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Dr. Arthur Janov:    Über Psychopathen                 

Donnerstag, 09. Dezember 2010, On Being a Psychopath, www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Wir alle sind ihnen begegnet; sie sind die gewissenlosen, manipulativen, gefühllosen und gleichgültigen Menschen (wenn ich das sagen kann), die einen Krater der Verwüstung hinterlassen, wo immer sie hingehen. Sie haben keine Ahnung von Liebe oder Hilfsbereitschaft und vor allem von Dankbarkeit. Wenn du ihnen etwas gibt, wollen sie mehr und sehen in dir nur einen Trottel und Lockvogel, aus dem sich mehr herausholen lässt. Wie ist es so weit gekommen?

 

Ich könnte Statistiken zitieren. Ihr wisst, dass eine aktuelle Studie über Psychopathen herausgefunden hat, dass sie Schäden in ihren Gefühlszentren haben; das ist keine Überraschung (siehe „A Brain Gone Wrong,“ Scientific American/Mind, 3. Sept. 2010). Wir begreifen das. Sie können nicht fühlen und nichts nachempfinden; dafür scheinen sie keine Fähigkeit zu haben. Sie haben eine menschliche Hülle ohne die inneren Mechanismen, die uns unsere Menschlichkeit geben. Sie haben gelernt, wie man charmant auftritt und andere zum eigenen Vorteil manipuliert, indem man zuerst ihr Vertrauen gewinnt. Aber das ist von kurzer Dauer und dann kommt die Wahrheit heraus. Sie kümmern sich um niemand. Es gibt partielle Psychopathen, die einige dieser Charakterzüge aufweisen, es aber gelegentlich schaffen, fürsorglich zu sein – sporadisch und ohne Gefühlstiefe. Nichtsdestotrotz scheinen sie menschlich zu sein. Sie beschwindeln und betrügen andere nicht, haben aber nichts dagegen, wenn sie es müssen. Seht euch zum Beispiel die führenden Wirtschaftleute oder Politiker an. Sie heben die Preise an, die Miete, alles, weil sie sich um sich selbst kümmern und um Profite und nicht um andere. Sie müssen unbedingt 10% Rendite haben, gleich, was es für andere bedeutet. Sie hassen andere nicht, lieben sich selbst aber mehr. Das trifft nicht genau zu, weil sie wirklich wenig Liebe geben können, nicht einmal sich selbst. Die Politiker ineressieren sich für Wählerstimmen und wollen an der der Macht bleiben; wir alle wissen das. Sie sagen alles Mögliche, um im Amt zu bleiben; sie sind Meister-Manipulatoren und können die Bedürfnisse anderer so verdrehen, dass die gegen sich selbst und ihre Bedürfnisse votieren. Sie interessieren sich alle nicht für andere. Das ist zweifellos die ‚sine qua non’, um in die Politik zu gehen. Es gibt einige Ausnahmen, und ihr wisst, wer sie sind. Sie sagen die Wahrheit, und das ist der Grund, warum sie nicht im Amt bleiben können.

 

Der Schaden an limbischen Gefühlsstrukturen kann sich im Mutterleib ereignen und verschlimmert sich unmittelbar danach enorm, wenn es an engem menschlichen Kontakt fehlt; vielleicht Wochen in einem Inkubator mit wenig oder gar keiner menschlichen Wärme. Was die Situation dann verschärft, sind gleichgültige, lieblose Eltern, die das Kind nie berühren. Ich sage, dass ein „emotionales Band fehlt.“ Es scheint ihnen an Gefühlen zu mangeln. Es kann damit anfangen, dass die Mutter in der Schwangerschaft chronisch ängstlich oder deprimiert ist; das Baby leidet und ist bereits geschädigt, bevor es auf diese Welt kommt.

 

Wie steht’s also um die Moral? Psychopathen scheinen unmoralisch zu sein, aber sie sind gefühllos; das zeigen die Forschungsbefunde. Sie können sich in andere nicht einfühlen, und können somit, wie Clinton es umgekehrt gesagt hat, ihren Schmerz nicht fühlen. Somit ist alles möglich. Sie betrügen ihre engsten Freunde, a la Bernard Madoff. Sie haben keine Gefühle über dieses „unmoralische Verhalten“, weil sie den Schmerz nichr fühlen können, den sie verursachen; sie betrügen Leute um ihre Lebensersparnisse und scheren sich überhaupt nicht darum. Ihr Gefühlsband fehlt und nichts auf der Welt kann es zurückbringen. Das ist der Grund, dass sie sich nie zu ihren Verbrechen bekennen, wenn sie gefasst werden; es ist immer ein anderer schuld. Wir in der Primärtherapie können sie nicht behandeln, weil sie die Therapie in ihre Psychopathie einbinden und oft sich oft entschließen, ohne jegliche Ausbildung Therapeuten zu werden. Sie schädigen viele Leute und machen so geschickte Werbung, dass sie viele dadurch täuschen. Sie schreien und brüllen (wir haben sie fürs Gericht aus dem Gefängnis geholt), fühlen aber nie; sie durchlaufen die Bewegungen des Mensch-Seins ohne menschlich zu sein. Wir können ihnen kein volles Gehirn zurückgegeben. Der Schaden ist zu früh und zu schwer.

 

Eine veröffentlichte Forschungsstudie am King’s College in London erklärte den Ursprung des Psychopathen. Er bleibt, wie ich ihn beschrieben habe (und Psychopathen sind meistens männlich), aber der Ursprung der Persönlichkeitsstörung muss um ein paar Wochen zurückversetzt werden. In der Untersuchung [1] machten die Forscher ein Magnetresonanztomogramm (MRI) an Psychopathen (Mörder, Vergewaltiger, etc.) und kamen zu dem Schluss, dass es in ihren Gehirnen Unterschiede gab zu denen in der Allgemeinbevölkerung. Zwei der Schuldigen waren die Präfrontalzone des Kortex und Aspekte der Amygdala. Es gab eine Schwächung zwischen den Verbindungen in diesen zwei Arealen. In einem Normalgehirn reagiert die Amygdala, wenn es emotional stimulierende Ereignisse gibt. Aber bei Psychopathen kommt es zu einer Störung dieser Reaktion.

 

Die Grundlagen für diesen Zustand werden vor der Geburt geschaffen und verschlimmern sich durch ein Geburtstrauma und fehlenden menschlichen Kontakt gleich nach der Geburt. Es scheint, dass bei Psychopathen der Nervenschaltkreis, der Gefühle mit höheren Gehirnprozessen verbindet, defekt ist. Anders ausgedrückt sind Gefühle kein Teil des gedanklichen kortikalen Funktionierens im Alltag. So kann die Person nach außen hin charmant sein, während dieser Fassade keinerlei ernsthafte Gefühle zu Grunde liegen. Es ist alles nur Show. Würde kein vorgeburtliches Trauma existieren, das die Verknüpfung zwischen Nervenzellen schädigt, die für Gefühle verantwortlich sind, und Nervenzellen, die für das Verstehen zuständig sind, hätte fehlender Körperkontakt nach der Geburt vielleicht nicht derart verheerende Wirkung. Wenn es jedoch zu einer vorgeburtlichen Schwächung der Verknüpfungen zwischen Gefühlen und Gedanken kommt, ist der Mangel an Körperkontakt gleich nach der Geburt katastrophal. Das Ergebnis kann eine Person sein, die nicht nur keine Kontrolle über ihre Impulse hat sondern auch keine Möglichkeit, ihre Gefühle zu erleben. Lernen kann stattfinden, aber kein emotional integriertes Lernen. Die Schlussfolgerungen der Studie waren, dass Psychopathie tatsächlich eine Gehirnkrankheit sein könnte. Ich denke, sie lässt sich wahrscheinlicher durch epigenetisches Trauma erklären.

 

Die wichtige Lektion jedoch lautet, dass Psychopathie ziemlich ähnlich wie andere Entwicklungs-Abweichungen die Signatur dessen trägt, das früher in unserem Leben schief ging. Erinnerungen werden in unserer Biologie unauslöschlich, weil sie einen Leitfaden für unsere Zukunft bilden, Anleitungen, wie man sich verhalten soll, um zu überleben. Das heißt, sie werden Teil unserer „apperzeptiven Masse;“ immer bereit, unserem Überlebensinteresse zu dienen.

 

Hier folgt, was einer meiner Studenten schrieb:

 

Psychopathen werfen Licht auf eine entscheidende Untermenge der Entscheidungsbildung, die man als Moral bezeichnet. Moral kann ein schwammiger, vager Begriff sein und ist auf seiner einfachsten Ebene dennoch nichts anderes als eine Reihe von Entscheidungen darüber, wie wir andere Leute behandeln. Wenn Sie auf moralische Weise handeln – wenn Sie vor Gewalt zurückschrecken, andere anständig behandeln und bedürftigen Fremden helfen – treffen Sie Entscheidungen, die Leute neben Ihnen selbst in Betracht ziehen. Sie machen sich Gedanken über die Gefühle anderer, sympathisieren mit deren psychischer Verfassung.

 

Das können Psychopathen nicht....Ihnen fehlen die primären emotionalen Wegweiser, die der Rest von uns als Leitlinien benutzt, wenn wir moralische Entscheidungen treffen. Das Gehirn des Psychopathen ist von Ausdrücken des Schreckens durchbohrt.  Das Hauptproblem scheint eine zerrüttete Amygdala zu sein, ein Gehirnareal, das für die Ausbreitung aversiver Emotionen wie Furcht und Angst verantwortlich ist. Das Ergebnis ist, dass sich Psychopathen nie schlecht fühlen, wenn sie dafür sorgen, dass andere Leute sich schlecht fühlen. Jemand anderen zu verletzen ist einfach eine andere Art, das zu bekommen, was er will, eine perfekt vernünftige Art, Wünsche zu befriedigen. Das Fehlen von Emotion macht die grundlegendsten Moralbegriffe unverständlich. G. K. Chesterton hatte Recht: „Der Verrückte ist nicht der Mensch, der seinen Verstand verloren hat. Der Verrückte ist der Mensch, der alles verloren hat außer seinem Verstand.“

 

 

 

[1] Berichtet in Science Daily, 5. August 2009. D. Murphy, Marco Catani und Michael Craig, Aug. 2009. Siehe auch Michael Craig, „Altered Connections on the Road to Psychopath.” In Molecular Psychiatry, 2009. DOI 10, Seite 1038.

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner