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Dr. Arthur Janov:    Über die Prägung:   Ihre Rolle in der Psychotherapie 

Samstag, 07. September 2013, On the Imprint:  Its Role in Psychotherapy,  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

 

Es scheint, dass wir jetzt in der Wissenschaft eine gute Vorstellung davon haben, worum es bei der Prägung geht.  Es geht um etwas, das ich vor circa 50 Jahren nicht kannte, als ich den Begriff erstmals postulierte. Der Grund, warum sie so wichtig ist, besteht darin, dass sie die Persönlichkeit bestimmt, Krankheit, ob wir unter Verstopfung leiden oder nicht und viele andere Facetten unseres Lebens. Sie ist jetzt eine etablierte Tatsache in der Entwicklung des Menschen. Ich werde das erklären, aber lassen Sie mich zuerst sagen, dass wir, wenn wir die Natur der Prägung einmal verstehen, auch verstehen, dass ohne Änderung der Prägung keine grundlegende Persönlichkeitsänderung in der Therapie stattfinden kann.

 

Was also ist die Prägung? Sie ist eine Erinnerung, ein Ensemble aller Umstände, die ein schädliches Schlüsselereignis umgeben; die Erinnerung eines frühen eingekapselten Traumas. Sie ist nicht einfach eine „Erinnerung“ im üblichen Sinn von (ins Gedächtnis) zurückrufen oder aktiv zurückgehen, um Vergessenes aus der Vergangenheit wieder aufzuspüren. Sie ist ein für alle Ewigkeit versiegeltes Ereignis, und sie beeinflusst uns für alle Ewigkeit. Sie steuert unser Verhalten und die Art von Krankheit, an der wir leiden werden – werden wir Alzheimer bekommen oder Krebs? Die Prägung mag in der Lage sein, diese Fragen zu beantworten. Und man kann nicht von hier nach dort gelangen, man kann nicht willkürlich versuchen, die Erinnerung wieder zu erlangen, weil „willkürlich“ das Gegenteil dessen ist, was benötigt wird. Man muss von kortikalen Prozessen der oberen Ebene loslassen und die Bewusstseinsebenen hinabsteigen, wo die Prägung existiert. Und dort finden wir, dass wir sie nicht erreichen können, weil sie eingekapselt ist, umgeben von Aspekten der chemischen Methylgruppe, die mithelfen, sie einzuschließen und unerreichbar zu machen. Tatsächlich ist es die Methylierung, die in hohem Maße verantwortlich ist für die Prägung und ihre Dauerwirkung. Um die Erinnerung wieder aufzuspüren müssen wir eine Zeit lang auf der Ebene ihrer Existenz „leben,“ das Rechtshirn benutzen, um sie ins vollständige Bewusstsein hochzuheben und  ihre Bestandteile stückchenweise ins Gehirn und in das Gesamtsystem zu integrieren. Somit müssen wir die Erinnerung ent-methylieren. Solange wir das nicht tun, kann es ungeachtet aller Behauptungen des Gegenteils keine tiefgreifende Änderung geben. Weder durch Meditation oder kognitive Therapie noch durch Mindfulness (Achtsamkeits-Therapie) oder Hunderte anderer unsinniger Ansätze, welche die Neurobiologie ignorieren. Und, so möchte ich hinzufügen, welche die Evolution ignorieren; wie das Gehirn sich entwickelt und welche Bewusstseinsebenen Überbleibsel aus unserer Tier-Vergangenheit sind. Niemand kann sich wirklich ändern, wenn zwei Drittel unseres Gehirns nicht anerkannt werden. Wir haben den Schwanz und die Füße, aber wir wissen immer noch nicht, was es ist; wie können wir es behandeln?

 

Ja, könnte man anfügen, aber das ist bloß eine Theorie. Ja, aber eine substanzielle mit viel Forschung und vielen therapeutischen Jahren dahinter. Und seit über fünfzig Jahren sehen wir bei Patienten keine wesentliche Änderung, bis sie auf die Ebenen hinabsteigen, wo die Prägung existiert. Es ist das tiefe Unbewusste, und man konnte es in keiner Weise sehen oder beobachten, weil es in keinerlei Kontakt steht mit unserem intellektuellen Gehirn. Es ist die Domäne des Haifisch- und Schimpansen-Gehirns; die Domäne nonverbalen Verhaltens.

 

Es gibt leicht einige hundert aktueller Studien über Methylierung, Acetylierung und Phosphorylierung, die beschreiben, wie eingeprägte Erinnerung das Gehirn ‚umlenkt.’ Wie sie Gehirn-Schaltkreise verändert. Glauben wir wirklich, dass Veränderung unserer Sichtweise, Rationale und Einstellungen diese Grundprozesse ändern kann? Die Forschung sagt „Nein.“ Es gibt chemische Prozesse, die bei der Öffnung des Erinnerungssystems helfen,  und andere, die es verschließen, wie es bei Methyl der Fall ist. Aber wenn die Erinnerung einmal eingeschlossen ist, lebt sie weiter, und durch Erfahrung ändert sie sich nicht. Die Entwicklung der Gene ist neu gestaltet worden. Epigenetik regiert. Das ist entscheidend, Erfahrung kann daran nichts ändern. Deshalb können wir Neurose nicht weglieben oder sie zu Änderung ermahnen oder bitten und betteln, sie möge etwas „Gesundes“ tun. Ihr unausweichlicher Weg ist bereits mit Bodenwellen und Rissen gepflastert. Wir sind dazu berufen, ihn unbewusst zu gehen. In diesem Sinne könnten wir sagen, dass unser Leben vorherbestimmt ist.

 

Lassen Sie mich ein Beispiel anführen. Wir sehen einen Patienten und wir wissen nicht, warum er so hyperaktiv ist, nicht stillsitzen und sich nicht konzentrieren kann. Wie wissen wir, was nicht stimmt? Nicht eher, bevor wir wissen, welche Ereignisse bei der Geburt oder im Mutterleib geschahen, die dieses Leiden im System fixiert haben. War die Mutter auf Koks oder Coke? War sie sehr aktiv und nervös während ihrer Schwangerschaft, insbesonders seit ihr Ehemann sie verlassen hat? Gab es fortlaufend Krieg? War sie deprimiert oder oder bekam sie schwere Medikamente, um die Geburt zu beschleunigen? Hunderte von Fragen, die beantwortet werden müssen. Eine Therapeut kann sagen „Ich interessiere mich nicht für die Vergangenheit der Patientin; ihre Gegenwart zählt.“ Ja, aber die Gegenwart ist sehr abhängig von dieser Vergangenheit. Das ist zu oft eine Rationalisierung, um die Therapie zu vereinfachen, aber bestenfalls ist das zu stark vereinfacht. Wie hat sich die Schwangerschaft entwickelt? Wir wissen, dass zankende Eltern oft allergische Kinder erzeugen. Sollen wir die Schwangerschaftsperiode ignorieren? Wir wissen, dass eine schwangere Mutter, die Drogen nimmt, tiefgreifende Wirkung auf das spätere Drogenverhalten des Nachwuchses hat. Sollen wir das auch ignorieren? Wir werden die wahren Ursachen von Krebs und Alzheimer beim Erwachsenen nie erkennen ohne die Geschichte des Patienten zu kennen. Was also in aller Welt ändert es an der Prägung, wenn Sie in der Mindfulness-Therapie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Atmung richten? Was bewirkt es, um schwerer Krankheit vorzubeugen? Nada.Nichts!

 

Wie also können wir psychische Krankheit verstehen, wenn  zwei Drittel des Gehirns fehlen? Das ist eine Praxis, bei der ein Arm nach hinten gebunden ist. In meiner Klinik mit vielen hundert Patienten und über fünfzig Jahren Primal habe ich gesehen, was das schwere Rauchen einer Schwangeren anrichtet, um ernste psychische Krankheit hervorzurufen. Es geschieht zu oft, als dass es eine Zufallssache sein könnte. Oder der Drogenkonsum der Mutter und wie er den späteren Drogenkonsum beim Nachwuchs beeinflusst. Karen Nybergs Forschung, die ich in meinen anderen Blogs zitiert habe, ist instruktiv. Es gibt eine starke Korrelation zwischen beiden Phänomenen. Wir müssen die Prägung ändern und anfangen, die Erinnerung und ihre Wirkung ungeschehen zu machen. Unsere Forschung wird uns mehr darüber sagen. Wie in aller Welt können wir Magersucht verstehen ohne die Forschung über frühes Trauma und spätere Essstörungen zu kennen (Roberts und andere)? Die Forschung behauptet, dass Epigenetik weitgehend dafür verantwortlich ist. Und epigenetische Schlüssel-Veränderungen, die fetale Programmierung und Entwicklung des Fetus/Babys ändern, finden sehr früh in unserm Leben statt. Vergessen wir nicht das kritische Fenster, wo diese Ereignisse lebenslang eingraviert werden. Dorthin müssen wir Therapeuten gehen; zu jenem Fenster, wo das Trauma ins Gehirn und Gesamtsystem eingeprägt wurde. Wenn wir das nicht machen, dann können wir Angstzustände oder ADD, das Brennpunkt und Konzentration stilllegt, bei unseren Patienten nicht verstehen. Nicht das Hier-und-Jetzt sondern das Dort-und-Damals muss unser Brennpunkt sein, weil das Dort-und-Damals das Hier-und-Jetzt weitgehend bestimmt. Wenn wir das Dort-und-Damals ausschließen, werden wir erkennen, dass spätere Ess-Störungen oft durch die Ernährung der schwangeren Mutter verursacht werden. Das hat sich durch zahlreiche Studien bestätigt. Nehmen wir unser Scheuklappen ab und schauen wir auf das ganze Gehirn. Und vor allem auf die ganze Person.

 

Wir müssen klarstellen, dass wir in der Psychotherapie Bewusstsein ändern müssen, nicht einfach Bewusstheit. Zu viele Therapeuten lassen Bewusstheit und Bewusstsein ineinanderfließen. Bewusstsein umfasst viele Schichten der Gehirnfunktion und nicht nur den Neokortex. Es ist die fließende Zusammenwirken aller Ebenen, was Bewusstsein formt. Bewusstheit ist nur eine einzige Ebene, die versucht, die Arbeit aller Schichten zu leisten.

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner