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Dr. Arthur Janov:    Selbstmord ist schmerzlos 

Donnerstag, 26. September 2013, Suicide is painless (More on Suicide with some Additions),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

  Ich besprach den Unterschied zwischen selbstzerstörerischem Verhalten und Selbstmord mit einem Kollegen. Sie sind ziemlich unterschiedlich, obgleich man glauben möchte, dass Selbstmord Zerstörung des Selbst ist, aber dem ist überhaupt nicht so. Um das zu verstehen, müssen wir zur Prägung zurückgehen, wie es so viele meiner Patienten getan haben. In vielen dieser Fälle hat die Person ein Sauerstoff-Defizit erlebt, vielleicht aufgrund einer schweren Anästhesie-Dosis, die der Mutter während der Wehen verabreicht worden war, oder weil die Person bei der Geburt von der Nabelschnur stranguliert wurde. Und nach dem qualvollen Versuch geboren zu werden naht der Tod, und es kommt zu einem Gefühl bevorstehender Erleichterung. Diese Erinnerung möglicher Erleichterung wird versiegelt, so dass später angesichts äußerster Hoffnungslosigkeit – eine bevorstehende Scheidung zum Beispiel – der Tod die Antwort ist. Ein Selbstmordversuch folgt. Die Erinnerung möglicher Erleichterung wird eingeprägt und dauert ein Leben lang an. Sie ist das letzte Glied in der Schmerzkette, die logische Lösung, wenn gegenwärtige Hoffnunglosigkeit die ursprüngliche (primäre) Hoffnungslosigkeit auslöst, bei der der Tod lauert und bei der Selbstmord der logische Schritt zu sein scheint.

 

Vielleicht fragen Sie sich: Wie kommt es, dass Hoffnungslosigkeit heute dasselbe Gefühl auslöst, das während der Geburt geschaffen worden war? Es ist wiederum die Schmerzkette, die absteigenden Verbindungsglieder zwischen Bewusstseinsebenen. Das ist als Resonanz bekannt, wobei ein Gefühl, das sich aus ähnlichen Gefühlen auf früheren Stufen entwickelte, letztlich das früheste verwandte Gefühl auslöst, das ursprünglich zu Beginn des Lebens eingeprägt worden war. Ich habe geschrieben, dass es eine besondere neurologische Gehirnfrequenz sein kann, die das eingeprägte Gegenstück auslöst. Jedes tiefe Gefühl wie z.B. Hoffungslosigkeit reift und entwickelt sich in Richtung höhere Gehirnebenen, wo es fortgeschrittenere Bewusstseinsebenen gibt. Somit spiegelt sich die tiefe Einprägung in denselben oder in ähnlichen Gefühlen weiter oben wider. Umgekehrt beginnen wir in unserer Therapie ganz oben auf der letzten Stufe der Evolutionskette und arbeiten uns die Schmerzkette hinab zu diesen frühesten Einprägungen vor. Normalerweise hält das Schleusensystem das Gehirn davon ab, diese tieferen Ebenen wachzurufen, aber wenn man Jahre der Vernachlässigung und fehlender Liebe durchlebt hat, wankt das Schleusensystem. Dann kann eine gegenwärtige Enttäuschung tiefe Gefühle der Hoffnungslosigkeit auslösen, die tiefer im Gehirn eingraviert sind. Hier sehen wir vielleicht gewalttätiges Ausagieren, wenn diese gewaltigeren Gefühle ausgelöst werden. Aus diesem Grund kann zum Beispiel die gegenwärtige Furcht eines Schülers vor dem Versagen in der Klasse eine voll entwickelte Angst-/Terrorattacke in Gang setzen. Der Ausdruck des Gefühls in der Gegenwart wird durch Resonanz verstärkt. Somit löst das Gegenwartsgefühl die gleichartigen tieferen Gefühle aus, bis das Gesamtsystem von Gefühlen äußerster Hoffnunglosigkeit überflutet wird. Und schlimmer noch – es gibt keine Szene dazu, weil es reines Fühlen ist, nackt und ungeschönt, genau dasselbe Gefühl aus der Schwangerschaft und frühen Kindheit, das sich wieder erhebt, um die Person zu ersticken und sie suizidal zu machen. Es ist die allertiefste Hoffnungslosigkeit. Das Gegenwartsgefühl hat seinen Vorläufer wachgerufen, und Empfindungen des nahenden Todes setzen sich an die Spitze. Wenn dieses Gefühl unerträglich wird, will jemand sich vielleicht selbst umbringen, genau wie der Fetus/der Säugling damals keine andere Wahl hatte. Die Begleiterscheinung dieser Hoffnungslosigkeit ist beinahe immer eine niedrigere Körpertemperatur – die Dominanz des parasympathischen Nervensystems.

 

Diese frühe Hoffnungslosigkeit erweitert und verstärkt sich später, wenn das Gesamtsystem und das Gehirn reifen. Wenn jedes neue Gehirnsystem in Betrieb geht, fügt es sein emotionales Gewicht dem Gefühl hinzu. Aber es ist dasselbe Gefühl mit höherer neuronaler Entwicklung. Es ist dieses Gefühl, welches das Wesen der Depression ausmacht. Wie ich in meinem ausführlichen Artikel „The Mystery Known As Depression“ zu diesem Thema erkläre, ist es die Anstrengung des Systems, das Gefühl zu unterdrücken, was Depression hervorbringt. Also ist Depression kein Gefühl; sie ist das, was geschieht, wenn diesem Gefühl der Zugang zu höheren Ebenen verwehrt wird. Und wenn wir Depression enträtseln, finden wir Folgendes: äußerste, unartikulierte Hoffnungslosigkeit. Und wenn man sie mit all ihrem Schmerz fühlt und erlebt, beginnt die Depression endlich zu weichen.

 

Das bedeutet, dass wir die Evolution nicht übertrumpfen und tiefe Gefühle nicht zu früh in der Therapie erleben dürfen. Das passiert, wenn die Schleusung undicht oder fehlerhaft wird. Und genau hier muss man dem Patienten Schmerzblocker geben, um die Resonanz zeitweise zurückzuhalten. Wir blockieren keine höheren Ausdrucksebenen, sondern nur den Anteil des Gefühls, der katastrophal sein könnte, wenn er zu früh erlebt wird. Ich glaube, das versuchen auch Ärzte unbeabsichtigt mit ihren Drogen zu erreichen: für eine gewisse Zeit die Möglichkeit zu unterbinden, dass tiefere Schmerzen ausgelöst werden. Sie versuchen, Resonanz zu blockieren, obwohl sie vielleicht gar nicht anerkennen, dass sie existiert. Dennoch zielen Schmerztöter, die auf tieferen Ebenen wirken, genau darauf ab. Wir können diese tiefen Verletzungen nur fühlen, wenn Körper und Gehirn es erlauben – gegenwärtige hoffnungslose Gefühle zuerst, dann die aus der Kindheit und schließlich aus der Säuglingszeit, wo immer die tiefsten Gefühle liegen. Ich benutze das Wort „verschlimmern“, weil es nicht um verschiedene Gefühle geht; es geht um dasselbe Gefühl, das sich verschlimmert. Das Kind scheint einfach unglücklich und mürrisch und keiner weiß warum. Und das Kind hat bestimmt keine Ahnung, und so ist das auch mit seinen Lehrern. Es ist im Griff dieses frühen ursprünglichen verheerenden Gefühls, das niemand aussprechen oder benennen kann. Das Gefühl ist buchstäblich unaussprechlich – so tief und überwältigend, dass es einer Beschreibung trotzt.

 

Was hat das mit Selbstzerstörung zu tun? Nehmen wir ein buchstäbliches Beispiel für Zerstörung – sich selbst schneiden. Das ist eine spätere List, um Verletzung offensichtlich zu machen. Es ist ein Flehen um Hilfe: „Bitte sieh meinen Schmerz. Sieh, dass ich leide.“  Und das stellvertretend dafür, diesen Schmerz hinauszuschreien. Und die Schlitzerin ist sich nicht oft bewusst, was sie tut oder warum sie es tut. Es wurde von niemanden erkannt, weil die Eltern keine Ahnung hatten von dieser Verletzung oder nicht einmal wussten, dass so eine emotionale Verletzung existiert. Es gibt viele Aspekte. Für eine Patientin war es das Gefühl „Ich versuche den Schmerz rauszulassen,“ auch wenn sie keine Ahnung hatte, was es war. Sie wusste einfach, dass es drinnen war und rauskommen musste. In der Therapie halfen wir ihr, genau das zu tun -  es auf methodische Weise herauszulassen, so dass sie sich nicht mehr selbst schneiden musste. Es gibt unzählige Beispiele für selbstzerstörerisches Verhalten, aber alle Erscheinungen rühren von unterdrückten Gefühlen her. Es gibt Leute, die sich wegen eines Versagens aufwerfen, die immer dafür sorgen, dass die Sache schlecht ausgeht, die bis zur Bewusstlosigkeit trinken oder sich auf zwielichtige Gestalten einlassen, obgleich sie wissen, dass das schlecht für sie ist. Die Antriebskräfte hierfür sind fast immer tiefsitzende Schmerzen. Streng genommen und nicht im Sinne des psychoanalytischen Lexikons sind das alles Sekundärwirkungen eingeprägten Schmerzes.

 

Ein Beispiel: Ein Student auf der Hochschule konnte von seinen Professoren kein Feedback bekommen für eine Arbeit, die er einreichte. Nachdem er wochenlang versucht hatte „durchzukommen,“ schickte er dem Ausbilder einen äußerst bösen Brief. Aus dem Grund bekam er sein Diplom mit Verspätung. Also schoß er sich in den Fuß (selbstzerstörerisch), weil er nie zu seinem Vater durchdringen konnte und auch weil er während des Geburtsprozesses buchstäblich nicht durchdringen konnte. Dass man ihn hinderte, dass zu bekommen, was er wollte und brauchte, hatte in ihm Wut ausgelöst, und wie wir wissen ist Wut ‚first line’, entspringt also dem Stammhirn. Es ist der Sitz des primitivstmöglichen Zorns überhaupt. Angesichts dieses Wutanfalls war er hilflos. Resonanz reichte tief hinab und holte alles ans Licht, ließ es außer Kontrolle geraten. Er wusste, dass es falsch war, als er den Brief abschickte; das hat man gewöhnlich als „emotional“ bezeichnet. Seine Emotionen haben ihn überwältigt. Sie waren nicht irrational; sie waren real aber tief vergraben.

 

In den Zeitungen steht die Geschichte eines Mannes, der einen weiteren Amoklauf beging, dieses Mal auf einem vermeintlich sicheren US Navy Gelände in Washington D.C.  Der Schütze ging mit einem Gewehr durch die Anlage und feuerte ruhig auf wehrlose Leute, wobei er 12 Menschen tötete. Irgendwo hat er vielleicht gewusst, dass das selbstmörderisch war, aber gegen seine Gefühle war das eine schwache Kraft. Einen Monat vor dem Amoklauf hatte der Mörder der Polizei erzählt, dass er von drei Personen verfolgt werde, die durch die Wände und Decken seines Hotelzimmers mit ihm redeten und Mikrowellen durch seinen Körper schickten, um ihn seines Schlafs zu berauben. In diesem Fall sehen wir klar, dass die Gefühle des Mörders so tief und entfernt sind, dass sie wie eine Maschine scheinen, die sein Gehirn kontrollieren. Andernfalls wüsste er, dass es aus der Tiefe des Gehirns stammt. Man hat entdeckt, wenn solche gestörte Leute Stimmen hören, dann ist das wirklich so. Und was diese Stimmen wirklich sagen, ist „Ich hasse.“

 

Hier ist der wichtige Punkt. Der Mann litt nicht an einer „Gedankenstörung.“ Wäre es eine einfache Gedankenstörung, dann könnte man sie mit gesünderen Gedanken behandeln; d.h. mit kognitiver Therapie. Aber zu glauben, es sei eine Gedankenstörung, bedeutet, die Evolution des Gehirns zu ignorieren, abzustreiten, dass es tiefere Ebenen gibt mit ihren eigenen Charakteristika und Funktionen. Das zu glauben bedeutet, dass der denkende Kortex neu eingetroffen ist ohne Vorgänger und dass er nirgendwo im Gehirn verankert ist. Von den Kognitivisten wird er als Wesen betrachtet, das ganz auf sich selbst beruht. Das sind die Verleugner der Evolution, die „Kreationisten des Gehirns.“ Sie wären vielleicht nicht einverstanden mit dieser Charakterisierung, aber es kann keine andere geben. Es sind Gefühle, die Gedanken steuern, im Hier und Jetzt und in der Geschichte des Gehirns. Der Mörder leidet an einer Gefühlsstörung. Solange wir das nicht anerkennen, werden wir weiterhin die falsche Sache auf die falsche Weise behandeln. Gefühle haben diese große Macht in der Geschichte, und wenn das Stammhirn einbezogen ist, können diese entfesselten Gefühle zu Mord führen. Denken Sie daran, dass Gedanken das letzte Überbleibsel des Hirngewebes sind, auf das wir zurückgreifen können. Gefühle schwappen über Barrieren und dringen in das Ideen bildende Gehirn, wo wir Gedanken erzeugen, die auf diese Gefühle abgestimmt sind. Die seltsamsten kommen von den frühen Prägungen, wo sie für eine schreckliche neuronale Kraft sorgen, mit der sich der Kortex befassen muss. Wenn Gedanken ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen, ist ein Schlaganfall vielleicht nicht mehr weit.

 

Wie können wir uns so sicher sein? Wir sehen das in unserer Therapie: Wenn tiefe Gefühle aufsteigen, können sie manchmal eigenartige Gedanken hervorrufen. Wenn wir Patienten Medikamente geben, die hauptsächlich auf die tieferen Gefühlszentren wirken, können die paranoiden Gedanken zeitweise verschwinden. Wir  würden nicht daran denken, die Gedanken direkt anzugehen. Wir befassen uns mit den zugrunde liegenden Gefühlen, aber wiederum nur dann, wenn sie sicher integriert werden können. In der Tat kann ein Patient vorübergehend paranoid werden, wenn sie/er einem tiefen schweren Gefühl nahe ist: „Sie wollen mich ersticken.“ Wir wissen sofort, woher es kommt und können es schnellstens behandeln. Wenn unsere Patienten einmal anfangen, tiefe Gehirn-Einprägungen wiederzuerleben, verschwinden diese paranoiden Gedanken.

 

Was also machen die selbstzerstörerischen Leute unter uns? Was und wen zerstören sie? Das fühlende Selbst, das mit all dem Schmerz, aber sie zerstören es nicht, sie hindern es daran, sie zu zerstören. Bis zur Bewusstlosigkeit zu trinken scheint selbstzerstörerisch, aber es ist das Mittel der Person, Schmerz unter Kontrolle zu halten.

 

Selbstmord und selbstzerstörerisches Verhalten sind dann tatsächlich zwei verschiedene Dinge. Auch wenn Selbstmord versucht, das Selbst zu zerstören, ist er merkwürdigerweise nicht selbstzerstörerisch. Selbstmord bedeutet ein einziger finaler Akt. Es gibt nichts Gegenwärtiges, das ihn verursacht; er ist das Ergebnis einer tiefen Erinnerung. Und ja, wenn man könnte, dann wäre schreien vorübergehend hilfreich, weil es den Druck erleichtern würde. Es gibt Selbstmordhandlungen, die ein Schrei um Hilfe sind; z.B. eine gewisse Menge Schlaftabletten nehmen. Und es gibt andere, die sagen „Ich will wirklich nicht mehr leben.“ Das ist ein Sprung von einer Brücke. Das ist endgültig, kein Hilferuf. Alles scheint so hilflos und hoffnungslos; sie wollen sterben, um Erleichterung zu finden. Kein Schmerz mehr; es reicht. Deshalb ertönt die Titelmelodie aus der Fernsehserie M*A*S*H* mit einem tiefen Wahrheitskern: „Selbstmord ist schmerzlos.“ Sich selbst töten soll an sich nicht selbstzerstörerisch sein; es soll den Schmerz töten, der darauf hinausläuft, das gesamte Selbst zu klassifizieren.

 

In der Primärtherapie bringen wir Patienten stufenweise zu diesen tiefen Gefühlen hinab, die so zerstörerisch sind. Es braucht Zeit, aber wenn sie dorthin gelangen, entdecken sie wirkliche Erleichterung der Art, die andauert und sie leben lässt.

 

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner