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Dr. Arthur Janov:    Über den Unterschied zwischen  Abreaktion und Fühlen (Teil 4/ 9)

Dienstag, 04.08.2015, On the Difference Between Abreaction and Feeling (Part 4/9),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                         

Die Gefahren der Pseudo-Therapie

 

In unseren vier Jahrzehnten Erfahrung haben wir viele Möglichkeiten gesehen, wie die Therapie schiefgehen kann. Ein fähiger Therapeut kann ein hochkommendes Feeling aufgreifen und dorthin lenken, wo es hin muss. Im Fall schwerer Depression ist es die Ankündigung eines frühen Todes. Aber ein schlecht gerüsteter Therapeut kann ein Maß der Todesnähe - wie z.B. sehr hohe Herzfrequenz -  nehmen und auf ein anderes Feeling umzentrieren, das mit der Ursache nichts zu tun hat, für das sich der Arzt aber entschieden hat. Bewusst oder nicht - er pfuscht an der Biologie herum. Das Resultat ist kontraproduktiv, weil der Patient allmählich eine Rille ausformt, sodass ein tiefes Feeling jedes Mal, wenn es mit all seiner Kraft hochkommt, auf die Nebenstraße eines irrelevanten Feelings umgeleitet wird. Und das ist auch ein Aspekt der Abreaktion: ein beginnendes unvollständiges Feeling aufzugreifen und es in etwas anderes zu wandeln. Der Arzt glaubt, er verstehe den Prozess und übernimmt die Kontrolle, anstatt dass das Feeling die Sitzung kontrolliert. Die Gefühle des Patienten - weit entfernt von Vollständigkeit -  werden vorzeitig aufgegriffen, und der Patient befasst sich mit einem Nebenzweig anstatt mit dem nächst verfügbaren Feeling. Diese Gefühle scheinen in einer Schlange zu stehen, jedes darauf zu warten, dass es an die Reihe kommt, und jedes scheint Erleichterung zu bringen, wenn es dran ist. Primärsitzungen beginnen normalerweise mit  Schmerz ganz oben im Gehirn; unglückliche Ereignisse in der Gegenwart, die mit ihnen assoziierte schmerzvollere frühe Erinnerungen auslösen können. "Meine Frau nimmt mir einfach die Luft" verknüpft sich schließlich mit der Grundprägung: "Ich ersticke." Das denkt sich niemand aus; es geschieht automatisch durch Resonanz, wobei ein Schmerz hoch oben in einer Kette von Ereignissen tiefer liegenden Schmerz auslösen kann, wenn der Patient bereit ist, ihn zu fühlen. Es scheint, als sei jedes Feeling nach seinem Inhalt und seiner Beschaffenheit in verschiedene Fächer klassifiziert; eine Art von Gefühl hier und eine andere Art von Gefühl dort. Resonanz im Gehirn verknüpft die evolutionären Verbindungen untereinander und umgreift den größten Teil unseres Lebens. Unsere Biologie entscheidet, nicht ein Arzt oder Therapeut, welches Feeling aufsteigt und erlebt werden kann. Aber wenn das Unbewusste des Doktors in diese noch ungehinderte und ursprüngliche Gefühlssequenz eingreift, ist das Ergebnis eine emotionale Umleitung - Abreaktion.

 

In der Therapie richten wir Schaden an, wenn wir denken, wir wissen, woher es alles kommt, und wir wissen es tatsächlich nicht. Es ist unsere Vermutung gegen die Realität im Patienten. So haben wir einen inneren Konflikt: Das System des Patienten kämpft, um sein neurotisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, welches die natürliche Anpassung des Körpers an frühes Trauma und Schmerz ist, während der fehlgeleitete Therapeut sich bemüht, die lebensrettenden Tricks des Neurotikers zu ändern, indem er an dessen Gedanken und Verhaltensweisen herumbastelt.  Vor allem der kognitive Therapeut möchte neurotisch normal in abnormal umändern, indem er die Depression in ein positiveres, optimistischeres Aussehen umwandelt. Sie verstehen nicht, dass Depression für den Patienten normal ist, weil ihn seine Lebenserfahrung dorthin getrieben hat und seine Biologie ihr Bestes tut, um das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten - das neurotisch normale -, das sich einrichtete, als ein Trauma den natürlichen Zustand seines Systems störte und umleitete. Der Primärtherapeut versucht auch, das neurotisch Normale zu demontieren, aber dadurch, dass er die Ursprünge auflöst und nicht dadurch, dass er vergeblich versucht, die gegenwärtigen Manifestationen zu manipulieren. Neurotisch normal ist das, was Patienten tun müssen, um sich an ernsthafte Einprägungen anzupassen, während abnormal ein Versuch ist, in dieses Gleichgewicht einzugreifen und seine sorgfältige Balance zu ändern.

 

Das ist ein Zustand, bei dem die Vitalwerte den Patienten betrügen. Es kann buchstäblich eine Todesankündigung sein, weil ständige Abreaktion das System schwächt und zu vorzeitigem Tod führen kann aufgrund der Last ungelöster Gefühle, die sich einschalten und heimlich Druck auf das biologische System ausüben. Wir sehen den Druck nicht, den Verdrängung ständig auf das Herz, Leber, Lungen und andere Organe ausübt. Wir sehen nicht, was chronisch schneller Herzschlag dem gesamtem kardiovaskulären System antut. Kurz gesagt tötet uns, was wir nicht sehen.  Und warum sehen wir es nicht? Es ist einfach zuviel, als dass man es alles auf einmal sehen und erfahren könnte, weil es in und an sich lebensbedrohlich ist.

 

Wir können den Abstieg in die unteren Tiefen des Gehirns beobachten, wenn der Patient machmal während eines Primals auf höherer Ebene mit dem Hirnstamm-Anteil der ersten Linie in Kontakt kommt (die Basis und/oder der untere Teil des limbischen Systems). An diesem Punkt kann er Vitalwerte aufweisen, die in unvorstellbaren Tiefen liegen - Körpertemperatur bei 96,0 (Fahrenheit) und ein Herzschlag unten in der 50er Zone. Wir wissen, welcher Teil des Gehirns aktiviert ist, weil die Gehirnsysteme unmissverständlich enthüllen und aufzeigen, welche Gehirnebene am Werk ist; welches Trauma abgewehrt wird und um welche Periode in der Ontogenese es geht. Wenn es einen plötzlichen Durchbruch gibt - ein abruptes Übertreten -  sehen wir Intrusion am Werk; das momentane Wegreißen des Abwehrsystems, das kurzzeitig tieferen Feelings Platz macht.

 

Das sagt uns, dass tiefes Material jetzt direkt unter der Oberfläche liegt und vielleicht so weit ist, dass es wiedererlebt oder `geprimalt` werden kann. Das ist keine bloße Vermutung, da der Körper seine Bereitschaft signalisiert. Wenn wir Intrusion nicht erkennen, warten wir vielleicht zu lange, um tiefe Einprägungen aufsteigen zu lassen; der Körper ist bereit, aber der Arzt ist es nicht. Noch einmal  - das Feeling kann durch den Doktor in etwas anderes abgeändert werden, weil die persönliche Evolution des Patienten, seine Ontogenese, ignoriert worden ist. Der Therapeut hat das Gefühl anders wohin gelenkt. Ein Anfänger-Therapeut, der scharf darauf ist, seine Fähigkeit und dramatische Effekte zu zeigen, wird den Patienten zu früh in zu tiefes Material zwingen. Das Ergebnis ist, dass der Patient verrückte Gedanken entwickelt, weil das Gehirn auf oberster Ebene sein Bestes tut, mit der vom Arzt induzierten Überlastung fertig zu werden. Es ist dieselbe Wirkung, die wir bei LSD-Konsum sehen.

 

Ich erinnere mich, dass während des LSD-Wahns der sechziger Jahre einige Ärzte mit Halluzinogenen für Patienten experimentierten. Viele entwickelten eine vorübergehende Psychose, weil Schmerzen außer der Reihe hochgeworfen wurden und nicht integriert werden konnten. Das Ergebnis: Überlastung des Neokortex und Wahnvorstellungen. In unserer frühen Forschung sahen wir die Überbleibsel von all dem: Außer allgemeinen Schlafproblemen befand sich der Neokortex in einem ständigen Überflutungs-Zustand, und die Hirnwellen-Amplitude ging nach unten, was für uns nach vielen ähnlichen Messwerten bei anderen LSD-Patienten bedeutete, dass Verdrängung und Abwehr wankten und zusammenbrachen. Wenn Patienten in der Therapie zu sehr angetrieben werden, bekommen wir oft dieselbe Art von Profil.

 

Ein eindeutiges Beispiel gefährlicher Gefühlstherapie ist Rebirthing, eine Technik, bei der Patienten zu früh viel zu tief getrieben werden. Die Geburt in den ersten Therapiewochen wiederzuerleben, bedeutet die Evolution zu ignorieren und führt zum Desaster. Es bedeutet, vorzeitig auf tiefen Bewusstseinsebenen anzukommen, Evolutionsstufen zu überspringen und durch die Bewegungen des Fühlens zu gehen ohne zu fühlen. Das überfordert die Integrationskapazität des Gehirns, und es kommt zu Überflutung mit verrückten Gedanken und bizzaren Vorstellungen. Wir haben Präpsychotiker gesehen, die zu uns kommen und sofort in irgendeine Art von Geburtstrauma gleiten- weit weg von einer angemessenen evolutionären Reise. Oft sind sie tief gestört und beginnen die Therapie mit schwer beschädigtem Schleusensystem. Gewöhnlich benötigen sie Hilfe bei der Schleusung, so dass wir vielleicht für eine gewisse Zeit  Medikamente empfehlen, um das Hochbranden von Hirnstamm-Einprägungen zu kontrollieren. Die Medikation verstärkt vorübergehend die Schleusung, so dass jetzt ein angemessener Abstieg möglich ist. Ohne dies gibt es keine Integration und somit keine Gesundung. Schlimmer noch - wenn der Arzt an die Gedanken und Überzeugungen glaubt, ist der Patient in Gefahr. Plötztlich ist er "mit dem Allmächtigen vereint." Und im Booga-Booga-Land nickt der Arzt vielleicht zustimmend. Jetzt ist es eine Folie a deux. Wenn der Therapeut mystisch ist, findet er das alles vielleicht nicht so sonderbar, weil Leute mit Hang zum Mystischen nie denken, ihre Glaubensüberzeugungen seien seltsam.

 

Das Problem bei Rebirthing ist, dass es das fundamentale Gesetz der Evolution verleugnet. Fordere nie die Evolution heraus; respektiere sie und folge ihr. Sie wird dich zielsicher dorthin bringen, wohin du gehen musst und nur wenn du dorthin gehen musst. Ich habe die Psychose gesehen, die dieser Fehler hervorruft; und wir sehen bei Rebirthing die inhärente Gefahr, weil Gefühle von einem anderen - vom Therapeuten - nach dessen Zeitplan gelenkt werden und weil man vorzeitig bei diesen Gefühlen ankommt und damit die sorgfältige Schrittfolge der Geschichte verletzt. Treibe keine Scherze mit der Geschichte. Niemand ist schlauer als sie und keiner hat eine Ahnung, was im Unbewussten liegt; nur der Patient weiß es. Und es dauert, bis er es weiß. Sein Körper weiß es, aber braucht ein höheres Gehirn, das ihn informiert. Sein Körper schreit die Botschaft durch sein Asthma und seine Migräne und seinen hohen Blutdruck hinaus, aber es ist ein stummer Schrei, den nur sein System fühlen kann. Der Körper sagt "ich leide," und der Patient sagt "ich leide," aber er weiß nicht, woran oder worunter. Die kortexlose Botschaft ist durchgekommen, aber es fehlt ihr die Schlüsselinformation, die nicht mitgeteilt werden kann, wenn wir zu jung und fragil sind, um sie zu verstehen und zu akzeptieren.

 

Wenn das gesamte Gehirn in einen Zustand gezwungen wird, für den es nicht bereit ist, geht es in den Alarmzustand und bewegt sich  abrupt die Evolutions-Skala aufwärts auf der Suche nach einem Hebel, nach einer Möglichkeit, mit dem Druck fertig zu werden. Wenn das unbeschreibliche Feeling den Neokortex auf oberster Ebene erreicht, heckt es Ideen und Überzeugungen aus, die im Grunde psychotisch sind -"eins mit dem Kosmos." Und das ist genau der Mechanismus bei einer echten Psychose (eher als bei einer induzierten), bei der das Schleusensystem durch das jahrelange ständige Anrennen angehäuften Schmerzes so lange demoliert worden ist, dass es schließlich zusammenbricht. Man beachte, dass der Druck des Feelings entlang der Evolutions-Skala hochmarschiert auf der Suche nach einem Weg, den Schmerz abzuschalten. Das ist ein biologisches Gesetz, das alle Therapeuten verstehen müssen. Verrückte Gedanken sind keine alleinstehenden Gebilde; sie sind das Ergebnis einer langen evolutionären Reise, die schließlich in eine Glaubensüberzeugung mündet. Wenn TherapeutInnen an Gedanken/Glaubensvorstellungen herumdoktern, geraten sie in Konflikt mit diesem Evolutionsprozess. Und ich beziehe Verhalten und die anti-evolutionäre Verhaltenstherapie darin mit ein. Wie simplizistisch es doch ist, Verhalten seiner Wurzeln zu berauben und dann andauernd die Ausdünstungen zu manipulieren!

 

Genau das geschieht bei Pseudo-Primärtherapie. Den richtigen Wurzeln ist man ausgewichen, und gleichzeitig wird der Patient in falsche Nebenwege gelenkt. Das Ergebnis? Abreaktion. Eine falsche Wurzel kann bedeuten, dass man den Patienten auf die erste Linie führt, auf die Hirnstamm-Ebene, wo Einprägungen mit hoher Ladung warten. Was also sieht der Doktor, wenn die erste Linie eindringt? Würgen, Kurzatmigkeit, Sich-Winden, Husten. Und was macht er? Er ermutigt den Patienten, da hineinzugehen, obwohl der nicht annähernd bereit ist für so ein tiefes Erlebnis. Was bekommt er? Abreaktion - vorübergehende Freisetzung plus ein Überbleibsel an Gefühlen, die nicht erlebt werden konnten und Druck auf die Abwehr ausüben, sodass sich der Patient schlecht fühlt. Noch häufiger machen solche großen Reaktionen dem Therapeuten Angst, und er vermeidet es, sich überhaupt damit zu befassen. Es bleibt in der Luft hängen und unaufgelöst.

 

Aber Vorsicht: Es besteht auch Gefahr, wenn der Therapeut zu passiv ist. Wer die aufsteigende erste Linie nicht erkennt, unterdrückt das Feeling und lässt es erst hochkommen und erleben, wenn es viel zu spät ist. Es ist zu spät wegen der fehlenden Erfahrung des Therapeuten, der keine Ahnung hat, wie man mit ziemlich strammen Gefühlen umgeht, die im Aufsteigen begriffen sind. Was also Geschieht? Wieder Abreaktion: andere Erinnerungen fühlen als diejenigen, die in Reichweite sind. Wieder wird eine Rille geformt und anstatt tiefen auflösenden Fühlens gibt es kleine Umwege, die nicht zur Auflösung führen. Für diesen furchtsamen und zögernden Therapeuten erweist sich Freuds Spruch über das Unbewusste noch immer als wahr: Geh' nicht zu tief. Freud beschloss vor beinahe hundert Jahren, dass tiefes Schürfen im Unbewussten gefährlich sei für den Patienten und sein Gleichgewicht unwiderruflich zerstören würde. Wir haben das Unbewusste am Werk gesehen, und es stimmt einfach nicht.

 

Wir Therapeuten müssen der Allwissenheit abschwören. Wir wissen nicht genug, und ich habe nicht einmal eine Vermutung, wie es geschah, dass wir zu Experten der conditio humana wurden. Immer wenn ein Therapeut dem Patienten sagt, was er fühlen soll, wissen wir, dass er schon auf dem falschen Pfad ist. Wir müssen Feelings spüren und dem Patienten folgen anstatt ihn zu führen. Wir fassen ihn an der Hand und folgen ihm dorthin, wo er uns hinführt, nicht umgekehrt. Wir Ärzte müssen die Versuchung meiden, klug zu handeln. Wir verbringen Jahre auf der Hochschule damit zu lernen, wie man klug wird, und jetzt müssen wir uns dieser Klugheit entziehen. Wie ironisch! Aber die Geschichte der Psychotherapie war intellektuell und lieferte eine Therapie des Intellekts, und genau das brauchen wir nicht. Wir gestatten den Patienten nicht, "klug" zu handeln; wir erlauben ihnen, intelligent zu handeln, ihre Feelings zu erkennen und wie die sie angetrieben haben und zum Ausagieren veranlasst haben. Wenn Patienten versuchen, klug zu handeln, helfen wir ihnen, zum Feeling zu gelangen, das damit zu tun hat, Mama oder Papa zu gefallen. Letztlich ist es eine große Erleichterung, einfach du selbst zu sein und nicht so oder so handeln zu müssen, um Liebe zu bekommen.

 

Es scheint banal und harmlos, dass ein Therapeut für den Patienten Einsichten bereitstellt, aber es ist bei weitem nicht so, weil der Patient vom Fachmann eine Vermutung über seine Gefühle bekommt, die zutreffend sein kann, es meistens aber nicht ist, weil sie nicht den Gefühlen des Patienten entspringt sondern denen eines anderen. Es ist eine subtile Art, den Patienten in eine Rille zu lenken, weil der Therapeut unsicher ist und sicher gehen will, dass der Patient wirklich fühlt. Und an einer solchen mühelosen Rille leiden die meisten Leute bei Abreaktion; sie finden einen Weg der Freisetzung, auf den sie ihr Fühlen lenken, und es wird bequem, darauf zu bleiben. Der Weg gräbt sich ein, bis sie nicht mehr heraus können, und sie wissen nicht einmal, dass sie drin sind. Die Kraft des Fühlens, der tatsächliche Inhalt, findet seine Rille, und es erfordert Monate richtiger Therapie, Patienten da heraus zu helfen. Abreaktion hat die Neurose verstärkt anstatt sie zu eliminieren. Schlimmer noch ist, dass der Mensch überzeugt ist, es gehe ihm besser, was nicht der Fall ist. Noch viel schlimmer ist, dass der Arzt überzeugt ist, dass alles in Ordnung ist, obwohl nichts in Ordnung ist. Der ganze Prozess ist zu einer Farce geworden; eine Illusion von Gesundheit. Es fühlt sich gut an für den Patienten, weil er den Druck des hochkommenden Feelings freisetzen kann, und das fühlt sich wie Fortschritt an: also geht es ihm besser.

 

Wenn wir versuchen, uns in den Gefühlsprozess einzublenden, bekommen wir eine Reflexion unserer selbst und nicht des Patienten. Und diese Reflexion verlässt sich auf einen Wust von Theorien, die von Ärzten ausgeheckt wurden, um das zu erklären, was keine Erklärung braucht. Die Fehler in der Theorie sind so vielfältig wie das Unbewusste des Arztes. Vielleicht sieht er ein Bedürfnis nach Macht oder nach Bedeutung oder nach Sex und so fort. Oft sieht er, was nicht da ist, und weigert sich zu sehen, was wirklich da ist. Seine Vision ist durch das Maß seiner Offenheit beschränkt. Und das hängt davon ab, wieviel er von seinem eigenen Schmerz gefühlt und erlebt hat. Du kannst nicht offener sein als deine Verdrängung. Die blockiert so viel: Vision, Einsicht, Empathie, Mitleid und Verständnis. Wenn du in deinem Kopf lebst, wirst du nie in Betracht ziehen, in die Tiefen des Fühlens einzutauchen; es geht dann einzig darum, Gefühle zu erklären, sie zu diskutieren oder über sie zu schreiben. Heutzutage gibt es eine Therapie, wo die Patienten glauben, sie könnten gesund werden, indem sie ein Journal über ihre Gefühle führen. Das ist einmal mehr zu offensichtlich, als dass man es kommentieren müsste, aber es ist die oberste Ebene, die sich damit befasst, wenngleich wir weit unter sie vordringen müssten. Dasselbe trifft auf die Achtsamkeits-Therapie zu, welche die Aufmerksamkeit verstärkt und vom Patienten verlangt, dass sie/er sich auf Details wie die Atemfrequenz konzentriert. Das hält diese oberste Ebene super-aufmerksam, wenngleich sie ruhig liegen sollte. In diesen Therapie-Modellen gibt es keinen Weg in die Tiefe, weil jede Bewegung in der Therapie gegen das Fühlen gerichtet ist. Sie können nicht tiefer gehen, weil sie selbst in einer Art Abreaktion eingeschlossen sind. Es gibt keinen größeren umfassenden Bezugsrahmen, der sie führen könnte. Sie sind von Gefühlen so abgetrennt wie der Patient, der abreagiert.

 

Diese kognitiven Theorien basieren auf einem grundlegenden Misstrauen gegen Gefühle zugunsten des Intellekts; das Gegenteil dessen, was man braucht, um Heilung durch Fühlen zu bewirken. Wenn ein Arzt seine Therapie als kognitiv definiert, hat er schon verloren. Es bedeutet, dass er sich mit dem halben Gehirn befasst und dabei die anderen Teile vernachlässsigt; vor allem die fühlenden Bestandteile; diese Teile heilen. Fühlen ist Heilen. Kein Fühlen, kein Heilen.

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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