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Primal Mind

 

Dr. Arthur Janov:   Ü     Über Psychose DDrängung als Hauptakteur                 

Mittwoch, 08. September 2010, More On Psychosis, www.arthurjanov.com                                                         

                                                                                                          

Wie erkennt man, dass jemand verrückt ist? Nicht leicht, weil wir alle auf verschiedene Weise verrückt werden können. Wenn dem so ist, wie sollen wir es dann feststellen können. Und – wie ich oft sage - jemand kann verrückt werden, um sich vor dem Wahnsinn zu bewahren. Das ist nicht bloß ein Scherz, sondern eine Binsenweisheit. Worum es bei Psychose im Allgemeinen geht, ist, wenn die erste Linie (in meinem Jargon) in die dritte Linie marschiert. Wenn tiefer Schmerz und ein weit entferntes Trauma den denkenden, gegenwartsbezogenen Frontalkortex besetzen. Wenn die Hemmungsschleusen so löchrig sind, dass Traumen im Mutterleib, bei der Geburt und im ersten Jahr nicht verdrängt bleiben können, sondern stattdessen sich im Gehirn nach oben bewegen und das Funktionieren in der Gegenwart stören. Jene Ereignisse sind so erschütternd, dass sie manchmal abwegige Gedankenbildung, Verfolgungswahn und bizarre Glaubensüberzeugungen verursachen. Aber diese Gedanken und Überzeugungen beziehen sich auf die Traumen; das heißt, sie enstehen aus ihnen, so dass diese Glaubensvorstellungen sich aus den abgesonderten Schmerzen gebildet haben, so weit diese auch entfernt sein mögen.

  Psychose und Neurose sind keine unterschiedlichen Krankheiten, Psychose ist das schwerer beladene Schmerzleiden, das übertriebene Glaubensüberzeugungen und Reaktionen verursacht; eine Tür vernageln, um die Teufelsstrahlen davon abzuhalten, ins Gehirn einzudringen. Was geschieht, ist, dass die hochvalenten frühen Traumen die Art von Ereignissen sind, die wir nicht sehen können, die aber dennoch der vorherrschende Faktor bei späterer Psychose sind. Sie ist das Ergebnis präverbaler Ereignisse, die für eine wackelige Grundschicht sorgen, auf der sich spätere Ereignisse verstärken. Es sind so ernsthafte Nahtoderfahrungen, dass das Schleusungssystem geschwächt wird; und damit meine ich, dass sie unter anderem eine solche Belastung  für die hemmenden Gehirnsubstanzen verursachen, dass wir chronisch zu wenig davon haben; deshalb die durchlässigen Schleusen. Es braucht später nicht viel Vernachlässigung oder Liebesverlust, um das Schleusungssystem völlig zu überlasten, was dann zu Psychose führt. Und wenn ein Stressor eintritt, wie z. B. die Pubertät, dann besteht die Neigung zu einem offenen Ausbruch von Psychose, weil der Körper, der sich auf Grund von Hormonen bereits im Aufruhr befindet, wiederum durch tobende Hormone geschwächt wird.

 

Weil die frühen Einprägungen meistens Nahtod-Erlebnisse sind, hat die von ihnen hervorgerufene paranoide Gedankenbildung nahezu immer mit dem Tod zu tun; jemand ist hinter mir her und versucht, mich zu töten. Oder sie schießen Strahlen in meinen Kopf. Oder sie vergiften meinen Kaffee. Es kommt zu einer plötzlichen Bedrohung, welche die Person zwingt, sich in Aluminiumfolie zu kleiden, um Strahlen oben vom Hubschrauber abzuwehren. Logik bleibt vor der Tür, wenn sich der Kortex mächtig abmüht, eine Vernunfterklärung für den hochkommenden Schmerz auszuhecken. Im Kopf der Person macht diese Rationalisierung Sinn, weil das Feeling, mit dem sie sich befasst, ihr sehr real scheint. „Sie versuchen mich zu verletzen“ ist das Leitmotiv, das vielleicht von einem so schrecklich schmerzvollen und verletzenden Geburtserlebnis stammt, dass der Gedanke, jemand wolle uns verletzen, Sinn macht. Es ist die erste furchtbare Erfahrung für das Baby, das es im Mutterleib bequem gehabt hat. Plötzlich wird es in einen Schmerz geworfen, der entsetzlich ist, für den es aber keine Szenen oder Erklärungen hat, da es zu der Zeit keine Worte hat und auch keinerlei Fähigkeit, Szenen zu produzieren. Somit ist das natürlich bizarr, weil es ein Ereignis ist, für das es weder Worte noch Verstehen gibt.

 

Also muss der der Paranoide eine komplizierte Begründung zusammentragen für das, was er durchmacht. Klingt verrückt und ist es auch. Er wird verrückt, um sich vor dem Wahnsinn zu bewahren. Das heißt, er hält  mit einem Satz aufgeteilter zusammenhängender Gedanken einen Großteil seines Kortex intakt, aber so kann er funktionieren. Wenn der frühe Schmerz katastrophal ist, könnte er den Neokortex völlig überwältigen, und wir bekommen einen plappernden Idioten, der überhaupt nicht funktionieren kann. In diesem Sinn ist Psychose eine Abwehrmaßnahme gegen den völligen psychisch-geistigen Kollaps; das bedeutet die Art von Person, die ein Schulhaus betritt und vierzehn Leute tötet. Ihre Gegenwart wurde zu ihrer Vergangenheit. Im Gehirn dieser Person gab es nichts mehr, dass sie über den Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart informiert hätte.

 

In gewissem Sinn ist Neurose/Psychose der Unterschied zwischen einem Traum und einem Albtraum. Träume weben akzeptable Geschichten, die ego-syntonisch sind. Psychosen erzeugen Geschichten, die ego-dystonisch sind. Dennoch versuchen sie beide, den Schmerz zu erleichtern, zu filtern und abzuwehren. Die Schmerzquelle und seine Kraft sind vielleicht der entscheidende Unterschied.

 

Woher wissen wir also, dass dies zutrifft? Wenn die Leute, die eine schreckliche Geburt, eine schlimme Zeit im Mutterleib und eine schreckliche frühe Kindheit hatten, in meiner Therapie diesen Einprägungen nahe kommen, können sie vorübergehende psychotische Episoden durchmachen. Wenn sie sich Ereignissen nähern, die nicht so zerstörerisch sind, werden sie nicht verrückt. Aber wir müssen vorsichtig sein, weil es gefährlich sein kann, eine fragile Person in sehr frühe schreckliche Einprägungen zu versetzen; und es kann von Dauer sein, wenn der Therapeut nicht weiß, was die Person gerade macht.

 

Eine paranoide Glaubensvorstellung ist wenigstens eine Struktur, welche die Psyche davor bewahrt, in Bruchstücke zu zerfallen, so dass jemand tagsüber funktionieren und Fahrräder reparieren kann. Ich hatte einen Patienten, der ein Messerschärfer war; völlig wahnhaft, und trotzdem ließen ihn Hausfrauen in ihre Wohnzimmer und Küchen, um Messer zu schärfen.

 

Der Stoff der Psychose ist dasselbe Material, aus dem unser Gehirn Albträume macht. Sie sind die Intrusion - das Eindringen - sehr früher Mutterleibs-/Lebensereignisse in die oberste Gehirnebene, die mit ihnen einhergehende Gedanken und Szenen erzeugt. Eine klassische Szene: „Ich bin in einer Waschmaschine, werde herumgewirbelt und ertrinke, und ich gehe unter und kann mich oder die Maschine nicht anhalten.“ Sein Primal bestand darin, im Mutterleib zu sein, herumgestoßen zu werden, zu ertrinken und sich machtlos dagegen zu fühlen.

 

Wir alle werden auf verschiedene Weise verrückt oder neurotisch. Es hängt von so vielen Faktoren ab:  wo wir aufwuchsen, in Institutionen oder Pflegeunterbringung, in Kriegszeiten oder nicht, wie ängstlich oder deprimiert die schwangere Mutter war, etc. Das sind alles Einflüsse, aber die Schmerzmenge, und wie früh er begann, das bestimmt weitgehend über Psychose oder Neurose. Meiner Ansicht nach gibt es nichts, das noch mehr oder eher Psychose erzeugt, als Inzest. Ich habe selten ein Inzest-Opfer gesehen, das nicht prä-psychotisch war. Es hängt davon ab, wie früh er begann, aber wenn der Mensch, der dich beschützen soll, zur Gefahr wird, dann macht das verrückt.

 

Was also macht die antipsychotische Medikation? Sie ist im Großen und Ganzen ein Blocker der ersten Linie/Ebene. Sie hält den Schmerz jener sehr frühen traumatischen Einprägungen zurück. Und wenn sie wirkt, gibt es viel weniger Paranoia und bizarres Verhalten. All dies bedeutet, dass jemand mit schwerem frühen Schmerz massive Schmerztöter braucht, um das alles in Schach zu halten, weil dieselben Einprägungen die inhibitorischen Verdrängungschemikalien erschöpft haben, die wir selbst produzieren. Die Spiegel waren dauerhaft niedergehalten. Wenn sich frühe Schmerzen ereignen, beeinflussen sie die Produktion von Serotonin (denke Prozac). Später ist es genau das, was man der Mischung zufügen muss, um den Schmerz unten zu halten. Ebenso Gedanken, welche die Produktion dieser Chemikalien unterstützen; somit werden auf gewisse Weise Wahnvorstellungen zum Dienst gezwungen, um die Sekretion schmerztötender Substanzen zu unterstützen. Das System versucht immer, sich selbst zu begradigen; sich zu normalisieren. Das Meiste dessen, was wir tun und was unsere Körper tun, ist der ständige Versuch, Normalität zu erlangen. Das bedeutet zu funktionieren, uns selbst und unsere Lieben zu beschützen. Normal bedeutet Überleben auf jede Weise. Unsere Physiologie lässt uns, wenn sie normal ist, ein längeres Leben leben. Wir werden nicht so leicht krank. Und in meinen Büchern habe ich Studie um Studie zitiert, die zeigen, wie frühes Trauma später zu  Krebs und Herzkrankheit führt.

 

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Übersetzung: Ferdinand Wagner