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Dr. Arthur Janov:    Über den Unterschied zwischen  Abreaktion und Fühlen (Teil 3 / 9)

Freitag, 31.07.2015, On the Difference Between Abreaction and Feeling (Part 3/9),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                         

Ein Syndrom des Misserfolgs

 

Wenn Abreaktion zu einer eingefrästen Rille wird, ist sie wie ein Höllenpfad nach Nirgendwo. Sie ist eine Abwehr im Gewand des Fühlens und erzeugt somit keinerlei Einsichten und schafft keine Lösung. Stattdessen fördert Abreaktion wiederkehrendes Ausagieren, das sich durch Wiederholen verstärken kann. Wenn die mächtige erste Linie präsent ist, schafft sie keine echten Einsichten. Tatsächlich kann sie falsche oder ziemlich irre "Einsichten" hervorbringen. Das ist die Gefahr der sogenannten Rebirthing-Therapie, die Patienten gezielt und außer Reihenfolge in Schmerz der ersten Ebene eintaucht, obgleich die dafür nicht bereit sind. Die Technik überwältigt die Integrationskapazität des Gehirns, und der Patient wird von sonderbaren Gedanken und bizzaren Vorstellungen überflutet. Plötzlich ist er "eins mit dem Universum" oder vielleicht "mit dem Allmächtigen vereint." Und wenn der Therapeut mystische Neigungen hat, findet er das alles vielleicht nicht so merkwürdig. Ich habe Leute gesehen, die in Rebirthing-Zentren waren und präpsychotisch zu uns gekommen sind. In diesen Fällen ist die Reihenfolge oder Ordnung des Fühlens nicht eingehalten worden. Das Ergebnis ist schwerwiegend; wir können einfach nicht die Evolution herumkommandieren sondern müssen vielmehr ihren Bestimmungen folgen. In der klinischen Praxis bedeutet das, dass man weiß, wie man die für den Patienten richtige Gefühlsspur identifiziert und die Sitzung in der Spur hält - eine  Kunst, die verzwickter ist, als es sich anhört.

 

Da Abreaktion nicht heilt, sind Patienten in einem ewigen Bedürfnis "zu fühlen" gefangen. Nichts wird je aufgelöst und somit wird der Schmerz nie gefühlt oder ausgeleert. Somit kann Abreaktion auf sehr unheilvolle Weise wiederkehrendes neurotisches Verhalten verursachen, das Primals imitiert. Der Schmerz ist ewig präsent, so dass es wahrscheinlicher ist, das er bei den Leuten ausgelöst wird. Tatsächlich ist er gegenwärtiger als zu dem Zeitpunkt, bevor der Abreaktionsprozess einsetzte, weil alle diese ausgelösten Gefühle ins Bewusstsein gerufen werden, ohne jemals aufgelöst zu werden. Sie sind die ganze Zeit "da" und können jederzeit bei der kleinsten Provokation wieder wachgerufen werden.

 

Abreaktion erzeugt einen geschlossenen Schmerzkreis, eine Endlosschleife, die immer wieder abläuft, sobald ein Teil von ihr ausgelöst wird. Und jeder Auslöser - wie verschieden sie auch sein mögen - wird dasselbe abreaktive Gefühl hochbringen: "Ich möchte sterben. Da ist zuviel Schmerz. Ich möchte sterben." Das wird nie mit einer speziellen Sache verbunden und bleibt eine Litanei oder eine Reihe von Empfindungen, die sich ewig wiederholen. Wie ein hungriges Monster wird die Abreaktion all diese verschiedenen Auslöser und Gefühle verschlingen und sie in einem und denselben Kreis körperlicher Empfindungen und /oder nicht-verknüpfter Gefühle einverleiben. Sie werden alle vom selben Abwehrsystem verarbeitet. Es ist wirklich erstaunlich, die Brillianz eines Abwehrsystems zu betrachten, das schmerzvolle Gefühle in Richtung Abreaktion umleiten kann, damit diese Gefühle unbewusst bleiben.

 

Patienten, die abreagieren, verschanzen sich ziemlich hinter ihrem "Primal-Stil" und weigern sich zuzugeben, dass das, was sie tun, nicht der "richtige Weg" ist. Und natürlich sind sie nicht bereit, ihn zu ändern. Warum? Erstens weil es für sie bedeutet, dass sie ihre Therapie nicht richtig ausführen, eine Reaktion, die mit Gefühlen assoziiert ist wie "ich liege falsch/bin schlecht." Zweitens fällt es ihnen schwer zu akzeptieren, dass all die Zeit, Anstrengung und das Geld, das fürs "Fühlen" aufgebracht wurde, tatsächlich Vergeudung war. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass das, was sie gemacht haben, keine gute Therapie war und sie möglicherweise tatsächlich schädigte.

 

Ein weiteres Element, das die Patienten resistent gegen Veränderung macht, ist, dass Abreaktion bewirkt, dass sie sich vorübergehend besser fühlen. In der Tat haben sie etwas Spannung freigesetzt. Sie könnten aber auch ein paar Meilen laufen und hätten dasselbe Ergebnis, ein falsches Gefühl der Erleichterung. Wenn die Abreaktion jahrelang fortbesteht, wie im Fall von Leuten, die lange Zeit "selbst-primalen," ist sie vielleicht irreversibel: Die Rillen sind zu stark, weil sie zu einer neurologischen Abwehr in und an sich geworden sind. Meistens ist diese abreaktive Rille mächtig, dauerhaft und tief verwurzelt.

 

Ich erinnere mich an den Fall einer Frau, die so in etwa 20 Jahre lang selbst geprimalt hat - irgendwo tief drinnen in einem weit entfernten Teil dieser Welt. Ihr Stil war andauerndes Schreien. Sie glaubte, allein darum ginge es in der Therapie - um den "Urschrei." Sie konnte stundenlang aus voller Lunge und mit schrillster Stimme schreien.Natürlich war das bar jeden wirklichen Fühlens, Inhalts, Zusammenhangs und ohne Auflösung. Sie wusste nicht, warum oder worüber sie schrie; es waren keine Erinnerungen damit verbunden. Sie hatte das "Gefühl," schreien zu müssen, weil "sie so viele Schmerzen hatte." Es war schlimm, sich das anzuhören und es war völlig unbewegend. Wie zu erwarten war, hatte sie keinerlei Einsichten und es ging ihr nicht besser. Diese "Rille" aufzulösen erwies sich als sehr schwierig.

 

Der Versuch, einen Patienten von Abreaktion abzubringen und zu einer gänzlich neuen Art "wirklichen Schmerz-Fühlens" zu wechseln, ist in der Regel ein langer und schwieriger Wandlungsprozess. Der Grund ist, dass die Abwehrmechanismen durch die Abreaktion verstärkt worden sind. Somit konzentriert jeder Versuch, zu diesen aufgestauten realen Gefühlen zu gelangen, sofort die abreaktiven Abwehrmechanismen, die genau darum geschaffen wurden, diese realen Gefühle in Schach zu halten. Der Patient wird in die abreaktive neurologische Rille gezogen, wo er sich wohl fühlt. Der Versuch, das Muster umzukehren, kann sogar schmervoller sein als der reguläre Prozess in der Therapie, in dessen Verlauf Abwehrmechanismen abgebaut werden. Einige Patienten waren nie fähig, den Abreaktions-Trend auszulöschen, und somit geht es ihnen leider niemals besser.

 

Letztlich ist das klinische Ergebnis der Abreaktion ein Syndrom des Misserfolgs. Keine Einsichten, keine Auflösung, keine Besserung. Dasselbe Ausagieren, dieselben Symptome, die manchmal schlimmer werden. Hauptsächlich liegt die Tragödie der Abreaktion darin, das der Patient ewig diese ganze Qual durchmacht, ohne dass es sich auszahlt.

 

Im Gegensatz dazu muss man reale Feelings nicht ewig fühlen, sie haben ein Ende.  Abgesehen von einem bestimmten Anteil an Gefühlen, die eine Zeit lang immer wieder erlebt werden mussten - abhängig davon, wieviel Schmerz mit ihnen verbunden war - nimmt in der Primärtherapie die Notwendigkeit zu fühlen mit jedem erlebten Feeling ab, bis wir ab einem gewissen Punkt den alten Schmerz kaum je noch fühlen müssen.

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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