Home    Artikel und Buchauzüge      Übersetzungen aus A. Janovs Webseite     Neue Beiträge       Primärtheorie und Primärtherapie         Buchübersetzung: Bücher von A. Janov  

20 Kernthesen der Primärtheorie und Primärtherapie        ArthurJanov.com         Facebook          Studien und Statistiken            Primalpage                              Primaltherapy.com

Primal Mind                 Epilepticjourney

 

 

Dr. Arthur Janov:    Über den Unterschied zwischen  Abreaktion und Fühlen (Teil 2 / 9)

Donnerstag, 27. Juli 2015, On the Difference Between Abreaction and Feeling (Part 2/9),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                          

Auf der falschen Spur in die Abreaktion

 

Um besser zu verstehen, wie Abreaktion funktioniert, schauen wir, was geschieht, wenn eine Sitzung aus der Spur gerät. Wie wir jetzt wissen, gibt es während einer Sitzung ein kritisches Fenster, wenn der Patient ein bestimmtes Gefühl hereinbringt, sagen wir Hoffnungslosigkeit. Wenn der Therapeut nicht handelt und der Person nicht hilft, in das Feeling einzutauchen, kann es später in der Sitzung durchaus zu spät sein. Wenn der Therapeut nicht im entscheidenden Moment eingreift, ist das spezifische Gefühl/die spezifische Frequenz, mit der der Patient hereinkam, jetzt verschwunden. Dem Patienten bleibt jetzt nur Abreaktion, die Entladung eines Sekundärgefühls, nicht des Schlüsselgefühls, das sie/er mitgebracht hatte. Das bedeutet keinerlei Auflösung und Integration des Fühlens, weil das Gefühl nicht durchlebt worden ist. Wenn wir die Vitalfunktionen nach der Sitzung messen, bewegen sich die Werte auf sporadische Art. Sie bewegen sich nicht koordiniert, sondern es ist, als würde sich jede Funktion in anderer Gangart bewegen. Sie scheinen ihren Zusammenhang verloren zu haben, was uns sagt, dass kein Primal statgefunden hat.

 

Was meiner Ansicht nach geschieht, und das ist nur eine Hypothese, ist, dass der Patient in ein Sekundärgefühl schlüpft mit anderem Gehirnmuster und anderer Frequenz, wenn das eigentliche Feeling und seine Frequenz unbeachtet bleiben. Auch wenn es vielleicht so aussieht, als habe sie oder er das Gefühl aufgelöst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es Abreaktion ist. Es ist nur die Entladung der Gefühlsenergie ohne Verknüpfung.

 

Ich muss das klarstellen, weil so viele sogenannte Primärtherapeuten diesem fundamentalen Irrtum unterliegen. Es gibt eine Zeit in der Sitzung, wenn dieses Feeling dem vollen Bewusstsein sehr nahe ist. Ohne professionelle Hilfe entschlüpft das Gefühl, und der Patient gerät jetzt ins Taumeln und in ein anderes Gefühl, das vielleicht mit den Absichten des Therapeuten zu tun hat aber nicht mit denen des Patienten. Das kommt daher, dass der Therapeut das Eingangsgefühl nicht bemerkt hat und dann seine eigenen  Bedürfnisse und Gefühle auf den Patienten projiziert. Der Patient geht dann dorthin, wohin der Therapeut beschließt, was nichts damit zu tun hat, das Grundbedürfnis anzugreifen und es aufzulösen. Zu oft geht der Patient dorthin, wohin der Therapeut ihn  stillschweigend haben will . Der Patient spürt das und wird zu einem "guten Jungen/guten Mädchen." Das Unbewusste des Therapeuten lenkt den Patienten implizit.

 

Der Schmerz mangelnder Befriedigung ist immer ein Anhängsel eines speziellen Bedürfnisses. Sich mit dem falschen Bedürfnis zu befassen bedeutet, auf richtige Verknüpfung und Auflösung zu verzichten; es bedeutet, den falschen Schmerz zur falschen Zeit zu fühlen. Ein deprimierter Patient kommt herein und fühlt sich hoffnungslos und hilflos. Der Therapeut nimmt vielleicht latenten Zorn wahr und drängt den Patienten, auf die Wand einzuschlagen. Die Freisetzung bietet etwas Erleichterung an, und sie beide mögen denken, es habe Auflösung stattgefunden. Aber das war nur vorübergehend. Das wirkliche Gefühl liegt auf der Lauer und wird immer wieder zurückkehren. Oder der Therapeut sagt vielleicht: "Sag' es deiner Mutter!" Aber vielleicht hat es nichts mit Mutter zu tun, zumindest nicht mit der des Patienten. Was hochkommt, ist der Schmerz des Doktors; er muss seine Mutter anschreien. Tatsächlich kann das Kerngefühl des Patienten in eine Zeit vor den Worten zurückdatieren. Somit ist es der falsche Weg, das Gefühl verbal auszudrücken. Es ist eine verzwickte Angelegenheit. Ein solides Wissen über die Evolution des Bewusstseins hilft hier weiter.

 

Ärzte sind es gewohnt, während Therapie-Sitzungen aktiv zu sein, und somit fällt ihnen schwer zu sehen, wie wenig es zu tun gibt. Im Schnitt rede ich etwa 50 Worte in einer Sitzung. Mein Patient fühlt, und dann folgen die Einsichten. Ich brauche die Erhabenheit nicht, Patienten Einsichten zu schenken. Es ist wunderbar, dass sie ihre eigenen Entdeckungen machen. Und welche Entdeckungen das sind, hochbrandende Gefühle aus dem Untergrund, begleitet von ihren Notizen. Sie sagen dem Arzt, was das Gefühl bedeutet.

 

Andererseits haben Therapeuten eine Menge zu tun, wenn wir spüren, dass Abreaktion eindringt. An diesem Punkt muss der Therapeut wachsam und hyperaktiv sein, um den Patienten in der Spur zu halten. Er muss gewährleisten, nicht das Nebengefühl zu verstärken, und er muss den Patienten auf das Hauptgefühl zurücksteuern. Und wie erkennt der Therapeut den Unterschied? Durch Instinkt und Erfahrung. Der Therapeut muss spüren, dass sein Patient einen Umweg genommen hat, und er muss wissen, was das reale Gefühl ist. Diese Fähigkeit kann man nur durch Primär-Intuition erwerben. Es gibt keinen Lehrsatz.

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

Artikelauswahl 2015