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Dr. Arthur Janov:    Über den Unterschied zwischen  Abreaktion und Fühlen (Teil 1 / 9)

Donnerstag, 23. Juli 2015, On the Difference Between Abreaction and Feeling (Part 1/9),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Die Fähigkeit, zwischen Abreaktion und einem echten Feeling zu unterscheiden, ist eine wesentliche Kompetenz guter Primärtherapie. Der Unterschied zwischen beiden ist krass, aber in der Praxis kann der Schein trügen. Fühlen ist der Schlüssel zur Heilung, wohingegen bei Abreaktion keine Chance auf Gesundung besteht. Aber trotz dieses entscheidenden Unterschieds weiß der Therapeut oft nicht, was vor sich geht, und der Patient weiß es bestimmt ebenso wenig. Das Hinterhältige an der Sache ist, dass sich Abreaktion wie ein Primal anfühlt, wie ein Primal aussieht und wie ein Primal riecht aber von einem echten Primal weit entfernt ist. In klinischer Hinsicht ist Abreaktion "der Teufel," weil sie nicht zulässt, dass es Patienten besser geht. Sie bleiben für immer "Gefangene ihres Schmerzes" in einer fürchterlichen Endlosschleife von Qual und Hoffnungslosigkeit. Sobald die Abreaktion einsetzt, wird sie zu einer Neurose auf einer anderen Neurose. Und sie ist bombenfest. Allein der Versuch, sie rückgängig zu machen, kostet Monate. Die Gefahr kann man gar nicht überschätzen. Wir haben bis jetzt so viele Patienten gesehen, die zur Pseudo-Primärtherapie gegangen sind und so übel in Abreaktion feststecken, dass es nahezu unmöglich ist, sie da herauszuziehen. Bleibt sie unkontrolliert, kann Abreaktion sogar zur Präpsychose und Psychose führen.

 

Es ist die Aufgabe des Therapeuten, zwischen Abreaktion und wirklichem Fühlen zu unterscheiden. In gewissem Maße ist das eine Fertigkeit, die auf den Instinkten eines ausgebildeten Klinikers beruht und durch Erfahrung erworben wird. Für einige Patienten, die in Abreaktion versumpft sind, kann diese Fertigkeit den Unterschied zwischen erfolgreicher Therapie und dem Feststecken in Schein-Primals bedeuten, die nirgendwohin führen. Die gute Nachricht ist, dass es auch wissenschaftliche Methoden gibt, den Unterschied zu erkennen. Wenn ein wirkliches Feeling aufgelöst worden ist, sehen wir das oft durch Änderungen des Kortisolspiegels, der Vitalfunktionen und anderer biochemischer Indikatoren.

 

Zuerst einmal ist eine Definition gut, um Verwechslungen zu vermeiden. In der Primärtherapie bedeutet der Begriff "Abreaktion" etwas ganz anderes als seine ursprüngliche Bedeutung in der Freudschen Psychoanalyse. In diesem psychoanalytischen Sinn wird Abreaktion einfach definiert als Freisetzungsprozess verdrängter Emotionen durch das Wiedererleben eines alten traumatischen Erlebnisses.[1] Auf den ersten Blick ist diese klassische Definition dem nahe, was wir ein Primal nennen würden, obgleich wahres "Wiedererleben" in unserer Therapie weit über das hinausgeht, was Freud sich vorgestellt hatte. Im Sinne der Primärtherapie hat Abreaktion nichts zu tun mit einem echten Wiedererlebnis. Für uns schadet Abreaktion ganz im Gegenteil jeder Gefühlstherapie, weil sie zu einer Abwehr gegen reales Fühlen wird, wie ich in Kürze detailliert erklären werde.

 

Ich muss betonen, dass Abreaktion ein nicht-fühlendes Ereignis ist. Es sieht wie Fühlen aus, oft sowohl für den Patienten als auch für den Therapeuten, aber es gibt einen qualitativen Unterschied. Sie erzeugt Bewusstheit ohne Bewusstsein, ein Unterschied, den ich gleich im Detail ergründen werde. Auf den gut ausgebildeten Therapeuten wirkt die Abreaktion heuchlerisch. Sie "riecht" nicht richtig. Eine Patientin kann Abreaktion unbewusst als Abwehr gegen das Fühlen benutzen, sofort zu weinen anfangen, sobald sie sich hinlegt, oder ein Geburtsprimal simulieren.Der zentrale Unterschied zwischen Abreaktion und einem echten Primal ist natürlich Verknüpfung, die in einem Primal stattfindet aber nie in der Abreaktion.

 

Bevor wir uns darin vertiefen möchte ich jedoch kurz einige Grundprinzipien der Primärtherapie nochmals betrachten. Diese theoretischen Eckpfeiler sorgen für den Rahmen, den man braucht, um Abreaktion als Abweichung von einem erfolgreichen Behandlungsverlauf zu verstehen.

 

Die Basis für Theorie und Praxis der Primärtherapie ist der Begriff der drei Bewusstseinsebenen, die den Entwicklungsstufen eines Individuums von der Schwangerschaft bis zum Erwachsenenalter entsprechen. Die erste Ebene ist präverbales Bewusstsein von der Zeit im Mutterleib über die Geburt bis zur frühen Kindheit. Die zweite Linie oder Ebene wird in der Kindheit angelegt, wenn das Gehirn sich noch immer entwickelt. Und die dritte Linie ist Gegenwarts-Bewusstheit, das Bewusstsein des Erwachsenen auf der obersten Ebene. Diese drei Bewusstseinsebenen entsprechen der Struktur unseres drei-einigen Gehirns - der primitive Hirnstamm (erste Linie), das limbische System (zweite Linie) und der Neokortex, unser denkendes Gehirn (dritte Linie/Ebene). Schmerz wird auf jeder Stufe erlebt und verdrängt und als Einprägung ins Gehirn eingraviert, und zwar auf der Ebene, auf der er sich ereignet.

 

Der Kern der Primärtherapie besteht darin, die alten Ereignisse aufzudecken, sodass wir in der Gegenwart leben können. Diese eingeschlossenen Erinnerungen enthalten schmerzvolle und furchtbare Gefühle, die aufgrund ihrer überwältigenden Valenz verdrängt und vom Bewusstsein ferngehalten werden mussten. Aber sie werden nie vergessen. Sie hinterlassen biochemische Spuren, die als Markierung dienen und sagen, dass es hier Schaden gab und dort eine schmerzvolles Ereignis. Durch die Therapie können wir unser Leben und unsere eingebetteten Erinnerungen zurückverfolgen und sie in geordneter Weise wieder aufsuchen, die Spuren rückgängig machen und die Geschichte (hoffentlich) umkehren, indem wir den Geboten der Evolution gehorchen. Also gehen wir methodisch in diese Entwicklungsstufen zurück, fühlen jeweils nur ein Stück des Ganzen; wir beginnen mit dem leichtesten Schmerz in der jüngsten Vergangenheit und bewegen uns hinab zu den tiefsten Gehirnebenen. In der richtigen Primärtherapie muss der Schmerz auf dieselbe evolutionäre Weise wiedererlebt und aufgelöst werden, wie er auf allen drei Ebenen geschaffen wude, aber in umgekehrter Reihenfolge. Wenn wir die Evolution verleugnen und uns nicht zuerst mit geringeren Schmerzen befassen, machen wir wieder einen ernsten biologischen Fehler und zwingen einem Patienten ein Feeling auf, für das er nicht bereit ist.

 

Es gibt ein Sprichwort in der Wissenschaft: Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese. Die Geschichte der Spezies wiederholt sich in unserer persönlichen Entwicklung. Wir können unsere frühe Geschichte darin sehen, wie wir uns vom Embryo an entwickeln (Fischflossen, Flügel, Schwänze, etc.). Jedes sich entwickelnde Individuum durchläuft wieder das archaische Leben der Spezies. Wir werden unseren Schwanz los, und uns bleibt ein Rest, ein "Schwanz-Knochen." Ähnlicherweise haben wir Reste unseres "frühen" persönlichen Lebens, das ich als erste Linie/Ebene bezeichne. Das heißt, wir haben Spuren unseres Lebens aus einer Zeit, als allein der Hirnstamm unsere vorherrschende Gehirnstruktur war. Und wir können jenes unbeschreibliche Leben aufsuchen, das wir vor der Geburt lebten, und diese Spuren durch Primärtherapie vermeiden, was man auch als Ungeschehen- Machen der Einprägungen bezeichnen kann (oder auf einer molekularen Ebene als Demethylierung). Einprägungen bedeuten exakt ein Ereignis, das so mächtig und schmerzhaft war, dass es damals nicht erlebt und integriert werden konnte. Aber jetzt sind wir älter und können sie sicherer erleben. Aber es dauert Jahre, bis man in der Lage ist, die Vergangenheit voll wiederzuerleben und sie zu einem Teil von uns zu machen anstatt einer ständigen fremden Kraft.

 

Jede gut geplante Therapie beginnt in der Gegenwart und fixiert Gefühle im Leben der Gegenwart. Mit der Zeit führt das entlang desselben Gefühlspfades zu tieferen Ebenen durch einen Prozess, den ich als Resonanz bezeichne. Ist man einmal in das Feeling
eingeschlossen, wird das neurobiologische System die Regie übernehmen und den Patienten befähigen, tiefer zu gehen, zu entfernteren und älteren Gehirnarealen zu reisen. Wenn der Patient über Monate diesem evolutionären Pfad folgt, werden verschiedene Aspekte des Feelings auf jeder Ebene aufgesammelt, bis man Ursprünge erreicht, wo sehr tiefer Schmerz liegt. Dieser Prozess kann nicht  erzwungen oder im Voraus beschlossen werden durch einen Therapeuten, der diktiert, wohin der Patient zu gehen hat. Wenn Gefühle außer der Reihe erzwungen werden, findet keine Integration statt.

 

Ich betone diese methodische Schritt-für-Schritt-Reise als Warnung, weil in keiner anderen Therapie, die ich kenne, die Störung der Primärsequenz durch nicht ausgebildete Leute solchen dauerhaften Schaden anrichten kann. Sie pfuschen am tiefen Unbewussten herum. Wir haben viele Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, was wir vermeiden sollen, was ebenso wichtig ist wie zu wissen, was man weiterverfolgen sollte. Wir achten mit größter Gewissenhaftigkeit darauf, dass der Patient die Gefühlskette in richtiger Reihenfolge hinabsteigt, um Abreaktion zu vermeiden, also das Abgleiten in Pseudogefühle als Abwehr gegen den wirklichen Schmerz.

 

Im Wesentlichen ist Abreaktion die Entladung eines Feelings, das von seinem Ursprung getrennt ist, was sie tatsächlich zu einer Abwehr macht oder zumindest zu einer Stärkung einer existierenden Abwehr. Sie kann die Freisetzung eines Gefühls von einer Bewusstseinsebene in eine andere Ebene sein. Zum Beispiel erste Linie in die dritte Linie. Oder es kann die erste Ebene sein, die von allen anderen Ebenen getrennt ein Eigenleben annimmt und alle anderen Ebenen ausschließt. Das Abwehrsystem kann auf seine schlaue und brillante Weise viele Formen von Abreaktion fördern, die zu eigenartigen Vorstellungen, verrückten Selbsttäuschungen und Paranoia führen können. Anstatt zur Umkehrung der Neurose zu führen, garantiert Abreaktion, dass Neurose andauert. Das geschieht, wenn der Therapeut dem Patient erlaubt, Evolutionsstufen zu überspringen, durch die Bewegungen von Gefühlen zu gehen ohne diese zu fühlen.

 

Wir müssen den Gefühlen total vertrauen. Aber zuerst müssen wir sie erkennen und in der Lage sein, sie von Abreaktion zu unterscheiden, welche die Entladung der Energie eines Gefühls bei fehlender Verknüpfung ist. Unsere Aufgabe ist, für Zugang zu Feelings zu sorgen, wobei wir auf Schritt und Tritt der Evolution folgen; beginnend mit den jüngsten Aspekten reisen wir hinab zum frühen Ursprung des Schmerzes in der weit zurückliegenden Vergangenheit. Auf diese Weise gehen wir vom Gewahrsein des Gefühls zu  seinem emotionalen Inhalt und dann zu seiner präverbalen Basis. Wir gehen auch von der geringsten Schmerz-Valenz zur verheerendsten. Diese Valenz nimmt zu, wenn wir in unserer Ontogenese die Schmerzkette hinabsteigen.

 

Wenn wir mit unseren Anfängen in Berührung kommen - Zeit im Mutterleib, Geburt und frühe Kindheit - sehen wir den tiefsten Schmerz und die größte Gefahr für das System, was ich als 'erste Linie' bezeichne. Wenn wir die Gehirnentwicklung nicht kennen, lassen wir uns leicht täuschen, handeln überstürzt und spornen das Nervensystem des Patienten an, Leistungen zu vollbringen, zu denen es nicht in der Lage ist; deshalb kommt es zu Abreaktion. Wir bringen den Patienten dazu, dass er schreit oder auf die Wand einschlägt, während das wirkliche Feeling woanders ist. Ist ein Patient erst einmal in die Abreaktion eingeschleust, ist es nahezu unmöglich, ihn wieder herauszuziehen. Sie formt eine gerillte Abwehr, die einbetoniert wird und kein anderes Gefühl hereinlässt. Sie wird zur Neurose innnerhalb einer anderen Neurose. Der Patient verliert, auch wenn er vielleicht selbst überzeugt ist, dass er wirklich fühlt. Oder - noch schlimmer- er wird vielleicht von einem Therapeuten überzeugt, dass er fühlt , obwohl dem nicht wirklich so ist. Manchmal mag das alles wie eine Art Komplott scheinen, aber sind einfach unbewusste Reaktionen, um tiefen Schmerz zu vermeiden.  Denken Sie daran, dass es eines großen Fachkönnes bedarf, ein verknüpftes Feeling herzustellen und dass keinerlei Qualifikation nötig ist, um Abreaktion zuzulassen.

 

[1] Gordon Marshall, "abreaction." A Dictionary of Sociology, 1998. Encylopedia.com. (2. Juli 2015),

http://www.encyclopedia.com/doc/1088-abreaction.html

 

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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