines Geburtstraumas. Es trifft allgemein zu.

Es gibt mehrere Studien, die eine Verbindung zwischen Geburtstrauma und späterer Psychose nachweisen.1 Sauerstoffmangel und das nachfolgende Geburtstrauma  begründen am Lebensanfang eine solche Schmerzlast, dass ihr Übermaß den denkenden Kortex schwächt und überbeansprucht. Anders gesagt liegt der Ursprung der Psychose oft auf der ersten Ebene. Der "kortikale Damm" ist geschwächt, und später dann erledigen schwierige, lieblose Zeiten mit den Eltern den Rest. Sind Psychose und Depression verschiedene Krankheiten? Nur in dem Sinne, dass sehr großer Schmerz am Lebensanfang so viele physiologische Prozesse umwandelt, dass es wie eine andere Krankheit auszusehen beginnt. Natürlich gibt es viele Faktoren einschließlich der Gene, die bei Ihrer Entwicklung eine Rolle spielen, aber meine Überzeugung ist, dass frühen Traumen eine Hauptrolle zukommt.

Psychotherapie stand zu lange im Dienst der intellektuellen Bewusstheit. Seit den Tagen Freuds haben wir Einsichten vergöttert. Wir sind so gewohnt, an den allmächtigen frontalen Kortex zu appellieren, die Struktur, die uns zu den fortgeschrittenen menschlichen Wesen gemacht hat, die wir sind, dass wir unsere wertvollen Vorfahren, ihre Instinkte und Gefühle vergessen haben. Wir können immer wieder  betonen, dass sich unser Neokortex ja so sehr von anderen Tierformen unterscheide, während wir gleichzeitig  unseren Gefühlsapparat außer Acht lassen, den wir mit ihnen teilen. Wir brauchen eine Therapie des vollen Bewusstseins, nicht der Bewusstheit. Wenn wir glauben, dass wir ein schmorendes Es in uns haben, gibt es keine geeignete Behandlung, weil die Ursache ein Gespenst ist - ein Phantom, das nicht existiert. Oder schlimmer noch, sie ist eine genetische Kraft, die unveränderlich und deshalb unbehandelbar ist. In jedem Fall sind wir die Verlierer.

Es gibt keine Machtlosigkeit wie die, unbewusst zu sein; man irrt in einem Dilemma herum und weiß nicht, was man bei diesem oder jenem tun soll - bei Sexualproblemen, niedrigem Blutdruck, Depression und Temperamentausbrüchen. Es scheint alles so rätselhaft zu sein. Der Person, die Bewusstheit sucht, muss man alles sagen. Sie hört zu, gehorcht - und leidet. Bewusstheit macht uns nicht sensibel, empathisch oder liebevoll. Sie macht uns bewusst, warum wir all das nicht sein können. Es ist , als sei man sich eines Viruses bewusst. Es ist gut, wenn man weiß, was das Problem ist, aber es ändert sich nichts. Das Beste, das intellektuelle Bewusstheit tun kann, ist, Gedanken zu erzeugen, die Bedürfnis und Schmerz verleugnen.
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Bewusstheit heilt nicht; Bewusstsein heilt. Wahres volles Bewusstsein bedeutet Fühlen und deshalb Menschlichkeit. Dem voll bewusssten Menschen muss man nichts über seine geheimen Beweggründe sagen. Er fühlt sie, und sie sind kein Geheimnis mehr. Bewusstsein bedeutet denken, was wir fühlen, und fühlen, was wir denken; das Ende einer gespaltenen, heuchlerischen Existenz. Bewusstheit kann das nicht leisten, weil Bewusstheit sich jedes Mal ändern muss, wenn eine neue Situation eintritt. Aus diesem Grund ist konventionelle kognitive Einsichtstherapie so kompliziert. Sie muss jeder Kurve im Straßenverlauf folgen. Sie muss das Bedürfnis nach Drogen bekämpfen und dann die Unfähigkeit bekämpfen, einen Job beizubehalten, und dann versuchen zu verstehen, warum Beziehungen auseinanderbrechen. Das erklärt auch, warum konventionelle Therapie so lange dauert; jede Straße muss einzeln überquert werden. Bewusstsein ist global; es passt zu allen Situationen, umfasst alle diese Probleme zugleich. Die wahre Macht vollen Bewusstseins liegt darin, ein bewusstes Leben zu führen mit allem, was das bedeutet: keinem unkontrollierten Verhalten ausgeliefert zu sein und konzentrations- und lernfähig zu sein, still sitzen und entspannen können, gesunde Entscheidungen treffen und gesunde Partner wählen und vor allem lieben können.

Der voll bewusste Mensch kann traurig sein aber nicht deprimiert, denn das bedeutet verdrängt.


Bewusstheit kann den Janovschen Spalt vergrößern; sie täuscht uns und entfremdet uns von innerer Realität, bis die Realität uns sowohl psychisch als auch körperlich verstümmelt. Volles Bewusstsein verengt den Spalt, und das könnte ein längeres, gesünderes Leben bedeuten. Die voll bewusste Person, die jetzt in Kontakt mit dem Leben in ihr selbst steht, hat Ehrfurcht vor allem Leben. Nichts befreit mehr als volles Bewusstsein. Das bedeutet, dass jetzt endlich, nachdem wir die Tiefen unserer Traurigkeit gefühlt haben, die Möglichkeit besteht, Freude voll zu erleben. Diese Tiefen zu fühlen bedeutet fühlen, und genau das befreit.

Es ist nicht möglich, voll bewusst und deprimiert zu sein; es sind antithetische Zustände. Der voll bewusste Mensch kann traurig sein aber nicht deprimiert, denn das bedeutet verdrängt. Der Bewusstheits-Mensch kann eine falsche Art Befreiung mit einem fixierten Freude-Lächeln zeigen, aber es ist hohl. Wir können zur selben Zeit intellektuell bewusst und deprimiert sein. Tatsächlich unterstützt Bewusstheit allzu oft die Verdrängungsarbeit. Mit Bewusstheit können wir denken, dass wir das Nirwana gefunden haben, aber leider sind wir von Selbsttäuschung umzingelt. Wir haben einen Gedanken, eine Vorstellung gefunden - eine Bewusstheit - vom Nirwana, aber es ist ein
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Zustand, den die Serotonin-/Endorphin-Fabriken hergestellt haben, die Schmerz in Schach halten und falsche Gedanken sprießen lassen.

Wir brauchen uns nur Hypnose anzuschauen, um zu sehen, wie leicht es für Gedanken ist, Schmerz zu blockieren. Der Hypnotiseur sagt ein paar magische Worte, und Sie sehen zu, wie Ihre Hand mit einer Nadel gestochen wird, und fühlen es nicht oder wissen nicht einmal, dass es passiert ist. Ich führte Hypnose in seltenen Fällen aus. Wenn ich der Versuchsperson in den Finger stach und fragte, wo es weh tat, war sie verwirrt und zeigte dann auf ihr Knie. Ich abstrahierte die Person von ihrer physischen Erfahrung. Das kann es bewirken, wenn man in einem Paralleluniversum lebt, das auf Verleugnung beruht: einen Menschen schaffen, der von sich selbst abstrahiert ist, der keinen Schmerz fühlt. Es bedeutet einen Menschen, der nicht fühlt, kein Mitleid hat und nicht liebt.

Bei Hypnose oder Suggestion ist es möglich, kritische Bewusstheit einzulullen und sie durch einen neuen Satz von Gedanken zu ersetzen, um ein Pseudo-Bewusstsein zu erzeugen. Die Person kann dann eine Königin in einem früheren Leben sein. Oder noch wichtiger - sie fühlt, dass das Leben wunderbar ist; jeder Schmerz ist entfernt worden. Das ist das Paradigma für Neurose, eine großgeschriebene Hypnose. Hypnose kann deshalb eine Mini-Neurose sein. Wir können mit Hypnose nicht gesund werden, weil Gesundheit Bewusstsein bedeutet. Also bilden wir uns ein, gesund zu sein, leben in einem Zustand falschen Bewusstseins - ein imaginärer Zustand. Normal und unbewusst zu sein sind antithetische Auffassungen.

Hypnose scheint die linke Seite durcheinander zu bringen, so dass sie nicht mehr unterscheiden kann, was real ist. Sie blockiert die Integration des Fühlens, die ein Schlüsselelement der Besserung ist. Sie unterstützt die Gefühlsunterdrückung in der Amygdala, indem sie den linken Frontalbereich zwingt, neue Gedanken zu entwickeln, die nicht mit dem übereinstimmen, was weiter unten eingraviert ist. Dann kann jemand - wie bei jedem Gedankenspiel - ein Verhalten wie z. B. Rauchen aufgeben, aber welcher Preis ist für diese Bedürfnisleugnung zu zahlen? Das Rauchen zu beseitigen ändert kein reales Bedürfnis. Viele scheint das nicht zu bekümmern; alles, was wir wollen, ist, mit zwanghaftem Verhalten aufzuhören. Was wir nicht wissen, ist, dass zwingende, aufdringliche Bedürfnisse zwingendes oder zwanghaftes Verhalten antreiben. Noch einmal, das Bedürfnis zu rauchen ist ein Ableger eines realen Bedürfnisses. Verhaltensänderung ändert nichts am Bedürfnis. Wenn man mit dem Verhalten aufhört, bleiben alle diese Bedürfnisse zurück und wissen nicht mehr, wohin. Patienten sagen in den späteren Therapie-Phasen oft zu mir: "Wo war ich? Ich muss die meiste Zeit meines Lebens in einer Art Koma gewesen sein." Uns so war es größtenteils.

Ein ziemlich banales Beispiel: Einer meiner Patienten kam am Montag in eine Sitzung. Er sagte, er habe sich am Tag zuvor, ein Sonntag, den ganzen Tag über schlecht gefühlt und wisse nicht, warum. Von diesem Punkt an halfen wir ihm, der ganzen Spur hinab bis zu Folgendem nachzugehen: "Ja, mein ganzes Leben lang hasste ich Sonntage. Ich weiß nicht, warum. Jeden Sonntag ging meine Mutter aus, sah ihre Freunde und ließ
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mich vor dem Fernseher allein. Ich erinnerte mich, was ich mir anschaute. Ich schaute Lassie. Ich hasste diesen Hund! Gott, wie ich diesen Hund hasse!" (Patient ist jetzt wütend und in der Erinnerung zurück. Er ist jetzt das Kind vor dem Fernseher.) " Der Hund ist so gut, macht alles richtig, rettet immer jeden. So schlau. Also hat in jeder geliebt." (Pause-Tränen) "Genau das ist es. Er hat die ganze Liebe von allen bekommen." (Schluchzen) "Ich fühlte mich wie ein Hund.....aber niemand wollte mich." (Weinen) "Mama, bitte liebe mich." (Kinderstimme) "Ich bin genau so gut wie Lassie! Lass mich nicht jeden Sonntag ganz allein. Ich brauche dich!" Er wurde voll bewusst. Dieser Hass auf Lassie schien total irrational. Aber stellen Sie sich vor, ihn von etwas anderem überzeugen zu wollen, wo doch weiter unten alle diese Gefühle lagen. Er hasste diesen Hund, weil er geliebt werden wollte. Es schien wie irrationaler Hass, aber das Gefühl, das ihn steuerte, war völlig rational: Liebe mich! Darin liegt das Paradigma für Neurose; die Umleitung von Gefühlen in symbolische Kanäle.

Bewusstheit kann man manipulieren, wie bei Hypnose; man kann sie gegen Gefühle und gegen das Selbst richten, so dass sie einen Mangel an Harmonie erzeugen, der dazu dient, uns unbewusst zu halten; und als solche kann sie Schaden anrichten. Bewusstheit allein kann ohne volles Bewusstsein fatal sein. Wir können kurz vor einem Schlaganfall stehen, und es bleibt immer noch ein Geheimnis. In der kognitiven Therapie können wir umso weniger voll bewusst sein, je intellektueller wir durch Einsichten gemacht worden sind; der linke Frontalbereich wird zur Abwehr gegen volles Bewusstsein. Das bedeutet, dass es einen größeren Janovschen Spalt zwischen Gefühlen und Gedanken gibt. In der Therapie ist jede Bewusstheit verdächtig, die sich vor einem Feeling einstellt. Es bedeutet, dass die Evolution übertrumpft worden ist.

Volles Bewusstsein kann man nicht manipulieren oder gegen das Selbst richten, weil es aus dem Selbst hervorgeht. Es ist die Essenz innerer Harmonie.

Erinnern Sie sich bitte, dass analytische, kognitive und Freudsche Einsichten sich vom linken Gehirn ableiten. Wirkliche Einsichten entstehen aus Gefühlen im rechten Gehirn. Es sind mit dem linken Gehirn verknüpfte Rechtshirn-Einsichten, die Veränderungen bewirken. Sie entströmen dem Unbewussten. Linkshirn-Einsichten tun dies nicht; sie werden von Bewusstheit angetrieben. Jedes Gefühl, das in die Bewusstheit aufsteigt, bildet volles Bewusstsein, das damit zu tun hat, dass alle Gehirnteile in fließender Harmonie zusammenarbeiten.

Volles Bewusstsein bedeutet Anpassungsfähigkeit. Es ist grenzenlos, ein Seinszustand. Bewusstheit scheint vielleicht psychisch anpassungsfähig ("Ich weiß, welche Irrtümer ich vermeiden muss"), ist aber biologisch nicht anpassungsfähig. Die Geschichte legt die Reichweite von Bewusstheit fest; sie reicht nicht über die Kapazität des linken Frontalhirns hinaus. Es ist geistige Anpassung, ein imaginärer Zustand; ein Geisteszustand, der von unserem tiefsten Sein entfremdet ist. Die voll bewusste Person ist sexuell, was bei Bewusstheit nicht unbedingt der Fall ist. Bewusstheit befreit den Körper nicht.
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Alle Bewusstheit der Welt, die man in Gefängnis-Konfrontationsgruppen erlernt hat, ändern nichts am Drang nach Vergewaltigung oder Exhibition. Noch beendet sie das Verlangen nach Drogen; und ein Großteil der Gefangenen werden wegen Gebrauchs und Verkaufs von Drogen inhaftiert. Kriminelle nehmen Drogen, weil dieselbe Sache, die in ihnen Schmerz erzeugt - ungeliebt aufwachsen -, auch kriminelles Verhalten verursachen kann. Bewusstheit setzt dem Bedürfnis nach Drogen kein Ende. Es kann jemanden überzeugen, dass Drogen nicht mehr nötig sind: eine ganz andere Sache. Bewusstheit kann die innere Wirklichkeit nie ändern. Sie ist Millionen von Jahren der Evolution von dieser Wirklichkeit entfernt. Diese Wirklichkeit ist eine Erinnerung an unsere Bedürfnisse und Überlebensstrategien.

Unbewusstheit ist kein Fehlen von Bewusstsein; es ist ein aktiver Verdrängungsprozess und ein Prozess, der Bewusstsein in Schach hält. Es ist die Schlüsselabwehr, die allen anderen Abwehrmechanismen zugrunde liegt. Unbewusst werden ist ein Überlebensmechanismus. Deshalb ist bewusst werden nicht einfach ein Willensakt. Willenskraft hält uns davon ab, in das Unbewusste hinabzusteigen. Sie ist Teil des linken frontalen Abwehrapparats. Wir können jemanden intellektuell bewusst machen, aber wir können nie jemanden voll bewusst machen.

Wir können uns unserer impulsiven Tendenzen intellektuell-bewusst werden, aber uns weiterhin des "Warums" unbewusst sein. Dieses "Warum" müssen wir entdecken. "Warum" befreit uns, und das ist der Grund, dass ich sage, man solle sich vor jeder Therapie hüten, die kein "Warum" in sich hat. Wenn es leicht wäre, wären wir alle voll bewusst. Es ist viel leichter, intellektuell bewusst zu sein, viel schneller und doch viel oberflächlicher. Unsere ganze Geschichte, unsere Evolution und die Geschichte der Psychotherapie marschiert in Richtung Bewusstheit und verwechselt das mit vollem Bewusstsein.

Bewusstsein findet statt, wenn wir uns nicht angestrengt darum bemühen; wenn wir Gefühle hochkommen lassen, wenn wir eine Zeit lang auf einer niedrigeren Bewusstseinsebene leben. Um präzise zu sein, je mehr wir uns mit unserem Unbewussten verknüpfen, umso bewusster werden wir. In diesem Sinne ist Unbewusstheit die notwendige Bedingung für Bewusstsein. Um voll bewusst zu werden, müssen die eher intellektuell bewussten Gehirnteile, der präfrontale Kortex, zurückweichen. Kognitive Therapie macht das Gegenteil, indem sie Gedanken stimuliert und ihnen Dominanz verleiht.

DIE EVOLUTION DER GEFÜHLE

Die Auffassung, dass Gedanken an erster Stelle stehen und das Gehirn an zweiter, welche die intellektuelle Therapie von der Gefühlstherapie unterscheidet, geht auf den alten Streit zwischen den logischen Positivisten des 19ten Jahrhunderts zurück, die den Verstand als vorherrschend ansahen, und den Empiristen, die Erfahrung an erste Stelle setzten. Materie, das Gehirn, ging dem Verstand offensichtlich voraus. Es gab Milliarden Jahre organischen
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Lebens, bevor es ein denkendes Gehirn gab, das Gedanken und Vorstellungen ersinnen konnte. Die Kognitivisten glauben, dass Erfahrung keine Erfahrung ist, ausgenommen in der Art, wie wir sie interpretieren, dass Lebenserfahrung und äußere Umstände in uns keine Veränderung verursachen. Ich nehme deshalb an, dass unsere primitiven Vorfahren sich nicht aufgrund von Gegebenheiten in ihrer Umwelt veränderten; es war ihre Interpretation oder Bewusstheit von all dem. Folglich ist Evolution für die Kognitivisten eine Schimäre. Diese Therapeuten haben sich unwissentlich den Kreationisten angeschlossen. Für beide gibt es keine historischen Kräfte und keine Evolution. Vielleicht sind diejenigen, die keinen Zugang zu ihrer Geschichte haben, die nicht sehen, wie das Leben sie geformt hat, gezwungen, Überzeugungen anzunehmen, die dasselbe tun.

Was geschieht, wenn ein Tier seine Erfahrung nicht interpretieren kann, sich aber nichtsdestotrotz verändert? Was geschieht, wenn Tiere, die von früh auf nicht berührt wurden, weniger Dendriten und Synapsen haben, weniger Serotonin und Oxytozin? Was geschieht, wenn sie weniger neugierig sind und zögern, ihre Umgebung zu erforschen? Ist es ihre Interpretation oder ihre Erfahrung? Teilen wir nicht ähnliche tiefere Gehirnstrukturen mit diesen Tieren und reagieren wir nicht auf ähnliche Weise? Die intellektuellen Therapien glauben, wir könnten Erfahrung durch unsere Einstellung ändern. Dem ist nicht so. Wir können unsere Gedanken über die Erfahrung ändern, aber die Erfahrung selbst bleibt unverändert. Einsichten, Gedanken oder Kognition können frühe Einprägungen verwischen, vernebeln und verdrängen und uns dabei überzeugen, dass es uns besser geht, dass wir Fortschritte in der Therapie gemacht haben, dass wir nicht mehr unter Schmerz stehen, was oft nicht stimmt. Diese Täuschung kann und wird in jeder vorhandenen rationalen, kognitiven, auf Einsicht basierenden Therapie vollbracht. Wir wenden uns an den unverknüpften linken frontalen Kortex, damit er uns intellektuell bewusst macht - und im Namen der Bewusstheit werden wir unbewusst. Es ist schwer, Leute davon zu überzeugen, dass es ihnen nicht besser geht, wenn sie keinen Zugang zu Schmerz mehr haben. Und ich würde es nicht versuchen. Wir sind keine Priester, die jeden von der Erb- oder Ursünde oder in diesem Fall vom Urschmerz zu überzeugen versuchen. Aber wenn Leute die ganze Zeit krank sind, ist es an der Zeit, sich das Unbewusste gut anzusehen. Es ist jetzt möglich, einen ganz genauen Blick darauf zu werfen.

DIE MESSUNG VON STRESS

Was ich vorschlage, ist die Messung von Psychopathologie, nicht durch psychische Kennwerte, Gedanken und Wahrnehmungen, sondern durch Neurophysiologie, durch die biochemischen Substanzen, die in Bewusstsein und Unbewusstsein involviert sind, und durch die Gehirnwellen-Aktivität und Amplitudenmuster. Sehen Sie sich die hohen Kortisolspiegel bei denen an, die ein posttraumatisches Stresssyndrom erleiden. Tatsächlich erleben die meisten
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von uns mit einem Geburtstrauma - und das sind unzählig viele - ein posttraumatisches Stresssyndrom. Dieser Stress ist in unseren Knochen, Muskeln, Blut und Gehirn. Kein Teil von uns ist immun, das Immunsystem nicht ausgeschlossen. Wenn wir später an Krankheiten eines dieser Systeme leiden, reflektiert das den Stress, der eingeprägt wurde, und den Ort, zu dem er sich vielleicht begeben hat. Und ich schlage vor, dass wir diesen Stress messen können, dass es vielleicht möglich ist, ein Gitternetz des Schmerzes oder der Verdrängung zu entwickeln, das alle Wirkungen der Verdrängung auf verschiedene Systeme enthält. Ist der Stresshormon-Spiegel hoch? Ist die Gehirnwellen-Amplitude niedrig? Sind die Vitalwerte niedrig? Alles das sagt uns etwas über Bewusstsein und gibt uns ein Maß der Tiefe des Unbewussten, wie es bei unseren klinischen Beobachtungen der Fall ist. Wir müssen das wissen, damit wir zum Beispiel entscheiden können, welche Art von Tranquilizer und welche Dosis wir bei denen anwenden sollten, die zuviel Zugang haben; die von aufsteigendem Schmerz überwältigt werden.

Ich sah einen Patienten, der zum ersten Mal nach einem Selbstmordversuch kam, bei dem er massive Schmerzkiller benutzt hatte. Er schlief nur 15 Stunden, nachdem er eine Dosis genommen hatte, die jeden anderen getötet hätte. Der Grund: das enorme Ausmaß der Schmerzaktivierung des Gehirns, die das System elektrifiziert und in Wachsamkeit versetzt hat. Die Droge war auf einen Gegner gestoßen, der ihr gewachsen war, und sie war nicht stark genug, die elektrische Aktivität zu übertrumpfen und ihm das Licht auszublasen. Leute, die zum Beispiel sehr schmerzvollen Krebs gehabt haben und lange Zeit schwere Schmerztöter benutzt haben, sind so gut wie nie in der Lage, Selbstmord durch die Benutzung von Schmerzmitteln zu begehen. Wenn dieser Schmerz unbewusst ist, bezeichnet man diejenigen, die Schmerztöter benutzen, vielleicht als Drogensüchtige, nur weil wir ihr Leiden nicht sehen können und weil sie selbst es nicht sehen können. Und je tiefer die frühe Deprivation sitzt und /oder je stärker das Geburtstrauma ist (und wir sollten das nicht bagatellisieren), umso größer kann später das Verlangen nach Drogen sein. Der Drogenkonsument wird sich nur wohlfühlen, wenn die Droge der Schmerzmenge gewachsen ist.

DIE NATUR DER SUCHT

Wir müssen mit dem Begriff "süchtig" vorsichtig sein. Wenn wir uns den Arm brechen und eine Woche lang Schmerzmittel einnehmen, versteht jeder, wo der Schmerz ist, wie schlimm er sein könnte, und jeder versteht die Notwendigkeit, Schmerzmittel einzunehmen. Man nennt die Person nicht drogensüchtig. Aber was ist, wenn wir ein gebrochenes Herz haben? Was, wenn wir Schmerz haben, dessen man sich nicht bewusst ist, nicht einmal wir selbst? Ein Schmerz, der sich ereignete, ehe wir ein verbales Gedächtnis hatten? Ein Schmerz, der sich allein in neurochemischer Hinsicht und ohne Worte festsetzte? Ein Schmerz, der daher rührte, dass man gleich nach der Geburt aufgrund der Krankheit der Mutter verlassen worden war? Tief verwurzelt liegt hier ein massives Gefühl des Alleinseins und Schreckens; ein hilfloses, hoffnungsloses Feeling, das sich nicht
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artikulieren lässt. Wenn wir jetzt schmerzstillende Medikamente nehmen, bezeichnet man uns vielleicht als süchtig, weil wir versuchen, einen Schmerz abzutöten, den niemand erkennen kann. Und paradoxerweise sind es jene Schmerzen, jene präverbalen Schmerzen, die am schwersten sind und am wahrscheinlichsten Abhängigkeit verursachen.

Tatsache ist, dass das Fühlen von Schmerz oft das Bedürfnis nach Schmerztötern beseitigt.


In biochemischer Hinsicht befassen sich die Drogen mit dem Schmerz auf seiner jeweiligen Ebene. Chemischer Schmerz, chemische Erleichterung. Süchtige unterdrücken Schmerzen, bei denen es um Leben und Tod ging, und so ist es oft eine Sache auf Leben und Tod, diese Drogen zu bekommen. Natürlich lügt man oder fälscht ein Arztrezept. Es ist eine Sache großer Dringlichkeit. Übrigens sah ich neulich eine Patientin, die das schreckliche Alleinsein gleich nach der Geburt wiedererlebte, und sie erkannte, dass sie ihr Kind hatte, um sich nie allein zu fühlen. Sie wurde viel abhängiger von ihrem Kind als das Kind von der Mutter.

Im Prinzip setzt volles Bewusstsein dem Verlangen nach Drogen ein Ende. Wir sagen nicht, dass wir jeden Drogensüchtigen heilen. Es gibt Leute, die so depraviert wurden, dass Heilung unmöglich ist. Keine intellektuelle Bewusstheit der Welt kann diese Sucht antasten. Volles Bewusstsein kann es durchaus. Bewusstheit macht das, worin sie gut ist: Selbsttäuschung. Natürlich müssen wir unserer Umwelt bewusst sein - welche Nahrungsmittel wir essen sollten und was für unser System toxisch ist. Aber ich schreibe hier in einem anderen Zusammenhang: Es geht hier um intellektuelle Bewusstheit als Abwehr.

Wir können Bedürfnisse niemals zum Narren halten. Die Bedeutung dieser Tatsache liegt darin, dass die voll bewusste Person sich als Objekt nehmen und deshalb ojektiv sein kann. Die intellektuell bewusste Person, die nicht voll bewusst ist, kann völlig in unbewussten Feelings versunken und deshalb nicht objektiv sein. Wir können nicht einer Sache gegenüber objektiv sein, die wir nicht sehen können.

Neurose ist in gewissem Sinn eine funktionelle Kommissurotomie, eine Spaltung der Verbindungsfasern vom rechten zum linken Gehirn; wir können dann intellektuell bewusst und doch völlig unbewusst sein. Der Integrationsmechanismus der zwei Seiten ist geschwächt. Ein Grund dafür ist ein frühes Trauma, das diese Schwächung erzeugt. Unbewusstheit stellt einen Zusammenbruch der integrativen Fähigkeiten des Gehirns dar. Sie resultiert aus einer Überlastung - zu viel Input, als dass er reibungslos integriert werden könnte. Diese Überlast an Leiden bleibt im
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Unbewussten. Impulse, die normalerweise bestimmte frontal-kortikale Verknüpfungen haben, um uns voll bewusst zu machen, können zu stark sein und werden dann auf tiefere Zentren umgeleitet, um uns unbewusst zu machen. Tatsächlich kommen viele Symptome von Überlastung mit psychischem oder körperlichem Input.

Um den Kernunterschied zwischen intellektueller Bewusstheit und vollem Bewusstsein zu veranschaulichen, sehen wir uns das Beispiel eines wohlbekannten Experiments in der Zahnheilkunde an. Ein Zahnarzt gab seinen Patienten eine wirkungslose Placebo-Pille und sagte ihnen, sie bekämen einen Schmerztöter. Dann bohrte er in einen Zahn, was hätte weh tun müssen, es aber nicht tat. Die Patienten reagierten vielmehr auf die Vorstellung oder den Gedanken eines Schmerztöters als auf den Bohrschmerz. Sie waren sich des Bohrens (des Ereignisses) bewusst, aber des Schmerzes unbewusst.

Hier sehen wir den ganzen Unterschied zwischen vollem Bewusstsein und intellektueller Bewusstheit zusammengefasst. Der Patient kann in den Zahnarzt-Spiegel schauen und sehen, wie der Bohrer den Zahn berührt, spürt aber dennoch nichts; ein Beispiel, wie Schmerz aus dem vollen Bewusstsein ausgeschlossen wird. Der Gedanke oder die Vorstellung von der Macht der Pille hatte die Sekretion innerer Schmerztöter provoziert, und zwar genau so, als wären sie injiziert worden. Sie können stärker sein als ein Bohrer an einem Nerv. Gedanken - intellektuelle Bewusstheit - können Wunder bewirken, wenn es darum geht, uns unbewusst zu machen, was das Vergnügen der kognitiven Therapie ist. Intellektuelle Bewusstheit lässt uns denken, wir seien voll bewusst, während wir unbewusst bleiben. Sie hilft uns, intellektuelle Bewusstheit mit vollem Bewusstsein zu verwechseln. Wie ich betont habe, gibt es keinen Willensakt, der uns bewusst machen kann; aber das gilt nicht für intellektuelle Bewusstheit.

Um dauerhaftere Heilung zu erreichen, müssen wir an die Einprägung herankommen, die das Ungleichgewicht verursacht hat, so dass wir das System auf natürliche Weise normalisieren können.



Wenn jemand Drogen oder Alkohol aufgibt und einen neuen Glauben annimmt, stellt sich das Gehirn darauf ein, als wäre er oder sie noch immer auf Drogen. Heilung ist eine kollektive Kraft, die in gewisser Hinsicht von der Erinnerung an Gesundheit abhängt: es geht darum, dass man wieder zu seinem natürlichen Zustand zurück gelangt. Der teuflische Aspekt kognitiver Ansätze liegt darin, dass sie sich wie Heilung anfühlen können, weil das vorübergehende Ergebnis eben ist, dass man sich besser fühlt. Die übliche Antwort ist: "Wen kümmerts, so lange ich mich besser fühle?" Und, wie ich an früherer Stelle gesagt habe, jedem sein oder ihr eigenes Leben. Wenn Sie sich eine Weile besser fühlen wollen und wissen, dass Sie später dafür einen Preis zu bezahlen haben, dann sei es so. Zumindest sollten wir uns des Preises und der Täuschung bewusst sein. Danach ist es
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die individuelle Entscheidung jedes Einzelnen. Es sollte eine informierte Wahl sein. Sobald Gedanken als vorherrschender Modus einer Therapie involviert sind, macht sich unsere innere Drogenfabrik an die Arbeit. Wie könnten wir jemanden überzeugen, dass die Therapie nicht wirkt, wenn sie es tatsächlich tat? Wenn sie dazu führte, dass die Person sich besser fühlte? Welche anderen Kriterien hat der Patient? Wir wollen uns alle besser fühlen, und das erwarten wir von der Therapie. Es ist dasselbe, wie wenn man Tranquilizer nimmt, die die realen Gefühle notdürftig zudecken. Es ist ein Preis zu zahlen, und offensichtlich sind die meisten Individuen willig, ihn zu zahlen. Was ich betonen will, sind die Kosten intellektueller Bewusstheit im Gegensatz zur Belohnung des vollen Bewusstseins.

Es ist ein komplexes Problem, weil früher Schmerz die Produktion von Neuroinhibitoren (Endorphine und Serotonin) permanent destabilisieren kann. Nichtsdestoweniger kann die Einnahme einer Medizin, die das Defizit aufbessert, in der Tat dazu führen, dass man sich besser fühlt. Aber um dauerhaftere Heilung zu erreichen, müssen wir an die Einprägung herankommen, die das Ungleichgewicht verursacht hat, so dass wir das System auf natürliche Weise normalisieren können. Dann muss das System nicht lebenslang von unnatürlichen, künstlichen Mitteln und vielleicht von Tranquilizern abhängen. Bei unseren vergangenen Forschungsarbeiten fanden wir heraus, dass die Tiefe des Weinens mit Heilung in Zusammenhang stand. Weil der Gebrauch von Tranquilizern tiefes Weinen blockieren kann, kann er auch den Heilungsprozess verzögern.

Um Neurose zu ändern, müssen wir Bewusstsein ändern oder es zumindest zulassen. Das ist von größter Bedeutung; denn es geht nicht darum, Gedanken oder kognitive Auffassungen zu ändern, es geht darum, den Seinszustand zu ändern. Gedanken sind kurzlebig und lassen sich leicht ändern. Denken Sie daran: Neurose ist ein veränderter Bewusstseinszustand, ein deformiertes Bewusstsein, wenn Sie so wollen. Die Wirklichkeit ist tief im Gehirn vergraben worden, und ein neues falsches Bewusstsein hat ihren Platz eingenommen. Das falsche Bewusstsein nennt man vielleicht (intellektuelle) Bewusstheit, weil die kognitiven Einsichtstherapeuten dazu neigen, es mit wirklichem Bewusstsein zu verwechseln. Es ist ein Pseudo-Bewusstsein, das jedem möglichen Glauben, irrationalen Gedanken und falschen Wahrnehmungen ausgeliefert ist. Für jede unterdrückte Wahrheit muss eine falsche Wahrheit deren Platz einnehmen. Das ist der Ursprung von Pseudo-Einsichten, der scheinbar realistische Blick in uns selbst, aber es ist  eine weitere erfundene und seichte Rationalisierung.

Der Grund, warum eine Vernunftbegründung realistisch scheinen kann, ist, weil sie vom abgetrennten linken Gehirn ohne emotionalen Bezugsrahmen fabriziert wird. Die linke Seite sieht sie als vernünftig an, weil die linke Seite sie erfunden hat, und niemand hat etwas gegen ihr Baby. Der frontale Kortex verabscheut ein Vakuum, eine Leerzeit und einen Leeraum in seiner fortlaufenden Funktion. Wenn er zu lange leer bleibt, könnte Schmerz hereinkommen. Er braucht die Gedanken als Abwehr. Sie müssen so lange da sei, wie der Schmerz weiter unten brodelt. Pseudo-Einsichten werden der Aufgabe gerecht. In der Therapie helfen sie, den Schmerz abzutöten und täuschen deshalb den Patienten dahingehend, dass er oder sie glaubt, es gehe ihm oder ihr besser.
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Was anderes ist das Unbewusste als schmerzvolle Erinnerungen? Bewusst zu sein bedeutet, zu diesen Erinnerungen Zugang zu haben und in der Lage zu sein, uns von diesen unbewussten Antriebskräften zu befreien - voll bewusst zu werden - das Unbewusste bewusst zu machen. Wenn wir im Inneren ein verzweifeltes Bedürfnis haben und dieses Bedürfnis dennoch verleugnen, haben wir ein falsches Bewusstsein für ein reales eingesetzt. Wenn meine Patienten wieder als Kinder um Liebe bitten, werden sie bewusst, ihres Bedürfnisses bewusst, so einfach das klingen mag. Deshalb ist Bewusstsein nicht ein geheimnisvolles Wesen, das die Hilfe intellektueller Philosophen erfordert, sondern es geht dabei darum, das Bedürfnis zu erfahren. In der kognitiven Therapie kann man jemandem helfen, sich des Bedürfnisses intellektuell bewusst aber nie voll bewusst zu sein; voll bewusst bedeutet leiden. Da gibt es keinen Ausweg. Kognitive Therapie bedeutet, dass man in der falschen Bewusstseinswelt navigiert.

Ich hatte einen Patienten, der ständig helle Lichter am Himmel sah und überzeugt war, es sei ein UFO. Monate später hatte er ein Geburtsprimal, wie er in den Kreißsaal mit ausnahmslos hellen Lichtern kam, die ihn traumatisierten. Das blieb als Einprägung. Er war auf UFOs mit großen Scheinwerfern fixiert. Er sah seine Geschichte, deren er sich völlig unbewusst war.

Unsere Patienten haben anfangs gleichbleibend hohe Kortisolwerte, die oft mit der Angsterfahrung einhergehen. Wenn jemand eine schwere Angst-Episode erlebt, nennt man es vielleicht eine Panikattacke; in Wirklichkeit ist es eine Attacke des vollen Bewusstseins. Nahezu jeder Schmerz ist diese Art von Attacke. Genau das lässt die Alarmglocken läuten. Wir reagieren mit Panik, weil tiefe Gefühle auf dem Weg zum vollen Bewusstsein sind. Sie sagen: "Pass auf. Wir müssen hier etwas machen." Wir wollen etwas machen, wenn wir nur wüssten, was. Aber alle Anstrengungen zielen gewöhnlich darauf ab, die Angst zu erleichtern, indem man das Warnsignal vertreibt, anstatt dass man herauszufinden versucht, wovor es uns warnt. Oder wir gehen zu einer Einsichtstherapie und versuchen zu "verstehen," was die Angst und die Panik verursacht. Entweder verknüpfen wir uns mit dem Schmerz oder wir fliehen. Dazwischen gibt es nichts. Wenn wir das Warnsignal beseitigen, eliminieren wir die (intellektuelle) Bewusstheit von der Gefahr, nicht die Gefahr selbst. Das lässt uns umso abwehrloser zurück.

ERSCHEINUNG UND WESEN

Eine andere Art der Betrachtung des Unterschieds zwischen intellektueller Bewusstheit und vollem Bewusstsein ist die der äußeren Erscheinung versus inneres Wesen - der Phänotyp (Erscheinung) im Gegensatz zum Genotyp (generierende Ursache). Eine Methode, die auf Erscheinung basiert, ist immer individuell, während eine, die auf dem Wesen gründet, universell ist und universelle Gesetze schafft. Das Wesen, die Essenz ist stabil, während Erscheinungen vorübergehend sind. Das Wesen ist
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historisch; Erscheinungen sind ahistorisch. Essenzen gibt es wenige; Erscheinungen sind vielzählig (eine endlose Suche entlang der komplexesten, labyrinthischten Verhaltensweisen). Essenzen führen zum Bewusstsein, zum Zusammenfließen tieferer Zentren mit frontal-kortikalen Strukturen. Erscheinungen führen zu (intellektueller) Bewusstheit ohne Bewusstsein. Essenzen bedeuten notwendigerweise das Verständnis konkreter Widersprüche zwischen den Kräften des Schmerzes und der Verdrängung, weil das die Essenz des Problems der Neurose ist. Essenzen bedeuten, dass man sich mit der Quantität der Verletzung befasst, die zu neuen Seins-Qualitäten führt. Es bedeutet, holistisch und systemisch zu verfahren. Erscheinungen bedeuten Fragmentierung des Patienten, Isolation seines Symptoms von ihm selbst - Behandlung des Augenscheinlichen. Fortschritt in der Psychotherapie wird in Begriffe der äußeren Erscheinung gefasst anstatt in die der Essenzen; und das ist der Haken an der Sache.

Der Grund, warum die Freudianer und andere Einsichtstherapien keine universellen Gesetze schaffen, liegt darin, dass sich auf Erscheinungen konzentrieren und nicht auf Essenzen, auf Fragmente, nicht auf Systeme. Ich sollte sagen, dass sie manchmal allgemeine Hypothesen aufstellen, aber sie können ausnahmslos nicht überprüft und verifiziert werden, weil sie keine wissenschaftliche Basis haben. Es ist sehr schwer, eine universelles psychologisches Gesetz aus individuellem, idiosynkratischen Verhalten aufzustellen, das nur auf eine Person zutrifft, oder aus einem Es oder düsteren Kräften, die niemand sehen oder verifizieren kann. Kognitive Ansätze scheinen Menschen - ihrer Natur - psychologische Gesetze aufzupfropfen. Im Gegensatz dazu glauben wir, dass wir die Naturgesetze durch sorgfältige Beobachtung entdecken und sie auf Menschen anwenden können; letztlich leiten sie sich von Menschen ab. Biologische Wahrheiten sind die der Essenz.

In der Primärtherapie unternehmen wir jede Anstrengung, um unsere Beobachtungen und unsere eigene Forschung und aktuelle neurobiologische Forschung miteinander zu verschmelzen. Wir tun dies, indem wir nicht zu viele vorgefasste Vorstellungen vom Patienten haben und uns eine empirische Einstellung bewahren. Wir behandeln nicht jedes Symptom als isoliertes Wesen, das beseitigt werden muss. Vielmehr wissen wir, dass es ein Ensemble von Symptomen gibt, die durch etwas aneinander gebunden sind, das sie verknüpft. An dieses "Etwas" müssen wir in der Therapie herankommen; es gehört zur Essenz. Somit müssen wir das Ganze sehen und keine Verhaltens-Bruchstücke. Um das Ganze zu sehen, müssen wir die Geschichte erforschen, die den Kontext für ihr Verständnis bildet. Wir müssen über eine Aufzug-Phobie hinausschauen und historische Ereignisse sehen (vielleicht, dass man in einen Inkubator gelegt wurde), die sie entstehen ließen. In dem Moment, in dem wir der Geschichte beraubt werden, fehlen uns generierende Ursachen und deshalb Essenzen. Wir bleiben im Dunkeln.

Die Freudianer behaupten, eine tiefendynamische Therapie zu haben, aber sie unterlassen es, den Patienten in alte, infantile Gehirne zu tauchen, wo die Lösung liegt. Auch sie
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verlassen sich auf das Hier-und-Jetzt, auf gegenwärtige Gedanken über die Vergangenheit. Die Vergangenheit wiedererleben und einen Gedanken über die Vergangenheit haben ist nicht dasselbe. Das eine ist heilsam, das andere nicht. Das eine involviert intellektuelle Bewusstheit, das andere volles Bewusstsein. Sogar die Tränen in der Psychoanalyse sind abgeleitet. In der Therapie gibt es ein "Weinen über": Erwachsene, die auf ihr Leben zurückblicken und weinen. Aber es ist nicht das Baby-Weinen jenes Kindes und das Bedürfnis jenes Kindes, etwas Tiefes, das sich nicht beschreiben lässt und eine Stunde oder länger andauern kann. Beim "Weinen über" gibt es niemals das Baby-Weinen, das wir so oft in unseren Patienten hören - ein Zeichen, dass ein anders Gehirn in Funktion ist, ein anderes Gehirnsystem, das seine Probleme auf seine eigene Art löst. Der Patient in der im Hier-und-Jetzt und auf das Ego zentrierten Therapie wandelt in seiner Geschichte herum, während der Therapeut sich auf die Gegenwart konzentriert. Der Patient kann physisch anwesend sein, aber seine Emotionen sind in der Vergangenheit.

Was wir bei den kognitiven Einsichtstherapeuten entdecken und besonders bei den televangelistischen Psychologen, ist, dass sie alte Homilien, Moralpredigten und religiöse Ideale annehmen, die im Zeitgeist liegen; sie mischen sie mit einer Art Psychojargon und übergeben sie mit einer volkstümlichen Haltung nach Art von "Ich weiß, was du brauchst." Zu oft läuft das alles auf "Komm darüber hinweg!" hinaus. Und wir alle rufen: "Ja, klar!" Denn auch wir denken, andere sollten sich einfach an ihre Arbeit machen und mit dem Wehklagen aufhören. Das ist das George S.Patton-Syndrom. Entwickle eine positive Einstellung und du fühlst dich nicht wie ein Verlierer. Aber es ist schwer zu fühlen, dass man fähig ist und Erfolg haben kann, wenn man ein Leben mit Eltern verbracht hat, die uns immer wieder erinnerten, was für Versager wir doch sind.

Jede Einsichtstherapie hat die implizite Grundlage, dass Bewusstheit zu Besserung führt. Es gründet auf der Auffassung, das wir die notwendigen Veränderungen vollziehen können, wenn wir erst intellektuell bewusst sind. Bewusstheit kann uns intellektuell bewusst machen, und das ist ein positiver Schritt. Aber sie kann die Persönlichkeit, die organisch ist, nicht ändern und sie kann uns nie voll bewusst machen. Wir können uns intellektuell bewusst sein, dass wir zu unserem Ehepartner zu kritisch sind. Vielleicht können wir dieses Verhalten ändern, wenn wir uns anstrengen. Aber wenn wir den Begriff der Einprägung verstehen, dann wissen wir, dass alles, was die eingeprägte Erinnerung nicht direkt angreift, keine permanente Veränderung bewirken kann. Wir können uns bewusst sein, dass wir zu hart arbeiten und unsere Familie vernachlässigen, aber wenn in uns ein Motor läuft, der uns gnadenlos antreibt, ist diese  Bewusstheit nutzlos. Gedanken sind kein ebenbürtiger Gegner für die Gewalt der Kräfte in Hirnstamm und limbischem System, die, woran ich den Leser erinnern möchte, in jeder Hinsicht mit Überleben zu tun haben. Es gibt immer eine Vernunfterklärung für unser Verhalten: "Ich muss fortgehen und hart arbeiten, um meine Familie richtig zu unterstützen." Wir haben dieser Art von Neurose in unserer Kultur zugestimmt, die harte Arbeit, Ehrgeiz und gnadenlose Anstrengung bewundert. Getrieben-Sein gehört zu den am weitesten verbreiteten Formen der Neurose. Wenn wir nur wüssten, wie man die Gleichung zu Ende bringt: getrieben
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von.............. (Antwort: Bedürfnis). Übersetzung: Ich wurde in meiner Kindheit nicht geliebt, und ich stehe unter Schmerz, der mich unaufhörlich antreibt. Und außerdem kann ich nicht aufhören, weil meine Geburtseinprägung so beschaffen war, dass aufzuhören gleichbedeutend mit Sterben war. Ich muss weitermachen, damit ich mich nicht hilflos fühle- nichts machen zu können. Das sind die Wahrheiten, die wir finden, wenn wir unsere Einprägungen fühlen - die Wahrheiten, die, wenn sie gefühlt worden sind, unser Getrieben-Sein beenden und uns ermöglichen, endlich zu entspannen.

Warum ist kognitive Therapie heutzutage so weit verbreitet? Zum großen Teil, weil es viel leichter und schneller (und billiger) ist, einen Gedanken auszutauschen als ein Feeling. Auf Einsicht und Kognition beruhende Ansätze appellieren tendenziell an Leute, die "in ihrem Kopf leben." Das trifft auf Patient und Therapeut zu. Wahrscheinlich erkennen weder der Patient noch der Therapeut das Ausmaß der Geschichte, die wir mit uns herumtragen, und wie sie unser Denken beeinflusst. Wie sonst könnten wir die fürchterlichen Dinge ignorieren, die unseren Patienten in ihrer Kindheit widerfahren? Nirgendwo in der kognitiven Literatur habe ich eine Diskussion von basalen Bedürfnissen als entscheidenden Faktor für die Persönlichkeitentwicklung gesehen, eine Diskussion darüber, warum die Person impulsives Verhalten nicht zügeln kann. Wie ich erwähnt habe, alarmieren die von unten aufsteigenden Fasern, die vom Hirnstamm und den assoziierten limbischen Netzen ausgehen, den Kortex bei Gefahr; sie sind zahlreicher und stärker und agieren schneller als die absteigenden hemmenden oder inhibitorischen Fasern, die, wie wir wissen, erst später in der Evolution auftauchen. Hier sehen wir in rein neurologischen Begriffen, dass Gefühle stärker als Gedanken sind.

Früher Liebesmangel bedeutet, dass es zu einer weiteren Degradierung dieses absteigenden Hemmungssystems kommt, nicht nur wegen kortikaler Schwäche, sondern auch, weil die limbisch-amygdalischen Kräfte, die die Einprägung beinhalten, von enormer Gewalt sind und den Kortex drängen, die Botschaft zu akzeptieren. Die aufgestaute Amaygdala platzt förmlich aus allen Nähten und will ihre Gefühlslast loslassen. Die vorherrschende Richtung, in die sie gehen kann, wird von der Evolution bestimmt - nach oben und außen - womit sie sich auf den frontalen Kortex auswirkt. Es gibt nur eine Richtung, in die Verdrängung marschieren kann - und die ist nach unten, um diese Gefühle zurückzuhalten. Gedanken können genau wie Tranquilizer bei dieser Aufgabe helfen. Ich vermute, dass Therapeuten, die Therapien praktizieren, die Geschichte verleugnen und Einprägungen und Biologie verleugnen, ironischerweise als Funktion ihrer eigenen Geschichte von solchen Therapien angezogen werden. Solange Verknüpfung und Zugang schwach ausgeprägt sind, ist der Therapeut offen für jede Art von Gedanken, die ihn intellektuell ansprechen. Und was ihn intellektuell anspricht, ist, was von seinem Unbewussten diktiert wird. Und das bedeutet, dass er eine Therapie wählen könnte, die auf der Basis von Verleugnung funktioniert, wie z.B. die kognitive, weil er selbst auf der Basis von Verleugnung funktioniert. Er trifft therapeutische Entscheidungen, die diesem Diktat gehorchen.
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Wenn ein Therapeut unbewusst ein Bedürfnis nach Macht hat, neigt er dazu, über den Patienten zu bestimmen; es können Anleitungen für Lebensführung, Beziehungen, Entscheidungen sein und vor allem Einsichten. Er wird dem Patienten seine Gedanken, seine Verhaltensinterpretation aufdrängen. Das Wichtigste an seiner Therapie ist, was er sagt, und nicht, was der Patient fühlt.

Wenn der Therapeut das Bedürfnis hat, hilfreich zu sein und "Liebe" vom Patienten zu bekommen, kann er das in der Therapie ausagieren. Ich erinnere mich noch, dass ich das Bedürfnis hatte, Therapeut zu werden und zu helfen, weil ich symbolisch versuchte, meiner psychisch kranken Mutter zu helfen, dass sie gesund wird und eine wirkliche Mutter sein kann. Niemand ist frei von symbolischem Verhalten. Und es ist für einen Patienten sicherlich bequemer, seine Bedürfnisse auszuagieren und sie in der Therapie (symbolisch) erfüllt zu bekommen und sich vorzustellen, er werde damit irgendwas erreichen, als den Schmerz über mangelnde Befriedigung zu fühlen. Es ist verständlich, dass die Vorstellung, weinend und schreiend auf einem Mattenboden zu liegen, einigen Leuten nicht gefällt. Schmerz ist nicht immer eine verlockende Aussicht. Somit kann sich der kognitive Einsichtstherapeut ähnlich wie der Patient täuschen lassen und sich in dieselbe Illusion verheddern: Beide bekommen Liebe dafür, dass sie klug sind. Es ist ein unbewusster wechselseitiger Täuschungspakt.

Jedesmal, wenn wir nicht in Gefühlen verankert sind, sind wir für alles und jeden zu haben - jeder Gedanke erfüllt den Zweck. Es ist gut, dass der linke frontale Kortex formbar ist, aber schlecht, weil er zu formbar ist. Es ist der Unterschied, wenn man einen offenen Geist hat, und wenn man einen Geist hat, der so offen wie ein Sieb ist. Der Unterschied besteht darin, einen linken frontalen Kortex zu haben, der für das rechte Gehirn offen ist, im Gegensatz zu einem Geist, der für andere und ihre Suggestionen zu offen ist, eben weil er für seine bessere Hälfte nicht offen ist. Aus diesem Grund kann ein Wissenschaftler eine Menge über Neurologie verstehen, aber eine Therapie praktizieren, die nichts mit dem Gehirn zu tun hat, was ich immer wieder gesehen habe - die Gabelung des Bewusstseins. Was er oder sie wissenschaftlich weiß, lässt sich wegen der Nicht-Vernüpfung oder Dissoziation nicht auf die andere Kopfseite übertragen. Er/sie kann äußerst intellektuell-bewusst und gleichzeitig äußerst unbewusst im Sinne verknüpften (vollen) Bewusstseins sein.

Bei den Therapien der (äußeren) Erscheinung bleibt die Therapie ziemlich dieselbe, egal, was nicht stimmt. Die Freudianer "haben sich" mit Entwicklung und Pathologie. Dem folgen sie ohne Rücksicht darauf, was mit dem Patienten nicht stimmt, und es summiert sich alles zu Einsichten und noch mehr Einsichten. Andere Therapeuten spezialisieren sich auf Traumanalyse. Sie machen das ohne irgendeinen Beweis ihrer Wirksamkeit außer Patientenberichten. Es gibt keine physiologischen Messungen. Sie vernachlässigen die Tatsache, dass sich Erfahrung neurophysiologisch festsetzt und nicht nur als Gedanke; sie vernachlässigen die Essenz, das Wesentliche.

Ein anderes Beispiel für Essenz versus Erscheinung: Wir können einen Tranquilizer nehmen, um besser zu schlafen, Schlafprobleme zu vermeiden, Ausagieren zu unterdrücken,
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keine Angst mehr zu fühlen, weniger aggressiv zu sein und weniger deprimiert, Bettnässen und vorzeitige Ejakulation zu beenden und mit Alkohogebrauch und Drogenkonsum aufzuhören. Eine spezifische Schmerzpille kann diese universelle Aufgabe erledigen. Warum? Weil die Essenz, der Schmerz, hinter all diesen unterschiedlichen Symptomen steckt.

Schmerz bleibt immer Schmerz, egal, welches Etikett wir ihm anheften oder wie wir ihn verleugnen wollen. Ob wir uns ignoriert oder erniedrigt oder ungeliebt fühlen, der Schmerz ist derselbe und wird von den denselben Strukturen verarbeitet. Der frontale Kortex verpasst ihm verschiedene Aufkleber, und wir agieren verschieden aus, aber die Schmerzzentren behandeln ihn als ein- und dasselbe. Ist es nicht sonderbar, dass wir denselben Tranquilizer benutzen, um Depression und Bettnässen von Kindern zu bessern? Vielleicht ist es eine einzige Krankheit mit verschiedenen Manifestationen, und wenn wir die generierende Ursache mit Medikamenten behandeln, verschwinden die ganzen Manifestationen für kurze Zeit. Von Prozac sollten wir eine ziemlich offensichtliche Lektion lernen: Es blockiert jegliche Art von Symptom. Wenn deshalb auch wir in der Gefühlstherapie die verursachenden Kräfte attackieren, können wir alle diese unterschiedlichen Symptome unnötig machen und beseitigen. Zu beachten ist auch, dass es sich um eine nonverbale Medikation handelt, die zwanghaftes Denken beruhigt. Es sagt uns auch etwas über die Beziehung tieferer Zentren, wo es keine Gedanken gibt, zu Gedankenprozessen höherer Ebene, die mit Vorstellungen und Gedanken zu tun haben.

Bei einer anti-dialektischen Methode, welche die der  Erscheinungen ist, gibt es keine zentrale Motivationskraft. Es gibt keinen Kampf entgegengesetzter Kräfte, die uns bewegen und lenken. Es bleibt alles an der Oberfläche - statisch. Und weil die Methode die tiefen widerstreitenden Kräfte nicht beachtet, die uns bewegen, besteht kein Grund, die Geschichte des Patienten zu erforschen. Alles ist nicht-dynamisch. Behandlung auf Grundlage dialektischer Prinzipien bedeutet, dass es kein Ego oder mystische Kräfte geben kann, die aus heiterem Himmel enstehen und eine mechanische, vererbte "Gegebenheit" enthalten. Wenn man die Dynamik außer Acht lässt, hat die Therapie keine andere Wahl als mechanisch zu sein.

Ich habe Patienten gesehen, die jahrelang Marihuana geraucht haben. Oft sind sie leicht paranoid, wenn sie zu uns kommen. Sie rauchen sich in eine partielle Lobotomie, weil auf der rechten Seite durch Marihuana Gefühle aktiviert werden, während die Kontrollmechanismen der linken Seite sich verringern. Das entfesselt Gefühle, die zum präfrontalen Kortex aufsteigen und dort zu sonderbaren, höchst argwöhnischen Gedanken verdreht werden. Diese Gedanken sind ein Versuch, mit den hochbrandenden inneren Kräften fertig zu werden. Wie beschaffen sind diese Kräfte? Wenn sich jemand zum Beispiel von früh auf ungeliebt fühlt, wird Marihuana diese Gefühle freisetzen. Sie steigen auf, aber nicht direkt; vielmehr werden sie gefiltert. Das Gefühl "Nicht nur, dass sie mich nicht lieben - sie wollen mich sogar verletzen" wird zu "Der Eismann hat einen Anschlag auf mich vor. Er will mich verletzen." Oder in milderer Form: "Mein Freund war nicht sehr nett heute; vielleicht
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hat er was gegen mich." Oder wenn ein Freund/Freundin helfen will, nimmt er/sie es als Zeichen, dass er oder sie schwach und hilflos ist.

Vertauschungen gibt es ohne Ende, aber daraus filtert sich ein knapper Satz von Bedürfnissen und Schmerzen heraus. Wenn wir nicht sehen können, wie argwöhnische Gedanken aus entfesselten Gefühlen entstehen, werden wir Paranoia nie verstehen - wie der frontale Kortex ein einfaches Bedürfnis ("Liebe mich, Mama! Ich fühle mich so ungeliebt") nehmen kann und es verdreht zu: "Sie mögen mich wirklich nicht. Sie haben etwas gegen mich." Das "sie" in seinem Kopf ist wirklich Mutter, die ihn nicht mag. Das ist so schmerzvoll, dass es als "sie" verallgemeinert wird.

"Nun," sagt vielleicht der kognitive Therapeut, "sie haben nichts gezeigt, das darauf hindeuten würde, dass sie Sie nicht mögen, warum also kommen Sie nicht einfach darüber hinweg?" Oder: "Muss Sie jeder lieben? Können Sie ohne Zustimmung der ganzen Welt nicht zurecht kommen?" Oder: "Schauen Sie, es stimmt wirklich nicht. Hat er Sie nicht gestern angerufen und gefragt, wie Sie sich fühlen?"

"Ich denke, das stimmt," sagt der Patient. Aber das Gefühl im Inneren des Patienten sagt: "Ich fühle mich noch immer ungeliebt."

In einem Buch von Ervin, Bankert und DuPaul gibt es ein Kapitel über ADD (Attention Defizit Disorder). Nicht unerwartet beginnen sie, indem sie behaupten, ADD stehe in Verbindung mit kognitiven Defiziten einschließlich einem "Mangelbewusstsein des eigenen Verhaltens." Sie raten, Kindern beizubringen, Aspekte ihres Verhaltens zu beobachten und sie aufzuzeichnen. Keine schlechte Idee, aber nicht als Therapie sondern vielmehr als erster Schritt in der Therapie. Sie räumen ein, dass ADD auch ein Problem schlechter Impulskontrolle und mangelhafter Selbstregulierung sei. Lösung: "Ihr eigenes Verhalten durch die Verstärkung sozial akzeptierter verbaler-nonverbaler Beziehungen zu kontrollieren."2 Was sie vorschlagen, ist die Unterstützung des kortikalen Kontrollsystems von oben nach unten und nicht von unten nach oben - um (intellektuelle) Bewusstheit zu stärken und gegen die Evolution zu arbeiten, nicht mit ihr. Sie nehmen es als gegeben, dass es unkontrollierbare Impulse gibt, und machen sich daran, Kontrolle zu lehren. Wenn Evolution vernachlässigt wird, gibt es nichts mehr, was als Beziehung zwischen dem Vorhergehenden und dem sich Ergebenden bekannt ist. In diesem Sinn sind sie der Freudschen Position nahe, die eine Ableitung der religiösen Auffassung ist: Wir werden von Dämonen bewohnt (ES: negative Impulse oder Schattenkräfte), und wir müssen sie kontrollieren, damit sie uns nicht besiegen. Die Kognitivisten würden nie zugeben, dass sie Freudianer sind, aber wenn sie Impulse als Gegebenheit nehmen, sind sie es.

Religion verleiht unseren verborgenen "teuflischen" Kräften eine moralische Färbung, aber es läuft auf dasselbe hinaus. Psychologie wird zur Religion mit anderem Namen. Wenn nicht, was sind diese Impulse? Woher kommen sie? Sind es unveränderliche
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Kräfte, die man nicht beeinflussen kann? Wenn nicht, wie verändern wir sie? Ihr Leitmotiv ist, dass in uns Dämonen leben, die unabänderlich und namenlos bleiben, eine Art genetisches Böses. Wir werden damit geboren, und genau das ist es. Hierin schließen sich die Kognitivisten den Freudianern an, die sich den Jungianern anschließen, die sich den Priestern anschließen in der Ansicht, dass es unsere Hauptaufgabe sei, diese düsteren, teuflischen Schattenkräfte unter Kontrolle zu halten. Der Grund, dass so viele Psychologen diese negativen Kräfte als unveränderbar betrachten, ist, dass es wirklich keinen Weg gibt sie zu verändern, wenn man keinen Zugang in die Tiefe hat, und folglich sind sie unveränderbar. Das ist ein Beispiel für zirkuläre Logik.

Eine Studie ergab, dass kognitive Behandlung nicht besser abschnitt, als wenn man kortikale Stimulanzien verabreichte, die den Kortex effizienter machten. Mit anderen Worten leisten Drogen und Worte dasselbe. Die Impulse jedoch sind nicht unveränderbar, sondern vielmehr in hohem Maße veränderbar, wenn wir sie erst verstehen. Aufgrund einer lieblosen, traumatischen frühen Kindheit kann die Person der Amygdala oder dem Hirnstamm nicht Einhalt gebieten, weil sie die neurologische Ausrüstung nicht hat; sie hat einen geschwächten präfrontalen Kortex, der dafür zuständig wäre. Der Kognitivist fügt sein frontal-kortikales Gewicht dem des Patienten hinzu, so dass ihre zusammengeschweissten Gedanken zur Kontrolle tiefer liegender Kräfte beitragen. "Du bist stark. Du kannst Erfolg haben. Ich helfe dir, es zu versuchen. Du denkst nur, du seist ein Versager, aber du bist keiner. Du bist ein wirklich guter Mensch, nicht der böse, der du zu sein glaubst." Wir sehen das in einem Experiment, über das in einer Ausgabe (2002) von Nature berichtet wurde, wobei elektronische Stimulierung des präfrontalen Kortex Ratten davon abhielt zu erstarren, nachdem sie konditioniert worden waren, dies zu tun, sobald sie einen bestimmten Ton hörten (der mit einem elektrischen Schlag kombiniert war).3 Wenn der Therapeut und der Patient ihre Gedanken in einer Einsichts-Sitzung kombinieren, unterscheidet sich das nicht von einer elektrischen Stimulierung dieses Bereichs. Kurz gesagt blockiert es die Erfahrung von Schrecken und Schmerz.

Wie unterscheidet sich diese psychologische Auffassung von der religiösen? Der Unterschied ist, dass Psychologen nicht das Wort teuflisch benutzen sondern von negativen Kräften reden. Zurechtgestutztist es ein und dieselbe Sache. Und natürlich sind die meisten gegenwärtigen Fernseh-Psychologen Televangelisten in psychologischem Gewand. Sie erfreuen sich großer Beliebtheit, weil sie aktuelle religiöse Gebote mit Psycho-Jargon kombinieren (Denken Sie an Wayne Dyer). Es konfrontiert niemanden; es bestärkt die Leute nur in ihren Vorurteilen. Es bietet ihnen den amtlichen Stempel.

Dann gibt es die Drogentherapien. Man verabreicht Patienten eine Vielzahl von Drogen für nahezu jeden Zustand. Mit dem Patienten zu reden, ist zweitrangig. Patienten sind ängstlich, also gibt man ihnen eine bestimmte Art Droge. Sie sind deprimiert, und man gibt ihnen eine andere Art Droge. Und oft haben die Drogen dieselbe Wirkung auf das Gehirn: Sie töten Schmerz. Und wenn die Drogen, die wir Patienten verabreichen,
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nicht wirken, erhöhen wir die Dosis. Und wenn das nicht funktioniert, wechseln wir die Droge/das Medikament. Unterdessen unternimmt man keinen Versuch herauszufinden und sich darum zu kümmern, warum sie deprimiert sind. Auch wenn wir verzweifelt versuchen, genetische Ursachen zu finden, ist Depression kein notwendiger Bestandteil der menschlichen Bedingung.

Vor kurzem konnte man in einem Zeitungsartikel über eine Frau lesen, die gegen ihren Psychiater klagt, weil ihr Ehemann suizidal war und sein Arzt ständig seine Medikamente wechselte. Sie sagte, dass es ihm daraufhin schlechter ging. Die Ärzte verließen sich auf Erscheinungen anstatt auf Essenzen und ließen sich möglicherweise dazu verleiten. Sie behauptet, dass niemand mit ihm redete. Hier ist ein Fall, wo auch nur ein bisschen Reden und etwas Sympathie geholfen hätte. Das hat seinen Platz. Vielleicht waren Drogen nicht die richtige Antwort. Die Methode erspart die Mühsal, sich mit der Vergangenheit des Patienten und seinem Lebensanfang auseinanderzusetzen. Es erspart die anstrengende Bemühung, mit dem Patienten zu reden und mit ihm mitzuleiden. Gerade das, für den Patienten etwas zu empfinden, kann Empathie vermitteln und therapeutisch sein.

Eine Behandlung, die hauptsächlich die Verabreichung von Drogen involviert, betrachtet den Patienten als "Fall." Nach einigen wenigen flüchtigen Fragen gibt es keine persönliche Interaktion. "Erzählen Sie mir von ihrem Symptom aber nicht von ihrem Leben. Erzählen Sie mir davon, nicht von sich selbst." Das ist kein gutes Gefühl. Aber dann sind da die wirtschaftlichen Gründe. Wenn man jede Stunde viele Patienten sieht, wird es schwer, Mitleid zu fühlen oder viel über den Patienten in Erfahrung zu bringen. Nachdem wir einen langen Fragebogen ausgefüllt haben, sehen wir den Arzt den Behandlungsraum betreten und die Liste durchgehen; er ist gar nicht in der Lage, das Wesentliche über uns aufzunehmen. Geschichte ist ein weiteres Opfer in der Therapie der Gegenwart, sowohl in der medizinischen als auch in der psychologischen. Heutzutage ist die Psychiatrie zu einem Zweig der pharmazeutischen Industrie geworden. Sie sagen uns, welche Drogen wirken, und wir benutzen sie. Die Versicherungsgesellschaften zahlen nicht dafür, dass wir in der Geschichte des Patienten forschen, uns Zeit nehmen, etwas über sie oder ihn herauszufinden. Sie zahlen für sofortige Ergebnisse. Die Schlussfolgerung: Wir entwickeln neue therapeutische Theorien, um uns der Vergötterung der intellektuellen, auf Drogen basierenden, im Hier-und-Jetzt operierenden Methoden anzupassen. Wir haben unsere Rechtschaffenheit gegen Bezahlung abgetreten. Wir tun es nicht bewusst, aber wir ernähren unsere Familien nicht, wenn wir uns der neuen Realität nicht anpassen.

Natürlich sind kognitive Ansätze ideal, weil der Therapeut im Wesentlichen sagen kann: "Kommen Sie darüber hinweg" und "Danke, dass Sie gekommen sind." Im neuen Zeitgeist ist es das Ziel der kognitiven Therapie, dem Patienten darüber hinweg zu helfen und nicht, die grundlegende Dynamik zu verstehen. Grundlegend im Menschen ist sein Reservoir an Schmerz und wie es sein Verhalten steuert. Sobald wir Grundbedürfnisse übersehen, werden wir in intellektuelle Bewusstheit geworfen, weil sie Anfang und Ende des verknüpften Bewusstseins sind. Wir können das Reservoir nicht sehen, wenn wir uns allein auf intellektuelle Bewusstheit konzentrieren.
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Deshalb können wir den Grund nicht sehen, warum so viele Leute auf Drogen sind - legale und illegale. Wir versuchen das Bedürfnis mit Worten auszustanzen, aber wir verlieren diesen Krieg, weil das Bedürfnis stärker als irgendjemand oder irgendetwas ist. Es wird nicht unterdrückt bleiben. Niemand ist stärker oder ‚heller' als sein oder ihr Bedürfnis, weil das Bedürfnis unentwirrbar mit Überleben verstrickt ist, und Überleben regiert. Wenn wir das Verlangen nach Drogen beenden wollen, müssen wir uns basalen Kindheitsbedürfnissen zuwenden und mit der Art und Weise beginnen, wie wir unsere Kinder zur Welt bringen.

AUF DEM GEFÄHRT DES FÜHLENS FAHREN

Wir müssen Gedanken als Teil eines Kraft-Gegenkraft-Gleichgewichts betrachten. Gedanke und Glaube sind oft ein Versuch, ein Gegengewicht zu tieferen Gefühlen zu schaffen. Ein schlechtes Gefühl weiter unten kann einen ausgleichenden Gedanken weiter oben erzwingen. Hoffnungslosigkeit in der Tiefe lässt vielleicht ganz oben religiöse Gedanken entstehen, die Hoffnung verkörpern. Die Gedanken eines Menschen sind oft ein - wenn auch unbewusster - Versuch, eine Lösung zu finden - sich zu normalisieren. Das Gefühl absoluter Hoffnungslosigkeit zwingt jemanden, irgendwo Hoffnung zu finden, so dass man nicht in selbstzerstörerischen Gedanken versinkt.

Sehen wir uns an, wie das physiologisch funktionieren kann: Ein Kind, ein Junge, hat keine Hoffnung, jemals die Liebe seiner Mutter zu bekommen. Er weiß es nicht, aber sein Verhalten zeigt es. Um zu verhindern, dass dieses schmerzvolle Gefühl verknüpft und bewusst wird, kommt es zu einem Anstieg des Serotonin-Ausstoßes. Dieses Serotonin kontrolliert vielleicht auch die Dopamin-Freisetzung, die hoffnungsvollen Gedanken zugrunde liegen kann. So schaltet sich Serotonin ein, um Hoffnungslosigkeit zu blockieren, dann wird Dopamin abgesondert, um die Produktion von Glaubensüberzeugungen zu unterstützen, die Optimismus und Hoffnung beinhalten. Übrigens gibt es Beweise, dass Süchtige weniger Dopamin-Rezeptoren als normal haben. Frühe Traumen destabilisieren vielleicht die Dopamin-Sollwerte und erzeugen unter anderem Anhedonie - völlige Genuss-Unfähigkeit. Auch der Tranquilizer-Gebrauch einer schwangeren Mutter kann dies zustande bringen.

In den 1940er und1950er Jahren versuchten wir Patienten aus ihren bizarren Gedanken herauszureden, weil wir dachten, es handle sich um Geisteskrankheit. Also benutzten wir geistige Techniken. Wir waren uns sicher, ihr Problem war, dass sie irrationale Gedanken beherbergten. Alles, was Patienten tun mussten, war, vernünftig zu werden. Der Körper, in dem diese Gedanken lebten, fand keine Erwähnung. Jetzt wissen wir, dass diese Gedanken einen Sinn ergeben, wenn man sie mit den generierenden Ursachen verknüpft, die ihnen Leben einhauchten. Muss ich es wieder sagen? Worte allein genügen nicht!

An früherer Stelle erwähnte ich einen Patienten namens Dan, der, da er von einer grausamen Mutter verletzt worden war, sich einbildete, andere wollten ihn ebenso verletzen. In einer Sitzung am Anfang der Therapie erzählte Dan von einer Geschichte über ein Erlebnis, das er
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bei einer Hochzeit hatte. Er saß im Auto und eine Freundin ging auf die Kirche zu. Sie winkte ihm zu und ging weiter. Er wurde wütend, weil sie nicht wartete, bis er eingeparkt hatte. Er redete kein Wort mit ihr während und nach der Hochzeit. Als in einer Sitzung sich die Gefühle entlang seiner ‚Wutkette' nach unten bewegten, kam die Erinnerung an seine Mutter ins Bild; die Wut auf sie, weil sie sie ihm die ganze Zeit Schmerz zugefügt hatte, überkam ihn. Dann, tief unten, inmitten einer Flut von Tränen und mit kindlicher Stimme: "Schau mich an, Mama! Tu mir nicht mehr weh. Bitte!" Jedes Zeichen, das dieses Feeling auslöste, produzierte paranoide Gedanken wie: "Sie mögen mich nicht."Seine Eltern schickten ihn mit 7 Jahren aufs Internat, weil sie ihn wirklich nicht mochten. Er hatte das Gefühl, dass ihn niemand mochte. Er suchte nach Anzeichen, die dieses unbewusste Gefühl bestätigten und fand sie. Er konnte gut zurecht kommen, bis es dann auch nur eine leise Andeutung von Gleichgültigkeit gab, die das alte Feeling auslösen konnte.

Primärtherapie ist eine Reise zu den archaischen Festungen der Seele.



Nehmen wir an, wir wollten kognitive Einsichtstherapie auf ihn anwenden und erzählten ihm, dass der Grund für seinen Argwohn und seine Überempfindlichkeit darin bestehe, dass seine Eltern ihn nicht liebten. "Oh," würde er ausrufen, "ich denke , Sie haben Recht." Er wusste, dass seine Eltern ihn nicht sehr mochten und ihn weggeschickt hatten, weil er ihnen im Weg war. Sie ließen sich scheiden und machten das Kind dafür verantwortlich. Um über diese Paranoia hinwegzukommen und mit mit anderen zurecht zu kommen, musste er sich in der Therapie zuerst ungeliebt fühlen; sie bitten, ihn nicht wegzuschicken; sagen, wie sehr er verletzt ist; die Qual dieser Verletzung im Kontext fühlen; und dann und nur dann konnte er aufhören, paranoide Gedanken zu entwickeln.

Ich weiß, es klingt sonderbar, dass ein erwachsener Mann seine Eltern bitten muss, ihn 30 Jahre früher nicht wegzuschicken, aber dieses Bitten ist dort mitsamt der Verletzung noch immer eingraviert. Wenn der Patient mit zusammengepressten Händen auf die Knie fällt und mit kindlicher Stimme fleht, strömen die Tränen. Wenn Patienten ihre Eltern um Hilfe bitten, werden ihre Stimmen die kleiner Kinder, nicht weil man sie so anweist, sondern weil sie im Griff dieses Gehirns sind, das sich damals mit den Emotionen befasste. Und wegen der all der damals nicht vergossenen Tränen müssen sie diese jetzt verströmen; das Weinen geht lange Zeit weiter. Bleiben sie im Inneren, machen sie uns schließlich krank. Tränen sind ein natürlicher Prozess; die Blockierung natürlicher Prozesse macht das System unnatürlich.
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Dr. Goodman erinnert mich, dass im Buch der Psalmen Gott Hezekias Tränen in einer Flasche aufbewahrt und ihm dann ein längeres Leben gewährt. Jemand wusste, dass Tränen wichtig sind.

DER PATIENT HAT DIE MACHT

Neurotisch sein ist eine lebenslange Strafe, aber wir können diese Strafe kürzen. Primärtherapie ist eine Reise zu den archaischen Festungen der Seele. Das Wundervolle an der Erforschung der Bewusstseins-Tiefen in unserer Therapie ist, dass wir es geschafft haben, in die tiefsten Ebenen des Gehirns hinab zu spähen. Das bedeutet, dass wir über die Natur des Menschen nicht mehr theoretisieren müssen; wir können sie in ihrem geheimnisvollen Urzustand beobachten. Das Problem liegt darin, dass wir nicht gewusst haben, welche Bedürfnisse es gibt und wie früh sie beginnen. Wir wissen jetzt, dass basale Überlebensbedürfnisse im Mutterleib beginnen - wenn wir sehen können, was mütterliche Depression dem Fetus antut oder was ein Autounfall dem Baby in utero antut. Wir sehen, wie Terror eingeprägt wird; deshalb wissen wir, woher Angst kommt. Wir haben herausgefunden, das das Bedürfnis nach Sauerstoff vordringlich ist. Das ist das frühe Schlüsselbedürfnis, denn es geht dabei um Leben und Tod. Wir sehen die Anfänge von Persönlichkeit und Neurose, was früher nicht möglich war. Wir wissen, was emotionalen Schmerz verursacht. Wir wissen, was für eine fürchterliche Macht er hat; und das lässt uns wissen, wie er körperliche Krankheit erzeugen kann. Meines Wissens ist es das erste Mal, dass wir einen so profunden Einblick in die Natur des Menschen haben. Es hilft uns zu verstehen, welchen Beitrag zur menschlichen Bedingung Erziehung leisten kann und was die wahre Natur des Menschen ist. Ist er im Grunde gewalttätig? Es scheint, dass er, wenn seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, die eingebaute Fähigkeit zur Gewalt hat. Wenn sie erfüllt werden, scheinen Menschen empathisch, freundlich und liebevoll zu sein. Was wir in den Tiefen des Bewusstseins gefunden haben, ist ein Wegweiser für richtige Kindererziehung.

Jedesmal, wenn wir in der Primärtherapie die Gefühlsblockaden beseitigen, kommt es zu beträchtlicher Bewusstseinserweiterung, da es zur Verknüpfung mit dem linken präfrontalen Areal kommt. Jeder Aspekt eines Feelings muss voll wiedererlebt werden, wenn Heilung erreicht werden soll. Auch unsere Empfindungen (zum Beispiel der Grund, warum wir außer Atem sind oder Erstickungsgefühle haben) müssen schließlich intellektuell- bewusst und verknüpft-bewusst werden. Wenn wir es in der Therapie mit diesen Empfindungen zu tun haben, helfen wir dem Patienten, falls er so weit ist, in sie hinein, so dass er sie in den richtigen Zusammenhang bringen kann. Ich sollte diesen Punkt betonen: der Patient liefert den Zusammenhang. Wir beobachten und helfen. Es macht nicht immer Spaß, aber gewiss ist es erleichternd. Und wenn sich das Bewusstsein erweitert, kommt es auch zu tieferer (intellektueller) Bewusstheit, und die Fähigkeit zu fühlen nimmt zu. Verknüpftes Bewusstsein bedeutet Integration. Integration bedeutet
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Balance, ein Zustand, der physiologische Entsprechungen hat und sich an unserer Biochemie und am Muster unserer Gehirnwellen ablesen lässt. Nichts davon ist durch intellektuelle Bewusstheit möglich. Sie gleitet in behaglicher Umnachtung an der Oberfläche entlang. Allzu oft ist Bewusstheit ein theoretisches Konstrukt; die Theorie oder Auffassung eines anderen, was mit uns nicht stimmt und was normal ist.

Der Patient, nicht der Therapeut, ist in unserer Therapie das Zentrum der Macht. Er entscheidet, wann er kommt, wann er an diesem Tag geht und wann er die Therapie auf Dauer verlässt. Wenn der Patient Probleme hat, wird sie oder er in die Personalsitzung eingeladen, damit sie als Gleichwertige, nicht als Fall, ihre Situation erörtern. Wir hören dem zu, was sie oder er sagt, weil ich herausgefunden habe, dass Patienten, wenn sie einmal Zugang haben, sehr gut beurteilen können, welche Art von Therapie sie brauchen. Nicht immer, aber oft. All das geschieht nicht aus Rechthaberei sondern zum Wohl aller Patienten. Es lässt sich leicht machen. Es hat damit zu tun, Leben zu retten. Vor allem entscheidet der Patient, was Einsichten sind. Alles, was er lernen muss, liegt bereits in ihm; er muss es nur ‚anzapfen.' Und wenn es herauskommt, entdeckt er, welches Verhalten und welche Gedanken real waren und welche nicht real waren. Mit Gefühlen vereinte Gedanken harmonisieren das System.

Nach der Therapie sollte es vorhersagbare Veränderungen in Verhalten und Physiologie geben, die man mit der Zeit messen kann; das ist ein Standard, der für alle Therapieformen gelten sollte.


Nach der Therapie sollte es vorhersagbare Veränderungen in Verhalten und Physiologie geben, die man mit der Zeit messen kann; das ist ein Standard, der für alle Therapieformen gelten sollte.

Primärtherapie, die aus zahlreichen Forschungsstudien und Jahrzehnten klinischer Erfahrung entstand, zeigt, dass wir eine traumatische Geschichte tatsächlich umkehren können, indem wir Patienten zurückgehen und die überwältigende Szene/Gefühl/Bedürfnis aus der Kindheit wiedererleben lassen. Indem wir dies tun, können wir das Maß inneren Schmerzes und deshalb auch die Abhängigkeit von Schmerztötern verringern.

Wir haben bei unserer Forschung EEGs (Elektroenzephalogramme) benutzt, und sie können die relative Stärke und Position elektrischer Aktivität in verschiedenen Gehirnregionen bestimmen. Indem wir Veränderungen verfolgen, die sich bei dieser Aktivität im Verlauf der Therapie bei einem Patienten ergeben, können wir Gehirnareale und Aktivitätsmuster bestimmen, die Drogenabhängigkeit und verwandte suchtartige Phänomene kennzeichnen. Primärtherapie ändert ebenso die biochemischen Substanzen, die wir in unserem System tragen.
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Zum Beispiel erzeugt das aktivierende Hormon Noradrenalin tendenziell Wachsamkeit und Aktivierung, während Serotonin bremsend wirkt. Noradrenalin beinhaltende Axone entwachsen hauptsächlich dem Locus ceruleus, der in gewisser Hinsicht das Terror-Zentrum des Gehirns ist. Unsere Forschung über die aktivierenden Hormone Adrenalin und Noradrenalin (Neurohormone, die mit dem Schmerz einhergehen) ergibt ein Absinken der Werte  um bis zu 66 Prozent nach 6 Monaten Primärtherapie.4 Nach Ablauf von 26 Wochen Primärtherapie ergab sich ein Anstieg des Wachstumshormon-Spiegels um mehr als 200 Prozent, während der Adrenalin-Spiegel um 30 Prozent fiel. In derselben Zeitperiode ergab sich bei Leuten, die nicht in tiefe Gefühle fallen konnten, ein signifikanter Fall dieser Werte.

Nach der Therapie sollte es vorhersagbare Veränderungen in Verhalten und Physiologie geben, die man mit der Zeit messen kann; das ist ein Standard, der für alle Therapieformen gelten sollte. Es ist nicht möglich, Sucht oder Abhängigkeit aufzulösen oder zu beseitigen, ohne über Veränderungen bei neurophysiologischen Zuständen Rechenschaft abzulegen. Zum Beispiel sollte es charakteristische Änderungen der Serotonin-Werte geben, so dass das Individum keine Tranquilizer mehr benötigt. Und natürlich sollte der Stresshormon-Ausstoß signifikant verringert sein. Wenn wir den Serotonin-Spiegel normalisieren, beseitigt das zweifellos das Bedürfnis nach Tranquilizern, deren Hauptzweck darin besteht, das System mit Serotonin zu versorgen.

Wir sind alle aus einem Stück, Teil eines organischen Ganzen. Somit können wir keinen Einzelfaktor wie zum Beispiel Serotonin isolieren, oder einen anderen Faktor wie drogenfreie Zeit, um definitive Aussagen über Sucht oder Genesung zu machen. Man kann das Gehirn nicht mehr als isoliertes Organ betrachten, das vom Schädel umschlossen ist, sondern muss es als Teil eines physiologischen Gesamtsystems sehen. Wenn der Körper also unter Schmerz steht, kann man diesen Schmerz nicht nur im Gehirn finden, sondern ebenso in Hormonen und im Blutsystem. Die Primärtherapie hat nachgewiesen, dass Drogensucht größtenteils auf frühem Schmerz (fehlende Liebe) gründet und dass Schmerz seine Gegenkraft in Gang setzt, nämlich Verdrängung. Wenn das System zwar verdrängt, die Verdrängung aber fehlerhaft ist oder versagt, wenn die Serotonin-Endorphin-Systeme der Aufgabe nicht gewachsen sind, mit dem Schmerz fertig zu werden, dann leidet das Individuum und braucht Hilfe von außen in Form von Drogen, um dieses Leiden zu mildern. Oft sind die äußeren Drogen eine exakte Nachahmung der Biochemikalien, die intern produziert werden sollten. Die schwer Süchtigen, die ich behandelt habe (einschließlich schwerer Raucher) waren von Schmerz der ersten Linie durchsiebt.

Die Stärke einer Einprägung lässt sich oft anhand ihres Gegenspielers - des Verdrängungssystems - messen. Es ist meine Überzeugung, dass Psychotherapie die Verpflichtung hat, Schmerz, seine Verdrängung und seine Wirkung auf die Neurotransmitter-
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und Neurohormon-Systeme zu messen. Sie alle bilden ein Gitter, dass einen Index der Suchtanfälligkeit begründet; es schließt Verhaltensfaktoren ein,zum Beispiel die Fähigkeit eines Patienten, von Drogen und Alkohol Abstand zu nehmen, ist aber nicht darauf begrenzt. Verhalten sagt uns nicht genug, aber die Körperchemie jederzeit.

FALLSTUDIE: CARYN

Es waren erst zwei Monate vergangen, nachdem ich mit Primärtherapie begonnen hatte, als mein Therapeut mir vorschlug, ich solle einen Tranquilizer nehmen. Ich tobte. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich Medikamente genommen. Ich hatte immer versucht, ohne sie zurecht zu kommen und durchlitt lieber enormen physischen Schmerz, bevor ich auch nur einen simplen Schmerztöter genommen hätte.

Was ich nicht wusste aber später in meiner Therapie herausfand, war, dass meine Phobie gegen Medikamente auf genau derselben frühen schmerzvollen Ereigniskette gründete, die es jetzt erforderlich machte, dass ich Medikamente nahm: meine Geburt unter Drogen. Aber nach zwei Monaten Therapie hatte ich noch keine Ahnung.

Zwei Hauptgefühle steuerten meine Phobie gegen Medikamente. Das erste war, dass ich fähig bin, es allein ohne Hilfe zu schaffen und dass ich nichts und niemanden brauche. So bin ich in meinem Leben immer klar gekommen, und es ist die kontraphobische Reaktion gegen die Hilflosigkeit, die ich erlebte, als ich gerade geboren wurde. Meine Mutter war so betäubt, dass sie keine Ahnung hatte, wie ich eigentlich aus ihr herausgekommen bin, und ich war so betäubt, dass ich in meinen ersten vier Lebenswochen unfähig war zu saugen oder auch nur aufzuwachen. Bilder von mir in diesem Alter zeigen mich betäubt, sehr krank aussehend und unfähig, Milch in mir zu behalten. Alles lief geradewegs durch mich hindurch und wieder hinaus. Das andere Feeling, das meine Phobie gegen Medikamente in Gang hielt, war, dass ich äußerst überzeugt davon war, dass alles, was in meinen Körper eindrang, mich vergiften und mich von mir selbst entfernen würde. Das Lachgas, das meine Mutter während der Wegen einatmete und die abschließende Spritze mit einem Anästhetikum, als ich im Begriff war, geboren zu werden, machten in der Tat genau das. Sie vergifteten mich, machten mich bewusstlos und schnitten mich von meinem eigenen Körper ab. Sie ließen mich hilflos und mit dem Tode ringend zurück. Es ging mir schlecht mit großgeschriebenem S.

Aber nach sechs Wochen Primärtherapie hatte ich keine Ahnung von all dem. Für mich war es völlig real und natürlich, dass ich es selbst schaffen und niemals Medikamente in meinen Körper lassen würde. Ich war weiterhin entschieden gegen Medikation, und mein Therapeut schlug sie weitere sechs Monate vor. Dann brach ein traumatisches Ereignis in meinem
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Leben meinen Widerstand, und ich eilte in die Notaufnahme einer Klinik, um Medikamente zu bekommen. Ich brauchte einfach eine Ruhepause von dem Schmerz; ich wollte einfach schlafen.

Ich begann Prozac zu nehmen, in den ersten Tagen 5 mg täglich, erhöhte dann auf 10 mg täglich. Die Indikation war Depression (Schlaflosigkeit, Energiemangel, und dass ich unfähig war, etwas Positives zu erleben). Ich kam nie damit zurecht. Nach drei Tagen auf 5 mg Prozac und meinem ersten Tag auf 10 mg war ich nahezu psychotisch geworden. Ich wachte nachts auf, fühlte mich wie eine kleine Kugel, von allem losgelöst, und ich hatte das Gefühl zu sterben. Nach dieser Erfahrung war ich so schockiert, dass ich aufhörte, das Medikament zu nehmen. In den folgenden Monaten verschrieb man mir noch zwei andere SSRIs. Bei keinem blieb ich dabei. Bei allen hatte ich das Gefühl, verrückt zu werden. Schließlich verschrieb man mir 0,6 mg Zyprexa täglich - eine extrem niedrige Dosis. Ich hatte speziell darum gebeten, denn einer Primal-Freundin mit Symptomen wie bei mir hatte es geholfen. Nach der ersten Einnahme schlief ich die ganze Nacht durch, was seit über 15 Monaten nicht mehr passiert war. Ich blieb bei Zyprexa,.

Die Einnahme von Zyprexa half mir weiterhin, zu schlafen, was mein Arzt nicht glauben wollte. Die Indikation bei Zyprexa ist nicht Schlaflosigkeit sondern Schizophrenie. Was er nicht verstand, war, dass Zyprexa meinen Hirnstamm (erste Linie) beruhigte, was der Grund ist, dass ich die Nächte durchschlief und auch das Übrige bekam, das ich so sehr brauchte. Es ging mir allmählich ein wenig besser, aber ich war weiterhin ständig überwältigt in meinem Leben und unfähig, etwas Gutes zu erleben.

Nach weiteren vier Monaten verbrachte ich die meisten Nächten wieder schlaflos und war in einen ständigen Kampf mit meinem Therapeuten verwickelt, der nach meiner Auffassung die ganze Zeit alles falsch machte. Ich steckte schon wieder in einer Depression. Dann verschrieb man mir zusätzlich zu den 0,6 mg Zyprexa 4,25mg Prozac. Die Indikation war Depression - diese Behandlungskombination war eine neu entdeckte Methode, um Depression zu behandeln.

Und es wirkte Wunder. Nach ungefähr einem Monat begann ich mich anders zu fühlen, verspürte mehr Energie und war weniger negativ. Meine Sitzungen begannen sich zu ändern. Ich erlebte jeweils nur ein Feeling und nicht mehr 10 Feelings, die zugleich hochschnellten. Nach einem Feeling brauchte ich fünf, 10, manchmal 30 Minuten, und dann spürte ich, dass ich wirklich aus dem Gefühl heraus war. Ich hatte zugemacht! Das war mir nie zuvor passiert. Es versetzte mich in die Lage, auf der dritten Ebene wirklich über meine Gefühlserlebnisse nachzudenken
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und sie zu integrieren. Mein gegenwärtiges Leben konnte jetzt nicht mehr so leicht alte Gefühle auslösen und mir war plötzlich langweilig, weil ich nicht mehr ständig eifrig mit Gefühlen kämpfte und darum, in sie zu gelangen; das heißt darum, bis zur nächsten Sitzung zu überleben. Ich litt nicht mehr ständig, und ich war überrascht, weil es für mich der normale Seinszustand war. Ich dachte, es müsse so sein. Jetzt hatte ich in meinem Leben Zeit übrig, und zuerst war ich es nicht gewohnt, so dass ich nicht wusste, was ich tun sollte! Aber dann begann ich, wirklich mehr vom Leben zu haben! Das gab mir die Kraft, wie nie zuvor in schlechte Feelings zu fallen, weil ich jetzt fähig war, wieder aus ihnen herauszukommen, zu einem besseren Leben zurückzukehren und eine Erholungspause einzulegen, bevor das nächste Feeling hochdrängen würde.

Weil mir die Medikation half, nach Gefühlen zuzumachen und Gefühle schärfer umrissen anzugehen, konnte ich plötzlich auch erkennen, wann was in meinem Leben was auslöste. Ich konnte es der Person sagen, die etwas in mir auslöste, und um eine Auszeit bitten, so dass ich es fühlen konnte.

Bevor ich Medikamente nahm, war ich, da in mir ständig alte Gefühle ausgelöst wurden, dauernd in bedeutungslose, erschöpfende Kämpfe mit Leuten verwickelt oder musste mich isolieren, um diese Auslösung zu verhindern.

Das Erstaunlichste aber, das diese kombinierte medizinische Behandlung in mir bewirkt hat, ist, dass es mir half, die Erinnerungs-Ebenen auseinander zu halten. Bevor ich Medikamente nahm, war ich so überwältigt, dass ich eine Sitzung mit Weinen ohne Zusammenhang begann und dann geradewegs in Reaktionen der ersten Linie fiel; das heißt, nicht atmen, sich erdrückt fühlen, etc. Ich konnte kaum separate Emotionen aus Kindheitsereignissen fühlen (zweite Linie). Alles wandelte sich geradewegs in Geburtsfeelings, aber sie verknüpften sich kaum mit Emotionen in meiner Kindheit oder in meinem gegenwärtigen Leben. Das bedeutet, dass ich nicht wirklich fähig war, meine Gefühle oder vielmehr Empfindungen zu integrieren, und dass ich wenige Einsichten hatte, die ich als Grundlage für Veränderungen in meinem Leben nutzen hätte können. Monatelang litt ich einfach weiter in meinem chaotischen Leben. Ich erreichte buchstäblich nichts, was dann wiederum alte Gefühle auslöste. Mit Hilfe der Medikamente begann ich, in meinen Sitzungen etwas zu erreichen - ich bekam Zugang zu meiner zweiten Ebene und fing an sie aufzulösen, und ich fing an, in meinem Leben etwas zu erreichen - durch Veränderungen , die auf Einsichten aus meinen Sitzungen beruhten.

Ein Beispiel dafür, wie medikationsgestützte Primärtherapie meinen Gefühlszugang auf zweiter Ebene verändert hat, sind meine Trennungsgefühle. Als mein erster Freund mich verließ oder als ich den Anruf erhielt, dass mein Vater gestorben war, konnte ich nichts fühlen, sondern war gelähmt. Das waren alles
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Situationen, als ich damals ohne Medikamente nicht reagieren konnte. Die Erfahrung der Trennung, eines plötzlichen Einschnitts, löste immer und sofort meine erste Ebene aus und sorgte dafür, dass ich mich verschloss und überwältigt war. Das Einzige, was ich wusste, war, was ich in Trennungssituationen mit meinem Freund oder Vater fühlte: von einem Moment zum anderen konnte ich kaum noch atmen. Mir wurde extrem übel, meine Knie wurden so schwach, dass ich kaum stehen konnte, und ich wurde beinahe bewusstlos. Ich spürte, wie mich ein "Auslösch"-Gefühl durchzuckte und sekundenlang von mir Besitz ergriff; mir schien es wie eine Ewigkeit. Nach einer solchen Attacke war ich stundenlang desorientiert und saß bewegungsunfähig in einer Ecke. Alle diese beschriebenen Empfindungen sind das, was ich jetzt als Geburtsempfindungen der ersten Linie erlebe.

Dank der Drogen kann ich jetzt in der Primärtherapie nachgeburtliche Trennungssituationen wiederaufsuchen, ohne gleichzeitig von diesem "Auslösch"-Gefühl (das in Wirklichkeit die Empfindung eines plötzlichen Sauerstoffentzugs ist) überwältigt zu werden. Endlich und zm ersten Mal bin ich fähig, das eigentliche Gefühl auf der zweiten Ebene zu erleben: die Verzweiflung über den endgültigen Verlust eines Menschen, den ich unbedingt noch gebraucht hätte: meinen Freund, meinen Vater. Den Verlust und die Trauer hätte ich fühlen sollen, als sie ursprünglich geschahen - wäre ich seit meiner Geburt nicht immer so extrem überwältigt gewesen und wären die Einprägungen in meinem Hirnstamm nicht so leicht auszulösen gewesen. Drogen halfen mir wiederherzustellen, was mir in erster Linie eine liebevolle, drogenfreie und mit Sauerstoff gesättigte Geburt hätte geben sollen: eine gute Gehirnchemie, um darauf eine gesunde Gehirnentwicklung aufzubauen, die es mir ermöglicht hätte, auf Verluste später in meinem Leben angemessen, das heißt, auf fühlende Weise zu reagieren.

Jetzt in der Primärtherapie suche ich mit Hilfe der Medikamente alle diese Trennungssituationen wieder auf. Endlich trenne ich mich von ihnen und von meinen Gefühlen, indem ich sie ausdrücke und die äußerste Verlassenheit und Angst fühle. Endlich kann ich loslassen. Auch häufe ich in meinem gegenwärtigen Leben keine ungefühlten Reaktionen auf Trennungen mehr an, denn wenn ich jetzt in meinem Leben mit einer Trennung konfrontiert bin, kann ich sie tatsächlich geradewegs fühlen, wenn sie passiert.

Jetzt, etwa eineinhalb Jahre, nachdem ich zugelassen habe, dass Drogen mir dabei helfen, strukturierten Zugang zu meinen blockierten Kindheitsgefühlen zu gewinnen, bin ich auf dem Weg, die Drogen langsam und allmählich ausklingen zu lassen. Ich habe jetzt mein eigenes wahres Leben gefunden.
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DROGEN LASSEN NEUROSE FUNKTIONIEREN

Neurose ist eine Krankheit des Unbewusstseins. Wenn wir voll bewusst sind, sind wir nicht neurotisch. Noch einmal: Bewusstsein bedeutet, dass alle drei Ebenen der Gehirnfunktion in fließender Harmonie zusammenwirken. Die meisten Gegenwartstherapien arbeiten darauf hin, Bewusstsein zu reduzieren und dadurch Neurose zu verstärken, wenn auch unabsichtlich. Eine Neurose, die funktioniert, bewirkt, dass wir uns wohl fühlen. Das bedeutet nicht, dass wir normal oder glücklich oder auch nur zufrieden sind, ungeachtet dessen, was wir denken. Medikamente und Drogen lassen Neurose funktionieren und das gilt auch für die kognitive Therapie - sie reduziert Bewusstsein; erstere durch chemische Unterdrückung, letztere durch Einsichten, neue Gedanken und mental-verbale Gymnastik, die letzlich alle zu chemischer Unterdrückung oder Verdrängung werden. Wir bauen entweder Abwehr auf oder verringern das Bedürfnis nach ihr. Entweder geben wir jemandem einen Schuss Morphin und besänftigen den Schmerz, oder wir bieten Einsichten an und eine neue Betrachtungsweise der Dinge, die gleichbedeutend sind mit einer von innen injizierten Morphin- (Endorphin-)-Spritze und schließlich zu einer solchen werden. In letzterem Fall, bei dem wir neue sogenannte "gesunde" Gedanken annehmen, gibt der frontale Kortex durch diese Gedanken und Rationalisierungen eine Bestellung für mehr Schmerzkiller auf. Wir glauben, es seien die Gedanken, die uns besser fühlen lassen, aber wahrscheinlicher ist, dass es die inneren Drogen sind, deren Sekretion durch die Gedanken ausgelöst wird. Gedanken/Einsichten sind sind das Vehikel für die Sekretion intern produzierter Drogen, besonders der Morphine, die wir herstellen.

In der Primärtherapie werden die Frontallappen befreit, so dass wir unsere Lebensleistung optimieren können. Sie leistet das, indem sie der Person hilft, Zugang zu ihren Gefühlsschaltkreisen zu gewinnen und deshalb ein langes und glückliches Leben zu führen, das frei von Spannung, Angst und Drogen ist. Es bedeutet ein liebevolles Leben, ein aufrichtig tief gefühltes und bdeutungsvolles. Primärtherapie stellt den Königsweg zum Unbewussten bereit. Sie stärkt in hohem Maß das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, Geheimnisse der Psyche aufzudecken, die vorher tief in uns weggeschlossen waren. Wenn das geschieht, brauchen wir keine Drogen, um zu fühlen und/oder zu entspannen. Der Zugang, den wir haben, indem wir die tiefsten Gehirnebenen erreichen, stärkt unsere psychische Gesundheit und erfüllt uns mit einem totalen Wohlgefühl.

Wir hoffen, dass wir die Liebeshormone- Oxytozin und Vasopressin - untersuchen können, um zu sehen, wie sie sich als Ergebnis unserer Therapie verändern. Wir wissen, dass Menschen, die Schmerz fühlen, wieder fühlen können, und das bedeutet, dass sie wieder lieben können. Wir müssen uns jetzt die Frage stellen: "In welchem Maß sind Postprimärmenschen liebesfähig?"



KAPITEL 10

WARUM WIR WIEDERERLEBEN MÜSSEN, UM GESUND ZU WERDEN

Bei einem Wiedererlebnis als Bestandteil der Primärtherapie beginnen wir die Sitzung in der Gegenwart und bewegen uns vom linken Gehirn zum rechten - von gegenwärtigen Wahrnehmungen zum Kontext der Vergangenheit, von einer Unerfreulichkeit wie "Meine Freundin hat mich verlassen" zu den tiefsten Zonen des Gehirns hinab, indem wir für einen Zugangskanal in unsere Kindheit sorgen, wo wir fühlen: "Meine Mutter verließ mich, um eine neue Familie zu gründen." Wir reisen wie in einer Zeitmaschine durch die Geschichte und ermöglichen damit, dass Gefühle endlich aufsteigen und sich mit dem linken frontalen Kortex verknüpfen.

In der Tat ist das Gehirn und seine Struktur eine Zeitmaschine, die Äonen evolutionärer Geschichte widerspiegelt. Hier wird jeder Schmerz nach Datum und Stärke verschlüsselt und etikettiert. Das System reist auf natürliche Weise zurück; erst zu späterem und weniger intensivem Schmerz, und dann tiefer zu qualvollerem früheren Schmerz. Diese Haltepunkte sind vom Gehirn programmiert worden. Man muss uns nicht dorthin führen; das System ist ein sorgfältiger Führer.

In der Primärtherapie sorgen wir zuverlässig dafür, dass Schmerz nicht blockiert wird, weil Gefühle mit ihren frühen Szenen intakt aufbewahrt werden. Weil jede höhere Gehirnebene dieselbe Empfindung/dasselbe Gefühl unterschiedlich ausarbeitet, können wir auf ihm von der obersten Ebene aus hinabgleiten, und es wird uns schließlich bis zum Grund bringen - zu den Ursprüngen. Dort unten angelangt wird sich das System von sich aus automatisch nach oben auf die Verknüpfung zubewegen, indem es den Pfaden der Evolution folgt. Wir bewegen uns dann wieder nach oben auf den rechten frontalen Kortex (OBFK) zu und dann zum linken präfrontalen Kortex zur endgültigen Verknüpfung. Wie verifizieren wir das? Wir stellen fest, dass bei nahezu jedem Wiedererlebnis die Vitalwerte auf ein übermäßig hohes Niveau ansteigen; dieses Niveau fällt mit der Verknüpfung auf normale, gesunde
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Werte. In einem Feeling ohne Kontext - eine Abreaktion - kommte es nie zu dieser Art von organisierter, koordinierter Bewegung der Vitalfunktionen.

In unserer Therapie sagt der Therapeut einige wenige Worte, weil Worte dazu benutzt werden, die Abwehr des Patienten zu blockieren.


Niemand kann einem anderen befehlen, dass er oder sie fühlt. Gefühle haben ihre eigene Intelligenz. Wenn der Brennpunkt beim Therapeuten bleibt, ist alles verloren. Es bedeutet, dass es weniger inneren Brennpunkt gibt. Alle unseren Techniken zielen seit jeher darauf ab, den inneren Brennpunkt zu verstärken. Wenn ein Therapeut im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen und viel reden und erklären muss, ist es umso schrecklicher für den Patienten, weil der Brennpunkt jetzt außerhalb seiner selbst liegt und seine oder ihre Gefühle längst wieder verschwunden sind. Was Albert Ellis betrifft, den Vater der rational-emotiven Verhaltenstherapie, haben wir in Filmen gesehen, dass er in den Sitzungen viel mehr als der Patient redet. Seine Gedanken sind der zentrale Brennpunkt. Die Gefühle des Patienten ziehen sich in einen dämmrigen Halbschatten zurück.
In unserer Therapie sagt der Therapeut einige wenige Worte, weil Worte dazu benutzt werden, die Abwehr des Patienten zu blockieren. Hier weicht der linke präfrontale Kortex zugunsten der Gefühle zurück. Unsere Aufgabe ist, den Patienten auf die richtige Spur zu bringen; danach ist sie oder er auf sich gestellt. Sein oder ihr System weiß es besser als wir. Es bedarf guter wissenschaftlicher Kenntnisse und braucht ein wenig Vertrauen in den Patienten, um seinem oder ihrem tieferen Gehirn zu gestatten, die Regie zu übernehmen. Die Gefühlskette ist wahrhaftig eine neuronale Spur, die sich langsam ihren Weg in die ferne Vergangenheit bahnt. Bei intellektuellen Therapien will der Therapeut, dass der denkende Kortex die Kontrolle gewinnt. Die Neurologie wirkt dem entgegen, weil Verknüpfungen, die vom Kortex nach unten zu den Gefühlszentren verlaufen, schwächer und weniger an der Zahl sind als die Schaltkreise, die sich in Richtung dieses Kortexes bewegen. Es ist für Gefühle viel leichter, kortikalen Zugang zu gewinnen als für Gedanken, Zugang zur Veränderung von Gefühlen zu erlangen. Aus diesem Grund ist es so schwierig, Wut zu kontrollieren. Es ist leichter, sie herauszulassen und sie dann mit ihrem Ursprung zu verknüpfen. Tatsache ist, dass Feelings Gedanken ändern können, Gedanken aber keine Feelings ändern können. Evolution bewegt sich nicht rückwärts; Evolution ist schließlich Evolution.

Bei einem Wiedererlebnis haben wir es mit umgekehrter Evolution zu tun, weshalb ich unsere Therapie als "umgekehrte Neurose" bezeichne. Um es zu rekapitulieren: Der Schaltkreis verläuft vom linken frontalen Kortex zum rechten OBFK, hinab zum Hippokampus, der die Geschichte nach ähnlichen Gefühlen durchsucht und für eine Anleitung sorgt, wie man auf diese Gefühle reagieren soll; er macht dies im Verbund mit der Amygdala, die
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den emotionalen Sinn des Feelings beisteuert. Zusammen mit anderen limbischen Strukturen setzt der Schaltkreis dann verschiedene Erinnerungs-Bestandteile zusammen und läuft weiter zu Hirnstamm-Strukturen, wo er sich erheblich auf Atmung, Herzschlag und Blutdruck auswirkt. Schließlich wird eine Verknüpfung zurück nach oben zum OBFK der rechten Seite und dann zu seinem linken Gegenüber hergestellt. Jetzt ist der Kreis verknüpft. Der linke frontale Kortex übernimmt mit seinen Einsichten die Regie. Er denkt darüber nach, welches Verhalten von Gefühlen gesteuert wurde. Er setzt die Stücke zusammen. Er verbindet innere Realität mit äußerem Verhalten und erklärt, welche Gefühle hinter bestimmtem Verhalten und Ausagieren stecken. Das sollte der Dreh- und Angelpunkt für alle Psychotherapien sein.

Sobald der präfrontale Kortex nicht mehr mit dem Verdrängungsprozess beschäftigt ist, sobald er endlich mit dem rechten Frontalbereich verknüpft ist, ist er frei und kann die Einsichtsblockade beenden. Eine Studie berichtete im Monitor, dass der Hippokampus beim Wiederaufspüren von Erinnerungen aktiver ist und weniger aktiv, wenn man versucht, sie zu unterdrücken. Andererseits war der präfrontale Kortex bei der Unterdrückung aktiver.1 Das legt nahe, dass die Leute vielleicht den präfrontalen Kortex benutzen, um (emotionalen) Erinnerungsprozessen im Hippokampus Herr zu werden.2 Und das ist genau unser Leitmotiv, "dass intellektuelle Prozesse, besonders in einer Psychotherapie, den Zugang zu Gefühlen beeinträchtigen können," genau den Zugang, den wir brauchen, um gesund zu werden. Im Namen psychischer Gesundheit verschlechtern wir den Zustand der Patienten. Auch wenn die Einsichten in der Therapie zutreffen, ist es dennoch ein Abwehrmanöver. Allzu oft behauptet der Patient, wenn dieses Manöver seine Aufgabe erledigt hat, dass er sich besser fühle; ein Zeugnis für die Wirksamkeit intellektueller Abwehrmechanismen. Allzu oft bedeutet "Ich fühle mich besser," dass meine Abwehr gut funktioniert.

Wenn das Feeling die Grundebene der Einprägung erreicht, macht es den Menschen zu einem historischen Wesen mit genau den Vitalwerten und physikalischen Attributen, wie sie bei dem frühen traumatischen Ereignis auftraten. Es bedarf hoher Energie und der Freisetzung aktivierender Katecholamine (funktionieren als Hormone oder Neurotransmitter), um das Originaltrauma zu versiegeln und einer gleich großen Energie, es wiederzuerleben und aufzulösen. Es ähnelt sehr einem Vergnügungspark, wo man einen Hammer nimmt und auf einen Sockel schlägt, um eine Kugel nach oben zu befördern, damit sie die Glocke ertönen lässt. Wenn diese Kraft zu schwach ist, ertönt sie nie. Das gilt auch für die Therapie. Wir können unsere Biologie nicht betrügen. Wenn das Energieniveau in einer Sitzung nicht ausreicht, werden auf tieferen Ebenen im Gehirn des Patienten keine Gefühle/Empfindungen ausgelöst, und wir werden die Primärglocke niemals treffen; es wird keine Auflösung und Integration des Feelings geben.

Deshalb sehen wir in konventioneller oder kognitiver Einsichtstherapie diese Schmerzen nicht, vor allem die nicht, die aus dem Geburtstrauma entstanden, und zwar wegen des niedrigen
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Energieniveaus, das mit diesen Therapien verbunden ist. Sie können keine Heilung erzielen, weil das Energieniveau in einer Sitz-und-Rede-Methode nicht ausreicht, um tiefe Hirnstamm-Traumen zu aktivieren. Sie bleibt deshalb unterhalb der Heilungschwelle. Noch einmal: Feeling is healing, Fühlen ist Heilung.

An dem Wiedererlebnis ist das gesamte System beteiligt, wie es der Fall war, als die Erinnerung registriert wurde. Deshalb finden wir bei unseren Bluthochdruck-Patienten einen durchschnittlichen Abfall der systolischen Werte um 24 Punkte. Es ist auch der Grund, warum wir in einer Sitzung ein so enormes Absinken des Blutdrucks sehen, sobald das sympathetische Nervensystem, das für die Hypertension verantwortlich ist, dem parasympathetischen System weicht, das den Blutdruck senkt. Deshalb erlebt ein parasympathetisch-dominanter Patient (ein Depressiver), der die Sitzung mit einer radikal angesenkten Körpertemperatur beginnt, nach der Sitzung einen Anstieg um zwei oder drei Grad, da Fühlen das System normalisiert. Die Normalisierung des Blutdrucks ist sehr wichtig, wenn wir später Schlaganfälle vermeiden wollen. Wir können ihn mit Medikamenten "normalisieren," aber die Kraft ist noch immer in uns und richtet anderswo Schaden an.

Wie ich aufgezeigt habe, ist es ein wesentlicher Unterschied, ob man das Symptom normalisiert oder ob man das System normalisiert. Letzteres hat große Bedeutung für die Lebensdauer. Wenn wir einen Aspekt des Systems normalisieren, muss es der übrige Körper kompensieren, und das ist die Gefahr bei Medikamenten. Sie erzielen augenscheinliche Ergebnisse aber keine tiefgreifende Wirkung. Solange die generierende Ursache des Problems aktiv bleibt, ist sie eine ständige Bedrohung, und nicht zuletzt ist ein Schlaganfall die Folge. Um es noch einmal zu sagen, wenn wir hohen Blutdruck mit Pillen zu "heilen" versuchen, nehmen wir dem Patienten einen einzelnen Erinnerungsaspekt; jedoch braucht er die Gesamtheit der Reaktionen auf die Erinnerung, um voll wiederzuerleben und gesünder zu werden. Das heißt, wenn wir einen Teil der Erinnerung unterdrücken, kann kein volles Wiedererlebnis zustande kommen, eben weil die Erinnerung nicht vollständig ist.

DIE ROLLE VON EINSICHTEN IN DER PSYCHOTHERAPIE

In jeder Therapie, bei der Einsicht wichtig ist, und sie ist es fast immer, muss die Einsicht zuletzt kommen, wie es auch in der Evolution geschah. In einer Sitzung muss sie nach dem Fühlen kommen und niemals vorher. Jede Einsicht, die wir vor dem Fühlen haben, ist isoliert und losgelöst, nicht organisch. Wir dürfen uns nicht über die Evolution hinwegsetzen. Wie ich erwähnt habe, haben die Einsichten eine Leichtigkeit an sich, die uns sagt, dass nicht nur das linke Gehirn beteiligt ist. Beide Seiten schließen sich zusammen, um uns voll bewusst zu machen. Wenn wir den Karren der Evolution vor das Pferd spannen und Einsichten vor einem Feeling von uns geben, gibt es keine Heilung. Um es zu unterstreichen: Heilung bedeutet für uns, das gegenwärtige Verhalten und Symptom mit der generierenden Ursache in Verbindung zu bringen. Heilung hängt bei der kognitiven Einsichtstherapie von dem ab, was der Patient über seine Behandlung denkt.
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Was ist die Heilung für kognitive Therapie? Fühlen. Das ist nicht scherzhaft gemeint. Was beim kognitiven Ansatz fehlt, ist Fühlen, nicht was der Patient als sein oder ihr Gefühl beschreibt, sondern das Fühlen des Gefühls.

Heilung bedeutet für uns immer einen Prozess, keinen einzelnen Zeitpunkt, kein einzelnes Verhalten. Es gibt keine dominierende Einzeltatsache; wir suchen die Wahrheiten des Fühlens jenseits der Fakten. "Der Grund, dass ich dies und jenes tat, so schnell redete, so schnell aß, mich nicht konzentrieren konnte, ständig in Bewegung sein musste, war, weil ........" Der Beginn der Neurose ist nicht unbedingt ein fester Zeitpunkt; vielmehr ist sie das Endergebnis vieler Erfahrungen. Neurose ungeschehen zu machen bedeutet, diese vielen Erfahrungen wieder aufzusuchen. Glücklicherweise müssen wir sie nicht einzeln aufsuchen. Wir suchen die Gefühle auf, die als Gesamtwesen, das ihnen allen zugrunde liegt, zusammengefasst sind und resonieren. Sie geschehen dann einfach. Um mich klar auszudrücken, es scheint, dass ein einziges Feeling einen ganzen Haufen von Erfahrungen mit ähnlichen resonierenden Frequenzen zusammenfasst.

Wie ich an früherer Stelle betont habe, wird Erinnerung in das Gehirn eingeprägt, wenn das System unter hohem Energieaufwand stimuliert wird, da es sich gewöhnlich um eine Angelegenheit auf Leben und Tod handelt. Das ergibt einen Sinn, da die Einprägungen Wegweiser oder Schablonen darstellen, die uns im Leben führen. Das ist ein weiterer Grund, warum wir emotionale Erinnerungen nicht loswerden können und warum dieselbe Aktivierung stattfinden muss, wenn wir die Erinnerung wieder hervorrufen wollen. Um ein Feeling aus dem Speicher zu entnehmen, benötigen wir eine Aktivierung von hoher Valenz, die nur zustande kommen kann, wenn wir jene frühen Bedingungen genau so reproduzieren, wie sie ursprünglich waren. Es scheint eine gewisse Aktivierungsfrequenz zu geben, die mit der Einprägung resoniert und sie aus den Angeln hebt. Somit muss der Patient im Griff jenes frühen Gehirns sein, als und wo die Ladung aufgezeichnet worden war; er oder sie muss mit derselben Kraft weinen und schreien.

Ein Erwachsener, der an seine Kindheit zurückdenkt, kann dieses Energieniveau nicht erreichen. Die Erinnerung wird mit Hilfe inhibitorischer Neurohormone konkret in der Amygdala/im Hippokampus und in anderen verwandten Strukturen versiegelt. Tatsächlich gibt es außerhalb der Therapie nur wenige Situationen, die Erinnerung auslösen können. Sex zum Beispiel kann mit seinem hohen Erregungsniveau die alte Erinnerung mit ihrem gehobenen Energieniveau auslösen. Deshalb kann Sex so viele latente Probleme und Bedürfnisse in uns wieder wachrufen; deshalb können wir so verrückt in sexuellen Dingen sein. Alle unseren früheren Schmerzen treten hervor und zwingen uns zu sonderbarem Verhalten. Um es deutlich zu sagen: Die Gefühle steigen genauso auf wie in einem Primal, aber in dem Primal fühlen wir den Schmerz. Beim Sex wird er in symbolische Kanäle abgeleitet oder verrückt (verlagert). Wir müssen zum Beispiel gepeitscht oder geschlagen werden, um Erleichterung zu finden und zum Orgasmus zu kommen. In einem Primal fühlt ein Mann vielleicht die Erniedrigung durch seine Mutter
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und den Schmerz; er agiert diese Erniedrigung nicht durch Sex aus. "Sei nett zu mir, Mami. Ich habe nichts Falsches getan." Das ist die endgültige, dauerhafte Erleichterung. Ein anderer Faustischer Handel beim sexuellen Ausagieren: "Du kannst mich zuerst schlagen und erniedrigen, und dann kann ich mich vielleicht vergnügen." Zuerst zahlt er den Preis beim Sex, und das ist genau, was seine Mutter erwartete (sie will, dass er leidet).

Sex und Therapie dienen als Greifhaken, die hochholen, was wir versteckt haben. So einen Bagger gibt es in der kognitiven Einsichtsmethode nicht, weil das Energieniveau unter Kontrolle gehalten wird. Das Freudsche Vermächtnis bestimmte, dass die Emotionen nie voll freigesetzt werden sollten, weil es die psychische Gesundheit des Patienten zerrütten könnte. Deshalb werden Einsichten in einer objektiven Atmosphäre vermittelt, die frei von Gefühlen ist. Der Therapeut liefert seine Wahrheiten auf eine ruhige, überlegte Weise und in maßvollem Ton. Für ihn ist es unvorstellbar, seinen Patienten weinend und schreiend auf dem Fußboden herumrollen zu lassen. Diese Praxis steht ganz im Interesse von Wissenschaftlichkeit und Objektivität.

Somit sind psychologisches Wissen und Fühlen zu antithetischen Positionen geworden. Je wissenschaftlicher wir werden, umso weniger sind wir an Fühlen interessiert; das geht so weit, dass es jetzt in der aktuellen psychoneurologischen Wissenschaft meistens darum geht, welche neuronalen Strukturen die Persönlichkeit beeinflussen - eine minutiöse Analyse von Neuronen anstatt von Menschen. Die Neurologie steht im Vordergrund, während der Mensch in den Hintergrund zurückweichen muss. Wir wissen immer mehr über immer weniger. Deshalb können Wissenschaftler so viel über Gehirnfunktion wissen und dennoch keine Ahnung haben, wie sie dieses Wissen in die Therapie einbringen können. Was man ignoriert hat, ist der Mensch als Ganzes, und wie seine Umstände die Neuronen beeinflussen. Wir scheinen in umgekehrter Richtung zu arbeiten - wie Neuronen die Persönlichkeit beeinflussen; sie tun es tatsächlich, aber wir haben Geschichte, Menschlichkeit und Fühlen ausgelassen. Neuronen sind zu eigenständigen Wesen jenseits menschlicher Erfahrung geworden. Aus der Arbeit von Allan Schore an der UCLA und von anderen geht klar hervor, dass frühe Erfahrung das Wachstum und sogar die Existenz bestimmter Neuronen beeinflusst. Somit haben wir zwei Arten von Wissenschaftlern, die an zwei verschiedenen Enden des Menschen arbeiten: Der Neurologe arbeitet an den Neuronen, und der Psychologe arbeitet am Verstand. Dazwischen liegt ein ganzes Gefühlsuniversum. Neurologen stehen allzu oft unter dem Eindruck, dass ihre Arbeit "reine Wissenschaft" sei, die nicht mit therapeutischen Erwägungen infiziert ist. Sie dürfen nie vergessen, dass unsere Wissenschaft im Dienste der Menschheit stehen sollte. Welchen anderen möglichen Forschungsgrund könnte es geben als den, der Menschheit zu helfen?
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WARUM WIEDERERLEBEN EINE TOTALE ERFAHRUNG SEIN MUSS

Ein Wiedererlebnis von Vorgeburts- und Geburts-Einprägungen wird genau dieselben Reaktionen hervorrufen wie zur Zeit des Originaltraumas. Aber auch wenn kein Wiedererlebnis stattfindet, bestehen die Reaktionen oder Fragmente der Erinnerung fort, wie zum Beispiel schneller Herzschlag oder hoher Blutdruck. Wenn wir eine vollständige frühe Vorgeburts-Erinnerung wiedererleben, deren Bestandteil hoher Blutdruck war, dann wird auch dieses Erinnerungsfragment in das vollständige Wiedererlebnis einbezogen sein, und der Patient sollte folglich Erleichterung von dem aufdringlichen Symptom erleben. Wenn Aspekte der Originalreaktion fehlen, ist das Wiederlebnis nicht vollständig und deshalb nicht heilsam. Wenn wir den Blutdruck medikamentös behandeln und die Hochdruck-Reaktion unter Verschluss halten, ist kein vollständiges Wiedererleben möglich.

Jemand, der keine Therapie macht, braucht Beruhigungsmittel aus demselben Grund, aus dem sie vielleicht unsere Patienten brauchen, wenn sie sich Gefühlen nähern: Die Verdrängung ist schwach, und man benötigt chemische Hilfe, um sie zu stützen. Die Drogen helfen, unsere innere schmerztötende Pharmazie zu normalisieren. Wir wollen nicht, dass unsere Patienten im freien Fall in fernen und hochenergetischen Schmerzen der ersten Ebene landen. Medikamente erlauben einen langsamen methodischen Abstieg; sie halten den Patienten in der Primal-Zone. Aus diesem Grund beschreibe ich Primärtherapie manchmal als "Reise in die Innenzone." Wenn Patienten ihre schmerzvolle Geschichte ausreichend wiedererlebt haben, brauchen sie Alkohol, Drogen, Zigaretten oder Schmerztöter nicht mehr. Weniger Schmerz, weniger Schmerztöter. Das geschieht ohne Diskussion der Gewohnheit an sich. Leider benutzen viele Therapien Tranquilizer als Zusatz zu ihrer Therapie, was zur Folge hat, dass der Zugang zu Gefühlen blockiert und volles Wiedererleben verhindert wird. Tatsächlich blockieren sie die Möglichkeit einer Heilung. Um es noch einmal zu sagen, die Gewohnheit/Sucht ist eine Reaktion auf Schmerz und nicht das eigentliche Problem. Alkohol und Drogen sind das, was eine gute Mutter hätte sein sollen: immer da, wenn man sie braucht, verlässlich, tröstend und entspannend. Man muss keine weitere Anstrengung unternehmen als zur Flasche oder Zigarette zu greifen, und schon findet man Erleichterung. Man nennt es "Drogenmissbrauch," aber Drogen werden nicht missbraucht; im Wesentlichen dienen sie dem Zweck, dass man damit versucht, den Janovschen Spalt zu überbrücken, um dem System Harmonie und Erleichterung zu bringen. Übrigens haben wir mit den Jahren genug Erfahrung mit Medikation gesammelt, um zu wissen, dass es wirkungsvolle Blocker der ersten Ebene gibt, während andere Medikamente auf der zweiten Linie wirkungsvoller sind. Manchmal wollen wir die erste Linie unterdrücken, so dass sie nicht ständig in das Wiedererleben auf der zweiten Ebene eindringt, insbesondere in Kindheitsereignisse. Und manchmal wollen wir einen Teil der zweiten Ebene unterdrücken, weil das gesamte Schmerzniveau zu hoch ist, als dass man es integrieren könnte.
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Kürzlich diskutierte ich mit einem Zentrum, das sich auf Rehabilitation spezialisiert hat, über Drogensucht. Sie sagten mir, dass sie verschiedene Mittel verwenden, um Heilung zu erzielen, einschließlich Hypnose, Akupunktur, EMDR, Massage und Körpertraining, alle als Versuch, Realität aufzubauen. Das Ergebnis ist letztlich, dass man eine ineffektive Technik auf die andere häuft, und das führt zu massiver Irrealität. In keinem anderen Medizinzweig würden wir den Versuch in Erwägung ziehen, ein Füllhorn alter, ausrangierter Techniken auf ein körperliches Symptom anzuwenden und darauf zu hoffen, dass eine davon vielleicht hilft. Entweder gibt es eine Wissenschaft oder nicht. Wenn wir das in der Medizin machen würden, gäbe es Chaos. Beachten Sie, dass jede der erwähnten Methoden ahistorisch ist; alle befassen sich nicht mit generierenden Ursachen, sondern involvieren äußere Manipulation, die mit verschiedenen Mittel ausgeführt wird. Die Person wird "abgefertigt." Die Macht liegt außerhalb von ihr. Manche Patienten ziehen es vor, "abgefertigt" zu werden. Sie lieben Hypnose, weil das alles geschieht, während sie unbewusst sind. Das ist unschlagbar. Sie müssen sich nicht beteiligen und anstrengen, und vor allem besteht keine Notwendigkeit, Schmerz zu fühlen. Dennoch ist der Schmerz da; wir können ihn entweder verleugnen oder fühlen.

Warum sollten wir jetzt viel Wind um Geschichte machen? Wir müssen nur einen Blick auf die Forschung des Neurobiologen Chaarles Nemeroff werfen, um zu verstehen. Er untersuchte Rattenbabys, die von ihren Müttern getrennt wurden. Später fand er Anzeichen von Hypersekretion, wie man sie bei akutem Stress findet. Diese frühe Misshandlung hinterließ eine lebenslange Anfälligkeit für Stress. Er untersuchte auch erwachsene Frauen - solche mit frühem Missbrauch/frühen Traumen und solche, auf die das nicht zutraf. Und wieder zeigten sie später all die Sekretionen, die mit akuter Stressreaktion verbunden sind. Diese Studie zeigte, dass frühes Trauma (Geschichte) in "permanent hyperaktiver Stressreaktion" resultiert.3 Obwohl die Traumen 20 Jahre zurücklagen, hatten sie noch immer bedeutende Wirkung. Kurz gesagt waren die Frauen immer noch Opfer ihrer Geschichte. Geschichte verschwindet nie. Auf keinem anderen Feld könnten wir uns vorstellen, dass Geschichte nicht existiert. In der Archäologie, Politikwissenschaft, Astronomie - könnten wir uns da ein Fehlen der historischen Perspektive vorstellen?

VERBORGENE ERINNERUNG WIEDERFINDEN

Es gibt für uns eine wichtige Möglichkeit zu erkennen, dass eine Wiedererlebens-Episode zutreffend ist und die Einprägung existiert. Wenn man total, mit Körper und Seele, in einer Erinnerung steckt und das Absinken des Sauerstoff-Vorrats bei der Geburt wiedererleben muss, handelt das System, als bestünde ein enormes Bedürfnis nach Sauerstoff, und akzeptiert tiefes, schweres Atmen lange Zeit als normale Reaktion. (Ich nenne das Lokomotiv-Atmung). Es gibt kein Hyperventilations-Syndrom - keine Benommenheit, zusammengezogene Lippen oder das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Das System schreit nach Sauerstoff. Welches Gehirnsystem? Dasjenige, das bei der Geburt unter Anoxie litt.
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Hier ist die Essenz meiner Argumentation: Wenn dieses frühe Gehirnsystem nicht beteiligt ist, ergibt sich sofort ein Hyperventilations-Syndrom. Wir haben das an an vielen Patienten ausprobiert, und es ist unfehlbar. Wenn jemand zu diesem frühen Gehirnsystem hinabsteigt, ist alles noch immer unangetastet, wie es ursprünglich war. Die Erinnerung ist präsent, und der Patient ist "dort zurück." Er erlebt das Ereignis mit dem damals involvierten Gehirnsystem, und darin liegt die Lösung. Der Blutdruck kann von über 200/110 auf 120/80 zum Ende der Sitzung fallen. Die Erinnerung hat ihren Speicher verlassen und sich endlich mit dem Frontalbereich verknüpft. Wir reagieren jetzt so, wie wir damals reagieren hätten sollen. Im Therapieraum gibt es ganz offensichtlich jede Menge Sauerstoff.

Die Reaktivität ist ausschlaggebend, weil wir mit unserem hohen Blutdruck und schnellen Herzschlag die ganze Zeit auf unsere Vergangenheit reagiert haben. Das sind die physiologischen Erinnerungsframente, die sich nicht verbergen lassen, die durch das Sieb eines löchrigen Schleusensystems entkommen sind. Ein Beispiel ist niedrige Körpertemperatur. Wir haben eine Patientin mit Vaginismus behandelt, ein schmerzhaftes Verschließen der Vaginawände gegen Penetration. Nach Monaten der Therapie fand sie heraus, dass sie in sehr frühem Alter Inzest erlitten hatte. Beim Sex reagierte ihr Körper auf diese Erinnerung mit den Mitteln ihrer Anatomie. Gefühle sind überall im System. Bei dem Trauma begann das Feeling in der Vagina und blieb dort verschlüsselt und gespeichert. Diese zusammengezogene, schmerzhafte Vagina schrie eine Krise, ein Trauma hinaus, das im Unbewussten vergraben lag. Man sagte ihr in einer früheren Therapie, und sie glaubte das auch, dass sie möglicherweise eine Lesbierin sei, da sie offensichtlich keine Männer möge. Tatsächlich aber schützte sie sich unbewusst und physiologisch gegen eine Erinnerung! Und das mit dem Gehirn, das mit dem linken präfrontalen Areal wenig zu tun hatte; Gedanken konnten dieser Erinnerung nie etwas anhaben.

Fragmente werden oft zum augenscheinlichen Problem: Blutdruck, Herzfrequenz, chronische Müdigkeit, Schilddrüsenunterfunktion und so fort. Sie sind alle genau wie eine konstringierte Vagina Bestandteil eines Reaktions-Ensembles, das durch ein zentrales Gefühl/eine zentrale Empfindung feste Formen angenommen hat. Wie ich erwähnte, ist die Umwandlung einer fragmentierten Schlüsselempfindung in ein Feeling ein Primal. Wir wandeln eine Einprägung niedrigerer Ordnung in ein neuronales Ereignis höherer Ordnung um. Somit wandeln wir Tachykardie und kardiale Arrhythmie in ein Feeling/eine Empfindung im Kontext um und dann in kortikale Erkenntnis.

Hier stellen wir fest, dass der Ausdruck des Schmerzes sich auf der Evolutionsskala nach oben bewegt, die absolute Notwendigkeit für Auflösung. Biologisch gesehen versuchen die Leute immer, das abzustoßen, was weh tut. Es scheint ein weiteres biologisches Gesetz zu sein. Wir versuchen mit aller Kraft, noxische Gase auszuatmen, und wir erbrechen giftige Substanzen aus dem Magen. Auch schmerzvolle Gefühle gehorchen diesem Gesetz. Wir versuchen schädliche Gefühle
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durch frontale Verknüpfung auszumerzen, aber die Schleusung verhindert es. Schleusung hat die Empfindung von ihrem Kontext fern gehalten, weil dieser Kontext großen Schmerz bedeutet. Wenn die Schleusung nachlässt, steigt Schmerz auf. Es ist jetzt keine Überraschung, wenn ich sage, dass meine Patienten, die sich einer Elektroschock-Therapie unterzogen hatten, diese wiedererleben müssen, um sie aus ihrem System herauszubekommen. Was hinein geht und überwältigend und/oder schädlich ist, muss wieder hinaus.

Niedrige Körpertemperatur oder niedriger Blutdruck können Teil einer Gesamterinnerung an einen schrecklichen Geburtskampf oder an ein Trauma vor der Geburt sein, bei dem die Aufgabe des Kampfes das Endergebnis war. Dieses Endszenario wird als parasympathischer Prototyp eingestempelt und bleibt danach als Tendenz bestehen. Jedes der Symptome, niedriger Blutdruck, Schilddrüsenunterfunktion, Asthma, Migräne und schließlich Depression können lautlose Erinnerungen an diesen Kampf und permanente Aspekte der Einprägung sein. Wenn Therapeuten oder Ärzte diese Symtome bei der Behandlung isolieren, entfernen wir den historischen Kontext. In diesem Fall können wir nur lindern. Migräne, wie wir herausgefunden haben, reflektiert oft schwere Anoxie bei der Geburt, die Konstriktion und dann Dilatation der Blutgefäße involviert. Eine der aktuellen Behandlungen für Migräne ist der Gebrauch von Sauerstoff. Wir können das Geburtstrauma ohne die geeigneten Techniken nicht beobachten, und dazu gehört auch das Szenario, das nicht zeitgebunden, ruhig, schalldicht und abgedunkelt ist. Der Patient muss liegen. Nur dann können wir tiefen Zugang erlangen. Ein Patient, der aufrecht sitzt und mit einem Therapeuten redet, wird diesen Zugang nicht erreichen. Er ist zu sehr in der Gegenwart und sein Brennpunkt liegt zu weit außerhalb. Er muss sich nach innen konzentrieren; mit einem Therapeuten zu reden oder von ihm Anweisungen entgegen zu nehmen, lässt das nicht zu.

Wenn ein Patient frühen Schrecken wiedererlebt, dann aufhört 20 Mal am Tag zwanghaft seine Türschlösser zu überprüfen, hat er ein wichtiges Geheimnis gelöst. Und das ohne längere Diskussion des Zwangs. Vorher fühlte er sich unsicher, zutiefst unsicher; der Zwang kontrollierte den Schrecken, von dem er nicht einmal wusste, dass er in ihm war. Der linke frontale Kortex sagte: "Ich sollte lieber die Schlösser kontrollieren. Danach ist mir wohler." Weil der Schrecken da ist, kann er sich nie lange sicher fühlen, und die Zwänge gehen weiter. Das Gefühl der Unsicherheit sickerte in kleinen Zuwächsen aus dem rechten Gehirn aus. Es wurde sofort von der Obsession auf der linken Seite aufgesogen. "Ich bin sicher, wenn das Haus verschlossen ist" lautet die unbewusste Formel; auf dieselbe Weise, wie die vorher erwähnte Frau unbewusst fühlte: "Ich bin sicher, wenn mich niemand penetrieren kann." Würden wir die Obsession verhindern, sähen wir den Schrecken; genau das geschieht in der Primärtherapie. Aber es muss in einer sicheren, kontrollierten Atmosphäre geschehen. Um sich zutiefst unsicher zu fühlen, muss man sich in der Gegenwart total sicher fühlen. Die Sicherheit wandelt sich dialektisch in ihr Gegenteil.
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Eine meiner Patientinnen, die eine Kaiserschnitt-Geburt hatte, klagte: "Ich muss endlich die Ziellinie erreichen." Sie hatte nie das Gefühl, fertig oder am Ziel zu sein. Immer noch gab es etwas zu tun, und sie war immer unzufrieden. Sie war ständig getrieben. Wir hätten ihr helfen können, "gesündere" Gedanken zu entwickeln, ihr beibringen können, sich zu entspannen und sich nicht selbst anzutreiben, aber ihre Gedanken waren neuronal an die Geburt gebunden. Schließlich fühlte sie die zerstörerische Wirkung, ihre Geburt niemals zu Ende gebracht zu haben. Ihre Getriebenheit rührte zum großen Teil von da her. Ich würde so einen psychologischen Sprung nicht machen, der das gegenwärtige Problem mit der Geburt verknüpft; sie machte ihn. Wie behandelt die Psychiatrie das alles? Allzu oft mit Medikamenten, um den Schrecken und den Schmerz zu blockieren. Es ist die psychiatrische Theorie, die zu einem Satz Scheuklappen wird, welcher Psychiater daran hindert, tief im Gehirn steckende Erinnerungen in Erwägung zu ziehen. Theorien, die sich aus Verdrängung und Intellektualität heraus entwickeln, müssen zwangsweise als Bestandteil der Technik fortgesetzte Verdrängung einbeziehen. Das bedeutet, dass Theorien, die sich aus dem linksseitigen Intellekt entwickeln, gezwungenermaßen Gefühle der rechten Seite übersehen. Deshalb werden sie eher menschlichem Verhalten aufgepfropft, als dass sie sich aus ihm entwickeln. Da ist keine minderwichtige Spitzfindigkeit; es gehört zur Essenz. Wann immer der Patient "abgefertigt" wird, haben Gefühle wenig Chancen.

Dieselbe Kaiserschnitt-Einprägung kann sich abhängig von späterer Erfahrung in etwas ganz anderes verwandeln. Es gibt keine universelle Anwendung eines Traumas, die auf jeden passt. Eine Kaiserschnitt-Patientin schien sich nie um etwas zu sorgen. Sie hatte ein falsches Gefühl von Sicherheit, dass "etwas geschehen wird, das das Problem für sie löst." Ein magisches Wesen würde erscheinen und sich um alles kümmern. Sie war unbekümmert und in magisches Denken vertieft. Ihr Credo: "Es muss zwangsweise etwas geschehen, das die Dinge in Ordnung bringt." Und bei der Geburt geschah es. Jemand nahm sie tatsächlich aus dem Mutterleib heraus und löste das Problem.  Sie musste sich nicht weiter anstrengen. Hinzu kam die Tatsache, dass sie als Kind total verwöhnt wurde. Noch ein anderer Patient mit der gleichen Geburt denkt: "Nie bin ich für irgendwas bereit. Ich bereite mich akribisch auf alles vor, um mich vor Überraschungen zu bewahren." Obsessive Vorbereitungen für eine Reise sind ein Beispiel für den Versuch, für alle Überraschungen bereit zu sein und sich dennoch aufgrund der Erinnerung unvorbereitet zu fühlen. Obwohl sich die Person um jedes mögliche Detail kümmert, fühlt sie sich dennoch nicht bereit. Kein kognitiver Gedanke in der Gegenwart wird daran etwas ändern, weil das Gefühl in einer Situation auf Leben und Tod lautete: "Ich bin nicht bereit." Wir können versuchen, den Gedanken zu ändern, aber solange wir die Einprägung nicht ändern, ist das nutzlos.

Die Kognitivisten behandeln das vielleicht, indem sie dem Patienten zeigen, dass es keinen Grund gibt, alles zwanghaft so perfekt erledigen zu müssen. "Entspannen Sie sich," bittet der Therapeut. "Sie sind zu zwanghaft."
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"Ja, ich weiß," bekundet der Patient, und es bleibt im Wissensareal des Gehirns. Eine meiner Patientinnen hatte immer das Gefühl, sich mindestens zehn Mal die Hände waschen zu müssen, so dass sie das Gefühl hatte, sauber zu sein und ihre Aufgabe erledigt zu haben. Es hatte so viele Implikationen: "Ich fühle mich schmutzig. Ich fühle mich schlecht."

Das Folgende sind zwei Patienten mit zwei unterschiedlichen Zwangsarten. Zuerst eine Frau, die alle ihre Hemden in dieselbe Richtung hängen muss. Sie wird sehr nervös, wenn ein Hemd nicht richtig hängt. Die Einsicht in ihr Gefühl war: "Ich konnte es nie richtig machen. Ich konnte nichts tun, das meine Eltern dazu gebracht hätte zu sagen: "Das hast du gut gemacht." Und so ist es mit ihren Hemden - sie musste immer wieder nachprüfen, weil sie immer noch das Gefühl hatte, es nicht richtig hinzubekommen. Sie agierte symbolisch aus. "Alles, was ich tue, ist falsch. Nichts, was ich tue, bringt sie dazu, mich anzuerkennen und zu lieben." Ein anderer Patient ist süchtig nach Videospielen. Er spielt sie nicht einfach; er ist abhängig und muss es tun. Warum? Um sich wie ein Sieger zu fühlen. Aber egal, wie oft er gewann, er fühlte sich immer noch wie ein Verlierer, wie ihn sein Vater ständig nannte. Er versuchte, dieses Gefühl abzuschütteln, konnte es aber nie. Im Leben fühlte er sich wie ein Versager; er wusste nicht, was er anderes tun sollte, um dieses Gefühl loszuwerden. Er wählte, wie bei jeder Neurose, einen symbolischen Weg. Bis er in einer Sitzung immer wieder fühlte: "Ich bin kein Versager, Papi. Sag, dass ich gut bin - nur einmal!" Als er das fühlte, beendete es das Ausagieren; er musste es viele Male fühlen.

In der Primärtherapie diskutieren wir nicht über Zwang als solchen. Das Feeling ist wieder in seinen Zusammenhang gestellt worden. Es dringt nicht mehr ins Gegenwartsleben ein. In dem Fall mit dem Händewaschen entdeckten wir Inzest durch einen Onkel, ein Lieblingsonkel, der die Patientin dazu brachte, sich schmutzig zu fühlen. Ihre Hände zu waschen war so ziemlich alles, was sie mit einer unbekannten und unerreichbaren Erinnerung tun konnte. Es ist ein symbolisches Ritual, bei dem die Person keine Ahnung von seinem Ursprung hat. Sobald sie den Ursprung entdeckt hat, hat das Ritual keinen Zweck mehr.

SELBSTZERSTÖRERISCHES VERHALTEN

Eine Frau, die sexuell unersättlich ist, kann letzten Endes damit versuchen, sich geliebt zu fühlen, ein Trauma, das vielleicht in frühester Kindheit begann. Sollen wir sie durch kognitive Therapie überzeugen, dass ihr Verhalten destuktiv ist? In den alten Tagen der Einsichtstherapie habe ich gerade das gemacht. Und die Patienten stimmten ausnahmslos zu. Ich sage nicht, dass die Kognitivisten absichtlich Fehler machen. Ich sage, dass man, wie es jahrelang bei mir der Fall war, zwangsweise solche Fehler macht, solange man keine geeignete Theorie und Therapie hat. Ich versuche, den Weg zu markieren, und ich hoffe, dass andere Therapeuten es so auffassen. Schließlich fehlen uns, wenn wir ein Jahr alt sind,  keine Einsichten,
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aber wir können fehlende Liebe spüren und den resultierenden Schmerz. Einsichten werden diesen Mangel nicht beseitigen. Wie drücken wir das alles aus? Wir leiden. Unsagbare Wunden. Es gab damals oder jetzt keine Einsichten, die das Problem lösen könnten. Worte können die abgewichene Struktur des Corpus callosum niemals dahingehend ändern, dass wieder ein verknüpftes Gefühl zustande kommt.

Indem wir versuchen, den Schmerz abzutöten, werden wir manchmal zu Verhalten gezwungen, das unser Leben ruiniert.


Eine sexuell überaktive Frau sagt vielleicht: "Ja, ich weiß, es ist selbstzerstörerisch." Aber diese Einsicht wird ihr Verhalten nicht ändern, weil es nicht einfach Verhalten ist. Dahinter steckt ein Mensch und eine Geschichte. Hier sind wir wieder im Reich der Theologie. Also schauen wir, welches Selbst das andere durch unersättlichen Sex zerstört, oder durch Trinken, was das betrifft. Es gibt ein Bedürfnis nach Liebe und Wärme von den eigenen Eltern. Sie wird nicht gewährt. Das Kind, ein Mädchen, sehnt sich verzweifelt danach. Sie wächst mit dem Schmerz aus diesem unbefriedigten Bedürfnis auf und fängt an zu trinken und promiskuitiven Sex zu haben, um ihr Leiden/Bedürfnis zu erleichtern. Es ruiniert ihr Leben. Sie verliert ihren Job und ihren Mann. Sie sucht nach Hilfe wegen ihres "selbstzerstörerischen" Verhaltens. Alles, was sie tun wollte, war, den Schmerz des kleinen bedürftigen Selbsts zu ersticken, nicht, dieses Selbst zu zerstören. Sie hatte mit jedem Sex, der sie wollte. Da sie sich von ihren Eltern nie gewollt fühlte, war sie in der Tat ein leichtes Ziel für jeden, der auch nur so aussah, als wollte er sie. Manchmal war der Schmerz so groß, dass sie einen Selbstmordversuch unternahm, um diesen Schmerz abzutöten. Das Problem bestand darin, dass sie auch dabei war, ihr physisches Selbst zu zerstören - die äußerste Selbstzerstörung - das Selbst, das Liebe brauchte und keine Hoffnung hatte, sie je zu bekommen. Ihr Verhalten war so unersättlich wie das Bedürfnis.

Indem wir versuchen, den Schmerz abzutöten, werden wir manchmal zu Verhalten gezwungen, das unser Leben ruiniert. Wir wollen so verzweifelt ihn die Arme genommen werden, dass wir unsere Partner betrügen. Ist es selbstzerstörerisch? Es ist der Versuch, Befriedigung zu erfahren, aber weil es symbolisch ist, kann es eine destruktive Wendung nehmen, wie z.B. Alkoholismus. Das Ziel ist, den historischen Kontext aufzudecken, und nur der Patient kann das tun. Der Versuch, einen Patienten von seinem Verhalten abzubringen, ist Moralismus, der sich als Therapie zur Schau stellt. Das Verhalten des Patienten wird behandelt, als sei es eine Wahl, die er oder sie getroffen hat. Wenn wir uns auf die Gegenwart konzentrieren, sind wir gezwungen, es als bewusste Wahl zu behandeln. Wie sonst ließe es sich erklären?

Zwanghaftes Verhalten ist nicht nur eine "Wahl," die wir treffen, sondern die logische Lösung historischer Ereignisse. Zum Beispiel kann jemand jeden Tag Schmerzkiller nehmen, obwohl es in der Gegenwart keinen vernünftigen Grund gibt,
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der das nötig machen würde. Es ist einfach so, dass die Drogen sie oder ihn normal fühlen lassen.

Bei den Anonymen Alkoholikern kann das Gruppenmitglied - zum Beispiel ein Mann - seine Sucht aufgeben, weil er von "Liebe, Schutz und Wärme" umgeben ist. Er bekommt symbolisch in der Gegenwart, was er in der Vergangenheit brauchte. Er braucht die ganze Zeit diese Unterstützung. Vielleicht hilft es vorübergehend seiner Sucht. "Ich bin seit zwei Jahren trocken," wird er sagen. Er bekommt Beifall, Umarmungen und eine Menge Anerkennung. Und es stimmt, dass er mit seinem Leben weitermachen kann. Er gab den Versuch auf, seinen Schmerz mit Alkohol zu lindern und begnügte sich mit einem anderen Schmerzkiller - symbolische Befriedigung in der Gegenwart. Wer könnte sagen, dass das schlecht ist? Wenigstens funktioniert er. Aber das bedeutet, die kritische Periode zu vergessen, als zu jener Zeit Liebe notwendig war. Er kann jeden Tag von seiner Gruppe Umarmungen bekommen und sich dennoch tief drinnen ungeliebt fühlen und wieder dem Alkoholismus verfallen. Also muss er für immer und ewig zu den AA gehen. Es ist besser als trinken. Jedoch ist es noch besser, den Schmerz loszuwerden! Denken Sie daran, "ungeliebt" ist jetzt Teil der Neurophysiologie und bleibt es.

WAS NEUROSE UND WIEDERERLEBEN IM GEHIRN BEWIRKEN

Als Ergebnis von vier separaten Gehirnwellen-Studien entdeckten wir ein Gehirnsystem, das nach einem Jahr Primärtherapie eine ausgeglichenere rechte und linke Hemisphäre aufweist. Indem wir Zugang zu den tiefsten Ebenen der Gehinfunktion erlangen, können wir zum ersten Mal in der Geschichte sehen, was sich auf jeder Ebene befindet und welchen Zweck es im psychischen Haushalt erfüllt. Wir können genau sehen, welche Art von Geburt die Person hatte und wie beschaffen das Trauma war. Wir können sehen, ob Berührung und Körperkontakt unmittelbar auf die Geburt folgten oder nicht.Wir brauchen nicht zu raten oder zu theoretisieren. Es liegt direkt vor unseren Augen.

Wenn das Wiedererlebnis stattfindet und ein Symptom verschwindet, können wir die Verbindung sehen zwischen einem Symptom wie Migräne und dem Geburtstrauma, insbesonders dem anoxischen Trauma. Wir dürfen die Botschaft nicht mit dem Aufkleber verwechseln. Man kann einem Patienten sagen: "Du tust so, als sei deine Freundin deine Mutter. Du bist so fordernd." Er sagt: "Ja, das stimmt." Es klingt brillant und ist zweifellos wahr, ändert aber nichts. Worte genügen nicht; sie ändern nichts an dem Bedürfnis, in der kritischen Periode von der eigenen Mutter liebkost und umsorgt zu werden. Er muss das ursprüngliche Bedürfnis fühlen, anstatt es zu verleugnen, weil man ihn für "unreif" befunden hat. Sein Bedürfnis ist unreif, aber es ging um eine Überlebenssache. Er wird dieses Bedürfnis an allen ausagieren, die ihm nahe kommen.


 

KAPITEL 11

EINE THERAPIE DES FÜHLENS: EINE BEHANDLUNG FÜR VIELE KRANKHEITEN

Therapie sollte keine Form von Anarchie sein, bei der jeder Therapeut seine eigene Sache macht, jeder von uns Psychotherapie durchführt ohne Berücksichtigung des Gehirns und seiner Prozesse. Es gibt die Auffassung, dass wir Therapeuten und die Patienten tun sollten, was immer sich für uns gut anfühlt. Das Problem ist, dass Neurotiker sich mit ihrer eigenen Neurose behaglich fühlen. Sowohl Patienten als auch Therapeuten bleiben vielleicht der kognitiven Therapie treu. Bei dieser Art von Therapie, bei der die Biologie vernachlässigt wird, fasst man die Person nicht unbedingt als krank auf sondern eher als Klienten, der schlechtes Verhalten zeigt. Also hat die Person ihrer Ansicht nach einfach abweichende Gedanken und kein abweichendes System.

Unserer Ansicht nach ist Abweichung total und beeinflusst sowohl unsere Physiologie als auch unsere Gedanken. Sie bilden eine Einheit. Wenn wir glauben, ein Patient sei krank, dann müssen wir uns den Gesamtorganismus anschauen, um zu sehen, wie die Krankheit sich auf ihn auswirkt. Aber wenn die Person ein "Klient" ist, eine Art Kunde unserer Dienstleistung, wie beim Schneider, dann müssen wir sie nur beobachten und die Dinge hier und dort ein wenig anpassen. Deshalb muss die Behandlung nicht so wissenschaftlich und diszipliniert sein. Und die Theorie muss nicht so rigoros sein; sie muss die Grenze zur Neurologie nicht überschreiten. Sie kann den äußeren Anstrich einer Wissenschaft tragen; Wenn ich jemanden jedes Mal mit einem Stock schlage, wenn er zur Zigarette greift, hört er früher oder später zu rauchen auf. Ist das Heilung? Oder es gibt wie im Fall von EMDR, wo Ablenkung an der Tagesordnung ist, Hunderte "wissenschaftlicher" Studien, welche die Position dieser Therapeuten bekräftigt. Auch hier gilt, wenn wir nur das Oberflächliche, das Augenscheinliche und Offensichtliche messen, dann liegen die Beweiskriterien im Verhalten und nicht im neurophysiologischen Gesamtzustand.

Nehmen wir an, dass als Ergebnis dieser Therapie das Verhalten der Person entspannter ist, ihr Stresshormon-Spiegel (Kortisol) jedoch steigt. Was besagt das?
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Es bedeutet, dass wir uns den ganzen Menschen ansehen müssen. Wir wissen zum Beispiel, dass die Art, wie wir den Stab vor den Augen einer Person bewegen, das Gleichgewicht zum verdrängenden linken Gehirn hin und von der rechten Seite weg verlagert. Natürlich berichtet die Person, da sie jetzt mehr Hemmung/Verdrängung erfährt, dass sie sich besser fühle oder weniger ängstlich oder deprimiert sei. Das Schlüsselwort ist hier "berichtet." Wenn wir uns auf verbale Berichte verlassen, kann es leicht sein, dass wir uns täuschen.

Wenn die Kriterien eng definiert sind, dann sind es auch die tatsächlichen Fortschrittsmessungen. Vorsicht vor statistischen Wahrheiten! Selten sind sie biologischer Natur. Sie sprechen Zahlenliebhaber an und lassen sich allzu leicht im Sinne der Neigung des Forschers manipulieren. Von pharmazeutischen Häusern finanzierte Forschungsstudien kommen fast immer zu Ergebnissen, die zugunsten der Gesellschaft ausfallen. Keiner beisst so einfach die Hand, die ihn füttert. Konzeptionen, die über statistische Fakten hinausgehen, nehmen in der heutigen Wissenschaft in der zweiten Reihe Platz. Das macht die Aufgabe deren, die sich mit Gefühlen befassen, sehr schwer, weil Gefühle nicht immer statistisch verifizierbar sind.

Wenn ich sage, dass wir Drogensüchtige heilen und dass das Kriterium ist, drei Monate drogenfrei zu sein, kann ich durch das Verhalten des Patienten den "Beweis" für unsere Heilung erbringen. Welchen Preis zahlen die Patienten? Wir wissen es erst, wenn wir unter die Haube schauen. Wenn jemand sagt, dass die Überlebenden des Holocausts sich gut angepasst haben, geheiratet und sich in guten Berufen gehalten haben und glücklich sind, wie sollten wir daran zweifeln? Wenn wir die Kriterien dabei belassen, dann gibt es keine Diskussion. Aber wenn wir uns mit ihrem Innenleben befassen, ihrer Anfälligkeit für Krankheit und vorzeitigen Tod, kommen wir vielleicht zu einem anderen Ergebnis. Niemand behauptet, dass jemand, der dem Konzentrationslager entkommen ist, nicht wirklich glücklich sein kann. Wir nehmen das niemandem weg. Was wir wissen wollen, ist, wie sie überleben. Sind sie anfällig für Depression, Angst und Albträume? Wir müssen den Preis für Anpassung in der Therapie und im Leben kennen. Kriterien sind eine verzwickte Angelegenheit.

Wir sehen, dass viele Diätprogramme "wirken." Das Kriterium kann sein, dass der Klient 50 Pfunde verloren hat. Ist er geheilt? Nicht ohne die generierenden Ursachen. Wir können sagen, dass ein Kampfveteran der Kriege in Vietnam und Irak gut anpepasst ist, weil er eine gute Einstellung hat, einen Job hat, verheiratet ist und gut zurecht kommt. Das lässt unbewusste Einprägungen außer Acht. Wenn der Schmerz oder das Trauma in unserem Erwachsenenleben groß genug ist, kann es auch eingeprägt werden. Es ist einfach so, dass das Trauma von hoher Valenz sein muss, um eingeprägt zu werden; es ist ein Mehrfaches der Kraft notwendig, die erforderlich wäre, wenn es während der kritischen Periode geschähe.

In der Welt der analytischen Therapie/Einsichtstherapie ist Neurose oft eine Beziehungssache zwischen Arzt und Patient (die Übertragung). Der Arzt impft seinem Patienten eine Theorie ein. Seine Gedankenschule - letztlich eine Reihe von
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Glaubensüberzeugungen - wird zu einer Rationalisierung für sein (des Therapeuten) Unbewusstes, genau wie alle unsere Gedanken Rationalisierungen für unsere Gefühle sind. Somit erheben einige Therapeuten ihre eigenen unbewussten Probleme auf das Niveau eines theoretischen Prinzips, wie zum Beispiel die Auffassung, Neurose gründe auf tiefer Scham. Wir müssen sorgfältig darauf achten, unsere eigenen Gefühle von denen des Patienten zu unterscheiden. Wenn wir verdrängen und "in unserem Kopf" leben, werden wir wahrscheinlich eher von einer Therapie angezogen, die kognitiver ist und sich mit Gedankenveränderung als Behandlungsziel befasst. Das gilt für Therapeut und Patient. Somit haben wir hier einen unbewussten Pakt, in dem beide übereinstimmen, die Therapie auf das Reich der Gedanken und Einstellungen zu beschränken. Nichts muss als solches gesagt werden. Es versteht sich von selbst. Wenn keiner von beiden Zugang zu Gefühlen hat, werden Gefühle und ebenso Evolutionswissen fraglos ignoriert. Um es noch einmal zu sagen, Symptome und neurotisches Verhalten werden nicht von einem Mangel an Einsichten verursacht, und Einsichten werden sie nicht heilen; genau so wenig werden Kopfschmerzen von Aspirinmangel verursacht, obgleich Aspirin sie manchmal "heilen" kann.

Eine andere Variante des kognitiven Ansatzes wird als Entscheidungstherapie bezeichnet. Der Arzt hilft der Person, Entscheidungen in ihrem Leben zu treffen. Es ist bedauerlich aber wahr, dass man vielen Leuten sagen muss, was sie tun und wie sie leben sollen. Das ist Bestandteil von Faschismus, tiefem Fundamentalismus, allen Religionen und Kommunismus. Schließlich kommt es dazu, dass der Patient eine Version des Lebens seines Arztes anstatt sein eigenes lebt. Und was, wenn er sich nicht entscheiden kann, eine Entscheidung zu treffen? Dann müssen wir tiefer forschen; leider ist das der Punkt, wo die Kognitivisten aufhören.

Wenn wir über eine Therapie für Gefühle reden, verengt sich die Wahl sofort. Gefühle gibt es wenige, und wie man Zugang zu ihnen erlangt, erklärt sich in Hinsicht auf präzise und dennoch begrenzte Techniken. Gedanken und Varianten des Ausagierens gibt es unzählige, und sie führen zu endlosen Therapien. Mir scheint, was die meisten von uns von einer Therapie bekommen wollen, ist, was wir vom Leben bekommen wollen: die Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen, was die Grundlage dafür ist, eine Beziehung mit einem anderen Menschen aufrecht zu erhalten. Wenn wir das Schleusensystem innerhalb des Gehirns öffnen, helfen wir unseren Patienten zu lieben. Als Ergebnis wird die Person nicht mehr von unbewussten Kräften getrieben, die sie zwingen, eine irrationale Partnerwahl zu treffen.

Zum Beispiel kann sich eine Frau, die einen tyrannischen Vater hatte, schwache Männer aussuchen, die nicht zu der Bedrohung werden können, die ihr Vater war. Dann ist sie vielleicht tief enttäuscht von seiner Passivität, seinem fehlenden Ehrgeiz und seiner Antriebslosigkeit. Es ist keine Überraschung, außer für sie. Wenn wir ihr helfen, in ihre Kindheit zurückzugehen und die Angst vor ihrem Vater noch einmal zu fühlen, dann kann sie aggressivere,
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erfolgreichere Männer wählen, weil solche Männer ihre frühe Angst nicht mehr auslösen werden. Sie muss es nicht in der Gegenwart ausagieren. Ein kognitiver Therapeut kann versuchen, sie zu überzeugen, dass sie sich nicht immer für schwache Männer entscheiden soll, aber die unbewusste Furcht treibt sie dazu.

Wenn man ein schreckliches Feeling aus der Kindheit blockiert, ist das Ergebnis systemisch. Es kommt zu einer generellen Gefühlsblockade, nicht nur zur spezifischen Verdrängung eines einzelnen Gefühls. Diese Verdrängung hat zur Folge, dass man keine Liebe akzeptiert und nicht einmal wahrnimmt, wenn sie sie angeboten wird. Eine Studie, über die in den Archives of General Psychiatry (Juli 1997) berichtet wird, fand heraus, dass schwangere Mütter, die mehr als eine halbe Schachtel Zigaretten am Tag rauchten, mit weit größerer Wahrscheinlichkeit Kinder bekamen, die Verhaltensstörungen entwickelten.1 Wenn wir uns auf Verhalten allein konzentrieren, werden wir die fetalen Monate nicht sehen, in denen sich diese Störung bildete. Es gibt buchstäblich Hunderte von Studien, welche die Auswirkungen des fetalen Lebens auf späteres Verhalten und spätere Symptome dokumentieren. Auch wenn ein Therapeut diese Wirkungen verstehen würde, wüsste er vielleicht nicht, was er damit machen soll; er würde nicht erkennen, dass man diese Wirkungen wiedererleben kann.

Der große Irrtum in der Psychotherapie ist oft, dass man Sprache mit der Antriebskraft verwechselt, die ihr zugrunde liegt; dass man glaubt, dass Sprechen und Sprache das Problem lösen können, wenn der Patient sich einfach einen anderen Satz von Gedanken aneignet. Sie oder er können das tun, aber die Antriebskraft ändert sich nicht, sie bekommt nur eine andere Kappe. Hierin liegt das Dilemma: Eine Funktion höherer Ebene wie Gedanke und Konzentration wird tatsächlich von einem primitiven Reptiliengehirn gesteuert, eine Sache, zu der wir in der Regel keinen Zugang haben und von der wir uns nicht einmal vorstellen können, dass sie möglich ist. Solange wir diese Geschichte ignorieren, können wir den Zusammenbruch nicht verstehen.

Man hat keinen Mechanismus oder keine Gehirnstruktur gefunden, die emotionale Erinnerung auslöschen oder die Notwendigkeit der Verknüpfung wegradieren kann; nicht einmal Elektroschock-Therapie. Der Elektroschock neigt offenbar dazu, die Nichtverknüpfung, den Spalt zu vergrößern. Erinnerung zu zerstören ist gleichbedeutend damit, einen Teil der rechten Gehirnseite zu zerstören. Alle Therapien, die die Einprägung unangetastet lassen, stärken existierende Abwehrmechanismen, indem sie Erinnerung vom vollen Bewusstsein abwenden. Das bedeutet, dass es keine tiefgreifende Veränderung geben kann. Daraus gibt es kein Entkommen,

Bewusstsein ist unser Ziel, weil Unbewusstheit Neurose definiert. Bewusstsein ist ein vereintes Ereignis, das noch so viele Worte nicht erzeugen können. Keine Therapie ohne starke Gefühle kann uns dieses Gefühl der Lebendigkeit zurückgeben, das wir erlangen, wenn volles Bewusstsein zustande gekommen ist; keine Therapie, die Fühlen ignoriert, kann uns die Fähigkeit zu lieben zurückbringen, denn Liebe hat voll und ganz mit Fühlen zu tun.
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Tränen sind der Atavar, der zu Einprägungen im tieferen Gehirn und zum Verständnis auf höherer Ebene führt.



Nach Ansicht von Avram Goldstein, Neurologe an der Stanford University, lassen Tränen die rechte Seite des Erwachsenengehirns aufleuchten und nicht die linke. Was man hier vielleicht folgern kann, ist, dass das Hervorrufen von Tränen zu Kindheitserinnerungen führt. Und diese Erinnerungen können so viel über gegenwärtiges Verhalten erklären. Und in der Tat sind Tränen der Atavar, der zu Einprägungen im tieferen Gehirn und zum Verständnis auf höherer Ebene führt. Was wir in der klinischen Praxis sehen, ist, dass der Patient/die Patientin, wenn er oder sie über etwas in der Gegenwart zu weinen beginnt, automatisch zu kindheitsbezogenen Ereignissen geführt wird, angenommen, es kommt nichts dazwischen. Die unvermeidliche Schlussfolgerung ist, dass man das rechte Gehirn in die Therapie einbeziehen muss, wenn sie Erfolg haben soll. Vor einigen Jahren stellten wir mit William Frey von der University of Minnesota Forschungen über Tränen an. Tränen setzen ein paar der neuroinhibitorischen Transmitter frei und unterstützen somit den Zugang, indem sie Verdrängung vermindern. Deshalb muss Weinen ein wesentlicher Teil jeder Therapie sein. Und schließlich muss es stark genug sein, um Gefühle von hoher Valenz aus der Tiefe des Gehirns hervorzuholen. Erst dann können wir die Kräfte erkennen, die Gedanken, Einstellungen und Glaubensüberzeugungen antreiben und steuern.

Mit jeder Gefühlsfreisetzung in der Primärtherapie wächst das Bewusstsein Stück für Stück, da die Verbindung vom rechten Gehirn zum linken präfrontalen Areal hergestellt wird.


Stellen Sie sich vor, wir wären wie die frühen Forscher, die nicht wussten, ob es ein Down Under [Australien, Neuseeland] gibt? Ihre Forschungen waren auf Zufall ausgerichtet, ohne Karten, ein Projekt mit wechselndem Erfolg. Wir müssen wissen, dass es ein festes Ziel gibt, und wir müssen wissen, wie man dort hingelangt; wir müssen Karthographen aller Geisteselemente sein, nicht nur die des denkenden Geistes. Wenn Ärzte und Therapeuten von einem "dort unten" nichts wissen, werden sie Panik- und Angstattacken, Depression, Suizid-Neigungen, hohen Blutdruck, Sexprobleme, Alpträume und Hormonmangel nicht lösen, ganz zu schweigen von Herzattacken und anderen katastrophalen Krankheiten. Um die Metapher fortzusetzen: Wenn wir in der verbalen Nachbarschaft bleiben, werden wir niemals eine fremde
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Sprache lernen - die Sprache der Empfindungen und Gefühle. Obgleich diese tieferen Ebenen ständig mit uns reden, haben wir nie gelernt, mit ihnen zu reden. Wir haben ihre Sprache nicht erlernt, weil ihre Sprache uralt ist und sich lange vor der neueren verbalen Sprache entwickelte, die wir heute haben. Wir versuchen eine Gehirnebene die Arbeit einer anderen Ebene machen zu lassen, und das kann sie einfach nicht. Wir gebrauchen Worte, um Angst zu kontrollieren, obgleich sie nichts mit Worten zu tun hat. Mit jeder Gefühlsfreisetzung in der Primärtherapie wächst das Bewusstsein Stück für Stück, da die Verbindung vom rechten Gehirn zum linken präfrontalen Areal hergestellt wird. Unser Ziel besteht darin, Bewusstsein zu erweitern und den Janovschen Spalt zu verengen. Es gibt keine Heilung ohne Anerkennung des Schmerzes und bestimmt keine Heilung, ohne dass man hinabsteigt und sich mit ihm auseinandersetzt.

Die Gedanken des Patienten sind nicht das Problem in der Psychotherapie. Sie sind ein Lösungsversuch. Sie versuchen, die tieferen Kräfte auszugleichen. Es hat alles mit Gleichgewicht zu tun. Ein schlechtes Feeling weiter unten kann einen ausgleichenden Gedanken weiter oben erzwingen. Tief im Gehirn liegende Hoffnungslosigkeit kann zu irrationalem Glauben führen, der Hoffnung beinhaltet: zum Beispiel der Glaube an einen Gott, der uns liebt und beschützt. Das ist die Ausgleichskraft, der unbewusste Versuch, schreckliche Verzweiflung durch Gedanken zu kontrollieren.

Wenn wir auf der Grundlage von Theorien arbeiten, die aus dem Unbewussten von Psychologen konstruiert worden sind, anstatt auf der inneren Realität des Patienten zu gründen, werden wir zu pfuschenden Mechanikern, die ihre Techniken eher nach Lust und Laune ändern als auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse.



Wir müssen vorsichtig sein, wenn wir Gedanken als neurotisch oder irrational bezeichnen. Nehmen Sie das Gefühl von Hoffnungslosigkeit, eine Person, die verzweifelt ist und sich geschlagen fühlt. Bevor wir uns daran machen, sie aus diesem Gefühl herauszureden ( weil ihr gegenwärtiges Leben nicht so trostlos ist, als dass es Verzweiflung auslösen könnte), müssen wir schauen, wie das im psychischen Haushalt wirkt. Wir als Therapeuten bieten dem Patienten vielleicht Hoffnung an: "Schließlich ist das alles nicht so schlimm, wie Sie sie es machen."

Und so funktioniert Hoffnung vielleicht physiologisch: Ein Kind, ein Mädchen, hat keine Hoffnung, je die Liebe seiner Mutter zu bekommen. Sie ist sich dieses Gefühls nicht bewusst, weil es schon existierte, bevor sie Worte dafür hatte. Um dieses schmerzvolle Feeling von der Verknüpfung abzublocken, kommt es zu einem Anstieg des Serotonin-Ausstoßes. Dieses Serotonin kontolliert vielleicht auch die Dopamin-Freisetzung, die hoffnungsvollen Gedanken zugrunde liegen kann.
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Also schaltet sich Serotonin ein, um die Wahrnehmung von Hoffnungslosigkeit zu blockieren. Dann wird Dopamin freigesetzt, um bei der Produktion von Glaubensvorstellungen zu helfen, die Hoffnung beinhalten. Hoffnung entsteht aus Hoffnungslosigkeit. Hoffnungslosigkeit verleiht der Hoffnung Leben. Hoffnung, die wir als Therapeuten anbieten, kann keine wirkliche Veränderung bei der Patientin bewirken, weil sie in die Tiefen der Hoffnungslosigkeit eintauchen muss und sie in den richtigen Zusammenhang stellen muss; dann gibt es keinen Grund, falsche Hoffnung zu erzeugen (Gott oder mein Therapeut wird mich retten!), weil ihre Quelle - Hoffnungslosigkeit - nicht mehr existiert.

Wir Psychotherapeuten müssen den Status einer Wissenselite ablegen, die als Mittelpunkt aller psychologischen Erkenntnisse gilt. Der Patient ist der einzige, der Kenntnis von seinem Unbewussten hat. Therapeuten können darüber nur spekulieren. Wenn Therapeuten auf der Grundlage von Theorien arbeiten, die aus dem Unbewussten von Psychologen konstruiert worden sind, anstatt auf der inneren Realität des Patienten zu gründen, werden sie zu pfuschenden Mechanikern, die ihre Techniken eher nach Lust und Laune ändern als auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Bis jetzt gibt es kein theoretisches Netz, das sowohl Psychologie als auch Neurologie umfasst, obgleich es Versuche gegeben hat, Psychoanalyse mit Neurologie zu verbinden. Im großen und Ganzen ist es eine Schrotflinten-Hochzeit, eine erzwungene Ehe. Es ist, als würde man eine alte, ausrangierte Auffassung auf eine neue Wissenschaft pflastern und hoffen, dass es halten wird. Wenn die Psychoanalyse zentrale innere Realitäten ignoriert, ist es bedeutungslos, wenn wir ihr gewisse neurologische Fakten anhängen. Es kann nicht funktionieren. Warum sollten wir eine Theorie nehmen, die 100 Jahre alt ist, und sie mit Forschung kombinieren, die vielleicht sechs Monate alt ist? Die Ehe kann nicht von Dauer sein; der Bräutigam ist viel zu alt für die Braut, die neue Ideen und neue Informationen hat. Die junge Frau versucht den alten Mann zu führen, aber der alte Mann ist zu schwach um mitzuhalten. Besser eine junge Theorie, die innerhalb neurologischer Prinzipien arbeitet.

Was die alternativen New Age Therapien machen, ist eher willkürlich und zufällig, ohne Führungsrahmen, der ihnen eine feste Richtung gibt, - eine Art Aufeinanderhäufen verschiedener Techniken in der Hoffnung, damit Verbesserung erzielen zu können. Es stimmt, dass gewisse Vitamine und Mineralien helfen, aber wo ist die übergreifende Theorie, die uns hilft, dem einen Sinn zu geben? Wir versuchen das Schiff zu stabilisieren, ohne Rechenschaft über die Wellen abzulegen. Die Kognitivisten und Einsichtstherapeuten betreiben ein Gewerbe, das an der Oberfläche entlanggleitet, während sie von seiner Tiefe überzeugt sind. Die sogenannte "Tiefenpsychologie" ist in Wirklichkeit eine Sache von Gedanken, die auf gewisse tiefe Gefühlszustände anspielen, ohne sie durch Beweise bestätigen zu können. Wenn diese Therapeuten die Tiefe nie auf diese Art gesehen haben, wie wir sie gesehen haben, machen sie leicht diesen Fehler. Eine strukturierte Theorie bedeutet, dass man die verschiedenen Nuancen der Bewusstseinsebenen in Betracht zieht. In jedem Fall kommen die Patienten in die konventionellen Therapien, um ihre Neurosen für rechtsgültig erklären zu lassen. Sie wollen sich ändern, aber
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ohne den Schmerz, was eine verständliche Einstellung ist. Aber ohne den Schmerz gibt es keine grundlegende Änderung.

Wenn wir sagen, jemand, der gesund agiert, sei gesund, dann ist die Diskussion hiermit beendet. Aber wenn wir eine andere Reihe von Kriterien anbieten, die neurobiologische Prozesse beinhaltet, brauchen wir andere Beweise. Dann müssen wir uns fragen, ob der Kortisolspiegel gesunken ist oder ob der Serotoninspiegel sich geändert hat. Was passiert mit dem Hirnwellenmuster? Wir wissen, dass bei Kriegsveteranen die Norepinephrin -Spiegel hoch sind (nach Messung in Urinproben). Leute mit schrecklicher Kindheit sind auch Kriegsveteranen; der Krieg ist eher lautlos und subtil aber ebenso mörderisch für die Seele. Interessanterweise blitzten bei Patienten Erinnerungen an traumatische Kindheitsereignisse auf, wenn man ihnen Medikamente gab, die den Norepinephrin-Spiegel anhoben (ein Hormon, das schlagartig Gefühle auslöst). In unserer Therapie leisten wir das ohne Medikamente. Wir lockern den emotionalen Pflock, und die Geschichte kommt daher und bietet sich für einen Ausritt an.

Wir haben die Macht, einen atavistischen Sprung in unsere Vergangenheit zu tun und das Unbewusste freizusetzen. Wir können in Millionen Jahre Evolution hinabspähen, indem wir in unsere persönliche Entwicklung zurückreisen. Wir können sehen, wie Gedanken und Glaubensvorstellungen in den Kampf eingreifen, wenn Gefühle zu stark sind. Jeder Monat unserer persönlichen fetalen Evolution und unserer frühen Kindheit (Ontogenese) scheint Millionen Jahre menschlicher Entwicklung zu repräsentieren (Phylogenese). Und in diesem Sinn rekapituliert die Ontogenese in unseren Sitzungen die Phylogenese. Was wir jetzt tun können, ist, zu unseren Anfängen zurückzugehen, und durch Wiedererleben können wir finden, was bei der Geburt geschah. Des Weiteren können wir entdecken, wie dieses Ereignis unser Leben beeinflusst hat. Wir können zu den Anfängen unserer Überlebensstrategien zurückgelangen, und jeder Schritt bedeutet, dass wir mehr von uns selbst zurückgewinnen. Wir kämpfen beharrlich gegen die Befreiung des Unbewussten, obwohl allein das emotionale Freiheit bedeutet.

Lassen Sie mich zusammenfassen, was ich als Schlüsselphänomene in der Entwicklung emotionalen Leidens (Neurose) und als die Grundprinzipien einer angemessenen Therapie erachte. Wie ich zu Beginn dieses Werkes erwähnte, gibt es Schlüsselphänomene in der Entwicklung emotionaler Krankheiten. Sie lauten:

1. Die vielen emotionalen Problemen und Symptomen zugrunde liegende Ursache ist Schmerz.

2. Dieser Schmerz rührt vom Lebensanfang her, nicht zuletzt von der Zeit im Mutterleib und von der Geburt.

3. Der Schmerz wird im Zentralnervensystem und im ganzen Körper eingeprägt.

4. Der Schmerz wird verschlüsselt und und in wesentlichen Gehirnsystemen gespeichert, besonders im limbischen System und im Hirnstamm, und breitet seine Tentakeln auf andere Teile der Physiologie aus.
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5. Der Schmerz lässt sich auf drei Schlüsselebenen der Gehirnfunktion oder Bewusstseinsebenen registrieren.

6. Die Zeit oder die Epoche, in der das Trauma geschah, bestimmt, wo es im Gehirn gespeichert wird, und das Ausmaß des Schadens, den es anrichtet.

7. Dieser Schmerz erzeugt eine Überlast an Input ins Gehirnsystem, welche.....

8. ......zu einem neurologischen Verschluss oder Schleusung führt, um den Schmerz von vollem Bewusstsein fern zu halten.

9. Als Ergebnis der Schleusung reverbieren die schmerzvollen Feelings in einem Kreisprozess in den tieferen Gehirnstrukturen.

10. Es kommt dann zu Funktionsverzerrungen in vielen biologischen Kernsystemen, da sich die Energie des Schmerzes ausbreitet.

11. Der Schmerz erzeugt Dissoziation oder Trennung zwischen diesen Ebenen, wobei er den fließenden wechselseitigen Zugang unterbricht.

12. Ein angemessenes therapeutisches Ziel muss die Verknüpfung zwischen auf tieferer Ebene eingeprägten Traumen und vollem Bewusstsein sein.

Die Prinzipien einer angemessenen Therapie lauten wie folgt:

1. Therapeuten müssen den Patienten helfen, Zugang zu Schlüssel-Einprägungen auf den unterschiedlichen Bewusstseinsebenen zu finden, und dürfen nicht ihre Einsichten anbieten.

2. Die Leidenskomponente dieser traumatischen Einprägungen muss zur Verknüpfung ins kortikale Bewusstsein gebracht werden. Es ist diese Komponente, die im Unbewussten liegt und unlogische und irrationale Gedanken antreibt.

3. Die Verknüpfung ist die sine qua non für eine wirkunsvolle Therapie und für die Auflösung vieler Symptome und abweichender Verhaltensweisen und Gedanken.

4. Wenn die Verknüpfung einmal zustande kommt, wird das Trauma schließlich integriert, die Überlast an Input wird mit den kortikalen Zentren verknüpft und löst sich schließlich auf. Integration bedeutet, dass Verdrängung nachlässt und es kein ständiges Bedürfnis mehr gibt, Feelings unten zu halten. Nichts muss als solches gesagt werden. Es versteht sich einfach von selbst. Wenn keiner von beiden (weder Therapeut noch Patient) Zugang zu Gefühlen hat, steht es außer Frage, dass Feelings genauso wie evolutionäres Wissen ignoriert werden

5. Wir brauchen eine erfahrungsorientierte Therapie, die mit aktueller neurologischer Forschung verschmilzt und tiefen Zugang zu neurologischen Prozessen auf den unteren Ebenen bietet.
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6. Dieser Zugang wird in titrierter Dosis vollbracht, um maßvolle Verknüpfung und Integration zu erlauben, die permanente Veränderungen bei vielen biologischen Parametern erzeugt, vor allem und am wichtigsten im zentralen Nervensystem.

7. Ist dies einmal erreicht, gibt es keine wesentliche Funktionsverzerrung mehr, und das ganze System normalisiert sich physiologisch und im Bereich der Gedanken und Überzeugungen.

8. Mit der Auflösung können wir im gesamten biologischen System Veränderungen erkennen, vom Immunsystem bis hin zum Nervensystem.

Wenn man erkennt, dass frühe Traumen Schmerz verursachen, dass der Schmerz anhält und eingeprägt wird, dass dieser Schmerz eine messbare Kraft ist, dass es möglich ist, diesen Schmerz wiederzuerleben und ihn mit dem Bewusstsein zu verknüpfen, dass es zu einer Kaskade von Veränderungen kommt, die von der Gehirnfunktion bis zum Immunsystem reicht, wenn das getan ist, dann weiß man, dass es nur eine einzige Behandlung für viele, viele Krankheiten gibt. Die Kaskade, von der ich rede, ist die Umkehrung der Kaskade, die Martin Teicher beschreibt, der die Veränderungen im Gehirn diskutiert, die in Zusammenhang mit frühem Trauma stehen. Er behauptet, dass es bei einem frühem Trauma zu Veränderungen kommt, die bis zur molekularen Ebene hinabreichen. Beim Wiedererleben ergeben sich dieselben Veränderungen in umgekehrter Richtung - eine Normalisierung, die die Sollwerte oder Ausgangswerte neu festlegt, wo dies möglich ist.

Das neue Gleichgewicht kann man erreichen, indem man das Trauma wiedererlebt, das in ursprünglicher Form im System geblieben ist. Somit kann man auf zweierlei Art ein normales System haben: die erste ist, dass man von früh an geliebt wird und nicht so geschädigt wird, dass viele biologische Systeme verzerrt oder abgelenkt werden (Neurose); und die zweite ist, dass man den Schaden wiedererlebt, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Nichts anderes kann das zustande bringen. Wie ich aufgezeigt habe, würde sich nichts ändern, wenn wir die gleichgültige, kalte Mutter zur Therapiesitzung brächten und sie den Patienten eine Stunde lang küssen und umarmen ließen. Hier und dort könnte es zu einer vorübergehenden Veränderung kommen, aber nicht zu dauerhaften Effekten.

Das Wiedererleben muss eine totale Wiedererfahrung einschließen und nicht nur ein Gehirnsystem oder biologisches System allein. Erfahrung wird nicht einfach als Gedanke niedergelegt, und Gedanken werden sie nicht ändern. Tatsächlich werden die Schlüsselerfahrungen, die uns formen, lange bevor wir Gedanken haben, tief ins Gehirn eingeprägt. Deshalb sehen wir nach einiger Zeit in der Primärtherapie Veränderungen bei so vielen verschiedenen Systemen.

Ein Artikel in einer London Times (2002) hat folgende Schlagzeile: "Unsere Persönlichkeit steht mit drei Jahren fest."2 Der Artikel diskutiert eine Forschungsarbeit des Londoner Institute of Psychiatry über 1.000 Kinder im Alter von 3 Jahren und dann wieder im Alter von 23 Jahren. Der
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Artikel deutet darauf hin, dass sich unsere Charakterzüge vom Alter von 3 Jahren bis ins Erwachsenenalter sehr wenig ändern, was anzeigt, dass sich die Grundpersönlichkeit mit drei Jahren bereits gebildet hat. Das ergibt einen Sinn, weil die limbische Entwicklung im rechten Gehirn im Alter von 3 Jahren der frontal-kortikalen Entwicklung weicht. Ein Zitat aus dem Times-Artikel: "Das liefert den stärksten Beweis, dass früh auftretendes Verhalten der Kinder bereits ihr charakteristisches Verhalten als Erwachsene vorausahnen lässt. Wir ändern uns nach dem Alter von 3 Jahren wenig in Hinsicht auf Zuversicht, Verlässlichkeit, Ausgehverhalten, Entschiedenheit, Wut und Selbstkontrolle.

Das rechte Gehirn bietet uns die Chance, unsere Geschichte zu rekapitulieren, sie wiederzuerleben und zu verändern. Das ist das Wundersame an ihm. Es erlaubt uns auch, die frühe Geschichte und Evolution des Gehirns zu beobachten. Wir sehen, wie jedes Gehirn zu unserer Menschlichkeit beiträgt. Wir müssen uns nicht mehr auf veraltete Theorien verlassen, die dem Patienten übergestülpt werden. Die ganze Theorie, die wir brauchen, kommt aus dem Mund dieser Patienten. Ihre Gefühle erklären, was wir wissen müssen.

Gedanken entwickeln sich aus dem enormen Druck der Gefühle, die unbewusst bleiben. Um Gedanken tiefgreifend zu beeinflussen, müssen wir die Gefühle beeinflussen, die ihnen zugrunde liegen. Wir müssen daran denken, dass ein evolutionärer Raison d'etre oder Existenzgrund für die Entwicklung des linken Frontalkortexes darin bestand, eine Lügenmaschine zu konstruieren, eine Maschine, die uns ermöglichte, uns selbst zu belügen und uns somit den Schmerz fern zu halten. Das Ergebnis ist die Entfremdung der Gehirnhemisphären. Hier findet die Durchtrennung der Verknüpfung statt. Es macht keinen Sinn, unter Verwendung dieser Lügenmaschine  gesund  werden zu wollen, weil wir den Abwehrapparat eben dazu benutzen, um unter den Schutz der Abwehr zu gelangen. Wenn wir die Rolle der Gefühle im rechten Gehirn, insbesonders im rechten präfrontalen Gehirn einmal verstanden haben, wissen wir, dass wir unsere Anstrengungen dort konzentrieren müssen. Der Unterschied zwischen einer Gefühlstherapie und einer kognitiven ist der Unterschied zwischen Heilung und Auslöschung eines Symptoms - zwischen Heilung und Linderung, Heilung und Verleugnung, zwischen Heilung und Selbsttäuschung und zwischen Erscheinung und Essenz. Es ist der Unterschied zwischen Emotionen und Gedanken, zwischen einem holistischen Ansatz und einer Behandlung von Bruchstücken. Es ist der Unterschied zwischen einer intellektuellen Erinnerungstherapie und einer Therapie des Wiedererlebens. (Wir dürfen nicht vergessen, dass wirkliches Erinnern etwas Organisches ist; wir erinnern mit unserem ganzen Selbst.) Die Gefahr in der Therapie ist, was der Patient nicht intellektuell erinnern kann. Der Körper erinnert sich mit seinem Gang, seiner Haltung und seinem Gesichtsausdruck. Intellektuelles Erinnern ist ein strikt zerebrales Ereignis. Ein wichtiger Faktor: Beim Wiedererleben versuchen wir nie, das Ergebnis der Erinnerung abzuändern. Wir wollen die Geschichte nicht neu schreiben. Wir bringen den Patienten auf die neurologische Spur, und im Restlichen geht es darum, der Geschichte zu folgen.

Die Geschichte der Neurose ist die Geschichte des Elends; lassen wir den Patienten  dieses Elend hinausschreien, und lassen wir ihn schreien wegen der vielen Male, als er verletzt wurde und es nicht ausdrücken konnte.
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Weinen um ein vergeudetes Leben; um zerbrochene Beziehungen und dafür, dass er seiner Familie Leid zugefügt hat; weinen, weil man von unbekannten und unsichtbaren Kräften gezwungen wurde zu rauchen, trinken und Drogen zu nehmen; weil man sein Leben durch Verhalten zerstört hat, das die Gelegenheit für Liebe nicht wahrgenommen hat. Wir brauchen Emotion im Leben und in der Therapie.

Jacques Chirac, Präsident von Frankreich, sagte etwas, das wir nie vergessen sollten, als er darüber sprach, wie die Juden in Paris für die Konzentrationslager zusammengetrieben wurden : "Wir müssen unserer Erinnerungspflicht bis zum Schluss nachgehen." Das gilt auch für jeden von uns. Erinnerung ist eine Pflicht. Und Erinnerung ist Medizin. Keine Medizin kann wirken, wenn sie aus ihrem historischen Kontext gerissen worden ist, weil wir Geschichte im Wesentlichen mit Erinnerung behandeln. L.P. Hartley schrieb: "Die Vergangenheit ist ein fremdes Land." Wir müssen diese erfrischende Reise dorthin unternehmen, um dieses Land unser eigen zu machen, so dass wir uns selbst nicht mehr fremd sind. Wir können wieder nach Hause gehen. Wir können Geschichte ungeschehen machen. Obwohl uns Gefühle in alle Richtungen drehen und wenden können, sind sie das Leben selbst. Keine Therapie, die sich auf Worte verlässt, kann sie wiederauferstehen lassen und uns unser Leben zurückgeben. Wir selbst sind die einzigen, die unsere Gefühle wiedererwecken können. Vielleicht brauchen wir Hilfe, aber wir haben endlich die Werkzeuge, um zu fühlen, was uns antreibt, um die Kontrolle zu übernehmen, um zu lieben und zu leben!



ANHANG  
WAS IST PRIMÄRTHERAPIE ?

Die Essenz der Primärtherapie ist wiedererleben, zurückgehen zu dem frühen Mangel an Liebe und zu den Traumen, die in unserem System als Einprägungen geblieben sind. Einprägungen sind der Dreh- und Angelpunkt primärtherapeutischer Arbeit, denn sie sind in alle unsere Systeme und in das Gehirn eingraviert als unauslöschliche Erinnerungen, die unser Leben bestimmen. Sie sind meistens unbewusste Kräfte, die sich festsetzten, bevor wir Worte hatten, um sie zu beschreiben. Unsere Therapie ist ein systematischer Abstieg in die Geschichte, in die Vergangenheit des Patienten, wobei wir mit den jüngsten Problemen anfangen und dann auf dem Gefährt des Fühlens in die Geschichte reisen; diese Geschichte kann die vorgeburtlicher Traumen und des Geburtstraumas selbst sein. Sie schließt die Säuglingszeit und die Kindheit ein, und wenn wir uns auf der Zeitskala nach oben bewegen, sind die Schmerzen von geringerer Valenz, weil die Bedürfnisse tendenziell immer weniger mit Überleben zu tun haben. Fehlender Körperkontakt im Alter von 10 Jahren kann nie dem Trauma fehlenden Körperkontakts im Alter von 2 Wochen gleichkommen. Was wir bei konventioneller Therapie nahezu niemals erreichen, ist eine Rückkehr zu präverbalen Ereignissen und zu dem Liebesmangel, sagen wir, im Alter von einem Jahr. Die Ereignisse werden dann ignoriert, als existierten sie nicht. Aber wenn ein Patient auf dem Gefährt des Fühlens zum Alter von einem Jahr zurückgeht und Qual empfindet über elterliche Gleichgültigkeit (zum Beispiel wegen einer Mutter, die depressiv ist und dem Baby keine Aufmerksamkeit widmen kann), wissen wir, dass es existiert. Der Patient kann jetzt um die Aufmerksamkeit seiner Mutter bitten, was er damals nicht konnte. Der Schmerz sprudelt nur so hervor. Ein Patient erinnert sich, wie er mit drei Jahren von seiner Mutter im Arm gehalten wurde, und hat die genaue Farbe und Form ihrer Ohrringe vor Augen. Er fragte seine Mutter danach, und sie bestätigte, dass sie sie hatte, sie aber vor Jahrzehnten wegwarf.
  Wir können auf Gefühlen zurück in die Zeit  reisen, weil Gefühle von Anfang an existierten; sie sind – in der Regel durch Schlüsselfrequenzen - miteinander verbunden, und somit kann jemand zu seinen oder ihren Ursprüngen zurückgleiten. Ist man in diese Frequenzen eingeschlossen, wird man automatisch zurückbefördert. Wir können nicht versuchen, in unser

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Leben zurückzugehen, weil das eine selbstbetrügerische Auffassung ist. Je mehr wir das erwachsene Gehirn benutzen und uns anstrengen, umso weniger Zugang haben wir zu Gefühlen. Für die Auffassung von Frequenzen war vor Jahren der Psychiater William Gray eingetreten, der mit dem Systemtheoretiker Paul LaViolette, Ph.D., die Ansicht teilte, dass alle Gedanken in Gefühlstönen eingebettet seien, die Erinnerung als neuroelektrische Wellenform verschlüsseln und speichern. Es ist die Frequenz dieser Wellenformen – Gefühle – die ein Ereignis mit dem anderen verknüpfen und die Resonanz ermöglichen. Der Code antwortet auf Erinnerungsspuren, und die gestatten uns, uns in unsere Geschichte einzuhaken. Ein anderes Beispiel: Eine Patientin hatte Streit mit ihrem Ehemann, weil sie wollte, dass er für sie stark sei und sich Sorgen mache wegen ihrer Migränen. Es brachte sie in eine Zeit zurück, als sie klein war und ihre Eltern nicht im mindesten an ihren Qualen interessiert waren; sie wollten, dass sie mit ihrem „Gewimmer“ aufhöre und „optimistisch und fröhlich“ sei. Das Gefühl: Sie kümmern sich nur um meine Fassade und nicht um mich. Eine Patientin hatte Probleme mit einem Kollegen, der sie schikanierte. Sie war bestürzt, weil sie wusste, dass ihr Chef ihr nicht helfen würde. Es brachte sie in eine Zeit zurück, als ihre Geschwister sie hänselten und ihr Vater sich weigerte, sie aufzuhalten. Er ließ zu, dass ihre Brüder sie gnadenlos piesackten. Eines ihrer Gefühle: „Was ist mit mir und meinen Gefühlen, Papi? Zähle ich nicht?“ Später war ihr Verhalten: „Ich zähle wirklich für niemanden.“ Sie benahm sich weiterhin, als würde nie zählen, was sie wollte, und so hörte sie auf es auszudrücken. Zufällig kam sie in die Sitzung mit dem Gefühl: „Mein Chef kümmert sich wirklich einen Scheiß’. Er lässt einfach zu, dass meine Kollegen Amok laufen.“ Als sie in dem Feeling war, brachte es sie zurück in die Vergangenheit und dann fand sie den Ursprung, nicht nur das spezielle Ereignis mit ihrem Vater sondern auch den Grund, warum sie es aufgab, ihre Bedürfnisse auszudrücken. Es war eindeutig nicht wegen dieses einen Males, sondern aufgrund der Anhäufung vieler Erfahrungen, die sie schließlich zur Resignation zwang. Die Therapie wird in schalldichten, abgedunkelten Räumen ausgeführt, in denen es keine Ablenkung gibt. Der Patient liegt auf einer Matratze und der Therapeut befindet sich hinter ihm oder ihr. Er/sie erörtert, was in seinem/ihrem Leben vor sich geht, was ihn/sie quält und was in seinem/ihrem Inneren passiert. An bestimmten Schlüsselpunkten stellen die Patienten die Verbindung zu einem Feeling her, das sie, wenn es einmal angedockt hat, zu Kindheitsereignissen zurückbringt, die dazu beitrugen, sie zu formen; zu den Schmerzen, die die ganze Zeit in ihrem System waren und sie angetrieben und gelenkt haben. Obwohl Patient und Therapeut gelegentlich während der Sitzung reden, folgt das Gespräch dem Gefühlsfaden und führt zum Wiedererleben früherer Erfahrungen. Es ist nicht einfach das Erinnern früherer Erlebnisse sondern ihr Wiedererleben, als würden sie wieder geschehen, die Aktivierung eines Gehirnschaltkreises, der zu jener Zeit wirksam war. So kann das Weinen eines Patienten in einer Sitzung wie ein wirkliches Baby klingen, aber derselbe Patient könnte diesen Klang nachher, wenn er aus dem Wiedererlebnis heraus ist, niemals nachmachen. Lassen Sie mich es kurz und bündig sagen: Keine Therapie, die sich auf die Gegenwart konzentriert, die Tricks, Methoden oder spezielle Werkzeuge benutzt (zum Beispiel 

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Hypnose), um in die Vergangenheit zu gehen, kann wirksam sein. Nur volles Wiedererleben mit dem Gehirnsystem, das zu der Zeit in Kraft war, wirkt auflösend. Wenn eine Therapie behauptet, sich mit der Geschichte des Patienten zu befassen, sie aber vom Standpunkt eines Erwachsenen angeht, ist sie zum Scheitern verurteilt. Wenn die Ergründung der Vergangenheit auf Anordnung oder Drängen eines Therapeuten erfolgt, scheitert sie, weil der Brennpunkt außen und nicht innen liegt. Wenn sie in irgendeiner Weise das Ergebnis von Ansporn oder beharrlichen Bestehens ist, scheitert sie. Sie muss dem natürlichen evolutionären Lauf der Gefühle folgen.
Wir vertrauen darauf, dass die Patienten wissen, wann sie zu einer Sitzung kommen sollten, wenn sie erst Zugang zu ihren Gefühlen haben. Die Anfangstherapie besteht aus einer dreiwöchigen Phase individueller Sitzungen (eine je Tag), deren Dauer offen ist, da nur die Gefühle des Patienten bestimmen, wann die Sitzung endet. Normalerweise dauert sie zwischen zwei und drei Stunden. Nach dieser dreiwöchigen Periode, die dem Patienten helfen soll, einen „Primärstil“ zu erlernen und herauszufinden, wie er oder sie Zugang zu seinen oder ihren tieferen Gefühlen und Erlebnissen gewinnen kann, gibt es, abhängig vom Willen und den Gefühlen des Patienten, zwei Gruppen pro Woche plus Einzelsitzungen. Kein Patient wird angewiesen, wann er oder sie in die Therapie zu kommen hat. Die Macht liegt in seiner oder ihrer Hand. Die Patienten bestimmen, wieviel Therapie sie brauchen, weil sie Zugang zu ihren Gefühlen haben, der sie wachsam macht für die „Gefahr“ aufsteigenden Schmerzes. Im Allgemeinen kommen sie zuerst ein- oder zweimal je Woche und wechseln dann allmählich zu weniger häufigen Besuchen. Am Ende einer Einzel- oder Gruppensitzung gibt es eine Phase individueller Diskussion, die eine halbe bis eine Stunde dauern kann. Hier geht der Patient seine Gefühle und Einsichten durch. Er diskutiert, wie der Schmerz ihn dazu trieb, bestimmte Symtome zu entwickeln oder sich neurotisch zu verhalten. Wie das Bedürfnis, das er fühlte, ihn früher zum Ausagieren an seinen Freunden brachte, indem er sich bedürftig und anklammernd verhielt. In der Gruppe gibt es wenig Konfrontation. Jeder Patient nutzt die Gruppe, um zu seinen oder ihren Gefühlen zu gelangen. Der Schmerz des einen mit seinem Vater kann ähnliche Gefühle eines anderen auslösen. Das Problem kann zwischen Menschen bestehen, aber die Lösung liegt im Inneren. Diese Gruppen dauern drei Stunden oder länger.
Jedes Jahr veranstalten wir eine Halloween-Gruppe, in die die Patienten als ihr heimliches Selbst verkleidet kommen. Das hilft den Patienten, zu ihren verborgenen Feelings zu gelangen. Ein Patient kam verkleidet in pornographische Magazine. Dieser Patient hatte keine Ahnung, warum er süchtig nach Porno war. Er fand heraus, dass das einzige Gefühl, das eine Frau jemals zeigte, in diesen Magazinen war; sie waren ekstatisch im Vergleich zu seiner Mutter, die „tot“ war. Das erregte ihn dann sexuell, aber die wirkliche Erregung wäre eine Mutter gewesen, die etwas Ekstase gezeigt hätte. Das Bedürfnis wandelte sich. Eine Patientin war als Phantom der Oper gekleidet: Ihre geheimen Gefühle waren mörderisch und gegen ihren Vater gerichtet, der sie sexuell belästigte. Ein anderer war Quasimodo, der Buckelige von Notre Dame, von dem sich alle fernhielten. Das war das Feeling dieses Patienten: Niemand mochte ihn und jeder mied ihn. Er fühlte sich

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hässlich, ungewollt und so, als könnte ihn nie jemand lieben. Er entdeckte, dass er nach Frauen suchte, die ihn wirklich nicht wollten, und dann kämpfte er, sie dazu zu bringen, dass sie ihn wollten. Aber das Feeling – ungewollt sein – wurde dominant, und er gab den Kampf auf. Lassen Sie mich hier gleich hinzufügen, dass es, auch wenn ich von Schmerz spreche, kein so erheiterndes Gefühl gibt wie nach einem Primal. Plötzlich löst sich einfach das Gewicht des Lebens; man fühlt sich leicht und wirklich entspannt. Man kann dem Leben wieder begegnen. Da wir jetzt wissen, dass es die Einprägung der ersten Ebene ist, die impulsiv-obsessivem Verhalten so viel Kraft gibt, ist es klar, dass wir, wenn wir fähig sind, in die Tiefe zu gehen und die Kraft der Einprägung zu reduzieren, auch die Neigung zu jeder Art impulsiven Verhaltens reduzieren, angefangen von sexueller Gewalt bis zu unkontrollierter Wut. Ein anderer Patient kam mit religiösen Plakaten beklebt und in einem Käfig: Er war Gefangener seines Glaubens und fühlte sich nie frei von seiner Erziehung, die moralistisch und kontrolliert war.
Wer zu uns kommt, hat im Großen und Ganzen etwas Zugang zu seinem Schmerz. Die Menschen leiden und sie wissen es. Diejenigen, die es im Leben schaffen, deren Abwehr – oft durch Zusatz von Medikamenten - wirksam funktioniert, fühlen sich mehr zu den kognitiven oder auf Einsicht beruhenden Methoden hingezogen. Wir sehen solche Leute, deren Schmerz sie abhält, das Leben auf gesunde Weise zu bewältigen. Es gibt weder einen allgemeinen Patiententyp noch eine allgemeine sozioökonomische Klasse. Wir sehen weit mehr Individuen aus der Arbeiterklasse als Angehörige der Oberklasse. Es gibt Leute, die in ihren Autos lebten, um für die Therapie zu sparen, obwohl wir eine Stiftung haben, die Therapie-Stipendien an bedürftige Patienten vergibt. Unsere Therapeuten sind sehr gut ausgebildet und besuchen dennoch zwei Trainingssitzungen pro Woche, auch solche, die seit 10 Jahren zum Personal gehören. Es ist gelinde gesagt kompliziert. Wir filmen und überwachen jede Sitzung. Vor und nach jeder Sitzung messen wir die Vitalfunktionen um sicher zu stellen, dass es ein integriertes Feeling war. Wir nahmen an eintretenden und austretenden Patienten systematische Gehirnwellentests vor, aber es wurde selbstverbietend teuer. Nichtsdestotrotz achten wir sorgfältig darauf, „Abreaktion“ zu verhindern, die zufällige Entladung von Schmerzenergie, weil sie dem therapeutischen Prozess schadet, auch wenn sie wie ein Primal aussieht. Vielleicht fühlt sich der Patient besser nach einer Sitzung, aber das ist nur vorübergehend und gibt ihm ein falsches Gefühl von Fortschritt. Hat Primärtherapie ihre Misserfolge? Ja, aber nicht annähernd so viele wie ich sie gesehen habe, als ich Freudsche Analyse praktizierte. Wir tun uns sehr schwer mit Leuten, die viele LSD- oder Ecstasy-Trips hatten, oder mit Psychopathen, die die Therapie ihrer Neigung zum Schwindeln und Täuschen einverleibten. Es gibt Leute, die sehr abgewehrt und verschlossen sind, die lange brauchen, bis sie sich öffnen, aber wenn sie konsequent dabei bleiben, sind sie oft erfolgreich. Weil wir keine Klinik sind, 
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die Patienten aufnehmen kann, nehmen wir sehr wenige psychotische Patienten an. Sie brauchen mehr Fürsorge und Überwachung als wir anbieten können. Es gibt Patienten, die fühlen, dass sie keinen Schmerz mehr wollen und aufhören. Wir verstehen das. Andererseits können es Patienten kaum erwarten, in die Klinik zur Therapie zu kommen. Sie wissen, dass es am anderen Ende der Sitzung oft Erleichterung gibt. Es gibt Leute, die in tiefen Schmerz geraten, die genug Qual gehabt haben und gehen. Das sind die mit der schrecklichsten Kindheit – Waisenhaus, Inzest, Prügel und so fort. 

Viele unserer Patienten kehren in ihre Heimatländer zurück und setzen ihre Behandlung über Telefon oder Computersitzungen fort. Manchmal kann man das über Telefongespräche machen, aber es ist immer das Beste, wenn jemand leibhaftig anwesend ist. Wenn sie Zugang bekommen, können Patienten unter eigener Regie weitermachen oder uns telefonisch um Hilfe bitten. Nach einer Weile wird es zu einer Lebensweise. Man fühlt Schmerz und weint wie man auch lachen könnte – Teil der menschlichen Bedingung. Es gibt ein Kumpel-System an unserer Klinik. Patienten kommen mit ihren Kumpeln in die Klinik, und jeder steht dem anderen in der Sitzung bei. Sie machen keine Therapie; sie fungieren füreinander als eine Art "Resonanzboden." Ältere Patienten kommen oft zu unseren Nachbehandlungen zurück, die alle paar Monate stattfinden. Patienten in der Nachbehandlung bleiben an unserer Klinik und nehmen dort auch ihre Mahlzeiten ein. Sie sehen Spielfilme mit Primal Feelings, und sie haben Rund-um-die-Uhr-Sitzungen und-Gruppen. Es ist ein erfolgreicher Aspekt unserer Arbeit. 

Gibt es einen einheitlichen Patiententyp? Nicht wirklich; wenn auch alle von ihnen eine tiefe Unglücklichkeit verspüren, einen Mangel an Erfüllung und fühlen, dass sie vom Leben nicht bekommen, was sie brauchen. Wir sehen viele psychosomatische Fälle – Asthma, Kolitis, Migräne, hoher Blutdruck und Epilepsie; und ebenso Verhaltensstörungen – Leute, die unfähig sind, als Erwachsene Beziehungen aufrecht zu erhalten, sich oft trennen, sich nicht konzentrieren können (ADD) und schwer depressiv sind. Wir haben so ungefähr alle Leiden gesehen, die es gibt. Was die Patienten von der Therapie bekommen, ist das Ende ihrer Schmerzen und die Chance auf ein gutes Leben. Sie können wieder produktiv sein, gut schlafen, sexuell funktionieren anstatt unter Frigidität oder Impotenz zu leiden. Vor allem sind sie nicht länger ängstlich oder depressiv. Wir haben viel Glück mit diesen Patienten, weil wir wissen, wie tief der Schmerz ist, und weil wir die Techniken haben, dorthin zu gehen – sanft, methodisch, aber unweigerlich. Es gibt wenige Primärtherapeuten, weil die Ausbildungsphase sehr lange dauert und Fachleute im psychischen Gesundheitswesen, die viele Jahre mit akademischer Arbeit verbracht haben, haben im Allgemeinen kein Verlangen, wieder von vorne anzufangen. Ich verstehe das, aber wenn ein Profi von dem überzeugt ist, was wir tun, muss er oder sie das Richtige machen und sich einer angemessen Ausbildung unterziehen. Ich möchte unsere Therapie für Fachleute öffnen; sie müssen sich nur Zeit nehmen und von uns ausbilden lassen. Wir hüten die Therapie nicht als Geschäftsgeheimnis. Wir haben herausgefunden, dass Fachleute, die mein Buch 
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lesen, manchmal ein Primärgeschäft eröffnen. Das Ergebnis ist oft verheerend. Heute morgen erhielt ich einen Brief von einem Mann in New York, der ein selbsternannter Dozent und Therapeut für Primärtherapie geworden ist. Wir können sicher sein, dass Leute, die zu dem untrainierten Therapeuten gehen, zu Schaden kommen werden. Therapeuten müssen dahin gelangen, dass sie mit den Bedürfnissen ihrer Patienten harmonisieren, und das ist eine schwierige Aufgabe. Sie müssen lernen, wann man es macht und wann nicht, und ebenso, wie man es macht. Zeitweise bekommt Primärtherapie einen schlechten Ruf durch all die Scharlatane, die sie praktizieren, und durch den Schaden, den sie anrichten. Jahrelang mussten wir den Schaden wieder gut machen, der von den Rebirthern angerichtet wurde. Übrigens öffnen wir im Herbst 2006 unsere Ausbildung für Fachleute für einen einjährigen Intensivkurs, der Therapieerfahrung, Erlernen der aktuellen Theorie und ein Praktikum beinhaltet.


Primärtherapie hat manchmal den Ruf, Wunder zu wirken, aber sie ist kein Wundermittel. Das Wunder liegt im Fühlen. Sie gründet auf soliden wissenschaftlichen Prinzipien und 35 Jahren Forschung. Ist sie der einzige Weg? Ich wünschte, ich könnte mich auf demokratische Prinzipien berufen und sagen: „Nein. Man sollte alles ausprobieren.“ Aber eine ineffiziente Methode zu einer anderen zu addieren, die noch weniger effizient ist, summiert sich nicht zu einer geeigneten, nützlichen, effizienten Therapie. Was ich hier zu zeigen versuche, ist, dass wir unsere Techniken über drei Jahrzehnte verfeinert haben und eine strenge Methodik eingeführt haben, die mit den jüngsten Forschungsergebnissen in Neurologie und Biochemie zusammenfließt. Andere helfen einem Patienten vielleicht, von Zeit zu Zeit ein Primal zu haben, aber ich habe nie gesehen, dass es systematisch und in der richtigen Reihenfolge gemacht wurde, und so gut wie nie mit tiefen Verknüpfungen. Die Praxis ist nur in untrainierten Händen gefährlich. Ein letzter Gedanke: Mit fortschreitender Therapie müssen Patienten Feelings der Primärebenen immer weniger erleben. Sie wissen, wie sie sich fühlen, und sie können ein viel gesünderes Leben führen; sie sind nicht mehr abhängig von Whisky, Zigaretten und Drogen – und nicht mehr abhängig von Therapie. Wenn wir uns fragen, wie tief verwurzelt der Ansatz der Verhaltenstherapie ist, dann sehen Sie sich nur das Standard-Nachschlagewerk an, das alle Fachleute im psychischen Gesundheitswesen verwenden müssen, das Diagnostische und Statistische Handbuch, ein Buch so dick wie das Telefonbuch von Manhattan, das jede Art von Verhalten beinhaltet, das die Menschheit kennt. Meistens wird es von Versicherungsgesellschaften als Kennzahlen-Kurzschlüssel verwendet für Entschädigungszahlungen. Nahezu jeder unterschiedliche Verhaltenstyp hat seine eigene diagnostische Kategorie. Kurz gesagt basieren Diagnose und Zahlung auf Verhalten, nicht auf Fühlen. Unser diagnostischer Ansatz ist innerlich und nicht äußerlich; er hängt davon ab, auf welcher Bewusstseins-Ebene der Patient operiert, welche Art von Zugang er zu tieferen Bewusstseinsebenen hat, und wieviel Intrusion von unterbewussten Einprägungen vorhanden ist, weil es eine Vermischung tieferer Bewusstseinsebenen gibt, die den Patienten dem Risiko aussetzt, von Schmerz tieferer Ebenen überwältigt zu werden.

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